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Venezuela könnte nächste Woche pleite sein

Kredite über knapp zwei Milliarden Dollar werden fällig

Trotz Wirtschaftskrise und Unruhen hat Venezuela seine Schulden bislang immer bedient, allerdings auf Kosten der Venezoelaner. Doch nun müssen auch die Gläubiger zittern.

Venezuela hat die grössten Ölreserven der Welt. Dennoch ist die Wirtschaft im freien Fall. Die Inflationsrate der Landeswährung Bolivar lag Anfang dieser Woche bei 3286 Prozent – Tendenz steigend. [1] Damit ist die Teuerungsrate in den letzten beiden Monaten um rund 2000 Prozentpunkte gestiegen, wie Steve Hanke von der US-Universität Jophn Hopkins ausgerechnet hat. Verschuldet hat sich das Opec-Mitglied und dessen nationale Ölgesellschaft Pdvsa allerdings in US-Dollar. Bislang hat die Regierung von Präsident Nicolas Maduro die Kredite immer bedient. Doch nun wird es knapp: Venezuela ist derzeit mit Zinszahlungen von 587 Millionen Dollar im Verzug. Noch ist hier die Zahlungsfrist von 30 Tagen aber nicht abgelaufen. Keine Zahlungsfrist besteht hingegen bei zwei Anleihen: Heute (Freitag der 27.11.) wird eine Pdvsa-Anleihe über 842 Millionen Dollar fällig und nächste Woche Donnerstag (am 2.11.) eine weitere über 1‘121 Millionen Dollar. [2]

Hyper. Gemessen am Schwarzmarktkurs des Bolivars steigt die Inflation in Venezuela mittlerweile exponentiell. Dabei heisst die Währung offiziell 'Bolivar Fuerte'. (Grafik: Steve Hanke, John Hopkins Universität)

Hyper. Gemessen am Schwarzmarktkurs des Bolivars steigt die Inflation in Venezuela mittlerweile exponentiell. Dabei heisst die Währung offiziell ‚Bolivar Fuerte‘. (Grafik: Steve Hanke, John Hopkins Universität)

Sollten diese beiden Anleihen nicht zurückbezahlt werden, werden drei Arbeitstage später die Kreditausfallversicherungen aktiviert. Damit wäre das Land aus Sicht der Märkte pleite und alle Schulden würden sofort fällig. Venezuela und seine Staatskonzerne haben Schulden von rund 140 Milliarden Dollar, denen rund 10 Milliarden Dollar an Devisenreserven gegenüberstehen. Von letzteren liegen allerdings neun Milliarden Dollar in Form von Gold im Tresor von Venezuelas Nationalbank und lassen sich daher nicht innert Stunden ins Ausland überweisen. Die Gläubiger könnten allerdings auf eine sofortige Fälligkeit verzichten, glaubt Lutz Roehmeyer von der Landesbank Berlin, dem 13. grössten Gläubiger der fällig werdenden Pdvsa-Anleihen: „Die meisten Anleihen werden von US-Fonds und lokalen Anlegern gehalten, die keinen Anreiz haben werden, einen Konkurs auszulösen.“ [3] Denn bislang waren die Anleihen des südamerikanischen Staats ein hervorragendes Geschäft: In den letzten 20 Jahren lag deren Rendite im Schnitt bei knapp zehn Prozent pro Jahr. [3] Wer jetzt noch einsteigt, dem winken sogar 28 Prozent Rendite. Anleihen mit Fälligkeit im Jahr 2027 sind derzeit für 37 Cent auf den Dollar zu haben. [4]

El Comandante. Der frühere Präsident Venezuelas, Hugo Chavez, erklärt, wie das mit der Ölproduktion funktioniert. (Foto: PDVSA)

El Comandante. Der frühere Präsident Venezuelas, Hugo Chavez, erklärt, wie das mit der Ölproduktion funktioniert. (Foto: PDVSA)

Bis jetzt ging das für die Investoren gut, wenn auch nicht für die Venezoelaner. Denn um die Kredite zu bedienen hat die Maduro-Regierung die Importe von Alltagsgütern und Nahrungsmitteln reduziert. Gemäss einer Studie hat der Durchschnittsbürger des sozialistischen Landes letztes Jahr knapp neun Kilo an Gewicht verloren. [5 s. S. 17] Aus diesem Gund werden Venezuelas Anleihen auch als ‚Hunger Bonds‘ bezeichnet. [6] Nathan Sandler von ICE Canyon, einer auf Schwellenländer spezialisierten Investmentfirma sagt denn auch: „Wir glauben, dass der Besitz von venezoelanischen Anleihen mit sozialverträglichem Investieren moralisch unvereinbar ist.“ [7]

Eingeschränkt wurden aber auch die Importe von Chemikalien für die Ölproduktion. Das beeinträchtigt die Qualität des exportierten Öls und bereitet Probleme in den Raffinerien. Pdvsa-Kunden in den USA, Indien und China haben daher bereits Lieferungen zurückgewiesen oder Preisabschläge verlangt. So hat die US-Raffinerie ‚Phillips 66‘ in der ersten Jahreshälfte acht Lieferungen zurückgeweisen – total 4,4 Millionen Fass (zu 159 Liter) mit einem Marktwert von knapp 200 Millionen Dollar. [8] Aber nicht nur die Qualität sondern auch die Quantität an Pdvsa-Öl geht zurück. Der Konzern investiert seit Jahren zu wenig in seine Förderanlagen. Ausserdem sind viele Ingenieure ins Ausland geflüchtet. Ein weiteres Problem ist Korruption. In den letzten fünf Jahren ist die Fördermenge daher von 2,9 Millionen Fass pro Tag auf noch 1,9 Millionen Fass gefallen. Die Aussichten für das Land und selbst dessen Gläubiger sind denn auch alarmierend: Die Kosten für Kreditausfallversicherungen signalisieren einen Staatsbankrott in den nächsten fünf Jahren mit einer Wahrscheinlichkeit von 99 Prozent. [3] mic

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[1] Steve Hanke, 25.10.2017: Venezuela’s Grim Reaper: A Current Inflation Measurement – Current Annual Rate 3286%

[2] ZeroHedge, 25.10.2017: The Time Has Come: Venezuela May Be In Default In Under 48 Hours

[3] Bloomberg, 23.10.2017: Venezuela’s Behind on Its Debt and Facing Two Huge Bond Payments

[4] FT, 25.10.2017: Fears of Venezuela default ease . . . for now

[5] Fundación Bengoa, 2017: Encuesta Nacional de Condiciones de Vida Venezuela 2016 (PDF)

[6] Bloomberg, 02.06.2017: Why Critics Call Venezuela’s Debt ‘Hunger Bonds’

[7] Nathan Sandler, 20.10.2017: Venezuela has reached a breaking point for investors

[8] Reuters, 18.10.2017: Venezuela’s deteriorating oil quality riles major refiners

[9] Platts, 18.09.2017: Venezuela’s oil output continues to fall as PDVSA fritters away money: Fuel for Thought (für die Ölproduktion von 2012 bis 2016) und CNN, 13.07.2017: Venezuela oil production dives as big debt bills loom (für die Ölproduktion 2017)

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