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Saubere Umwelt auf dem Weg zum Menschenrecht

Die UN-Generalversammlung kann neue Menschenrechte beschliessen

Schon nächsten September könnte ein offizielles Menschenrecht auf eine saubere Umwelt geschaffen werden. Obwohl 155 Länder dieses Recht kennen, war es bislang auf internationaler Ebene nicht anerkannt. Das hat sich am letzten Freitag geändert.

Der UN-Menschenrechtsrat hat am letzten Freitag beschlossen, dass der Mensch ein Recht auf eine „sichere, saubere, gesunde und nachhaltige Umwelt“ hat. [1] Michelle Bachelet, die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, hatte zuvor gewarnt, dass die „miteinander verknüpften Krisen der Umweltverschmutzung, des Klimawandels und des Verlusts der biologischen Vielfalt die größte Herausforderung für die Menschenrechte in unserer Zeit darstellen“. [2] Dieser Auffassung schlossen sich schliesslich 43 Länder an. [3] Gegenstimmen gab es keine und enthalten haben sich China, Indien, Japan und Russland.

Tradition. Schon im alten Ägypten war die Waage ein Symbol für Gerechtigkeit. (Zeichnung: Hunefer / British Museum)

Damit hat das neue Menschenrecht einen weiteren, wichtigen Schritt getan. Sébastien Duyck von der Umweltorganisation Center for International Environmental Law (CIEL) sagte: „Auch wenn die überwiegende Mehrheit der Welt dieses Recht anerkennt, blieb die allgemeine Anerkennung bis heute Nachmittag aus.“ [4] Weltweit erkennen 155 Länder in verschiedenen Formen ein Recht auf eine intakte Umwelt an. [1] Trotzdem findet sich dieses Recht in keiner der verschiedenen Sammlungen von Menschenrechten: der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, der Europäischen Menschenrechtskonvention, dem UN-Sozialpakt und dem UN-Zivilpakt. Dass diese Verträge nun um das Recht auf eine stabile Umwelt ergänzt werden, ist allerdings unwahrscheinlich.

Es ist allerdings auch nicht nötig. Schon im Jahr 1968 stellte der US-Völkerrechtler Richard Bilder fest: “In der Praxis ist eine Forderung dann ein internationales Menschenrecht, wenn die UN-Generalversammlung sie als solches bezeichnet.” [5] Es besteht folglich die Möglichkeit, dass im September nächsten Jahres die UN-Generalversammlung das Recht auf eine saubere Umwelt offiziell zum Menschenrecht erklärt. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht, denn das neue Menschenrecht geniesst breite Unterstützung. UN-Chef António Guterres, 15 UN-Unterorganisationen und mehr als 13.000 Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen sind dafür. Zudem hat die Abstimmung im Menschenrechtsrat gezeigt, dass wohl auch die meisten Regierungen für das neue Recht sind.

Der Menschenrechtsrat hat ausserdem beschlossen, die Auswirkungen der Klimakrise auf die Menschenrechte genauer zu untersuchen. Um dieses Thema wird sich in Zukunft ein UN-Sonderberichterstatter kümmern. Francesca Migrone von CIEL lobt den Schritt: „Diese Entscheidung zeigt, dass der Rat die Notwendigkeit erkannt hat, auf die Tatsache zu reagieren, dass der Klimawandel die größte Bedrohung für die Wahrnehmung der Menschenrechte im 21. Jahrhundert darstellt.“ [4] mic

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[1] UNHRC, 05.10.2021: The human right to a safe, clean, healthy and sustainable environment (PDF)

[2] Michelle Bachelet, 13.09.2021: Statement by Michelle Bachelet, UN High Commissioner for Human Rights

[3] UN, 08.10.2021: Human Rights Council Adopts Four Resolutions

[4] CIEL, 08.10.2021: Historic Recognition of a New Human Right and Response to Climate Harm

[5] AJIL, Juli 1984: Conjuring up New Human Rights: A Proposal for Quality Control

Worauf es beim Klimagipfel in Glasgow ankommt

Wer jetzt schon eine Vorschau auf die UN-Klimakonferenz in Glasgow lesen will, findet eine Bei der Helmholtz Klimainitiative.

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Klimaklagen weltweit Biss verleihen

Ich habe ein Interview mit der Klima- und Umweltjuristin Joana Setzer gemacht. Das Interview findet sich auf der Seite des EWS Energiewende-Magazins.

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Die USA und China bewegen sich ein bisschen

Das Klima spielt auch in der Sicherheitspolitik eine immer größere Rolle

China stoppt die Förderung von Kohlemeilern im Ausland und die USA stocken ihre Klimafinanzierung etwas auf. Außerdem wurden bei der UN-Generalversammlung einige neue Länderallianzen lanciert.

Die gestern (Montag) zu Ende gegangene UN-Generalversammlung war eine der letzten Gelegenheiten, um Ankündigungen im Vorfeld der UN-Klimakonferenz im November zu machen. Sowohl Chinas Präsident Xi Jinping und US-Präsident Joe Biden haben diese Gelegenheit genutzt. China hat angekündigt, keine neuen Kohlekraftwerke im Ausland mehr zu „bauen“. Was das genau bedeutet, ist noch nicht klar. Bedeutsam ist es dennoch. China war das letzte Land das noch Kohlemeiler im Ausland gefördert hat. Bei mehr als der Hälfte der Kraftwerke die derzeit noch im Bau oder in Planung sind, ist China beteiligt. [1] Immer mehr Länder kündigen jedoch an, keine neuen Kraftwerke mehr bauen zu wollen. Dazu gehören viele Länder in Asien wie Bangladesch, Indonesien, die Philippinen oder Sri Lanka. Nicht betroffen von Xis Ankündigung ist der Neubau von Kohlemeilern in China. Dort gingen letztes Jahr 85 Prozent aller neuen Kohlekraftwerke der Welt ans Netz. [2]

Kermit. Costa Rica will andere Länder dazu bringen, kein Öl und Gas mehr zu fördern, damit dieser Frosch ein schönes Leben hat. (Foto: arvind grover / Wikimedia)

Für Li Shuo von der Umweltorganisation Greenpeace China ist Xis Ankündigung ein „guter Schritt nach vorn“, der aber weder unerwartet wäre noch überbewertet werden sollte: „Die Kohleankündigung machte deutlich, dass China bereit ist, einige Karten der ‚zweiten Kategorie‘ zu spielen.“ [3] Wirklich entscheidend seien Karten der „ersten Kategorie“. Dazu würde gemäß Li das Ziel gehören, dass ab dem Jahr 2025 die Emissionen auch in China sinken, was China aber noch nicht zugesagt hat. Positiv ist aber, dass Xi die Kohleankündigung bei der UN-Generalversammlung gemacht hat, denn nun hat er diese Karte gespielt und kann sie kein zweites Mal mehr benutzen.

