weltinnenpolitik.net Rotating Header Image

Was will Trump von der EU?

Zölle auf EU-Stahl und Aluminium sind nur für fünf Wochen ausgesetzt

Die USA werden eine Gegenleistung verlangen, für die Aussetzung der Stahl- und Aluminuimzölle auf EU-Produkte. Noch sind die US-Forderungen aber nicht bekannt.

Seit Freitag Morgen erheben die USA einen Zoll von 25 Prozent auf Stahl und von zehn Prozent auf Aluminium. Davon sind allerdings mehrere Länder ausgenommen darunter die EU-Staaten. Doch die Zölle sind nur bis zum 1. Mai ausgesetzt, also für gut fünf Wochen. Damit werde Zeit geschaffen für „Diskussionen über zufriedenstellende, langfristige Alternativmassnahmen, um die befürchtete Schädigung der nationalen Sicherheit der USA zu adressieren.“ [1] Ob die Zölle über den ersten Mai hinaus ausgesetzt werden, entscheidet dann US-Präsident Donald Trump „basieren auf dem Stand dieser Diskussionen“. [1] Damit ist zweierlei klar: Die USA wollen verhandeln und über die Aussetzung der Zölle entscheidet ein einziger Mann: Donald Trump.

Thriller. Mancher wird sich durch Trumps Vorgehen an einen Hitchcock-Film erinnert fühlen. Der deutsche Titel war 'Erpressung'. (Foto: Insomnia Cured Here / Flickr)

Thriller. Mancher wird sich durch Trumps Vorgehen an einen Hitchcock-Film erinnert fühlen. Der deutsche Titel war ‚Erpressung‘. (Foto: Insomnia Cured Here / Flickr)

Unklar ist hingegen, worüber die USA verhandeln wollen. Schliesslich ist offensichtlich, dass Stahl- und Aluminiumimporte aus Nato-Ländern oder von anderen US-Verbündeten keine Gefahr für die US-Sicherheit darstellen. Auch die Liste der Länder, die vorerst von den neuen US-Zöllen verschont bleiben, lässt keine Rückschlüsse zu. Da sind einerseits Kanada und Mexiko mit denen die USA über eine Modernisierung des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens Nafta verhandeln. Das gleiche gilt für Südkorea, das derzeit das bestehende Abkommen mit den USA nachverhandelt. Erwartungsgemäss ist zudem Australien ausgenommen, das derzeit allerdings keine Verhandlungen mit den USA führt. Überraschend sind zudem Argentinien und Brasilien auf Trumps Liste. Einige US-Alliierte fehlen hingegen: Japan, Taiwan, Neuseeland und das Nato-Land Türkei. Insgesamt sind mehr als die Hälfte der US-Stahl- und Aluminiumimporte von Trumps Zöllen vorläufig befreit.

Pech gehabt. Ob sich die Türkei, Japan, Taiwan und Vietnam noch als Verbündete der USA sehen? (Grafik: IHS)

Pech gehabt. Ob sich die Türkei, Japan, Taiwan und Vietnam noch als Verbündete der USA sehen? (Grafik: IHS)

Die möglichen US-Forderungen sind vielfältig: Das naheliegendste ist, dass die USA Unterstützung einfordern beim Kampf gegen die Stahl- und Aluminiumüberkapazitäten in China. Die USA könnten aber auch verlangen, dass die EU und die anderen Länder Importquoten für Stahl und Aluminium zustimmen. Damit wären deren Exporte in die USA gedeckelt. Da Trump sich inbesondere am EU-Zoll auf Autos stört, könnte er aber auch ein weiteres Handelsabkommen anstreben. Dieses müsste allerdings „nahezu den gesamten Handel abdecken“, damit es von der Welthandelsorganisation WTO akzeptiert wird. Damit käme es einer Wiederauflage der ‚Transatlantischen Handels- und Investitionspartnerschaft‘ TTIP zumndest nahe. Ob sich die EU darauf einlassen würde, ist allerdings fraglich. Inbesodere Frankreichs Präsident Emanuel Macron verbindet hier Klima mit Handel: „Warum sollten wir einen Handelsvertrag mit Ländern unterschreiben, die das Paris Abkommen nicht umsetzen wollen? Wir wären verrückt.“ [2]

Möglich ist auch, dass Trump Handel und Verteidigung verknüpft. Bekanntlich ist es ihm ein Dorn im Auge, dass die meisten europäischen Nato-Länder, darunter Deutschland, weniger als zwei BIP-Prozente für Verteidigung ausgeben. Bernd Lange, der Vorsitzende des Handelsausschusses im Europaparlament, schloss dies aber ebenfalls aus: „Es ist klar, dass es keine schmutzigen Deals geben darf, um US-Zölle zu verhindern – etwa eine Erhöhung der europäischen Verteidigungsausgaben“, sagte Lange gegenüber dem Nachrichtenportal Spiegel Online. [3] Trump freut sich derweil über die Reaktionen auf seine Zölle: „Viele Länder rufen an, um bessere Handelsverträge auszuhandeln weil sie die Stahl- und Aluminiumzölle nicht bezahlen wollen.“ Auch hinsichtlich des Resultats ist er optimistisch: „Ich denke, dass wir in vielen Fällen, vielleicht in allen Fällen, schliesslich einen Deal aushandeln.“ [4] Was diese Deals beinhalten sollten, sagt er aber nicht. mic

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Dann abonnieren Sie doch weltinnenpolitik.net per RSS oder Email
oder folgen sie der Facebook Seite

[1] Forexlive, 23.03.2018: Full statement of the tariff exemptions by the White House

[2] Climate Home, 22.03.2018: Macron: EU ‘mad’ to do trade deal with US after Paris climate withdrawal

[3] SpOn, 22.03.2018: Erleichterung bis zum nächsten Tweet

[4] White House, 22.03.2018: Remarks by President Trump at Signing of a Presidential Memorandum Targeting China’s Economic Aggression

USA und China drohen sich gegenseitig mit Strafzöllen

Noch ist Zeit für Verhandlungen, um einen Handelskrieg abzuwenden

Während die USA Waren im Wert von 60 Milliarden Dollar mit Zöllen belegen wollen, droht China das gleiche für Waren im Wert von drei Milliarden an.

„Wir tun Dinge für dieses Land, die schon vor vielen, vielen Jahren hätten getan werden sollen“, sagte US-Präsident Donald Trump anlässlich der Unterzeichnung eines „Memorandums gegen Chinas wirtschaftliche Agression“. [1] Die USA werfen China vor, US-Firmen zum Transfer von Technologie zu zwingen. So müssen ausländische Firmen oftmals ein Joint Venture mit einer chinesischen Firma eingehen, wenn sie in China Werke errichten wollen. Dabei wird Fertigungs-Know-How transferiert. China erzwingt auch die Lizenzierung von Patenten zu günstigen Konditionen. Zudem wurden schon Fälle bekannt, wo chinesische Hacker ausländische Firmen angegriffen haben, um Betriebsgeheimnisse zu stehlen. Aus diesen Gründen soll der US-Handelsbeauftragte nun eine Liste chinesischer Produkte ausarbeiten, die mit Strafzöllen belegt werden. Trump hat hier ein Importvolumen von rund 60 Milliarden Dollar im Sinn, rund zehn Prozent der US-Importe aus China. Ausserdem wollen die USA gegen China vor der Welthandelsorganisation WTO klagen. Um den Technologieabfluss nach China zu stoppen, soll schliesslich die Übernahme von US-Firmen durch chinesische Konzerne erschwert werden.

Weltwirtschaftswetter. Noch scheint die Sonne, aber das könnte sich schnell ändern. (Foto: Joni Rinta Möykky)

Weltwirtschaftswetter. Noch scheint die Sonne, aber das könnte sich schnell ändern. (Foto: Joni Rinta Möykky)

China hat darafhin angekündigt 128 US-Exporte im Wert von knapp drei Milliarden mit Zöllen zu belegen. Dies soll in zwei Schritten erfolgen, erst ein 15-Prozent-Zoll auf 120 US-Produkte im Wert von knapp einer Milliarde und dann ein 25-Prozent-Zoll auf acht weitere Produkte im Wert von knapp zwei Milliarden. Begleitet wurde diese Ankündigung von rhetorischem Säbelgerassel der chinesischen Botschaft in Washington: „China will keinen Handelskrieg mit irgendeinem Land. Sollten die USA aber einen Handelskrieg beginnen, wird China bis zum Letzten kämpfen.“ [2] Noch ist aber Zeit zum Reden und Trump sagte, die beiden Länder seien „mitten in sehr grossen Verhandlungen“. [1] Dabei wird es auch um seine Forderung gehen, China solle einen Plan vorlegen, wie es seinen Handelsüberschuss mit den USA um 100 Milliarden Dollar verringern kann. Wie das gehen könnte ist allerdings unklar, es sei denn China erklärt sich bereit, Öl und Gas in grossen Mengen und zu überhöhten Preisen aus den USA zu beziehen.

