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Indischer Lackmustest

Ist Klimaneutralität bis 2070 ambitioniert?

Deutschland will in 25 Jahren klimaneutral sein und Indien in 50. Ist Indiens Ziel deswegen a priori unzureichend? Die Antworten auf diese Frage fallen sehr unterschiedlich aus.

Indiens Premierminister Narendra Modi hat am Montag angekündigt, dass sein Land bis zum Jahr 2070 klimaneutral wirtschaften will – volle 25 Jahre später als Deutschland. [1] Am Tag zuvor hatte er noch im G20-Communiqué zugesagt, Klimaneutralität “bis zur oder um die Mitte des Jahrhunderts” zu erreichen. [2 s. Abs. 23] Die indische Klimaaktivistin Disha Ravi schrieb den auch auf Twitter: “Ich wusste, dass Indien bei der UN-Klimakonferenz schlecht da stehen würde, aber ich hätte nicht gedacht, dass es so schlecht wie ‚Netto-Null bis 2070‘ sein würde. Modi übertrifft wie immer die Erwartungen.” [3] Andere Beobachter werteten die Ankündigung Modis deutlich positiver. Siddarth Singh von der Internationalen Energieagentur (IEA) schrieb: „Das ist groß, sehr groß. Dies wird sich auf alles auswirken – Energieversorgung, Verkehr, Industrie, Luftqualität, Arbeitsplätze.“ [4]

Give’n take. Narendra Modi hat nicht nur Indiens Klimaziele angehoben, sondern will dafür auch etwas haben. (Foto: Doug Peters / COP26)

Ein Grund für die unterschiedliche Bewertung von Indiens neuem Ziel, dürfte darin liegen, dass Modi noch vier weitere Klimaziele bekannt gegeben hat. [1] Bis 2030 sollen die CO2-Emissionen pro Rupie Wirtschaftsleistung um 45 Prozent sinken statt um 33 Prozent. Dass soll durch einen massiven Ausbau der Erneuerbaren erreicht werden. Indien will in den nächsten zehn Jahren die Wind- und Solarkraftkapazität auf 500 Gigawatt steigern. Bislang hat der gesamte Kraftwerkspark des Landes eine Kapazität von 380 Gigawatt. So soll der Strommix im Jahr 2030 zur Hälfte aus Grünstrom bestehen. Durch die Verschärfung der Ziele will Indien bis dann insgesamt eine Milliarde Tonnen CO2 weniger ausstoßen, als bislang geplant. Aus Sicht von Madhura Joshi, vom Umweltthinktank E3G, sind denn auch diese Kurzfristziele entscheidend: Damit habe Modi „Indien fest auf einen sauberen Energiepfad gesetzt, der bis 2070, möglicherweise sogar früher, zu einer Netto-Null-Energieversorgung führen kann. Jetzt ist die Bühne frei für eine Wende bei den sauberen Investitionen.“ [5]

Doch zurück zu Indiens Langfristziel. “Das Datum ist spät, aber wichtiger ist, dass Indien sich überhaupt auf Null verpflichtet hat, was viele für unwahrscheinlich hielten”, sagte Niklas Höhne vom New Climate Institute gegenüber dem Magazin New Scientist. [6] Und auch Thomas Hale von der Universität Oxford ist überrascht: “Vor einem Jahr hätte niemand erwartet, dass Indien auf der diesjährigen Konferenz ein Netto-Null-Ziel ankündigen würde. Aber das ist die Natur von Wendepunkten. Sobald die kritische Masse erreicht ist, ist es sehr schwer, nicht mitzumachen”. [6] Damit bezieht sich Hale auf das Gewicht der Staaten, die mittlerweile ein Netto-Null-Ziel haben. Mit der Ankündigung Indiens werden nun aber 88 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung in Ländern erbracht, die ein solches Ziel haben. Dazu gehören die EU, die USA, China, Japan, Südkorea und einige andere. Noch deutlicher ist das bei der Kohle: 93 Prozent der Kohleverstromung entfallen auf Länder mit einem solchen Ziel und der globale Kohleausstieg ist nur noch eine Frage der Zeit. [7]

Kipppunkt. Mittlerweile hat fast die ganze Welt ein Netto-Null-Ziel. Da will niemand der letzte sein, der sich eins setzt. (Grafik: CarbonBrief)

Modi ist allerdings nicht nur mit neuen Klimazielen nach Glasgow gekommen sondern auch mit einer Forderung: Er will, dass die Industriestaaten ihre Klimahilfen von heute knapp 100 Milliarden Dollar pro Jahr „so früh wie möglich“ auf eine Billion Dollar pro Jahr verzehnfachen. [1] Und dann erinnerte Modi an das Versprechen der Industriestaaten, die Entwicklungsländer ab dem Jahr 2020 mit jährlich 100 Milliarden Dollar bei der Anpassung an die Erwärmung und bei der Emissionsreduktion zu helfen. „Heute müssen wir nicht nur die Fortschritte bei der Eindämmung des Klimawandels verfolgen, sondern auch die Klimafinanzierung.“ [1] Damit signalisierte Modi den Industriestaaten in den Verhandlungen, dass Indien nun in seinen Augen in Vorlage gegangen ist, und der Ball nun bei den Industriestaaten liegt. Aus Sicht des Staatssekretärs im Bundesumweltministerium Jochen Flasbarth ist Indien aber noch gegenüber einem anderen Land in Vorlage gegangen: „Die Rolle von China ist enttäuschend. Es ist überholt worden von anderen Schwellenländern.“ Dabei will China zehn Jahre vor Indien klimaneutral sein. mic

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[1] Government of India, 02.11.2021: National Statement by Prime Minister Shri Narendra Modi at COP26 Summit in Glasgow

[2] G20, 31.10.2021: G20 Rome Leaders Declaration (PDF)

[3] Disha Ravi, 01.11.2021: Tweet

[4] Siddarth Singh, 01.11.2021: Tweet

[5] E3G, 01.11.2021: E3G’s COP26 live tracker

[6] New Scientist, 02.11.2021: Why India’s 2070 net zero pledge is better news than it sounds

[7]

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