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EU will Märkte fürs Klima hebeln

Das nachhaltigste Finanzsystem der Welt ist das Ziel

Geld ist da, aber es wird falsch investiert. Um eine nachhaltige Entwicklung zu fördern, muss daher das Finanzsystem reformiert werden. Wie das gehen kann, hat nun eine EU-Expertengruppe erklärt.

1‘120 Milliarden Euro pro Jahr. Soviel müssen die EU-Länder in erneuerbare Energien, energieeffiziente Gebäude und andere Klimaschutzmassnahmen investieren, wenn sie die Ziele des Pariser Klimaabkommens für das Jahr 2030 erreichen wollen. [1 s. S. 37] Diese Summe entspricht 7,5 Prozent der EU-Wirtschaftsleistung des Jahres 2016 und ist noch nicht voll finanziert. Genauer: Es fehlen noch 170 Milliarden Euro pro Jahr. „Die Grösse dieser Investitions-Herausforderung übersteigt bei weitem die Kapazität der öffentlichen Hand“, sagt EU-Kommissar Valdis Dombrovskis. [1 s. S. 2] Dies gilt umso mehr, da auch in Artenschutz oder die Kreislaufwirtschaft investiert werden muss, wenn Europas wirklich nachhaltig werden soll. Helfen sollen daher die Finanz- und Kapitalmärkte. Wie das gelingen kann, hat nun eine Expertengruppe untersucht. In ihrem Abschlussbericht warnt sie allerdings: „In Anbetracht der Komplexität des Finanzsystems gibt es nicht einen einzelnen Hebel, mit dem man das System auf Nachhaltigkeit umstellen kann.“ [1 s. S. 5]

Heureka. Gebt mir einen Hebel, der lang genug, und einen Angelpunkt, der stark genug ist, dann kann ich die Welt mit einer Hand bewegen. (Archimedes) (Bild: Unbekannt / Wikimedia)

Heureka. Gebt mir einen Hebel, der lang genug, und einen Angelpunkt, der stark genug ist, dann kann ich die Welt mit einer Hand bewegen. (Archimedes) (Bild: Unbekannt / Wikimedia)

Dass sich die Finanzmärkte hebeln lassen, ist allerdings erwiesen. Im Rahmen des Juncker-Plans (offiziell: European Fund for Strategic Investments oder kurz Efsi) wurden bislang Investitionen von 257 Milliarden Euro getätigt. Diese wurden durch Darlehen der Europäischen Investitionsbank EIB in Höhe von 51 Milliarden angestossen. [2] Oder anders: Die EIB hat ihre Mittel um den Faktor Fünf gehebelt. Diese Erfahrung soll nun genutzt werden. Dazu sind allerdings Projekte erforderlich, die für Anleger attraktiv  sind. Aus Sicht der Experten ist aber die Fähigkeit, solche Projekte zu entwickeln, der „entscheidende Flaschenhals“. [1 s. S. 35] Daher schlagen sie die Schaffung einer Organisation mit dem Namen ‚Sustainable Infrastructure Europe‘ vor, welche die EU-Länder bei der Projektentwicklung unterstützt.

Anschliessend soll eine einheitliche Klassifizierung nachhaltiger Investitionsprojekte dafür sorgen, dass die Manager von Pensionskassen, Versicherungen und Banken auch verstehen, wie ‚grün‘ ein Anlage eigentlich ist. Ein Beispiel dafür sind ‚grüne Anleihen‘ (green bonds). Letztes Jahr wurden 155 Milliarden Dollar mit solchen Papieren bei Anlegern eingesammelt und dieses Jahr könnten es 250 bis 300 Milliarden Dollar sein, wie die ‚Climate Bonds Initiative‘ (CBI) schätzt. [3] Wie grün die zugrunde liegenden Projekte sind, lässt sich aber nur schwer sagen, da nur wenige Projekte extern zertifiziert sind. Dem solle die EU abhelfen, indem sie ihren eigenen Standard einführt, fordern die Experten. Als Gegenstück dazu sollen Firmen offen legen wieviele Emissionen sie verursachen und welche Folgen eine ehrgeizige Klimapolitik für ihr Geschäft hätte. So können die Märkte auch leicht erkennen, wie ‚braun‘ ein Unternehmen ist. Dadurch soll verhindert werden, dass Firmen etwa in Kohlekraftwerke investieren, die dann vor Ablauf ihrer Nutzungsdauer wegen des Klimaschutzes abgestellt werden müssen.

Ziel ist letztlich also, den Märkten langfristiges Denken beizubringen. Denn aus Sicht der EU-Experten besteht eine Diskrepanz zwischen dem kurzfristigen Gewinnstreben der Märkte und den langfristigen Bedürfnissen von Pensionskassen aber auch der Umwelt. Bei einer UN-Konferenz zu nachhaltigem Investieren brachte dies Jeremy Grantham vom Investmentfond ‚Grantham Mayo Van Otterloo‘ so auf den Punkt: „Es ist nicht schwierig sein Portfolio abzusichern. Aber wir müssen nicht nur unsere Enkel und unseren Planeten sondern sogar den Fortbestand unserer Spezies absichern.“ Die EU solle daher die Treuhandpflichten von Investmentmanagern anpassen und diese dazu verpflichten, den Zeithorizont ihrer eigentlichen Kunden wie zukünftigen Rentnern bei Anlageentscheidungen mit zu berücksichtigen.

Der Bericht macht aber auch klar, dass die Märkte allein letztlich nicht das Klima retten können und etwa ein CO2-Preis erfoderlich ist. „Die Expertengruppe hat sich auf Finanzmarkt-Reformen konzentriert. Diese werden ihr volles Potential aber nur entwickeln, wenn sie mit weiteren politischen Reformen ergänzt werden.“ [1 s. S. 11] Dass dies nicht unbedingt neu ist, weiss auch der Leiter der Gruppe, Christian Thimann: „Der Imperativ eines nachhaltigen Finanzsystems ist nichts Neues. Was neu ist, ist das Momentum dies auch umzusetzen.“ [1 s. S. 3] Dass es dabei nicht nur um die Rettung des Klimas geht, lässt sich derweil einer Aussage Dombrovskis entnehmen: Das Ziel sei „Europa zum Gravitationszentrum für die globalen Investitionen in eine klimarfreundliche und ressourceneffiziente Wirtschaft zu machen“. [1 s. S. 2] Dabei denkt er durchaus kurzfristig: „Im Rahmen der Kapitalmarktunion werden wir im März dieses Jahres einen Aktionsplan für ein nachhaltiges Finanzsystem präsentieren. Dann folgen Gesetzesvorschläge.“ mic

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[1] EU-Kommission, 31.01.2018: Final Report 2018 by the High-Level Expert Group on Sustainable Finance (PDF)

[2] EIB, Stand 06.02.2018: European Fund for Strategic Investments – dashboard

[3] Reuters, 10.01.2018: Global green bond issuance hit record $155.5 billion in 2017

[4] Businessgreen, 01.02.2018: UN hails fresh push to mobilise global green investment

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