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Stille Revolution im europäischen Gasmarkt

Der Einfluss von Gazprom auf den Gaspreis in Europa ist in den letzten zehn Jahren deutlich gesunken

Noch vor zehn Jahren war der Gaspreis an den Ölpreis gebunden und Gazprom entschied, wer wie sein Gas bekommt. Das ist Geschichte. Heute wird der Gaspreis am Spotmarkt bestimmt und die Europäer handeln Gas untereinander.

Der Energieverbrauch in Europa geht zurück. Der Gasverbrauch auch. Trotz eines leichten Anstiegs im letzten Jahr ist der Gasverbrauch so niedrig wie zuletzt vor 20 Jahren und das wird wohl so bleiben: Billige Kohle, ein minimaler CO2 Preis und immer mehr Strom aus Wind und Sonne machen einen deutlichen Anstieg des Gasverbrauchs unwahrscheinlich. Trotzdem werden die Gasimporte in den nächsten Jahren zunehmen, weil die Gasförderung in den Niederlanden und Grossbritannien sinkt. Ein Teil des zusätzlichen Importgases wird aus Aserbaidschan kommen. Derzeit sind mehrere Pipelines im Bau – vom kaspischen Meer bis nach Süditalien. Gemäss Plan erreicht das erste Gas im Jahr 2020 Europa.

Kurs auf Gazproms Marktanteil. In den nächsten Jahren droht eine Flüssiggasschwemme. "Ungewolltes" Gas dürfte dann in Europa verramscht werden. (Foto: Amanda Graham / flickr)

Kurs auf Gazproms Marktanteil. In den nächsten Jahren droht eine Flüssiggasschwemme. “Ungewolltes” Gas dürfte dann in Europa verramscht werden. (Foto: Amanda Graham / flickr)

Weitere Importe sind in Form von Flüssiggas LNG (von englisch ‚Liquified Natural Gas‘) möglich. Letztes Jahr waren die europäischen Flüssiggasterminals nur zu einem Viertel ausgelastet wie die ‚International Gas Union‘ IGU, ein Verband, ermittelt hat. [1 s. S. 48] In den kommenden Jahren ist zudem mit einer Flüssiggasschwemme auf dem Weltmarkt zu rechnen: Die IGU erwartet, dass die Kapazität zur Verflüssigung von Erdgas in den nächsten vier Jahren um die Hälfte steigt. [1 s. S. 18] Insbesondere in Australien und in den USA sind viele Terminals im Bau. Das drückt die Preise für alle Gasimporteure. Die tiefsten Preise wird gemäss IGU aber Europa bezahlen: „Europas Rolle als ‚Backstop‘ für überschüssige Mengen wird voraussichtlich zunehmen, da andere Regionen nicht in der Lage sind ihre Nachfrage so schnell zu steigern wie das Angebot erhöht wird.“ [1 s. S. 57] Oder anders gesagt: Ein Flüssiggastanker, der keinen Käufer für seine Ladung findet, wird diese letztlich zu einem Schleuderpreis in Europa loswerden. Dies sieht auch die Internationale Energieagentur IEA so: Wegen der flexiblen EU-Gasinfrastruktur und des liquiden Spotmarkts werde „ungewolltes“ Gas schliesslich in Europa landen. [2]

Dort trifft das Gas auf einen weitgehend reformierten Gasmarkt: Noch vor zehn Jahren war der Preis für knapp 80 Prozent der europäischen Gasimporte an den Ölpreis gebunden. Heute sind es noch 30 Prozent. [3 s. S. 7] Daher wird der Preis für Gas nun weitgehend auf dem Spotmarkt für Gas ermittelt, wodurch LNG und Pipelinegas einander Konkurrenz machen. Welchen Einfluss dieser Wettbewerb auf den Gaspreis hat zeigt das Beispiel Litauen: Nachdem der Inbetriebnahme eines Flüssiggasterminals in Klaipeda (Memel) fiel der Preis für das Pipelinegas von Gazprom um ein Viertel. [4] Ausserdem haben die europäischen Länder ihre Gasinfrastruktur so umgebaut, dass das Gas nun in beide Richtungen gepumpt werden kann. Tschechien hat sich gar zu einer Gasdrehscheibe entwickelt mit einer Durchleitungskapazität, die den eigenen Verbrauch um das Achtfache übersteigt. [4] Viele osteuropäische Länder können nun ihr Gas aus dem Westen importieren: Polen kann mittlerweile 90 Prozent seines Gasverbrauchs mit Gas aus Deutschland und Österreich decken. [5] Ausserdem geht in Świnoujście (Swinemünde) ebenfalls ein LNG Terminal in Betrieb. Polen hat daher schon angekündigt, den Vertrag mit Gazprom nicht zu verlängern, wenn dieser Im Jahr 2022 ausläuft. [6] Sogar die Ukraine ist weitgehend von Russland unabhängig geworden: den letzten Winter überstand das Land, ohne Gas vom russischen Gasmonopolisten Gazprom zu kaufen. [7]

Dass keiner mehr mit Gazprom Geschäfte machen will, bedeutet allerdings nicht, dass kein russisches Gas durch Europas Leitungen zirkuliert. Im Gegenteil: Letztes Jahr hat Gazprom seine Exporte nach Europa um acht Prozent erhöht. [8] Die Gazpromkunden kaufen ihr Gas aber lieber indirekt – von deutschen Gaskonzernen. Das ist billiger. In Tschechien und Slowakien ist der Gaspreis so bereits auf deutsches Niveau gefallen und in den anderen osteuropäischen Ländern bewegt er sich in diese Richtung. Deutschland bekommt russisches Gas über die Nord Stream Pipeline durch die Ostsee. Deren Kapazität entspricht etwa einem Drittel der russichen Gaslieferungen nach Europa. Der Rest kommt – wie immer – durch die Sowjet-Ära Pipelines durch Weissrussland und die Ukraine. Der Trick: Die Ukraine kauft das Gas nicht mehr direkt von Gazprom sondern schickt es zumindest virtuell erst nach Westeuropa, um es anschliessend (virtuell) zu re-importieren. Ein tolles Geschäft bei dem alle profitieren ausser Gazprom. Warum der Konzern dennoch eine neue Pipeline nach Deutschland bauen will (siehe Artikel oben), ist daher ein Rätsel. mic

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[1] IGU, 12.04.2016: 2016 World LNG Report

[2] Euractiv, 09.06.2016: EU can exploit LNG export boom says energy agency

[3] IGU, Mai 2016: Wholesale Gas Price Survey – 2016 Edition (PDF)

[4] Oilprice, 15.07.2016: Shrinking EU Market Share Forces Gazprom To Action

[5] Energypost, 29.10.2015: A quiet gas revolution in Central and Eastern Europe

[6] Reuters, 31.05.2016: Poland aims to end long-term gas supplies from Russia after 2022

[7] Forbes, 01.04.2016: Ukraine’s Naftogaz Breaks With Russia’s Gazprom…Again

[8] Radio Free Europe, 12.01.2016: Russian Gas Exports To Europe Increased 8 Percent In 2015

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