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Russland, Glencore und der Weizen

Die Motive hinter dem russischen Exportverbot für Weizen geben Anlass zu Spekulationen

Russland leidet derzeit unter drei Naturkatastrophen gleichzeitig: den höchsten Temperaturen seit Beginn der Erfassung vor 130 Jahren, der schlimmsten Dürre in drei Jahrzehnten und hunderten von Wald- und Torfbränden. Die Folgen sind denn auch dramatisch: So hat sich in Moskau die Sterberate verdoppelt. Der Russ der Brände droht das Arktiseis zu verdunkeln, wodurch es mehr Sonnenlicht absorbiert und schneller schmilzt. Die weitreichendsten Folgen dürfte aber eine Massnahme der russischen Regierung haben: das Exportverbot für Weizen. Nachdem Moskau angekündigt hat von Mitte August bis Ende Jahr keinen Weizen mehr zu exportieren, sind die Weltmarktpreise deutlich gestiegen, denn Russland gehört zu den grössten Weizenexporteuren der Welt.

Doch was steckt hinter der russischen Massnahme? Auf den ersten Blick ist diese Frage leicht zu beantworten: Russland hat dieses Jahr keinen Weizen zu exportieren. Ein russischer Bauernverband schätzt die diesjährige Weizenernte auf 70 Millionen Tonnen, was in etwa dem einheimischen Bedarf entspricht. Letztes Jahr lag die Ernte bei 97 Millionen Tonnen, wovon 21 Millionen Tonnen exportiert wurden. „Wir müssen verhindern, dass die inländischen Nahrungsmittelpreise steigen und Reserven für nächstes Jahr aufbauen.“ erklärte der russische Premierminister Vladimir Putin folglich auch den Exportbann. Er liess dabei allerdings unerwähnt, dass Russland rund 24 Millionen Tonnen Weizen auf Lager hat. Der Bauernverband ist denn auch sauer: „Wir können den amerikanischen Bauern gratulieren, dass sie nun die Märkte übernehmen werden, die russische Bauern aufgeben.“ sagte ein Verbandssprecher.

Ebenfalls gratulieren kann man aber auch einem Schweizer Unternehmen: Glencore, einem der grössten Rohstoffkonzerne der Welt (siehe unten). Bevor der Exportbann am 5. August bekannt gegeben wurde, hat eine russische Tochter des Schweizer Multis die Moskauer Regierung zu einem Exportbann gedrängt, wie die New York Times und das Wall Street Journal berichten. Glencore dementiert und profitiert: Dank des Exportverbots braucht es bestehende Lieferverträge, die oft zu deutlich niedrigeren Preisen abgeschlossen wurden, nicht zu honorieren. Die Entscheidung der Moskauer Regierung gilt als „höhere Gewalt“ und macht bestehende Verträge nichtig. Hauptleidtragende sind Weizenimporteure wie etwa Ägypten. Das Land hätte im August und September eine halbe Million Tonnen russischen Weizen zu einem Preis von 183 Dollar pro Tonne erhalten sollen. Wegen des Exportverbots hat es nun französischen Weizen bestellt. Der Preis: 283 Dollar.

Eine andere Vermutung hinsichtlich der Motive der russischen Regierung hat derweil Stratfor, eine Art Privat-Geheimdienst aus den USA. Das auch als „Schatten CIA“ titulierte Unternehmen glaubt Moskau setze seine Weizenexporte als politische Waffe ein, vergleichbar etwa mit den Gasexporten. Russland hat nämlich nicht nur die eigenen Exporte eingestellt, sondern Weissrussland und Kasachstan aufgefordert, ihre Exporte ebenfalls auszusetzen. Während Weissrussland kaum ins Gewicht fällt, ist Kasachstan der weltweit fünftgrösste Weizenexporteur. Stratfor vermutet daher, dass Russland versucht ein Weizenkartell aufzubauen. Würde Moskau den Weizenhandel kontrollieren, hätte es grösseren Einfluss auf die Weizenimporteure in seinem Umfeld, wie etwa die zentralasiatischen Staaten oder die Länder des Mittlern Ostens.

Egal was hinter dem russischen Exportverbot steckt, so ist eines klar: Die Zeche für diese Massnahme zahlen die Konsumenten weltweit. Am Tag als der Exportbann bekannt gegeben wurde, ist der Preis für Weizen am Chicago Board of Trade, einer US Rohstoffbörse, um acht Prozent gestiegen und seit Anfang Juli summiert sich der Preisanstieg gar auf 40 Prozent. In einer Welt, in der jeder sechste Mensch hungert, ist dies eine gefährliche Entwicklung. mic

Die grösste Firma der Schweiz

Glencore ist mit einem Umsatz von 100 Milliarden Dollar und 52 000 Mitarbeitern das grösste in der Schweiz beheimatete Unternehmen und einer der grössten Rohstoffproduzenten und –händler der Welt. Die Firma wurde im Jahr 2008 mit dem Negativpreis Public Eye Award „ausgezeichnet“. Dem Unternehmen werden unter anderem Menschenrechtsverletzungen bei einer kolumbianischen Tochterfirma vorgeworfen. Glencore wurde auch beschuldigt am illegalen Handel mit irakischem Öl während der Herrschaft von Saddam Hussein beteiligt gewesen zu sein. Glencore wurde von Marc Rich gegründet, der in den USA zu 325 Jahren Haft verurteilt wurde. Bill Clinton hat ihn dann aber an seinem letzten Tag als US Präsident unter ungeklärten Umständen begnadigt. Der Multi befindet sich im Besitz seines Topmanagements und ist nicht börsenkotiert. Die Firma ist folglich auch nicht verpflichtet über ihr Aktivitäten zu berichten. mic

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