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EU untergräbt Klimaziel für Luftverkehr

Kompensation von bis zu 1,7 Milliarden Tonnen CO2 könnte vereitelt werden

Werden die Emissionen auf dem Durchschnitt der Jahre 2019 und 2020 oder auf dem Niveau des Jahres 2019 gedeckelt? Über diese Frage streiten sich derzeit Umweltorganisationen und Fluggesellschaften. Die EU hat sich auf die Seite der Airlines geschlagen.

Die Coronakrise trifft die Fluggesellschaften besonders hart und viele werden von ihren Heimatländern finanziell gestützt, damit sie nicht kurzfristig pleitegehen. Die Krise könnte aber auch langfristige Folgen haben für die CO2-Emissionen der Branche. Diese sollen eigentlich auf dem Niveau der Jahre 2019 und 2020 gedeckelt werden. Darüber hinausgehende Emissionen müssen die Fluggesellschaften ab nächstem Jahr kompensieren, indem sie in Klimaschutzprojekte investieren und so andernorts Emissionen vermeiden. Dieses Programm nennt sich „Corsia“ und fällt in die Verantwortung der Internationalen Organisation für Zivilluftfahrt Icao. Dank Corsia könnten Milliarden in den Klimaschutz fließen und bis 2035 rund 2,5 Millionen Tonnen CO2 vermieden werden.

Szenarien. Basierend auf Iata Szenarien hat das Ökoinstitut die Entwicklung der Emissionen aus der Luftfahrt berechnet. (Grafik: Ökoinstitut)

Szenarien. Basierend auf Iata Szenarien hat das Ökoinstitut die Entwicklung der Emissionen aus der Luftfahrt berechnet und zeigt, was das für die “Baseline” (Berechnungsgrundlage) von Corsia bedeutet. (Grafik: Ökoinstitut)

Doch nun fordert der Verband der großen Fluggesellschaften Iata, dass nicht der Durchschnitt der Jahre 2019 und 2020 sondern nur die Emissionen des Jahres 2019 als Grundlage für Corsia genommen werden. Dies sei ein „pragmatischer und einfacher Weg die außerordentlichen Auswirkungen der Krise auf Corsia zu vermeiden“. [1] Dieser Meinung hat sich nun die EU angeschlossen. Deren Transportminister haben mit der Ausnahme von Schweden [2] beschlossen, dass 2019 die Grundlage für Corsia sein solle. Der kroatische Transportminister Oleg Butković sagte: „Die Anpassung der Berechnungsgrundlage ist entscheidend, um die Anspruchshöhe von Corsia auf einem ähnlichen Niveau zu halten.“ [3] Ähnliche Positionen vertreten China, die USA und die lateinamerikanischen Länder. [4] Daher ist es wahrscheinlich, dass die der Icao-Rat diese oder nächste Woche beschließt, die Corsia-Grundlage anzupassen.

Hochwassermarke. Die Emissionen aus dem Luftverkehr werden einige Jahre brauchn, um wieder das Niveau von 2019 zu erreichen. (Foto: Peter Schmelzle / Wikipedia)

Ob die „Anspruchshöhe“ von Corsia wegen der Coronakrise deutlich steigt, ist allerdings nicht sicher, wie eine Analyse des Ökoinstituts zeigt. [5] Entscheidend ist, wie schnell sich die Luftfahrt von Corona erholt. Mit dem Durchschnitt der Jahre 2019 und 2020 als Grundlage stellt sich die Situation so dar: Eine schnelle Erholung der Luftfahrt führt zu etwas höheren Investitionen in Klimaschutz und eine langsame Erholung zu etwas geringeren, im Vergleich zu einem Szenario ohne Coronakrise (siehe Grafik). „Der Effekte einer niedrigeren Berechnungsgrundlage und eines niedrigeren Trends der Luftfahrtemissionen gleichen sich teilweise aus“, schreibt das Ökoinstitut. Anders wäre das, wenn man nur die Emissionen des Jahres 2019 als Berechnungsgrundlage nimmt. In diesem Fall müssten die Fluggesellschaften erst im Jahr 2024 oder 2027 überhaupt in Klimaschutzprojekte investieren und bis zum Jahr 2035 lägen die gesamten Klimainvestitionen um 25 bis 75 Prozent unter dem Niveau des Szenarios ohne Coronakrise. Das Ökoinstitut schreibt daher: „Der Vorschlag würde Anreize für die Branche eliminieren, einen grünen Aufschwung zu schaffen.“

