weltinnenpolitik.net Rotating Header Image

Leitartikel: Ein halbes Prozent für den Planeten

Die Erde braucht einen Platz am Kabinettstisch

Egal ob beim Klima, den Ozeanen oder der Artenvielfalt die Schäden werden immer grösser. Dabei wissen die Verantwortlichen eigentlich, was zu machen ist. Sie sind aber zu zaghaft. Eine ‚Pulse of the Planet‘ Bewegung sollte ihnen daher Mut machen etwa durch die Forderung nach einem ‚Ministerium für planetare Angelegenheiten‘.

Eigentlich ist es nicht so schwierig: Da die Menschheit keinen Ersatzplaneten hat, lohnt es sich zur Erde Sorge zu tragen. Diese Erkenntnis umzusetzen, scheint aber nahezu unmöglich zu sein. Das zeigt diese Woche die UN-Ozeankonferenz. Wenn man den aktuellen Wissensstand Revue passieren lässt, folgt eine Hiobsbotschaft auf die andere: Die Korallenriffe sterben ab. Im Atlantik und Pazifik finden sich riesige Müllstrudel mit mehr Plastik als Plankton. 30 Prozent der Fischbestände sind ‚stark‘ und weitere 60 Prozent einfach nur ‚gefährdet‘. Aber auch aus einer ökonomischen Perspektive ist unser Handeln unsinnig: Der Plastikmüll kostet die Tourismusindustrie hunderte Millionen Euro pro Jahr. Der WTO ist es bislang nicht gelungen, Subventionen für illegalen Fischfang zu verbieten – vom legalen ganz zu schweigen. Dabei sinken die Fischereierträge schon jetzt.

All das ist nicht neu. Heute ist es einfach etwas schlechter als gestern. Dabei gibt es einen Managementplan für die Welt, der alle diese Fragen anspricht: die Nachhaltigen Entwicklungsziele oder SDGs (von englisch Sustainable Development Goals). Vor zwei Jahren haben sich die Länder darauf geeinigt, Hunger und Armut bis 2030 abzuschaffen. Ausserdem wollen sie den Klimawandel stoppen, die Überfischung der Meere beenden und anderes mehr. Dieser gemeinsame Plan für den Planeten zeigt, dass die Führer der Welt wissen, was zu tun ist. Doch wie der Zustand der Meere, des Klimas und der Artenvielfalt zeigt, sind sie beider Umsetzung zu zaghaft. Jean-Claude Juncker hat einmal über sich und seine Kollegen gesagt: „Wir wissen alle, was zu tun ist, aber wir wissen nicht, wie wir anschliessend wiedergewählt werden.“

Mangels Zweitplaneten sollte man sich allerdings besser an Winston Churchill orientieren: „Manchmal ist es nicht genug, sein Bestes zu geben. Manchmal muss man tun, was erforderlich ist.“ Damit die Verantwortlichen dies tun, müssen sie aber wissen, dass die Menschen hinter ihnen stehen. So wie ‚Pulse of Europe‘ pro-europäischen Politikern den Rücken stärkt, brauchen wir folglich eine Bewegung, die Politik zugunsten des Planeten unterstützt – ein ‚Pulse of the Planet‘. Wir müssen den Politikern Mut machen, das „Erforderliche“ zu tun, denn bei der Umwelt befinden wir uns in einer ähnlichen Situation wie bei Europa. Beide sind in Gefahr, einmal vom Brexit und dem Populismus und einmal von US-Präsident Donald Trump. Mit dem Austritt aus dem Paris-Abkommen hat er gezeigt, dass ihm die Zukunft des Planeten egal ist. Ja schlimmer: Es scheint ihm Spass zu machen, der Welt zu schaden.

In diesem ‚planetaren Notfall‘ lohnt es sich auf die Strasse zu gehen so wie für Europa. Eine Kernforderung könnte sein, dass das Wohl des Planeten einen Fürsprecher am Kabinettstisch bekommt – und ein Budget. Wir brauchen ein ‚Ministerium für planetare Angelegenheiten‘ oder für Ökonomen ein ‚Ministerium für globale, öffentliche Güter‘. Dieses würde sich ums Klima kümmern, um den Schutz der Meere und Seuchen wie Ebola. Es würde in die Entwicklung von Impfstoffen investieren genauso wie von Saatgut. Damit lassen sich oft spektakuläre Renditen erzielen: In manchen Entwicklungsländern können schon durch die Jodierung von Salz weit über hundert Dollar Gewinn pro investiertem Dollar erzielt werden, wie der Think Tank ‚Copenhagen Consensus‘ ausgerechnet hat. Ähnlich spektakuläre Renditen winken bei Verhütungsmitteln und dem Kampf gegen Malaria und Tuberkulose. Das Programm des neuen Ministeriums wären also einfach die SDGs, denn dort stehen alle diese Massnahmen drin. Jetzt fehlt nur noch das Geld: Hier bietet sich ein BIP-Prozentsatz an. Mit einem halben Prozent käme man dabei schon weit – ein halbes Prozent für den Planeten, schliesslich haben wir keinen anderen. mic

 

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Dann abonnieren Sie doch weltinnenpolitik.net per RSS oder Email
oder folgen sie der Facebook Seite

Trumps Austritt aus der Welt

USA verlassen Pariser Klimaabkommen

Die USA schliessen sich Syrien und Nicaragua an – die bislang einzigen Länder, die der UN-Klimakonvention aber nicht dem Paris-Abkommen angehören. Damit gelten die USA als weltweit isoliert.

Das Pariser Klimaabkommen gilt als historisch, da sich darin fast alle Länder der Welt zur Begrenzung ihrer Emissionen verpflichten. Es beruht auf den auf dem aktuellen Stand der Klimawissenschaften und berücksichtigt die Tatsache, dass die Länder der Welt sehr unterschiedlich entwickelt sind. Am Donnerstag hat US-Präsident Donald Trump angekündigt, dass die USA aus dem Abkommen austreten werden. Wegen zweier Fristen ist dies jedoch erst im November 2020 rechtskräftig – pünktlich zur nächsten Präsidentenwahl. Ausserdem kündigte er an, die USA würden versuchen das Abkommen neu zu verhandeln. Dies wurde jedoch sofort von Deutschland, Frankreich und Italien abgelehnt. Das UN-Klimasekretariat teilte zudem mit: Der Vertrag könne „nicht neu verhandelt werden aufgrund der Forderung einer einzelnen Vertragspartei“. Kurzfristig hat die US-Ankündigung so nur Folgen für die ärmsten Länder der Welt: Trump hat angekündigt kein weiteres Geld für die diversen Klimafonds zur Verfügung zu stellen.

Coal Miners Special. Im Wahlkampf hat Trump versprochen, die Amerikaner würden müde, andauernd zu gewinnen. In diesem Fall können sie ihr müdes Haupt im nächstgelegenen Trailerpark betten. (Foto: Don Sniegowski / Flickr)

Coal Miners Special. Im Wahlkampf hat Trump versprochen, die Amerikaner würden müde, andauernd zu gewinnen. In diesem Fall können sie ihr müdes Haupt im nächstgelegenen Trailerpark betten. (Foto: Don Sniegowski / Flickr)

Zur Begründung für seinen Schritt sagte Trump, das Abkommen sei „unfair“: „Es bestraft den Führer beim Umweltschutz (gemeint sind die USA), während es den führenden Verschmutzer der Welt keine Verpflichtungen auferlegt.“ Der Austritt diene zudem der „Wiederherstellung von Amerikas Souveränität“. Trumps Umweltminister Scott Pruitt lobte im Anschluss seinen Chef: „Amerika hat endlich einen Führer, der gegenüber dem Volk und nicht gegenüber Interessengruppen verantwortlich ist.“ Ausserhalb des Weissen Hauses war die Ablehnung dagegen nahezu einhellig und die Wortwahl oft drastisch. Mexikos Präsident Vicente Fox twitterte: Trump „erklärt dem Planeten den Krieg.“ Die ehemalige irische Präsidentin Mary Robinson sagte, die USA würden zu einem „Schurkenstaat“ und der frühere US-Aussenminister John Kerry liess wissen: Trumps Entscheidung sei wohl die „selbstzerstörerischste Tat in der amerikanischen Geschichte“ während Michael Brune, der Chef der grössten US-Umweltorganisation, dem Sierra Club, sagte: „Trump hat uns in der Welt isoliert, gibt unsere Führungsposition auf und begründet dies, indem er den Slogan auf einer Basketballmütze grölt.“ Trumps Vetrauter Newt Gingrich sah den weltweiten Aufschrei hingegen als Beweis, dass Trump Recht hat: „Alle ausländischen Führer greifen Trump an. Das ist ein weiterer Beweis, dass der Deal besser für Ausländer ist als für die USA.“

Für das Klima dürfte der Austritt der USA aus dem Paris Abkommen keine grösseren Folgen haben. Wegen Trumps Klimapolitik werden die US-Emissionen etwa auf dem heutigen Niveau bleiben statt weiter zu sinken wie mit dem Obama-Ära ‚Clean Power Plan‘, schätzen die Forschungsinstitute hinter dem ‚Climate Action Tracker‘. Viele glauben sogar, dass der Klimaschutz von Trumps Paris-Ausstieg profitiert, etwa der Gouverneur von Kalifornien, Jerry Brown: „Trump könnte genau das Gegenteil von dem erreichen, was er anstrebt. Kalifornien wird Widerstand leisten“ Ähnlich sieht dies die frühere Chefin des UN-Klimasekretariats Christiana Figueres: „Dies wird die unbeabsichtigte Folge haben, die Unterstützung (für das Abkommen) wachzurütteln.“ Die Weiterentwicklung des Paris-Abkommens dürfte zudem einfacher werden. Bis Ende nächsten Jahres muss die Gebrauchsanleitung für das Abkommen ausgehandelt werden. Die grosse Gefahr war hier, dass die USA mit am Tisch sitzen und bremsen. Darauf werden sie nun wohl verzichten.

