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Wir werden immer mehr …

Dieses Jahr überschreitet die Weltbevölkerung die sieben Milliarden Grenze

Die einen Länder schrumpfen schon, während die anderen noch exponentiel wachsen. Dadurch verschieben sich die Gewichte zwischen den Ländern und einigen Staaten droht Instabilität durch die rasanten Veränderungen.

1987 waren wir noch fünf Milliarden, 1999 dann schon sechs Milliarden und nun gibt es sieben Milliarden Menschen auf der Welt. Die Weltbevölkerung hat sich in den letzten 40 Jahren verdoppelt. Und wie es weitergeht ist kaum vorhersehbar. Die mittlere Prognose der UNO geht davon aus, dass die Weltbevölkerung in den nächsten 40 Jahren neun Milliarden Menschen erreicht und dann langsam wieder sinkt. Doch die Menschheit könnte auch schon bei 7,5 Milliarden die Lust auf weitere Vermehrung vergehen oder einfach immer weiter wachsen und bis Ende dieses Jahrhunderts 14 Milliarden erreichen.

Weltbevölkerung von 1800 bis 2100 (UN Prognose), Grafik: Wikipedia

Dieses rasante Wachstum führt zu einer extremen Belastung der Umwelt und Experten sorgen sich, dass die Nahrungsmittelproduktion mit der Zahl der Menschen nicht mithalten kann (siehe 2. Artikel unten). Dies gilt umso mehr, als die Menschheit auch immer wohlhabender wird und pro Kopf immer mehr Ressourcen verbraucht (siehe 1. Artikel unten). Doch das Wachstum hat noch eine andere Konsequenz: Die Gewichte zwischen den Ländern verschieben sich. Während einige Länder bereits schrumpfen, wachsen andere noch exponentiel. Im Jahr 1950 war noch jeder fünfte Mensch in Europa zu Hause und gerade mal jeder zwanzigste in Afrika. Zur Jahrtausendwende waren die beiden Kontinente dann gleich auf und in 40 Jahren wird sich das Verhältnis umgekehrt haben. Dann gibt es dreimal mehr Afrikaner als Europäer. Dieser relative Bedeutungsverlust Europas ist auch Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht entgangen und entscheidet womöglich die Eurokrise: „In einer Welt von sieben Milliarden Menschen müssen wir 500 Millionen Europäer zusammenhalten.“ Wohlstand und Werte liessen sich ansonsten kaum retten.

Geopolitisch relevant ist aber nicht nur die absolute Grösse der Bevölkerung sondern auch deren Entwicklung. Während die Bevölkerung in vielen Ländern Europas tendenziell leicht sinkt, steht Russland ein Einbruch bevor. Dies gilt umso mehr wenn man die Bevölkerung im Arbeitsalter betrachtet. Nicht zuletzt wegen der sehr niedrigen Lebenserwartung von Männern (58 Jahre) wird sich die russische Erwerbsbevölkerung halbieren. Ähnlich sieht es in China aus: Wegen der Ein-Kind-Politik und der Abtreibung von Millionen Mädchen wird der Anteil der Über-60-Jährigen von heute fünf Prozent bis 2050 auf 30 Prozent zunehmen. Umgekehrt sieht es in Nigeria aus. Das 162 Millionen Volk wird bis zur Mitte des Jahrhunderts auf eine dreiviertel Milliarde anwachsen. Die Spanne zwischen schrumpfenden und wachsenden Ländern wird also weiter zunehmen. Eine Studie des Centers for Strategic and International Studies CSIS, ein US Think Tank, erwartet daher, dass sich die 2020er Jahre „als ein Jahrzehnt maximaler geopolitischer Gefahr herausstellen werden“. Die extrem schnelle demografische Veränderung in vielen Ländern könne „entweder zu einem zivilisatorischen Kollaps oder zum Aufkommen von neo-autoritären Regimen“ führen.