Ähnlich ist die Ankündigung von Biden die US-Klimafinanzierung bis zum Jahr 2024 auf 11,4 Milliarden Dollar pro Jahr zu verdoppeln. Damit steigen die USA nicht groß in die Klimafinanzierung ein, sondern verringern nur den Rückstand auf die anderen Industriestaaten. Diese haben im Jahr 2009 versprochen, ab dem Jahr 2020 gemeinsam 100 Milliarden Dollar pro Jahr zu „mobilisieren“. Der britische Thinktank Overseas Development Institute (ODI) hat mit mehreren Methoden den „fairen Anteil“ für die verschiedenen Länder berechnet (siehe Tabelle). Dabei zeigt sich, dass nur Norwegen, Schweden und Deutschland ihren fairen Beitrag leisten. Abgeschlagen auf dem letzten Platz sind die USA. Auf diese entfiele ein fairer Beitrag von 30 bis 47 Milliarden Dollar. Mit den 11,4 Milliarden Dollar zahlten die USA somit im besten Fall ein Drittel ihres „fairen Anteils“.

Fair? Anhand dieser Tabelle lässt sich leicht sehen, wer noch mehr Geld in den Hut werfen sollte. Ob das die betroffenen Länder interessiert ist allerdings eine andere Frage. (Tabelle: ODI [4])

Etwas Bewegung gab es auch bei kleineren Themen. So haben die EU und die USA eine Initiative zur Reduktion der Methanemissionen gestartet, den „Global Methane Pledge“. [5] Wer sich dieser Initiative anschließt, muss bis zum Jahr 2030 die Methanemissionen um 30 Prozent senken. Costa Rica und Dänemark haben eine Initiative gestartet, um aus der Produktion von Öl und Gas auszusteigen. [6] Wer sich der „Beyond Oil and Gas Allianz“ anschließt, verspricht keine neuen Förderlizenzen mehr auszugeben und ein Enddatum für die Produktion von Öl und Gas zu setzen. Wie viele Länder dazu bereit sind, ist allerdings noch nicht bekannt. Eine weitere, neue Allianz nennt sich „No New Coal“ und hat derzeit sieben Mitglieder: Chile, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Montenegro und Sri Lanka versprechen keine neuen Kohlekraftwerke zu bauen. [7]

Eine weitere interessante Ankündigung kam schließlich von den vier Mitgliedsländern der „Quad“, deren Regierungschefs sich am Rande der UN-Generalversammlung zum ersten Mal bei einem Gipfel getroffen haben. Die Quad besteht aus den USA, Indien, Japan und Australien und dient als Gegenpol zu China im Indopazifik. In der Abschlusserklärung des Treffens taucht das Wort „Klima“ neun Mal auf und die Länder versprechen, bis zur Klimakonferenz in Glasgow bessere Klimaziele einzureichen. [8] Noch haben Australien und Indien das nicht getan. Außerdem verpflichten sie sich dem Ziel, „vorzugsweise bis 2050 weltweit Netto-Null-Emissionen zu erreichen“. Auch das ist für Australien und Indien Neuland. Bemerkenswert ist auch, dass das Klimathema nun auch bei Verhandlungen über Sicherheitsfragen eine Rolle spielt. Damit wird der Spielraum für Länder wie Australien kleiner, dessen Regierung am liebsten überhaupt keinen Klimaschutz betreiben würde. mic

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[1] IEEFA, 23.07.2021: China is supporting over 50% of coal power development in largest remaining project pipelines

[2] klimareporter, 07.07.2023: Nur China hält an der Kohle fest

[3] Li Shuo, 22.09.2021: Tweet

[4] ODI, 06.09.2021: Apportioning responsibility for the $100 billion climate finance goal (PDF)

[5] EU, 18.09.2021: Joint EU-US Press Release on the Global Methane Pledge

[6] Reuters, 25.08.2021: Denmark, Costa Rica seek alliance to speed up the end of oil and gas

[7] Bloomberg, 24.09.2021: UN Launches Pledge to Stop Building New Coal Power Plants

[8] US-Regierung, 24.09.2021: Joint Statement from Quad Leaders

Schwellenländer haben Wahl zwischen Inflation und Aufschwung

Brasilien und Russland haben die Zinsen bereits kräftig erhöht

Notenbanker in Schwellenländern haben oft weniger Spielraum als ihre Kollegen in den Industriestaaten und sehen sich schon jetzt gezwungen, die Zinsen zu erhöhen damit die Inflation nicht aus dem Ruder läuft. Der Preis dafür ist weniger Wachstum.

Die Notenbanken in Europa und den USA sind sich einig. Der aktuelle Inflationsschub ist „temporär“ respektive „vorübergehend“. Die Auslöser sind Sonderfaktoren: Die Dürren in den USA und Brasilien treiben die Nahrungsmittelpreise nach oben. Das plötzliche Anziehen der Konjunktur und damit des Stromverbrauchs vor allem in China, sorgen für steigende Energiekosten. Und die Folgen des Coronaschocks auf die Wertschöpfungsketten sorgen für hohe Frachtraten und einen Mangel an Computerchips. Wenn diese Faktoren überwunden sind, dann pendelt sich die Inflation auch wieder bei den gewünschten zwei Prozent ein, so die Erwartung. Und das wird schnell genug passieren, sodass die Menschen ihre Inflationserwartungen nicht nach oben anpassen. Folglich besteht auch kein Bedarf mit höheren Zinsen gegenzusteuern.