Die Position der USA in der Welt könnte jedoch erheblichen Schaden nehmen, fürchten viele Beobachter. „Angela Merkel hat ziemlich klar gesagt, dass man sich nicht mehr auf die USA verlassen kann. Aus dem Paris Abkommen auszusteigen, macht Amerika nicht ‚gross‘ sondern klein in den Augen der Welt“, sagte etwa Mohamed Adow von der Entwicklungsorganisation Christian Aid. Ähnlich sieht das der ehemalige, republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney: „Beim Paris Abkommen geht es nicht nur ums Klima, sondern auch darum, dass Amerika der globale Führer bleibt.“ Diese Rolle könnten nun die EU und China übernehmen. Bei ihrem gestrigen Gipfel in Brüssel einigten sie sich auf eine gemeinsame Position: „Die EU und China sind entschlossen, die Transformation hin zu sauberen Energien anzuführen.“ mic

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Dann abonnieren Sie doch weltinnenpolitik.net per RSS oder Email
oder folgen sie der Facebook Seite

Die ‚Fake News‘ in Trumps Rede

Trump begründet Ausstieg aus Paris-Abkommen mit Halb- und Unwahrheiten

Ein Faktencheck von Trumps Aussagen lässt den Schluss zu, dass seine Entscheidung aus dem Paris-Abkommen auszusteigen zu Teil auf ‚Fake News‘ beruht.

Trump: Die USA werden aus dem Paris Abkommen austreten, aber Verhandlungen beginnen um dem Paris-Abkommen oder einer ganz neuen Transaktion beizutreten.

Zumindest irreführend. Die USA können aus dem Paris-Abkommen austreten. Wegen zweier Fristen ist dies jedoch erst im November 2020 rechtskräftig – pünktlich zur nächsten Präsidentenwahl. Dass das Abkommen nachverhandelt wird, ist nahezu ausgeschlossen. Deutschland, Frankreich und Italien haben dies bereits abgelehnt. Das UN-Klimasekretariat teilte zudem mit: Der Vertrag könne „nicht neu verhandelt werden aufgrund der Forderung einer einzelnen Vertragspartei“.

Fake News. Wenn Politik nicht mehr rational begründet wird und sich auf Tatsachen stützt, ist Alles möglich. (Foto: Screenshot White House)

Fake News. Wenn Politik nicht mehr rational begründet wird und sich auf Tatsachen stützt, ist Alles möglich. (Foto: Screenshot White House)

Trump: Die Einhaltung des Paris-Abkommens und die schwerwiegenden Energierestriktionen, die es den USA auferlegt, könnten Amerika 2,7 Millionen Arbeitsplätze im Jahr 2025 kosten gemäss den ‚National Economic Research Associates‘ (Nera).

Anderthalbmal falsch. Das Paris-Abkommen beinhaltet weder eine Begrenzung der US-Emissionen noch Regeln zur US-Energieproduktion. Die USA haben freiwillig und unverbindlich zugesagt, ihre Emissionen um 26 bis 28 Prozent bis zum Jahr 2025 im Vergleich zum Jahr 2005 zu senken.

Die von Trump zitierte Nera-Studie kommt tatsächlich zum Resultat, dass diese Emissionsreduktion 2,7 Millionen Arbeitsplätze kostet. Die Studie betrachtet aber nur die Kosten und „berücksichtigt nicht mögliche Vorteile von vermiedenen Emissionen“, wie sie selber sagt. Würden die Vorteile mitberücksichtigt sähe das Resultat anders aus, sagt Kenneth Gillingham von der US-Universität Yale: „Die Nettokosten wären ganz anders und vermutlich positiv.“ [1] Oder anders: Es entstünde ein Gewinn. Hinzu kommen die Annahmen, die der Nera Studie zu Grunde liegen: „Die extremen Annahmen bedeuten: Dies wären die Kosten, wenn Politiker die Kosten-ineffizientesten Massnahmen zur Erreichung der Emissionsziele nutzen würden. Dies ist eine irreführende Bestandesaufnahme“, sagt Bob Ward von der London School of Economics. [1]

Trump: Unter dem Abkommen kann China seine Emissionen für eine unglaubliche 13 Jahre weiter steigern. Die können machen, was sie wollen für 13 Jahre. Wir nicht.

Falsch. Chinas Klimaplan sieht steigende Emissionen bis zum Jahr 2030 vor. Dies bedeutet aber nicht, dass China bis dann keine Massnahmen zur Reduktion seiner Emissionen umsetzen muss. China hat zugesagt, die CO2-Intensität seiner Wirtschaft bis zum Jahr 2030 um 60 bis 65 Prozent zu verbessern. Im Vergleich zu heute soll im Jahr 2030 also nur noch ein Drittel soviel CO2 pro BIP-Yuan emittiert werden. Um dieses Ziel zu erreichen muss China bereits jetzt anspruchsvolle Massnahmen implementieren und tut es auch. Chinas Emissionsziel wie auch das von Indien und der EU wird von den Forschungsinstituten hinter dem ‚Climate Action Tracker‘ als ehrgeiziger eingeschätzt als das US Ziel.

Trump: China ist es erlaubt hunderte von zusätzlichen Kohlekraftwerken zu bauen. Wir dürfen keine bauen, aber die dürfen.

Falsch. Das Paris-Abkommen schreibt keinem Land seinen Energiemix vor. Das Wort ‚Kohle‘ steht gar nicht im Vertrag.

Trump: Selbst wenn das Paris-Abkommen komplett umgesetzt würde, würde es gemäss Schätzungen nur zwei Zehntel von einem Grad Temperaturreduktion bis zum Jahr 2100 liefern. Ein klitzekleiner Betrag.

Falsch. Der ‚Climate Action Tracker‘ hat nachgerechnet: Ohne das Paris-Abkommen und die Klimapläne der Länder würde sich das Klima um 3,6 Grad erwärmen. Mit Paris sinkt dieser Wert auf 2,8 Grad. Der Unterschied ist somit 0,8 Grad. Aber selbst 0,2 Grad wären nicht zu vernachlässigen, sagt Stefan Rahmstorf vom Potsdam Institut: „Jedes Zehntelgrad erhöht die Zahl von Extremwetterereignissen deutlich.“

Trump: Bei einem Prozent Wirtschaftswachstum können die Erneuerbaren einen Teil unserer Energienachfrage decken. Aber bei drei oder vier Prozent Wachstum, was ich erwarte, brauchen wir alle Arten von Energie oder unser Land riskiert Stromausfälle.

Doppelt irreführend. Trumps Erwartung von drei bis vier Prozent Wachstum ist unrealistisch. Wachstum entsteht durch eine Zunahme der Erwerbsbevölkerung oder durch steigende Produktivität. Diese beiden Faktoren sprechen gegen drei bis vier Prozent Wachstum.

Trump geht zudem davon aus, dass Wachstum mit steigendem Energieverbrauch und somit steigenden Emissionen einhergeht. Dies war früher so, ist aber nicht mehr der Fall. Die US-Emissionen sind im Jahr 2015 um 2,4 Prozent gefallen während die Wirtschaft um den gleichen Prozentsatz gewachsen ist.

Trump: Das Paris-Abkommen beinhaltet einen weiteren Trick um den US-Wohlstand umzuverteilen, den Green Climate Fund (GCF). Der GCF würde die USA wohl dazu verpflichten Dutzende Milliarden bereitzustellen. Eine Milliarde haben wir schon ausgehändigt. Niemand kommt dem auch nur nah.

Irreführend bis falsch. Das Paris-Abkommen verpflichtet die Länder nicht dazu, Klimahilfen in einer bestimmten Höhe zu leisten. Präsident Barack Obama hat für die Zeit bis 2020 dem GCF drei Milliarden Dollar in Aussicht gestellt. Davon haben die USA bislang eine Milliarde Dollar überwiesen. Richtig ist allerdings, dass die USA absolut den höchsten Betrag zugesagt hat. Pro Kopf der Bevölkerung sieht dies aber anders aus: Während die USA 9,30 Dollar pro Kopf geben, gibt Schweden 60.54 Dollar und Luxemburg 93,60 Dollar.

Trump: Unser Ausstieg aus dem Abkommen bedeutet die Wiederherstellung von Amerikas Souveränität.

Irreführend. Das Paris-Abkommen beinhaltet nur einige Berichtspflichten um Transparenz zwischen den Ländern herzustellen. Der US-Klimaplan wurde von den USA in Eigenverantwortung erstellt.

 

Fazit: Trump versteht nicht, dass das Paris-Abkommen den Ländern keine Emissionsvorgaben macht, sondern primär einen Transparenzrahmen bereitstellt. Der US-Klimaplan wurde von den USA in Eigenregie entwickelt und ist unverbindlich. Das gleiche gilt für die Klimahilfen.

