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Aquakulturen boomen und werden nachhaltiger

Der Anbau von Algen und Muscheln hat sogar eine positive Umweltwirkung

Es gibt immer mehr Menschen und diese essen immer mehr Fisch. Doch die Meere sind schon weitgehend überfischt. In diesem Dilemma ist die Zucht von Fisch in Aquakulturen eine Lösung. Aber auch diese belasten die Umwelt.

Der Mensch versucht seit je her Fische zu züchten. Die Aborigines in Australien haben schon im Jahr 4500 vor Christus in einem Kanal- und Dammsystem Aale für den ganzjährigen Konsum produziert. Ein Durchbruch gelang dann dem deutschen Naturwissenschaftler Stephan Ludwig Jacobi. Dieser entnahm laichreifen Fischen Eier und Samen, befruchtete die Eier künstlich und brachte diese dann zur Entwicklung. Er veröffentlichte seine Entdeckung im Jahr 1776 in dem Wissenschaftsmagazin Lippische Intelligenzblätter unter den Titel: „Von der künstlichen Erzeugung der Forellen und Lachse“.

Marktführer. In wenigen Branchen ist eine Weltregion derart dominant wie bei Aquakulturen. (Grafik Our World in Data [5])

Trotzdem blieb der Anteil an Zuchtfischen noch für mehr als 200 Jahre weit hinter dem an gefangenen Fischen zurück. Erst in den frühen 90’er Jahren des letzten Jahrhunderts nahm die Produktion von Fischen, Muscheln und Algen in Aquakulturen Fahrt auf (siehe Grafik). Seither ist sie von unter 20 Millionen Tonnen pro Jahr auf über 110 Millionen Tonnen gewachsen und übertrifft nun die Menge an Fischen und Algen aus der Natur. Den größten Anteil haben Süßwasserfische gefolgt von Algen. Aquakulturen leisten heutzutage einen wichtigen Beitrag zur Ernährung der Weltbevölkerung und zum Schutz vor Überfischung, denn drei Viertel aller Fischereigebiete der Welt sind bereits überfischt oder kurz davor.

Aquakulturen sind geografisch stark konzentriert: Über 90 Prozent aller Fische und Algen werden in Asien gezüchtet. Führend ist hier China gefolgt von Südostasien. Außerhalb Asiens gibt es nur in Norwegen, Chile und Ägypten größere Fischzuchten. In Asien zeigen sich denn auch die Probleme von Aquakulturen in großem Stil am stärksten. Das offensichtlichste Problem ist die Abholzung von Mangrovenwäldern am Meeresufer um Platz für Garnelenfarmen zu schaffen. Insbesondere in den 80’er Jahren des letzten Jahrhunderts fielen in Ländern wie Thailand oder Indonesien große Mangrovenwälder Aquakulturen zum Opfer. Seither ist die Abholzung allerdings stark zurückgegangen. [1]

Vorher. Mangrovenwälder wie dieser auf Phuket sind nicht nur schön sondern binden auch sehr viel CO2. (Foto: sk / Flickr)

Das nächste Problem ist das Fischfutter. Insbesondere fischfressende Fische werden mit Fischmehl und Fischöl gefüttert, das aus gefangenen Fischen produziert wird. Die schlechteste Bilanz haben hier Aale (siehe Tabelle). Diese fressen während ihres Wachstums knapp ihr dreifaches Körpergewicht in Form von Wildfischen. [2] Dieses Verhältnis ist auch als „Fish- In – Fish-Out Ratio“ (FiFo) bekannt. In den letzten 20 Jahren hat sich das FiFo-Verhältnis allerdings deutlich verbessert. Während sich die Menge an gefütterten Zuchtfischen verdreifacht hat, ist der Einsatz von Fischmehl und –öl von 23 Millionen Tonnen auf 16 Millionen Tonnen gefallen. Das liegt nicht zuletzt am Preis: Diese beiden Fischprodukte haben sich deutlich verteuert. Fischfutter wird daher zunehmend auf pflanzlicher Basis hergestellt. Aber auch das hat Folgen: Mittlerweile werden vier Prozent aller Futtermittel an Fische verfüttert. Bei manchen Futtermitteln wie Soja aus Brasilien und Palmöl aus Indonesien kann das zur Abholzung der Regenwälder beitragen.