Möglicherweise ist China allerdings auch beim beklagten Technologietransfer zu Zugeständnissen bereit. Chinas Premierminister Li Kekiang versprach am Dienstag die Wirtschaft des Landes weiter zu öffnen: „Chinas Ziel ist es, dass einheimische und ausländische Firmen auf einer fairen Basis in Chinas grossem Markt miteinander konkurrieren können.“ Ausserdem hoffe er, dass „der Handel ausgeglichen sein wird“. [3] Ähnliche Versprechen zur Marktöffnung hat China aber in der Vergangenheit auch schon gemacht. William Zarit, der Chef der US-Handelskammer in China, begrüsste denn auch Lis Worte, im Hinblick auf die US-Strafzölle sagte er aber auch: „Die vorgeschlagenen Handesmassnahmen sind vielleicht nicht perfekt, aber die USA haben wohl das Gefühl, dass ohne Druck nur wenig Fortschritt erzielt wird“ so Zarit gegenüber dem Nachrichtenportal Foreign Policy. [4] Sollte Trump Erfolg haben und China tatsächlich sein Verhalten ändern, würden davon auch Europas Firmen profitieren. Hat er aber keinen Erfolg und es kommt schliesslich zu einem Handelskrieg, dann verlieren letztlich alle. mic

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Dann abonnieren Sie doch weltinnenpolitik.net per RSS oder Email
oder folgen sie der Facebook Seite

[1] White House, 22.03.2018: Remarks by President Trump at Signing of a Presidential Memorandum Targeting China’s Economic Aggression

[2] Chinas Botschaft, 23.03.2018: Statement of the Chinese Embassy in the United States Regarding the „Section 301 Investigation“

[3] Reuters, 20.03.2018: China’s premier hopes trade war can be averted, pledges more open economy

[4] Foreign Policy, 21.03.2018: Is Trump’s Get-Tough Approach With China Working?

Seit 30 Jahren dokumentiert der Weltklimarat das Scheitern der Politik

Das Wissen über den Klimawandel wird immer zuverlässiger und bedrohlicher

Der Weltklimarat ist ein Mischwesen, das sowohl den wissenschaftlichen Konsens als auch den Konsens aller seiner Mitgliedsländer abbildet. Dass diese zu wenig gegen die absehbare Klimakatastrophe tun, liegt aber nicht am IPCC.

Vor 122 Jahren berechnete zum ersten Mal ein Wissenschaftler den Effekt von CO2 aufs Klima. Dabei kam Svante Arrhenius zu einem erstaunlich präzisen Resultat: Wenn sich die CO2-Konzentration in der Athmosphäre verdoppelt, dann erwärmt sich das Klima um fünf bis sechs Grad. [1] In Anbetracht der geringen CO2-Emissionen seiner Zeit erwartete er aber, dass dies erst in einige Tausend Jahren geschehen würde. Zudem hielt er eine gewisse Erwärmung für wünschenswert. [2] Arrhenius war Schwede.

Knapp hundert Jahre später, im Jahr 1988, sollte dann ein anderer Schwede seine Arbeit fortsetzen: Bert Bolin war der erste Vorsitzende des Weltklimarats IPCC. Als wünschenswert galt eine Erwärmung des Klimas jedoch nicht mehr. Zu Beginn des Jahres war eine wissenschaftliche Konferenz zu dem Ergebnis gekommen: Die Klimaveränderungen „stellen eine grosse Gefahr für die internationale Sicherheit dar und haben bereits schädliche Folgen für viele Gegenden des Planeten.“ [3] Diese Warnung alarmierte auch die Regierung von US-Präsident Ronald Reagan. Diese suchte dann einen Weg die Klimawissenschaften zu kanalisieren und gleichzeitig der Kontrolle der UNO zu entziehen. Geboren war der IPCC, bei dem das ‚I‘ nicht etwa für ‚International‘ steht sondern für ‚Intergovernmental‘ also ‚zwischenstaatlich‘. Komplett heisst der IPCC ‚Intergovernmental Panel on Climate Change‘ oder eben ‚Zwischenstaatlicher Ausschuss zu Klimaveränderungen‘. Letztlich ist der Weltklimarat damit gegenüber den Regierungen der Mitgliedsländer verantwortlich.

Cassandra. Noch hatte der IPCC nur schlechte Nachrichten zu verkünden. Ob sich die Autoren deswegen die Haare raufen ist nicht überliefert. (Bild: Emma Hart aka Lady Emma Hamilton auf einem Portrait von George Romney / Wikimedia)

Cassandra. Noch hatte der IPCC nur schlechte Nachrichten zu verkünden. Ob sich die Autoren deswegen die Haare raufen ist nicht überliefert. (Bild: Emma Hart aka Lady Emma Hamilton auf einem Portrait von George Romney / Wikimedia)

„Der IPCC war weder eine rein wissenschaftliche Organisation, noch eine rein politische, sondern ein einzigartiges Mischwesen“, erklärte Spencer Weart, der Ex-Chef des US-Zentrums für die Geschichte der Physik. [3] Dies zeigt sich in der Arbeitsweise des Rats: Für die IPCC-Berichte erarbeiten erst Wissenschaftler den globalen Kenntnisstand. Anschliessend verhandeln Vetreter der 195 Mitgliedsländer über die Formulierungen in der ‚Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger‘. Weart meint, dieses Vorgehen „hätte ein Rezept für Lähmung sein müssen (und war vielleicht darauf angelegt)“. Doch es kam anders: Der Rat „machte seine prozeduralen Hemmnisse zur Tugend. Was immer er schliesslich sagen konnte, hatte unanfechtbare Autorität.“ [3] Denn die IPCC-Berichte stellen nicht nur den wissenschaftlichen Konsens sondern auch den Konsens aller Länder der Welt dar. Das zeigte sich bereits beim ersten IPCC-Bericht im Jahr 1990. Im Anschluss sagt Bolin: „Was wir jetzt wissen, reicht aus, um jetzt zu handeln. Es gibt keine Entschuldigung für Politiker, wenn sie warten.“ [4] Das taten diese auch nicht, sondern gründeten schon zwei Jahre später die UN-Klimakonvention (UNFCCC).

Seither ist das Wissen über die Klimaerwärmung von Bericht zu Bericht gestiegen. Doch die UN-Klimakonvention, wo die Länder Gegenmassnahmen aushandeln sollten, vermochte nicht zu liefern. Das Kyoto-Protokoll erwies sich als Flop und im Jahr 2009 kollabierten die Verhandlungen in Kopenhagen beinahe. Ein erster Fortschritt konnte erst im Folgejahr im mexikanischen Badeort Cancun erreicht werden, wo sich die Länder zumindest auf das Zwei-Grad-Ziel geeinigt haben. Anschliessend brauchten sie dann aber weitere fünf Jahre, bis 2015, um einen Plan für die Erreichung dieses Ziels auszuhandeln: das Pariser Klimaabkommen. Zuvor hatte der IPCC aber seinen fünften und derzeit letzten Sachstandsbericht veröffentlicht. Dieser stellte fest: „Die Konzentrationen von CO2, Methan und Lachgas in der Athmosphäre sind auf Niveaus gestiegen, die mindestens seit 800‘000 Jahren beispiellos sind.“ Ausserdem machte der IPCC klar, dass eine Erwärmung um zwei Grad bereits katastrophale Folgen für viele Länder der Welt haben würde. Damit hatten die kleinen Inselstaaten einen genug grossen Hebel um in Paris ein „Wunder“ (Anote Tong, Präsident von Kiribati [5]) zu wirken: Die Länder einigten sich darauf, „Anstrengungen zu unternehmen, um den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad zu begrenzen“.

Durchgestartet. Bei der Gründung des IPCC lag die CO2-Konzentration bei 352 ppm, heute bei 410 ppm. Das ist ein Anstieg um 16 Prozent. (Grafik: Nasa)

Durchgestartet. Bei der Gründung des IPCC lag die CO2-Konzentration bei 352 ppm, heute bei 410 ppm. Das ist ein Anstieg um 16 Prozent. (Grafik: Nasa)

Ob das überhaupt möglich ist, untersucht nun wieder der IPCC. Vor der diesjährigen Klimakonferenz im Dezember wird er einen Sonderbericht zum 1,5 Grad Ziel vorstellen. Ein erster Entwurf ist allerdings ernüchternd: „Mit einer Wahrscheinlichkeit von 66 Prozent, liegt es ausserhalb unseres Könnens“, die Erwärmung unter 1,5 Grad zu halten. [6] Denn selbst um die Zwei-Grad-Schwelle nicht zu reissen, muss der Athmosphäre CO2 entzogen werden. In den Klimamodellen der Wissenschaftler ist das im grossen Stil möglich. Wer dafür verantwortlich ist und wer dafür bezahlt, sind aber politische Fragen, die der IPCC nicht beantworten kann. Dieser kann nur berechnen, was passiert, wenn die Politik scheitert. Das tut er nun schon seit 30 Jahren. Happy birthday. mic

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Dann abonnieren Sie doch weltinnenpolitik.net per RSS oder Email
oder folgen sie der Facebook Seite

[1] Gemäss dem fünften IPCC-Sachstandsbericht (AR5) liegt die Sensitivität des Klimas zu einer Verdoppelung der CO2-Konzentration zwischen 1.5 und 4.5 Grad. Aktuell liegt die CO2-Konzentration bei 410 ppm. In den letzten 800’000 Jahren schwankte dieser Wert zwischen 180 und 300 ppm.