Die demografischen Veränderungen haben also zwei geopolitische Konsequenzen: Zum einen nimmt die Bedeutung der westlichen Welt ab. Dies gilt umso mehr als die westlichen Länder schlecht auf die eigenen demografischen Änderungen vorbereitet sind: Während die Erwerbsbevölkerung schrumpft, steigt die Zahl der Rentner. Doch statt Reserven für diese absehbare Entwicklung anzulegen, hinterlässt die Generation der Babyboomer ihren wenigen Kindern einen gigantischen Schuldenberg. Dadurch beschleunigt sich die Ablösung der unipolaren durch eine multipolare Weltordnung. Und dieser Umbruch findet zum anderen in einer Welt statt, wo vermehrt Länder ins Chaos zu stürzen drohen. Schnelle demografische Veränderungen und Umweltschocks dürften manche Gesellschaft überfordern. Hinzu kommt ein verschärfter Wettbewerb um Rohstoffe. Zusammengenommen sind diese Entwicklungen eine ernste Gefahr für die westlich geprägte,  regelbasierte internationale Ordnung. Nicht ohne Not hat Merkel also darauf hingewiesen, dass nicht nur der Wohlstand Europas sondern auch dessen Werte bedroht sind.

Doch was tun? Eine Antwort liefert hier Jack Goldstone in“The New Population Bomb“ einem Essay für das Foreign Policy Magazin. Zum einen müssen die aufstrebenden Länder in die bestehende Ordnung integriert werden. Ein erster Ansatz ist hier die Bildung der G20, die den westlichen G8 Club weitgehend abgelöst hat. Dann sollten fragile Staaten weiterhin grosszügig mit Entwicklungshilfe bedacht werden, damit sie nicht kollabieren. Und schliesslich muss der Westen versuchen mit Allianzen den Club der entwickelten und demokratischen Länder auszubauen. Hier regt Goldstone an, die Türkei in die EU aufzunehmen und über eine Nato Mitgliedschaft für Brasilien nachzudenken. Und schliesslich sollte insbesondere Europa mehr und besser ausgebildete Einwanderer anwerben. Eine Welt mit sieben, acht oder neun Milliarden Menschen ist nicht unbedingt eine schlechtere Welt. Das Wachstum und die grossen Unterschiede in der demografischen Entwicklung der einzelnen Länder müssen aber sorgfältig gemanagt werden. Happy birthday, Nummer 7‘000‘000’000. mic

… und es geht uns immer besser.

In vielen Ländern wächst die Mittelklasse rasant

Die Hälfte der Weltbevölkerung gehört zur Mittelklasse. Dadurch sinkt das Bevölkerungswachstum und der Ruf nach Demokratie und Menschenrechten wird lauter.

Die Entwicklung der Weltbevölkerung lässt sich nur schwer voraussagen und die dadurch ausgelösten politischen Veränderungen unterliegen einer noch grösseren Unsicherheit (siehe Artikel oben.) Da mag es beruhigen, dass die meisten der neu 7‘000‘000‘000 Erdenbürger so sind wie wir: sie gehören zur Mittelklasse. Und dies hat wesentliche Folgen sowohl für die demografische als auch die politische Entwicklung. Demografisch zeichnen sich Mittelklassefamilien durch die geringe Zahl der Kinder aus. Meist in Städten beheimatet, ist ihnen Bildung wichtiger als ein Paar zusätzlicher Hände auf dem Hof. Und durch bessere Bildung von Frauen verstärkt sich der demografische Effekt noch. Der Economist hat unter gebildeten Asiatinnen gar einen Heiratsstreik ausgemacht. So waren 20 Prozent der 40 bis 44 jährigen Frauen in Bangkok (Thailand) noch nie verheiratet.

Noch bedeutsamer dürfte aber der politische Effekt der wachsenden Mittelklasse sein. Wie das US Meinungforschungsinstitut Pew ermittelt hat, zeichen sich die Mittleklassen aller Länder durch einen besonderen Wertekanon aus. Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sind der Mittelklasse wichtiger als den Armen. Und mit dem zunehmenden Gewicht der Mittelklasse werden diese Werte auch immer lauter eingefordert, in Indien, China und der arabischen Welt. Im Hinblick auf die Anti-Korruptionsunruhen in Indien zitiert der Economist einen indischen Beamten: „Was Sie auf den Strassen sehen, ist eine Rebellion der Mittelklasse.“ Derweil in China, haben Demonstranten in Dalian die Schliessung einer chemischen Fakrik erreicht. Und in Ägypten war einer de Anführer der Strassenproteste der Google Manager Wael Ghonim. Gebildet, unabhängig und vernetzt ist die Mittelklasse zunehmend in der Lage die Beachtung ihres Wertekanons auch einzufordern. mic

Nur, wie lange noch?

