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Von Ninjas und Luxemburgerli

Sparen oder ausgeben – das richtige Mass zu finden ist nicht einfach

Es ist noch wenig los. Ich setze mich ans Fenster und bestelle einen Kaffee. Es schneit kleine Flocken wie Puderzucker auf einem Apfelstrudel. Der Kaffee kostet 5.30, dafür ist es warm. Das alteingesessene Kaffeehaus am Paradeplatz verströmt eine Atmosphäre von Sicherheit und Wohlstand. Draussen ist es kalt und die Passanten versuchen sich ihre Sorgen über die Krise nicht anmerken zu lassen. Die Bildschirme im Schaufenster der Bank gegenüber spenden mal wieder keinerlei Trost: Alle Pfeile neben den Börsenkursen zeigen nach unten. Auch heute lösen sich wieder Millionen in Luft auf.

Angefangen hat es in Amerika. Die dortigen Banker hatten geglaubt ihr Geschäft neu erfunden zu haben. Anstatt einfach Geld zu verleihen und mit den Zinsen einen kleinen aber relativ sicheren Gewinn zu erzielen, begannen sie die einzelnen Kredite zu bündeln und weiterzuverkaufen. So konnten sie immer mehr Kredite vergeben, bis ihnen die kreditwürdigen Schuldner ausgingen. Und so vergaben sie Kredite an Leute, die eigentlich keine hätten bekommen sollen. „Subprime“ hiess diese Kategorie. Das Geschäft lief gut. Auch die Banker rund um das Café stiegen ein. Das Karussell der Gier drehte sich immer schneller. Schliesslich bekamen auch Ninjas Kredit. Ninjas – No Income, No Job, No Assets (kein Einkommen, keine Arbeit, kein Vermögen). Die Banker wären besser bei ihrem althergebrachten, vielleicht etwas langweiligen Geschäftsgebaren geblieben. So wie das Rezept für Luxemburgerli ja auch nicht geändert wird.

Aber sind ein paar gelangweilte Banker wirklich schon die ganze Erklärung? Braucht es nicht mehr, um die Weltwirtschaft in die Knie zu zwingen? Es braucht mehr. Es braucht Geld, viel Geld. Und Geld war da. Nach den Anschlägen vom 11. September und dem Platzen der Internetblase hatte die amerikanische Nationalbank massiv die Zinsen gesenkt. Geld war billig und im Überfluss vorhanden. Denn gleichzeitig erhöhte China seine eh schon phänomenale Sparquote noch mal um ein Fünftel. Das Wirtschaftswunderland im Osten spart jetzt die Hälfte seines Einkommens. Das ermöglicht es den Amerikanern überhaupt nicht mehr zu sparen. Arme chinesische Fabrikarbeiter finanzieren also den Amerikanern die immer grösseren Autos, Fernseher und Häuser. Es ist paradox: Weil die einen zuviel sparen, bekommen plötzlich Leute, die zuwenig sparen Kredit. Und die Zeche für diesen Irrsinn zahlen jetzt alle.

Früher war das irgendwie anders. Es gab mal eine Zeit, als die ganze Welt Amerika Geld geschuldet hat. Heute schulden die Amerikaner allen Geld. Aber hat sich nicht auch bei uns etwas verändert? Gehen nicht auch bei uns die Menschen sorgloser mit ihrem Geld um? Überhaupt, wieviel von seinem Geld soll man ausgeben und wieviel sparen? Das richtige Mass zu finden ist nicht einfach. Klar ist nur, dass es in keinem der beiden Extreme – krankhaftes Sparen oder massloser Konsum – liegen kann. Schon die Bibel lehnt sowohl Geiz wie auch Völlerei als Todsünden ab. Auch soll man nicht sein Leben dem Mammon unterordnen. Wie man sich aber in der Konsumwelt des 21. Jahrhunderts verhalten soll, sagt uns weder die Bibel noch eine andere Religion oder Philosophie. Jeder muss für sich das richtige Mass finden.