[2] Wikipedia, Stand 13.03.2018: History of climate change science

[3] Union of Concerned Scientists, 28.08.2013: Creating the IPCC: How to Speak Truth to Power

[4] Independent, 05.01.2008: Bert Bolin: Meteorologist and first chair of the IPCC who cajoled the world into action on climate change

[5] ABC, 15.12.2015: Unlikely Paris warming target a ‚miracle‘: Anote Tong

[6] Climate Home, 13.02.2018: Leaked draft summary of UN special report on 1.5C climate goal – in full

 

Europa ist nicht protektionistischer als Amerika

Der Durchschnittszoll auf alle Produkte aus allen Ländern ist in beiden identisch

Die USA haben ein erhebliches Defizit beim Güterhandel mit der EU. US-Präsident Donald Trump wirft der EU daher Protektionismus vor. Erhärten lässt sich dieser Vorwurf aber nicht.

Wenn in Europa ein Land ein Handelsdefizit hat, ergeht der Ruf, die Wettbewerbsfähigkeit müsse gestärkt werden. In den USA unter Präsident Donald Trump ist das anders. Er macht Handelsabkommen oder die Welthandelsorganisation WTO für das US-Handelsdefizit verantwortlich. Dies gilt auch für den US-EU Handel – die grösste Handelsbeziehung der Welt. „Die EU war besonders hart mit den USA“, sagte Trump am Dienstag. „Sie macht es fast unmöglich mit ihr Geschäfte zu machen.“ [1] Genauere Angaben hat er allerdings keine gemacht. Im Sinn hatte er aber wohl den Zoll auf Autos. Die EU hat hier einen Satz von zehn Prozent, während der US-Zollsatz bei 2,5 Prozent liegt. Daraus zu schliessen, der EU Markt sei generell gegenüber Importen abgeschottet, wäre aber vorschnell.

Besonders hart. Deutscher Zollbeamter auf der Jagd nach US-Produkten. (Foto: Hafen Hamburg)

Besonders hart. Deutscher Zollbeamter auf der Jagd nach US-Produkten. (Foto: Hafen Hamburg)

Der US-Markt und der EU-Binnemarkt gleichen sich in vielerlei Hinsicht. Sie sind fast gleich gross. In beiden macht der Aussenhandel beinahe den gleichen Anteil aus und der durchschnittliche, effektiv bezahlte Zoll auf Importe ist sogar identisch: 1.6 Prozent (Weltbank, 2016*). [2] „Beides sind relativ offene Märkte, was aber nicht heisst, dass nicht bei einzelnen Produkten hohe Hürden für den Marktzugang bestehen“, sagt Professor Michael Hahn, der Chef des Instituts für Europa und Wirtschaftsvölkerrecht der Universität Bern. Die EU hat etwa höhere Schutzmauern gegen Agrarimporte bestehend aus relativ hohen Zollsätzen (siehe Tabelle) sowie Quoten. Dafür sind die EU-Zölle auf Industriegüter etwas niedriger. Hahn sagt denn auch: „Trumps Behauptung, die EU sei ein geschlossener Markt und die USA seien sehr viel offener, ist in dieser Allgemeinheit unzutreffend.“ Hahn glaubt auch nicht, dass die USA in der Vergangenheit schlecht verhandelt hätten: „Die USA haben immer sehr genau darauf geachtet, dass ein Gleichgewicht zwischen Geben und Nehmen besteht.“

Die grösste Handelsbeziehung der Welt

ProduktEU-Exporte in die USA (Euro)US-Zollsatz für EU-Produkte*EU-Importe aus den USA (Euro)EU Zollsatz für US-Produkte 2016*Handels-überschuss aus EU-Sicht (Euro)
Agrar-produkte**21.4 Mrd.2.20%12.3 Mrd.4.70%9.1 Mrd.
Industrie-produkte**342.1 Mrd.1.60%238.2 Mrd.1.40%103.9 Mrd.
Dienst-leistungen***218.0 Mrd.219.0 Mrd.-1.0 Mrd.
Total112.0 Mrd.
Überraschung. Die USA haben auch beim Handel mit Agrargütern ein Defizit gegenüber der EU. (Daten: WTO)

 

Die durchschnittlich tiefen Zölle dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass einzelne Produkte prohibitiven Sätzen unterliegen. So verlangen die USA etwa einen Zoll von 350 Prozent auf Tabak. [3] Auch die US-Erdnuss-Lobby war erfolgreich: Sie wird mit einem Satz von 143 Prozent vor fremdländischen Nüsschen geschützt. Derartiges gibt es aber auch in Europa. Weineinfuhren unterliegen einem Zoll von 32 Prozent und die europäische Seegurke profitiert von einem 26-Prozent-Satz. Frühere Handelskonflikte haben zudem ihre Spuren in den Zollsätzen hinterlassen. Im Jahr 1963 tobte der transatlantische Hähnchenkrieg, nachdem Deutschland und Frankreich den Import von US-Hähnchen erschwert hatten. Als Gegenmassnahme erhoben die USA dann einen Zoll von 25 Prozent auf Lieferwagen, den es heute noch gibt.

Lecker. Seegurken werden meist roh gegessen. Damit sie nicht vom Teller kriechen, werden sie vorher mit einem Salatblatt fixiert. (Foto: daqisheji / pixabay)

Lecker. Seegurken werden meist roh gegessen. Damit sie nicht vom Teller kriechen, werden sie vorher mit einem Salatblatt fixiert. (Foto: daqisheji / pixabay)

Trotz derartiger Spitzenwerte sind die Zölle in der EU und in den USA aber meist niedrig. Die EU hat vorletztes Jahr 53 Euro pro EU-Bürger an Zoll kassiert [4] während die USA pro US-Bürger 76 Euro mit Zöllen eingenommen haben[5]. Diese Durchschnittswerte verbergen allerdings, dass nicht alle Bürger gleichermassen von Zöllen betroffen sind. Eine Studie des US-Thinktanks ‚Centre for Economic Policy Research‘ zeigt, dass ärmere US-Bürger und vor allem alleinerziehende Mütter besonders viel an Zöllen zahlen. [6] Zum einen gelten höhere Zollsätze für Frauen- als für Männerkleidung und für Babykleidchen gilt gar ein Satz von 27.6 Prozent. Die angekündigten Zölle auf Stahl und Aluminium folgen dem gleichen Muster. Während einige Stahlbarone massiv davon profitieren, steigen die Preise für die breite Öffentlichkeit. Der republikanische Senator Ben Sasse nannte die Zölle denn auch eine „Steuererhöhung für amerikanische Familien“.

EU- und US-Zollsätze ausgewählter Produkte

HS CodeIndustrieprodukteEU-ZollUS-Zoll
72Eisen und Stahl0.3%0.3%
870321Autos10.0%2.5%
870421Lieferwagen13.5%25.0%
86Lokomotiven und Bahnwagen1.7%5.1%
Agrarprodukte
2403Tabak74.9%350.0%
1202Erdnüsse0%142.5%
160561Seegurken26.0%0%
804Datteln, Feigen Ananas, Avocados, Guava4.9%29.8%
2204Wein32.0%Zwischen 6.3 und 22.4 Cents pro Liter
Textilien
6103Anzüge für M?nner12.0%14.6%
620413Anzüge für Frauen12.0%17.0%
611130Babykleidung10.5%27.6%
Arme Babys. Die Logik hinter den verschiedenen Zollsätzen erschliesst sich auf den ersten Blick nicht. (Daten: WTO)

 

Zölle verzerren also nicht nur den Handel zwischen Staaten sondern auch die Verteilung des Wohlstands innerhalb eines Landes. Beides liesse sich durch Freihandelsabkommen vermeiden. Trumps Vorgänger, Barack Obama, wollte daher ein transpazifisches (TPP) und ein transatlantisches (TTIP) Abkommen schliessen. Doch Tump ist aus ersterem ausgestiegen und die TTIP Verhandlungen liegen auf Eis. Ausserdem droht er regelmässig das Nordamerikanische Freihandelsabkommen Nafta und den Vertrag mit Korea zu kündigen. Er glaubt offensichtlich nicht, dass die US-Produzenten ohne Zollschutz auskommen. Damit wären wir wieder bei der Wettbewerbsfähigkeit: Hier sind die USA zuletzt tatsächlich zurückgefallen: Im ‚Bloomberg Innovation Index‘ ist das Land nicht mehr unter den ersten zehn. [7] Angeführt wird der Index von Südkorea und unter den ersten zehn sind fünf EU-Staaten sowie die Schweiz. Das ist aber weder die Schuld von Handelsverträgen noch des US-Auslands. Trump sollte daher eine Revision seines Slogans prüfen. Besser wäre wohl: Make America Smart Again. mic

* Bei diesem Wert handelt es sich um den tatsächlich bezahlten Zoll auf alle Importe aus allen Ländern. Der Wert liegt unter dem durchschnittlichen Zollsatz, weil viele Importe dank Freihandelsabkommen zollfrei eingeführt werden.

