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Stromfresser Bitcoin

Das ‚Schürfen‘ neuer Bitcoins verbraucht mehr Strom als Marokko

Der Preis für Bitcoins ist in den letzten Monaten explodiert. Damit wird das ‚Schürfen‘ neuer Münzen attraktiver und immer mehr stromhungrige Computer tun nichts mehr anderes.

Satoshi Nakamoto hat fast Alles richtig gemacht. Der unbekannte Erfinder von Bitcoin wollte eine Währung schaffen, die von Staaten unabhängig ist und deren Besitzer anonym bleiben. Wem welche Münze gehört, wird daher in einem verteilten Netzwerk verbucht und die Bitcoin-Besitzer werden nur durch eine Bitcoin-Adresse aber nicht deren Namen identifiziert. Damit dieses System funktioniert, werden alle zehn Minuten die letzten Transaktionen mit allen Bitcoins in einem ‚Block‘ festgehalten. Aus der Kette aller dieser Blöcke gehen folglich alle vergangenen Transaktionen mit jeder Münze und jedem Münzbruchteil hervor. Die Bitcoin zugrunde liegende Technologie nennt sich denn auch ‚Blockchain‘ (englisch für Block-Kette).

Damit genügend Computer für den Unterhalt der Blockchain zur Verfügung stehen, werden deren Besitzer belohnt: Für ihre Rechenleistung bekommen sie frisch ‚geschürfte‘ Bitcoins. „Bitcoin ist eine Demokratie mit Stimmengewicht nach Rechenleistung. Diese kann man nicht vortäuschen – man hat sie oder man hat sie nicht“, erklärt Luzius Meisser, Verwaltungsratsmitglied von Bitcoin Suisse, einem Broker für Kryptowährungen. „Um aber zu beweisen, dass man sie hat, muss man dauernd an sich sinnlose, aber schwierig zu lösende und einfach zu überprüfende, Rechnungen ausführen.“ Bislang funktioniert dieses System prächtig. Nachhaltig ist es aber aus einem fast schon banalen Grund nicht: dem Stromverbrauch.

Blockunterricht. Dieses syrische Flüchtlingsmädchen im Libanon weiss, wie sich die Verteilung von Hilfsgütern verbessern liesse. (Foto: Russell Watkins, DFID / Flickr)

Blockunterricht. Dieses syrische Flüchtlingsmädchen im Libanon weiss, wie sich die Verteilung von Hilfsgütern verbessern liesse. (Foto: Russell Watkins, DFID / Flickr)

Am Donnerstag den 30. November 2017 hatte das Bitcoin-Netz einen aufs Jahr hochgerechneten Stromverbrauch von 30 Terawattstunden (TWh) wie die Internetpublikation Digicononomist ausgerechnet hat. [1] Wäre Bitcoin ein Land läge es beim Stromverbrauch mittlerweile auf Platz 61 hinter Bulgarien und vor Marokko. 158 Länder der Welt haben einen kleineren Stromverbrauch als Bitcoin. Wie lange Bitcoin auf Platz 61 bleibt, ist jedoch unbekannt. Am 1. November lag Bitcoin noch auf Platz 67 mit einem Stromverbrauch von 24 TWh pro Jahr. Innert eines Monats ist der Stromverbrauch also um ein Viertel gestiegen. Bei gleichbleibendem Wachstum übersteigt der Stromverbrauch des Bitcoin-Netzwerks somit den derzeitigen, globalen Stromverbrauch im April 2020.

Um den Stromverbrauch für „an sich sinnlose Rechnungen“ zu reduzieren, müsste die Methode für die Verteilung neuer Bitcoins geändert werden. Dies plant etwa der Bitcoin-Konkurrent Ethereum. Dort sollen ab nächstem Jahr neue Münzen an die Besitzer der bestehenden Münzen verteilt werden. „Wenn Bitcoin eine Demokratie nach Rechenleistung ist, wäre Ethereum dann eine Demokratie nach Reichtum. Ein Coin eine Stimme. Das ist nicht unbedigt sozialer, aber grüner“, sagt Meisser. Einen anderen Ansatz verfolgen die beiden Kryptowährungen Burstcoin und Chia-Coin. Dort werden neue Münzen für Speicherplatz statt für Rechenleistung vergeben. Damit reduziert sich der Stromverbrauch.

Während Bitcoin den globalen Stromverbrauch und damit letztlich die CO2-Emissionen befeuert, sehen Umweltschützer grosses Potential in der zugrunde liegenden Blockchain Technologie. „Die Verfolgung von Emissionen wird in Zukunft unmittelbar von der Emissionsquelle aus möglich sein“, sagt Sven Braden von der ‚Climate Ledger Initiative‘. „Aufgrund der wachsenden Bedeutung des Internets der Dinge (IoT) können Emissionsdaten etwa von Industrieanlagen, Autos, Schiffen oder Flugzeugen unmittelbar erfasst und auf einer Blockchain verbucht werden.“ Damit wäre für jedes einzelne Bauteil etwa einen Reifen klar, wieviele Emissionen bei dessen Herstellung verursacht wurden. Jedes Produkt würde mit einem virtuellen ‚Emissionsrucksack‘ durch die globalen Lieferketten reisen und die gesamten Emissionen des Endprodukts liessen sich einfach und genau berechnen.

Auch der Handel mit CO2-Zertifikaten liesse sich durch die Blockchain Technologie verbessern. Wenn in Zukunft eine Fluggesellschaft in ein Klimaschutzprojekt investiert, erhält sie für die nicht-emittierten CO2-Emissionen handelbare Zertifikate. Diese Zertifikate liessen sich ebenfalls in einer Blockchain verbuchen. Damit könnte etwa die Doppelzählung von Emissionsminderungen vermieden werden. „Blockchains könnten zu mehr Transparenz und damit für mehr Vertrauen sorgen“, sagt Alexandre Gellert Paris vom UN-Klimasekretariat. [2]

Aber nicht nur Umweltschützer sondern auch Hilfsorganisationen setzen auf Blockchain: Das UN-Welternährungsprogramm hat mit Hilfe von Ethereum Gutscheine an 10‘000 syrische Binnenflüchtlinge geschickt. [3] Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz hat daher vielleicht etwas vorschnell über Bitcoin geurteilt: Die Kryptowährung habe „keine sozial sinnvolle Funktion“ und sollte daher verboten werden, sagte Stiglitz. [4] Vor dem Hintergrund des aktuellen Stromverbrauchs des Bitcoin-Netzwerks mag das stimmen. Dem Potential der Blockchain Technologie wir er damit aber nicht gerecht. mic

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[1] Digiconomist, Stand 01.12.2017: Bitcoin Energy Consumption Index

[2] UNFCCC, 01.06.2017: Blockchain Technology Can Boost Climate Action

[3] Cointelegraph, 18.06.2017: Ethereum Blockchain Used By United Nations For Sending Aid to Syria

[4] Bloomberg, 29.11.2017: Bitcoin ‘Ought to Be Outlawed,’ Nobel Prize Winner Stiglitz Says

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