In einigen Entwicklungsländern haben die Notenbanken hingegen die Befürchtung, dass die Menschen ihre Inflationserwartungen durchaus anpassen und dann ist die Inflation nicht länger „vorübergehend“. Die Chefin der russischen Zentralbank, Elvira Nabiullina, sagte im Juli der Financial Times: „Die Bevölkerung hat nicht genug Vertrauen, um zu verstehen, dass die Zentralbank immer Entscheidungen treffen wird, um die Inflation wieder in den Griff zu bekommen.“ [1] Damit stehen diese Notenbanken vor einer unerfreulichen Wahl: Sie können die Zinsen erhöhen, aber damit laufen sie Gefahr den Aufschwung nach der Pandemie abzuwürgen. Oder sie bleiben bei den niedrigen Zinsen und laufen Gefahr, dass sich die Inflation verfestigt.

Hyperinflation. Irgendwann bringt Geld drucken auch nichts mehr. (Foto: Reserve Bank of Zimbabwe)

Momentan gibt es unter den Schwellenländern zwei Gruppen: die Falken und die Tauben. Zu ersteren gehören die Notenbanken von Russland und Brasilien. Diese haben dieses Jahr die Zinsen bereits viermal angehoben. Trotzdem ist der reale Zinssatz (Zinssatz minus Inflation) zumindest in Brasilien noch klar negativ und die Inflation mit knapp zehn Prozent relativ hoch (siehe Tabelle). Zu den Tauben gehören die Türkei und Polen. In der Türkei liegt die Inflationsrate bei knapp 20 Prozent. Trotzdem erwarten Marktbeobachter, dass die Notenbank noch dieses Jahr die Zinsen senken wird. Der türkische Präsident Recep Erdogan ist ein selbsterklärter „Feind von Zinsen“ und wechselt den Chef der Notenbank aus, sobald dieser die Geldpolitik strafft. Auch Polen scheint unbesorgt. Trotz einer Inflationsrate von fünf Prozent ist der Zinssatz nahe null.

LandInfla-tionsrateZinssatzNetto-ZinssatzWachs-tumsrateBudget-defizit*Schulden-quote*
Brasilien9.68%5.25%-4.43%12.40%13.40%88.83%
China0.80%3.85%3.05%7.90%3.70%66.80%
Indien5.30%4.00%-1.30%20.10%9.40%69.62%
Mexiko5.59%4.50%-1.09%19.60%4.60%52.10%
Polen5.50%0.10%-5.40%11.10%7.00%57.50%
Russland6.68%6.75%0.07%10.50%3.80%17.80%
Südafrika4.60%3.50%-1.10%19.30%2.30%83.00%
Türkei19.25%19.00%-0.25%21.70%3.40%39.50%
USA5.30%0.25%-5.05%12.20%14.90%107.60%
Eurozone3.00%0.00%-3.00%14.30%7.20%98.00%

Ausnahme. Ausser in China ist die Inflation mittlerweile überall relativ hoch. (* in Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP), Datenquelle: TradingEconomics [4])

Ein weiteres Problem sind die oft sehr hohen Budgetdefizite. Da die Nahrungsmittelpreise besonders stark steigen, geben die Regierungen viel Geld für Sozialprogramme aus. Sie befürchten, dass es sonst zu Unruhen kommt wie zuletzt in Südafrika und Kolumbien. Würden die Zinsen steigen und damit der Schuldendienst teurer, stünden die Politiker vor einem Dilemma: Entweder sie kürzen die Sozialprogramme oder sie machen noch mehr Schulden. In manchen Ländern sind die Schuldenquoten des Staats allerdings bereits jetzt sehr hoch für Schwellenländer: Brasilien und Südafrika haben Staatsschulden von über 80 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) und Indien von knapp 70 Prozent.

Das lässt sich momentan problemlos finanzieren, denn die Notenbanken der Industriestaaten fluten die Märkte noch immer mit Geld. Die realen Zinsen sind denn auch negativ: minus fünf Prozent in den USA und minus drei Prozent im Euroraum. Anleger haben daher viel Geld in Schwellenländern investiert, wo sie etwas attraktivere Kondition bekommen. Doch was, wenn die Notenbanken in den Industriestaaten aufhören die Märkte mit Geld zu fluten oder gar die Zinsen anheben? Genau das hat die US-Notenbank im Jahr 2013 angekündigt. Nach der Wirtschaftskrise 2008 hatte sie wie heute die Zinsen auf null gesenkt und zusätzlich im großen Stil Anleihen gekauft. Das wollte sie fünf Jahre später langsam zurückfahren. Als die Märkte davon erfuhren, brachen sie in Panik aus: Die Rendite für Staatsanleihen stieg deutlich und die Börsenkurse brachen ein – eine Episode, die als „Taper Tantrum“ in die Annalen der Finanzmärkte einging.

Doch die Folgen blieben nicht auf die USA beschränkt: Weil dort plötzlich eine bessere Rendite zu bekommen war, zogen die Anleger Geld aus den Schwellenländern ab und tauschten deren Währungen für US-Dollar. Dadurch fielen die Wechselkurse der Schwellenländer im Schnitt um sechs Prozent und viele Länder sahen sich gezwungen deswegen die Zinsen zu erhöhen. [2] Die Folge: Das Wachstum in diesen Ländern brach ein. James Barrineau von der Investmentbank Schroders glaubt allerdings nicht, dass sich das wiederholt: „Die Schwellenländer sind in einer viel besseren Verfassung für diesen Taper, als sie es 2013 waren.“ [3] In den meisten Ländern seien die Währungsreserven höher und die Leistungsbilanzdefizite geringer, denn: „Ironischerweise ist dies zum Teil auf den Schaden zurückzuführen, den die Krise von 2013 angerichtet hat, als die Währungen auf ein extrem niedriges Niveau getrieben wurden.“ mic

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[1] FT, 31.07.2021: Inflation here to stay, Russia’s central bank governor warns

[2] Federal Reserve Bank of Dallas, 10.08.2021: Don’t Look to the 2013 Tantrum for the Effect of Tapering on Emerging Markets

[3] Schroders, 08.05.2021: Why this is no Taper Tantrum 2 for EM bonds

[4] TradingEconomics, Stand 22.09.2021: Matrix

Indigene Völker sind der Joker beim Artenschutz

Landrechte für Indigene sind eine einfache und billige Schutzmaßnahme

Lange waren menschenleere Naturschutzgebiete das Ideal. Dabei haben Gebiete, in denen indigene Völkern leben, oft besonders viele Arten und werden von diesen gut gegen Entwaldung geschützt.

