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Markiert die Coronakrise den Scheitelpunkt der Ölnachfrage?

Viele Faktoren sprechen dafür, dass ab jetzt die Ölnachfrage sinkt

Der Ölverbrauch muss sinken, wenn die Klimakrise nicht weiter eskalieren soll. Doch bislang stieg er stetig an. Das könnte sich gerade eben ändern.

Die Nachfrage nach Öl steigt von Jahr zu Jahr. Ausnahmen von dieser Regel sind extrem selten. Im Jahr 2009 brauchte es eine globale Finanz- und Wirtschaftskrise damit die Nachfrage leicht zurückging. Gleichzeitig ist aber auch klar, dass der Ölverbrauch sinken muss, wenn die Menschheit die Klimaerwärmung stoppen will. Die Frage ist daher nicht ob, sondern wann der Höhepunkt der Ölnachfrage, „Peak Oil Demand“, erreicht wird. Der Umwelt-Thinktank Carbon Tracker erwartete in einer Studie aus dem Jahr 2018 Peak Oil schon im Jahr 2023. [1] Andere gehen davon aus, dass dieser Punkt erst im nächsten oder sogar übernächsten Jahrzehnt erreicht wird. Wegen der Corona-Pandemie könnte der Peak aber auch in der Vergangenheit liegen: im Jahr 2019.

Brettspiel. “Drill and ship oil, buy hi-tech start-ups and meddle with the media to lead your crumbling oil giant into a future without oil.” (Bild: 2tomatoes)

Aktuell führt die Coronakrise zu einem beispiellosen Rückgang des Ölverbrauchs. Dieser lag im März um zehn Millionen Barrel (159 Liter) pro Tag tiefer als im Vorjahr. Das entspricht einem Rückgang um rund zehn Prozent. Für April wird sogar ein noch stärkerer Rückgang erwartet: Pro Tag werden dann wohl 20 Millionen Fass weniger verbraucht als normal. [2] Vor diesem Hintergrund spielt selbst der von Russland und Saudi Arabien angezettelte Preiskrieg keine Rolle mehr, meint die Investmentbank Goldman Sachs: „Der Ölpreiskrieg ist irrelevant wegen des großen Nachfragerückgangs und eine koordinierte Förderkürzung kann unmöglich rechtzeitig erreicht werden.“ [3] Goldman Sachs erwartet zudem nicht, dass die Ölindustrie nach der Krise wieder auf ihren alten Wachstumspfad zurückkehrt: Die Krise werde voraussichtlich „die Energieindustrie permanent verändern“ und die „Debatte über den Klimawandel verschieben“. [4]

Bei der Ölnachfrage ist der Straßenverkehr entscheidend, denn auf diesen entfällt die Hälfte der Nachfrage. [5] Hier sorgen gleich mehrere Faktoren für einen tendenziellen Rückgang. Regierungen sorgen mit Emissionsgrenzwerten dafür, dass Lastwagen und Autos immer effizienter werden. Gleichzeitig werden Elektroautos immer konkurrenzfähiger, weil die Kosten für Batterien rapide sinken. Durch die Stimuluspakete nach der Krise könnte die Elektromobilität zusätzlich gefördert werden, etwa indem in ein Netzwerk von Ladesäulen investiert wird. Außerdem wird möglicherweise die Zahl der Autos weltweit sinken. Die Verkäufe gehen bereits seit dem Jahr Rekordjahr 2017 zurück. Dieses Jahr könnte den „Peak Car“ markieren. Das sagt kein geringerer als Volkmar Denner, der Chef des Automobilzulieferers Bosch: „Es könnte gut sein, dass wir den Höhepunkt der Autoproduktion passiert haben“, sagte Denner im Januar. [6] Gründe dafür gibt es mehrere: Die größten Automärkte, die USA, China und Europa sind gesättigt. Städte versuchen das Auto zurückzudrängen und viele junge Menschen machen gar nicht erst den Führerschein.

Die Ölnachfrage kommt aber auch in anderen Bereichen unter Druck. So ist der Verkauf von Ölheizungen in Deutschland ab dem Jahr 2026 verboten. Durch die Bemühungen vieler Länder die Plastikflut einzudämmen, sinkt tendenziell auch die Ölnachfrage der petrochemischen Industrie. Auch die Seeschifffahrt will ihre Emissionen senken. Eine Allianz von Reedern strebt Null-Emissionen bis 2050 an. Auch beim Flugverkehr ist fraglich, wie sich dieser nach der Krise entwickeln wird. Diese Branche ist zwar nur für acht Prozent der Ölnachfrage verantwortlich, aber wuchs vor der Krise sehr schnell. Mark Lewis von der französischen Großbank BNP Paribas sagt: „Je länger wir zu Hause sind, im Homeoffice mit Telekonferenzen, desto mehr Menschen werden sich fragen: Müssen wir wirklich auf einen Flieger?“ [4] Auch Boeing-Chef David Calhoun erwartet, dass die Flugbranche nach der Krise anders aussehen wird: „Wenn die Welt aus der Pandemie auftaucht, wird die Größe des Marktes und die Art der Produkte, die unsere Kunden wollen, wahrscheinlich anders sein.“ [7]

Die Faktoren, die für eine tendenziell sinkende Ölnachfrage sorgen, könnten auch der eigentliche Grund für Saudi Arabien sein, ausgerechnet jetzt die Produktion zu steigern. Das vermutet Bernard Haykel von der US-Universität Princeton: „Es reflektiert einen fundamentalen Strategiewechsel angeführt vom Kronprinzen Mohammed bin Salman (MBS). Da eine globale Energiewende unvermeidlich ist, will MBS noch verzweifelt Kasse machen, solange das Königreich das noch kann.“ [8] In normalen Zeiten würde der Preiskrieg dafür sorgen, dass die Nachfrage steigt. Mittlerweile könnte er aber ein Hinweis auf das Gegenteil sein, dass die Nachfrage sinkt. mic

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[1] Carbon Tracker, 10.09.2018: 2020 Vision: why you should see the fossil fuel peak coming

[2] Ndtv, 01.04.2020: Oil’s Unparalleled Demand Crash Likely To Be Gamechanger For Industry

[3] Oilprice, 30.03.2020: Goldman: The Oil Industry Will Never Be The Same After Coronavirus

[4] Guardian, 01.04.2020: Will the coronavirus kill the oil industry and help save the climate?

[5] Statista, Stand 03.04.2020: Distribution of oil demand in the OECD in 2017 by sector

[6] Reuters, 29.01.2020: World may have hit peak car output, says auto-parts supplier Bosch

[7] Nasdaq, 02.04.2020: Boeing Offers Employees Voluntary Layoffs Amid COVID-19 Pandemic

[8] Project Syndicate, 23.03.2020: Saudi Arabia’s Radical New Oil Strategy

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