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Die Methan-Zeitbombe

US-Öl- und Gasindustrie unterschätzt Kosten für Schließung von Bohrlöchern um Faktor zehn

Wenn Bohrlöcher der Öl- und Gasindustrie nicht versiegelt werden, kann aus ihnen noch jahrelang Methan austreten. Die Branche hat jedoch keinerlei Anreiz, erschöpfte Bohrlöcher zu Verschließen. Zudem unterschätzt sie die Kosten dafür und diese könnten an der Allgemeinheit hängen bleiben.

Nach einer Pause von mehreren Jahren steigen die globalen Methanemissionen wieder deutlich. Mittlerweile liegt die Konzentration des Treibhausgases in der Atmosphäre beim zweieinhalbfachen des Werts vor Beginn der industriellen Revolution. [1] Methan ist damit der zweitwichtigste Treiber der Klimaerwärmung nach CO2. Vor diesem Hintergrund hat US-Präsident Donald Trump letzte Woche Vorschriften für die Öl- und Gasindustrie gelockert. Diese muss nun nicht mehr regelmäßig nach Lecks suchen, aus denen Methan austritt. Dadurch spart die Branche 19 Millionen Dollar pro Jahr. [2] Große Energiekonzerne wie Shell, BP und Exxon Mobile lehnen die Lockerung der Vorschrift ab. Gretchen Watkins, die Shell-Chefin in den USA, sagte dazu: „Die negativen Folgen von Lecks und Emissionen wurden jahrelang allgemein anerkannt. Daher ist es frustrierend und enttäuschend zu sehen, dass die Regierung in eine andere Richtung geht.“ [2] Kleinere Firmen unterstützten hingegen die gelockerten Regeln.

Für die Ewigkeit? Dieses Bohrloch wird derzeit nicht genutzt. Ob es wieder aktiviert oder permanent versiegelt wird ist unbekannt. (Foto: Joshua Doubek / Wikipedia)

Die Methanemissionen der US-Öl- und Gasindustrie dürften aber noch aus einem anderen Grund steigen. Diese hat einen Anreiz erschöpfte Bohrlöcher nicht zu verschließen, sondern diese vorgeblich nur temporär stillzulegen. So kann sie die Kosten für deren Versiegelung für Jahre oder sogar Jahrzehnte in die Zukunft verlagern. Dieser Anreiz besteht, weil die Industrie keine ausreichenden Rückstellungen für die Kosten der endgültigen Stilllegung machen muss. Robert Schuwerk, der US-Chef des Umwelt-Thinktanks Carbon Tracker, kritisiert daher die US-Bundesstaaten: „Indem sie die Firmen nicht dazu gezwungen haben, die Stilllegungskosten vorzufinanzieren, ermuntern sie die Firmen diese Kosten so lange wie möglich aufzuschieben.“ [3]

Zudem unterschätzt die Branche die tatsächlichen Kosten für eine sachgemäße Verfüllung der Bohrlöcher mit Zement wie ein aktueller Bericht von Carbon Tracker zeigt. Allgemein wird mit Kosten von 20.000 bis 40.000 Dollar pro Bohrloch gerechnet. Diese Schätzung beruht aber auf Erfahrungen mit vertikalen Bohrlöchern mit einer Tiefe von weniger als 1500 Metern. Neue Bohrlöcher bei denen mittels Fracking Öl und Gas aus dem Untergrund gepresst wird, sind meist jedoch doppelt so tief. Erfahrungswerte aus Australien zeigen, dass die Kosten für die Versiegelung von Bohrlöchern exponentiell mit deren Tiefe anwachsen. Gemäß Carbon Tracker sollte man daher mit Kosten von 300.000 Dollar pro Bohrloch mit einer Tiefe von 3000 Metern rechnen. [3]

Hinzu kommt, dass bei neuen Bohrlöcher an deren tiefstem Punkt anschließend seitlich noch viele Hundert Meter weit waagrecht in den Fels gebohrt wird. Auch dieser Teil muss mit Zement gefüllt werden. Diese Kosten sind in der Schätzung von Carbon Tracker allerdings noch nicht enthalten. Schuwerk sagt daher: „Die Pandemie und die Energiewende bergen die Gefahr, dass es nun zu einer Welle von Stilllegungen kommt, die die Industrie nicht bezahlen kann.“ [3] In diesem Fall bleiben Kosten dann an den US-Bundesstaaten hängen. Der US-Umweltaktivist Bill McKibben schrieb dazu auf Twitter: „Das ist die extremste Form von ‚Profite privatisieren und Kosten sozialisieren‘.“ [4] Und diese Kosten könnten beachtlich sein: Carbon Tracker geht davon aus, dass es in den USA 3,3 bis 4 Millionen Bohrlöcher gibt, die aktiv, ruhend oder aufgegeben sind. [3]

Das Sozialisieren von Kosten gehört allerdings auch in Europa zum Geschäftsmodell der Branche. Die Umweltorganisation Greenpeace hat letzte Woche zwei Krater im Boden der Nordsee entdeckt, aus denen Methan sprudelt. Die Krater sind die Folge eines unkontrollierten Gasausbruch während einer Bohrung von Mobil North Sea (heute Exxon Mobil) vor 30 Jahren. Die Greenpeace-Meeresbiologin Sandra Schöttner sagte dazu: „Die Bohrplattform ist längst verschwunden, doch hier sprudelt seit Jahrzehnten massiv klimaschädigendes Methan aus dem Meeresboden. Niemand will die Verantwortung übernehmen, das ist ein Skandal.“ [5] mic

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[1] CarbonBrief, 14.07.2020: Scientists concerned by ‘record high’ global methane emissions

[2] npr, 13.08.2020: Trump’s Methane Rollback That Big Oil Doesn’t Want

[3] Carbon Tracker, 18.06.2020: It’s Closing Time: The Huge Bill to Abandon Oilfields Comes Early

[4] Bill McKibben, 18.07.2020: Twitter message

[5] Greenpeace, 18.08.2020: Öl- und Gasindustrie befeuert Klimaerhitzung mit Methan-Lecks in der Nordsee

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