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“Es muss Richtung 1,5-Grad-Ziel gehen”

Der Schweizer Umweltbotschafter Franz Perrez erklärt wie es um die Klimaverhandlungen steht

Franz Xaver Perrez

Franz Xaver Perrez

Franz Xaver Perrez, 45, ist der Leiter der Abteilung Internationales beim Bundesamt für Umwelt. Als Schweizer „Umweltbotschafter“ leitet er die Schweizer Delegation bei den Klimaverhandlungen und steht der Environmental Integrity Group vor, einer Ländergruppe.

Bis 2015 soll ein neuer Weltklimavertrag ausgehandelt werden, der dann 2020 in Kraft tritt. Wie gross ist die Chance, dass dieser Vertrag zustande kommt?

Franz Perrez: Die Chance, dass wir eine Lösung finden für die Zeit nach 2020, die uns dem Ziel deutlich näher bringt, ist gross. Aber es gibt mehrere Einschränkungen: Die Verhandlungen werden wohl länger dauern als bis 2015, aber das ist nicht weiter schlimm. Es wird eine Lösung sein. Wir denken dabei an einen Vertrag oder ein Protokoll. Vielleicht gibt es aber auch andere Lösungen, die funktionieren. Wenn man heute zuhört, könnte man meinen die Unterscheidung zwischen Industriestaaten und Entwicklungsländern wird nicht zu überwinden sein. Aber ich bin überzeugt, es wird uns gelingen. Das ist die Voraussetzung damit ein Vertrag zustande kommt.

Aber wird man sich auch auf Emissionsziele verständigen können, die der Klimakrise gerecht werden?

Ich bin überzeugt, nach 2020 werden wir ein ehrgeizigeres Regime haben als heute. Es wird transparenter und griffiger sein. Aber es kann sein, dass man mit Emissionszielen anfängt, die immer noch nicht den Forderungen der Klimawissenschaft genügen, aber die es erlauben schnell aufzuholen. Man muss sich bewusst sein. Je langsamer man am Anfang losläuft, desto schneller muss man am Schluss rennen. Radikal viel schneller.

Oder man zeigt sich beim Zwei-Grad-Ziel flexibel.

In Bezug auf das Zwei Grad Ziel können wir es uns nicht leisten, flexibel zu sein. Tendenziell muss es eher in Richtung 1,5-Grad-Ziel gehen. Flexibilität beim Zwei Grad Ziel könnte Konsequenzen haben, die wir nicht verantworten können.

Aber werden die USA den neuen Klimavertrag überhaupt ratifizieren können?

Ein Vertrag, bei dem Amerika nicht mitmachen kann, macht keinen Sinn. Das gilt auch für China. Aber das ist dynamisch nicht starr. Wenn man sich jetzt darauf versteift, dass die USA jetzt ihr Reduktionsziel anheben, dann kommt man zu nichts. Aber vielleicht schon 2015 ist das ganz anders.

Bei den Verhandlungen ist eine Gruppe von Entwicklungsländern aufgetreten, die „Koalition der Unwilligen“, die grossen Wert auf die Unterscheidung zwischen Industrie- und Entwicklungsländern legt. Hat man sich nicht bei den Verhandlungen letztes Jahr in Durban darauf geeinigt, diese Unterscheidung abzuschaffen?

Ja, auf politischer Ebene hat man dem zugestimmt. Aber es gibt verschiedene Interpretationen von dem, was dort beschlossen wurde. Ich glaube, das Ziel dieser Gruppe ist es, Zeit zu gewinnen. Sie wollen es möglichst lange hinauszögern, dass sie wirklich gleich in die Pflicht genommen werden. Es ist wirklich ernüchternd, wenn man etwas beschlossen hat, dass man danach ein Jahr lang kämpfen muss, um nicht wieder Rückschritte zu machen. Aber man darf sich nicht demotivieren lassen, am Schluss haben wir immer wieder einen kleinen Fortschritt gemacht.

Was erwarten Sie von der Klimakonferenz Ende diesen Jahres in Doha, Katar?

Doha wird ein wichtiger Schritt sein. Aber es wird nicht ein wichtiger Schritt sein, weil man da schon etwas für das Regime nach 2020 beschliesst, sondern weil man dort die beiden alten Verhandlungsstränge abschliessen kann.

Der Erfolg letztes Jahr in Durban war einer Allianz aus Industrie- und Entwicklungsländern zu verdanken. Wie geht es dieser Allianz?

Es waren eigentlich mehrere Allianzen. Das was am Schluss sichtbar war, war eine Gruppe bestehend aus der EU, der Schweiz und Norwegen zusammen mit den kleinen Inselstaaten und den ärmsten Ländern der Welt. Viele dieser Länder sind auch Mitglied in der sogenannten Cartagena Gruppe, die sich regelmässig trifft und wo wir eine sehr offene Diskussion pflegen. Trotzdem ist die Allianz ist im Moment in den Verhandlungen nicht so spürbar. Aber das ist vielleicht auch nicht so schlimm. Man muss nicht immer alles spüren. Im Moment spürt man die Koalition der Unwilligen mehr. Aber es gibt auch sehr deutliche Signale von anderen Ländern etwa heute von den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Was ist die Rolle der Schweiz bei den Klimaverhandlungen? Welches Gewicht hat ein Land, das gerade mal ein Promill der Weltbevölkerung ausmacht?

Wir haben eine sehr hohe Glaubwürdigkeit, was die Umweltintegrität, was die Finanzierung anbelangt. Ausserdem stehen wir der einzigen Ländergruppe vor, die sowohl Entwicklungs- als auch Industrieländer umfasst. Mit Liechtenstein, Mexiko, Monaco und Südkorea als Mitgliedern werden wir weder als ein reiner Industrieländerclub wahrgenommene, noch sind wir dem Mantra der Entwicklungsländer verpflichtet, das manche immer und immer wiederholen, weil sie selber nicht mehr daran glauben. Wir haben mal überlegt, ob wir die Gruppe wechseln sollen, weil die Gruppe zu wenig Power hatte. Aber, wir haben viel Zeit in die Gruppe investiert und können jetzt sehr progressive Vorschläge einbringen.

Besteht die Möglichkeit weitere Länder für die Gruppe zu gewinnen?

Mehrere Länder wollten zu uns stossen. In Durban haben die Minister aber beschlossen, die Gruppe nicht zu öffnen. Das ist eine strategische Frage, wo man nie weiss ob die Entscheidung richtig war oder nicht. Die Frage war: Sollen wir andere Länder aufnehmen, die sehr viel Gewicht haben, aber auch Positionen vertreten, die unserer Gruppe nicht so wichtig sind und die vielleicht auch nicht so umweltinteger sind? Es gab verschiedene Meinungen. Am Schluss war aber Konsens, dass wir gut zusammenspielen, dass wir uns sehr pointiert einbringen können.

Die Schweiz hat sich um den Sitz für den Green Climate Fund beworben. Wie stehen die Chancen?

Die Chancen der Schweiz sind intakt. Aber es ist keine einfache Kandidatur. Wir haben zwei Konkurrenten, die mit grossem Mitteleinsatz lobbyieren. Von den Möglichkeiten her, von der Art her sind wir nicht ganz so aggressiv. Die Schwierigkeit der Schweiz ist, dass sie keine natürliche Wählerschaft hat. Die afrikanischen Länder haben die Afrikaner, ein EU Land die anderen EU Länder. Das Verfahren wurde jetzt festgelegt. Wir dürfen einfach nicht zu früh rausfliegen. mic

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