In Fischzuchten werden also riesige Mengen an Nahrungsmitteln ins Wasser gekippt. Wenn die Zuchtfische diese nicht komplett vertilgen, gelangt das Futter dann in Seen und letztlich in küstennahe Gewässer. In manchen Provinzen Chinas stammt ein Fünftel der Nährstoffe im Wasser aus Fischzuchten, wie eine Studie im Wissenschaftsmagazin Nature schreibt. [2] Das kann nicht zuletzt zu einer Überdüngung führen. Letzteres erleichtert eine plötzliche, massenhafte Vermehrung von Algen (Algenblüte), die bei der Zersetzung dem Wasser Sauerstoff entziehen. Im schlimmsten Fall kippt ein Gewässer dann um und es entsteht eine tote Zone für alle anderen Lebewesen. Ein Forscherteam des Leibniz-Zentrums in Bremen hat in Gewässern vor der chinesischen Insel Hainan untersucht, wieviel Stickstoff aus Fischfarmen im Wasser ist. [3] Auf ganz China hochgerechnet, belasten Fischfarmen die Gewässer mit 510.000 Tonnen Stickstoff pro Jahr. Das sind drei Prozent des jährlichen Stickstoffeintrags in die Meere weltweit.

Nachher. Ob hier ein Mangrovenwald dieser im Bau begriffenen Garnelenfarm in Indonesien weichen musste, ist nicht bekannt. (Foto: Stephen Kennedy / Flickr)

Das letzte große Problem entsteht durch den Einsatz von Medikamenten in Fischfarmen. Auch diese gelangen schließlich in normale Gewässer und können zu Resistenzen gegen Antibiotika führen. Der Einsatz von Medikamenten ist allerdings stark zurückgegangen. Lachse in Norwegen werden mittlerweile geimpft, sodass nun 95 Prozent weniger Antibiotika ins Wasser gelangen. Ein anderer Ansatz ist der Wechsel zu weniger krankheitsanfälligen Arten. In Thailand wurden viele Aquakulturen von den Black Tiger Garnelen auf Weißbeingarnelen umgestellt. Ganz gebannt ist das Problem der Resistenzen aber nicht, wie eine Studie des Leibniz-Instituts in Braunschweig zeigt. Diese hat in einer spanischen Fischfarm antibiotikaresistente Bakterien gefunden. Einer der Autoren, Jörn Petersen, sagte dazu: „Ergebnisse wie das unsrige zur Verbindung von Gesundheitswesen, Tierzucht und mariner Aquakultur machen deutlich, wie eng die Welt heutzutage aus biologischer Sicht vernetzt ist. Der Mensch sollte sich bewusst sein, welchen Fußabdruck er im Anthropozän hinterlässt.“ [4]

Es gibt allerdings auch zwei Produkte aus Aquakulturen, die keine negativen Auswirkungen auf die Umwelt haben: Algen und Muscheln wie Austern. Diese nehmen Nährstoffe aus dem Wasser auf und reduzieren so die Überdüngung von Gewässern. Wenn Algen und Muscheln nahe Flussmündungen gezüchtet werden, können sie folglich den negativen Effekten von Fischfarmen an diesen Flüssen teilweise entgegen wirken. mic

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[1] Washington Post, 12.09.2020: Mangrove loss has fallen dramatically, but the forests are still in danger

[2] Nature, 24.03.2021: A 20-year retrospective review of global aquaculture

[3] Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung, 17.02.2021: Durch Aquakultur gelangt vom Menschen produzierter Stickstoff in die Nahrungskette

[4] Leibniz Institute DSMZ, 10.02.2021: Aquakultur als Motor zur Verbreitung von Antibiotikaresistenzen im Ozean

[5] Our World in Data, Stand 04.05.2021: Aquaculture production

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