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Geothermie ohne Wasser

Geschlossener Kreislauf nutzt Erdwärme aus trockenem Gestein

Unter unseren Füßen liegt eine Energiequelle, die noch für Millionen Jahre riesige Mengen an Energie produziert. Nur nutzen lässt sich das noch nicht wirklich. Das hofft ein kanadisches Startup zu ändern. Ob die Technologie billig genug werden wird, ist aber noch unklar.

Erdwärme zu nutzen ist naheliegend, aber wird kaum gemacht: Im Jahr 2019 gab es weltweit Geothermieanlagen mit einer Kapazität von knapp 16 Gigawatt. Das entspricht weniger als 2,5 Prozent der Solaranlagen. Geothermie wird daher auch als die „vergessene, erneuerbare Energie“ bezeichnet. Das Problem ist, dass die Erdwärme in Form von heißem Wasser gefördert wird. Wo eh heißes Wasser durch das Gestein nach oben drückt, kann man dieses abpumpen und dann zur Stromerzeugung oder in Fernwärmenetzen nutzen. Das wird etwa in Island, Japan und Kalifornien gemacht. Andernorts muss man erst Wasser mit hohem Druck ins Gestein pressen, um es dann wieder abpumpen zu können. Diese Fracking-ähnliche Methode kann allerdings Erdbeben auslösen wie etwa im Jahr 2006 in Basel, wo das Projekt deswegen abgebrochen wurde.

Island. Hier ist es nicht schwierig zu wissen, ob genug heißes Wasser vorhanden ist. In Geretsried ist das anders. (Foto: Hans / pixabay)

Lösen ließe sich das Wasserproblem allerdings mit einem geschlossenen Kreislauf und genau das macht das kanadische Startup Eavor mit seinem Eavor Loop. Hier werden in geringem Abstand erst zwei senkrechte und drei bis vier Kilometer tiefe Löcher gebohrt. Anschließend werden vom ersten Bohrloch mehrere waagrechte Löcher ins Gestein getrieben, die nach mehreren Kilometern umdrehen und zum zweiten Bohrloch zurückkehren (siehe Grafik). So entsteht ein geschlossener Kreislauf: Durch das erste Bohrloch fließt eine kalte Flüssigkeit nach unten und dann durch das zweite Bohrloch fließt heiße Flüssigkeit nach oben. Der Clou dabei ist, dass das Ganze ohne Pumpen auskommt. Weil kaltes Wasser schwerer ist als heißes, drückt das kalte Wasser das heiße Wasser nach oben. Ein Eavor Loop ist daher eine „Thermosiphonanlage“.

Fast ein Perpetuum Mobile. Das kalte Wasser drückt das heisse Wasser nach oben. (Grafik Eavor)

Gegenüber den herkömmlichen Erneuerbaren wie Sonne und Wind hat der Eavor-Ansatz einen entscheidenden Vorteil: Indem der Druck im Loop erhöht oder gesenkt wird, lässt sich regulieren, wie viel Strom gerade produziert wird unabhängig von externen Faktoren – und das 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr. Michael Liebreich der Chef des Eavor-Beraterstabs und Gründer des Thinktanks Bloomberg New Energy Finance (Bnef) sagt daher über den Eavor Loop: „Es wäre verdammt nah am heiligen Gral, wenn es zu einem erschwinglichen Preis gemacht werden kann. Billiger, sauberer, lastabhängiger Strom ist das fehlende Glied in vielen Märkten“, sagte Liebreich gegenüber der Branchenpublikation Recharge. [1] Die Technik „hat das Potenzial, die Welt zu verändern“. Entscheidend sind folglich die Kosten und anfangs der Preis, den Eavor für die erzeugte Energie bekommt.

Bohrlochoptimierung. Statt zwei Bohrlöcher in grossem Abstand zu bohren, lässt sich das Design auch “zusammenfalten”. (Grafik: Eavor)

Das erste kommerzielle Projekt mit zehn Megawatt wird daher voraussichtlich in Deutschland realisiert, in Geretsried in der Nähe von München. [2] Dieser Standort hat zwei wesentliche Vorteile: Zum einen gibt es schon ein Loch. Im Jahr 2013 hat dort die Firma Enex 6000 Meter tief gebohrt. Die gemessenen Temperaturen waren mit 165 Grad Celsius höher als erwartet, aber es mangelte an Wasser: Statt der geplanten 100 bis 150 Liter lieferte die Bohrung weniger als 10 Liter pro Sekunde. [3] Damit war das Projekt unrentabel. Zum anderen zahlt Deutschland eine großzügige Einspeisevergütung für Geothermiestrom. Falls es gelingt das Projekt nächstes Jahr fertigzustellen, bekommen Enex und Eavor 227 Euro pro Megawattstunde – sechsmal mehr als an der Strombörse. [2]

Mittelfristig müssen die Kosten folglich auf das Börsenniveau sinken. Das hängt insbesondere von den Bohrkosten ab. Diese sind in den letzten Jahren wegen des Frackingbooms in den USA stark gesunken. „Das horizontale Bohren gibt es schon seit Jahren, aber noch vor fünf oder zehn Jahren hätte das nicht geholfen. Das Bohren wurde seither so viel billiger“ sagt Eavor-Chef John Redfern. [1] Dass sich das Know How aus der Öl- und Gasindustrie auch bei Eavor nutzen lässt, ist jetzt auch zwei Branchengrößen aufgefallen. BP und Chevron haben sich diese Woche an einer Kapitalerhöhung von Eavor über 40 Millionen Dollar beteiligt. Aus Sicht von Redfern geht es dabei nicht nur um Geld: „Wir wollen, dass die BPs und Chevrons dieser Welt mitmachen und tun, was sie am besten können: große Projekte umsetzen.“ [4] Außerdem hätten diese „große Datenbanken, die zeigen wie die Welt unterhalb der Oberfläche aussieht“. Liebreich hält es für „glaubwürdig“, dass die Kosten so bis zum Ende des Jahrzehnts auf 50 Dollar pro Megawattstunde gedrückt werden können, aber sagt auch: „Es gibt noch viel Zeug, das schief gehen kann.“ [1] mic

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[1] Recharge, 27.10.2020: Unlimited, on-demand renewable energy anywhere in the world — is Eavor-Loop climate change’s holy grail?

[2] Eavor, 01.05.2020: Eavor Announces a Commercial Eavor-Loop Project to be built in Geretsried, Germany

[3] ITG, undatiert: Geretsried

[4] Recharge, 16.02.2021: Oil giants BP and Chevron become part-owners of ‘world-changing’ deep-geothermal innovator Eavor

IEA sieht Indien vor Solarrevolution

Subkontinent wird zum größten Markt für Solarpaneele und Batterien

Indien bekommt bei weitem nicht so viel Aufmerksamkeit wie China, dabei ist es für den Kampf gegen die Klimakrise vielleicht sogar noch wichtiger. In keinem Land steigt der Energiebedarf stärker als in Indien und die indische Regierung hat es in der Hand, ob das auch für die Emissionen gilt.