Trump stellt zudem die Klimapläne anderer Länder wie China irreführend dar. Ausserdem nutzt er einseitige Studien mit unsinnigen Annahmen, um seine Meinung zu untermauern. Und schliesslich ist sei Verständnis des Energiesystems rund zwanzig Jahre veraltet. mic

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Dann abonnieren Sie doch weltinnenpolitik.net per RSS oder Email
oder folgen sie der Facebook Seite

[1] climatefeedback, Mai 2017: In Paris Agreement op-ed, US Senator Ted Cruz misrepresents the costs and benefits of reducing greenhouse gas emissions

Wall Street verlangt Klimaschutz

Während Trump über das Paris Abkommen nachdenkt, fordern Grossinvestoren Klimaschutz

Die Aktionäre von Exxonmobil haben genug. Sie wollen wissen, was ihre Firma noch wert ist, wenn die Welt den Klimaschutz ernst nimmt.

Die Aktionäre von Exxonmobil haben dem Management des grössten, privaten Ölkonzerns der Welt gezeigt, wer Chef ist. Bei der Generalversammlung der Firma am Mittwoch Abend in der texanischen Ölmetropole Dallas, haben sie gegen das Management gestimmt. 62 Prozent der Aktionäre wollen, dass Exxonmobil aufzeigt, wie sich Klimaschutzmassnahmen auf das zukünftige Geschäft auswirken. Sie wollen über die „finanziellen Risiken“ aufgeklärt werden, die sich aus „einer Reduktion der Nachfrage“ ergeben, wenn die Länder Massnahmen zur Erreichung des „global vereinbarten zwei Grad Ziels“ ergreifen. [1] Dem entgegnete Exxonmobil Chef Darren Woods: „Das Management glaubt, dass die Firma die künftigen Auswirkungen von politischen Entwicklungen adäquat untersucht hat.“ [2] Folglich lehnte Woods den Wunsch der Aktionäre nach mehr Transparenz ab.

Mehr Erfolg in der GV. Früher haben Aktivisten vor dem Gebäude demonstriert, in dem Exxonmobil seine GV abhält. Heute haben sie IN der GV die Mehrheit. (Foto: Greenpeace)

Mehr Erfolg in der GV. Früher haben Aktivisten vor dem Gebäude demonstriert, in dem Exxonmobil seine GV abhält. Heute haben sie IN der GV die Mehrheit. (Foto: Greenpeace)

Um die Klimaerwärmung auf „deutlich unter zwei Grad“ zu begrenzen, wie es das Paris-Abkommen verlangt, müssen zwei Drittel der bekannten Kohle-, Öl- und Gasreserven im Boden bleiben. [3] Die Aktionäre befürchten daher, dass Energiekonzerne viel Geld in neue Fördergebiete investieren, die dann nicht ausgebeutet werden können. Aus diesem Grund haben der Pensionsfond des US-Bundesstaats New York und die Kirche von England die Offenlegung dieses Klimarisikos verlangt. Dabei erhielten sie dieses Jahr Unterstützung vom grössten Vermögensverwalter der Welt Blackrock sowie von dessen kleineren Konkurrenten Vanguard. Im Anschluss an die Kampfabstimmung sagte Thomas DiNapoli, der Chef von New Yorks Pensionskassen: „Dies ist ein beispielloser Sieg für Investoren im Kampf um einen reibungslosen Übergang hin zu einer klimafreundlichen Wirtschaft. Der Klimawandel ist eines der grössten Langfrist-Risiken in unserem Portfolio und hat einen direkten Einfluss auf das Kerngeschäft von Exxonmobil.“ [4]

Mit dem Sieg in der Kampfabstimmung haben die Exxonmobil-Aktionäre ein deutliches Zeichen zugunsten des Paris Abkommens gesetzt – einen Tag bevor US-Präsident Donald Trump bekannt geben will, ob die USA dem Vertrag weiter angehören. Edward Mason von der Kirche von England sagte denn auch: „Trump handelt im Widerspruch zur Wallstreet und zu den weltgrössten Investoren.“ [2] Sollte Trump tatsächlich aus dem Paris-Abkommen aussteigen, hätte er noch nicht mal das Exxonmobil-Management hinter sich: Die Firma, die bis vor Kurzem vom heutigen US-Aussenminister Rex Tillerson geleitet wurde, unterstützt das Abkommen. Ausserdem fordert Exxonmobil eine CO2-Steuer, wie viele andere Öl- und Gasmultis auch. Das ist zumindest Trumps Vorgänger, Barack Obama, nicht verborgen geblieben. Dieser sagte vor drei Wochen: “Die Wirtschaft hat sich bereits festgelegt, dass unsere Zukunft in sauberen Energien liegt.“ [5] Diese Auffassung teilt DiNapoli: „Die absichtliche Ignoranz der Trump-Regierung beim Klimawandel wird das Momentum in der Wirtschaft nicht stoppen, wo noch Vernunft herrscht.“ [6]

Im Vorfeld der Entscheidung Trumps machen US-Unternehmen einen letzten Versuch, den Präsidenten auf das Abkommen einzuschwören. Dazu haben sie am Donnerstag eine ganzseitige Anzeige in der New York Times geschaltet, eine Zeitung, die Trump liest. Darin wenden Sie sich direkt an ihn: „Lieber Präsident Trump, Als einige der grössten Firmen in den USA bitten wir Sie dringend, die USA im Paris-Abkommen zu halten.“ [7] Unterzeichnet ist der Appell von Tech-Giganten wie Apple, Google, Facebook und Microsoft, Konsumgüterkonzernen wie Unilever und Mars, Modelabels wie Gap und Levi’s und anderen. Der Gründer des Elektro-Autobauers Tesla und Trump-Berater, Elon Musk, warnte derweil via Twitter: Er werde „keine andere Wahl haben als den Beraterstab zu verlassen“, falls Trump aus dem Abkommen aussteigt. [8] Diese Frage könnte sich auch Trumps Wirtschaftsberater und Ex-Chef der US-Investmentbank Goldman Sachs, Gary Kohn, stellen. Dieser hatte auf dem Rückflug von Trumps Nahost- und Europareise gesagt: „Kohle macht nicht mehr so viel Sinn“ und mit Erneuerbaren könnten die USA wieder zu einer „Industriemacht“ werden – also genau das was Trump will. [9] Nur weiss er’s vielleicht nicht. mic

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Dann abonnieren Sie doch weltinnenpolitik.net per RSS oder Email
oder folgen sie der Facebook Seite

[1] NY State Comptroller, undatiert: Exxonmobil Corporation Shareholde Proposal (PDF)

[2] Guardian, 31.05.2017: Shareholders force ExxonMobil to come clean on cost of climate change

[3] Carbon Tracker, undatiert: Unburnable Carbon

[4] NY State Comptroller, 31.05.2017: DiNapoli Statement in Response to Majority Support at Exxon Annual Meeting

[5] Politico, 31.05.2017: On climate change, who needs Donald Trump?

[6] NY State Comptroller, 31.05.2017: DiNapoli Statement on Reports Trump Administration Will Withdraw From Paris Agreement

[7] C2ES, 01.06.2017: Anyeige in der New York Times

[8] Elon Musk, 31.05.2017: Twitter Statement (siehe Antwort auf erste Frage)

[9] ThinkProgress, 27.05.2017: Top Trump economic adviser: ‘Coal doesn’t even make that much sense anymore’

Das Treibhausgas aus Rindermägen und Reisfeldern

Was Reisbauern gegen Methanemissionen tun können

Die globalen Methanemissionen steigen rasant. Schuld daran ist vor allem die Landwirtschaft. Dabei gibt es Lösungen, um die Emissionen aus Rindermägen und Reisfeldern zu senken.

Auf den ersten Blick wirkt das Problem fast niedlich: Kilo für Kilo entsprechen die globalen, vom Menschen verursachten, Methanemissionen von 293 Millionen Tonnen weniger als einem Prozent der CO2-Emissionen. Doch Methan (CH4) hat über hundert Jahre gerechnet eine 28 Mal stärkere Treibhauswirkung als CO2. Ausserdem stammt Methan aus viel mehr verschiedenen Quellen: „Im Gegensatz zu CO2, wo wir eindeutige Emissionsquellen wie Kraftwerke haben, ist fast Alles im globalen Methanbudget diffus“, sagt Rober Jackson von der US-Universität Stanford. [1] „Von Kühen über Sumpfgebiete und Reisfelder – der Methanzyklus ist schwieriger.“ Das Resultat dieses Kreislaufs lässt sich aber wieder einfach messen und zeigt ein klares Ergebnis: „Das Abflachen, das wir in den letzten Jahren bei den CO2-Emissionen gesehen haben, ist auffallend verschieden von der schnellen Zunahme bei Methan.“ Dies sei „besorgniserregend“ aber biete auch „eine Chance zur Emissionssenkung, die die Anstrengungen bei CO2 ergänzt“. [1]

Überschuss. Ohne die vom Menschen verursachten Emissionen würde die Methankonzentration in der Atmosphäre abnehmen. (Grafik: PhysOrg [1])

Überschuss. Ohne die vom Menschen verursachten Emissionen würde die Methankonzentration in der Atmosphäre abnehmen. (Grafik: PhysOrg [1])

Von den, durch den Menschen verursachten, Methanemissionen entfällt ein Drittel auf die Nutzung von fossilen Energieträgern wie Kohle, Öl und Gas. Die anderen zwei Drittel werden durch die Landwirtschaft verursacht (siehe Grafik). Diese ist gemäss aktuellen Studien auch für den Anstieg der Emissionen in den letzten Jahren verantwortlich. [2] Das Hauptproblem sind hier Kühe und Reis. Die naheliegendste Lösung um die Emissionen aus Kuhmägen zu reduzieren, ist statt Rindfleisch Schweine- oder Hühnchenfleisch zu essen. Durch die Beigabe von Leinöl und Calciumnitrat zum Futter von Wiederkäuern lässt sich zudem die Methanproduktion in deren Mägen um knapp ein Drittel reduzieren, wie eine Studie im Wissenschaftsmagazin ‚Journal of Animal Science‘ zeigt. [3] Aufgrund der hohen Konzentration in der Futtermittelindustrie besteht so die Möglichkeit, mit relativ einfachen Massnahmen die Methanemissionen der Rindfleisch- und Milchwirtschaft merklich zu mindern.