Schon heute bräuchte die Menschheit 1,5 Erden

Bislang hat der technische Fortschritt stets dafür gesorgt, dass die wachsende Weltbevölkerung ausreichend ernährt wird. Doch der Spielraum wird kleiner und schon heute verbraucht die Menschheit mehr natürliche Resourcen als die Welt produziert.

Bevölkerungswachstum war schon immer Anlass für apokalyptische Prognosen. Am bekanntesten ist hier der britische Wissenschaftler Thomas Malthus (1766-1834) der schrieb: „Die Kraft der Bevölkerung ist unendlich viel grösser als die Kraft der Erde zur Herstellung des Unterhalts für den Menschen.“ Und so ging Malthus davon aus, dass schon bald Hungersnöte die Welt verheeren würden. Heute leben sieben mal mehr Menschen auf der Erde als zu Malthus Zeiten und noch immer scheinen wir die Grenzen des Wachstums nicht erreicht zu haben. Die Weltbevölkerung wächst immer noch und die Wirtschaft wächst sogar noch schneller. Immer mehr Menschen steigen in die Mittelklasse auf (siehe Artikel oben). Doch der steigende Wohlstand ist teuer erkauft: Seit 1986 verbraucht die Menschheit mehr natürliche Ressourcen als die Erde bereitstellen kann. Wie eine Studie der Umweltorganisation WWF zeigt, benötigt die Menschheit eigentlich 1,5 Erden um ihren Verbrauch an Wasser, Luft und Böden zu decken. Dem im Bruttoinlandsprodukt gemessenen Wachstum steht also ein Verlust an unserem natürlichen Kapitalstock gegenüber. Das ausgewiesene Wachstum ist letztlich ein Rechenfehler.

Dabei brauchen wir noch viel mehr Wachstum. Bis 2030 müssen wir die Nahrungsmittelproduktion um 50 Prozent steigern. Gleichzeitig brauchen wir 50 Prozent mehr Energie und 30 Prozent mehr Wasser, schätzt der wissenschaftliche Chefberater der britischen Regierung John Beddington. Doch er bezweifelt, dass dieses Wachstum möglich sein wird: „Ein ‚perfekter Sturm’ aus Nahrungsmangel, Wasserknappheit und unzureichenden Energieressourcen droht Aufstände, Kriege und massenhafte Migration auszulösen.“ befürchtet er. Und auch Peter Goldmark, vormals Leiter der Rockefeller Stiftung stösst ins gleiche Horn: „Der Untergang unserer Zivilisation ist nicht länger eine Theorie oder eine akademische Möglichkeit. Es ist der Weg, auf dem wir sind.“ Und was den Untergang auslösen wird, glaubt der bekannte Agronom Lester Brown zu wissen: „Mit den Fortschritten in der modernen Landwirtschaft habe ich die Idee lange abgelehnt, dass die Nahrungsmittelversorgung das schwache Glied in der Kette sein könnte. Heute denke ich, dass dies nicht nur das schwache Glied sein könnte, sondern, dass die Nahrungsmittelversorgung das schwache Glied ist.“

Das Problem der Warner von Beddington bis Brown: Angefangen mit Malthus haben sich alle Warnungen vor den Grenzen des Wachstums als falsch herausgestellt. Der technische Fortschritt hat immer wieder eine Steigerung der Produktion ermöglicht. Und so steht zu hoffen, dass die menschliche Intelligenz auch diesmal die Warner widerlegt. Und dennoch hat sich seit Malthus etwas Fundamentales verändert: Die menschlichen Eingriffe in die Natur sind heute so weitreichend, dass wir die Umwelt nicht länger als etwas Äusseres, vom Menschen unabhängiges wahrnehmen können. Die Natur existiert mittlerweile von unseren Gnaden. Wir haben uns endgültig zu den Herren der Schöpfung aufgeschwungen und müssen nun beweisen, dass wir dieser Verantwortung auch gerecht werden. mic

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