Indien hat den dreckigsten Strom der Welt: Pro Kilowattstunde werden gut 700 Gramm CO2 freigesetzt (Deutschland: 485 Gramm). [1 s. S. 54] Das Land produziert 70 Prozent seines Strombedarfs in Kohlemeilern und weniger als vier Prozent mit Solarpaneelen. Doch das ändert sich gerade wie die Internationale Energieagentur IEA in einem neuen Bericht zeigt. Noch sind einige Kohlekraftwerke im Bau, doch das werden wohl die letzten sein. Umgekehrt nimmt der Zubau an Solarkraftwerken massiv zu. Die IEA schreibt daher: „Der indische Stromsektor steht an der Schwelle zu einer Solarrevolution.“ [1] IEA Chef Fatih Birol sagt: Im Oktober „haben wir gesagt, dass Solarkraft zum König des Strommarkts wird und unser Indien-Bericht macht klar, dass Indien der Königsmacher für Solarenergie ist“. [2]

Brennholz. Wenn die Luftverschmutzung in Indiens Städten sinken soll, müssen die Menschen von Holz auf Gas zum Kochen umstellen. (Foto: Curt Carnemark / World Bank / flickr)

Der Grund sind die Kosten. Schon heute ist Strom aus einer neuen Solaranlage billiger als aus einem neuen Kohlekraftwerk. In zehn Jahren gilt das auch für bestehende Kohlemeiler. Das heißt es ist billiger einen altes Kohlekraftwerk abzureißen und ein Solarkraftwerk zu bauen, als den Kohlemeiler weiter zu betreiben. Hinzu kommen die rapide fallenden Kosten für Batterien. Diese sind für Indien besonders wichtig. Solaranlagen produzieren zur Mittagszeit am meisten Strom. Der größte Strombedarf ist in Indien aber in den frühen Abendstunden, wenn die Menschen nach Hause kommen und die Klimaanlage anschalten. Dieses Angebots-Nachfrage-Ungleichgewicht von wenigen Stunden lässt sich ideal mit Batterien überbrücken. Die IEA erwartet daher, dass Indien mehr Batteriespeicher haben wird als jedes andere Land.

Lernkurve. Die Stromgestehungskosten (LCOE) mit Batteriespeicherung gehen in den nächsten zehn Jahren massiv zurück. (Grafik: IEA)

Damit wird Indien zum größten Markt für Grünstromtechnologien. Jeder siebte Dollar, der weltweit für Solar- und Windkraftanlagen sowie Batterien ausgegeben wird, wird im Jahr 2040 in Indien investiert, schätzt die IEA. Derzeit ist es noch nicht mal jeder zwanzigste Dollar. [1] Mit ein Grund ist der Ausbau der indischen Stromerzeugungskapazität. In keinem Land der Welt steigt der Energiebedarf so stark wie in Indien. In den letzten Jahren haben dort hunderte Millionen Menschen erstmals Zugang zu Elektrizität bekommen, aber noch liegt der Pro-Kopf-Energieverbrauch deutlich unter dem globalen Durchschnitt. Der massive Ausbau der Erneuerbaren führt denn auch nicht zu einem nennenswerten Rückgang der Kohleverstromung, sondern deckt nur die wachsende Nachfrage ab. Daher bleiben die Emissionen des Stromsektors quasi gleich.

Decision point. Wenn sich Indien nicht für das “nachhaltige” Szenario (SDS, gestrichelte Linie) entscheidet, dann steigen die Emissionen deutlich an. (Grafik: IEA)

Gekoppelt mit einer deutlich steigenden Nachfrage nach Öl erwartet die IEA daher, dass Indiens Emissionen bis 2040 um die Hälfte steigen. Das ist der größte Anstieg weltweit. Das ließe sich allerdings verhindern. Die IEA hat auch ein „nachhaltiges“ Szenario für Indien durchgerechnet. In diesem spielt Energieeffizienz eine größere Rolle und die Investitionen in Erneuerbare wären in den nächsten 20 Jahren um 70 Prozent respektive 1,4 Billionen Dollar höher. Dem stehen allerdings Einsparungen allein bei den Ölimporten „in der gleichen Größenordnung“ gegenüber. [1 s. S. 16] Wie sich Indien entwickeln werde, hänge von der Politik ab: „Indiens Energieschicksal wird von der Regierung geprägt“, denn dieses „hänge von Gebäuden und Fabriken ab, die noch gebaut werden müssen, und von Geräten und Fahrzeugen, die noch gekauft werden müssen“. [dito] Indien sei daher „in einer einzigartigen Position, den Weg für ein neues Wachstumsmodell zu bahnen“. [dito] Jetzt muss Delhi diese nur noch nutzen. mic

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[1] IEA, Februar 2021: India Energy Outlook 2021

[2] Fatih Birol, 10.02.2021: India can chart a course toward a clean and secure energy future

Auf Okonjo-Iweala wartet eine fast unmögliche Aufgabe

Die WTO ist gelähmt und Besserung ist nicht in Sicht

Die Welthandelsorganisation WTO gilt als wichtiger Pfeiler der multilateralen Ordnung. Doch derzeit kann sie ihre Aufgaben nicht erfüllen. Ob sich das ändert, entscheidet sich allerdings nicht am WTO Sitz in Genf sondern im Dreieck Washington-Peking-Brüssel.

Ngozi Okonjo-Iweala übernimmt die Leitung der Welthandelsorganisation WTO am Tiefpunkt ihrer 26-jährigen Geschichte. Sie selbst schrieb Mitte letzten Jahres: „Viele halten die WTO für einen ineffektiven Wächter eines veralteten Regelwerks, das für die Herausforderungen der globalen Wirtschaft des 21. Jahrhunderts ungeeignet ist.“ [1] Damit nennt sie die beiden Kernaufgaben der WTO: Die Durchsetzung der Handelsregeln mit Hilfe des WTO-Schiedsgericht und die kontinuierliche Aktualisierung dieser Regeln in multinationalen Verhandlungen. Bei beiden Aufgaben ist die WTO derzeit quasi gelähmt: Die Berufungsinstanz hat nicht genügend Richter und Verhandlungen über die wichtigen Handelsthemen im Internetzeitalter finden auch nicht statt. De facto ist die WTO derzeit ein glorifiziertes Amt für Handelsstatistiken.

Davos Woman. Okonjo-Iweala ist schon lange auf dem internationalen Parkett unterwegs etwa im Jahr 2010 als Managing Director der Weltbank. (Foto: Okonjo-Iweala / WEF / Wikimedia)

Ihre erste Priorität sei, „die Vision wiederherzustellen, dass die WTO eine Entwicklungsorganisation“ ist, sagte Okonjo-Iweala im September. [2] In einem ersten Schritt will sie dazu die Verhandlungen über ein Verbot von Subventionen für illegalen Fischfang abschließen. Damit ließe sich zeigen: „Die WTO ist zurück.“ Kurzfristig bleibt ihr allerdings auch gar nichts anderes übrig, als auf einen Erfolg bei den Fischereisubventionen zu setzen, denn andere Verhandlungen im multilateralen Rahmen finden derzeit nicht statt. Die Verhandlungen der 2001 begonnen „Doha-Runde“ liegen seit mehr als zwölf Jahren auf Eis. Einzig beim Bürokratieabbau konnten die Länder einen Fortschritt erzielen: Im Jahr 2013 wurde ein Abkommen über Handelserleichterungen (TFA) verabschiedet, das seit 2017 in Kraft ist. Und so bleiben nur noch die Fischereisubventionen.

Wie es mit der Doha-Runde weitergehen soll, ist unklar. Okonjo-Iweala schreibt: „Die WTO-Mitglieder diskutieren immer noch darüber, ob der Doha-Prozess fortgeführt werden soll. Einige meinen, er sei von den Ereignissen überholt worden, während andere die Verhandlungen weiterführen wollen.“ [1] Ob in dieser Situation ein Abkommen über Fischereisubventionen reicht, um die Begeisterung für ein multilaterales Handelsabkommen wieder anzufachen, ist zweifelhaft. Denn zu viele fundamentale Fragen sind ungeklärt: Ist China ein Entwicklungsland? Und wenn ja, was folgt daraus? Können Entwicklungsländer diesen Status überhaupt jemals überwinden? Und wie fügen sich Länder mit einem gelenkten Wirtschaftssystem mit vielen Staatsbetrieben wie China in die Handelsordnung ein? Erst wenn bei all diesen Fragen zumindest in Grundzügen ein Konsens unter den großen Akteuren besteht, ist der Abschluss einer breit angelegten Handelsrunde wie Doha realistisch.

