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Manche Firmen wollen Paris Abkommen in Eigenregie umsetzen

Klimavorreiter der Wirtschaft fordern mehr Regulierung, um ihre Klimaziele zu erreichen

Ehrgeizige Klimapolitik schade der Wirtschaft, glauben viele Politiker. Doch aus Sicht vieler Firmen trifft das Gegenteil zu. Diese sehen sich in der Pflicht, die Pariser Klimaziele zu erfüllen und fordern dabei Unterstützung in Form strikter Klimaschutzauflagen.

Das Paris Abkommen verpflichtet Staaten dazu, sich Klimaziele zu setzen. Ob diese Ziele gemäß dem Wissensstand der Klimawissenschaften ausreichen, um die Erwärmung auf „deutlich unter zwei Grad“ oder sogar auf 1,5 Grad zu begrenzen, wird allerdings nicht offiziell geprüft. Anders ist das bei Firmen, die sich der Initiative für „Wissenschaftsbasierte Ziele“ (SBT von englisch „Science Based Targets“) anschließen. Diese prüft, ob die Unternehmensziele den Zielen des Paris Abkommens genügen. Dabei kann es zu Überraschungen kommen, wie Holly Emerson vom US-Konglomerat Ingersoll Rand berichtet: „Wir waren überrascht und besorgt, als wir gemerkt haben, dass unsere alten Ziele völlig unzureichend waren. Erst herrschte Ungläubigkeit, dann Akzeptanz und schließlich Entschlossenheit die nötigen Emissionsminderungen zu liefern.“ [1]

Senke. Bei der Zementproduktion wird sehr viel CO2 freigesetzt. Beim Betonrecycling kann ein Teil davon aber wieder im Altbeton gebunden werden. (Foto. HeidelbergCement)

Mittlerweile haben sich 714 Firmen weltweit wissenschaftsbasierte Ziele gesetzt und die Ziele von 285 Firmen wurden als ausreichend zertifiziert. Die direkten Emissionen (Scope 1) und indirekten Emissionen aus dem Energieverbrauch (Scope 2) dieser Unternehmen liegen bei 752 Millionen Tonnen pro Jahr. Das ist mehr als die Emissionen von Frankreich und Spanien zusammen. Wirkung erzielen Firmen aber insbesondere, wenn sie auch die Emissionen miteinbeziehen, die bei ihren Lieferanten und bei der Verwendung ihrer Produkte entstehen (Scope 3). Hier kommen die SBT-zertifizierten Unternehmen auf 3,9 Milliarden Tonnen CO2. Das entspricht rund 90 Prozent der EU-Emissionen. Die Reduktion der Scope 3 Emissionen ist schwierig, birgt aber auch das größte Potential, weil dadurch einen „Klimaschutz-Kaskade“ in Gang kommt. Ron van der Akker vom niederländischen Konglomerat DSM sagt: „Unsere Lieferanten müssen mit ihren Lieferanten reden und die müssen mit ihren Lieferanten reden und so weiter.“ [2]

Es geht aber nicht nur um die Lieferketten sondern auch um die Politik. Diese schrecke oft vor ehrgeizigen Maßnahmen zum Klimaschutz zurück, aus Angst der Wirtschaft zu schaden, sagt Claus Stig Pedersen vom dänischen Biotechkonzern Novozyms. „Die armen Politiker müssen wissen, dass die Firmen bereit sind.“ Gleichzeitig haben die SBT-Unternehmen aber auch klare Forderungen an die Regierungen. „Keiner von uns kann das Paris Abkommen einhalten ohne signifikante Änderungen der Regierungspolitik“, sagt Jeff Turner von DSM. „Das beginnt mit einem aussagekräftigen CO2-Preis.“ [1] Dann kommt sauberer Strom. „Die Politiker müssen handeln“, sagt Henrik Sundström vom schwedischen Küchengerätehersteller Electrolux. „Letztlich hängen wir von einem CO2-freiem Stromnetz ab.“ [1] Es gibt aber auch branchenspezifische Regulierungswünsche. Beim Recycling von Beton besteht die Möglichkeit den Altbeton mit CO2 anzureichern (recarbonation). Peter Lukas vom deutschen Zementhersteller Heidelbergcement fordert: „Es sollte eine Vorschrift geben, dass rezyklierter Beton mit CO2 angereichert werden muss, bevor er in Neubauten genutzt werden kann.“ [1]

In den meisten Branchen sind die SBT-Firmen noch eine Minderheit. Damit das nicht so bleibt, gibt es verschiedene Ansatzpunkte. In Japan fördert die Regierung die SBT-Zertifizierung von Firmen. Weltweit haben aber institutionelle Investoren am ehesten die Möglichkeit, Firmen zur Teilnahme an SBT zu bewegen. Thomas Liesch vom deutschen Versicherungskonzern Allianz erklärt das Vorgehen so: „Als Investoren müssen wir sagen: ‚Liebe Firma, wenn du das Geld unserer Kunden willst, dann musst du uns zeigen, dass du auf die Herausforderungen der Zukunft vorbereitet bist.‘“ [1] Ehrgeizige Klimaziele können zudem die Kapitalkosten senken. Der italienische Energiekonzern Enel und der finnische Telekommunikationskonzern Nokia haben Anleihen herausgegeben, deren Verzinsung von der Erreichung von Klimazielen abhängt. [2] [3] Werden die Ziele nicht erreicht, steigt der Zins.

Ein solcher Mechanismus existiert für Staaten leider nicht. Diese können sich erst ungenügende Ziele setzen und diese dann auch noch verpassen wie etwa Deutschland. Auch hinsichtlich Bescheidenheit könnten manche Politiker von der Wirtschaft lernen: „Wir sind keine Helden“, sagt Turner von DSM. [1] „Wir leisten einfach unseren fairen Beitrag. Jeder sollte das tun.“ mic

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[1] SBTi, 05.12.2019: Raising the Bar – Exploring the Science Based Targets initiative’s progress in driving ambitious climate action (PDF)

[2] BNP Paribas, 06.09.2019: Italian Energy Comapy Issues Groundbreaking SDG-Linked Bond

[3] Nokia, 19.06.2019: Nokia signs revolving credit facility with its pricing mechanism linked to the company’s sustainability targets

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