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Finanzmagie für den Meeresschutz

Umschuldungen bieten Chance für die Umwelt

Eine Geschichte in der eine Schweizer Großbank, ein lateinamerikanischer Kleinstaat und die US-Regierung eine wichtige Rolle spielen, kann viele Wendungen nehmen. Dass dabei der Schutz der Meere im Vordergrund stehen würde, ist nicht die erste Vermutung.

Anfang November war Belize noch pleite. Das hat sich als Glücksfall für den Meeresschutz erwiesen. Der zentralamerikanische Kleinstaat mit 420.00 Einwohnern war schon vor Beginn der Pandemie in einer prekären finanziellen Lage mit Schulden in Höhe der jährlichen Wirtschaftsleistung. Nachdem im Jahr 2020 auch noch die Einnahmen aus dem Tourismus wegbrachen, wurde die Situation dann unhaltbar und Belize stellte den Schuldendienst ein. Praktischerweise hatte das Land nach einem früheren Konkurs alle Auslandsschulden in einer einzigen Anleihe zusammengefasst, einem „Superbond“ im Wert von 27 Prozent der Wirtschaftsleistung respektive 553 Millionen Dollar. Dieser musste umgeschuldet werden, um die Staatsfinanzen wieder flott zu machen. Dass daran kein Weg vorbeiführen würde, war zudem auch den Gläubigern klar: Belizes Superbond war schon für 40 Prozent des Nominalwerts zu haben.

In dieser Lage traten die Finanzmarktspezialisten der US-Umweltorganisation The Nature Conservancy (TNC) auf den Plan. TNC war schon seit vielen Jahren in Naturschutzprojekten in Belize involviert und hatte gute Beziehungen zur dortigen Regierung. Zudem hat TNC ein Programm um vier Millionen Quadratkilometer Meeresfläche weltweit unter Schutz zu stellen. [1] Belize war hierfür ein idealer Kandidat. Das Land hat drei der vier Korallenriffe im Atlantik, Mangrovenwälder und Seegraswiesen. In den Gewässern Belizes leben zudem 77 Arten wie Seekühe, die auf der „roten Liste“ der gefährdeten Arten stehen.

Taucherparadies. Belize ist Heimat des “great blue hole”, einem Karsttrichter mit 300 Metern Durchmesser. (Foto: tofoli.douglas / Flickr)

In gut einjährigen Verhandlungen wurde dann ein Deal ausgehandelt, mit dem Belizes Schuldenproblem gelöst wird, die Meeresschutzgebiete um knapp 5000 Quadratkilometer ausgeweitet und jedes Jahr vier Millionen Dollar für das Management der Schutzgebiete generiert werden. “Dieser Deal ist von großer Bedeutung für Belize, vor allem in einer für unsere Wirtschaft äußerst schwierigen Zeit, aber seine Auswirkungen reichen auch weit über uns hinaus”, sagte Premierminister John Briceño. [1] Der Deal ist aber nicht nur groß für Belize. Es ist die größte Finanzmarkttransaktion dieser Art zugunsten des Meeresschutzes. Akteure dabei sind eine Schweizer Bank, die US-Regierung, die Ratingagentur Moody‘s, TNC und natürlich Belize. Und jetzt zur Finanzmagie:

  • Im ersten Schritt begab die Schweizer Großbank Crédit Suisse einen „Blue Bond“ im Wert von 364 Millionen Dollar, also eine Anleihe, die nicht nur Zinsen abwirft, sondern auch dem Meeresschutz dient.
  • Dieses Geld reichte die Crédit Suisse dann an eine Zweckgesellschaft unter Kontrolle von TNC weiter.
  • Diese lieh dann das Geld Belize.
  • Belize kaufte mit diesem Geld den Gläubigern des Superbonds ihre Anleihen ab. Diese bekamen 55 Prozent des Nominalwerts also deutlich mehr als den Kurswert von 40 Prozent.
  • Nun schuldete Belize nicht mehr 553 Millionen Dollar irgendwelchen Kapitalmarktakteuren sondern 364 Millionen einer Umweltorganisation – ein Risiko, das TNC nicht tragen kann. Daher tritt nun ein weitere zentraler Akteur auf: die US-Regierung. Deren International Development Finance Corporation (DFC) garantiert das Kreditgeschäft. Sollte Belize erneut pleitegehen, würde automatisch der amerikanische Staat die Anleihe übernehmen.