Der wichtigste Faktor ist hier das objektive und subjektive Sicherheitsbedürfnis oder umgekehrt, das objektive Lebensrisiko und die subjektive Risikobereitschaft. Hinsichtlich der Lebensrisiken sind wir in der Schweiz in einer ausgesprochen privilegierten Position. Der Sozialstaat hat für uns Vorkehrungen getroffen, um Armut im Alter oder wegen Arbeitslosigkeit und Krankheit weitgehend zu vermeiden. Objektiv haben wir also immer weniger Anlass zum Sparen. Subjektiv ist entscheidend, für wie sicher wir unser Einkommen, also meist den Arbeitsplatz und das Wirtschaftssystem als Ganzes einschätzen. Ältere Menschen, die die Weltwirtschaftskrise der Dreissiger Jahre und den Zweiten Weltkrieg erlebt haben, dürften daher eine höhere Sparneigung haben als Jüngere, die sich höchstens an die Ölkrisen erinnern.

Ein weiterer Faktor, der über die Sparneigung entscheidet, sind die familiären Umstände. Wer keine Kinder hat, denen er eine teure Ausbildung finanzieren muss oder gar etwas vererben will, braucht weniger zu sparen. Je weniger Kinder es gibt desto weniger muss gespart werden. Umgekehrt sollte aber die stetig steigende Scheidungsquote die Leute zum vermehrten Sparen anregen. Lässt sich ein Paar scheiden, steigen die Lebenshaltungskosten markant an und das Einkommen, das zuvor gereicht hat, reicht plötzlich nicht mehr.

Schliesslich ist die Verfügbarkeit von Krediten ein wichtiger Faktor, der über die Sparneigung entscheidet. Wenn es keine Kredite zum Beispiel für den Hausbau gibt, bleibt den Menschen gar nichts anderes übrig als zu sparen. So führt die Weltbank die Sparwut der Chinesen unter anderem auf das schlechte Funktionieren der chinesischen Kreditmärkte zurück. Je einfacher man an Kredite kommt, desto weniger muss man sparen.
Aber genau hier beginnt die Sache natürlich zweischneidig zu werden. Denn nicht zuletzt die einfache Verfügbarkeit von Krediten hat ja den Absturz der amerikanischen Sparquote auf Null erst ermöglicht und die Grundlage für die transatlantische Schuldenkultur geschaffen. Und auch bei uns hat eine Bank plakatiert: „Kredit bekommen, Cabrio gekauft“. Dabei dient der Kredit wohl in vielen Fällen nur dazu, die Anzahlung auf das Cabrio zu leisten, das dann geleast wird. Längst ist das Kreditgeschäft nämlich nicht mehr alleine Domäne der Banken. Jedes Radiogeschäft offeriert Ratenzahlung und Leasing. Coop und Migros ködern ihre Kunden mit kostenlosen Kreditkarten. Konsumkredite werden aggressiv beworben. Wenn der Automat kein Geld mehr ausspukt, füllt man im Internet halt schnell einen Kreditantrag aus und schon liegt einem die Warenwelt wieder zu Füssen. Und diese dreht sich immer schneller. Das Warenangebot nimmt ständig zu und die Modelle wechseln immer häufiger. Wo es früher noch eine Sommer- und eine Winterkollektion gab, gibt es heute neue Trends im Monatsrhythmus. Wer da mithalten will braucht Geld und sei es fremdes. „Das Problem der Überschuldung frisst sich in die Mittelschicht vor.“ sagt Susanne Johannsen, Leiterin der Fachstelle für Schuldenfragen im Kanton Zürich.