Relativ ‚einfach‘ ist auch die Reduktion der Methanemissionen bei der Förderung von Kohle, Öl und Gas. Methan ist der Hauptbestandteil von Erdgas und Schiefergas, findet sich aber auch in Kohleflözen (‚Grubengas‘). David Allen von der Universität Texas hat die Emissionen bei der Gasförderung mittels Fracking in den USA untersucht und kommt zum Schluss: „Ein kleiner Teil der Bohrlöcher ist für einen Grossteil der Emissionen verantwortlich.“ Genauer: Ein Fünftel der Bohrlöcher verursacht drei Viertel der Emissionen. Diese Emissionen zu stoppen sei daher „einer der schnellsten und kostengünstigsten Wege um Treibhausgase zu reduzieren“, sagt Allen. [4] Dass dies voraussichtlich auch geschehen wird, ist drei Republikanern im US-Senat zu verdanken: John McCain, Lindsey Graham und Susan Collins haben den Versuch der Regierung von US-Präsident Donald Trump abgewehrt, eine Regel zur Reduktion von Methanemissionen abzuschaffen. [5]

Paradies. Diese Landschaft ist nicht nur paradiesisch schön, sondern bietet auch paradiesische Zustände für methanproduzierende Mikroben. (Foto: Pixabay)

Paradies. Diese Landschaft ist nicht nur paradiesisch schön, sondern bietet auch paradiesische Zustände für methanproduzierende Mikroben. (Foto: Pixabay)

Die grösste Herausforderung sind die Emissionen aus Reisfeldern: Hier kann man sich nicht auf einige wenige Futtermittel- oder Energieproduzenten konzentrieren, sondern muss Millionen von Kleinbauern in Asien davon überzeugen, ihre traditionelle Anbaumethode zu ändern. In gefluteten Reisfeldern wird Methan von Mikroorganismen produziert, die Pflanzenreste zersetzen. Lässt man die Felder zeitweise trocken fallen, sterben diese Mikroben ab. Traditionell stehen Reisfelder aber vom Pflanzen der Setzlinge bis kurz vor der Ernte unter Wasser.

Vor diesem Hintergrund wurde im Jahr 2011 die ‚Plattform für nachhaltigen Reis‘ SRP ins Leben gerufen. Diese umfasst Umwelt- und Entwicklungsorganisationen wie die ‚Rainforest Alliance und die deutsche ‚Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit‘ (GIZ), Agromultis wie Bayer und Syngenta sowie Lebenmittelkonzerne wie Nestlé und Mars. Die SRP hat dann einen ‚Standard für nachhaltigen Reis‘ entwickelt. [6] Dieser regelt vom Saatgut, über Dünger und Pestizide, bis zu Schutzhandschuhen und dem Schulbesuch der Kinder von Reisbauern, alle Aspekte der Reisproduktion. Nun wird der Standard in vier Ländern eingeführt: in Kambodscha, Pakistan, Thailand und Vietnam. Das Projekt in Thailand wird von der GIZ, dem Reisgrosshändler Olam aus Singapur und der Regierung umgesetzt. Letztes Jahr konnte dort in der Provinz Ubon Ratchathani der weltweit erste ‚nachhaltig produzierte Reis‘ geerntet werden – mit vielversprechenden Resultaten: „Die Bauern haben einen 20 bis 25 Prozent höheren Gewinn erzielt“, sagt Matthias Bickel, der Projektleiter der GIZ. „Die Qualität des Reises war besser und die Bauern haben weniger Saatgut, weniger Dünger und weniger Pflanzenschutzmittel benutzt.“ Ausserdem wurden 26 Prozent weniger Treibhausgase emittiert und der Wasserverbrauch gesenkt.

Das Pilotprojekt in Ubon Ratchathani war mit 70 teilnehmenden Bauern noch sehr klein, schliesslich gibt es in Thailand vier Millionen Familien, die Reis anbauen. Nun soll das Projekt auf 100‘000 Bauern bis zum Jahr 2020 ausgedehnt werden. Diese sind in Gruppen von Bauern organisiert, die wiederum regionalen Reiszentren angehören. „Wir haben einen Lehrgang mit zwölf Modulen entwickelt, der kaskadenartig weitergegeben wird“, erklärt Bickel das Vorgehen. Denn jetzt muss es schnell gehen: Die beiden US-Lebensmittelkonzerne Kellogg und Mars haben angekündigt, ab dem Jahr 2020 nur noch nachhaltig produzierten Reis zu kaufen. Dafür sind Zehntausende Tonnen erforderlich. Um diese Nachfrage zu decken ist Thailand zentral: „Nur sechs Prozent des global benötigten Reises wird international gehandelt, aber davon kommt ein Viertel aus Thailand“, sagt Bickel. „Thailand ist daher systemrelevant.“

Schliesslich bleibt noch die Frage, warum es erst jetzt gelungen ist, so etwas wie den ‚SRP Standard‘ zu entwickeln und einzuführen, schliesslich profitieren davon sowohl die Bauern als auch die Umwelt. „Bis vor fünf Jahren war es unmöglich eine grosse Initiative im Reissektor zu starten. Reis ist in vielen Ländern ein sehr politisches Produkt“, sagt Bickel. „In Thailand hat erst die Abschaffung der Subvention für Reis die Tür dazu geöffnet.“ Ausserdem fehle bislang der Druck der Öffentlichkeit: „Anders als etwa bei Palmöl, wird das Nachhaltigkeitsthema bei Reis weder von Produzenten noch von Konsumenten wahrgenommen.“ Damit geht es Reis letztlich wie Methan: Nur wenige kennen das Problem und noch weniger die Lösungen. Dabei gibt es welche. mic

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Dann abonnieren Sie doch weltinnenpolitik.net per RSS oder Email
oder folgen sie der Facebook Seite

[1] PhysOrg, 12.12.2016: Surge in methane emissions threatens efforts to slow climate change

[2] Environmental Research Letters, 12.12.2016: The growing role of methane in anthropogenic climate change (PDF)

[3] Journal of Animal Science, 26.06.2015: Additive methane-mitigating effect between linseed oil and nitrate fed to cattle

[4] Yale e360, 25.10.2016: What is Causing the Recent Rise in Methane Emissions?

[5] CNBC, 10.05.2017: John McCain just delivered Trump a rare loss in his bid to roll back energy rules

[6] SRP, Oktober 2015: Standard on Sustainable Rice Cultivation (PDF)

Der dritte Pol schmilzt weg

Das Klima im Himalaya erwärmt sich fast doppelt so schnell wie der weltweite Durchschnitt

Der Himalaya ist von Ländern umgeben, die unter Wassermangel leiden. 1,3 Milliarden Menschen sind auf das Wasser der Flüsse angewiesen, die in dem Gebirge entspringen. Doch die Gletscher schmelzen.

Der Himalaya und die umliegenden Gebirge gelten als der dritte Pol der Erde. Abgesehen vom Nord- und Südpol hat keine Region der Welt mehr Eis und Schnee. 46‘000 Gletscher verteilen sich auf eine Fläche von 4,3 Millionen Quadratkilometern. Diese Gletscher speisen die wichtigsten Flüsse Asiens – vom Amu Darya in Afghanistan, Tajikistan, Turkmenistan und Usbekistan, über den Indus in Pakistan, den Ganges und Brahmaputra in Indien und Bangladesch, den Irrawady in Burma, den Mekong in Thailand, Laos, Kambodscha und Vietnam, bis hin zu den beiden grossen Strömen Chinas: der Yangtze und der Gelbe Fluss (siehe Karte). Der Himalaya wird daher auch als ‚Wasserturm Asiens‘ bezeichnet, denn die meisten der Länder rund um das Gebirgssmassiv leiden unter Wassermangel und sind auf das Wasser dringend angewiesen.