Die Folgen dieses Konstrukts sind eindrücklich: Während der Superbond von der Ratingagentur Moody’s tief im Ramschbereich mit dem Rating CAA3 verortet wurde, hat der Blue Bond ein respektables AA2 Rating. Möglich macht das die hohe Bonität des Garantiegebers, der DFC. „Mit einem AA2 Rating hat Belize Zugang zu einem sehr großen Anlegerpool, im Gegensatz zu vorher. Anleihen mit einem CAA3 Rating sind ein Nischenmarkt“, sagt Kevin Bender von TNC. Bender ist Finanzmarktspezialist und hat das komplizierte Geschäft strukturiert. Zudem hätten immer mehr Anleger Interesse an grünen oder eben blauen Anleihen, die neben Zinsen noch einen gesellschaftlichen Zusatznutzen abwerfen.

Und genau das tut die neue Anleihe: Belize verpflichtet sich die Schutzgebiete von 16 Prozent der Hoheitsgewässer auf 30 Prozent auszuweiten. Damit werden 5000 Quadratkilometer zusätzlich geschützt. Zudem verpflichtet sich das Land jedes Jahr vier Millionen Dollar an einen neu geschaffenen Naturschutzfonds zu bezahlen. Möglich ist das, weil Belize nun deutlich geringere Zinskosten hat: Durch die Umschuldung spart das Land pro Jahr gut zehn Millionen Dollar. Ein Teil dieses Geldes wird nun in den Naturschutz investiert. Aus dieser Pflicht kann sich Belize während der 20-jährigen Laufzeit auch nicht befreien: Wenn das Geld für den Naturschutz ausbleibe, werde „ein Cross Default ausgelöst“ sagt Bender. Damit würde der Blue Bond sofort fällig, was nicht im Interesse von Belize sein könne. Selbst für die Zeit nach 2041 ist vorgesorgt, wenn der Blue Bond getilgt ist. Von den 364 Millionen Dollar gehen 23 Millionen Dollar an eine Stiftung. Dieses Kapital soll bis 2041 auf 90 Millionen Dollar anwachsen. Anschließend gehen dann die Erträge auf das Stiftungskapital an den Naturschutzfonds, sodass dieser auch nach 2041 noch Einnahmen hat.

Für derartige „Umschuldungen zugunsten der Natur“ müssten zwei Bedingungen erfüllt sein, erklärt Bender. Ein Land müsse Auslandsschulden haben, die deutlich unter dem Nominalwert gehandelt werden und gleichzeitig ein starkes Interesse am Naturschutz haben. Grundsätzlich ließe sich daher das „Belizemodell“ auch auf andere Länder in dieser Situation übertragen. „Wir stehen in Verhandlungen mit verschiedenen Staaten, aber ich kann Ihnen nicht sagen, welche das sind.“ Yerlan Syzdykov vom Anleihenverwalter Amundi sagte gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters, dass Sambia, der Libanon und später vielleicht auch Argentinien in Frage kämen. [2] Bender hat zumindest noch Großes vor: TNC wolle bei der Umschuldung von 1,6 Milliarden Dollar zugunsten der Natur helfen. [3] Das ist nicht schlecht für eine Nichtregierungsorganisation. mic

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[1] TNC, 05.11.2021: The Government of Belize partners with The Nature Conservancy to Conserve 30% of its Ocean Through Debt Conversion

[2] Reuters, 05.11.2021: Belize offers ocean ‘blue’ print with debt-for-reef swap

[3] TNC, 04.03.2021: Blue Bonds: An Audacious Plan to Save the World’s Ocean

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