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Dann abonnieren Sie doch weltinnenpolitik.net per RSS oder Email
oder folgen sie der Facebook Seite

[1] Politico, 06.03.2018: Swedish leader warns tariffs ‘will hurt us all,’ as Trump doubles down

[2] Weltbank, Stand 07.03.2018: Tariff rate, applied, weighted mean, all products (%)

[3] WTO, Stand 05.03.2018: Zollsätze der EU und der USA (Excel Tabelle)

[4] Die EU hatte im Jahr 2016 Einnahmen aus Zöllen und der Zuckerabgabe (Traditional Own Resources) von 20.094 Mrd. Euro. Dieser Wert entspricht drei Viertel der effektiven Zolleinnahmen der EU-Staaten von 26.792 Mrd. Euro. Quelle: EU, Stand 07.03.2017: EU expenditure and revenue 2014-2020

[5] Die USA hatten im Jahr 2016 Zolleinnahmen von 26.905 Mrd. Dollar. Quelle:

[6] CEPR, 12.01.2017: US tariffs are an arbitrary and regressive tax

[7] Bloomberg, 23.01.2018: The U.S. Drops Out of the Top 10 in Innovation Ranking

[8] WTO, undatiert: World Tariff Profiles 2017 (PDF) (siehe Seite 82 respektive Seite 177)

 

Der Stoffwechsel der Städte

Stadtbewohner müssen ihren Ressourcenverbrauch halbieren

Städte sind immer grösseren Klimarisiken ausgesetzt, können aber auch massgeblich zum Kampf gegen den Klimawandel beitragen. Dabei kommt es nicht nur auf den Energie- sondern auch auf den Ressourcenverbrauch an.

Die Stunde Null für Kapstadt kommt voraussichtlich Mitte Juli. Dann wird das Leitungswasser abgestellt und die vier Millionen Einwohner der südafrikanischen Metropole müssen sich ihre Wasserrationen an Verteilpunkten abholen. „Die Frage die mein Denken dominiert ist: Wenn die Stunde Null kommt, wie machen wir dann Wasser erhältlich und verhindern Anarchie?“ sagt Helen Zille, die Ministerpräsidentin der Provinz Westkap. [1] Diese Frage wird in den kommenden Jahren nicht nur für Kapstadt relevant sein. Urbanisierung und klimabedingte Extremwetterereignisse wie die mittlerweile dreijährige Dürre am Kap sorgen dafür, dass immer mehr Städte Opfer von Naturkatastrophen zu werden drohen. Manche dieser Städte liegen auch in Europa. Eine neue Studie zeigt, dass in den nächsten zehn Jahren die regionale Klimaerwärmung in 13 Städten der Welt die Zwei-Grad-Grenze überschreiten wird. Dazu gehören etwa Löwen in Belgien und Genf in der Schweiz. [2]

Gute Hoffnung? Kapstadt ist einer der am schönsten gelegenen Städte der Welt. Das hilft ihr aber nicht, wenn der Regen ausbleibt. (Foto: Daniel Gillaspia / Flickr)

Gute Hoffnung? Kapstadt ist einer der am schönsten gelegenen Städte der Welt. Das hilft ihr aber nicht, wenn der Regen ausbleibt. (Foto: Daniel Gillaspia / Flickr)

Aber noch viele andere europäischen Städten droht Ungemach, wie eine andere Studie zeigt. Überschwemmungen drohen in fast allen Städten, die an Flüssen liegen. Hitzewellen werden Stockholm, Rom, Wien und Prag heimsuchen und Madrid und Lissabon müssen sich auf das gleiche Schicksal wie Kapstadt vorbereiten: Dürre. „Obwohl südeuropäische Städte auf Dürren vorbereitet sind, könnte dieses Ausmass des Wandels die Bruchgrenze überschreiten“, sagt Selma Guerreiro, die Hauptautorin der Studie. [3] Diese zeigt, dass Dürren in Europa in Zukunft bis zu 14 mal schwerwiegender sein könnten als heute. Richard Dawson, ein Co-Autor, stellt denn auch fest: „Die Forschungsergebnisse zeigen das dringende Erfordernis, unsere Städte für diese zukünftigen Bedingungen anzupassen.“

Dieses Erfordernis ist auch dem Weltklimarat IPCC bewusst. Diese Woche ist in der kanadischen Stadt Edmonton die erste IPCC-Konferenz zu Ende gegangen, die ausschliesslich Städten gewidmet war. Dabei ging es allerdings nicht nur um die Frage, wie sich Städte am besten auf Umweltkatastrophen vorbereiten, sondern auch darum, was Städte zum Kampf gegen den Klimawandel beitragen können. Bereits heute lebt mehr als die Hälfte der Menschheit in Städten und Mitte des Jahrhunderts werden es zwei Drittel sein. Deren Energie- und Ressourcenverbrauch, also der Stoffwechsel der Städte, wird den Kampf gegen den Klimawandel entscheiden. Die Studie ‚Das Gewicht der Städte‘ (‚The Weight of Cities‘) zeigt die Dimensionen des urbanen Metabolismus auf: Während Städte heute 40 Milliarden Tonnen Ressourcen jährlich ‚verstoffwechseln‘ werden es in Zukunft 90 Milliarden Tonnen sein, wenn die Ressourceneffizienz nicht deutlich gesteigert wird. Die Studie stellt denn auch lapidar fest: „Die grosse Nachfrage nach Rohmaterialien übersteigt bei weitem, was der Planet nachhaltig zur Verfügung stellen kann.“ [4] Der Materialverbrauch von Städtern muss folglich sinken – von rund 14 Tonnen pro Kopf auf die Hälfte.

Städte verbrauchen aber nicht nur Ressourcen sondern brauchen auch Land. Derzeit nimmt die Dichte der Städte jedes Jahr um zwei Prozent ab. Ohne Trendumkehr werden Städte im Jahr 2050 eine Fläche von 2,5 Millionen Quadratkilometer bedecken und nicht knapp eine Million wie heute. Da sich Städte oft an Orten mit fruchtbarem Land entwickelt haben, bedroht dies die Nahrungsmittelproduktion. Städte müssen also wieder dichter werden. Die Studienautoren empfehlen Knoten mit 15‘000 Einwohnern pro Quadratkilometer umgeben von Quartieren mit 10‘000 Einwohnern. Wer jetzt ‚Dichtestress‘ fürchtet, kann aber beruhigt sein: In Paris leben 21‘500 Menschen pro Quadratkilometer und Frankreichs Hauptstadt gilt dennoch als lebenswert. Grössere Dichte ist zudem die Voraussetzung für eine städtische Kreislaufwirtschaft, wo etwa die Abwärme des einen die Heizwärme des anderen ist. Ausserdem sorgt grössere Dichte für kleinere Entfernungen, sodass mehr Menschen zu Fuss gehen oder Fahrrad fahren.

Aus europäischer Sicht sind viele der Empfehlungen nicht überraschend, sondern erinnern an etwas Bekanntes: die typische, europäische Altstadt. Hohe Dichte, kurze Distanzen und eine gemischte Nutzung mit Wohnhäusern, Geschäften, Büros und Gewerbebetrieben sowie Parks und öffentlichen Gebäuden sorgen dort für eine bunte und lebenswerte Stadt. Schön, dass das auch Sicht der Wissenschaft die Zukunft ist. mic

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Dann abonnieren Sie doch weltinnenpolitik.net per RSS oder Email
oder folgen sie der Facebook Seite

[1] National Geographic, 05.03.2018: Why Cape Town Is Running Out of Water, and Who’s Next

[2] Reuters, 07.03.2018: 13 cities may exceed 2C temperature rise by 2020s, say scientists

[3] BusinessGreen, 21.02.2018: ‚Beyond breaking point‘: European cities should brace for climate impacts

[4] UN Environment, März 2018: The Weight of Cities – Resource requirements for future urbanization (PDF)

 

Trump hält Handelskriege für gut und leicht zu gewinnen

Die EU hat Gegenmassnahmen gegen die US-Zölle auf Stahl und Aluminium angekündigt

Die Weltwirtschaft brummt und rund um die Welt sinken die Arbeitslosenquoten. Selbst der Stahlpreis hat sich weitgehend erholt. Sollte ein Handelskrieg ausbrechen könnte der Aufschwung allerdings ein jähes Ende finden.

Der Welt droht ein Handelskrieg. US-Präsident Donald Trump twitterte am Freitag: „Wenn ein Land (USA) viele Milliarden verliert im Handel mit nahezu allen Ländern, dann sind Handelskriege gut und leicht zu gewinnen. Beispiel: Wenn wir ein Defizit von 100 Milliarden mit einem bestimmten Land haben und die werden unverschämt, dann handeln wir nicht mehr und gewinnen viel. Es ist einfach!“ Am Donnerstag hatte Trump angekündigt, nächste Woche einen Zoll von 25 Prozent auf Stahlimporte und einen Zoll von 10 Prozent auf Aluminumimporte einzuführen. Noch steht nicht fest, ob einige Exportländer von diesen Zöllen ausgenommen werden, aber Beobachter erwarten keine Ausnahmen. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker kündigte daraufhin an: „Die EU wird entschieden reagieren.“ und nannte die Zölle eine „unverhohlene Intervention, um die US-Industrie zu schützen“. [1] Ähnlich reagierte die kanadische Aussenministerin Chrystia Freeland: Zölle auf kanadischen Stahl seien „absolut inakzeptabel“ und ihr Land werde „Gegenmassnahmen“ ergreifen.