Wasserturm. Rund um den Himalaya herrscht Wasserstress. (Karte: International Water Security Network)

Wasserturm. Rund um den Himalaya herrscht Wasserstress. (Karte: International Water Security Network)

Doch die Gletscher sind auf dem Rückzug in Folge eines Angriffs von zwei Fronten: dem Klimawandel und der Luftverschmutzung. Die Temperaturen im Himalaya steigen fast doppelt so schnell wie der weltweite Durchschnitt. Mittlerweile ist es rund um den Mount Everest 1,5 Grad wärmer als zu Beginn der Industrialisierung. [1] Hinzu kommt die Luftverschmutzung: Russ und Staub lagern sich auf den Gletschern ab. Diese werden dadurch dunkler und absorbieren mehr Sonnenlicht. Wenn das Eis schmilzt und sich Gletscherseen bilden, beschleunigt sich das Abschmelzen zusätzlich: „Es ist ein positiver Rückkopplungseffekt“, sagt Duncan Quincey von der Universität Leeds. [2] „Ein See absorbiert mehr Sonnenlicht als Gestein und das erwärmt das Wasser. Dadurch schmilzt mehr Eis und der See wird grösser.“ [2] Die Gletscherseen sind ausserdem gefährlich: Wenn der Wasserdruck auf die Moräne zu gross wird, können sich die Seen plötzlich entleeren – mit verheerenden Auswirkungen auf die darunter liegenden Dörfer. Joseph Shea von der Universität Saskatchewan in Kanada warnt: „Grössere Seen erhöhen die Gefahr katastrophaler Dammbrüche.“ [4]

Zuschauer. Im Everest Basecamp kann man den Gletschern beim Schmelzen zuschauen. In einigen Jahren muss das Camp deswegen wohl verlegt werden. (Foto: Hendrik Terbeck / Flickr)

Zuschauer. Im Everest Basecamp kann man den Gletschern beim Schmelzen zuschauen. In einigen Jahren muss das Camp deswegen wohl verlegt werden. (Foto: Hendrik Terbeck / Flickr)

Die grösste Gefahr der schmelzenden Gletscher kommt aber nicht plötzlich sondern schleichend. 1,3 Milliarden Menschen hängen vom Wasser in den zehn Flüssen ab (siehe Tabelle). Durch das Abschmelzen der Gletscher vergrössert sich deren Wassermenge kurzfristig. Langfristig werde sich aber der Anteil des Schmelzwassers in den Flüssen halbieren, besagt eine neue Studie im Wissenschaftsmagazin Nature. [5]  „Der Fortbestand und die Stetigkeit der Frischwasserzufuhr sowohl hinsichtlich Quantität als auch Qualität in der Zukunft ist die grösste Sorge“, sagte Paolo Gabrielli von der US-Universität Ohio State. [6 Dies gilt insbesondere in Jahren mit wenig Regen wie die Nature Studie zeigt. In einem Jahr mit durchschnittlich viel Regen trägt das Schmelzwasser nur wenig –zwischen 0,1 und drei Prozent – zum Wasser in den Flussgebieten bei. Bei grosser Trockenheit allerdings spielen die Gletscher eine viel wichtigere Rolle: Wenn weniger Regen fällt, steigt der Anteil des Schmelzwassers in den Flüssen stark an. In trockenen Sommern kommt beispielsweise das Wasser im oberen Indus, der durch China, Indien und Pakistan fliesst, überwiegend aus den Gletschern.

Die zehn großen Flusssysteme der Himalaya-Region

FlussEinzugsgebiet in km²Länge in kmWassermenge in m³/sBevölkerung in Tausend
Gesamt8.594.7551.345.241
Amudarja534.73924002.52520.855
Brahmaputra651.335384819.8118.543
Ganges1.016.124251016.648407.466
Indus1.081.71832006.6178.483
Irrawaddy413.7121701332.683
Mekong805.60440231657.198
Saluen271.91428154.8765.982
Tarim1.152.44820301588.067
Jangtse1.722.193641830.166368.549
Gelber Fluss944.9754642.571147.415
Quelle: IUCN/IWMI, Ramsar-Konvention und WRI, 2003 (zitiert von ICIMOD [11])

 

Dies trifft einige der instabilsten und wasserärmsten Regionen der Welt. Verschärft wird die Situation oft noch durch schlechtes Wassermanagement Dies gilt etwa für Zentralasien. Dort teilen sich Tadschikistan, Kirgistan und Usbekistan das Wasser des Syr Darya Flusses, der schliesslich wie der Amu Darya in den Aralsee mündet. Zur Zeit der Sowjetunion wurden im flussaufwärts gelegenen Kirgistan und Tadschikistan riesige Reservoirs gebaut um im Winter Wasser zu sammeln. Dieses wurde dann im Sommer zur Bewässerung der Baumwollfelder im flussabwärts gelegenen Usbekistan benutzt. Im Gegenzug versorgte dieses Kirgistan und Tadschikistan mit Energie im Winter. Heute lassen die beiden ‚Wasserschlösser‘ das Wasser im Winter durch die Turbinen rauschen, weil sie von den Usbeken keine Energie fürs Heizen mehr bekommen. Und im Sommer ist dann kein Wasser für die Baumwollfelder mehr da. Hinzu kommt, dass die gesamte zur Verfügung stehende Menge an Wasser wegen des Klimawandels um ein Viertel abgenommen hat und die Bevölkerung rasant wächst. [7]

Kritisch ist auch die Situation in Pakistan. Das Land leidet regelmässig unter Dürren und dann wieder unter Überschwemmungen. Wegen billiger Pumpen sinkt zudem der Grundwasserspiegel. Eine aktuelle Studie in Nature zeigt den Zusammenhang zwischen dem internationalen Handel mit Lebensmitteln und dem nicht-erneuerbaren Verbrauch von Jahrtausende-altem Grundwasser. [8] Spitzenreiter ist hier Pakistan. Das Land hat seine Reisproduktion und damit –exporte in den letzten Jahren deutlich gesteigert. Mit dem Reis exportiert es aber auch sein Grundwasser. Im Jahr 2010 hat Pakistan 7,3 Kubikkilometer Grundwasser exportiert. Dieses Wasser wird in Zukunft fehlen. Das World Resources Institute kommt denn auch zum Schluss, dass Pakistan eines der 33 Länder sein wird, die in gut zwanzig Jahren unter „extrem hohem Wasserstress“ leiden werden. [9] Dieses Schicksal teilt sich das Land mit vier weiteren Ländern, deren Wasserversorgung zum Teil von den Gletschern im Himalaya abhängt: Afghanistan, Kasachstan, Kirgistan und Usbekistan.

Nur wenig besser sieht es in China aus. Das Land ist Heimat für 21 Prozent der Weltbevölkerung, hat aber nur sieben Prozent des Frischwassers. Den 20 Millionen Einwohnern von Peking stehen jährlich nur 100 Kubikmeter Wasser pro Person aus regionalen Brunnen und Quellen zur Verfügung. [10] Für die UNO leidet ein Landstrich aber schon unter ‚Wasserstress‘, wenn pro Person weniger als 1700 Kubikmeter Wasser verfügbar ist. Hinzu kommt die Wasserverschmutzung: Knapp 60 Prozent des Grundwassers ist verunreinigt. [10] Für Dabo Guan von der britischen East Anglia Universität ist der Wassermangel denn auch „die schwerste Umweltkrise Chinas“, wie er gegenüber dem Guardian sagte. [10] Hinzu komme, dass die Menschen den Mangel nicht wahrnehmen: Die Leute „sehen den Smog, aber es ist selten, Wasserverschmutzung oder das Austrocknen eines Flusses zu sehen. Die Leute sind dem nicht ausgesetzt.“ [12] Das gilt auch für die Gletscher im Himalaya: Sie schmelzen – mit schwerwiegenden Folgen für 1,3 Milliarden Menschen – aber kaum einer sieht’s. mic

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Dann abonnieren Sie doch weltinnenpolitik.net per RSS oder Email
oder folgen sie der Facebook Seite

[1] Iccinet, 2012: Himalayas

[2] Outside, 12.04.2016: Climate Change Is Melting Everest

[4] Science, 17.02.2017: Melting glaciers around Mount Everest may be forming killer lakes

[5] Nature, 11.05.2017: Asia’s glaciers are a regionally important buffer against drought

[6] Glacierhub, 09.06.2016: US & China Research Coordination at the Third Pole

[7] Weltinnenpoliti, 26.10.2008: Die Schweiz hilft Zentralasien beim Wasser Sparen

[8] Nature, 30.03.2017: Groundwater depletion embedded in international food trade

[9] WRI, 26.08.2015: Ranking the World’s Most Water-Stressed Countries in 2040

[10] The Guardian, 22.03.2017: Will China’s children solve its crippling water shortage problem?

[11] Icimod, undatiert: River Basins

EU geht in Klimaoffensive

USA haben Führungsrolle in der internationalen Klimapolitik und –diplomatie aufgegeben

Bei den Klimaverhandlungen in Bonn stand anfangs die zukünftige Klimapolitik der Trump-Regierung im Mittelpunkt des Interesses. Am letzten Tag trumpfte die EU dann aber auf und schmiedete eine Allianz, der mehr als die Hälfte aller Länder angehört.

