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Viva la (Klima-) Revolucion!

Werden die Klimaverhandlungen in Zukunft auf der Strasse ausgetragen?

Die Aussichten für die Klimaverhandlungen sind schlecht. Ein Abschluss der Verhandlungen dieses Jahr sei „nahezu unmöglich“ sagt der Chef der japanischen Verhandlungsdelegation. Und auch die UN Sondergesandte Gro Harlem Brundtland scheint die Hoffnung auf einen Erfolg in den formellen Verhandlungen verloren zu haben. Die Gespräche würden in Zukunft vermehrt ausserhalb des eigentlichen Verhandlungsprozesses stattfinden. „Wir werden in Zukunft eher ein zweigleisiges System haben.“ sagte die ehemalige norwegische Ministerpräsidentin und Chefin der Weltgesundheitsorganisation WHO.

Wenn es nach Kumi Naidoo, dem neuen Chef von Greenpeace geht, heisst „ausserhalb des eigentlichen Verhandlungsprozesses“ nicht, dass sich ausgewählte Länder separat treffen, sondern, dass der Kampf tatsächlich nach draussen getragen wird, auf die Strasse. Mit einem Verweis auf Ghandi, Mandela und Martin Luther King sagte der Greenpeace Chef: Im Kampf um das Klima sei es gerechtfertigt Gesetze zu brechen. „Wir werden unseren Kampf verstärken, da die Wissenschaft uns sagt, dass unserem Planeten die Zeit davonläuft.“

Und womöglich ist das Brechen von Gesetzen im Kampf gegen den Klimawandel sogar legal. Am 8. Oktober 2007 kletterte eine Gruppe von britischen Greenpeace Aktivisten auf den Schornstein eines Kohlekraftwerks. Sie wurden verhaftet und es kam zu einem Strafprozess. Dort argumentierte Greenpeace, das Brechen der Gesetze sei eine „Notwendigkeit“ gewesen, um ein grösseres Übel abzuwehren. Mit dieser Argumentation kann man beispielsweise rechtfertigen, dass es nötig war eine Tür einzutreten, um ein Feuer zu löschen. Im Fall des Kohlekraftwerks erläuterte der Nasa Direktor und Klimawissenschaftler James Hansen dem Gericht, dass die CO2 Emissionen des Kraftwerks den Klimawandel beschleunigen und dadurch zum Aussterben von 400 Tierarten führen würden. Zum grossen Erstaunen aller Beteiligten gaben die Geschworenen den Greenpeace Aktivisten recht: Sie handelten quasi in Notwehr und wurden folglich freigesprochen.

Weniger gefährlich aber nicht weniger effektiv ist die Mobilisierung von Aktivisten im Internet wie Nestle derzeit lernt. Der Schweizer Nahrungsmittelkonzern wird auf seiner Facebook Fanseite mit Kommentaren bombardiert, die verlangen, dass Nestle aufhört Palmöl aus dubiosen Quellen zu verwenden. Nestle hatte Palmöl von einem Lieferanten bezogen, der für die Abholzung der Urwälder auf Borneo mitverantwortlich ist. Wie zuvor schon Unilever, hat nun auch der Schweizer Multi die Zusammenarbeit mit dem Unternehmen eingestellt. Nestle hatte wohl keine andere Wahl. Über soziale Netwerke wie Facebook mit seinen 400 Millionen Mitgliedern in fast allen Ländern der Welt, lassen sich innert kürzester Zeit Zehntausende von Aktivisten organisieren. Ein Unternehmen, das auf das Wohlwollen von Millionen Konsumenten angewiesen ist, kann sich da Vorwürfe wie „Nestle tötet Orang Utans“ schlicht nicht leisten.

Aber Konzernchefs müssen aufpassen. Klimaaktivisten lauern überall, auch an der eigenen Aktionärsversammlung. In den USA ist die Zahl der Klimapetitionen von Aktionären um 40 Prozent auf 95 gestiegen. Und dahinter stecken nicht einzelne, übereifrige Kleinaktionäre sondern organisierte Grossanleger wie das Investor Network on Climate Risk. Das Netzwerk von über 80 institutionellen Anlegern verwaltet 8000 Milliarden Dollar. So ist es denn auch nicht verwunderlich, dass viele der Anträge mit Erfolg beschieden waren, wie Business Green schreibt.

Während die Klimaverhandlungen auf der Stelle treten eröffnen Klimaaktivisten so eine neue Front nach der anderen. „Wut ist manchmal die angemessene Antwort“ sagt der britische Ökonom Tim Jackson über den ausbleibenden Erfolg bei den Klimaverhandlungen. Und Al Gore, wundert sich, dass die Menschen nicht schon viel wütender sind: „Ich verstehe nicht, warum es keine Ketten junger Menschen, die Bagger stoppen und verhindern, dass Kohlekraftwerke gebaut werden.“ sagt der ehemalige US-Vizepräsident. Wie das britische Beispiel gezeigt hat, könnten die Aktivisten im Fall einer Verhaftung durchaus auf Freispruch hoffen, mit dem Argument aus Notwehr gehandelt zu haben – Notwehr zur Rettung des Planeten. mic

Nachtrag: Palmöl Bauern drohen nun Nestle mit Boykott

Während die Anti-Nestle Kampagne auf Facebook weiterläuft, drohen nun indonesische Palmöl Bauern dem Schweizer Nahrungsmittelmulti mit einem Boykott, wie Mongabay berichtet. 10 Millionen Bauern haben angekündigt den Tag in Zukunft ohne Nescafe, Nesquick und Co. beginnen zu wollen. Und vielleicht wächst sich die Geschichte sogar zu einem veritablen Handelskrieg aus. Gemäss Antara News erwägen Malaysia und Indonesien kein Palmöl mehr in die EU und die USA zu exportieren, wenn die Anti-Palmöl Kampagne nicht gestoppt wird. Die beiden Länder produzieren 85 Prozent der weltweiten Palmölernte. mic

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