[an error occurred while processing this directive]
weltinnenpolitik.net Rotating Header Image

Ist Turkish Stream ein Wahlkampf-Gag?

Türkei und Gazprom haben sich auf Bau einer neuen Pipeline geeinigt. Doch viele Fragen bleiben offen

Normalerweise dauert die Planung neuer Gaspipelines viele Jahre. Doch bei Turkish Stream will der russische Gaskonzern Gazprom beweisen, dass es auch schneller geht: Nachdem das Projekt im Dezember 2014 zum ersten Mal erwähnt wurde soll bereits im Dezember 2016 das erste Gas fliessen.

Die Türkei und der russische Gaskonzern Gazprom haben sich auf den Verlauf einer neuen Gaspipeline durch das Schwarze Meer geeinigt. „Heute hat Gazprom mit der Bauphase begonnen.“, sagte Gazprom-Chef Alexei Miller am Freitag letzter Woche (8. Mai). [1] Die Türkei und Gazprom hoffen, dass schon im Dezember nächsten Jahres das erste Gas durch die rund 1100 Kilometer lange Röhre fliessen wird. Mit Turkish Stream soll russisches Gas bis zur türkisch-griechischen Grenze transportiert werden. Die Pipeline ist der Ersatz für das South Stream Projekt, das im Dezember letzten Jahres überraschend vom russischen Präsidenten Vladimir Putin abgebrochen worden war. Beide Pipelineprojekte verfolgen das gleiche Ziel: die Belieferung von Südosteuropa mit russischem Gas unter Umgehung der Ukraine.

Bessere Zeiten: Beim feierlichen Baubeginn von South Stream signiert Gazprom-Chef Alexei Miller eine Röhre. Doch das Projekt ist schon wieder Geschichte und Miller hat bereits das Nachfolgeprojekt Turkish Stream angekündigt. Davon gibt es aber noch keine Bilder. (Bild: Gazprom)

Bessere Zeiten: Beim feierlichen Baubeginn von South Stream signiert Gazprom-Chef Alexei Miller eine Röhre. Doch das Projekt ist schon wieder Geschichte und Miller hat bereits das Nachfolgeprojekt Turkish Stream angekündigt. Davon gibt es aber noch keine Bilder. (Bild: Gazprom)

Doch ob Turkish Stream jemals gebaut wird, ist noch lange nicht sicher. Auffällig ist etwa, dass sich die Vertragspartner noch nicht auf einen Preis für das Gas geeinigt haben. Bislang hat sich Gazprom nur mit privaten türkischen Gasimporteuren auf einen Preisnachlass verständigt, aber nicht mit dem staatlichen türkischen Gaskonzern Botas. Für die privaten Importeure fällt der Gaspreis pro 1000 Kubikmeter in zwei Schritten von 374 Dollar auf 260 Dollar, ein Rabatt von 30 Prozent. [2] Doch Botas ist der wichtigere Kunde und wird auf einem höheren Rabatt bestehen. Gemäss Miller besteht mit Botas „ein vorläufiges Abkommen, das noch nicht niedergeschrieben wurde. Im Moment haben wir ein gemeinsames Verständnis mit unserem türkischen Partner über die Höhe dieses Rabatts. In naher Zukunft werden wir dieses Abkommen formalisieren.“ [3] Botas sitzt bei diesen Verhandlungen am längeren Hebel, denn Russland hat bereits Spezialschiffe gechartert, um die Pipelineröhren im Schwarzen Meer zu verlegen.