In Marseille ist gestern (Freitag) der alle vier Jahre stattfindende Kongress der Internationalen Union zur Bewahrung der Natur IUCN zu Ende gegangen. Das Hauptaugenmerk lag dabei auf der besseren Integration von Indigenen. Bislang kannte die Union zwei Typen von Mitgliedern: Staaten und zivilgesellschaftliche Organisationen, deren Stimmen jeweils separat ausgezählt werden. Dazu sind in Marseille die Organisationen von indigenen Völkern als dritter Mitgliedschaftstyp gestoßen. Damit sollen deren Leistungen beim Schutz der Artenvielfalt anerkannt und besser genutzt werden. Die neue IUCN-Präsidentin Razan Khalifa Al Mubarak sagte über die Indigenen: „Indigene Völker machen fünf Prozent der Weltbevölkerung aus und schützen über 80 Prozent der biologischen Vielfalt der Erde. Ihre Erfahrungen mit der Frage, wie man im Gleichgewicht mit der Natur leben kann, liefern der Welt unschätzbare Erkenntnisse.“ [1]

Drachen. Gut geschützt und dennoch bedroht. Komodo Warana werden knapp ein Drittel ihres Territoriums wegen des Klimawandels verlieren. (Foto: Paul Hien / IUCN)

In der Vergangenheit war das Verhältnis zwischen der IUCN und den indigenen Völkern angespannt. Der IUCN folgte lange dem „Yellowstone Modell“ und setzte auf möglichst menschenleere Schutzgebiete. Doch nach und nach setzte sich die Erkenntnis durch, dass indigene Völker einen wichtigen Beitrag leisten. So zeigt eine Studie der UN Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO, dass die Entwaldung in Gebieten des Amazonas Regenwalds unter indigener Verwaltung nur halb so hoch war, wie in anderen Teilen des Urwalds. Zudem spart der Staat damit Geld wie der FAO-Bericht zeigt: “Während die Auswirkungen der Gewährleistung von Besitzansprüchen groß sind, sind die Kosten sehr gering”. [2]

Wie wichtig der Artenschutz ist, zeigt die aktualisierte Rote Liste der gefährdeten Arten, der wohl bekanntesten IUCN-Publikation. Von den knapp 140.000 untersuchten Arten sind über eine Viertel mehr oder weniger vom Aussterben bedroht. [3] Es gibt allerdings auch gute Nachrichten: Von den sieben am stärksten befischten Thunfischarten haben sich die Bestände von vier Arten deutlich erholt. „Diese Bewertungen der Roten Liste sind der Beweis dafür, dass nachhaltige Fischereikonzepte funktionieren und langfristig enorme Vorteile für die Lebensgrundlagen und die biologische Vielfalt mit sich bringen“, sagte Bruce Collette, der beim IUCN für Thunfische verantwortlich ist. [3] In anderen Fällen reicht Schutz allein allerdings nicht. Komodo Warane sind auf der gleichnamigen, indonesischen Insel eigentlich gut geschützt. Wegen des Klimawandels werden sie in den nächsten 45 Jahren jedoch mindestens 30 Prozent ihres Lebensraums verlieren. [3]

Der IUCN-Kongress diente auch der Vorbereitung der nächsten Konferenz der UN Biodiversitätskonvention in der chinesischen Großstadt Kunming, die wegen der Coronapandemie auf April nächsten Jahres verschoben wurde. Diese Konferenz soll für den Artenschutz so wichtig werden wie die Pariser Klimakonferenz fürs Klima. Es wird erwartet, dass die Länder beschließen werden, bis zum Jahr 2030 30 Prozent der Erde unter Schutz zu stellen. Schließlich stimmten die Delegierten auch über gut hundert Anträge ab. Dabei zeigt sich die für internationale Organisationen einzigartige Struktur der IUCN, wo nicht das Konsensprinzip gilt sondern abgestimmt wird: So forderte ein Antrag ein Moratorium für den Abbau von Rohstoffen in der Tiefsee. Dieser könnte bereits in zwei Jahren beginnen, wenn die Internationale Meeresbodenbehörde ISA erste Abbaulizenzen erteilt. Für das Moratorium stimmten 81 Länder, 18 Länder stimmten dagegen und 28 enthielten sich. Und auch die Nichtregierungsorganisationen waren mit großer Mehrheit für das Moratorium. Bindend ist diese Abstimmung allerdings nicht. Letztlich entscheidet die ISA. mic

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[1] Mongabay, 30.08.2021: Conservation needs more women, says Razan Khalifa Al Mubarak

[2] Guardian, 25.03.2021: Indigenous peoples by far the best guardians of forests – UN report

[3] IUCN, 04.09.2021: Tuna species recovering despite growing pressures on marine life

[4] IUCN, 07.09.2021: Protection of deep-ocean ecosystems and biodiversity through a moratorium on seabed mining

In Afghanistan ist ein Drittel der Bevölkerung auf Hilfslieferungen angewiesen

Die Dürre dürfte ausgerechnet die Opiumproduktion ankurbeln

Die Lebensverhältnisse der Menschen in Afghanistan haben sich in den letzten 20 Jahren deutlich verbessert. Doch die Struktur der Wirtschaft ist weitgehend gleich geblieben: Das Land produziert Agrarprodukte, Opium und Bodenschätze. Außerdem bekommt es sehr viele ausländische Hilfsgelder.

Die gute Nachricht vorweg: Die UNO und Organisationen wie das Internationale Komitee vom Roten Kreuz können ihre humanitäre Arbeit trotz der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan fortsetzen. Der UN Koordinator für humanitäre Fragen, Ramiz Alakbarov, sagte: “Der humanitäre Arm der Vereinten Nationen arbeitet seit über 18 Jahren mit den Taliban zusammen, und wir haben nie aufgehört, mit den Taliban zu arbeiten. Wir sind dabei, neue Sicherheitsgarantien zu beantragen. Und wir haben diese Garantien erhalten.” [1] Das ist wichtig, denn Afghanistan stünden selbst ohne die Taliban schwierige Monate bevor. Das Land wird derzeit von der zweiten Dürre in vier Jahren heimgesucht.