Auch die Wiederbelebung des WTO-Schiedsgerichts wird sich nicht kurzfristig erreichen lassen. Schon unter dem damaligen US-Präsidenten Barack Obama beklagten die USA, dass das Gericht seine Kompetenzen überschreitet. Weil viele Handelsstreitigkeiten in den WTO-Regeln aus dem Jahr 1994 nicht antizipiert wurden, wendet das Gericht die Regeln oft sinngemäß an. Erforderlich wäre folglich eine Modernisierung dieser Regeln. Obwohl US-Präsident Donald Trump die Berufungsinstanz 2019 lahmlegte, indem er sich weigerte neue Richter zu bestätigen, kamen aber nie echte Verhandlungen in Gang. Daran wird auch die Amtsübernahme durch Joe Biden kurzfristig nichts ändern. Dieser hat sich im Wahlkampf stets bedeckt gehalten, wenn es um Fragen der zukünftigen Handelspolitik geht. In seinem Wahlprogramm steht nur: „Es gibt kein Zurück zum früheren Zustand beim Handel.“ [3]

Damit hat Okonjo-Iweala nur einen einzigen Verbündeten mit Gewicht bei ihrer Aufgabe, die WTO zu reaktivieren: die EU. Diese hat im Dezember eine „Neue EU-US Agenda für globalen Wandel“ vorgeschlagen – eine elfseitige Einladung an Joe Biden zur Zusammenarbeit auf globaler Ebene. [4] Darin wird die WTO achtmal genannt. Damit aus den EU-Vorschlägen konkrete Politik wird, muss sich Brüssel nun geschickt positionieren. Sowohl für Washington als auch für Peking ist die US-China Rivalität die entscheidende strategische Herausforderung der kommenden Jahrzehnte. Dabei werden die USA versuchen, mit der EU eine geschlossene Front zu bilden und China wird versuchen, genau das zu verhindern. In dieser Konstellation kann die EU im Idealfall beiden Seiten Bedingungen stellen. Und eine dieser Bedingungen sollte das Festhalten an einer regelbasierten Handelsordnung sein. Dann wäre Okonjo-Iwealas Aufgabe vielleicht doch nicht unmöglich. mic

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[1] Ngozi Okonjo-Iweala, 22.06.2020: Reviving the WTO

[2] Brookings, 21.09.2020: Ngozi Okonjo-Iweala’s vision for the WTO (Podcast)

[3] joebiden.com, Stand 12.02.2021: The Power of America’s Example: The Biden Plan for Leading the Democratic World to Meet the Challenges of the 21st Century

[4] EU-Kommission, 02.12.2020: A new EU-US agenda for global change (PDF)

 

 

Wird Bolsonaro wegen Ökozids verurteilt?

Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag könnte eine Untersuchung einleiten

Dass die Brandrodungen im Amazonas unter Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro zugenommen haben, ist bekannt. Aber ist das ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit? Genau das wird Bolsonaro vorgeworfen.

Die Anführer von zwei indigenen Stämmen in Brasilien haben beim Internationalen Strafgerichtshof ICC in Den Haag eine Beschwerde gegen den Präsidenten ihres Landes, Jair Bolsonaro, eingereicht. Nun muss das Gericht entscheiden, ob eine formelle Untersuchung eingeleitet wird. Bolsonaro werden Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen. Er zerstöre systematisch den Amazonas Regenwald, sei verantwortlich für die Ermordung von Umweltaktivisten und Indigenen und unterminiere die Behörden für den Schutz der Umwelt und der Indigenen. „Die Situation ist das direkte Resultat der Politik von Jair Bolsonaro“, besagt die Beschwerdeschrift. [1] Dieser wolle „alle Barrieren gegen die Plünderung der Schätze des Amazonas aufheben“.

Zufall? Dass Bolsonaro keine Verantwortung für die Verschlechterung der Situation im Amazonas hat, ist eher unwahrscheinlich. (Foto: pixundfertig / pixabay)

Für die verschiedenen Vorwürfe lassen sich unschwer Indizien finden: Seit Bolsonaro im Jahr 2019 das Präsidentenamt übernommen hat, ist die Entwaldung um die Hälfte gestiegen und ist jetzt auf dem höchsten Niveau seit 2008. Die Verletzung von Schutzgebieten für Indigene ist vorletztes Jahr um 135 Prozent gestiegen und mindestens 18 Menschen wurden ermordet. Gleichzeitig sind die Strafen für Umweltverbrechen im Jahr 2019 um zwei Fünftel gefallen. [2] Außerdem wurde die Verantwortung für die indigenen Schutzgebiete auf das Landwirtschaftsministerium übertragen und das Umweltministerium erhält dieses Jahr weniger Geld als in den letzten 21 Jahren: In dieser Zeit lag das Budget nie unter 450 Millionen Euro, doch dieses Jahr beträgt es 260 Millionen. [3] „Es ist beängstigend zu sehen, dass es einen koordinierten Angriff gegen das Klima, den Wald und seine Menschen gibt“, sagte Marcio Astrini, der Chef der brasilianischen Umweltorganisation Observatório do Clima. [2]

Die Beschwerde gegen Bolsonaro wurde von dem wohl bekanntesten Menschenrechtsanwalt Frankreichs, William Bourdon, eingereicht. Dieser hofft einen Präzedenzfall schaffen zu können: Er will, dass der ICC Bolsonaro wegen „Ökozids“ schuldig spricht. Dieser Tatbestand ist im Rom-Statut, auf dem der ICC beruht, eigentlich nicht vorgesehen. Das Statut benennt vier „Verbrechen gegen den Frieden“: Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen und das „Verbrechen der Aggression“. Bei den Verhandlungen über das Rom-Statut stand Ökozid lange als fünftes Verbrechen gegen den Frieden im Verhandlungstext. Doch dann verschwand es „unter mysteriösen Umständen“ aus dem Text, wie ein Bericht der britischen Organisation Human Rights Consortium schreibt. [4] Schwere Umweltverbrechen werden jetzt nur noch im Rahmen von Kriegsverbrechen nicht aber von Verbrechen gegen die Menschlichkeit erwähnt.

Die Schwelle für Bourdon liegt daher hoch, wenn er sagt: „Ökozid dieser Intensität muss als Verbrechen gegen die Menschlichkeit gewertet werden.“ [5] Ganz unmöglich ist es aber nicht, dass Bourdon Erfolg hat. Der ICC hat im Jahr 2016 anerkannt, dass er Verbrechen gegen die Menschlichkeit in einem weiteren Kontext sehen muss: Die Anklagebehörde des ICC „wird der Verfolgung von Straftaten nach dem Rom-Statut besondere Aufmerksamkeit widmen, die durch die Zerstörung der Umwelt begangen werden oder dazu führen.” [6] Daher ist nicht ausgeschlossen, dass das ICC jetzt diesem Vorsatz nachkommt und tatsächlich einen Präzedenzfall schafft. Wann das entschieden wird, ist allerdings unklar. Der ICC kann sich mit seiner Entscheidung, ob er eine formelle Untersuchung der Vorwürfe beginnt, beliebig lange Zeit lassen. mic

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[1] SBS, 24.01.2021: Brazil Indigenous leaders sue Jair Bolsonaro for ‘crimes against humanity’

[2] Guardian, 23.01.2021: Jair Bolsonaro could face charges in The Hague over Amazon rainforest

[3] Observatório do Clima, 22.01.2021: Brazil has lowest environmental budget in 21 years

[4] Human Rights Consortium, 2012: Ecocide is the missing 5th Crime Against Peace (PDF)

[5] HuffPost, 23.01.2021: Brazil’s Indigenous Leaders Sue President Jair Bolsonaro For Crimes Against Humanity

[6] Guardian, 15.09.2016: ICC widens remit to include environmental destruction cases

Das Recht auf Zukunft

Ich habe einen Artikel über Katta O’Donnell und ihre Klage gegen die australische Regierung sowie über Klimaklagen allgemein geschrieben. Der Artikel findet sich auf der Seite des EWS Energiewende-Magazins. mic

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Bidens Klimablitz

Das Klimadekret war umfassender als erwartet

Mit seinem ersten Klimadekret hat US-Präsident Joe Biden viele überrascht. Wie es nun weitergehen soll, ist aber unklar: Ein ehrgeiziges Emissionsziel für das Jahr 2030 lässt sich nicht allein per Dekret erreichen. Vielleicht hilft aber ein Notstand.