Wie das Gas von der türkisch-griechischen Grenze weitertransportiert werden soll, ist aber ebenfalls noch unklar. Anfang Mai hatte es geheissen, Russland habe Griechenland eine Vorauszahlung von fünf Milliarden Dollar auf zukünftige Durchleitungsgebühren angeboten. Noch versuchen aber die USA, Griechenland von einer Beteiligung an Turkish Stream abzubringen. „Turkish Stream gibt es nicht.“, sagte Amos Hochstein, der US-Sondergesandte für Energiefragen anlässlich eines Besuchs in Athen. „Es gibt kein Konsortium für den Bau der Pipeline. Es gibt kein Abkommen. Lasst uns das also zur Seite legen und konzentrieren wir uns auf das Wichtige: die Pipeline, auf die wir uns bereits verständigt haben.“ [4] Damit meint Hochstein zwei Pipelines, mit denen Gas aus Aserbaidschan über die Türkei und Griechenland bis Süditalien transportiert werden soll (Tanap und TAP). Für diese Röhren gibt es bereits Konsortien, die den Bau finanzieren, und alle erforderlichen Genehmigungen liegen ebenfalls vor. Zudem hat die EU dem TAP Konsortium eine Ausnahme zugestanden: Entgegen geltendem EU-Recht muss TAP nicht für das Gas von Drittparteien geöffnet werden. Der Transport von Gazprom-Gas durch TAP ist somit für 25 Jahre ausgeschlossen.

Und dann ist da noch die Frage, ob sich Gazprom Turkish Stream überhaupt leisten kann. Für Laszlo Varro von der Internationalen Energieagentur IEA ist das nicht der Fall: „Die Idee hat aus unserer Sicht Null Glaubwürdigkeit, dass Gazprom in der Lage ist, grosse, neue Infrastrukturinvestitionen in Südosteuropa zu stemmen.“ [5] Russland hat das South Stream Projekt unter anderem wegen der hohen Kosten aufgegeben, glauben viele Experten. Dabei gab es für South Stream ein Konsortium, das sich die Investition geteilt hätte. Zu diesem Konsortium gehörten die Energieriesen ENI (Italien), EDF (Frankreich) und die BASF Tochter Wintershall. Turkish Stream dürfte aber kaum billiger werden und zumindest den Teil durch das Schwarze Meer müsste Gazprom alleine bezahlen. Dabei ist der Gewinn von Gazprom schon letztes Jahr deutlich eingebrochen (siehe Kasten).

Einen Gewinner hat die Diskussion um Turkish Stream aber selbst dann, wenn die Pipeline nicht gebaut wird: die türkische Regierung. In dem Land wird am 7. Juni ein neues Parlament gewählt. Der energiepolitische Sprecher der grössten Oppositionspartei CPH, Necdet Pamir, sagt: “Die Türkei will ein Abkommen über dieses Projekt vor den Wahlen abschliessen, um die Wähler zu beeindrucken.“ [6] Zusätzlich winkt dann auch noch ein grosszügiger Rabatt auf den Gaspreis, den der türkische Gaskonzern Botas zahlen muss. Anschliessend ist das Projekt dann vielleicht nicht mehr so wichtig. mic

 

Die Geldmaschine stottert

Gazprom ist ein ‚Klumpenrisiko‘: Der Konzern bestreitet rund sechs Prozent von Russlands BIP und ein Fünftel der Staatseinnahmen. Lange galt Gazprom als eine der profitabelsten Firmen der Welt. Doch das Geschäft stockt: Letztes Jahr ist der Gewinn von Gazprom um 86 Prozent gesunken. [7] Gründe sind der Einbruch des Rubelkurses und die zeitweise Unterbrechung der Gaslieferungen an die Ukraine. Doch auch dieses Jahr wird schwierig. Gazprom erwartet einen Preisrückgang von 30 Prozent auf noch 242 Dollar pro 1000 Kubikmeter bei Gasexporten in Länder ausserhalb der früheren Sowjetunion. [8] Hinzu kommt das EU Verfahren gegen Gazprom wegen Missbrauchs der Marktmacht. Dies könnte den Konzern zwingen, seine Preise für einzelne EU Länder anzupassen und Beteiligungen an EU Firmen zu verkaufen von einer möglichen Milliardenstrafe ganz abgesehen. Schwierig bleibt auch das Ukrainegeschäft, denn Kiew begleicht nicht länger die Gasrechnung der Krim und der von Separatisten besetzten Ostukraine. Gleichzeitig hat der Konzern einige Grossinvestitionen geplant: Um einem Vertrag mit China gerecht zu werden muss Gazprom ein Gasfeld in Sibirien erschliessen und eine Pipeline nach China bauen, die ‚Kraft Sibiriens‘. Und dann ist da noch Turkish Stream (siehe oben): Wenn tatsächlich im Dezember 2016 das erste Gas fliessen soll, dann fällt ein Grossteil der erforderlichen Investitionen bereits in diesem Jahr an. mic