Die EU ist bereit die Führung in der internationalen Klimapolitik zu übernehmen. Dies signalisierte sie am letzten Tag der UN-Klimakonferenz in Bonn: Die EU hat sie sich mit 79 Entwicklungsländern aus Afrika, der Karibik und dem Pazifik (den ‚AKP-Staaten‘) auf eine gemeinsame Position bei der Umsetzung des Pariser Klimaabkommens geeinigt. „Wir werden das Paris-Abkommen verteidigen – Industriestaaten und Entwicklungsländer gemeinsam“, sagte EU-Klimakommissar Miguel Arias Cañete. [1] „Unser gemeinsames Eintreten für diesen Vertrag ist heute so wie in Paris: unumkehrbar und nicht verhandelbar.“ [1] Die EU und die AKP-Staaten machen mehr als die Hälfte aller Länder aus. „Die USA geben ihre Führungsposition beim Klimaschutz auf“, sagte Mohamed Adow von der Entwicklungsorganisation Christian Aid und lobte die EU für ihre „klare und starke Botschaft“ „in dieser Stunde der Not“. Wie dringlich die Lage ist verdeutlichte der äthiopische Vorsitzende der ‚Allianz der besonders vom Klimawandel betroffenen Länder‘, Debasu Bayleyegn Eyasu: „Das 1,5-Grad-Ziel einzuhalten, ist eine Frage des Überlebens für uns.“ Damit haben die USA geschafft, was dem Paris-Abkommen noch nicht ganz gelungen war: die Aufhebung des Gegensatzes von Industrie- und Entwicklungsländern. „Der Gegensatz verläuft vielmehr zwischen denen, die ein robustes Klimaregime wollen, und jenen, die dies vermeiden möchten“, sagte der Leiter der Schweizer Delegation Franz Perrez.

Wo ist die Kohle? Delegierte in einem 'Huddle' während der Verhandlungen zum Budget. (Foto: IISD)

Wo ist die Kohle? Delegierte in einem ‚Huddle‘ während der Verhandlungen zum Budget. (Foto: IISD)

Die Allianz der besonders vom Klimawandel betroffenen Länder, das Climate Vulnerable Forum (CVF), forderte die Staatengemeinschaft zu schnellerem Handeln auf. „Das 1,5-Grad-Ziel einzuhalten, ist einfach eine Frage des Überlebens für uns“, sagte der CVF-Vorsitzende Debasu Bayleyegn Eyasu. Das Pariser Klimaschutzabkommen sei ihr Rettungsanker. Zu den mehr als 40 Ländern gehören kleine Inselstaaten wie Fidschi oder die Maledivien, die vom Anstieg des Meeresspiegels bedroht sind, aber auch etliche Entwicklungsländer wie Niger und Senegal, die sich auf eine Zunahme von Wetterextremen und längere Dürren einstellen müssen. In Anspielung auf Trump sagte der philippinische Delegierte Emmanuel De Guzman, dass ohne größere Anstrengungen könne kein Land „ever be great again“ (englisch für: jemals wieder grossartig sein).

Zu Beginn des Treffens standen noch die USA im Zentrum der Aufmerksamkeit. Auffallend war die US-Mini-Delegation mit nur sieben Diplomaten. Zum Vergleich: Vietnam war mit mehr als doppelt sovielen Verhandlern in Bonn. Ausserdem wollte die Regierung von US-Präsident Donald Trump letzte Woche Dienstag bekannt geben, ob die USA Teil des Paris-Abkommens bleiben. Doch dann wurde diese Entscheidung auf Ende Mai verschoben. Vorher findet so noch Trumps Papstaudienz und der G7-Gipfel statt – zwei Treffen, bei denen der Verbleib der USA im Paris-Abkommen auf der Agenda steht. In Bonn sei die US-Delegation „beinahe unsichtbar“ gewesen, sagte Wendel Trio vom Klimanetzwerk CAN. Fragen nach der US-Klimapolitik beantwortete der US-Chefdiplomat, Trigg Talley, in Bonn stets mit: Diese werde einer „Überprüfung“ unterzogen. Damit hatte die US-Delegation „kein Verhandlungsmandat“ sagte Trio, mit einer Ausnahme: „Der einzige US-Beitrag war, dass die USA kein Klimageld zur Verfügung stellen, aber das wussten eh schon alle.“

Unklar ist hingegen, ob die USA ihr Emissionsziel aufweichen können, wenn sie im Paris-Abkommen bleiben. Der Vertrag lässt hier einen gewissen Interpretationsspielraum in dem relevanten Artikel: Ein Land „kann jederzeit sein (Emissionsziel) anpassen im Hinblick auf eine Erhöhung seines Ambitionsniveaus“. Aus Sicht von Jonathan Church, einem Anwalt der Umweltorganisation Client Earth, erlaubt dies keine Aufweichung des Emissionsziel. Dies wäre eine „übertrieben freizügige Interpretation des Artikels“ und eine Abschwächung des Ziels folglich „ein Bruch des Paris-Abkommens“. [2] Anders sieht dies Laurence Tubiana, eine der Architektinnen des Vertrags: „Natürlich können die USA ihren Beitrag reduzieren, aber sie sollten nicht.“ Diplomatisch gibt sich in dieser Frage derweil die EU: „Wir müssen sehen, womit die Trump Regierung schliesslich rauskommt“, sagte Yvon Slingenberg von der EU-Kommission. „Es ist wichtig, dass die Länder ihren Beitrag in unterschiedlichen Formen leisten können.“

Auch ohne nennenswerten Beitrag der USA haben die Klimadiplomaten in Bonn derweil ihr eigentliches Ziel weitgehend erreicht: die Umrisse der Gebrauchsanleitung für das Paris-Abkommen zu erarbeiten. Hier geht es um sehr technische Fragen etwa: Wer berichtet wann und wie über seine Emissionen und Klimaschutzmassnahmen? Dabei sei der Fortschritt „passabel, wenn auch recht langsam“ gewesen, sagte Jan Kowalzig von der Entwicklungsorganisation Oxfam. Warum dem so war erklärte Perrez. „Dies hat einerseits damit zu tun, dass viele technische Fragen noch vertiefteres Verständnis benötigen. In anderen Bereichen sind die Parteien aber auch einfach noch nicht bereit, sich zu bewegen. Insgesamt denke ich, sind wir aber immer noch auf Kurs.“

Auf Kurs ist auch das Sekretariat der UN-Klimakonvention. Dabei ging es hier nicht wie so oft um Billionen sondern um einen fast schon trivialen Betrag: Knapp 55 Millionen für das Budget der beiden Jahre 2018 und 2019. Das UN-Sekretariat hatte ursprünglich eine Erhöhung um 9,7 Prozent beantragt. Auf Wunsch der Mitgliedsländer hatte es aber auch einen Budgetvorschlag ohne Erhöhung erarbeitet. Mit diesem gelang es dem Sekretariat aber für einmal alle Länder zu einen: Der Vorschlag den Beitrag der Klimakonvention an den Weltklimarat IPCC zu streichen, wurde von grossen und kleinen, armen und reichen Ländern kritisiert. Schliesslich gelang aber eine Einigung: Dem Klimasekretariat steht in den nächsten beiden Jahren 4,1 Prozent mehr Geld zur Verfügung und der Beitrag an den IPCC bleibt erhalten.

Ob schliesslich auch die Klimapolitik auf Kurs bleibt, zeigt sich schon nächste Woche beim Petersberger Dialog. Für dieses Teffen auf Ministerebene wird eine weitere EU-Initiative erwartet: Die EU, China und Kanada werden dort voraussichtlich die Übernahme des ‚Major Economies Forums‘ (MEF) bekannt geben. Das MEF ist eine Klimainitiative der USA, die Trump wohl nicht weiterführen wird. Sollten die drei Länder das MEF übernehmen, signalisieren sie damit erneut: Es geht auch ohne Amerika. mic (mit Sandra Kirchner)

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Dann abonnieren Sie doch weltinnenpolitik.net per RSS oder Email
oder folgen sie der Facebook Seite

[1] EU, 18.05.2017: EU and 79 African, Caribbean, Pacific countries in joint push to defend and implement global climate deal

[2] CarbonBrief, 08.05.2017: Can the US legally weaken its Paris Agreement climate pledge?

Für Öl auf die Palme

Südostasien mobilisiert für Palmöl in EU-Biosprit

Kein Ölpflanze ist so produktiv wie Ölpalmen. Auf einem Hektar können pro Jahr vier Tonnen Öl gewonnen werden. Doch wenn dafür Urwald gerodet oder Moore trocken gelegt werden, entstehen riesige Mengen an Treibhausgasen. Darum soll Palmöl nicht länger zu Biodiesel verarbeitet werden.

Es ist nur eine nicht-bindende Resolution des Europaparlaments, aber in Südostasien schrillen die Alarmglocken. Eine überwältigende Mehrheit (640 versus 18 Stimmen bei 28 Enthaltungen) der Parlamentarier forderte Anfang April, dass „spätestens“ ab dem Jahr 2020 kein Palmöl mehr zu Biodiesel verarbeitet wird. [1] „Das Parlament ist besorgt, dass 46 Prozent allen importierten Palmöls der Herstellung von Biokraftstoffen dient, und dass dafür eine Million Hektar Land (10‘000 Quadratkilometer) erforderlich ist“, sagte die tschechische Grünen-Abgeordnete Kateřina Konečná, die die Resolution eingebracht hatte. Der Landbedarf für Palmöl sei der Grund für „20 Prozent aller Entwaldung“ in den letzten 20 Jahren und die Klimabilanz von Palmöl folglich verheerend: „Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Biodiesel aus Palmöl dreimal mehr Emissionen verursacht als herkömmlicher Diesel.“

Arbeitsplätze. Diese beiden Arbeiter einer Palmölplantage in Malaysia verdanken ihre Arbeitsplätze auch der EU-Richtlinie zu Biosprit. (Foto: CEphoto, Uwe Aranas / Wikimedia)

Arbeitsplätze. Diese beiden Arbeiter einer Palmölplantage in Malaysia verdanken ihre Arbeitsplätze auch der EU-Richtlinie zu Biosprit. (Foto: CEphoto, Uwe Aranas / Wikimedia)

