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Spirulina vom Dach statt Soya aus der Pampa

Der Powersnack der Azteken wächst auch auf Bangkoks Dächern

In Thailands Hauptstadt Bangkok züchtet ein junges Start-Up Unternehmen Spirulina ‚Algen‘ auf Dächern. Derzeit ist die Produktion noch gering. Dank des hohen Eiweissgehalts der Spirälchen wären sie aber ein umweltfreundlicher Ersatz für Soya.

Spirulina ist eine ungewöhnliche Kreatur. Sie erzeugt Energie wie eine Pflanze indem sie mihilfe von Sonnenlicht das C aus CO2 herausbricht und für ihr Wachstum nutzt. Gleichzeitig vermehrt sie sich wie ein Bakterium durch Zellteilung. Biologisch gehört die gemeinhin als Spirulina bekannte Kreatur denn auch zum Stamm der Cyanobakterien, den einzigen Bakterien, die sich mittels Photosynthese ernähren. Für Jahrhunderte hielt man Spirulina und ihre nahen Verwandten daher für (Blau-)Algen – lange genug, dass der Name ‚Spirulina‘ die Reklassifikation zum Bakterium überlebt hat. Mittlerweile weiss man, dass Cyanobakterien das Leben auf der Erde mit Pflanzen und Tieren erst ermöglicht haben. Sie waren es, die genug Sauerstoff (O2) produziert haben, um tierisches Leben zu ermöglichen. Denn auch Pflanzen sind auf Cyanobakterien angewiesen: Die Chloroplasten mit denen pflanzliche Zellen Photosynthese betreiben, sind Nichts anderes als Cyanobakterien, die sich in der Pflanze eingenistet haben (Endosymbiose). [1] Die ältesten bekannten Versteinerungen stammen denn auch von Cyanobakterien. Diese bevölkerten die Erde schon vor 3.5 Milliarden Jahren[1], während die ältesten Pflanzenfossilien ‚nur‘ rund zwei Milliarden Jahre alt sind. [2]

Nein, das ist nicht das Rezept für 'Grünkuchen' sondern der Kalenderstein  der Azteken (Foto: Rosemania)

Nein, das ist nicht das Rezept für ‘Grünkuchen’ sondern der Kalenderstein der Azteken (Foto: Rosemania)

Cyanobakterien sind somit der Ausgangspunkt aller Nahrungsketten auf der Erde. Doch einige ‚Blaualgen‘ kann man auch roh und nicht nur als Schnitzel essen. Dazu gehört Spirulina. Diese spiralförmigen Bakterien bestehen zu 57 Prozent aus Eiweiss, zu 24 Prozent aus Kohlenhydraten und zu acht Prozent aus Fett. Ausserdem enthalten sie eine ganze Buchstabensuppe an Spurenelementen von Vitamin A bis Zink. In Europa ist Spirulina daher vor Allem in Pulver- oder Tablettenform als Nahrungsergänzungsmittel bekannt. Doch Spirulina eignet sich auch als Nahrungsmittel: So beschrieb einer der Begleiter von Hernan Cortés, dem Eroberer Mexikos, vor 500 Jahren ein Spirulinagericht: Die Azteken ernteten damals Spirulina im Texcoco See und buken daraus einen ‚Kuchen‘ namens ‚Tecuitlatl‘. Ebenfalls die Kuchenform wählen ausserdem die Anwohner des Tschadsees am südlichen Rand der Sahara. Dort nennt sich das Gebäck ‚Dihé‘. In Anbetracht der kräftigen Farbe aller Spirulinaprodukte dürften beide Namen wohl letzlich ‚Grünkuchen‘ heissen. In den Genuss von Grünkuchen dürften ausserdem Astronauten kommen, die sich auf längere Reisen begeben: Sowohl die Nasa als auch die Esa haben in den 90er Jahren das Potential von Spirulina für interplanetarische Reisen untersucht.

Aber auch ohne Raumfahrt hat Spirulina Potential, denn die genügsamen Bakterien brauchen nur Wasser, Sonne und ein paar Mineralien um zu gedeihen. Damit eignet sich jedes Dach als Spirulinafarm wie die Firma Energaia nun in Thailands Millionenmetropole Bangkok unter Beweis gestellt hat. [3] Energaia nutzt dazu lichtdurchlässige Plastiktonnen (siehe Foto), die durch Schläuche verbunden sind. So wird der Spirulinaschlamm von Tonne zu Tonne gepumpt und umgewälzt. Um zu verhindern, dass die ‚Algen’plantage durch Bangkoks berüchtigte Luft verunreinigt wird, pumpt eine zweite Pumpe zudem gefilterte Luft in die Fässer. Alle paar Tage müssen die Kleinlebewesen ausserdem mit ein paar Mineralien gefüttert werden (v.a. Natron). Vermehrungsfreudig wie sie sind verdoppeln die Spiralbakterien dafür dann alle zwei bis vier Tage ihre Masse. Hat der Spirulinaschlamm eine bestimmte Dichte erreicht, erfolgt die Ernte: Erst werden die Spirälchen mit einem Sieb aus dem Wasser gefischt. Anschliessend wird der Schlamm in einer umgebauten Waschmaschine geschleudert, um den Wassergehalt weiter zu reduzieren. Das Resultat ist eine grüne Paste, die auf Gläser abgefüllt und in Geschäften für Bionahrungsmittel verkauft wird. Alternativ zur Paste verkauft Energaia Spirulina auch als Pasta oder getrocknet als Pulver.

Die Zukunft der Landwirtschaft? Mit minimalem Land- und Wassereinsatz produziert EnerGaia Spirulina auf den Dächern Bangkoks (Foto: EnerGaia)

Die Zukunft der Landwirtschaft? Mit minimalem Land- und Wassereinsatz produziert EnerGaia Spirulina auf den Dächern Bangkoks (Foto: EnerGaia)

Derzeit produziert Energaia weniger als 500 Kilo Spirulinapaste pro Monat und verkauft diese an Grossstädter mit einem Faible für Nahrungsergänzungsmittel und einem überdurchschnittlichen Einkommen: für 36 Euro pro Kilo Paste. Doch in der richtigen Grössenordnung könnte der Spirulinaanbau durchaus auch umweltrelevant sein: Pro Jahr lassen sich auf einem Quadratmeter Dach 1,5 bis 1,7 Kilo Spirulinapulver ernten. Dies ist rund fünf Mal mehr als der Ertrag eines Soyafelds. Hier liegt die Ausbeute bei 230 bis 370 Gramm pro Quadratmeter. Hinzu kommt der Wasserverbrauch. Für ein Kilo Soya braucht man 2145 Liter Wasser. [4] Für ein Kilo Spirulina vom Dach reichen 175 Liter, wenn das Wasser wie beim System von Energaia zurückgewonnen wird. Hinzu kommt, dass Spirulina mehr Eiweiss enthält als Soya: 57 Prozent gegenüber 40 Prozent. Die Spiralbakterien wären daher ein umweltfreundliche Alternative in der Tiermast und zumindest Kühe dürften sich auch nicht daran stören, dass all ihr Futter grün aussieht. Das tut es im besten Fall ja eh. mic

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[1] Uni Berkeley: Cyanobacteria – Architects of earth’s atmosphere

[2] Smithsonian Museum: Eucaryotes and the First Multicellular Life Forms

[3] Siehe energaia.com

[4] Mekonnen, M.M. and Hoekstra, A.Y., 2010: The green, blue and grey water footprint of crops and derived crop products, page 20 (PDF)

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