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Mit Schattenpreisen das Klima retten

Immer mehr Grosskonzerne rechnen intern mit einem CO2 Preis

Kommt die Klimakatastrophe oder werden Massnahmen ergriffen, um diese abzuwenden? Aus Sicht von Inselstaaten ist das eine existentielle Frage. Aus Sicht von Grosskonzernen ist das ein buchhalterisches Problem, dem mit Schattenpreisen begegnet werden kann.

„Der Klimawandel ist der schwerwiegendste Fall von Marktversagen, den es je gegeben hat.“ sagt der Klimaökonom Sir Nicholas Stern. Weil die Freisetzung von CO2 nichts kostet, wird zuviel davon emittiert. Doch diesem Problem lässt sich abhelfen, entweder mit einer Steuer auf CO2 Emissionen oder mit einem Handelssystem für Verschmutzungsrechte wie dem EU Emissionshandel. In beiden Fällen bekommen CO2 Emissionen einen Preis und die Emissionen gehen zurück. Doch was, wenn es weder eine CO2 Steuer noch ein Handelssystem gibt wie in den USA? Dann besteht eine Unsicherheit, ein ‚regulatorisches Risiko‘. Denn der Gesetzgeber könnte ja in Zukunft einen CO2 Preis anordnen. Und die Wahrscheinlichkeit, dass er das tut, wird mit jedem Extremwetterereignis grösser. Zudem zeigt Studie auf Studie, dass Klimaschutz billiger ist als eine Klimaerwärmung um mehr als zwei Grad. Klimaschutz könnte gar für mehr Wirtschaftswachstum sorgen, wie zuletzt eine Weltbankstudie gezeigt hat. [1] Kurz, es wird immer wahrscheinlicher, dass die Politik die Klimakrise ernst nimmt und Gegenmassnahmen einleitet.

Während Shells Ingenieure das Ethen cracken schon ganz gut im Griff haben, kämpfen die Konzernbuchhalter noch mit der Knacknuss Klimawandel (Foto: Shell)

Während Shells Ingenieure das Äthylen cracken schon ganz gut im Griff haben, kämpfen die Konzernbuchhalter noch mit der Knacknuss Klimawandel (Foto: Shell)

Um diesem Risiko bei Investitionsentscheidungen und im operativen Geschäft gerecht zu werden, benutzen rund 100 Grosskonzerne einen internen CO2 Preis oder ‚Schattenpreis‘, wie das Forschungsinstitut CDP herausgefunden hat. [2] Viele Firmen betrachten diesen Schattenpreis als Geschäftsgeheimnis, aber einige haben ihre Schattenpreise veröffentlicht (siehe Tabelle). Die Preise sind sehr unterschiedlich und liegen zwischen sechs (Microsoft) und 60 US Dollar (Exxon Mobil). Die Unternehmen lassen sich dabei grob in zwei Gruppen einteilen: Energiekonzerne und der Rest. Energiekonzerne nutzen relativ hohe Schattenpreise zwischen 40 und 60 Dollar, während alle anderen mit Preisen von sechs bis 20 Dollar rechnen. Das erklärt sich aus dem Planungshorizont der Firmen und dem Ziel der Massnahme. Nicht-Energiekonzerne mit Schattenpreis wie Microsoft, Crédit Suisse oder Walt Disney haben sich meist zum Ziel gesetzt, klimaneutral zu werden. Der CO2 Schattenpreis dient dann dazu konzerninterne Energiesparmassnahmen zu fördern und externe Klimaschutzprojekte zu finanzieren, mit denen die restlichen Emissionen kompensiert werden.