Mit dem Klimadekret, das US-Präsident Joe Biden letzte Woche unterzeichnet hat, hat er die Erwartungen von Freund und Feind übertroffen. [1] Das war Absicht: „Jetzt ist nicht die Zeit für kleine Schritte. Wir müssen mutig sein“, sagte er bei der Zeremonie im Weißen Haus. Der Klimaaktivist Bill McKibben lobte das 21-seitige Klimadekret: „Das Trommelfeuer an Maßnahmen erweckt ein Gefühl von Schock und Ehrfurcht und das ist der Zweck: Zusammen senden sie ein entschiedenes Signal, dass eine Epoche zu Ende geht und eine neue beginnt“ so McKibben. „Das könnte das offizielle Ende der Ära der fossilen Energien markieren.“ Diese Botschaft scheint angekommen zu sein. Der Chef der Ölbohrfirma Canary Drilling Services, Dan Eberhart, sagte gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg: „Die Industrie ist entgeistert. Die Maßnahmen sind direkter, härter und schneller, als das, was die Leute erwartet haben.“ [3]

Arbeitsweg. Auch in Washington liegt Schnee. (Foto: Unbekannt / Twitter @potus)

Doch was steht im „Dekret zur Bewältigung der Klimakrise im In- und Ausland“? Zuerst werden darin die Grundlagen für eine erfolgreiche Klimapolitik gelegt:

  • Wissenschaftliche Integrität: Das Dekret verpflichtet alle Bundesbehörden „evidenzbasierte Entscheidungen zu treffen, die sich an den besten wissenschaftlichen Erkenntnissen orientieren“. Außerdem wird ein wissenschaftliches Beratergremium im Weißen Haus wiederbelebt, das Bidens Vorgänger Donald Trump abgeschafft hatte.
  • Ganzstaatlicher Ansatz: Mit dem Dekret schafft Biden verschiedene Gremien, die sicherstellen sollen, dass alle Ministerien und Behörden die Klimakrise bei all‘ ihren Entscheidungen stets mitberücksichtigen. Gesteuert werden diese Gremien letztlich direkt aus dem Weißen Haus. Damit ist klar: Der Kampf gegen die Klimakrise ist Chefsache.

Aus europäischer Sicht sind dann insbesondere die außenpolitischen Maßnahmen von Interesse:

  • Abkommen: An seinem ersten Tag im Amt ist Biden bereits dem Pariser Klimaabkommen wieder beigetreten. Nun hat er zusätzlich angekündigt, das Kigali Amendment des Montreal Protokolls zum Schutz der Ozonschicht ratifizieren zu wollen. Mit diesem Zusatz werden einige Super-Treibhausgase abgeschafft, die Fluorkohlenwasserstoffe (FKWs). Diese haben eine bis zu 23.000-mal stärkere Treibhauswirkung als CO2.
  • Außenpolitik: Der Kampf gegen die Klimakrise ist neu ein zentrales Element der US-Außen- und Sicherheitspolitik. Bidens Klima-Sondergesandter John Kerry hat nicht nur Kabinettsrang, sondern erhält auch einen Sitz im US-Sicherheitsrat. Außerdem organisiert Biden am 22. April, dem Tag der Erde, einen Klimagipfel.

In der Energiepolitik versucht Biden erneuerbare Energien zu fördern und fossile zurückzudrängen:

  • Fossile Energien: Am ersten Amtstag hat Biden bereits die Genehmigung für die Keystone XL Pipeline widerrufen, mit der Öl aus kanadischen Teersanden zu US-Raffinerien hätte gepumpt werden sollen. Außerdem hat er die Suche nach Öl und Gas in der Arktis gestoppt. Nun hat Biden zusätzlich ein Moratorium für die Vergabe von Förderlizenzen für Öl und Gas auf Bundesland verhängt.
  • Erneuerbare: Das Innenministerium wird angewiesen die Produktion von Offshore-Wind bis zum Jahr 2030 zu verdoppeln und den Bau von Wind- und Solarkraftwerken auf Bundesland zu erleichtern.

In die gleiche Richtung gehen die Maßnahmen zur Umlenkung der Finanzströme:

  • Subventionen für Fossile: Alle Ministerien und Behörden werden angewiesen, Subventionen für fossile Energien zu identifizieren und wenn möglich abzuschaffen. Ab dem Haushaltsjahr 2022 sollen auch alle Subventionen im Bundeshaushalt wegfallen.
  • Finanzierung von fossilen Energien im Ausland: Das Finanzministerium soll die Exportförderung für fossile Technogien stoppen und sich dafür einsetzen, dass auch internationale Entwicklungsbanken diesen Schritt tun.

Dann will Biden das staatliche Beschaffungswesen zugunsten des Klimaschutzes nutzen:

  • Grünstrom: Das wohl ehrgeizigste Klimaziel Bidens ist ein emissionsfreies US-Stromnetz bis 2035. Um dieses zu erreichen sollen Behörden ab sofort möglichst nur noch erneuerbaren Strom beziehen.
  • Elektroautos: Außerdem sollen möglichst nur noch emissionsfreie Fahrzeuge angeschafft werden. Im Jahr 2019 besaß die US-Bundesregierung 645.000 Fahrzeuge.

Auch das Landmanagement soll an den Erfordernissen des Klimaschutzes ausgerichtet werden:

  • Schutzgebiete: Biden will bis zum Jahr 2030 dafür sorgen, dass 30 Prozent der US-Land- Wasserfläche unter Schutz stehen. Dieses Ziel soll dieses Jahr im Rahmen der UN- Biodiversitätskonvention auch global festgeschrieben werden.
  • Land- und Forstwirtschaft: Das Landwirtschaftsministerium wird angewiesen innert drei Monaten eine „Klimastrategie für die Land- und Forstwirtschaft“ zu entwickeln. Das Ziel ist mehr Kohlenstoff in Wäldern und Böden zu speichern.
  • Climate Corps: Außerdem wird ein bezahlter Freiwilligendienst geschaffen, das Civilian Climate Corps. Ähnlich wie beim (unbezahlten) freiwilligen, sozialen Jahr sollen hier Jugendliche die Möglichkeit erhalten, aktiv beim Schutz der Umwelt und des Klimas mitzuhelfen. Eine ähnliche Initiative gab es bereits in den 30’er Jahren des letzten Jahrhunderts im Rahmen des New Deal Programms. Damals wurden 3,5 Milliarden Bäume gepflanzt. [8]

Ein wichtiges Thema ist zudem die Klimagerechtigkeit:

  • Jobs, Jobs, Jobs: Biden verbindet systematisch Klimaschutz und die Schaffung von Arbeitsplätzen. „Wenn ich an den Klimawandel denke, dann denke ich ‚Jobs‘“, sagte er bei der Unterzeichnung des Dekrets. [4] Aber auch Gegenden, wo die Arbeitsplätze bislang noch an der Nutzung fossiler Energien hängen, sollen nicht vergessen gehen. Dazu soll innert zwei Monaten ein Plan zu deren Revitalisierung erarbeitet werden. Bidens Klimazarin Gina McCarthy sagte dazu: “Wir werden sicherstellen, dass niemand zurückgelassen wird.“ [1]
  • Rassismus: Afroamerikaner und andere benachteiligte Gruppen sind überdurchschnittlich stark von Umweltverschmutzung betroffen. Daher wird nun im Weißen Haus ein Rat für Umweltgerechtigkeit geschaffen. Außerdem soll mir der „Justice40 Initiative“ sichergestellt werden, dass 40 Prozent der Bundesinvestitionen benachteiligten Gruppen zugutekommen.

