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Der Stoffwechsel der Städte

Stadtbewohner müssen ihren Ressourcenverbrauch halbieren

Städte sind immer grösseren Klimarisiken ausgesetzt, können aber auch massgeblich zum Kampf gegen den Klimawandel beitragen. Dabei kommt es nicht nur auf den Energie- sondern auch auf den Ressourcenverbrauch an.

Die Stunde Null für Kapstadt kommt voraussichtlich Mitte Juli. Dann wird das Leitungswasser abgestellt und die vier Millionen Einwohner der südafrikanischen Metropole müssen sich ihre Wasserrationen an Verteilpunkten abholen. „Die Frage die mein Denken dominiert ist: Wenn die Stunde Null kommt, wie machen wir dann Wasser erhältlich und verhindern Anarchie?“ sagt Helen Zille, die Ministerpräsidentin der Provinz Westkap. [1] Diese Frage wird in den kommenden Jahren nicht nur für Kapstadt relevant sein. Urbanisierung und klimabedingte Extremwetterereignisse wie die mittlerweile dreijährige Dürre am Kap sorgen dafür, dass immer mehr Städte Opfer von Naturkatastrophen zu werden drohen. Manche dieser Städte liegen auch in Europa. Eine neue Studie zeigt, dass in den nächsten zehn Jahren die regionale Klimaerwärmung in 13 Städten der Welt die Zwei-Grad-Grenze überschreiten wird. Dazu gehören etwa Löwen in Belgien und Genf in der Schweiz. [2]

Gute Hoffnung? Kapstadt ist einer der am schönsten gelegenen Städte der Welt. Das hilft ihr aber nicht, wenn der Regen ausbleibt. (Foto: Daniel Gillaspia / Flickr)

Gute Hoffnung? Kapstadt ist einer der am schönsten gelegenen Städte der Welt. Das hilft ihr aber nicht, wenn der Regen ausbleibt. (Foto: Daniel Gillaspia / Flickr)

Aber noch viele andere europäischen Städten droht Ungemach, wie eine andere Studie zeigt. Überschwemmungen drohen in fast allen Städten, die an Flüssen liegen. Hitzewellen werden Stockholm, Rom, Wien und Prag heimsuchen und Madrid und Lissabon müssen sich auf das gleiche Schicksal wie Kapstadt vorbereiten: Dürre. „Obwohl südeuropäische Städte auf Dürren vorbereitet sind, könnte dieses Ausmass des Wandels die Bruchgrenze überschreiten“, sagt Selma Guerreiro, die Hauptautorin der Studie. [3] Diese zeigt, dass Dürren in Europa in Zukunft bis zu 14 mal schwerwiegender sein könnten als heute. Richard Dawson, ein Co-Autor, stellt denn auch fest: „Die Forschungsergebnisse zeigen das dringende Erfordernis, unsere Städte für diese zukünftigen Bedingungen anzupassen.“

Dieses Erfordernis ist auch dem Weltklimarat IPCC bewusst. Diese Woche ist in der kanadischen Stadt Edmonton die erste IPCC-Konferenz zu Ende gegangen, die ausschliesslich Städten gewidmet war. Dabei ging es allerdings nicht nur um die Frage, wie sich Städte am besten auf Umweltkatastrophen vorbereiten, sondern auch darum, was Städte zum Kampf gegen den Klimawandel beitragen können. Bereits heute lebt mehr als die Hälfte der Menschheit in Städten und Mitte des Jahrhunderts werden es zwei Drittel sein. Deren Energie- und Ressourcenverbrauch, also der Stoffwechsel der Städte, wird den Kampf gegen den Klimawandel entscheiden. Die Studie ‚Das Gewicht der Städte‘ (‚The Weight of Cities‘) zeigt die Dimensionen des urbanen Metabolismus auf: Während Städte heute 40 Milliarden Tonnen Ressourcen jährlich ‚verstoffwechseln‘ werden es in Zukunft 90 Milliarden Tonnen sein, wenn die Ressourceneffizienz nicht deutlich gesteigert wird. Die Studie stellt denn auch lapidar fest: „Die grosse Nachfrage nach Rohmaterialien übersteigt bei weitem, was der Planet nachhaltig zur Verfügung stellen kann.“ [4] Der Materialverbrauch von Städtern muss folglich sinken – von rund 14 Tonnen pro Kopf auf die Hälfte.

Städte verbrauchen aber nicht nur Ressourcen sondern brauchen auch Land. Derzeit nimmt die Dichte der Städte jedes Jahr um zwei Prozent ab. Ohne Trendumkehr werden Städte im Jahr 2050 eine Fläche von 2,5 Millionen Quadratkilometer bedecken und nicht knapp eine Million wie heute. Da sich Städte oft an Orten mit fruchtbarem Land entwickelt haben, bedroht dies die Nahrungsmittelproduktion. Städte müssen also wieder dichter werden. Die Studienautoren empfehlen Knoten mit 15‘000 Einwohnern pro Quadratkilometer umgeben von Quartieren mit 10‘000 Einwohnern. Wer jetzt ‚Dichtestress‘ fürchtet, kann aber beruhigt sein: In Paris leben 21‘500 Menschen pro Quadratkilometer und Frankreichs Hauptstadt gilt dennoch als lebenswert. Grössere Dichte ist zudem die Voraussetzung für eine städtische Kreislaufwirtschaft, wo etwa die Abwärme des einen die Heizwärme des anderen ist. Ausserdem sorgt grössere Dichte für kleinere Entfernungen, sodass mehr Menschen zu Fuss gehen oder Fahrrad fahren.

Aus europäischer Sicht sind viele der Empfehlungen nicht überraschend, sondern erinnern an etwas Bekanntes: die typische, europäische Altstadt. Hohe Dichte, kurze Distanzen und eine gemischte Nutzung mit Wohnhäusern, Geschäften, Büros und Gewerbebetrieben sowie Parks und öffentlichen Gebäuden sorgen dort für eine bunte und lebenswerte Stadt. Schön, dass das auch Sicht der Wissenschaft die Zukunft ist. mic

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[1] National Geographic, 05.03.2018: Why Cape Town Is Running Out of Water, and Who’s Next

[2] Reuters, 07.03.2018: 13 cities may exceed 2C temperature rise by 2020s, say scientists

[3] BusinessGreen, 21.02.2018: ‚Beyond breaking point‘: European cities should brace for climate impacts

[4] UN Environment, März 2018: The Weight of Cities – Resource requirements for future urbanization (PDF)

 

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