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Das Klimapuzzle kommt zusammen

Rasante Senkung der CO2 Emissionen ist technisch, wirtschaftlich und politisch machbar

Noch lässt sich das Klima retten. Die Voraussetzungen dafür sind jedoch atemberaubend. Eine ‚sich selbst erfüllende Prophezeiung‘ soll nun dafür sorgen, dass dies dennoch gelingt: das ‚CO2-Gesetz‘ von Johan Rockström.

Die CO2-Konzentration in der Atmosphäre ist mittlerweile so hoch wie vor drei Millionen Jahren während des ‚Pliozäns‘. Damals war das Klima zwei bis drei Grad wärmer und der Meeresspiegel 25 Meter höher. Um das Ziel des Paris-Abkommens zu erreichen und die Klimaerwärmung auf „deutlich unter zwei Grad“ zu begrenzen, müssen die CO2-Emissionen folglich sehr schnell sinken. Wie schnell zeigt eine Studie von Johan Rockström und anderen im Wissenschaftsmagazin Science [1]: In den Jahren 2020 bis 2030 müssen die CO2 Emissionen halbiert werden und im folgenden Jahrzehnt erneut und dann nochmal. Im Jahr 2050 lägen die Treibhausgasemissionen der Menschheit so bei fünf Milliarden Tonnen pro Jahr. Diese müssen dann kompensiert werden, indem man der Atmosphäre fünf Milliarden Tonnen CO2 entzieht (siehe Grafik unten). Das ist knapp doppelt so viel wie jährlich durch Wälder und Böden gebunden werden. „Wir wollten zeigen, was es bedeutet, das Paris-Ziel einzuhalten“, sagte Rockström gegenüber der US-Publikation Vox. [2]

Halbieren, halbieren, halbieren, kompensieren, Null. Wenn sich die Menschheit an das 'CO2-Gesetz' von Johan Rockström hält, kann die Klimaerwärmung auf "deutlich unter zwei Grad" begrenzt werden. (Grafik: Rockström)

Halbieren, halbieren, halbieren, kompensieren, Null. Wenn sich die Menschheit an das ‚CO2-Gesetz‘ von Johan Rockström hält, kann die Klimaerwärmung auf „deutlich unter zwei Grad“ begrenzt werden. (Grafik: Rockström)

Dabei hat sich Rockström an ‚Moores Gesetz‘ aus der Computerindustrie orientiert. Dieses besagt, dass sich die Zahl der Transistoren auf einem Computerchip alle zwei Jahre verdoppelt. Über vierzig Jahre lang hatte diese Voraussage bestand, nicht zuletzt weil sich die Chipentwickler daran orientiert haben. Eine ähnlich Wirkung erhofft sich Rockström von seinem ‚CO2-Gesetz‘: „Man könnte sich vorstellen, dass dies eine selbsterfüllende Prophezeiung wird: Länder beginnen die Zwischenziele ernst zu nehmen und fangen dann an, die nötigen Innovationen zu entwickeln, damit die Prophezeiung wahr wird.“ [2] Dabei ist Rockström klar, wie schwierig die Einhaltung seines ‚CO2-Gesetzes‘ wird: „Das ist eine schnelle Reduktion der CO2-Emissionen (Dekarbonisierung), plus eine Revolution bei der Nahrungsmittelproduktion, plus einen Nachhaltigkeitsrevolution, plus ein massiver Ausbau der Techniken für die CO2-Entnahme aus der Atmosphäre.“ [2]

Was das Paris-Abkommen bedeutet, fragen sich aber nicht nur Wissenschaftler sondern auch die Wirtschaft. Der grösste Vermögensverwalter der Welt, Blackrock, der Öl- und Gaskonzern Shell, der Minenbetreiber BHP Billiton, der deutsche Energiekonzern Innogy und einige andere Konzerne haben soeben eine Studie mit der gleichen Fragestellung veröffentlicht. [3] Darin betonen die Konzerne, dass der Energieverbrauch in Ländern mit Energiearmut deutlich steigen muss, während die Emissionen weltweit schnell fallen. Diese doppelte Zielsetzung halten sie aber für „technisch und wirtschaftlich“ machbar. [3] Pro Jahr seien zusätzliche Investitionen von 300 bis 600 Milliarden Dollar erforderlich. Vor dem Hintergrund von jährlichen Investitionen in Höhe von 20‘000 Milliarden (20 Billionen) würden die zusätzlichen Investitionen aber „keine grössere, volkswirtschaftliche Herausforderung“ darstellen. [3] Ausserdem fordern die Konzerne eine CO2-Steuer von 50 Dollar pro Tonne in den 20’er Jahren und von 100 Dollar in den 30’er Jahren dieses Jahrhunderts. Die Steuer soll die Energieeffizienz steigern und „verhindern, dass fallende Preise für fossile Kraftstoffe die Geschwindigkeit der Energiewende beeinträchtigen“. [3]

Heiss. An manchen Orten macht's die Natur dem Menschen einfach wie hier in einem neuseeländischen Geothermie-Kraftwerk. (Foto: Alan Ofsoski / Flickr)