Aber heisst das nun, dass sich in der Schweiz der Umgang mit Geld geändert hat oder heisst es nur, dass durch das grössere Waren- und Kreditangebot mehr Menschen Mühe haben ihr Geld beisammenzuhalten? Betrachtet man die Sparquote der privaten Haushalte besteht kein Grund zur Besorgnis. Sie ist im internationalen Vergleich hoch und in den letzten Jahren relativ stabil. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Das Vermögen der Schweizer gehört grösstenteils einigen wenigen. Knapp zwei Drittel der Bevölkerung hat ein Vermögen von weniger als 100’000 Franken. Der Soziologe Ueli Mäder warnt daher vor einer Refeudalisierung der Schweiz, einer Rückkehr des Ständestaats. Das mag übertrieben sein. Trotzdem verstecken sich hinter der durchschnittlichen Sparquote einige wenige, die viel sparen und immer reicher werden, und viele andere, die über kein nenneswertes Vermögen verfügen.

Auf der Ausgabenseite haben wir einen zunehmenden Hedonismus. Die Menschen werden genussorientierter bei abnehmender Bereitschaft sich den kleinen Luxus im Alltag zuerst zu verdienen. An die Stelle von Vorsparen treten Kredite und „Nachsparen“. Doch diese Entwicklungen gehen langsam vonstatten und sind durchaus umkehrbar. So hat sich in den letzten Monaten die Sparquote in Amerika von Null auf 2,4 Prozent verbessert. Für manchen ist die Wirtschaftskrise wohl ein heilsamer Schock. Wenn jemand einmal einen Kredit aufnimmt, heisst das auch nicht automatisch, dass er grundsätzlich nicht mit Geld umgehen kann. Der Anteil derer die Schulden haben ist zudem relativ klein. Selbst Jugendliche können trotz Handy meist durchaus haushalten: Eine Studie der deutschen Regierung hat ergeben, dass sechs Prozent der 10 bis 17 jährigen verschuldet sind. Ein grundsätzlicher Wandel im Umgang mit Geld lässt sich hier nicht erkennen.
Es hat mittlerweile aufgehört zu schneien und die Sonne wagt sich hinter den Wolken hervor. „Möchten Sie noch einen Kaffee?“ fragt eine Serviererin. Da ist sie wieder die Frage: Sparen oder ausgeben? Ich entscheide mich für sparen und bezahle meine 5,30. Draussen ist die Luft kalt und klar. Ich gehe Richtung See und erfreue mich am Anblick der Berge.

„Im Alter wird man sparsamer”

Der Psychologe Dr. Hans-Georg Häusel erklärt was unser Ausgaben- und Sparverhalten steuert
Ob jemand sparsam mit seinem Geld umgeht hängt nicht nur von seiner finanziellen Situation und seinem sozialen Umfeld sondern auch von der Persönlichkeit ab.

Q: Herr Häusel, manche Menschen ruinieren sich sehenden Auges während andere auch mit geringen Mitteln zu haushalten, ja zu sparen wissen. Woran liegt das?

A: Unser Ausgaben- und Sparverhalten wird durch drei sogenannte Emotionssysteme gesteuert. Diese Systeme sind bei allen Menschen vorhanden, aber unterschiedlich stark ausgeprägt. Daher kommt das unterschiedliche Verhalten.

Q: Können Sie diese drei Emotionssysteme kurz erklären?

A: Wir haben das Stimulanz- und das Dominanzsystem, die uns veranlassen Geld auszugeben und das Balance oder Gleichgewichtsprogramm, das uns zum sparen anhält.
Das Stimulanzsystem ist der Wunsch nach immer neuen Reizen und Erfahrungen. Es veranlasst uns unbekannte Gerichte auszuprobieren oder zu reisen. Es macht uns neugierig.
Das Dominanzsystem beinhaltet unser Streben nach Macht und Autorität. Es fördert die Risikobereitschaft und motiviert uns gewinnen zu wollen und als erfolgreich anerkannt zu werden. Der Kauf eines teuren Sportwagens wird vom Dominanzsystem veranlasst.

Q: Und wann wird gespart?

