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Der politische Schweinezyklus der Ölexporteure

Ölexportierende Länder haben sich an hohen Preis gewöhnt

Bislang hing der Ölpreis von Angebot und Nachfrage sowie der politischen Grosswetterlage in der Golfregion ab. Doch nicht zuletzt wegen des Arabischen Frühlings haben viele ölexportierende Länder ihre Sozialausgaben massiv erhöht und brauchen nun einen Ölpreis von über 100 Dollar, um ihren Staatshaushalt auszugleichen. Das macht sie verwundbar, wenn die Preise sinken.

Die Weltwirtschaft kommt nicht in Schwung und die Ölnachfrage bleibt hinter den Erwartungen zurück: Gerade mal um sieben Prozent soll die Ölnachfrage in den nächsten fünf Jahren steigen, schätzt die Internationale Energieagentur IEA. [1] Damit korrigiert die IEA ihre Schätzung von Ende letzten Jahres um eine halbe Million Barrel pro Tag nach unten. Diese Nachricht hat sich prompt auf den Ölpreis ausgewirkt und diesen am vergangenen Freitag unter 115 Dollar pro Barrel gedrückt.  Und auch für die Zukunft ist die IEA (aus Verbrauchersicht) optimistisch: Die Förderkapazität soll in den nächsten fünf Jahren um rund zehn Prozent steigen, sodass der Druck auf den Preis erhalten bleibt. Rund 20 Prozent der zusätzlichen Kapazität entfällt auf den Irak und 40 Prozent auf die USA, wo neben Schiefergas auch immer mehr unkonventionelles Öl gefördert wird. Damit kann der sanktionenbedingte Rückgang der iranischen Ölexporte locker aufgefangen werden. Die IEA schätzt, dass die iranischen Ölausfuhren im September auf 860 000 Barrel pro Tag gefallen sind, nach 2,2 Millionen Barrel pro Tag im Vorjahr.

Die Aussicht auf fallende Preise stellt viele ölexportierende Länder vor ein Problem, wie eine neue Studie des britischen Think Tanks Chatham House zeigt. [2] In Venezuela, Russland und vor allem auch in den arabischen Ländern haben die Regierungen die Sozialausgaben massiv erhöht, in der Hoffnung sich soziale Stabilität kaufen zu können. So hat etwa Saudi Arabien seinen Staatsangestellten eine 17 prozentige Lohnerhöhung spendiert. Dies hat zur Folge, dass die ölexportierenden Länder einen immer höheren Ölpreis brauchen, um ihren Staatshaushalt ausgleichen zu können (siehe Grafik). So braucht Iran einen Ölpreis von knapp 130 Dollar, wenn es keine Schulden machen will. Und auch Russland braucht gut 110 Dollar um seine Rentenversprechen und Rüstungsvorhaben umsetzen zu können.

OPEC budgetary breakeven price

Ölpreis bei dem die OPEC Länder ihren Haushalt ausgleichen können

In dieser Situation würde man erwarten, dass die Opec ihr Förderung drosselt, um den Ölpreis hochzuhalten. Doch daran hat das wichtigste Opec Mitglied, Saudi Arabien, kein Interesse. Im Gegenteil: Saudi Arabien hat genug finanzielle Reserven um eine längere Durststrecke durchzuhalten. Gleichzeitig leidet der Iran doppelt, wenn der Preis fällt. Zum einen kann Teheran wegen der westlichen Sanktionen nicht mehr soviel Öl exportieren und wenn der Preis fällt, bekommen die Mullahs zudem weniger für ihre verbleibenden Exporte. Aber die Saudis haben noch einen weiteren Grund, den Preis zumindest nicht steigen zu lassen: Je höher der Preis ist, desto mehr Geld wird in die Entwicklung unkonventioneller Ölvorkommen investiert, wie die kanadischen Teersande. In den USA haben mittlerweile drei Ölkonzerne Exportlizenzen beantragt. Statt wie bislang nur Öl zu importieren, könnten sich die USA so zum Exporteur mausern. [3] Doch damit sinkt die Bedeutung der Opec und auch Saudi Arabiens. Kurz, die Regierung in Riad hat sowohl ein geostrategisches Interesse (Iran) als auch ein wirtschaftliches Interesse (Marktanteil) an einem stabilen oder gar sinkenden Ölpreis.

Damit könnte das Haus Saud, die saudiarabische Königsfamilie, zum Geburtshelfer für weitere Revolutionen werden, glaubt Chatham House. Denn wenn sich die Länder die Sozialausgaben nicht mehr leisten können oder es gar zu einer Schuldenkrise kommt, nehmen die Spannungen in den Ländern zu. Doch genau dadurch wird der Ölpreis dann auch wieder in die Höhe getrieben: „Je tiefer die Preise fallen, desto wahrscheinlicher ist es, dass politische Unruhen zu schwerwiegenden Störungen der Ölförderung führen.“ Und genau diese Störungen führen dann wieder zu einem Anstieg der Preise: „Das gibt dem Wort ‚zyklisch‘ eine ganz neue Bedeutung hinsichtlich Preisstabilität und politischer Instabilität. Aber es ist schwer einen grossen Ölproduzenten zu finden, der nicht auf einem politischen Pulverfass sitzt.“ Die Autoren der Chatham Studie gehen also davon aus, dass erst der Preis fällt, weil Saudi Arabien ein Interesse daran hat, und dann wieder steigt, weil es in den ersten Förderländern zu Unruhen kommt. Damit würde der herkömmliche Schweinezyklus, wo bei steigenden Preisen überinvestiert wird bis die Preise fallen, nur um bei sinkenden Preisen dann zu wenig zu investieren bis die Preise wieder steigen, durch einen politischen Schweinezyklus abgelöst. Und wer davon profitiert, ist auch klar: die beiden grössten Produzenten, also Russland und Saudi Arabien. Denn wenn immer mehr kleinere Produzenten wegen politischer Unruhen wegfallen, nimmt die Bedeutung der grossen zu – ein zumindest aus saudiarabischer Sicht nicht unerfreuliches Ergebnis. Vive la révolution. mic

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[1] Reuters, 12.10.2012: Oil prices to ease on slow economy, higher output

[2] Paul Stevens, Matthew Hulbert in Chatham House, October 2012: Oil Prices: Energy Investment, Political Stability in the Exporting Countries and OPEC’s Dilemma

[3] Reuters, 11.102012: BP to export U.S. crude to Canada, Shell seeks permit

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