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Ex-Direktor der Deutschen Bank wird WWF-Präsident

Pionier der ‚grünen Buchhaltung‘ soll Politiker überzeugen, dass sich Naturschutz rechnet

Leistungen der Natur wie saubere Luft und sauberes Wasser werden im Bruttoinlandsprodukt nicht berücksichtigt. Daher zehrt die Menschheit ihr Naturkapital auf, ohne es zu merken. Diese politische Fehlsteuerung will der WWF nun stärker ins Visier nehmen.

Sigmar Gabriel brauchte jemanden, der etwas von Geld und Umweltschutz verstand. Bei einem Treffen der G8-Umweltminister im Jahr 2007 in Potsdam hatten diese festgestellt, dass der Wert der Artenvielfalt unbekannt war. Diese Lücke sollte geschlossen werden. Daher liess Gabriel nach einem geeigneten Chefautor für eine mehrjährige Studie suchen. Fündig wurde er schliesslich bei der Deutschen Bank. Dort arbeitete Pavan Sukhdev, der für einige indische Bundesstaaten eine ‚grüne Buchhaltung‘ entwickelt hatte. Sowohl in Indien als auch global ist das Grundproblem das gleiche: „Leider benutzen wir in allen Ländern ein System der nationalen Buchhaltung, das den Wert der Ökosystem-Dienstleistungen nicht widerspiegelt“ sagt Sukhdev. [1] Dennn die Natur stellt uns ja Leistungen wie saubere Luft, sauberes Wasser oder fruchtbare Böden ‚kostenlos‘ zur Verfügung – mit fatalen Konsequenzen: „Die Buchhaltung berücksichtigt den Wertverlust nicht, wenn wir Wälder verlieren, wenn wir Feuchtgebiete verlieren und wenn wir die Vielfalt der Natur verlieren.“ [1] Oder anders: Ein Baum im Wald ist wertlos und findet erst dann Eingang ins Bruttoinlandsprodukt (BIP), wenn er gefällt und verkauft wird.

Cost oder Profit Center? Dieser Orang Utan hadert noch mit der doppelten Buchhaltung, betrachtet sich aber als Gewinn für alle. (Foto: Edwin Giesbers / WWF)

Cost oder Profit Center? Dieser Orang Utan hadert noch mit der doppelten Buchhaltung, betrachtet sich aber als Gewinn für alle. (Foto: Edwin Giesbers / WWF)

Die Studie mit dem Namen ‚The Economics of Ecosystems and Biodiversity’ (Teeb) (etwa ‘Die wirtschaftlichen Aspekte von Ökosystemen und Artenvielfalt‘) kam denn auch zum erwarteten Resultat: Wirtschaftliche Entwicklung wird oft mit Raubbau am Naturkapital erkauft. Die Teeb-Studie schätzt, dass allein durch Waldverlust jedes Jahr Naturkapital im Wert von 2‘000 bis 4‘500 Milliarden Dollar zerstört wird. Das sind aktuell zwischen 2,6 und 6 Prozent des globalen BIPs. Beim derzeitigen Wachstum der Weltwirtschaft von 3,5 Prozent wird im schlechtesten Fall also Wert vernichtet statt geschaffen. Dies geht insbesondere zu Lasten der Ärmsten: „Artenvielfalt ist kein Luxus für die Reichen, sondern eine Lebensnotwendigkeit für die Armen“, erklärt Sukhdev. [1] Umgekehrt hielt Teeb aber auch eine gute Nachricht bereit: Mit jährlichen Investitionen von 45 Milliarden in Schutzgebiete lassen sich Ökosystem-Dienstleistungen im Wert von 5‘000 Milliarden Dollar erzielen. [2 s. S. 38] Naturschutz rechnet sich.

Diese Sprache verstehen auch Politiker. Das will sich nun die Umweltorganisation WWF zunutze machen. Der WWF hat diese Woche Sukhdev zum nächsten Präsidenten erkoren. „Sukhdevs Kenntnis der Interdependenz von wirtschaftlichen und ökologischen Systemen verbindet sich perfekt mit dem WWF-Anspruch auf Wirkung (Impact)“ sagt WWF-Geschäftsführer Marco Lambertini. [3] Sukhdev denkt dabei nicht klein: Es gehe darum „das Verhältnis der Menschheit zu ihrem Planeten neu zu definieren“. [3] Dass sich dieses neue Verhältnis in der Buchhaltung versteckt, mag manchen erstaunen. Der Natur ist es letztlich aber egal, warum die Menschheit beschliesst den Raubbau zu beenden. Wichtig ist nur, dass sie es tut. mic

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[1] Climate Home, 31.10.2012: Pavan Sukhdev: Biodiversity not a luxury for the rich but a necessity for the poor

[2] Teeb, 2008: Interim report (PDF)

[3] WWF, 21.11.2017: Pavan Sukhdev named as new President of WWF International’s Board

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