Heiss. An manchen Orten macht’s die Natur dem Menschen einfach wie hier in einem neuseeländischen Geothermie-Kraftwerk. (Foto: Alan Ofsoski / Flickr)

Für die Einhaltung des ‚CO2-Gesetzes‘ sind Solarzellen eine Schlüsseltechnologie. In einer neuen Studie in Science erörtern Nancy Haegel, Eicke Weber und andere, wie schnell sich die Kapazität der weltweit installierten Photovoltaikanlagen steigern lässt. [4] Vorletztes Jahr waren 227 Gigawatt am Netz. Die Solarindustrie geht davon aus, dass im Jahr 2030 Solaranlagen mit einer Nennleistung von 3‘000 Gigawatt am Netz sind. Die Studie zeigt aber, dass auch 10‘000 Gigawatt möglich sind. Damit liesse sich so viel Strom produzieren wie mit 2500 Atomkraftwerken und fast die Hälfte des globalen Strombedarfs decken. [5] Erforderlich dafür ist eine jährliche Wachstumsrate der Neuinstallationen von 29 Prozent. [4] Das entspricht der Wachstumsrate in den Jahren 2000 bis 2015. „Der Hauptmotor für den Solarzubau ist mittlerweile die Wirtschaftlichkeit“ sagt Weber. „Mit jeder Verdoppelung der jemals installierten Kapazität sinken die Kosten um 20 Prozent.“ Die Kosten für Solarzellen folgen damit einer ähnlichen Logik wie die Transistoren in ‚Moores Gesetz‘.

Gesetzmässig. Die Kosten für Photovoltaikmodule fallen um 20 Prozent mit jeder Verdoppelung der jemals installierten Leistung. Achtung: Die X-Achse hat eine logarithmische Skala. (Grafik: Nancy Haegel et al.)

Gesetzmässig. Die Kosten für Photovoltaikmodule fallen um 20 Prozent mit jeder Verdoppelung der jemals installierten Leistung. Achtung: Die X-Achse hat eine logarithmische Skala. (Grafik: Nancy Haegel et al.)

Dass die Rettung des Klimas „technisch und wirtschaftlich machbar“ ist, bedeutet allerdings nicht, dass sie auch politisch durchsetzbar ist. Die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten hat zudem gezeigt, dass es immer wieder Rückschläge geben wird. Zum Glück ist es aber gar nicht erforderlich, dass sich alle Länder ab sofort am ‚CO2-Gesetz‘ orientieren. Das zeigt eine neue Studie der Forscher hinter dem ‚Climate Action Tracker‘ mit dem Titel: „Es braucht nur wenige Akteure, um den Ball ins Rollen zu bringen“. [6] Als Beispiel dient ihnen der Erfolg der Erneuerbaren: „Unterstützungsmechanismen in wenigen Vorreiterländern (Dänemark, Deutschland und Spanien) und Bundesstaaten (Kalifornien und Texas) haben Forschung und Entwicklung sowie die Nachfrage angetrieben.“ [6] Bei Elekrofahrzeugen sehen sie nun eine ähnliche Koalition am Werk: „Norwegen, die Niederlande, Kalifornien und zuletzt China haben Märkte für Elektroautos geschaffen und dazu beigetragen, dass im Jahr 2016 knapp einen Million Elektroautos verkauft wurden.“ [6] Die Forscher kommen daher zum Schluss: „Einzelne Länder, die parallel handeln, haben Dynamiken ausgelöst, die globale Märkte verändern.“ [6]

Nicht Sisyphus. Der rapide Preisverfall von Solar- und Windkraft wurde von nur drei Ländern und zwei US-Bundesstaaten angeschoben. (Grafik: Climate Action Tracker)

Nicht Sisyphus. Der rapide Preisverfall von Solar- und Windkraft wurde von nur drei Ländern und zwei US-Bundesstaaten angeschoben. (Grafik: Climate Action Tracker)

Die Rettung des Klimas ist also technisch, wirtschaftlich und selbst politisch machbar. Dazu müssen aber alle Akteure in Politik und Wirtschaft wissen, welche Schlagzahl von ihnen erwartet wird. Sie brauchen einen Taktgeber – das ‚CO2-Gesetz‘ das da lautet: Halbieren, halbieren, halbieren, kompensieren, Null. mic

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[1] Johan Rockström et al., 24.03.2017: A roadmap for rapid decarbonization

[2] Vox, 24.03.2017: Scientists made a detailed “roadmap” for meeting the Paris climate goals. It’s eye-opening.

[3] Energy Transitions Commission, April 2017: Better Energy, Greater Prosperity (PDF)

[4] Nancy Haegel et al., 14.04.2017: Terawatt-scale photovoltaics: Trajectories and challenges (PDF)

[5] World Energy Council, 2016: World Energy Perspectives 2016 (PDF)

[6] Markus Hagemann et al., April 2017: Kick-starting global decarbonisation: It only takes a few actors to get the ball rolling (PDF)

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