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Grossbritannien bräuchte 500 Handelsdiplomaten

Das Netz der EU-Handelsverträge lässt sich nicht schnell ersetzen

Wenn Grossbritannien aus der EU ausscheidet muss es mit der EU einen Vertrag aushandeln. Hinzu kommen Verhandlungen, mit all den Ländern die ein Handelsabkommen mit der EU haben. Doch von den dafür erfoderlichen 500 Handelsdiplomaten hat Grossbritannien nur 25.

Die Brexit Befürworter haben stets betont, dass Grossbritannien ohne die EU einfacher Handelsverträge mit Drittstaaten aushandeln könne. Boris Johnson sagte in einer Rede im Mai: „Für Jahrzehnte wurde ein Abkommen mit den USA von der französischen Filmindustrie blockiert und die aktuellen TTIP Verhandlungen kommen nicht voran, weil die griechischen Hersteller von Feta etwas gegen amerikanischen Feta haben.“ [1] Der Umkehrschluss: Wenn sich nur noch Briten und Amerikaner gegenüber sitzen, geht Alles einfacher und schneller.

Filigran. So wie ein Spinnennetz schnell zerrissen ist, ist auch das Netz der EU-Handelsverträge leicht zerstörbar. Es wieder zu knüpfen dauert Jahre und erfordert geschickte Verhandler. (Foto: skeeze / pixabay)

Filigran. So wie ein Spinnennetz schnell zerrissen ist, ist auch das Netz der EU-Handelsverträge leicht zerstörbar. Es wieder zu knüpfen dauert Jahre und erfordert geschickte Verhandler. (Foto: skeeze / pixabay)

Dies könnte sich als Illusion herausstellen: „Da die EU seit den 70er Jahren die Führung in Handelsverhandlungen hat, verfügt Grossbritannien schlicht nicht über das Personal mit dem richtigen technischen Wissen“, schreibt Miriam Gonzales Durantez von der englischen Anwaltskanzlei Dechert in einem Beitrag in der Financial Times. [2] Die ehemalige EU-Handelsdiplomatin warnt: „Nicht-EU-Länder haben britischen Firmen Zugang zu ihren Märkten gegeben im Austausch für Zugang zu den 500 Millionen Konsumenten in der EU. Da der britische Markt nur 67 Millionen Konsumenten hat, ist es nur natürlich, dass diese Länder Neuverhandlungen verlangen werden.“ Solche Verhandlungen sind personalintensiv: Auf EU-Seite seien „typischerweise 20 Diplomaten und 25 bis 40 technische Experten beteiligt.“

Und dann macht Durantez eine Rechnung auf: „Selbst wenn Drittstaaten bereit wären auf Grundlage der bestehenden Abkommen (zwischen der EU und diesen Ländern) zu verhandeln, braucht Grossbritannien 500 Unterhändler, die ein Jahrzehnt hart arbeiten.“ Doch selbst wenn alle britischen Handelsdiplomaten aus Brüssel abgezogen würden, käme man nur auf ein Team mit rund 25 Leuten. Grossbritannien müsste folglich versuchen, 475 ausländische Verhandler zu rekrutieren – ein Unterfangen, das aus Sicht von Durantez „mehr als Glück erfodert.“

Hinzu kommt, dass Grossbritannien ja auch noch mit der EU verhandeln müsste. Hier hat der britische Think Tank Open Europe die Chancen Grossbritanniens in den verschiedenen Branchen analysiert: [3] Grob gesagt stehen die Aussichten für einen einfachen Zugang zum EU-Markt beim Güterhandel besser als beim Handel mit Dienstleistungen. Das liegt zum einen daran, dass die EU gegenüber Grossbritannien beim Güterhandel einen Überschuss von mehr als 60 Milliarden Pfund verzeichnet. Selbst als EU-Inländer sind britische Hersteller keine grosse Konkurrenz. Anders bei Dienstleistungen: Hier hat Grossbritannien einen Überschuss von rund 10 Milliarden Pfund pro Jahr. Zum anderen liegt es aber auch an der Natur der Handelshindernisse. EU-Zölle auf Güterimporte sind meist relativ niedrig während der Import von Dienstleistungen durch EU-Vorschriften erschwert wird, die Grossbritannien nicht einfach wegverhandeln kann. So schätzt Open Europe die Chance auf einfachen Zugang zum EU-Markt für Finanzdienstleistungen nur als „niedrig“ ein. [3 s. S. 31] Aber auch manche Güter wären durch einen Brexit beeinträchtigt: Britische Autohersteller könnten sich einem EU-Zoll von zehn Prozent gegenübersehen.

Noch nicht berücksichtigt sind zudem Verhandlungen über einen vielleicht erfoderlichen Neu-Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO. Deren Chef Roberto Azevedo warnt: Britische Rechte in der WTO befänden sich im Falle eines Brexit „in einem Vakuum“. „Es ist sehr wahrscheinlich, dass die EU und Grossbritannien mit allen WTO Mitgliedern verhandeln müssen.“ [4] Angesichts dieser Aussichten kam Rodney Baron Leach of Fairford, der soeben verstorbene Vorsitzende von Open Europe, zum Schluss: „Wenn Grosbritannien soviel Aufwand betreiben würde, um die EU zu reformieren, wie sie bräuchte, um einen Brexit zum Erfolg zu führen, wären Grossbritannien und die EU besser dran.“ mic

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[1] Guardian, 14.05.2016: Boris Johnson accused of ‘dishonest gymnastics’ over TTIP U-turn

[2] Financial Times, 31.05.2016: Britain lacks the skills to go solo on trade deals

[3] Open Europe, März 2015: What if…? The Consequences, challenges & opportunities facing Britain outside EU (PDF)

[4] Reuters, 06.06.2016: World trade chief says post-Brexit ‘WTO option’ may be unfeasible for UK

[5] Open Europe, What if…? The consequences, challenges and opportunities facing Britain outside the EU

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