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Auf der Suche nach einer neuen Weltordnung

Die Zweiteilung der Welt in Industrie- und Entwicklungsländer ist nicht länger sinnvoll

Vor Beginn der industriellen Revolution waren die Menschen der Welt in etwa gleich arm. Doch dann wurden einige Länder sehr reich und seither nehmen wir die Welt als zweigeteilt war: Hier die Industrie- und dort die Entwicklungsländer. Das ist als gäbe es nur schwarz und weiss und keine Farben.

Vor rund 200 Jahren kam die Ungleichheit in die Welt. Davor war das Pro-Kopf-Einkommen in China, Indien und Europa in etwa gleich: Die meisten Menschen waren sehr arm. Doch dann geschah das ‚Europäische Wunder‘ (Eric Jones, 1981). Zuerst in Grossbritannien, dann in den Niederlanden und schliesslich im Rest Europas begann die Wirtschaft sehr schnell zu wachsen. Dank des zunehmenden Einsatzes von Maschinen in der industriellen Revolution stieg die Produktivität der Europäer rasant und damit auch ihr Einkommen (siehe Grafik 1). Dank dieses wirtschaftlichen und (waffen-)technischen Vorteils, konnten einige europäische Länder dann weite Teile der Welt kolonisieren. Diese Dominanz wurde selbst durch die zwei Weltkriege nicht gebrochen. Erst im Kalten Krieg wurde die Zweiteilung der Welt durch eine Dreiteilung abgelöst: Die ‚erste Welt‘ umfasste die USA und ihre Verbündeten, die ‚zweite Welt‘ die kommunistischen Staaten und die ‚dritte Welt‘ all die Länder, die keinem der beiden Blöcke angehörten. Doch mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Einführung der Marktwirtschaft in China ist die ‚zweite Welt‘ auch schon wieder Geschichte. Nun gilt wieder eine Zweiteilung: in Industrie- und Entwicklungsländer oder kurz ‚The West and the Rest‘ (Niall Ferguson, 2011). Und wer zu welcher Kategorie gehörte, wurde Anfang der 90er Jahre auch penibel festgehalten: im Annex 2 der UN Klimakonvention. Dort sind 23 ‚Industriestaaten‘ aufgelistet plus die EU. Niemand erwartete damals, dass sich an dieser Zweiteilung etwas ändern könnte, im Gegenteil: Noch 1997 schrieb der damalige Chefökonom der Weltbank Lant Pritchett: Der zunehmende Abstand zwischen reichen und armen Ländern ist „das dominierende Merkmal moderner Wirtschaftsgeschichte“. [1]

Grafik 1: Ab dem Jahr 1800 steigt das Pro-Kopf Einkommen rapide an. Indien und China folgen erst rund 200 Jahre später. (Grafik: Economist)

Grafik 1: Ab dem Jahr 1800 steigt das Pro-Kopf Einkommen rapide an. Indien und China folgen erst rund 200 Jahre später. (Grafik: Economist)

Aber dann geschah erneut ein ‚Wunder‘: Viele Entwicklungsländer, allen voran China, begannen sehr schnell zu wachsen (siehe Grafik 1). 1995 war die Welthandelsorganisation WTO gegründet worden und 2001 trat China der WTO bei. Die Wachstumsrate des Welthandels verdoppelte sich auf knapp neun Prozent. Zudem stiegen die Preise für Rohstoffe und Agrargüter, wovon viele Entwicklungsländer profitierten. Der Höhepunkt dieser Entwicklung wurde im Jahr 2008 erreicht. Damals stieg das Pro-Kopf-Einkommen in den Schwellenländern (ohne China) um sechs Prozent schneller als in den USA und mit China sogar um über sieben Prozent (siehe Grafik 2). Könnten die Entwicklungsländer dieses Tempo beibehalten, wären sie in gut einer Generation gleich reich wie die US-Amerikaner. Dieser Wachstumsspurt wurde von der Finanz- und Wirtschaftskrise jedoch gestoppt: Obwohl das Wachstum in den meisten Industriestaaten im Moment sehr niedrig ist, wachsen die Schwellenländer nur wenig schneller. Die Aufholjagd der Entwicklungsländer in den Nullerjahren scheint eine Ausnahme vom historischen Trend zu sein (siehe Grafik 2).