Wann Biden weitere Maßnahmen bekannt geben wird, ist derzeit nicht bekannt. Auffallend ist, dass im Klimadekret keine größeren Investitionen in die US-Infrastruktur enthalten sind. Diese könnten allerdings in einem „Infrastrukturdekret“ nachgereicht werden. Noch wichtiger ist allerdings das Emissionsziel für das Jahr 2030. Im Rahmen des Paris Abkommens sind die USA nun wieder dazu verpflichtet, ein solches Klimaziel zu definieren. Das soll möglichst noch vor dem Klimagipfel am 22. April geschehen. Das alte Klimaziel von Bidens Vor-Vorgänger Barack Obama war eine Reduktion der US-Emissionen um 26 bis 28 Prozent bis 2025 im Vergleich zu 2005.

Im Wahlkampf hat sich Biden nicht auf ein Ziel für 2030 festgelegt und auch seither nicht gesagt, wie hoch dieses sein sollte. Viele Beobachter gehen allerdings davon aus, dass das Ziel bei minus 45 bis 50 Prozent im Vergleich zu 2005 liegen wird. [5] Gemäß Climate Action Tracker reicht das allerdings nicht: Minus 52 Prozent wären erforderlich um die Erwärmung auf zwei Grad zu begrenzen und sogar minus 75 Prozent für 1,5 Grad. [6] Aktuell liegen die US-Emissionen rund 20 Prozent unter dem Niveau von 2005. Für welches Ziel sich Biden schließlich entscheiden wir, dürfte nicht zuletzt davon abhängen, wieviel Spielraum er im archaischen US-System zu haben glaubt. Für ein echtes Klimagesetz bräuchte er die Zustimmung von mindestens zehn republikanischen Senatoren. Ob das erreichbar ist, erscheint zumindest fraglich. Der demokratische Mehrheitsführer im Senat, Chuck Schumer, hat daher vorgeschlagen, Biden solle einen „Klimanotstand“ erklären. Dann könne Biden „viele, viele Dinge tun“ und das „ohne neue Gesetze“. [7] Sollte Biden sich gezwungen sehen, zu diesem Mittel zu greifen, wäre allerdings zweierlei klar: Es besteht nicht nur ein Notstand beim Klima sondern auch im US-Politiksystem. mic

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[1] White House, 27.01.2021: Executive Order on Tackling the Climate Crisis at Home and Abroad

[2] Bill McKibben, 28.01.2021: The Biden Administration’s Landmark Day in the Fight for the Climate

[3] Bloomberg, 28.01.2021: Biden’s Early Climate Blitz Goes Faster, Further Than Expected

[4] White House, 27.01.2021: Remarks by President Biden Before Signing Executive Actions on Tackling Climate Change, Creating Jobs, and Restoring Scientific Integrity

[5] WRI, undatiert: Top 10 Priorities for President Biden to Tackle the Climate Crisis

[6] CAT, Stand 03.02.2021: Country summary USA

[7] axios, 26.01.2021: Schumer suggests Biden could use emergency powers for climate policy

[8] FastCompany, 28.01.2021: How Biden’s new Civilian Climate Corps would work

 

Klimapolitik wird zu Geopolitik

Wettbewerb zwischen den Großmächten beim Klima stärkt Rolle der EU

Die EU hat in der Klimapolitik einen Vorsprung gegenüber den USA und China. Indem das Klima weltpolitisch wichtiger wird, stärkt das die Position der EU. Doch mit mehr Macht kommt auch mehr Verantwortung.

Noch vor einem Jahr war Klimapolitik etwas für Fachpolitiker mit einem Faible für Abkürzungen wie „LuluCF“. Doch das hat sich geändert: Jetzt geht es bei Klimapolitik um Macht. Letzte Woche schrieb der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell: „Europa muss eine globale Klimamacht werden.“ [1] Der Grund für die Aufwertung der Klimapolitik ist die veränderte Wahrnehmung des Klimaproblems. Während früher Klimaschutz als Kostenfaktor galt, gilt er heute als entscheidend für die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit. Das machte letzte Woche die Chefin der EU-Kommission Ursula von der Leyen klar. Nachdem sie die die Rückkehr der USA ins Pariser Klimaabkommen begrüßt hatte, sagte sie: “Für Europa ist das ein weiterer Grund die Anstrengungen zu beschleunigen, um den “First Mover Advantage” (Vorsprung) zu behalten. Ich mag Wettbewerb.“ [2]

Von der Leyens Selbstbewusstsein zeigt, dass aus ihrer Sicht die EU gute Karten hat für diese neue Phase der internationalen Klimapolitik. Früher hingen Fortschritte beim Kampf gegen die Klimakrise von der weltpolitischen Großwetterlage ab. So kam das Paris Abkommen zustande, weil die beiden mächtigsten Akteure, die USA und China, zuvor eine bilaterale Verständigung gefunden hatten. Doch in der neuen Phase ist es genau umgekehrt: Gute Klimapolitik verleiht einem Land nun Macht. China hat das erkannt und daher im Oktober, kurz nach dem virtuellen EU-China Gipfel, angekündigt bis zum Jahr 2060 CO2-neutral wirtschaften zu wollen. Gleichzeitig hat China damit die Rolle der EU aufgewertet. Olivia Lazard vom Thinktank Carnegie Europe schrieb damals: „Das ist eine geopolitische Chance mit sofortigen Vorteilen, serviert auf einem Silbertablett.“ [3]

Doch wo liegen diese Vorteile und wie kann sich Europa diese sichern? Um diese Frage zu beantworten, muss man die verschiedenen Dimensionen von Klimapolitik in dieser neuen, geopolitischen Phase betrachten:

  • Investitionen: Europa investiert mehr in die Transition des Energiesystems als China und die USA, wie Zahlen des Thinktanks BloombergNEF zeigen: Europa kam letztes Jahr auf 166 Milliarden Dollar, China auf 135 Milliarden und die USA auf 85 Milliarden. [4] Eingeschlossen sind hier nicht nur Investitionen in Erneuerbare sondern auch solche in Elektroautos etc. Hier dürfte der Wettbewerb allerding härter werden: Der neue US-Präsident Joe Biden will in den nächsten vier Jahren zwei Billionen Dollar in Klimainfrastruktur investieren.
  • Technologien: Die EU meldet deutlich mehr „grüne Patente“ an als die USA, Japan oder China. [5] Das gilt insbesondere für Technologien, die sowohl grün als auch digital sind wie die Europäische Investitionsbank EIB herausgefunden hat (siehe Grafik).