Das wollen die grossen Palmölproduzenten in Südostasien nicht auf sich sitzen lassen. Schon im April haben Indonesien und Malaysia angekündigt, Emissäre zum EU-Parlament in Brüssel zu schicken. „Wir werden Alles uns mögliche tun, um das Parlament und die EU-Länder zu überzeugen, die Resolution nicht umzusetzen“, sagte der indonesische Wirtschaftsminister Darmin Nasution. [3] Indonesien und Malaysia sind die beiden grössten Palmölproduzenten der Welt mit einem Marktanteil von rund 85 Prozent. Die EU ist nach Indien der zweitgrösste Importeur des Öls. Malaysias Premierminister Najib Razak warnte: „Falls diese Resolution umgesetzt würde, hätte das einen verheerenden Effekt auf unser nationales Interesse, insbesondere für 600‘000 Kleinbauern in Malaysia und 2,4 Millionen in Indonesien.“ [4] Um die Wirkung ihres Lobbyings in Brüssel zu stärken, haben Indonesien und Malysia nun Thailand mit ins Boot geholt. [5] Thailand ist der drittgrösste Palmölproduzent der Welt und plant seine Produktion innert zehn Jahren um die Hälfte zu steigern. [9]

In Brüssel werden die drei Länder auf eine hitzige Debatte über Biosprit stossen, denn derzeit wird über die Neufassung der Erneuerbaren-Energien- Richtlinie gestritten, die auch Biosprit umfasst. Die EU Kommission hat vorgeschlagen, den Anteil an Biosprit, der Benzin oder Diesel beigemischt wird, von derzeit knapp fünf Prozent auf 3,8 Prozent im Jahr 2030 abzusenken. [6] Doch das ist vielen Umweltorganisationen nicht genug. „Die EU muss alle Anreize abschaffen, die eine künstliche Nachfrage für Pflanzenöle im Transportsektor schaffen“, sagt Cristina Mestre von ‚Transport and Environment‘. [7] „Jede Lösung, die nur darin besteht Palmöl zu verbannen, ignoriert die Tatsache, dass es einfach durch Raps- oder Soyaöl ersetzt wird, die ebenfalls höhere Emissionen verursachen als herkömmlicher Diesel.“ [7] Für Raps und Soya werden zwar keine Urwälder gerodet, doch der Flächenverbrauch ist deutlich grösser: Auf einem Hektar können vier Tonnen Palmöl produziert werden. Das ist fünfmal mehr als Rapsöl und zehnmal mehr als Soyaöl. [8] mic

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Dann abonnieren Sie doch weltinnenpolitik.net per RSS oder Email
oder folgen sie der Facebook Seite

[1] EU, 04.04.2017: MEPs call for clampdown on imports of unsustainable palm oil and use in biofuel

[2] Euractiv, 14.04.2017: Parliament committee says palm oil biofuels usage should end by 2020

[3] Reuters, 11.04.2017: Indonesia, Malaysia launch efforts to counter EU palm oil resolution

[4] Malaymail, 30.04.2017: Malaysia, Indonesia resolve to counter latest threat to palm oil

[5] Asian Correspondent, 01.05.2017: Indonesia, Malaysia and Thailand join forces against EU on palm oil

[6] T&E, April 2017: The world without food-based biofuels (PDF)

[7] T&E, 04.04.2017: MEPs demand phase out of vegetable oil biofuels by 2020

[8] gro, 08.12.2017: Palm Oil: Growth in Southeast Asia Comes With A High Price Tag

[9] Mongabay, 24.03.2017: As Thailand ramps up its palm oil sector, peat forrests feel the pressure

Das Klimapuzzle kommt zusammen

Rasante Senkung der CO2 Emissionen ist technisch, wirtschaftlich und politisch machbar

Noch lässt sich das Klima retten. Die Voraussetzungen dafür sind jedoch atemberaubend. Eine ‚sich selbst erfüllende Prophezeiung‘ soll nun dafür sorgen, dass dies dennoch gelingt: das ‚CO2-Gesetz‘ von Johan Rockström.

Die CO2-Konzentration in der Atmosphäre ist mittlerweile so hoch wie vor drei Millionen Jahren während des ‚Pliozäns‘. Damals war das Klima zwei bis drei Grad wärmer und der Meeresspiegel 25 Meter höher. Um das Ziel des Paris-Abkommens zu erreichen und die Klimaerwärmung auf „deutlich unter zwei Grad“ zu begrenzen, müssen die CO2-Emissionen folglich sehr schnell sinken. Wie schnell zeigt eine Studie von Johan Rockström und anderen im Wissenschaftsmagazin Science [1]: In den Jahren 2020 bis 2030 müssen die CO2 Emissionen halbiert werden und im folgenden Jahrzehnt erneut und dann nochmal. Im Jahr 2050 lägen die Treibhausgasemissionen der Menschheit so bei fünf Milliarden Tonnen pro Jahr. Diese müssen dann kompensiert werden, indem man der Atmosphäre fünf Milliarden Tonnen CO2 entzieht (siehe Grafik unten). Das ist knapp doppelt so viel wie jährlich durch Wälder und Böden gebunden werden. „Wir wollten zeigen, was es bedeutet, das Paris-Ziel einzuhalten“, sagte Rockström gegenüber der US-Publikation Vox. [2]

Halbieren, halbieren, halbieren, kompensieren, Null. Wenn sich die Menschheit an das 'CO2-Gesetz' von Johan Rockström hält, kann die Klimaerwärmung auf "deutlich unter zwei Grad" begrenzt werden. (Grafik: Rockström)

Halbieren, halbieren, halbieren, kompensieren, Null. Wenn sich die Menschheit an das ‚CO2-Gesetz‘ von Johan Rockström hält, kann die Klimaerwärmung auf „deutlich unter zwei Grad“ begrenzt werden. (Grafik: Rockström)

Dabei hat sich Rockström an ‚Moores Gesetz‘ aus der Computerindustrie orientiert. Dieses besagt, dass sich die Zahl der Transistoren auf einem Computerchip alle zwei Jahre verdoppelt. Über vierzig Jahre lang hatte diese Voraussage bestand, nicht zuletzt weil sich die Chipentwickler daran orientiert haben. Eine ähnlich Wirkung erhofft sich Rockström von seinem ‚CO2-Gesetz‘: „Man könnte sich vorstellen, dass dies eine selbsterfüllende Prophezeiung wird: Länder beginnen die Zwischenziele ernst zu nehmen und fangen dann an, die nötigen Innovationen zu entwickeln, damit die Prophezeiung wahr wird.“ [2] Dabei ist Rockström klar, wie schwierig die Einhaltung seines ‚CO2-Gesetzes‘ wird: „Das ist eine schnelle Reduktion der CO2-Emissionen (Dekarbonisierung), plus eine Revolution bei der Nahrungsmittelproduktion, plus einen Nachhaltigkeitsrevolution, plus ein massiver Ausbau der Techniken für die CO2-Entnahme aus der Atmosphäre.“ [2]

Was das Paris-Abkommen bedeutet, fragen sich aber nicht nur Wissenschaftler sondern auch die Wirtschaft. Der grösste Vermögensverwalter der Welt, Blackrock, der Öl- und Gaskonzern Shell, der Minenbetreiber BHP Billiton, der deutsche Energiekonzern Innogy und einige andere Konzerne haben soeben eine Studie mit der gleichen Fragestellung veröffentlicht. [3] Darin betonen die Konzerne, dass der Energieverbrauch in Ländern mit Energiearmut deutlich steigen muss, während die Emissionen weltweit schnell fallen. Diese doppelte Zielsetzung halten sie aber für „technisch und wirtschaftlich“ machbar. [3] Pro Jahr seien zusätzliche Investitionen von 300 bis 600 Milliarden Dollar erforderlich. Vor dem Hintergrund von jährlichen Investitionen in Höhe von 20‘000 Milliarden (20 Billionen) würden die zusätzlichen Investitionen aber „keine grössere, volkswirtschaftliche Herausforderung“ darstellen. [3] Ausserdem fordern die Konzerne eine CO2-Steuer von 50 Dollar pro Tonne in den 20’er Jahren und von 100 Dollar in den 30’er Jahren dieses Jahrhunderts. Die Steuer soll die Energieeffizienz steigern und „verhindern, dass fallende Preise für fossile Kraftstoffe die Geschwindigkeit der Energiewende beeinträchtigen“. [3]

Heiss. An manchen Orten macht's die Natur dem Menschen einfach wie hier in einem neuseeländischen Geothermie-Kraftwerk. (Foto: Alan Ofsoski / Flickr)

Heiss. An manchen Orten macht’s die Natur dem Menschen einfach wie hier in einem neuseeländischen Geothermie-Kraftwerk. (Foto: Alan Ofsoski / Flickr)

Für die Einhaltung des ‚CO2-Gesetzes‘ sind Solarzellen eine Schlüsseltechnologie. In einer neuen Studie in Science erörtern Nancy Haegel, Eicke Weber und andere, wie schnell sich die Kapazität der weltweit installierten Photovoltaikanlagen steigern lässt. [4] Vorletztes Jahr waren 227 Gigawatt am Netz. Die Solarindustrie geht davon aus, dass im Jahr 2030 Solaranlagen mit einer Nennleistung von 3‘000 Gigawatt am Netz sind. Die Studie zeigt aber, dass auch 10‘000 Gigawatt möglich sind. Damit liesse sich so viel Strom produzieren wie mit 2500 Atomkraftwerken und fast die Hälfte des globalen Strombedarfs decken. [5] Erforderlich dafür ist eine jährliche Wachstumsrate der Neuinstallationen von 29 Prozent. [4] Das entspricht der Wachstumsrate in den Jahren 2000 bis 2015. „Der Hauptmotor für den Solarzubau ist mittlerweile die Wirtschaftlichkeit“ sagt Weber. „Mit jeder Verdoppelung der jemals installierten Kapazität sinken die Kosten um 20 Prozent.“ Die Kosten für Solarzellen folgen damit einer ähnlichen Logik wie die Transistoren in ‚Moores Gesetz‘.