Das Welternährungsprogramm WFP schätzt, dass 14 der 40 Millionen Afghanen dieses Jahr auf Lebensmittelhilfen angewiesen sind. Genug Geld hat WFP dafür allerdings nicht. Der chronisch unterfinanzierten Organisation fehlen bis Ende 2021 noch 200 Millionen Dollar. [2] Alakbarov schätzt zudem, dass dieses Jahr bereits 600.000 Afghanen ihre Heimatdörfer verlassen haben: „Man hat eine Kombination von Vertreibung durch Krieg und militärische Feindseligkeiten mit Vertreibung durch Dürre und schwierige wirtschaftliche Bedingungen.” [1] Die Dürre ist kein Überraschung: Gemäß dem Climate Security Expert Network (SCEN) nehmen wegen des Klimawandels in Afghanistan sowohl Dürren als auch Starkregenereignisse zu. [3]

Bald. Schon in wenigen Wochen wird Schnee Hilfslieferungen in Afghanistan massiv erschweren. (Foto: WFP)

Profitieren könnte davon ausgerechnet die Opiumproduktion. Schlafmohn, aus dem Opium gewonnen wird, ist eine dürreresistente und sehr genügsame Pflanze. SCEN schreibt in seiner Analyse Afghanistans: „Wenn der Anbau alternativer Kulturen schwieriger wird, wird der Mohnanbau für viele Landwirte in ländlichen Gebieten immer attraktiver.“ [4 s. S. 15] Das wiederum beeinträchtige die Sicherheitslage: „Diese Bedingungen sind ein Nährboden für kriminelle Organisationen und terroristische Gruppen, indem sie Anreize schaffen, die Kontrolle der Regierung in den Drogenanbaugebieten zurückzudrängen und die Korruption unter den Regierungsangestellten fördern.“

Genau davon haben auch die Taliban vor ihrer Machtübernahme profitiert. Dem Radiosender Radio Free Europe liegt ein vertraulicher Bericht der Nato über die Finanzlage der Taliban vor. [5] Diese haben in den zwölf Monaten bis März 2020 Einnahmen von 1,6 Milliarden US-Dollar verbucht. Opium war mit 416 Millionen die zweitwichtigste Einnahmequelle nach der Besteuerung des Abbaus von Bodenschätzen wie Kohle und Edelsteinen mit 464 Millionen. Für eine Rebellenarmee sind das beachtliche Einnahmen und gewähren den Taliban „finanzielle und militärische Unabhängigkeit“, wie der Nato-Bericht anerkennend feststellt. Um ein Land mit 40 Millionen Einwohnern zu verwalten, sind 1,6 Milliarden allerdings eher wenig: nämlich 40 Dollar pro Kopf.

Entscheidend für die weitere wirtschaftliche Entwicklung Afghanistan wird die Höhe der ausländischen Hilfsgelder sein, die in das Land fließen. Im Jahr 2020 machten diese zwei Fünftel der (legalen) Wirtschaftsleistung des Landes aus, wie die Weltbank ausgerechnet hat. [6] Während weiter humanitäre Hilfe geleistet werden dürfte, ist das bei der langfristig angelegten Entwicklungshilfe weniger sicher. Nicht nur wegen der Dürre dürfte eine Taliban-geführte Regierung daher zumindest kurzfristig weiter auf die bewährten Einnahmequellen setzen: Kohle und Heroin. mic

Auch Dürre in Syrien und im Irak

Syrien leidet derzeit unter der schwersten Dürre in 70 Jahren. Das Welternährungsprogramm WFP schätzt, dass dort 12 Millionen Menschen an Nahrungsmittelknappheit leiden. Außerdem gibt es gut sechs Millionen intern Vertriebene wegen des nunmehr zehnjährigen Bürgerkriegs, dessen Ausbruch ebenfalls eine Dürre vorausgegangen war. [7] In Syrien fehlen dem WFP noch 444 Millionen Dollar für die nächsten sechs Monate. [8] Im Irak sieht es etwas besser aus. 2,4 Millionen Menschen brauchen Hilfe und 1,2 Millionen sind intern vertrieben. [9] Hier fällt die Finanzierungslücke denn auch geringer aus. Das WFP braucht hier nur zusätzliche 13 Millionen Dollar. [10] “Der totale Zusammenbruch der Wasser- und Nahrungsmittelproduktion für Millionen von Syrern und Irakern steht unmittelbar bevor”, sagt Carsten Hansen, Regionaldirektor des Hilfsorganisation Norwegian Refugee Council. [11] mic

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[1] Reuters, 17.08.2021: UN aid chief in Afghanistan warns of hunger caused by drought

[2] WFP, Stand 01.09.2021: Afghanistan

[3] SCEN, September 2019: Climate-Fragility Risk Factsheet (PDF)

[4] SCEN, Oktober 2019: Climate-Fragility Risk Brief (PDF)

[5] RFERL, 16.09.2020: Taliban’s Expanding ‘Financial Power’ Could Make It ‘Impervious’ To Pressure, Confidential Report Warns

[6] FT, 22.08.2021: The Afghanistan economy in charts: what has changed in two decades?

[7] WFP, Stand 01.09.2021: Syrian Arab Republic

[8] WFP, Juli 2021: WFP Syria Country Brief (PDF)

[9] WFP, Stand 01.09.2021: Iraq

[10] WFP, Juli 2021: WFP Iraq Country Brief (PDF)

[11] alJayeera, 23.08.2021: Water crisis and drought threaten 12 million in Syria, Iraq

Dieses Jahrzehnt ist entscheidend

Emissionen müssen in zehn Jahren um die Hälfte sinken, sagt neuer Bericht des Weltklimarats

Vor 30 Jahren ist der erste Bericht des Weltklimarats IPCC erschienen. Seither ist klar, dass die Menschheit das Klima aufheizt und die Treibhausgasmissionen auf null sinken müssen. Doch diese sind weiter gestiegen und nun müssen sie umso schneller fallen: um die Hälfte in zehn Jahren.