Wer hat’s erfunden? China holt auf aber langsam. (Grafik: EIB)

  • Finanzströme: Damit die Emissionen weltweit schnell sinken, müssen riesige Finanzströme umgeleitet werden. Auch hier ist die EU gut positioniert. Mit der EIB hat sie die weltgrößte Entwicklungsbank. Mehr als die Hälfte aller grünen Anleihen weltweit wurden in Europa begeben, wie Zahlen der Climate Bonds Initiative zeigen. [6] Und Europas Geschäftsbanken und Versicherungen sind ihren Konkurrenten voraus, indem sie ihre Portfolios schneller von fossilen Altlasten bereinigen.
  • Standards: Internationale Konzerne halten sich oft weltweit an den striktesten Standard, der irgendwo auf der Welt gilt und das ist meist die entsprechende EU-Vorschrift. Die Möglichkeit unilateral globale Standards zu setzen ist auch als „Brüssel Effekt“ bekannt. Die EU nutzt diesen Effekt aktiv, nicht zuletzt weil EU-Firmen dadurch einen Wettbewerbsvorteil erlangen.
  • Wasserstoff: Um Stahl und Zement emissionsfrei herzustellen und den Luftverkehr zu dekarbonisieren ist viel Wasserstoff als Energieträger erforderlich. Um diesen zu produzieren werden riesige Mengen an erneuerbarem Strom benötigt und die EU wird daher einen Teil des Wasserstoffs importieren müssen. Aus welchen Ländern diese Importe kommen und welche Firmen den Wasserstoff produzieren werden, ist aber noch offen.
  • Schwerindustrie: Auch hier hat das Rennen gerade erst begonnen: Wird „grüner Stahl“ künftig in Deutschland mit Wasserstoff aus Marokko hergestellt oder aus Australien importiert? Dort steht direkt neben den Eisenerzminen viel Platz für Solarkraftwerke zur Verfügung.
  • Rohstoffe: Metalle aus der Gruppe der „seltenen Erden“ sind für Batterien sowie Solar- und Windkraftanlagen wichtig. China kontrolliert hier einen Großteil der Weltproduktion. Diese Abhängigkeit ist in Brüssel bekannt, und die EU verfolgt daher systematisch die Versorgung mit 30 „kritischen Rohstoffen“. [7]
  • Drittstaaten: Schließen sich Entwicklungsländer in Asien und Afrika Chinas „Belt and Road“ Infrastrukturinitiative (BRI) an oder arbeiten sie mit Firmen in Europa zusammen? China mag hier einen Vorteil haben, aber die EU und die USA haben diese strategische Herausforderung mittlerweile erkannt. Außerdem sind die EU und ihre Mitglieder die größten Geber von Entwicklungshilfe.
  • Weltordnung: Werden wichtige Regeln etwa für den internationalen Handel mit CO2-Zertifikaten im Rahmen multilateraler Prozesse gesetzt oder gilt zunehmend das Recht des Stärkeren? Hier bekennt sich China bei jeder Gelegenheit wortreich zum Multilateralismus während die USA unter dem früheren Präsidenten Donald Trump abseits standen. Letzteres könnte sich unter Biden jetzt wieder ändern.

Kurz, Klimapolitik entscheidet von jetzt an, wer die entscheidenden Technologien entwickelt und Standards setzt, welche Finanzzentren wachsen und welche schrumpfen, wo das „Öl der Zukunft“ herkommt, wer am meisten Einfluss in Drittstaaten hat und wie es mit der multilateralen Weltordnung weitergeht. Bei all diesen Fragen ist die EU in einer relativ guten Position. Außerdem hat sie einen seit Jahren funktionierenden Emissionshandel, ein brandneues Klimaziel für 2030 und mit dem 750-Milliarden-Euro-Wiederaufbaufonds das „grünste Stimulusprogramm der Welt“ (EU-Klimakommissar Frans Timmermans). [8] Mittlerweile hat sie zudem niedrigere Pro-Kopf-Emissionen als die USA und China. Der von der Leyen’sche „First Mover Advantage“ existiert also tatsächlich.

Handelsströme. Diese Karte zeigt die Routen von Handelsschiffen an einem Tag im Jahr 2012 nach Schiffstyp: Container gelb, Schüttgut blau, Tanker rot, Gastanker grün und Autos lila. (Visualisierung: kiln / shipmap.org)

Eine wichtige Entscheidung ist allerdings noch ausstehend: die Ausgestaltung des CO2-Preises für Importe wie Stahl oder Chemikalien, bei deren Produktion besonders hohe Emissionen angefallen sind (Carbon Border Adjustment). Damit soll verhindert werden, dass die Herstellung dieser Produkte in Länder mit schwächeren Klimazielen abwandert. Außerdem lassen sich so die EU-Klimaziele „exportieren“: Wenn ein Drittstaat für seine Produkte die Bezahlung der Abgabe verhindern will, muss er nachweisen, dass bei ihm CO2-Emissionen ähnlich viel kosten wie im EU-Emissionshandel. Wie die Abgabe genau funktionieren wird, soll im Juni entschieden werden. Wichtig ist dabei, dass die Regeln der Welthandelsorganisation WTO nicht verletzt werden und die Abgabe nicht wie ein illegaler Zoll wirkt.

Damit steht die EU vor eine kniffligen, diplomatischen Herausforderung: Die USA wollen eine ähnliche Abgabe einführen und erste Gespräche über ein koordiniertes Vorgehen haben bereits begonnen. Die USA haben auf Bundesebene aber weder einen Emissionshandel noch eine CO2-Steuer. China hingegen hat seit diesem Jahr einen Emissionshandel für Kraftwerke, der auf andere Industrien ausgedehnt werden könnte. Strukturell sind die Systeme in der EU und in China also eher kompatibel. In dieser Gemengelage ist die Grenzabgabe Chance und Risiko zugleich. Die EU hat die Chance den Welthandel grüner zu machen, damit Stahl aus teurem Wasserstoff mit Stahl aus billiger Steinkohle konkurrieren kann. Gleichzeitig besteht das Risiko, dass Länder wie China das als Protektionismus werten und Gegenmaßnahmen ergreifen bis zum Handelskrieg. Noch ist nicht entschieden, ob der Wettbewerb zwischen den Großmächten beim Klima konstruktiv oder destruktiv wird. Mehr Macht heißt für die EU daher auch mehr Verantwortung. mic

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[1] Josep Borrell, Werner Hoyer, 22.01.2021: Europe Must Become a Global Climate Power

[2] EU, 20.01.2021: Statement by President von der Leyen at the joint press conference with President Sassoli and Prime Minister Costa on the EU’s political priorities under the Portuguese Presidency

[3] klimareporter.de, 04.11.2020: Der Klimawandel und Europas neue geopolitische Rolle

[4] Bnef, 19.01.2021: Energy Transition Investment Hit $500 Billion in 2020 – For First Time

[5] EIB, 21.01.2021: EIB Investment Report 2020/2021: European Union is leading the way in green technology investment

[6] Climate Bond Initiative, Stand 27.01.2021: Data platform

[7] EU, 03.09.2020: Critical Raw Materials Resilience: Charting a Path towards greater Security and Sustainability

[8]

Keystone XL wird zu Altmetall

Biden cancelt Baugenehmigung für Ölpipeline aus Kanada

Der jahrelange Kampf der Umweltbewegung gegen die Keystone XL Pipeline endet im Triumph: Der neue US-Präsident Joe Biden hat deren Bau am ersten Tag im Amt gestoppt. Fürs Klima ist das ein Gewinn und für die Bundesregierung vielleicht ein Problem.

Der neue US-Präsident Joe Biden ist am ersten Tag im Amt nicht nur dem Pariser Klimaabkommen beigetreten, sondern hat auch den Bau der Keystone XL Pipeline (KXL) per Dekret gestoppt. Damit erfüllte er zwei Versprechen aus dem Wahlkampf. [1] Durch die knapp 2000 Kilometer lange Pipeline sollte Öl aus der kanadischen Provinz Alberta nach Nebraska und von dort weiter nach Port Arthur am Golf von Mexiko gepumpt werden (siehe Karte). Geplant war eine Kapazität von 830.000 Fass (je 159 Liter) pro Tag. KXL war seit Jahren umstritten. Der frühere US-Präsident Barack Obama hat ihren Bau im Jahr 2015 wegen der Klimakrise abgelehnt. Sein Nachfolger Donald Trump gab dann aber 2017 die Genehmigung zum Bau, der daraufhin auch begann.