Kompensationen: Die Baseline entscheidet darüber, wie viele Emissionen die Fluggesellschaften künftig kompensieren müssen. Beim Szenario 2 (rot) beträgt der Unterschied üppige 1,7 Milliarden Tonnen bis 2035. (Grafik: mic mit Elementen von Ökoinstitut [5])

Eine Änderung der Berechnungsgrundlage hätte aber noch weitere Konsequenzen, wie ein Brief der Umweltorganisation Carbon Market Watch zeigt. [6] Denn auch im Markt für Klimaschutzprojekte gibt es zwei Seiten: die Käufer wie Fluggesellschaften und die Verkäufer, also die Projektentwickler, und auch letztere konnten nicht mir der Coronakrise rechnen. „Corsia ist ein wichtiger Mechanismus der CO2-Märkte weltweit. Änderungen an derart fundamentalen Elementen wie der Berechnungsgrundlage sollten daher mit äußerster Vorsicht unternommen werden.“ Entscheidend sei „Konsistenz“. „Ohne Konsistenz haben Investoren nicht das nötige Vertrauen, um kurz- und langfristige Investitionen zu tätigen.“

Vertrauen könnte aber auch noch anderweitig verloren gehen. Ein Gutachten der Umweltorganisation Environmental Defense Fund (EDF) kommt zum Schluss, dass der Icao-Rat mit seinen 36 Mitgliedsländern, die Berechnungsgrundlage gar nicht ändern kann. [7] Dieses Recht hat nur die Icao-Generalversammlung aller 193 Mitgliedsländer. Dass es hier ein Problem geben könnte, scheint auch die Icao zu wissen, denn sie schreibt: „Der Rat wird auch die rechtlichen Aspekte und Auswirkungen auf die Reputation der verschiedenen Optionen berücksichtigen.“ [8] Das Problem: Die nächste Icao-Generalversammlung findet erst im Jahr 2022 statt. [7] Dann soll auch der Corsia-Mechanismus zum ersten Mal überprüft werden. EDF teilt daher die Meinung des Ökoinstituts, das schreibt: „Wir empfehlen, die aktuelle 2019-2020-Berechnungsgrundlage von Corsia beizubehalten und das Anspruchsniveau im Rahmen der regulären Überprüfung des Mechanismus im Jahr 2022 wieder zu diskutieren.“ [5] Diese Position hätte sich auch die EU zu eigen machen können, hat sie aber nicht. mic

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[1] Iata, 19.05.2020: Stabilizing net CO2 at 2019 “pre-crisis” levels, rather than 2010 levels (PDF)

[2] Dagens Nyheter, 0.40.62020: The EU is reducing climate demands on aviation after the corona crisis

[3] Council of the EU, 09.06.2020: Aviation emissions: EU adopts its position on adjusted CORSIA baseline to take account of the consequences of COVID-19 pandemic

[4] Reuters, 09.06.2020: U.S. backs changes to aviation emissions scheme: sources

[5] Ökoinstitut, 25.20.2020: Should CORSIA be changed due to the COVID-19 crisis? (PDF)

[6] Carbon Market Watch et al., 25.05.2020: Open letter by carbon market stakeholders on the CORSIA impacts of COVID-19 (PDF)

[7] EDF, 09.06.2020: No, the ICAO Council can’t legally change CORSIA’s rules

[8] Icao, Stand 17.06.2020: CORSIA and COVID-19: Impact of COVID-19 on CORSIA design

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