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Die «andere Krise» ist nicht vorbei

Wegen der taumelnden Finanzmärkte wird nicht genug in die Landwirtschaft investiert

Bevor es zur Kernschmelze im Weltfinanzsystem kam, beherrschte sie die Schlagzeilen: Die Nahrungsmittelkrise. Die Preise für «unser täglich Brot» sind im Zeitraum zwischen April 2007 und Juli 2008 um 60 Prozent gestiegen (siehe Grafik rechts). In knapp einem Drittel der Länder kam es zu Hungeraufständen oder Demonstrationen. Und auch die Jahresabschlussbilanz 2008 der Welternährungs- und -landwirtschaftsorganisation FAO fällt düster aus: 963 Millionen Menschen, knapp 15 Prozent der Weltbevölkerung, haben nicht genug zu essen. Das sind 40 Millionen Menschen mehr als noch zu Beginn des Jahres – was ungefähr der Bevölkerung von Spanien entspricht (siehe Grafik links).

Mittlerweile sind die Preise wieder deutlich gesunken, allerdings nicht zurück auf das Ausgangsniveau. Die Nahrungsmittelpreise liegen immer noch 28 Prozent über dem Level von 2006. Doch damit ist die Krise noch nicht vorbei, denn die anderen Rahmenbedingungen haben sich eher verschlechtert:

› Wirtschaftskrise:
Was zunächst mit ein paar insolventen Hypothekarschuldnern in den USA begonnen hatte, zieht mittlerweile die ganze Welt in Mitleidenschaft. Das Wachstum bricht ein, Arbeitsplätze gehen verloren, Löhne sinken. Für die zwei Drittel der Menschheit, die mit weniger als zehn Dollar pro Tag auskommen müssen, kann ein derartiger Wirtschaftseinbruch lebensbedrohliche Konsequenzen haben.

› Credit-Crunch:
Die Weltbevölkerung wächst von heute 6,7 auf 9,2 Milliarden Menschen im Jahr 2050 an. Um alle satt zu bekommen, muss die Nahrungsmittelproduktion bis dann verdoppelt werden. Dies ist nur mit massiven Investitionen möglich. Aber genau diese Mittel werden nun wegen der Finanzkrise knapp. Die Banken geben den Bauern keine Kredite. So hat trotz der hohen Preise die Getreideproduktion in Entwicklungsländern um lediglich ein Prozent zugenommen, während die besser kapitalisierten Bauern in den Industrieländern die Produktion um zehn Prozent erhöht haben. «Wenn der Credit-Crunch die Bauern dazu zwingt, weniger anzubauen, droht eine neue Runde dramatischer Preissteigerungen bei Nahrungsmitteln» warnt der Vize-Chef der FAO, Hafez Ghanem.

› Lagerbestände und Klimawandel:
Mit ein Grund für die Explosion der Nahrungsmittelpreise waren die extrem niedrigen Lagerbestände. Diese haben sich bis heute nicht erhöht, obwohl sie immer wichtiger werden. Wegen des Klimawandels nimmt die Zahl von Unwettern weiter zu, und immer häufiger werden in einzelnen Ländern ganze Ernten vernichtet. Experten empfehlen daher die Schaffung von internationalen Nahrungsmittelreserven. Noch existieren diese Vorräte aber nur auf dem Papier und machen niemanden satt.

› Weltagrarmarkt und Biotreibstoffe:
Bleibt also nur der Weltmarkt, um sich bei Bedarf mit Lebensmitteln einzudecken. Aber auch hier hat es im vergangenen Jahr keine nennenswerten Fortschritte gegeben: Die Industrieländer fördern nach wie vor die Umwandlung von Nahrungsmitteln in Biotreibstoff mit Milliardensubventionen. Und auch der Weltagrarmarkt bleibt grotesk verzerrt. Die einzige Hoffnung auf Liberalisierung – ein Durchbruch bei den Verhandlungen über einen neuen Welthandelsvertrag, der sogenannten Doha-Runde, hat sich einmal mehr nicht erfüllt.

Kurz, die Zahl der Hungernden ist 2007 und 2008 angestiegen und dürfte wohl dieses Jahr die Milliarden-Grenze knacken. Es steht also zu befürchten, dass eine Trendwende hin zu mehr Hungernden erfolgt ist (siehe Grafik rechts). Dabei sollte es eigentlich weniger Hunger geben. Im Jahr 2000 haben die Staaten der Welt die Millenniumsziele verabschiedet und versprochen, den Hunger auf der Welt bis 2015 zu halbieren.

Noch sei dieses Ziel erreichbar, versichert der FAO-Chef, Jacques Diouf. Dazu braucht es aber nicht weniger als eine neue «Weltordnung der Landwirtschaft» und natürlich Geld: Die FAO schätzt, dass jedes Jahr 30 Milliarden Dollar zusätzlich in die Landwirtschaft in Entwicklungsländern investiert werden müssten. Das entspricht weniger als einem Zwölftel der Summe, welche die Industrieländer in jedem Jahr für Landwirtschaftssubventionen ausgeben. Um die notwendigen Mittel und den politischen Willen zur Reform des Agrarmarkts zu mobilisieren, appelliert die FAO an den zukünftigen amerikanischen Präsidenten, Barack Obama, einen Welternährungsgipfel einzuberufen. Auf diese Weise soll verhindert werden, dass sich die «andere» Krise zur eigentlichen Krise auswächst.

Kommentar – Das Jahr der Krisen

Jeder sechste Mensch hungert. Diese Zahl ist erschütternd. Und es werden immer mehr statt weniger. Gleichzeitig produziert die Finanzkrise täglich neue Hiobsbotschaften. Dazu kommt der Klimawandel. Die Welt sieht sich also gleichzeitig mit drei Krisen konfrontiert. Und alle drei können nur abgewendet werden, wenn alle Länder mitmachen – und das schnell: Für das Hunger-, Wirtschafts- und Klimaproblem müssen dieses Jahr Lösungen gefunden werden. Insofern wäre ein Hungergipfel, neben dem Welt-Finanz-Gipfel im Februar und der Klimakonferenz im Dezember, ein wichtiges Zeichen – nämlich, dass die Führer der Welt alle drei Krisen ernst nehmen. Aber natürlich kommt es nicht auf die Anzahl Gipfeltreffen an, sondern auf die Resultate. Es geht nicht länger darum, hehre Versprechen wie mit den Millenniumszielen abzugeben, sondern diese zu halten. Dafür braucht es Kompromissbereitschaft und Geld. Streit ist also programmiert. Ausserdem braucht es intelligente Lösungen. Denn keine der Krisen darf auf Kosten einer anderen gelöst werden. Da trifft es sich gut, dass der künftige amerikanische Präsident, Barack Obama, Bildung und Intelligenz einen höheren Wert beimisst als sein Vorgänger. Aber auch ein Obama kann die Welt nicht im Alleingang retten. Die Bürger aller Länder müssen darauf achten, dass ihre Politiker ob des zu erwartenden Streits nicht den Blick fürs Ganze verlieren. Und dazu gehört auch eine Zahl: Jeder sechste Mensch hungert.

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