A: Das Balance oder Gleichgewichtsprogramm versucht für Sicherheit und Beständigkeit zu sorgen. Es veranlasst uns zu sparen. Die Volksweisheit „Spare in der Zeit, so hast du in der Not“ ist Ausdruck des Balance Programms.

Q: Und welches der drei Systeme ist nun für den Wunsch nach mehr Besitz und Einkommen verantwortlich?

A: Alle drei. Der Wunsch nach Besitz egal ob in Form von Geld oder Gütern ist Teil von allen drei Systemen. Nur die Motivation ist eben jeweils eine andere. Einmal ist es Stimulanz, einmal Dominanz und einmal Sicherheit.

Q: Heisst das nun, dass der sorgsame oder sorglose Umgang mit Geld angeboren ist?

A: Grob kann man sagen, dass unser Verhalten je zur Hälfte angeboren und angelernt ist. Ausserdem spielen natürlich die Umstände, die aktuelle Situation eine Rolle. Wenn das Umfeld euphorisch gestimmt ist, lässt man sich mitreissen, wenn es eher depressiv ist, wird man selber auch vorsichtiger.

Q: Wenn Eltern den Eindruck haben ihre Kinder gingen sorglos mit Geld um, dann ist das also Folge des Erlernten?

A: Ja und Nein. Meine Eltern, die die Weltwirtschaftskrise und den Krieg mitgemacht haben, haben gelernt vorsichtig mit Geld umzugehen. Meine Töchter hingegen haben vom Leben noch nie „eins aufs Maul bekommen“. Sie sind sorgloser, genussorientierter. Soweit also zum angelernten Teil des Umgangs mit Geld.

Q: Und der andere Grund, warum Eltern meinen ihre Kinder seien zu sorglos?

A: Im Alter wird man sparsamer. Das Balance Programm wird wichtiger und die Stimulanz- und Dominanzsysteme schwächer. Ausserdem haben Untersuchungen gezeigt, dass ältere Menschen mit weniger Geld auf das gleiche Zufriedenheitsniveau kommen als jüngere. Sie brauchen rund 10 bis 15 Prozent weniger Geld um gleich zufrieden zu sein.

Q: Gibt es vom Alter abgesehen andere Faktoren wie Geschlecht oder Konfession, die unseren Umgang mit Geld beeinflussen?

A: Katholiken sind etwas genussorientierter als Protestanten. Wie ja schon Max Weber erkannt hat, beruht die protestantische Ethik auf Leistung und Sparen. Auch sind Frauen sparsamer als Männer. Und wenn sie etwas kaufen, dann ist das eher vom Stimulanzsystem und bei Männern eher vom Dominanzsystem her motiviert. Die Unterschiede sind aber gering.

Q: Wie steht es mit den Unterschieden zwischen verschiedenen Nationalitäten? In Amerika zum Beispiel ist die Sparquote gleich Null.

A: Die Amerikaner sind risikofreudiger. Man darf nicht vergessen, dass Amerika von Abenteurern gegründet wurde. Sie haben mehr Testosteron im Blut. Das kann man messen. Insgesamt sind aber die Unterschiede zwischen einzelnen Personen in einem Land viel grösser, als die Unterschiede zwischen Ländern.

Q: Woher kommt es, dass „Schulden machen“ bei uns als etwas negatives gesehen wird?

A: 60 Prozent der Menschen sind eher konservativ eingestellt. Ausserdem wird unsere Gesellschaft immer älter und somit weniger risikofreudig. Die zuvor erwähnte Volksweisheit ist also weitherum anerkannt.

Q: Aber nimmt die Bedeutung von Besitz nicht eher zu?

A: Unsere Gesellschaft wird hedonistischer, also genussorientierter. Das Stimulanzsystem wird stärker. Ausserdem geben uns die Medien natürlich Rollenbilder vor: Reiche und Stars. Aber eigentlich müsste man das einen Soziologen oder Kommunikationswissenschaftler fragen.

