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Mit dem Default-Effekt Emissionen vermeiden

Psychologisches Phänomen könnte beim Klimaschutz helfen

Die meisten Menschen wollen das Klima und die Umwelt schützen, tun aber wenig dafür. Das lässt sich leicht ändern: Wenn man die „grüne“ Variante eines Produkts zum Standard macht, bleiben die allermisten Menschen dabei.

Deutschland könnte die CO2-Emissionen um 45 Millionen Tonnen pro Jahr reduzieren und gleichzeitig die Wohlfahrt steigern. Noch dazu ließe sich das quasi sofort erreichen und würde den Staat nichts kosten. Das legen Erkenntnisse von zwei großen Feldversuchen in der Schweiz nahe, die soeben im Wissenschaftsmagazin Nature Human Behaviour veröffentlicht wurden. [1] Der Grund für diese verblüffende Möglichkeit des Klimaschutzes ist der „Default-Effekt“.

Doch der Reihe nach. Zwei Schweizer Stromversorger haben ihr Standardprodukt („Default“) umgestellt: von einer Mischung aus Kohle-, Atom- und Grünstrom auf 100 Prozent Grünstrom. Damit war eine Preiserhöhung verbunden von 3,6 bis 8,3 Prozent für private Haushalte und von 5,8 bis 14,3 Prozent für Geschäftskunden. Gleichzeitig wurden die Kunden darüber informiert, dass sie die Möglichkeit haben zu Mischstrom und zum alten Tarif zurückzuwechseln. Doch das haben nur sehr wenig getan: Über 80 Prozent der Kunden blieben beim neuen, teureren Standardprodukt.

Fans. Der Status Quo hat viele Anhänger. (Bild: Barry Blitt / New Yorker)

Fans. Der Status Quo hat viele Anhänger. (Bild: Barry Blitt / New Yorker)

„Das hat uns überrascht“, sagt Jennifer Gewinner von der ETH Zürich und eine Mitautorin der Studie, denn zuvor hatten weniger als drei Prozent der Stromkunden freiwillig das 100-Prozent-Grünstrom gewählt. Mittlerweile liegen für den einen Stromanbieter die Kundendaten von drei Jahren und für den anderen von sechs Jahren vor. Darin zeigt sich, dass der Effekt auch auf Dauer existiert. Der Effekt zeigt sich auch bei Neukunden. Auch diese wählen zu über vier Fünfteln das teurere Standardprodukt. Selbst Haushalte oder Betriebe mit sehr hohem Stromverbrauch wechseln meist nicht zum billigeren Stromtarif.

Der Default-Effekt beziehe seine Kraft aus „verschiedenen psychologischen Phänomenen“, sagt Gewinner. Da ist etwa der „Status-Quo-Bias“ auch „Tendenz zum Status quo“ genannt. Menschen ziehen es vor, beim Bestehenden zu bleiben als etwas zu ändern. Das Standardprodukt werde außerdem „als das empfohlene Produkt verstanden, als die sichere Wahl“ so Gewinner. Sich dagegen zu entscheiden sei daher mit Rechercheaufwand und einem gefühlten Risiko verbunden. Nur wer meint, wirklich kompetent zu sein, wird sich gegen das empfohlene Produkt eines Anbieters entscheiden.

Eine Umstellung des Standardprodukts ist außerdem populär. Das zeigt eine Schweizer Umfrage, die unabhängig von dieser Studie gemacht wurde. Darin wurden Menschen gefragt, ob es eine Vorschrift geben sollte, die Stromanbieter dazu verpflichtet, Grünstrom als Standardprodukt anzubieten. 76 Prozent der Befragten unterstützen eine solche Vorschrift. Gewinner hofft daher, dass bei der Förderung von Ökostrom der Default-Effekt in Zukunft als „Politikinstrument“ eingesetzt wird. „Das Tolle ist, dass man das sofort machen kann und nicht warten muss, bis die Menschen ihre Einstellungen ändern.“

Weil in der Schweiz CO2-freier Strom aus Wasser- und Atomkraftwerken den Strommix dominiert, war der Klimaeffekt der Umstellung relativ klein. In Deutschland sähe das allerdings anders aus, wie die Studie zeigt. Wenn dort für Haushalte Grünstrom zum Standardprodukt würde und wie in der Schweiz 80 Prozent der Kunden dabei bleiben, ließe sich die Emission von 45 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr vermeiden. Das würde sich auch lohnen: Angenommen die Kilowattstunde (kWh) kostet dadurch einen Cent mehr und CO2 verursacht externe Kosten von 50 Euro pro Tonne, dann bleibt ein positiver Wohlfahrtseffekt. Deutschland ginge es pro Jahr um 1,2 Milliarden Euro besser. mic

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[1] Nature, 11.03.2021: Large and persistent effects of green energy defaults in the household and business sectors

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