 

Und hier noch zwei ‘Kurzmeldungen’ zum Thema:

Wiedervereinigung von Zypern

Die Wähler im türkisch besetzten Nordzypern haben einen neuen Präsidenten gewählt, der die Verhandlungen über eine Wiedervereinigung der Insel vorantreiben will. Diese Gespräche waren letztes Jahr von Zyperns Regierung unterbrochen worden, nachdem türkische Marineboote die Suche nach Erdgas in den zypriotischen Gewässern behindert hatten. Der neue Präsident Nordzyperns Mustafa Akinci hofft nun das diese Gasvorkommen „eine neue Dynamik“ in die Gespräche bringen können. „Es gibt die Möglichkeit für alle Seiten zu gewinnen.“ [9] Ein Teil des zypriotischen Gases könnte schliesslich seinen Weg nach Griechenland finden. Israel propagiert den Bau einer Pipeline von Israel über Zypern nach Griechenland. In israelischen Hoheitsgewässern wurden ebenfalls Gasvorkommen entdeckt, die es dem Land ermöglichen würden, Gas zu exportieren. mic

Iran meldet Interesse an Tanap Beteiligung an

Noch laufen die Verhandlungen über das iranische Atomprogramm. Doch Teheran bereitet sich bereits auf einen erfolgreichen Abschluss vor und damit auf die Aufhebung der westlichen Sanktionen gegen das Land. Dann wäre es möglich iranisches Gas durch die Tanap Pipeline nach Europa zu pumpen. Tanap befindet sich derzeit im Bau und soll aserbaidschanisches Gas über die Türkei und Griechenland nach Süditalien befördern. Doch der Chef von Aserbaidschans Gaskonzern Socar, Rovnag Abdullayev, steht einer Beteiligung Irans offen gegenüber: „Tanap ist bereits ein wirtschaftlich sehr attraktives Projekt. Nach der Aufhebung der Sanktionen gegen Iran, wird die Bedeutung von Tanap aber weiter zunehmen. Für zukünftige Gasexporte aus dem Iran, wäre Tanap die einzige Möglichkeit, um die Weltmärkte zu beliefern.“ [10] mic

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Dann abonnieren Sie doch weltinnenpolitik.net per RSS
oder folgen sie der Facebook Seite

[1] Reuters, 08.05.2015: Russia’s Gazprom says launches construction of Turkish Stream gas pipeline

[2] Standart, 05.05.2015: Gazprom to discount price for private Turkish companies, agrees to return USD 300M

[3] Interfax, 08.05.2015: Russia and Turkey reach agreement on gas price discount

[4] International Business Times, 09.05.2015: Russia And Turkey Agree To Route For New Turkish Stream Pipeline Through Black Sea

[5] Politico, 12.05.2015: US urges Greece to drop Russian pipeline project

[6] Al-Monitor, 12.05.2015: Is Turkish Stream a pipe dream?

[7] Financial Times, 29.04.2015: Gazprom predicts export gas prices will fall due to cheaper oil

[8] Gazprom, 29.04.2015: Management Report 2014 (PDF)

[9] Reuters, 27.04.2015: Leftist Akinci wins north Cyprus election, seeking peace deal

[10] Natural Gas Europe, 06.04.2015: Azerbaijan eyes Iranian gas for Tanap

Comments are closed.

[an error occurred while processing this directive]
[an error occurred while processing this directive]
[an error occurred while processing this directive]
[an error occurred while processing this directive] [an error occurred while processing this directive]
[an error occurred while processing this directive]
[an error occurred while processing this directive]