Q: Wie beurteilen Sie die zunehmende Verbreitung von Plastikgeld oder Kreditkarten? Merken die Leute überhaupt noch wenn sie Geld ausgeben?

A: Bei Bargeld hat man die haptische Erfahrung. Man spürt die Münzen und Scheine, die man weggibt, wenn man etwas kauft. Wir wissen aus Untersuchungen, dass Menschen mit Kreditkarten tendenziell mehr Geld ausgeben. Es fehlt das Gefühl etwas wegzugeben.

Q: Zusammenfassend kann man also sagen, dass unser Umgang mit Geld …

A: … von drei Faktoren bestimmt ist: Erstens unserer genetischen Ausstattung die sich von Generation zu Generation nicht verändert. Zweitens von dem was wir gelernt haben und da ging es uns in den letzten 50 Jahren ja eigentlich immer besser. Das wird sich mit der aktuellen Krise aber möglicherweise ändern. Und drittens hängt unser Verhalten von den situativen Umständen ab. Dazu gehört zum Beispiel die Stimmung in unserem sozialen Umfeld.

Dr. Hans-Georg Häusel ist promovierter Psychologe. Er ist Autor zweier Bücher über Marketing-orientierte Hirnforschung: „Think Limbic“ und „Brain View“. Ausserdem ist er Partner des auf neuronales Marketing spezialisierten Beratungsunternehmens Gruppe Nymphenburg (www.nymphenburg.de).

Nicht überall wird Geld „verdient“

Der Umgang mit Geld spiegelt sich auch in der Sprache. Während wir im Deutschen Geld „verdienen“, also einen gerechten Lohn für geleistete Arbeit bekommen, kommen Menschen in anderen Sprachkulturen anders zu ihrem Einkommen. Engländer „ernten Geld“ (earn money) nachdem sie gesät haben. Amerikaner hingegen „machen Geld“ (make money), wohl eine Referenz an die Industriegesellschaft. Unsere Nachbarn die Franzosen wiederum „gewinnen Geld“ (gagner de l’argent), was schon sehr viel unsicherer erscheint. Und die armen Ungarn „suchen Geld“.

Banking unter den Augen des Pharao

Wie Quittungen zu einem anerkannten Zahlungsmittel wurden

“Als ich klein war, glaubte ich, Geld sei das wichtigste im Leben. Heute, da ich alt bin, weiss ich: Es stimmt.” – Oscar Wilde, Das Bildnis des Dorian Gray, Kapitel 3 / Lord Fermor, Lord Henry

Angenommen Sie wären Coiffeur und wollten einen Fernseher kaufen. Ohne Geld müssten sie ein Fernsehgeschäft finden, dessen Besitzer bereit ist, Ihnen einen Fernseher zu geben und sich dafür fünf Jahre lang bei Ihnen die Haare schneiden lässt. Sie müssten tage- wenn nicht wochenlang mit den Besitzern von Fernsehgeschäften verhandeln und kämen nicht zum arbeiten. Mit Geld ist das viel einfacher. Sie verkaufen Ihre Haarschnitte gegen Geld und benutzen dann dieses Geld um sich den Fernseher Ihrer Träume zu kaufen. Geld ist also ein „Zwischentauschmittel“.

Weil Geld so unglaublich praktisch ist, gibt es derartige Zwischentauschmittel schon seit über 100’000 Jahren. Damals benutzte man Muscheln oder Elfenbein als Tausch- und Wertaufbewahrungsmittel, die zweite wichtige Funktion von Geld. Das erste Geld war also Warengeld. Man rechnete alle Preise in eine Standardware wie Getreide oder eben Schmuck (Muscheln etc.) um. Die dritte Funktion von Geld ist also, das es als einheitlicher Wertmassstab dient. Vor 2600 Jahren erfanden die Lydier dann geprägte Münzen aus Gold. Diese hatten den Vorteil, das man sie nicht mehr wiegen musste, sondern abzählen konnte. Der Wert des Geldes war aber immer noch in den Münzen selber enthalten. Man konnte sie einschmelzen und zu Schmuck verarbeiten.