Ausgepumpt. Die XL Pipeline hätte der krönende Abschluss des Keystone Pipeline Systems werden sollen. (Karte: cmglee, Meclee, Flappiefh, Lokal_Profil et al. / Wikipedia)

Wegen der jahrelangen Auseinandersetzung um die Pipeline hat diese einen hohen symbolischen Wert sowohl für die Klimabewegung als auch für die Ölindustrie. Letztere argumentierte, dass durch die Pipeline Arbeitsplätze geschaffen würden. Diese Sicht unterstützten auch die meisten US-Gewerkschaften. Die Klimabewegung hingegen argumentierte, dass wegen der Pipeline die CO2-Emissionen steigen. Das hat zwei Gründe: Zum einen wird das kanadische Öl aus Teersanden gewonnen, bei deren Verarbeitung mehr Treibhausgasemissionen entstehen als bei konventionellem Öl. Zum anderen hat Alberta zwar die drittgrößten Ölreserven der Welt, aber Schwierigkeiten das Öl für den Export an eine Küste zu bringen.

Die US-Umweltbehörde EPA bestätigte im Jahr 2015 die Befürchtungen der Klimabewegung: „Der Bau der Pipeline wird die Wirtschaftlichkeit des Abbaus von Teersand verändern und zu einer höheren Produktion von Teersand führen.“ [2] Und dies hätte erhebliche Folgen für das Klima: „Über die 50-jährige Betriebsdauer der Pipeline könnte dies bedeuten, dass bis zu 1,37 Milliarden Tonnen Treibhausgase zusätzlich in die Atmosphäre gelangen.“ [3] Das sieht die kanadische Regierung bis heute allerdings anders. Kanadas Botschafterin in Washington Kirsten Hillman sagte am Sonntag: „Keystone XL passt in Kanadas Klimaplan. Außerdem trägt die Pipeline zur US-Energiesicherheit und Wettbewerbsfähigkeit bei.“ [4]

Mordor? Die Ölindustrie in Fort McMurray, Alberta, könnte auch als Filmkulisse dienen. (Foto: kris krüg / Flickr)

Während sich Kanadas Bundesregierung diplomatisch für die Pipeline einsetzt, ist die Provinz Alberta auch finanziell daran beteiligt. Die Provinzregierung unter Jason Kenney besitzt einen Anteil im Wert von 1,1 Milliarden Dollar an der KXL-Betreibergesellschaft. Kenney hofft nun, dass er einen Teil dieses Geldes aus dem Verkauf von Altmetall zurückbekommt: „Wenn das Projekt endet, dann könnten Vermögenswerte verkauft werden etwa riesige Mengen an Rohren. Das würde die Baukosten ausgleichen“, sagte Kenney am Montag. [5] Außerdem würden die Provinz Alberta und die Betreibergesellschaft TC Energy juristische Schritte prüfen. Bereits im Jahr 2016 hatte TC Energy gedroht, die USA unter dem nordamerikanischen Freihandelsabkommen auf 15 Milliarden Dollar Schadensersatz zu verklagen.

Der Stopp von KXL bringt aber nicht nur die kanadische Regierung in eine knifflige Situation sondern auch die Bundesregierung. Indem Biden am ersten Arbeitstag eine internationale Pipeline per Federstrich stoppt, wirkt die deutsch-russische Gaspipeline Nord Stream 2 noch anachronistischer. Ob Biden die Sanktionen seines Vorgängers Trump gegen dieses Projekt abschwächen, beibehalten oder gar verschärfen wird, ist allerdings noch nicht bekannt. Eines hat Biden mit dem KXL-Stopp dafür klargemacht: Zum Schutz des Klimas schreckt er auch vor umstrittenen Entscheidungen nicht zurück. mic

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[1] Politico, 18.05.2020: Biden White House would yank Keystone XL permit

[2] USNews, 03.02.2015: EPA: Keystone XL Will Impact Global Warming

[3] INHabitat, 04.02.2015: Keystone XL to emit 1.37 billion tons of greenhouse gases, EPA finds

[4] Politico, 17.01.2021: Biden to yank Keystone XL permit on first day of presidency

[5] Bloomberg, 19.01.2021: Keystone XL May Be Sold for Scrap If Biden Moves to Kill It

Allianz will Portfolio-Emissionen bis 2025 um ein Viertel senken

Der Versicherungskonzern richtet sein 800 Milliarden Euro Portfolio an 1,5 Grad Ziel aus

Die Wirtschaft nimmt das Paris Abkommen ernst. Das gilt nicht nur für Firmen aus der „Realwirtschaft“, sondern auch für wichtige institutionelle Anleger. Diese wollen die Emissionen, die in ihr Portfolio eingebettet sind, in den nächsten 30 Jahren auf Netto-Null bringen.

Artikel 2 des Paris Abkommens hat drei Elemente: Am bekanntesten ist das Ziel die Klimaerwärmung „deutlich unter zwei Grad“ zu stoppen und „Anstrengungen zu unternehmen“, dass das schon bei 1,5 Grad gelingt. Weniger bekannt sind die anderen beiden Elemente: Diese betreffen die Anpassung an den Klimawandel und die Finanzmärkte. Bei letzterem versprechen die Länder, die „Finanzströme in Einklang mit einem Pfad zu niedrigen Treibhausgasemissionen zu bringen“. Dass die Finanzmärkte es in den Alles entscheidenden Artikel des Abkommen geschafft haben, hat einen einfachen Grund: Ohne diese Umorientierung der Finanzströme lässt sich die Klimakrise nicht bewältigen.

Obwohl das Paris Abkommen nur für Länder bindend ist, halten sich auch viele Unternehmen und Finanzmarktakteure daran. Das gilt etwa für die „Net-Zero Asset Owner Alliance“ (AOA). Dabei handelt es sich um eine Koalition von Firmen, die sehr große Vermögen verwalten wie etwa Versicherungen. Aktuell hat die Koalition 33 Mitglieder, die mehr als fünf Billionen Euro managen. Diese wollen ihre Anlageportfolios bis 2050 auf Netto-Null Emissionen bringen. Spätestens dann werden sie keine Aktien oder Anleihen von Unternehmen mehr besitzen, deren Emissionen nicht bei Netto-Null liegen. Gestern (Donnerstag) hat die AOA Koalition ihr Zwischenziel für das Jahr 2025 vorgestellt. Bis dann sollen die Emissionen des Anlageportfolios um 19 bis 26 Prozent sinken. [1 s. S. 9]

Auch AOA-Mitglied? Onkel Dagobert schichtet sein Vermögen um. (Bild: The Walt Disney Company)

Der deutsche Versicherungskonzern Allianz hat dann sofort bekannt gegeben, was das für das Allianz-Portfolio bedeutet: eine Reduktion um ein Viertel im Vergleich zum Jahr 2019. [2] Dies gilt zunächst nur für Aktien und Unternehmensanleihen. Außerdem will die Allianz all ihre Liegenschaften auf einen „1,5-Grad-Pfad“ bringen. Damit ist ein Großteil des 774 Milliarden Euro Anlageportfolios abgedeckt. Von der 25 Prozent Reduktion ausgenommen sind noch Staatsanleihen, Hypotheken und Derivate. Bei diesen gibt es noch keine anerkannte Methodologie, um die Emissionen zu berechnen, die in diesen Papieren „eingebettet sind“. [1 s. S. 26] Die Einbeziehung dieser Investments sei aber „in Vorbereitung“ sagte Allianz-Vorstand Günther Thallinger gegenüber Spiegel Online. [3]