Gesetzmässig. Die Kosten für Photovoltaikmodule fallen um 20 Prozent mit jeder Verdoppelung der jemals installierten Leistung. Achtung: Die X-Achse hat eine logarithmische Skala. (Grafik: Nancy Haegel et al.)

Gesetzmässig. Die Kosten für Photovoltaikmodule fallen um 20 Prozent mit jeder Verdoppelung der jemals installierten Leistung. Achtung: Die X-Achse hat eine logarithmische Skala. (Grafik: Nancy Haegel et al.)

Dass die Rettung des Klimas „technisch und wirtschaftlich machbar“ ist, bedeutet allerdings nicht, dass sie auch politisch durchsetzbar ist. Die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten hat zudem gezeigt, dass es immer wieder Rückschläge geben wird. Zum Glück ist es aber gar nicht erforderlich, dass sich alle Länder ab sofort am ‚CO2-Gesetz‘ orientieren. Das zeigt eine neue Studie der Forscher hinter dem ‚Climate Action Tracker‘ mit dem Titel: „Es braucht nur wenige Akteure, um den Ball ins Rollen zu bringen“. [6] Als Beispiel dient ihnen der Erfolg der Erneuerbaren: „Unterstützungsmechanismen in wenigen Vorreiterländern (Dänemark, Deutschland und Spanien) und Bundesstaaten (Kalifornien und Texas) haben Forschung und Entwicklung sowie die Nachfrage angetrieben.“ [6] Bei Elekrofahrzeugen sehen sie nun eine ähnliche Koalition am Werk: „Norwegen, die Niederlande, Kalifornien und zuletzt China haben Märkte für Elektroautos geschaffen und dazu beigetragen, dass im Jahr 2016 knapp einen Million Elektroautos verkauft wurden.“ [6] Die Forscher kommen daher zum Schluss: „Einzelne Länder, die parallel handeln, haben Dynamiken ausgelöst, die globale Märkte verändern.“ [6]

Nicht Sisyphus. Der rapide Preisverfall von Solar- und Windkraft wurde von nur drei Ländern und zwei US-Bundesstaaten angeschoben. (Grafik: Climate Action Tracker)

Nicht Sisyphus. Der rapide Preisverfall von Solar- und Windkraft wurde von nur drei Ländern und zwei US-Bundesstaaten angeschoben. (Grafik: Climate Action Tracker)

Die Rettung des Klimas ist also technisch, wirtschaftlich und selbst politisch machbar. Dazu müssen aber alle Akteure in Politik und Wirtschaft wissen, welche Schlagzahl von ihnen erwartet wird. Sie brauchen einen Taktgeber – das ‚CO2-Gesetz‘ das da lautet: Halbieren, halbieren, halbieren, kompensieren, Null. mic

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Dann abonnieren Sie doch weltinnenpolitik.net per RSS oder Email
oder folgen sie der Facebook Seite

[1] Johan Rockström et al., 24.03.2017: A roadmap for rapid decarbonization

[2] Vox, 24.03.2017: Scientists made a detailed “roadmap” for meeting the Paris climate goals. It’s eye-opening.

[3] Energy Transitions Commission, April 2017: Better Energy, Greater Prosperity (PDF)

[4] Nancy Haegel et al., 14.04.2017: Terawatt-scale photovoltaics: Trajectories and challenges (PDF)

[5] World Energy Council, 2016: World Energy Perspectives 2016 (PDF)

[6] Markus Hagemann et al., April 2017: Kick-starting global decarbonisation: It only takes a few actors to get the ball rolling (PDF)

Kein Klimawandel mit der AfD

AfD Wahlprogramm fordert Stopp beim Klimaschutz und Ausstieg aus Paris Abkommen

Die AfD hat am Wochenende ihr Programm für die Bundestagswahl verabschiedet. Darin leugnet sie den menschengemachten Klimawandel und verlangt einen Stopp des Klimaschutzes. Ausserdem will sie die Atomkraftwerke länger laufen lassen.

In der Klimapolitik lässt das Grundsatzprogramm der AfD keinen Raum für Missverständnisse: „Das Klima wandelt sich, solange die Erde existiert. Die Klimaschutzpolitik beruht auf untauglichen Computer‐Modellen des IPCC („Weltklimarat“). Kohlendioxid (CO2) ist kein Schadstoff, sondern ein unverzichtbarer Bestandteil allen Lebens.“ [1] Aus Sicht der AfD sind höhere CO2-Konzentrationen sogar wünschenswert: „Je mehr es davon in der Atmosphäre gibt, umso kräftiger fällt das Pflanzenwachstum aus.“ [1] Konsequenterweise stellt das Programm dann fest: „Die AfD macht Schluss mit der ‚Klimaschutzpolitik‘“. [1]

Alternative fürs Klima. Die Illuminaten hatten sich der Aufklärung verschrieben und kämpften gegen Aberglauben und Obskurantismus. Daher nahmen sie auch die Eule der Minerva als ihr Symbol. Wer heute wie die AfD an Geheimbünde glaubt, hat mit der Göttin der Weisheit meist wenig am Hut. (Bild: Wikipedia)

Alternative fürs Klima. Die Illuminaten hatten sich der Aufklärung verschrieben und kämpften gegen Aberglauben und Obskurantismus. Daher nahmen sie auch die Eule der Minerva als ihr Symbol. Wer heute wie die AfD an Geheimbünde glaubt, hat mit der Göttin der Weisheit meist wenig am Hut. (Bild: Wikipedia)

Diese Forderung gilt nicht nur für die nationale sondern auch für die internationale Ebene, wie das am Wochenende in Köln verabschiedete Programm für die Bundestagswahl zeigt: „Das Pariser Klimaabkommen ist zu kündigen. Deutschland soll aus allen staatlichen und privaten ‚Klimaschutz‘-Organisationen austreten und ihnen jede Unterstützung entziehen.“ [2] Dass Deutschland damit zum Pariah der Weltgemeinschaft würde, erwähnt die Partei aber nicht. Das Paris Abkommen wurde von nahezu allen Ländern der Welt unterschrieben und mittlerweile von 143 Ländern ratifiziert. Diese machen 83 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen aus. [3]

Zur Stromerzeugung setzt die AfD auf Kohle und Atom und verlangt: „Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) ist ersatzlos zu streichen.“ [2] Dafür fordert sie den Ausstieg aus dem Atomausstieg: „Die bestehenden Kernkraftwerke wollen wir nicht vor Ende ihrer Nutzungsdauer außer Betrieb nehmen.“ [2] Ein besonderes Anliegen ist der Partei, wertvollen Atommüll für die Nachwelt zu sichern: „Verwertbare Kernkraftwerk-Reststoffe müssen für das Recycling rückholbar gelagert werden.“ [2] Ausserdem soll in die weitere Erforschung der Kernenergie investiert werden: „Zur Erhaltung der kerntechnischen Kompetenz wird eine umfangreiche Beteiligung an internationalen Forschungsprojekten gefordert.“ [2]

Wie viele Leugner des Klimawandels hält die AfD den Klimawandel letztlich für eine Verschwörung: „Unter dem Schlagwort ‚Klimaneutrales Deutschland 2050‘ durch ‚Dekarbonisierung‘ missbraucht die deutsche Regierung die steigende CO2‐Konzentration zur ‚Großen Transformation‘ der Gesellschaft, mit der Folge, dass die persönliche und wirtschaftliche Freiheit massiv eingeschränkt wird.“ [1] Warum die Bundesregierung ein Interesse daran haben sollte, die „persönliche und wirtschaftliche Freiheit massiv“ zu beschneiden, erklärt die Partei allerdings nicht. Voraussichtlich liegt es daran, dass sich die Bundesregierung im AfD-Weltbild längst nicht mehr dem Gemeinwohl verpflichtet fühlt: „Heimlicher Souverän in Deutschland ist eine kleine, machtvolle politische Oligarchie.“ [2] Wie es dieser kleinen Gruppe gelungen ist, Tausende von Wissenschaftlern in hunderten von Forschungsinstituten rund um die Welt vom treibhausgasbedingten Klimawandel zu überzeugen, behält die AfD dem Leser ihres Programms aber vor. Derartige Finessen sind der Partei wohl egal. Hauptsache der Klimaschutz wird gestoppt und die Atomkraftwerke laufen weiter. mic

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Dann abonnieren Sie doch weltinnenpolitik.net per RSS oder Email
oder folgen sie der Facebook Seite

[1] AfD, 2016: Programm für Deutschland (Grundsatzprogramm) (PDF)

[2] AfD, April 2017, Programm für die Wahl zum deutschen Bundestag am 24. September 2017 (PDF)

[3] PiK, Stand 25.04.2017: Entry Into Force of the Paris Agreement