Am Montag wurde der erste Teil eines neuen Berichts des Weltklimarats IPCC veröffentlicht. [1] Dieser besteht wie immer aus zwei Teilen: dem eigentlichen Bericht und der Zusammenfassung für Entscheidungsträger. Letztere wurde in den letzten beiden Wochen von Klimadiplomaten ausgehandelt. [2] Damit stellt der IPCC-Bericht den offiziellen Kenntnisstand der Regierungen der Welt zur Entwicklung der Klimakrise dar. Für den eigentlichen Bericht haben über 200 Wissenschaftler aus der ganzen Welt insgesamt 14‘000 Studien ausgewertet. Die Co-Vorsitzende Valérie Masson-Delmotte sagt : “Wir haben jetzt ein viel klareres Bild des vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Klimas, was wichtig ist, um zu verstehen, wohin wir uns bewegen, was wir tun können und wie wir uns vorbereiten können.” [3]

Sibirien. Letztlich haben wir die Wahl zwischen Naturkatastrophen und Klimaschutz. (Foto: © Julia Petrenko / Greenpeace)

Große Überraschungen enthält der Bericht nicht. Seit Jahren ist klar, dass es umso wärmer wird je mehr Treibhausgase sich in der Atmosphäre ansammeln. Seit der vorindustriellen Zeit ist die Temperatur auf der Erde um 1,1 Grad gestiegen – mehr über Land und weniger über den Ozeanen. Und dieser Trend wird sich fortsetzen: Rund um das Jahr 2030 ist die Erde 1,5 Grad wärmer. Wie es anschließend weiter geht ist allerdings offen. „Es geht vor allem um Entscheidungen“, sagt Richard Black vom britischen Thinktank Energy and Climate Intelligence Unit. [4] „Die Welt wird in einer emissionsarmen Zukunft ganz anders aussehen als in einer emissionsreichen. Es steht viel auf dem Spiel: Die Entscheidungen der kommenden Monate werden einen großen Einfluss haben.“

Wie entscheidend die nächsten Wochen, Monate und ein, zwei Jahre sein werden, zeigt ein Blick auf die verschiedenen Emissionsszenarien im IPCC-Bericht. Im einzigen Szenario, in dem die Erwärmung am Ende des Jahrhunderts unter 1,5 Grad liegt, fallen die globalen Netto-Emissionen in den nächsten zehn Jahren um knapp die Hälfte und erreichen im Jahr 2050 null. Anschließend werden der Atmosphäre dann Jahr für Jahr rund zehn Milliarden Tonnen CO2 entzogen. Im nächstbesten Szenario sinken die Emissionen langsamer. Daher akkumulieren sich mehr Treibhausgase und das Klima erwärmt sich um 1,8 Grad bis zum Jahr 2100. Wenn die Emissionen hingegen bis zum Jahr 2050 in etwa auf dem heutigen Niveau bleiben und erst dann zurückgehen, ist es in 80 Jahren 2,7 Grad wärmer als in der vorindustriellen Zeit.

https://twitter.com/rahmstorf/status/1424305393111605257?s=20

Impact? Der IPCC-Bericht zum 1,5 Grad Ziel hat hohe Wellen geschlagen. Vorherige Berichte (ausser dem ersten) hatten nicht so viel Erfolg. Mal sehen, was es dem sechsten Sachstandsbericht widerfährt. (Tweet: Stefan Rahmstorf / Andrew Dessler)

Mit jedem Zehntelgrad nimmt die Zahl an Extremwetterereignissen zu: Extremtemperaturen, die in der vorindustriellen Zeit alle 50 Jahre aufgetreten sind, sind heute alle zehn Jahre zu beobachten. Und wenn sich das Klima um 1,5 Grad erwärmt hat, dann wird es alle sechs Jahre dazu kommen. Auch Starkregen und Dürren werden mit jedem Zehntelgrad häufiger. Und auch die Höhe des Meeresspiegels ist letztlich eine Funktion der Erwärmung. Im besten Fall liegt dieser im Jahr 2100 rund 40 Zentimeter über dem heutigen Niveau. Wenn die Emissionen allerdings nicht ab sofort schnell sinken, dann ist der Meeresspiegel dann 60 Zentimeter höher als heute. Hinzu kommt die Gefahr einen Kipppunkt zu erreichen: „Abrupte Reaktionen und Kipppunkte des Klimasystems, wie etwa stark erhöhtes Abschmelzen des antarktischen Eisschildes und das Absterben von Wäldern, können nicht ausgeschlossen werden.“ [2] Und auch hier geht es wieder um jedes Zehntelgrad: „Die Wahrscheinlichkeit von Ereignissen mit geringer Wahrscheinlichkeit aber sehr großen Auswirkungen steigt mit zunehmender Erderwärmung.“

Wirklich neu ist das Alles nicht und kann es auch gar nicht sein, denn der IPCC trägt ja nur das bestehende Wissen zur Klimakrise zusammen. Angesichts der Fluten und Brände rund um die Welt in den letzten Wochen kommt der Bericht dennoch zur richtigen Zeit. Die Menschen in vielen Ländern haben einen ersten Vorgeschmack der Klimazukunft bekommen und müssen sich nun entscheiden: entweder mehr Naturkatastrophen oder sehr schnell weniger Emissionen. „Der Bericht zeigt, dass dieses Jahrzehnt wirklich unsere letzte Chance ist, die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen“ sagt Helen Mountford von der Umweltorganisation WRI. Und dabei komme es auf alle an: “Schauen Sie sich die führenden Politiker der Welt an, die heute im Amt sind. Unser gemeinsames Schicksal wird von ihren Entscheidungen abhängen. Dies ist ein Moment, in dem jeder Einzelne aufbegehren und mutige Klimamaßnahmen fordern muss, als ob unsere Zukunft davon abhinge, denn das tut sie wirklich.” mic

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[1] IPCC, 09.08.2021: Climate Change 2021 – The Physical Science Basis (PDF)

[2] IPCC, 09.08.2021: Climate Change 2021 – The Physical Science Basis – Summary for Policy Makers (PDF)

[3] IPCC, 09.08.2021: Climate Change 2021 – The Physical Science Basis – press release

[4] Richard Black, 07.08.2021: Tweet

„Jedes Jahr des Abwartens reduziert unser CO2-Budget massiv“

Joeri Rogelj erklärt im Interview, wieviel CO2 die Menschheit noch emittieren darf

Warum ist es möglich ein CO2-Budget zu berechnen?