Grafik 2: Im Jahr 2000 begannen die Entwicklungsländer mit der Aufholjagd. Der Abstand zwischen armen und reichen Ländern ging stark zurück. Doch die Krise von 2008 hat diese Entwicklung wieder beendet. (Grafik: Economist)

Grafik 2: Im Jahr 2000 begannen die Entwicklungsländer mit der Aufholjagd. Der Abstand zwischen armen und reichen Ländern ging stark zurück. Doch die Krise von 2008 hat diese Entwicklung wieder beendet. (Grafik: Economist)

Trotzdem ist die simple Zweiteilung der Welt in Industrie- und Entwicklungsländer nicht länger sinnvoll. Dies zeigt sich insbesondere in internationalen Verhandlungen vom Klima bis zum Handel. Dort treten die Entwicklungsländer normalerweise als Gruppe auf, die G77. Doch die G77 hat immer grössere Mühe eine kohärente Position zu definieren und es bilden sich immer mehr Untergruppen. Die zahlenmässig stärkste Fraktion sind die am wenigsten entwickelten Länder, die LDCs (von Least Developed Countries). Gemäss UN zählen dazu genau 48 Länder (UN GA/11462, 4. Dezember 2013). Am anderen Ende der Einkommensskala finden sich dann die Opec Länder am arabischen Golf. Diese haben ein höheres Pro-Kopf-Einkommen als viele Industriestaaten. Wegen der wenig diversifizierten Wirtschaft zählt der IWF diese Länder aber trotzdem nicht zu den Industriestaaten. Dazwischen liegt eine Gruppe von Ländern, die oft als ‚Schwellenländer‘ bezeichnet werden. Wer genau zu dieser Gruppe gehört unterscheidet sich aber von Autor zu Autor: Meist werden die BRICS Staaten genannt, also Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika sowie die wohlhabenden Staaten Südostasiens: Indonesien, Malaysia, die Philippinen und Thailand. In Südamerika verfestigen sich derweil zwei Gruppen, die sich durch Ideologie unterscheiden: Die linken Regierungen von Venezuela, Kuba, Bolivien und sechs weiteren Ländern firmieren bei den Klimaverhandlungen unter dem Namen ‚Bolivarische Allianz der Völker von unserem Amerika‘ kurz ALBA. Ihnen stehen sechs westlich orientierte Länder entgegen (Chile, Costa Rica, Guatemala, Kolumbien, Panama und Peru), die unter dem Akronym AILAC auftreten. Diese verstehen sich als ‚Brückenbau Ingenieure‘, [2] die versuchen den Gegensatz zwischen Industrie- und Entwicklungsländern zu überwinden.

Kannst du schon Farben sehen oder ist da hinten auch Alles schwarz-weiss? (Foto: Wikipedia)

Kannst du schon Farben sehen oder ist da hinten auch Alles schwarz-weiss? (Foto: Wikipedia)

Aber auch die Industriestaaten haben Zuwachs bekommen: Mittlerweile gelten alle neuen EU Staaten mit der Ausnahme von Bulgarien, Rumänien und Kroatien als Industrieländer. Und auch der ‚Club der Industriestaaten‘ die OECD hat neue Mitglieder: die meisten neuen EU Länder sowie Chile, Israel, Mexiko, Südkorea und die Türkei. Ausserdem wird mit Kolumbien und Costa Rica über die Aufnahme verhandelt. Die OECD legt dabei nicht nur auf wirtschaftliche Entwicklung wert, sondern hat auch eine strenge ‚Kleiderordnung‘ [3]: Von Mitgliedern wird Demokratie, Marktwirtschaft und ein Faible für Statistik verlangt. Der Beitrittsantrag Russlands wurde daher in Folge der Krimkrise ausgesetzt. Des weiteren pflegt der IWF eine Liste von Industriestaaten, die neben den bereits erwähnten Ländern zusätzlich Hong Kong, Taiwan und Singapur aufzählt. Und schliesslich führt der US-Geheimdienst CIA eine Liste von Industriestaaten und zeigt dabei ein Herz für die Kleinen. Hier gehen auch Andorra, Bermuda, die Färöer Inseln, Liechtenstein, Monaco, San Marino und der Vatikanstaat nicht vergessen. Interessanterweise ist für den CIA auch Südafrika ein Industrieland. Quer über alle Listen (IWF, OECD, CIA) kommt man so auf gut 50 Industriestaaten. Und dann gibt es weitere Klassifikationen: So haben gemäss dem Index der menschlichen Entwicklung HDI der auch die Lebenserwartung und Bildung mitberücksichtigt 49 Länder einen ‚sehr hohen‘ und weitere 53 Länder einen ‚hohen‘ Entwicklungsstand. Die simple Zweiteilung der Welt in Industrie- und Entwicklungsländer ist also nicht länger sinnvoll. Doch noch fehlt eine neue Beschreibung der Welt, die der Realität besser gerecht wird. Und so werden viele Länder weiter in ihren binär codierten Schützengräben verharren, statt aufzustehen und Brücken zu bauen. mic

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[1] The Economist, 13.09.2014: The headwinds return

[2] Earth Negotiations Bulletin, 28.10.2014: Summary of the Bonn Climate Change Conference (PDF)

[3] The Economist, 17.09.2011: The tents of the righteous

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