Begründet werden die Zölle mit der nationalen Sicherheit, die das US-Handelsministerium durch Stahl- und Aluminiumimporte gefährdet sieht. Das US-Verteidigungsministerium hatte dem allerdings widersprochen, da das US-Militär nur etwa drei Prozent der US-Stahl- und Aluminumproduktion benötigt. Ausserdem warnte Verteidigungsminister Jim Mattis vor „negativen Auswirkungen auf unsere Verbündeten“. [2] Die USA importieren den meisten Stahl aus Kanada, Brasilien und Südkorea (siehe Grafik). China folgt erst auf Platz 11. Kritik kam auch aus Trumps eigener Partei: „Um es klar zu sagen: Der Präsident schlägt eine massive Steuererhöhung für amerikanische Familien vor“, sagte der republikanische Senator Ben Sasse. „Man würde eine derart schlechte Politik von einer linken Regierung erwarten, aber nicht von einer angeblich republikanischen.“ [3] Die US-Stahl- und Aluminiumhersteller lobten hingegen Trumps Entscheidung. John Ferriola, der Chef des Stahlkonzerns Nucor sagte: „Wir sind überzeugt, dass die Zeit für entscheidendes Handeln gekommen ist, um die Flut von illegal gehandelten Importen in unser Land einzudämmen.“ [4]

Ohne China. Die USA importieren den meisten Stahl aus Ländern, die bislang als Freunde des Landes galten. (Grafik: IHS)

Ohne China. Die USA importieren den meisten Stahl aus Ländern, die bislang als Freunde des Landes galten. (Grafik: IHS)

Sobald klar ist, ob die EU von den Zöllen betroffen ist, wird die EU-Kommission bei der Welthandelsorganisation WTO Klage einreichen. Brüssel will ausserdem „in den nächsten Tagen“ (Juncker) eine Liste mit US-Produkten vorlegen, für die die EU Strafzölle beabsichtigt. [1] In Frage kommen hier etwa Orangensaft aus Florida, Whiskey aus Kentucky oder Harley Davidson Motorräder aus Wisconsin. Von China wird erwartet, dass es den Export von US-Sojabohnen erschwert. Anschliessend könnten die USA wiederum Vergeltung üben, sodass schliesslich mehr und mehr Produkte von Strafzöllen betroffen sind und die Welt in einen Handelskrieg schlittert. Dann ist es zu spät, sagt EU-Kommissar Jyrki Katainen: „Das Problem ist, dass ich nicht weiss, wie man den Krieg wieder beendet. Es ist einfacher den Krieg zu vermeiden als zu stoppen.“ [5]

Kannonenbootdiplomatie. Weil das britische Empire enorme Handelsdefizite mit China hatte, zwangen die Briten China, Opiumimporte zu legalisieren. (Bild: Edward Duncan / Wikipedia)

Kannonenbootdiplomatie. Weil das britische Empire enorme Handelsdefizite mit China hatte, zwangen die Briten China, Opiumimporte zu legalisieren. (Bild: Edward Duncan / Wikipedia)

Katainen warnt zudem, dass sich die EU schnell in einem Zwei-Fronten-Krieg wiederfinden könnte. Denn wenn die USA weniger Stahl importieren, werden die Hersteller in Südkorea, Brasilien und China versuchen, grössere Mengen nach Europa zu exportieren. Dies könnte EU-Schutzmassnahmen zur Folge haben und dann wiederum Vergeltungsaktionen der betroffenen Staaten. „So können wir leicht in einer Situation enden, in der wir in einem Handelskrieg mit zwei Fronten sind“, so Katainen. „Und das nur wegen einer Entscheidung des US-Präsidenten“. [5]

Wo ist das Problem? Der Preis für eine ‚Short Ton‘ (907 Kilo) warmgewalzten Bandstahls schwankt stark an der New Yorker Rohstoffbörse Nymex. Im Moment liegt er aber bei 865 Dollar. (Daten: Nymex, Grafik: Handelsblatt)

Wo ist das Problem? Der Preis für eine ‚Short Ton‘ (907 Kilo) warmgewalzten Bandstahls schwankt stark an der New Yorker Rohstoffbörse Nymex. Im Moment liegt er aber bei 865 Dollar. (Daten: Nymex, Grafik: Handelsblatt)

Genau darauf könnten die USA allerdings abzielen. „Wenn andere Länder etwas ähnliches machen wie wir, dann haben wir eine Lösung für das globale Problem in der Hand“ sagte US-Handelsminister Wilbur Ross. [6] Das Problem sind die Überkapazitäten in der globalen Stahl- und Aluminiumindustrie. Bei Stahl gehen Experten von einer Überkapazität von weltweit 330 Millionen Tonnen aus, die Hälfte davon in China. [7] Im Rahmen der G20 hat sich das Land um eine Reduktion seiner Kapazität um 150 Millionen Tonnen bis zum Jahr 2020 verpflichtet. [7] Das scheint auch Wirkung zu zeigen: Seit Anfang 2016 hat sich der Preis für Walzstahl in den USA von knapp 400 Dollar auf heute 865 Dollar pro ‚Short Ton‘ (907 Kilo) mehr als verdoppelt (siehe Grafik). [8] Doch das scheint Trump nicht zu genügen. Dass der Stahlpreis nach einem globalen Handelskrieg deutlich höher liegt, ist allerdings zu bezweifeln. mic

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Dann abonnieren Sie doch weltinnenpolitik.net per RSS oder Email
oder folgen sie der Facebook Seite

[1] EU, 01.03.2018: European Commission responds to the US restrictions on steel and aluminium affecting the EU

[2] Politico, 01.03.2018: Trump decides on steep tariffs on steel and aluminum imports

[3] FP, 01.03.2018: Here Comes Trump’s Trade War

[4] USA, 01.03.2018: Remarks by President Trump in Listening Session with Representatives from the Steel and Aluminum Industry

[5] Politico, 01.03.2018: EU’s Katainen warns Trump against ‘global trade war’ on two fronts

[6] Politico, 01.03.2018: Europe digs in to fight global trade war against Trump

[7] Reuters, 30.11.2017: China, U.S. at odds over steel overcapacity at G20 forum

[8] Handelsblatt, Stand 02.03.2018: Hot Rolled Steel

Häuser aus Gras

Bambus hat ähnliche Eigenschaften wie Stahl

Trotz der bemerkenswerten Eigenschaften von Bambus, wird dieser kaum als Baumaterial verwendet. Aus Klimasicht ist das eine verpasste Chance.

Was hat die Zugfestigkeit von Stahl, die doppelte Druckfestigkeit von Beton und wächst bis zu einem Meter pro Tag? Bambus. Damit wäre das Riesengras eigentlich das ideale Baumaterial. Doch Pandas wissen, warum Bambus nur von den Ärmsten zum Bau ihrer Hütten genutzt wird: Frischer Bambus enthält sehr viel Zucker und zieht daher Insekten an, welche die ‚Bambushalme‘ innert kürzester Zeit durchlöchern. Ausserdem muss Bambus vor Regen und Sonne geschützt werden, wenn er Jahrzehnte halten soll. „Es ist nicht erstaunlich, dass Bambus einen schlechten Ruf hat“, sagt Markus Roselieb, der österreichische Chef der Architekturfirma ‚Chiang Mai Life Architects‘ in Chiang Mai, Thailand. [1] „Das liegt aber nicht an den Eigenschaften von Bambus, sondern an der Ignoranz der Nutzer, die Bambus nicht richtig auswählen, verarbeiten und falsch verwenden.“

Schöner turnen. Für das Design der Turnhalle und Aula der Panyaden Schule hat sich Roselieb von einer Lotosblüte inspirieren lassen. Mit dem Bau gewann er letztes Jahr Chinas wichtigsten Architekturpreis, den 'Idea Tops Green Architecture Award'. (Foto: Alberto Cosi)

Schöner turnen. Für das Design der Turnhalle und Aula der Panyaden Schule hat sich Roselieb von einer Lotosblüte inspirieren lassen. Mit dem Bau gewann er letztes Jahr Chinas wichtigsten Architekturpreis, den ‚Idea Tops Green Architecture Award‘. (Foto: Alberto Cosi)

Dass Bambus auch für grosse Bauten geeignet ist, hat Roselieb mit der Turnhalle der Panyaden Schule in Chiang Mai bewiesen. [2] Diese hat eine Grundfläche von knapp 800 Quadratmeter und soll mindestens 50 Jahre halten. Um das zu erreichen hat die Halle ein weit auskragendes Dach, damit die tragenden Säulen immer im Schatten und Trockenen stehen. Zudem wurde der ‚Baubambus‘ zuvor mit Borax (Natriumtetraborat), einem Salz, behandelt: Erst werden die einzelnen Kammern der Bambushalme aufgebohrt und dann werden diese in ein Boraxbad gelegt. Das Salz dient der Konservierung, verhindert Insektenbefall und ist Feuer hemmend. Doch Bambusbauten steht noch ein anderes Problem entgegen: Baunormen. „Unser Baugesuch wurde von der Stadt und der Provinz abgelehnt“, erzählt Roselieb. „Nach einem Jahr hatten wir dann einen Termin bei der nationalen Baubehörde in Bangkok und diese hat uns eine Sondergenehmigung erteilt.“