Um die Emissionen eines Anlageportfolios zu senken bestehen drei Möglichkeiten: Zum einen kann man innerhalb eines Sektors umschichten indem man etwa Aktien von Mercedes verkauft und dafür Aktien von Tesla kauft. Dann kann man die Gewichtung verschiedener Sektoren verändern etwa indem man Aktien von Stahlherstellern verkauft und dafür mehr in IT Unternehmen investiert. Und schließlich kann man Druck auf die Unternehmen ausüben, an denen man beteiligt ist. AOA-Mitglieder verpflichten sich dazu, 20 Firmen zu identifizieren, mit denen man besonders eng bei der Dekarbonisierung ihres Geschäftsmodells zusammenarbeiten will. [1 s. S. 9] Dazu sagte Thallinger: Dadurch „haben wir die Glaubwürdigkeit, auf die Unternehmen zugehen zu können, um mit diesen über eine Reduktion ihrer Emissionen zu diskutieren.“

Dass der Profit unter einer Reduktion der Portfolio-Emissionen leidet, glaubt Thallinger nicht – im Gegenteil: „Wir glauben, dass es das Risiko-Rendite-Profil klar verbessert, wenn man das Thema Nachhaltigkeit bei den Investmententscheidungen so umfänglich wie möglich berücksichtigt.“ Aus Sicht einer Versicherung dürfte noch ein weiterer Aspekt dazu kommen. Letztes Jahr haben Naturkatastrophen Schäden in Höhe von 210 Milliarden Dollar verursacht, von denen 82 Milliarden versichert waren, schätzt der Rückversicherer Munich Re, ein weiteres AOA-Mitglied. [4] Dies sei eine „signifikante“ Steigerung gegenüber dem Vorjahr. mic

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[1] AOA, 14.01.2021: Inaugural 2025 Target Setting Protocol (PDF)

[2] Allianz, 14.01.2021: Allianz sets climate targets for specific asset classes in the insured portfolio and strategically expands sustainability

[3] Spiegel Online, 14.01.2021: Allianz will CO₂-Ausstoß bis 2025 um ein Viertel senken

[4] Munich Re, 07.01.2021: Record hurricane season and major wildfires – The natural disaster figures for 2020

Afrika bekommt Große Grüne Mauer

Gipfeltreffen in Paris will Klima- und Naturschutz besser verknüpfen

Klima- und Naturschutz werden meist wie separate Themen behandelt. Dabei wären enorme Synergien möglich, wenn man den einen Bereich zugunsten des anderen hebelt. Das gilt etwa für die Große Grüne Mauer, einen 8000 Kilometer langen Wald.

Beim One Planet Summit am Montag in Paris verdeutlichte UN-Chef António Guterres in welchem Tempo der Mensch die Natur ausbeutet: „Wenn wir die Geschichte der Erde mit einem Kalenderjahr vergleichen, dann haben wir ein Drittel der natürlichen Ressourcen in den letzten 0,2 Sekunden aufgebraucht. Und jetzt schlägt die Natur zurück.“ [1] Das Ziel des Gipfels war den Kampf gegen die Klimaerwärmung, das Artensterben und den Vormarsch der Wüsten zusammenzubringen und die Kräfte von Regierungen, der Wirtschaft und der Gesellschaft zu bündeln. Außerdem sollte Momentum für die beiden großen Umweltkonferenzen im Herbst dieses Jahres geschaffen werden: die Artenschutzkonferenz in Kunming und die Klimakonferenz in Glasgow.

Homeoffice. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron moderierte den Gipfel aus dem Élysée Palast. (Foto: Screengrab One Planet Summit)

In Kunming wollen die Länder neue Ziele für den globalen Artenschutz bis 2030 verabschieden. Dies ist umso dringlicher, weil die „Aichi Ziele“ für das Jahr 2020 weitgehend verfehlt wurden. Ähnlich wie beim Klima gibt es auch beim Artenschutz eine Länderallianz, die sich für besonders ambitionierte Ziele einsetzt, die „High Ambition Coalition“ mit mehr als 50 Mitgliedern. Dieser Koalition ist Deutschland am Montag offiziell beigetreten. [2] Damit bekennt sich Deutschland zu dem Ziel, weltweit 30 Prozent der Land- und Meeresfläche unter Schutz zu stellen. Eine weitere Länderallianz will dafür sorgen, dass dafür auch genug Geld zur Verfügung steht: Die Mitglieder versprechen 30 Prozent ihrer Klimahilfen in Projekte zu investieren von denen auch der Artenschutz profitiert. Aktuell gilt das nur für drei Prozent der Klimagelder. [3 s. S. 10] Frankreich und Großbritannien gehören zu dieser Allianz aber Deutschland nicht.

Ein Beispiel, wie sich die Natur im Kampf gegen den Klimawandel mobilisieren lässt, ist die Große Grüne Mauer – ein Wand aus Bäumen in der Sahelzone. Das Gebiet am Südrand der Sahara ist besonders von der Klimaerwärmung betroffen: Bis zum Jahr 2100 wird die Sahelzone um drei bis sechs Grad wärmer. Gleichzeitig wächst die Bevölkerung von 150 auf 350 Millionen und das obwohl viele Länder dort schon heute unter Terror und Bürgerkrieg leiden. [3 s. S. 6] Um den Vormarsch der Sahara zu stoppen und die Lebensmittelversorgung all dieser Menschen zu gewährleisten soll eine grüne Wand gepflanzt werden: Ein 15 Kilometer breiter und 8000 Kilometer langer Wald, von der West- bis zur Ostküste Afrikas. Die Idee wurde bereits in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts entwickelt, aber kam nie richtig vom Fleck. Nun haben Regierungen und Entwicklungsbanken 14 Milliarden Dollar bis 2025 in Aussicht gestellt, um das Projekt endlich zu verwirklichen.

Die herkömmlichen Geldgeber für solche Projekte reichen aber bei weitem nicht aus, wenn die Zerstörung der Natur gestoppt werden soll. Die UNO schätzt, dass jährlich 700 Milliarden Dollar zusätzlich investiert werden müssen. [1] Derartige Summen lassen sich nur mobilisieren, wenn auch privates Kapital entsprechend umgelenkt werden kann. Wie stark einzelne Firmen die Umwelt belasten, ist bislang aber unbekannt. Daher soll nun eine Taskforce Richtlinien erarbeiten, wie Firmen die Auswirkungen ihrer Aktivitäten auf die Umwelt offenlegen müssen. Eine ähnliche Taskforce gibt es seit 2015 beim Klima. Auf den ersten Blick hat dieses Projekt den Sexappeal eines Lehrbuchs über Kostenrechnung. Doch man sollte sich nicht täuschen: Die Klima-Taskforce bewegt bereits heute Finanzströme im dreistelligen Milliardenbereich. Investoren ziehen ihre Gelder aus Firmen mit hohen CO2-Emissionen ab und investieren sie in Firmen mit niedrigen. Das Gleiche soll nun beim Arten- und Naturschutz gelingen.

Dass Naturschutz kein Selbstzweck ist, verdeutlichte schließlich die Coronapandemie – das Paradebeispiel dafür, was passiert, wenn der Mensch der Natur zu nahe kommt. Um den Ausbruch weiterer Pandemien zu verhindern wurde eine Allianz von Forschungsinstituten, Regierungen und UN-Organisationen ins Leben gerufen, die dem „One Health“ Ansatz folgt. Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte diesen Ansatz so: „Uns Menschen kann es nur auf einem gesunden Planeten mit einer gesunden Tier- und Pflanzenwelt wirklich gut gehen.“ [2] Oder anders: Arten- und Klimaschutz bewahren uns vor dem nächsten Lockdown. mic

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[1] UN, 11.01.2021: Remarks to the One Planet Summit

[2] Bundesregierung, 11.01.2021: Eingangsstatement von Bundeskanzlerin Merkel beim “One Planet Summit for Biodiversity”

[3] One Planet Summit, 11.01.2021: Press kit (PDF)