Nur wenige Konzerne geben ihre internen CO2 Schattenpreise bekannt (Quelle: CDG)

Nur wenige Konzerne geben ihre internen CO2 Schattenpreise bekannt (Quelle: CDG)

Bei den Energiekonzernen ist hingegen nicht ganz klar, welche Bedeutung die Schattenpreise haben. Zum einen dienen sie natürlich dazu, die konzerninternen CO2 Emissionen etwa beim Abfackeln von Gas zu bewerten. Für eine Firma, die mit einem Schattenpreis rechnet, lohnt sich eine Investition in die Nutzung dieses Gases eher. Aber was passiert mit der Nachfrage nach Öl, Gas oder Kohle wenn tatsächlich ein CO2 Preis von 40 bis 60 Dollar pro Tonne eingeführt wird? Was passiert, wenn die Länder der Welt wirklich versuchen die Klimaerwärmung auf zwei Grad zu begrenzen? Diese Frage versucht das Forschungsinstitut Carbon Tracker Initiative CTI zu beantworten. Um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen darf die Menschheit bis zum Jahr 2100 noch 975 Milliarden Tonnen CO2 in der Atmosphäre entsorgen. Doch wenn alle bekannten Vorräte an fossilen Energien gefördert und verbrannt werden, entstehen dadurch 2860 Milliarden Tonnen CO2. Um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen, müssen also zwei Drittel der bekannten Reserven im Boden bleiben. [3]

Das hören die Energiekonzerne natürlich nur ungern und gehen daher lieber davon aus, dass die Menschheit zu wenig gegen den Klimawandel tut. Der weltgrösste Ölkonzern, Shell, schreibt in einer Antwort auf die CTI Berechnungen: „Wir schliessen uns der Sicht des letzten IPCC Reports an: Es gibt eine grosse Wahrscheinlichkeit, dass am Ende des 21. Jahrhunderts die Klimaerwärmung zwei Grad übersteigt.“ Und dann kommt Shell zum Schluss: „Wir glauben nicht, dass unsere nachgewiesenen Reserven ‚stranden‘“ oder unförderbar werden. [4] Aus Sicht von Shell befindet sich die internationale Klimapolitik in einer Situation des „Driftens, mit nur kleinen Fortschritten während die schwierigen Entscheidungen verschoben werden“. Dabei weiss Shell, dass „je länger die Periode des Driftens andauert, desto grösser werden die Abschreibungen auf Reserven und Anlagen sein.“ Und dann stellt Shell die Frage: „Sind wir moralisch dazu bereit, es der nächsten Generation zu überlassen, mit diesem Problem fertig zu werden?“ [5]

CTI Chef Anthony Hobley fühlt sich von Shells Haltung an George Orwells Buch ‚1984‘ erinnert: „Die Ernsthaftigkeit des Klimawandels zuzugeben und gleichzeitig davon auszugehen, dass keine Gegenmassnahmen ergriffen werden ist ein klassischer Fall von Orwellscher ‚Doppeldenke‘“. [6] Oder anders: Intern mit einem Schattenpreis von 40 Dollar pro Tonne CO2 zu kalkulieren, aber zu ignorieren, dass ein solcher Preis auch einen Einfluss auf die Nachfrage hätte, ist zumindest widersprüchlich. Dabei ist das Konzept der Schattenpreise eigentlich ein eleganter Ansatz, um ‚regulatorische Risiken‘ bei unternehmerischen Entscheidungen mitzuberücksichtigen. Im Fall von Energiekonzernen sollten Schattenpreise allerdings sowohl auf der Kosten- als auch auf der Ertragsseite benutzt werden. Dann stellt sich nämlich heraus, dass der Klimawandel das gesamte Geschäftsmodell der Energiekonzerne in Frage stellt – vorausgesetzt, die Länder versuchen tatsächlich das Klima zu bewahren, mit dem die Menschheit bislang ganz gut gefahren ist. mic

PS: In Deutschland und der Schweiz rechnen die folgenden Firmen mit einem CO2 Schattenpreis, allerdings ohne zu sagen, wie hoch dieser ist: BMW, BASF, Hamburger Hafen und Logistik, Berner Kantonalbank, Crédit Suisse.

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[1] Weltbank, 23.06.2014: Climate-Smart Development: adding up the benefits of actions that help build prosperity, end poverty and combat climate change

[2] CDP, 2013: Use of internal carbon price by comapnies as incentive and strategic planning tool

[3] Carbon Tracker Initiative und Grantham Research Institute, 2013: Unburnable Carbon 2013: Wasted Capital and Stranded Assets

[4] Royal Dutch Shell, 16.05.2014

[5] Royal Dutch Shell, 2013: New Lens Scenario

[6] Eco-Business, 10.07.2014: Critics refute assets claim by ‘Orwellian’ Shell

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