Gebündelt. Die Rundbögen aus Bambusbündeln haben eine Spannbreite von 15 Metern. (Foto: Markus Roselieb)

Gebündelt. Die Rundbögen aus Bambusbündeln haben eine Spannbreite von 15 Metern. (Foto: Markus Roselieb)

Wirklich prüfen konnte die Behörde das Baugesuch allerdings nicht. Weltweit gibt es nur wenige Statiker, die in der Lage sind, die Standfestigkeit von Bambusbauten zu berechnen. Zudem gibt es weltweit 1400 Bambusarten, mit jeweils anderen Eigenschaften. Der meistgenutzte ‚Baubambus‘ ist der Guadua Bambus aus Kolumbien mit einem Durchmesser von 11 Zentimetern. Doch Roselieb baut vor allem mit Bündeln mehrerer Halme einer dünneren, thailändischen Bambusart. Diese Bündel lassen sich besser biegen, um Rundbögen zu erstellen. Wie wenig mit Bambus gebaut wird, zeigt sich auch am Bambusangebot: In Thailand gibt es noch keine einzige Bambusplantage. Roselieb bezieht daher wilden Bambus aus Dörfern in der Umgebung Chiang Mais. Auch dessen Verarbeitung erfolgt noch manuell vom Boraxbad bis zur Herstellung von Bambusnägeln. Damit ist Bambus kein billiger Baustoff mehr, weshalb die Baukosten für die Turnhalle einem vergleichbaren Bau aus Beton und Stahl entsprachen: rund 240‘000 Euro (280‘000 Franken). „Wenn man die Kosten deutlich senken will, muss man Bambus in grossem Stil industriell verarbeiten“ so Roselieb.

Eingebettet. Ausser mit Bambus baut Roselieb auch mit Lehm etwa für die Wände der Klassenzimmer. (Foto: Markus Roselieb)

Eingebettet. Ausser mit Bambus baut Roselieb auch mit Lehm etwa für die Wände der Klassenzimmer. (Foto: Markus Roselieb)

Das fordert etwa Pablo van der Lugt von der Universität Delft: „Die Zukunft von Bambus sind industriell produzierte Baustoffe auf Bambusbasis.“ [3] Derzeit ist der grösste Markt Bambusparkett. Van der Lugt hofft aber, dass mit mehr Mitteln für Forschung noch weitere Anwendungen für Bambus gefunden werden, um Stahl, Holz und Plastik zu ersetzen. Denn ein steigender Bambusverbrauch schützt das Klima gleich in zweierlei Hinsicht: Zum einen werden die Treibhausgase eingespart, die bei der Herstellung von Stahl oder Plastik angefallen wären. Zum anderen bindet Bambus Kohlenstoff über die Lebensdauer jedes bambusbasierten Produkts. Aus Klimasicht hat Bambus zudem einen Vorteil gegenüber Holz: Weil Bambus schneller wächst, entzieht eine Bambusplantage der Atmosphäre mehr CO2 pro Jahr als eine gleich grosse Holzplantage. Zudem muss Bambus nicht nachgepflanzt werden: Bambushalme spriessen aus einem Wurzelstock (Rhizom) wie andere Gräser auch. Nach vier bis sechs Jahren können die Halme dann geerntet werden. Es kommt daher nie zum Kahlschlag, sondern einer Bambusplantage werden jedes Jahr die ältesten Halme entnommen. Bambus ist ausserdem relativ genügsam und wächst auch auf schlechten Böden. Damit wäre Bambus auch für die Rehabilitierung von geschädigten Böden oder Wiederaufforstungsprojekte geeignet. Doch auch hier wird Bambus bislang übersehen: Mit Gras kann man nicht aufforsten. mic

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Dann abonnieren Sie doch weltinnenpolitik.net per RSS oder Email
oder folgen sie der Facebook Seite

[1] Siehe: Chiang Mai Life Architects und Chiang Mai Life Construction

[2] Siehe: Panyaden International School

[3] Pablo van der Lugt, 18.12.2017: Bamboo to Save the World (YouTube clip eines TEDxErasmusUniversityRotterdam Events)

 

Die Million im Sumpf

Deutsche Firma gewinnt Kartierungswettbewerb in Indonesien

Indonesien will Torfbrände verhindern, die ganz Südostasien in Rauch hüllen. Doch dazu müssen die Torfmoore kartiert werden. Eine deutsche Firma hat nun eine Technik entwickelt, die das auch in Waldgebieten ermöglicht und damit einen Preis gewonnen.

Für Indonesien war es ein ökologisches, ökonomisches und diplomatisches Desaster: die Wald- und Torfbrände im Jahr 2015. Schäden von 16 Milliarden Dollar, 1,6 Milliarden Tonnen CO2-Emissionen und Spannungen mit den Nachbarn Malaysia und Singapur. [1] Wegen des Rauchs blieben dort die Schulen geschlossen und Singapur drohte fünf indonesischen Firmen mit Geldstrafen. Dies sollte sich nicht wiederholen. Doch Indonesiens Regierung hatte ein Problem: Sie wusste nicht, wo sich die Torfmoore befinden, geschweige denn wie dick die Torfschicht ist. Es fehlte eine Karte und niemand wusste, wie sich der Waldboden trotz des Blätterdachs der Wälder und Palmölplantagen kartieren lässt.

Dicke Luft. Unter den Feuern in Indonesien litten auch Singapur, Malaysia und Südthailand. (Foto: Nasa / Wikimedia)

Dicke Luft. Unter den Feuern in Indonesien litten auch Singapur, Malaysia und Südthailand. (Foto: Nasa / Wikimedia)

Vor diesem Hintergrund konzipierte die US-Beratungsfirma ‚Context Partners‘ den ‚Torf Preis‘ (englisch Peat Prize). [2] Wer eine Technik entwickelt, um Torfböden schnell und billig zu kartieren, gewinnt – eine Million Dollar. „Ein Preis hilft, ein Problem zu definieren“ sagte Context-Chef Charlie Brown gegenüber dem US-Magazin Portland Monthly. „Es ist wie ein Spiel. Wer spielt mit? Wie gewinnt man? Was passiert, wenn man verliert? Menschen lieben Spiele.” [3] Das galt auch für das Torfbodenspiel: 44 Forscherteams aus der ganzen Welt traten im Februar 2016 zum Start an. Zwei Jahre später wurden die Ansätze der zuletzt fünf Finalisten dann von einer wissenschaftlichen Jury bewertet, nach den Kriterien Genauigkeit, Schnelligkeit und Kosten. Das Ergebnis war einstimmig: Das Team um die Firma ‚Remote Sensing Solutions‘ (RSS) aus Baierbrunn bei München hatte die Million gewonnen. [1]

Torfgebiete haben in der Regel einen Durchmesser von 5 bis 40 Kilometer und die Torfschicht ist meist etwa zehn Meter dick. Um diese Flächen zu finden hat RSS einen dreistufigen Ansatz entwickelt, bestehend aus der Analyse von Satellitenbildern und eines Geländemodells sowie Bohrungen vor Ort. „Auf Torfböden wächst eine spezifische Vegetation und diese kann man auf multispektralen Bildern von Satelliten erkennen“ erklärt Florian Siegert, RSS-Chef und Biologieprofessor an der Ludwig Maximilian Universität in München. Dies gelte aber nur für ursprünglichen Regenwald: „Wenn diese Gebiete schon einmal abgeholzt wurden oder abgebrannt sind, dann ist die für Torf typische Signatur nicht mehr erkennbar.“ Das gilt für rund die Hälfte der Torfgebiete Indonesiens. „Aus diesem Grund arbeiten wir mit historischen Bildern aus den 70er und 80er Jahren. So wissen wir, wo früher Torfwald wuchs und wo heute noch Torf sein muss.“

Probebohrung. Mitarbeiter der indonesischen Sriwijaya Universtät bohren durch eine Torfschicht, um deren Dicke zu ermitteln. (Foto: RSS GmbH)

Probebohrung. Mitarbeiter der indonesischen Sriwijaya Universtät bohren durch eine Torfschicht, um deren Dicke zu ermitteln. (Foto: RSS GmbH)

Anschliessend kommt das Geländemodell zum Zug. „Wenn die Torfschicht dicker als ein Meter ist, wölbt sich die Mitte eines Torfgebiets nach oben.“ Da Torfmoore in Senken entstehen, in denen sich Wasser staut, seien Torfschichten daher typischerweise „Linsen-förmig und in der Mitte dicker as am Rand“. Ausserdem seien Torfgebiete „auffällig glatt“ und unterschieden sich damit deutlich vom Relief des umliegenden Terrains. So lassen sich viele ‚Torflinsen‘ schon auf dem Satelliten-gestützten, globalen Geländemodell des Luft- und Raumfahrtkonzerns Airbus erkennen. Um diese Daten weiter zu verfeinern, kommt dann die Flugzeug-gestützte Lidar-Technik zum Einsatz. Damit wurde zuletzt eine Maya-Stadt in Guatemala kartiert, obwohl diese längst vom Urwald überwuchert ist. [4] Dabei werden Laserstrahlen ausgesandt, die das Kronendach durchdringen und erst vom Boden reflektiert werden.

