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Oben rum ist kürzer

Wegen des Klimawandels sind die Nordwest- und die Nordostpassage bald schiffbar

Das Eis am Nordpol sei in einer „Todesspirale“ sagt der Chef des amerikanischen Snow and Ice Data Centers. Dieses Jahr könnte gar der Minusrekord aus dem Jahr 2007 gebrochen werden. In wenigen Jahren dürfte das Polarmeer im Sommer gar eisfrei sein, 80 Jahre früher als die Wissenschaftler vom IPCC noch vor drei Jahren vorausgesagt haben.

Das ist eine schlechte Nachricht für die Eisbären und eine gute Nachricht für die Reedereien. Denn, wenn das Polarmeer eisfrei ist, werden die Nordwest- und die Nordostpassage schiffbar. Erstere führt entlang der kanadischen Küste und zweitere entlang der russischen Küste. Letztes Jahr hat die Hamburger Reederei Beluga bereits die Nordostpassage mit zwei Frachtschiffen durchfahren. Im Vergleich zur Route durch den Suezkanal haben die beiden Frachter auf dem Weg von Korea nach Rotterdam 4000 Seemeilen (ca. 7400 Kilometer) eingespart. Das Unternehmen sagt, dass es dank dieser Abkürzung die Transportkosten um 300 000 Euro pro Schiff drücken konnte.

Mit dem Schmelzen des Eises bekommen die Nordpolanrainer so zwei Schifffahrtslinien von geostrategischer Bedeutung „geschenkt“. Denn die beiden Alternativrouten, der Suez- und der Panamakanal, mussten erst mühselig gebuddelt werden, während das Eis „von selber“ schmilzt. Wie bedeutsam diese Entwicklung ist zeigt ein Blick auf die Geschichte des Suezkanals. Der 1869 eröffnete Kanal war von zentraler Bedeutung für das britische Weltreich. Es ermöglichte nicht nur den schnellen Transport von Waren sondern auch von Truppen. Der Kanal hatte die Wirkung eines „Turboladers für das Empire“ wie Cleo Paskal in ihrem Buch „Global Warring“ schreibt. Und auch heute noch beruht die Herrschaft über die Meere durch die US Marine nicht zuletzt auf der Kontrolle der wichtigsten Seelinien und vor allem deren Nadelöhre. So verwundert es nicht, dass Ägypten als Besitzer des Suezkanals nach Israel und dem Irak der drittwichtigste Empfänger von US Militär- und Entwicklungshilfe ist.

In einer Zeit, in der die Vorherrschaft des Westens zunehmend unter Druck gerät, müssten die Strategen in Washington und Brüssel (wie auch in Moskau) um diese beiden „geschenkten“ Seewege also froh sein. Doch zumindest die Amerikaner scheinen die Entwicklung zu verschlafen. Wie der New York Times Blogger Andrew Revkin schreibt, verfügen die USA derzeit über keinen seetüchtigen Eisbrecher. Die beiden, die sie haben, sind altersschwach und liegen im Reparaturdock. Und für neue Schiffe ist kein Geld da. Damit gibt sich Amerika eine Blösse und das ausgerechnet gegenüber China. Die Strategen in Peking scheinen begriffen zu haben, dass der Klimawandel dabei ist die Weltkarte der Seeverbindungen neu zu zeichnen: Der erste chinesiche Eisbrecher wird 2013 in Dienst gestellt. „Die Arktis gehört allen Menschen“ wird Admiral Yin Zhuo in der Toronto Sun zitiert. Und da China ein Fünftel der Weltbevölkerung ausmacht, will es auch ein Fünftel der dort vermuteten Ressourcen. „China muss eine unersetzliche Rolle in der Arktis spielen.“ sagt der Admiral.

Derweil streiten sich die USA und Kanada. Die Kanadier betrachten die Nordwestpassage als kanadische Territorialgewässer. Ab 1. Juli müssen sich grössere Schiffe, die im hohen Norden unterwegs sind, erst bei der kanadischen Küstenwache anmelden. Die USA hingegen bestehen darauf, dass die Passage ein internationales Gewässer darstellt und jedes Land sie ohne Einschränkung selbst zum Truppentransport nutzen darf. Und alle Anrainer rüsten auf: Russland hat vorsorglich schon mal eine Fahne auf dem Meeresgrund am Nordpol aufgestellt. Dänemark, Schweden und Norwegen führen nicht nur Manöver im hohen Noden durch, sondern verstärken auch ihre Militärpräsenz. Kanada hat seine gigantischen Flächen nördlich des Polarkreises zur wichtigsten Priorität für die nationale Sicherheit erklärt. Und die USA haben eine neue Arktispolitik verabschiedet, die vor allem auch militärische Überlegungen mitberücksichtigt. Das Rennen um die Kontrolle der Schiffahrtslinien (und die Rohstoffe) im Polarmeer ist also bereits im Gang. mic

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