Den Schritt zu Geld, das einen Wert nur repräsentiert, haben dann die alten Ägypter um 330 v. Chr. vollzogen. Die Bauern deponierten ihr Getreide in Getreidebanken und bekamen dafür eine Quittung. Diese Quittungen entwickelten sich dann rasch zu einem allgemein anerkannten Zahlungsmittel. Man händigte bei einem Kauf nicht mehr das Getreide selbst sondern nur noch das Anrecht auf eine bestimmte Menge Getreide in der Getreidebank aus. Der eigentliche Wertgegenstand, das Getreide, blieb in der Bank. Geld wurde zum ersten Mal abstrakt, indem der, aus wertlosem Material bestehenden, Quittung, ein Wert zugemessen wurde – eine enorme zivilisatorische Leistung.

Ausserdem ermöglichten die Getreidequittungen die Entstehung des modernen Bankwesens. Die Getreidebanken konnten mehr Quittungen ausgeben, als sie Getreide vorrätig hatten. Sie konnten Kredite vergeben. Die im Umlauf befindlichen Quittungen waren nun einerseits durch den Getreidevorrat und andererseits durch die Aussenstände der Getreidebank gedeckt. Das Vertrauen, das die Quittungen etwas wert waren, bezog sich nun nicht mehr auf den Getreidevorrat selber, sondern auf die Solidität der Getreidebanken.

Ganz ähnlich operierten nach der Erfindung von Papiergeld die Banken. Für das Gold, das in ihren Tresoren lag, druckten sie Anrechtsscheine, sogenannte Banknoten. Der Wert der im Umlauf befindlichen Banknoten übertraf dabei das tatsächlich vorhandene Gold um ein Vielfaches. Jede Bank druckte ihr eigenes Geld. In den USA gab es im 19. Jahrhundert über 5000 verschiedene derartige Banknoten. Erst 1913 wurde die Federal Reserve Bank (Fed), die amerikanische Zentralbank, gegründet. Die Schweiz war da etwas schneller: 1907 erhielt die Schweizerische Nationalbank (SNB) das Monopol auf die Ausgabe von Banknoten und die verschiedenen kantonalen Währungen wurden abgeschafft.

Noch immer waren die Banknoten aber Anrechtsscheine auf Gold, das die Nationalbanken in ihren Tresoren horteten. Aber wie schon bei den ägyptischen Getreidebanken überstieg das umlaufende Geld das zur Deckung dienende Gold bei Weitem. Als der Goldstandard 1973 endgültig abgeschafft wurde, war nur noch 0,5 Prozent des Geldes tatsächlich mit Gold gedeckt. Das Vertrauen in die Werthaltigkeit der Scheine bezog sich nicht länger auf die Solidität einer einzelnen Organisation, sondern auf die Wirtschaftskraft eines Landes.

Neben den klassischen Währungen die von Zentralbanken ausgegeben werden, existieren aber nachwievor private Parallelwährungen. So gibt in der Schweiz die WIR Bank (früher Wirtschaftsring-Genossenschaft) ihr eigenes Geld, eben die WIR heraus. International bedeutsam sind ausserdem Flugmeilen. Nach einer Berechnung der englischen Zeitschrift The Economist übertrifft der Wert der, von Vielfliegern angesammelten, Bonusmeilen den Wert aller US-Dollar Noten. Längst bekommt man nicht nur beim Fliegen diese Bonusmeilen, sondern auch, wenn man mit seiner Kreditkarte einkauft oder ein Auto mietet. Bei den Flugmeilen sieht man aber auch, was passiert wenn eine Bank, hier also die Fluggesellschaften, zuviel Geld ausgibt. Es entsteht Inflation. Man braucht immer mehr Meilen für einen „Gratis“flug.

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