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Mit Brics und Mists die Welt begreifen

Goldman Sachs definiert neue Ländergruppe bestehend aus Mexiko, Indonesien, Südkorea und der Türkei

In zehn Jahren werden drei der fünf grössten Wirtschaftsmächte der Welt sogenannte Entwicklungsländer sein. Zeit – die amorphe Masse der „Entwicklungsländer“ etwas differenzierter zu betrachten.

„Im Anfang war das Wort“ (Johannes 1,1) weiss schon die Bibel. Denn erst wenn wir einen Begriff für etwas haben, nehmen wir es auch wahr. Und genau das passierte mit dem Begriff „Bric“, der die Länder Brasilien, Russland, Indien und China auf einen Nenner bringt. Erfunden wurden die Brics im Jahr 2001 von Jim O’Neill, dem Chef der Vermögensverwaltung bei der amerikanischen Investement Bank Goldman Sachs. Er wollte mit seiner Wortneuschöpfung darauf aufmerksam machen, dass es eine Gruppe von vier Ländern gibt, deren Volkswirtschaften bald zu den grössten der Welt zählen werden. Und O’Neill hatte Erfolg: Firmen fokussierten ihre Wachstumsstrategien auf die Brics, Investoren investierten dort ihr Geld, westliche Politiker begannen die Brics zu umwerben und diese beschlossen schliesslich gar, Bric Gipfeltreffen zu veranstalten. Der Begriff veränderte somit nicht nur die Wahrnehmung der Welt sondern auch die Welt selbst.

Und nun hat sich O’Neill einen neuen Begriff ausgedacht: „Mist“. Er fasst damit wieder vier Länder zusammen, die in seinen Augen besondere Aufmerksamkeit verdienen. Dies sind Mexiko, Indonesien, Südkorea und die Türkei. Die Voraussetzungen um als Mist Land zu gelten, sind hohe Wachstumsraten dank steigender Produktivität und günstiger Demografie, funktionierende Kapitalmärkte und eine gewisse Grösse. Die Mist Länder haben alle einen Anteil von mehr als einem Prozent an der weltweiten Wirtschaftsleistung mit steigender Tendenz. Kurz, wenn es nach Goldman Sachs geht, lässt sich die Welt in vier Gruppen unterteilen: Die westlichen Industriestaaten (USA, EU, Japan, Kanada, Australien), die Brics, die Mists und schliesslich alle anderen Länder. Damit hat sich die Zahl der Ländergruppen seit der Jahrtausendwende verdoppelt: Damals gab es nur Industriestaaten und Entwicklungsländer oder knackiger „the west and the rest“.

Diese Ausdifferenzierung der bislang amorphen Masse der Entwicklungsländer ist aber nicht nur ein Spiel mit Begriffen, sondern spiegelt die Herausbildung einer multipolaren Weltordnung wieder. Besonders deutlich hat sich das während der Wirtschaftskrise gezeigt: Die G8 waren nicht mehr in der Lage die Krise ohne den „Rest“ zu bewältigen und so wurden die G20 aus der Taufe gehoben, der sowohl die Brics als auch die Mists angehören. Umgekehrt gibt es nachwievor Organisationen, wo sich immer noch die Industriestaaten und die Entwicklungsländer gegenüberstehen. Insbesondere die UN-Klimaverhandlungen werden dadurch erschwert, dass nicht zwischen Ländern wie Mexiko und Madagaskar unterschieden wird. Aber auch im Deutschen hinkt die sprachliche Entwicklung noch hinter den Veränderungen in der Welt her. Der einzige begriffliche Neuzugang sind hier die „Schwellenländer“. Im Gegensatz zu den Brics und Mists von Goldman Sachs ist aber nicht klar, welche Länder zu den Schwellenländern gehören.

Diese Unschärfe birgt die Gefahr, dass im deutschen Sprachraum die aktuellen Veränderungen in der Weltwirtschaft und Weltordnung nicht gebührend zur Kenntnis genommen werden. So geht die britische Bank Standard Chartered davon aus, dass in zehn Jahren die Rangliste der grössten Volkswirtschaften wiefolgt aussieht: 1. China, 2. USA, 3. Indien, 4. Japan und 5. Brasilien. China überholt also die USA bis 2020 und Deutschland und Frankreich fallen aus den Top-Fünf heraus. Und bis 2030 verschwindet dann auch Japan aus dieser Liste und wird durch Indonesien ersetzt. Spätestens dann wird wohl niemand mehr von „Entwicklungsländern“ und „Industriestaaten“ reden. Wie die Länder der Welt dannzumal gruppiert und bezeichnet werden, lässt sich noch nicht absehen. Mit den Brics und Mists vermögen wir aber zumindest die Konturen der künftigen Realität zu ertasten. mic

Tabelle: Überblick der BRIC und MIST Staaten

Land

Bevölkerung

BIP 2010 (nominal)

Pro-Kopf-Einkommen*

Wachstum 2010

China

1 342 Mio.

5 745 Mia. $

7 518 $

10.1%

Indien

1 194 Mio.

1 430 Mia. $

3 290 $

8.3%

Brasilien

191 Mio.

2 023 Mia. $

11 289 $

7.5%

Russland

142 Mio.

1 476 Mia. $

15 807 $

3.8%

Indonesien

238 Mio.

695 Mia. $

4 380 $

6.0%

Mexiko

112 Mio.

1 004 Mia. $

14 266 $

5.0%

Türkei

74 Mio.

729 Mia. $

13 392 $

7.3%

Südkorea

49 Mio.

986 Mia. $

29 791 $

6.1%

*kaufkraftbereinigt, Quellen: Bevölkerung: Wikipedia, BIP und Pro-Kopf Einkommen: IMF 2010, Wachstum: CIA World Factbook 2010

Südafrika schliesst sich den BRIC Staaten an

Der Begriff „Bric Staaten“ ist eine Erfindung der US Investment Bank Goldman Sachs und bezeichnet die vier grössten Schwellenländer – Brasilien, Russland, Indien und China. Diese veranstalten seit 2009 Gipfeltreffen. Auf Betreiben von China wird dieses Jahr nun auch Südafrika dazustossen. Das Land am Kap ist eigentlich nicht gross genug um als „Bric Staat“ zu gelten, ausserdem wächst die Wirtschaft relativ langsam. Bei Goldman Sachs hat die Aufnahme Südafrikas in den Club der Bric Staaten denn auch Verwunderung ausgelöst. Aber die Südafrikaner geben sich selbstbewusst: „Wir haben vielleicht nur eine kleine Bevölkerung, aber wir sprechen nicht nur für Südafrika, wir sprechen für ganz Afrika.“ sagt die südafrikanische Aussenministerin Nkoana-Mashabane. „Wir werden ein guter Stützpunkt für die anderen Bric Staaten sein.“ Und genau darum geht es wohl auch China: mit Südafrika als BRIC Mitglied festigt es seinen Einfluss in Afrika. mic

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