Sumpfblüte. Gebiete mit Torfboden sind in die Landschaft eingestreut. Die abgebildete 'Torf-Linse' hat eine Fläche von knapp 150 Quadratkilometern und ist stellenweise knapp fünf Meter dick. Sie enthält 15,8 Millionen Tonnen Kohlenstoff. Sollte der Torf in Flammen aufgehen, entstünden dadurch 57,9 Millionen Tonnen CO2. (Bild: RSS GmbH)

Sumpfblüte. Gebiete mit Torfboden sind in die Landschaft eingestreut. Die abgebildete ‚Torf-Linse‘ hat eine Fläche von knapp 150 Quadratkilometern und ist stellenweise knapp fünf Meter dick. Sie enthält 15,8 Millionen Tonnen Kohlenstoff. Sollte der Torf in Flammen aufgehen, entstünden dadurch 57,9 Millionen Tonnen CO2. (Bild: RSS GmbH)

Zuletzt werden vor Ort Bohrungen durchgeführt, um die Dicke der Torfschicht zu messen. Aus all diesen Daten lässt sich schliesslich eine Karte von den Torfgebieten erstellen, die nicht nur zeigt wo diese sind, sondern auch wie dick die Torfschicht ist und wieviel Kohlenstoff darin gespeichert ist. Bei Kosten von einem Dollar pro Hektar während des Wettbewerbs, ist die Kartierung aller indonesischen Sumpfgebiete zudem bezahlbar. In dem südostasiatischen Land werden Torfgebiete mit einer Fläche von 20 Millionen Hektar vermutet (200‘000 Quadratkilometer). Siegert geht ausserdem davon aus, dass die Kosten deutlich reduziert werden können, wenn man die Kartierungstechnik grossflächig einsetzt. Auch der Zeitaufwand hält sich in Grenzen: „Innerhalb von zwei Jahren müsste das zu schaffen sein“, so Siegert.

Damit wäre dann die Voraussetzung geschaffen, um die ‚Torf-Linsen‘ wirkungsvoll zu schützen. Indonesiens Regierung hat angeordnet, dass Gebiete mit dicken Torfschichten nicht mehr in Ölpalm- oder Akazienplantagen umgewandelt werden dürfen. Ausserdem müssen trocken gelegte Torfflächen wieder vernässt werden. Dafür will Siegert auch das von der ‚David and Lucile Packard Foundation‘ gestiftete Preisgeld nutzen: Erst werden den Teammitgliedern ihre Kosten erstattet. Der Rest des Geldes wird dann in eine Forschungskooperation zwischen deutschen und indonesischen Universitäten investiert, die Methoden zur Renaturierung gestörter Torfgebiete entwickelt. Ausserdem sollen wissenschaftliche Daten über die bisher unerforschten Torfgebiete im Kongobecken in Afrika gesammelt werden. So bleibt die Million dem Sumpf erhalten. mic

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Dann abonnieren Sie doch weltinnenpolitik.net per RSS oder Email
oder folgen sie der Facebook Seite

[1] WRI, 02.02.2018: Indonesian Peat Prize Announces Winner of $1 million: International Peat Mapping Team (IPMT)

[2] Siehe: Indonesian Peat Prize

[3] Portland Monthly, 30.01.2018: Indonesia’s Wildfires Are a Climate Disaster. Can Portland Help Douse the Flames?

[4] SpOn, 03.02.2018: Wissenschaftler entdecken riesige Maya-Stätte

China kauft die Häfen der Welt

Peking sichert sich mit Milliardeninvestitionen politischen Einfluss und schafft potentielle Marinestützpunkte

Zwei von Chinas Staatskonzernen kaufen derzeit Häfen rund um die Welt – auch in Europa. Dank billigem Geld können sie Konkurrenten meist überbieten und nehmen in strategisch gut gelegenen Orten auch Verluste in Kauf.

„Die Kontrolle der Meere durch Seehandel und -herrschaft bedeutet Überlegenheit in der Welt, denn nichts erleichtert den Austausch wie es die See tut.“ (Alfred Thayer Mahan, 1840 – 1914, US-Stratege)

Ende Januar hat Cosco auch in Nordeuropa Fuss gefasst und ein Containerterminal im Hafen der belgischen Stadt Seebrügge übernommen. Der chinesische Staatskonzern betreibt weltweit Häfen und eine der grössten Handelsflotten der Welt. Der chinesische Botschafter in Belgien, Qu Xing, lobte die Übernahme: „Der Hafen von Seebrügge ist weitsichtig, eine Partnerschaft mit China einzugehen.“ [1] Damit ist Seebrügge in Europa längst nicht mehr allein. Cosco hat auch Beteiligungen an den Häfen von Piräus (Griechenland), Valencia und Bilbao (Spanien) oder Vado (Italien). Dazu kommen mindestens sieben europäische Häfen an denen ‚China Merchants Holdings‘ beteiligt ist. [2] Zusammen kontrollieren die beiden Staatsfirmen mittlerweile zehn Prozent der Kapazität aller europäischen Containerterminals – zehn mal mehr als zu Beginn des Jahrzehnts. [3]

Besuch. In Häfen, die chinesischen Staatskonzernen gehören, ist die chinesische Marine häufiger zu Besuch als wie hier in Pearl Harbour. (Foto: Ben A. Gonzales / US Navy)

Besuch. In Häfen, die chinesischen Staatskonzernen gehören, ist die chinesische Marine häufiger zu Besuch als wie hier in Pearl Harbour. (Foto: Ben A. Gonzales / US Navy)

Das Häfen-Sammeln ist Teil von Chinas ‚Belt and Road‘ Initiative. Diese hat zum Ziel die Länder Eurasiens und Afrikas durch gigantische Infrastrukturprojekte besser miteinander zu verknüpfen. Insgesamt sollen 1200 Milliarden Dollar investiert werden, ein Teil davon durch Cosco. Der Konzern hat letztes Jahr 26 Milliarden Dollar von Chinas Entwicklungsbank für Hafenprojekte erhalten. [4] „Die Verfügbarkeit von billigem Geld und guter diplomatischer Unterstützung gibt den chinesischen Hafenbetreibern die Fähigkeit andere Investoren auszustechen und Häfen erster Wahl zu übernehmen“, sagte Turloch Mooney, vom Informationsdienstleister IHS Markit, gegenüber dem US-Magazin Foreign Policy. [5] Die Übernahmen müssen sich auch nicht unbedingt rechnen: „Bei Projekten mit grossem strategischen Wert für die Regierung können chinesische Firmen auch dann investieren, wenn kein offensichtlicher kommerzieller Wert besteht.“

Einige der Projekte sind denn auch gewagt. So baut China in in Sri Lanka gleich zwei Häfen (Hambantota und Colombo) für total drei Milliarden Dollar und einen auf der burmesischen Maday Insel für 2,5 Milliarden. [6] Schon länger existiert der Hafen Gwadar in Pakistan. Strategisch liegt auch der Hafen in Dschibuti am Ausgang des Roten Meers. Diese Häfen liege alle an der Handelsroute von China zum Persischen Golf und zum Suezkanal. Aber auch auf dem Seeweg rund ums Kap der Guten Hoffnung sind Häfen im Bau oder in Planung. In Tansania errichtet China derzeit einen Hafen (Bagamoyo) für zehn Milliarden Dollar. [6] Geplant sind ausserdem Häfen in Sao Tome und Principe im Atlantik und in Namibia (Walfischbucht). [7] Dabei bauen die chinesischen Firmen oft nicht nur einen Hafen sondern gleich eine eine kleine Stadt mit eigenem Kraftwerk und einer Sonderwirtschaftszone für Industrie. Damit kauft sich China auch Einfluss meint Mooney: “Die Dimension der ‘Belt and Road’ Investitionen in Schlüsselinfrastruktur bedeutet, dass Chinas politischer Einfluss in diesen Ländern zunehmen wird.“ [5]

Das gilt auch für Europa. Im März letzten Jahres verhinderte Ungarn, dass die EU die Folter von Anwälten in chinesischen Gefängnissen kritisiert. Vier Monate später brach Griechenland den EU-Konsens und brachte so eine chinakritische EU-Demarche vor dem UN-Menschenrechtsrat zu Fall. [8 s. S. 16] Das besorgt mittlerweile auch Jean-Claude Juncker, den Chef der EU-Kommission: „Europa muss seine strategischen Interessen verteidigen. Wenn eine ausländische Firma im Staatsbesitz einen europäischen Hafen, Teile unseres Stromnetzes oder einen Waffenhersteller kaufen will, dann muss das transparent und mit genauer Prüfung und Diskussion erfolgen.“[9]  Juncker will daher, dass die EU-Kommission die Möglichkeit erhält, ausländische Investitionen zu prüfen. Unterstützung bekommt er dabei von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron: „China wird keinen Kontinent, keine Macht, respektieren, wenn einige Mitgliedsländer einfach ihre Tür offen lassen.“ [5]