Joeri Rogelj: Wir wissen schon lange, dass die Erwärmung linear mit der Menge der kumulierten Emissionen steigt. Neu wissen wir auch, was passiert, wenn wir die Emissionen stoppen. In diesem Fall stoppt auch die Erwärmung. Damit können wir ausrechnen, wieviel CO2 wir noch emittieren dürfen, wenn ein bestimmtes Temperaturziel eingehalten werden soll.

Das CO2-Budget wurde vor drei Jahren das letzte Mal berechnet, im Rahmen des IPCC-Berichts zum 1,5-Grad-Ziel. Was hat sich verändert?

Die CO2-Budgets sind grob gleich geblieben. Natürlich haben sich einzelne Zahlen ein wenig verändert, aber nicht weil wir nicht daran gearbeitet hätten. Obwohl wir jeden Faktor von Grund auf neu überarbeitet haben, kommen wir zum selben Resultat. Die gute Nachricht ist: Unser wissenschaftliches Verständnis ist robust. Und die schlechte ist: Diese Budgets waren schon vor drei Jahren sehr klein und mit den Emissionen seither haben wir einen weiteren, großen Teil der Budgets verbraucht.

Vor drei Jahren blieb eine Klimahypothek von 100 Milliarden Tonnen CO2 unberücksichtigt. Diese stammte aus Rückkopplungseffekten des Erdsystems wie dem Tauen des Permafrosts. Um ein bestimmtes Temperaturziel zu erreichen, hätte man diese Menge an CO2 der Atmosphäre zusätzlich entziehen müssen. Gibt es diese Hypothek immer noch?

Nein, diese Hypothek gibt es nicht mehr. Wir haben alle Rückkopplungseffekte überprüft und diese sind nun in den neuen CO2-Budgets enthalten. Zum Teil gleichen sich diese Effekte gegenseitig aus.

Budgetman. Joeri Rogelj, 40, ist Forschungsdirektor am Grantham Institute des Imperial College London, einer britischen Universität. Rogelj war als Leitautor für das Kapitel über CO2-Budgets verantwortlich. (Foto: zVg)

Für die verschiedenen Temperaturziele geben Sie an, mit welcher Wahrscheinlichkeit diese erreicht werden mit einer bestimmten Menge an Emissionen.

Es ist wichtig, das zu verstehen. Wenn man das Budget für 1,5 Grad mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent nimmt, dann heißt das: In einem von zwei Fällen erreicht man das Ziel und in einem von zwei Fällen ist die Erwärmung stärker. Das könnte nur wenig sein, das könnte aber auch nennenswert viel mehr sein.

Wann müssen wir klimaneutral sein, um die Erwärmung bei 1,5 Grad zu stoppen?

Wenn man die Emissionen linear reduziert, dann haben wir 20 bis 25 Jahre Zeit, um die Erwärmung mit einer Wahrscheinlichkeit von 67 respektive 50 Prozent bei 1,5 Grad zu stoppen. Die Emissionen müssen also schon in diesem Jahrzehnt deutlich sinken. Jedes Jahr des Abwartens reduziert unser CO2-Budget massiv.

Was ist mit den anderen Treibhausgasen wie Methan oder Lachgas?

Wir gehen davon aus, dass auch die Emissionen dieser Gase sehr schnell sinken. Es gibt sehr günstige Methoden, um etwa die Methanemissionen zu reduzieren. Wenn diese Emissionen aber nicht so schnell sinken, wie angenommen, dann muss man von den CO2-Budgets bis zu 220 Milliarden Tonnen abziehen.

TemperaturzielCO2-Budgets in Milliarden Tonnen (Gigatonnen) je nach Wahrscheinlichkeit das Temperaurziel nicht zu übersteigen
17%33%50%67%83%
1,5 Grad900650500400300
1,7 Grad14501050850700550
2,0 Grad2300170013501150900

Methanalarm. Das sind die Budgets, wenn die Methanemissionen sehr schnell sinken. Methan und die anderen Treibhausgase können diese Budgets um plus-minus 220 Milliarden Tonnen verändern. (Daten: IPCC [1])

Wenn die CO2-Emissionen sinken gibt es auch weniger Luftverschmutzung. Diese kühlt den Planeten.

Diese Budgets berücksichtigen, dass der kühlende Effekt von Aerosolen verschwindet, wenn wir die CO2-Emissionen reduzieren.

Gehen diese Budgets davon aus, dass es in Zukunft negative Emissionen geben wird?

Nein, diese Budgets gehen davon aus, dass man bei null Emissionen bleibt, wenn man diesen Punkt einmal erreicht hat. Wenn dann aber die Erwärmung unerwünscht hoch ist, könnten wir überlegen, die Erwärmung langsam zu reduzieren. Aber das ist ein zweiter Schritt. Der erste ist zu netto-null Emissionen zu kommen.

Ist es möglich das globale CO2-Budget auf die einzelnen Länder zu verteilen?

Das ist möglich, aber das ist keine exakte Wissenschaft. Dazu muss man wertebasierte Entscheidungen treffen. Welches Temperaturniveau will man mit welcher Wahrscheinlichkeit erreichen? Das entscheiden nicht wir Wissenschaftler und darum haben wir eine Tabelle mit den verschiedenen Optionen gemacht. Wenn man nun eines der Globalbudgets auf die Länder verteilen will, muss man erneut wertebasierte Entscheidungen treffen. Es gibt viele verschiedene Arten der Verteilung, aber was ist fair? Eine Option ist, dass man die Budgets so verteilt, dass jeder Mensch das gleiche CO2-Budget hat. Man kann aber auch die historischen Emissionen mitberücksichtigen. Länder, die bereits viel emittiert haben, bekommen weniger. Wenn diese ethischen Fragen beantwortet sind, dann können wir Wissenschaftler die Länderbudgets berechnen.

Sie waren auch bei den Verhandlungen über die Zusammenfassung für Entscheidungsträger dabei. Was wurde da eigentlich verhandelt? Was waren die kontroversen Punkte?

