weltinnenpolitik.net Rotating Header Image

Eingeklemmt zwischen Wüste und Meer

Die vorrückende Wüste und der steigende Meeresspiegel stellen Nordafrika vor gewaltige Herausforderungen

Als Napoleon im Jahr 1798 in Ägypten einfiel hatte das Land drei Millionen Einwohner. Heute sind es 80 und im Jahr 2050 wohl 150 Millionen. Gleichzeitig nimmt das verfügbare Wasser und Landwirtschaftsland ab. Das Land wird immer abhängiger von Nahrungsmittelimporten.

Die Lebensmittelpreise erreichen neue Höchststände und in Ägypten steht die Regierung kurz vor dem Sturz. Das ist kein Zufall, obwohl die hohen Preise für Grundnahrungsmittel nicht der einzige Grund sind für die Wut der Ägypter. Aber wer auch immer das Land am Nil schliesslich regieren wird, muss eine Antwort auf das wohl existentiellste Dilemma Nordafrikas finden: Die Produktion von Lebensmitteln kann nicht mit dem Bevölkerungswachstum mithalten. Die Landwirtschaft der südlichen Mittelmeeranrainer kommt dabei durch mehrere Faktoren unter Druck:

  • Wassermangel: Hat ein Land weniger als 1700 Kubikmeter Wasser pro Person und Jahr leidet es unter „Wasserstress“. Hat es weniger als 1000 Kubikmeter leidet es unter „Wassermangel“. Dies trifft bereits heute auf alle Länder Nordafrikas zu (siehe Tabelle) und der Wassermangel wird sich in den nächsten Jahren drastisch verschärfen: Denn zum einen wächst die Bevölkerung weiter und zum anderen wird wegen des Klimawandelder Regen abnehmen. Bis 2100 werden die Niederschläge um 27 Prozent zurückgehen, schätzt ein Forschungsinstitut (IDDRI-CIRED).
  • Wüstenbildung und Urbanisierung: Die Sahara dehnt sich in alle Richtungen aus. So verliert Algerien jedes Jahr über 400 Quadratkilometer Landwirtschaftsland an die vorrückende Wüste.  Hinzu kommt der Platzbedarf der stetig wachsenden Bevölkerung: Bei einer Wachstumsrate wie in Ägypten von zwei Prozent pro Jahr verdoppelt sich die Bevölkerung in 35 Jahren. In einem Land wie Ägypten, das nur 533 Quadratmeter Landwirtschaftsland pro Einwohner hat , ist das ein Problem.
  • Steigender Meeresspiegel: Ein Grossteil der Ägypter lebt im Nildelta, knapp über dem Meeresspiegel. Wegen des Klimawandels wird der Meeresspiegel bis 2100 aber um ein bis zwei Meter ansteigen. Für Ägypten hätte aber bereits ein Anstieg um einen Meter gravierende Folgen: Dadurch gingen 20 000 Quadratkilometer verloren und 8 bis 10 Millionen Menschen verlören ihre Heimat, darunter die gesamte Bevölkerung der Hafenstadt Alexandria.

Der Druck auf den Agrarsektor führt aber nicht nur dazu, dass die Länder Nordafrikas einen immer grösseren Anteil ihrer Lebensmittel importieren müssen, sondern verschärft auch die Arbeitslosigkeit in den Städten. Derzeit findet rund ein Drittel der Ägypter ihr Auskommen in der Landwirtschaft. Geht diese zurück, werden viele Bauern in die Städte ziehen. Aber auch dort sind die Beschäftigungschancen begrenzt. Denn mit einer Analphabetenquote von 33 Prozent sind viele Ägypter selbst im Niedriglohnsektor weniger gut qualifiziert als ihre chinesischen Konkurrenten (Analphabetenqoute in China: 6,7 Prozent).

Wassermangel, Wüstenbildung und Klimawandel beeinträchtigen aber nich nur die Länder Nordafrikas sondern auch die Länder südlich der Sahara. Eine UN Konferenz über Wüstenbildung schätzt daher, dass im Jahr 2020 bis zu 60 Millionen Menschen aus den Ländern südlich der Sahara nach Nordafrika und Europa ziehen werden.  Zusätzlich zum „hausgemachten“ Bevölkerungswachstum, werden die Länder Nordafrikas also auch noch einem erheblichen Einwanderungsdruck unterliegen.

Derzeit lässt sich nicht abschätzen, wie sich die südlichen Mittelmeeranrainer kurzfristig entwickeln werden, geschweige denn wie sie auf die oben dargestellten langfristigen Trends reagieren werden. Fest steht aber schon jetzt, dass Europa ein strategisches Interesse an einer gedeihlichen Entwicklung in seiner südlichen Nachbarschaft hat. Demokratie und Menschenrechte sind da schon mal ein guter Anfang. mic

Tabelle: Die Länder Nordafrikas im Vergleich

Land

Bevölke-rung

Bevölke-rungs-wachstum

Wasser pro Kopf in m3 pro Jahr

Analpha-betenquote

Arbeitslo-senquote

Ägypten

79 Mio.

2.03%

702.8

33.6%

9.4%

Algerien

35 Mio.

1.20%

339.5

24.6%

10.2%

Lybien

6 Mio.

2.17%

95.3

13.2%

13.0%

Marokko

33 Mio.

1.10%

917.5

44.4%

10.0%

Tunesien

10 Mio.

0.98%

451.9

22.3%

13.3%

*Kaufkraftbereinigt, Bevölkerungswachstum: CIA World Factbook 2009, Wirtschaftswachstum: CIA 2010, Wasser pro Kopf und Jahr: FAO Aquastat Datenbank

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Dann abonnieren Sie doch weltinnenpolitik.net per RSS oder Email

Comments are closed.