Doch die Grossinvestitionen haben nicht nur eine politische Dimension sondern im Fall von Häfen auch militärisches Potential: „Es gibt eine inhärente Dualität in den Hafenanlagen, die China im Ausland baut. Diese sind vordergründig kommerziell, können aber schnell ausgebaut werden, um militärischen Missionen zu dienen“, sagte Abhijit Singh von der ‚Oberver Research Foundation‘ in Delhi (Indien) gegenüber der Financial Times. [7] China hat derzeit nur einen Militärstützpunkt im Ausland – in Dschibuti. Doch die chinesische Marine besucht auch immer wieder die Häfen im Besitz chinesischer Staatsfirmen etwa Gwadar oder Hambantota. In Piräus waren zuletzt im Juli 2017 chinesische Kriegsschiffe zu Besuch. Bei dieser Gelegenheit sagte Chinas Botschafter in Athen, Gao Wenqi: “Unsere beiden Nationen, Erben erhabener Zivilisationen, marschieren Hand-in-Hand in Richtung des gemeinsamen Ziels der Verjüngung.“ Dabei unterschlägt Gao allerdings den wesentlichen Unterschied zwischen dem geschichtlichen Erbe der beiden Länder: Hier Demokratie und dort Imperium. mic

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Dann abonnieren Sie doch weltinnenpolitik.net per RSS oder Email
oder folgen sie der Facebook Seite

[1] Port of Zeebruge, 23.01.2018: COSCO Shipping Ports signs concession agreement with Port of Zeebrugge and reaches MOU with CMA for strategic partnership

[2] CMA CGM, 11.06.2013: CMHI and CMA CGM complete the Terminal Link Transaction

[3] Splash247, 29.01.2018: Chinese state-owned enterprises now own 10% of Europe’s containe terminal capacity

[4] JOC, 13.01.2017: China Cosco gets $26B for Belt and Road initiatives

[5] FP, 02.02.2018: Why Is China Buying Up Europe’s Ports?

[6] The Diplomat, 08.03.2017: The Power of Ports: China’s Maritime March

[7] FT, 12.01.2017: How China rules the waves

[8] Mercator Institute for China Studies, Februar 2018: Authoritarian Advance – Responding to China’s Growing Political Influence in Europe (PDF)

[9] EU, 14.09.2017: State of the Union 2017 – Trade Package: European Commission proposes framework for screening of foreign direct investments

[10] ekathimerini, 23.07.2017: Chinese naval fleet arrives in Greece for friendly visit

EU will Märkte fürs Klima hebeln

Das nachhaltigste Finanzsystem der Welt ist das Ziel

Geld ist da, aber es wird falsch investiert. Um eine nachhaltige Entwicklung zu fördern, muss daher das Finanzsystem reformiert werden. Wie das gehen kann, hat nun eine EU-Expertengruppe erklärt.

1‘120 Milliarden Euro pro Jahr. Soviel müssen die EU-Länder in erneuerbare Energien, energieeffiziente Gebäude und andere Klimaschutzmassnahmen investieren, wenn sie die Ziele des Pariser Klimaabkommens für das Jahr 2030 erreichen wollen. [1 s. S. 37] Diese Summe entspricht 7,5 Prozent der EU-Wirtschaftsleistung des Jahres 2016 und ist noch nicht voll finanziert. Genauer: Es fehlen noch 170 Milliarden Euro pro Jahr. „Die Grösse dieser Investitions-Herausforderung übersteigt bei weitem die Kapazität der öffentlichen Hand“, sagt EU-Kommissar Valdis Dombrovskis. [1 s. S. 2] Dies gilt umso mehr, da auch in Artenschutz oder die Kreislaufwirtschaft investiert werden muss, wenn Europas wirklich nachhaltig werden soll. Helfen sollen daher die Finanz- und Kapitalmärkte. Wie das gelingen kann, hat nun eine Expertengruppe untersucht. In ihrem Abschlussbericht warnt sie allerdings: „In Anbetracht der Komplexität des Finanzsystems gibt es nicht einen einzelnen Hebel, mit dem man das System auf Nachhaltigkeit umstellen kann.“ [1 s. S. 5]

Heureka. Gebt mir einen Hebel, der lang genug, und einen Angelpunkt, der stark genug ist, dann kann ich die Welt mit einer Hand bewegen. (Archimedes) (Bild: Unbekannt / Wikimedia)

Heureka. Gebt mir einen Hebel, der lang genug, und einen Angelpunkt, der stark genug ist, dann kann ich die Welt mit einer Hand bewegen. (Archimedes) (Bild: Unbekannt / Wikimedia)

Dass sich die Finanzmärkte hebeln lassen, ist allerdings erwiesen. Im Rahmen des Juncker-Plans (offiziell: European Fund for Strategic Investments oder kurz Efsi) wurden bislang Investitionen von 257 Milliarden Euro getätigt. Diese wurden durch Darlehen der Europäischen Investitionsbank EIB in Höhe von 51 Milliarden angestossen. [2] Oder anders: Die EIB hat ihre Mittel um den Faktor Fünf gehebelt. Diese Erfahrung soll nun genutzt werden. Dazu sind allerdings Projekte erforderlich, die für Anleger attraktiv  sind. Aus Sicht der Experten ist aber die Fähigkeit, solche Projekte zu entwickeln, der „entscheidende Flaschenhals“. [1 s. S. 35] Daher schlagen sie die Schaffung einer Organisation mit dem Namen ‚Sustainable Infrastructure Europe‘ vor, welche die EU-Länder bei der Projektentwicklung unterstützt.

Anschliessend soll eine einheitliche Klassifizierung nachhaltiger Investitionsprojekte dafür sorgen, dass die Manager von Pensionskassen, Versicherungen und Banken auch verstehen, wie ‚grün‘ ein Anlage eigentlich ist. Ein Beispiel dafür sind ‚grüne Anleihen‘ (green bonds). Letztes Jahr wurden 155 Milliarden Dollar mit solchen Papieren bei Anlegern eingesammelt und dieses Jahr könnten es 250 bis 300 Milliarden Dollar sein, wie die ‚Climate Bonds Initiative‘ (CBI) schätzt. [3] Wie grün die zugrunde liegenden Projekte sind, lässt sich aber nur schwer sagen, da nur wenige Projekte extern zertifiziert sind. Dem solle die EU abhelfen, indem sie ihren eigenen Standard einführt, fordern die Experten. Als Gegenstück dazu sollen Firmen offen legen wieviele Emissionen sie verursachen und welche Folgen eine ehrgeizige Klimapolitik für ihr Geschäft hätte. So können die Märkte auch leicht erkennen, wie ‚braun‘ ein Unternehmen ist. Dadurch soll verhindert werden, dass Firmen etwa in Kohlekraftwerke investieren, die dann vor Ablauf ihrer Nutzungsdauer wegen des Klimaschutzes abgestellt werden müssen.

Ziel ist letztlich also, den Märkten langfristiges Denken beizubringen. Denn aus Sicht der EU-Experten besteht eine Diskrepanz zwischen dem kurzfristigen Gewinnstreben der Märkte und den langfristigen Bedürfnissen von Pensionskassen aber auch der Umwelt. Bei einer UN-Konferenz zu nachhaltigem Investieren brachte dies Jeremy Grantham vom Investmentfond ‚Grantham Mayo Van Otterloo‘ so auf den Punkt: „Es ist nicht schwierig sein Portfolio abzusichern. Aber wir müssen nicht nur unsere Enkel und unseren Planeten sondern sogar den Fortbestand unserer Spezies absichern.“ Die EU solle daher die Treuhandpflichten von Investmentmanagern anpassen und diese dazu verpflichten, den Zeithorizont ihrer eigentlichen Kunden wie zukünftigen Rentnern bei Anlageentscheidungen mit zu berücksichtigen.

Der Bericht macht aber auch klar, dass die Märkte allein letztlich nicht das Klima retten können und etwa ein CO2-Preis erfoderlich ist. „Die Expertengruppe hat sich auf Finanzmarkt-Reformen konzentriert. Diese werden ihr volles Potential aber nur entwickeln, wenn sie mit weiteren politischen Reformen ergänzt werden.“ [1 s. S. 11] Dass dies nicht unbedingt neu ist, weiss auch der Leiter der Gruppe, Christian Thimann: „Der Imperativ eines nachhaltigen Finanzsystems ist nichts Neues. Was neu ist, ist das Momentum dies auch umzusetzen.“ [1 s. S. 3] Dass es dabei nicht nur um die Rettung des Klimas geht, lässt sich derweil einer Aussage Dombrovskis entnehmen: Das Ziel sei „Europa zum Gravitationszentrum für die globalen Investitionen in eine klimarfreundliche und ressourceneffiziente Wirtschaft zu machen“. [1 s. S. 2] Dabei denkt er durchaus kurzfristig: „Im Rahmen der Kapitalmarktunion werden wir im März dieses Jahres einen Aktionsplan für ein nachhaltiges Finanzsystem präsentieren. Dann folgen Gesetzesvorschläge.“ mic

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Dann abonnieren Sie doch weltinnenpolitik.net per RSS oder Email
oder folgen sie der Facebook Seite

[1] EU-Kommission, 31.01.2018: Final Report 2018 by the High-Level Expert Group on Sustainable Finance (PDF)

[2] EIB, Stand 06.02.2018: European Fund for Strategic Investments – dashboard

[3] Reuters, 10.01.2018: Global green bond issuance hit record $155.5 billion in 2017

[4] Businessgreen, 01.02.2018: UN hails fresh push to mobilise global green investment