Umstritten waren Begriffe, die auch in der Politik oder bei den UN-Klimaverhandlungen benutzt werden und die in diesen Kontexten andere Bedeutungen haben. Das sind Begriffe wie „netto-null“, „Senken“ oder die exakte Bedeutung des Paris Abkommens. Hier sind die Delegationen natürlich sehr empfindlich, weil sie nicht nur an die Wissenschaft denken, sondern auch berücksichtigen, wie diese Begriffe benutzt oder missbraucht werden. Das sind die Themen, bei denen man am längsten braucht, um Formulierungen zu finden, die neutral sind und den Wissensstand widergeben ohne vorwegzunehmen, was politisch getan werden muss. mic

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[1] IPCC, 09.08.2021: Climate Change 2021 – The Physical Science Basis – Summary for Policymakers (PDF)

Wie beschleunigt man Asiens Kohleausstieg?

Neuer Finanzmechanismus soll Laufzeit von bestehenden Kohlemeilern deutlich reduzieren

Wie bringt man Stromkonzerne dazu relativ neue Kraftwerke stillzulegen? Indem man sie ihnen abkauft und das selber tut, lautet die kurze Antwort. Damit sich das auch noch für private Investoren rechnet, bedarf es allerdings eines kreativen Finanzvehikels.

Letztes Jahr ist die Zahl der Kohlemeiler in Planung in vielen Ländern Asiens kollabiert, wie eine Studie des Global Energy Monitor zeigt. [1] Trotzdem dürfte Kohle noch lange die Stromerzeugung dominieren, denn die Länder Asiens haben einen großen und relativ jungen Kraftwerkspark. Mit den Zielen des Pariser Klimaabkommens lässt sich das allerdings nicht vereinbaren. Der Weltklimarat (IPCC) hat ausgerechnet, dass der Anteil von Kohlestrom von heute 38 Prozent weltweit in nur zehn Jahren auf weniger als ein Viertel sinken muss. Das lässt sich nur erreichen, wenn in Asien relativ neue Kraftwerke stillgelegt werden. Und genau das ist das Ziel von Finanzmarktakteuren rund um die Asiatische Entwicklungsbank ADB. “Wenn wir ein Kohlekraftwerk kaufen, das noch 50 Jahre in Betrieb ist, und es innerhalb von 15 Jahren abschalten, können wir bis zu 35 Jahre Kohlenstoffemissionen einsparen”, erklärt ADB-Vizepräsident Ahmed Saeed. [2]

Fast forward. Damit sich Asiens Energiesystem so entwickelt, braucht es eine kräftige Dosis an Financial Engineering. (Bild: color-hex)

Um das in großem Stil zu machen, ist allerdings sehr viel Geld erforderlich. Um die Hälfte aller Kohlemeiler stillzulegen würden für Indonesien 16 bis 29 Milliarden Dollar, für Vietnam 9 bis 17 Milliarden und für die Philippinen fünf bis neun Milliarden benötigt. [3] Das kann auch die ADB nicht stemmen. “Um dies für mehr als ein oder zwei Anlagen zu ermöglichen, müssen private Investoren gewonnen werden”, sagt Michael Paulus von der US-Bank Citi. Doch diese wollten eine Rendite sehen und nicht nur sinkende Emissionen, so Paulus. [3] “Es gibt einige, die interessiert sind, aber sie werden es nicht umsonst machen. Sie brauchen vielleicht keine normale Rendite von zehn bis zwölf Prozent, sie können es auch für weniger tun. Aber ein oder zwei Prozent werden sie nicht akzeptieren. Wir versuchen, einen Weg zu finden, damit das funktioniert.”

Einen solchen Weg hat Donald Kanak von der britischen Versicherung Prudential entwickelt: einen Energiewendemechanismus (ETM). [4] In einem ETM wird öffentliches Kapital etwa von der ADB und privates Kapital gepoolt. Der ETM kauft dann die Kohlekraftwerke ihren jetzigen Besitzern ab und legt diese nach einer bestimmten Anzahl Jahren still. Gleichzeitig baut der ursprüngliche Betreiber mit den Einnahmen aus dem Verkauf des Kohlemeilers die Erneuerbaren aus. Damit der ETM trotz der vorzeitigen Stilllegung noch eine Rendite erzielt, muss in der verbleibenden Betriebszeit die Marge zwischen Kosten und Einnahmen aus dem Stromverkauf höher sein als zuvor. Das soll erreicht werden, indem der ETM deutlich geringere Finanzierungskosten hat, als der ursprüngliche Betreiber. Damit die ETM-Teilhaber diese geringere Rendite akzeptieren, muss allerdings auch das Risiko entsprechen niedriger sein. Und hier kommt der öffentliche Geldgeber ins Spiel: Dieser akzeptiert, dass er im Fall eines Verlusts als erster sein Geld verliert. Damit haben alle anderen ETM-Teilhaber ein geringeres Risiko.

Dieser Mechanismus soll bereits nächstes Jahr in Indonesien, Vietnam oder den Philippinen getestet werden. „Wir würden gerne im Jahr 2022 das erste Kohlekraftwerk kaufen“ sagt Saeed. [3] Anschließend könne der Ansatz dann auf andere Länder in Asien oder auch andere Weltregionen ausgeweitet werden. Wie beim deutschen Kohleausstieg wird eine Schwierigkeit darin liegen, zu verhindern, dass man mit den ETMs die Laufzeit der Kraftwerke nicht unabsichtlich verlängert. Das könnte passieren, wenn ein Betreiber ein eigentlich unrentables Kraftwerk weiterlaufen lässt, in der Hoffnung dieses dann an den ETM verkaufen zu können. Nick Robins von der London School of Economics warnt: „Wir müssen absolut sicher sein, dass wir nicht den Verursacher von Emissionen bezahlen, sondern für einen beschleunigten Übergang.” [3] mic

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[1] wip, 06.07.2021: Energiewende süßsauer

[2] BBC, 05.08.2021: Finance firms plan to close coal plants in Asia

[3] Reuters, 03.08.2021: ADB, Citi, HSBC, Prudential hatch plan for Asian coal-fired closures

[4] Donald Kanak, 25.01.2021: How to accelerate the energy transition in developing economies