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Yellen sieht Welt vor neuem Bretton-Woods-Moment

Armen Ländern soll mit zusätzlichen Währungsreserven geholfen werden

Die Länder, insbesondere die ärmsten, brauchen dringend Geld. Ein Teil davon soll nun quasi aus dem Nichts geschaffen werden und ein anderer Teil durch eine globale Steuerreform hereinkommen.

Es ist die obskurste Währung der Welt: die Sonderziehungsrechte (SDR) des Internationalen Währungsfonds (IWF). Und von dieser Währung soll mehr geschaffen werden. Im Rahmen der Frühjahrstagung von IWF und Weltbank wird die Schöpfung von neuen SDRs im Wert von 650 Milliarden Dollar diskutiert. [1] Beim aktuellen Kurs von 1.42 Dollar pro SDR entspricht das 458 Milliarden neuen SDRs. [2] Diese werden anschließend an die IWF Mitglieder verteilt – gemäß deren Quote. Große und reiche Länder bekommen also mehr als kleine und arme. Trotzdem bleiben auch für diese noch Milliarden: Die ärmsten Länder bekämen SDRs im Wert von 21 Milliarden Dollar und andere Entwicklungsländer (ohne China) solche im Wert von 212 Milliarden Dollar. [3]

So gut wie Gold. Ursprünglich entsprach ein SDR genau 0.888671 Gramm Gold. Seit Abschaffung des Goldstandards basiert der Wert der SDRs auf einem Währungskorb. (Foto: Nils Thies / Bundesbank)

Die SDRs zählen anschließend zu den Währungsreserven der Länder. Außerdem können sie für Dollar oder Euro an andere Länder verkauft werden. Wenn ein Land weniger SDRs hält als es seiner Quote entspricht, muss es dafür allerdings Zinsen zahlen: 0.05 Prozent pro Woche respektive 2.6 Prozent pro Jahr. [4] Praktisch bedeutet die Zuteilung neuer SDRs also zweierlei: Länder, die ihre SDRs behalten, haben höhere Währungsreserven und Länder, die diese verkaufen, kommen zu einem sehr günstigen Kredit. Damit soll insbesondere den ärmsten Ländern in der Coronakrise geholfen werden. Obwohl diese nur 21 Milliarden Dollar bekommen, sei das dennoch „viel mehr“ als alle bisherigen Hilfen in der Krise, schreibt der US-Thinktank Atlantic Council. [5] Bislang haben der IWF und die Weltbank diesen Ländern 11,6 Milliarden Dollar zur Verfügung gestellt und die G-20 Länder haben Zinsen im Wert von fünf Milliarden gestundet.

Durch die Schaffung von 458 Milliarden neuen SDRs wird der Bestand an SDRs mehr als verdreifacht. Aktuell gibt es nur 204 Milliarden SDRs, von denen die meisten in der Finanz- und Wirtschaftskrise 2009 geschaffen wurden. [6] Das veranschaulicht die Dimension der Coronakrise und ihrer Folgen für das globale Finanzsystem. US-Finanzministerin Janet Yellen, die nicht für bombastische Wortwahl bekannt ist, sieht die Welt gar vor einem neuen Bretton-Woods-Moment. Bei einer Konferenz im Jahr 1944 wurde in Bretton Woods in den USA das internationale Finanzsystem begründet, das zunächst auf dem Goldstandard beruhte. Außerdem wurden der IWF und die Weltbank geschaffen. Yellen sagte im Hinblick auf die Teilnehmer der Konferenz: „Ich kann die enorme Last nachempfinden, der sie gegenüberstanden; dem Druck, nach einer globalen Katastrophe zusammenzukommen, um ein dauerhaftes und vernetztes System aufzubauen.“ [7] Und nun stehe die Welt vor einer ähnlichen Herausforderung: „Unser aktueller Zeitpunkt ist nicht weniger bedeutsam – was wir in den kommenden Monaten und Jahren tun, wird tiefgreifende Auswirkungen auf die Entwicklung unseres Landes und auf die globale Wirtschaftsordnung haben.”

Ein weiteres Thema beim Frühjahrstreffen dürfte die Schaffung eines globalen Mindeststeuersatzes für Unternehmen sein. Yellen hatte dies vor kurzem vorgeschlagen: “Eine weitere Folge der vernetzten Welt war ein dreißigjähriger Wettlauf nach unten bei den Unternehmenssteuersätzen”, sagte Yellen. Angesichts der Krise müsse nun aber sichergestellt werden, „dass Regierungen über stabile Steuersysteme verfügen, die genügend Einnahmen generieren, um in öffentliche Güter zu investieren und auf Krisen zu reagieren, und dass alle Bürger die Last der Staatsfinanzierung fair teilen.” [7] Damit dürfte sie in vielen europäischen Hauptstädten auf offene Ohren stoßen. Insbesondere die großen Internetkonzerne sind so geschickt in Steueroasen domiziliert, dass sie kaum Steuern bezahlen. Zuletzt wurde bekannt, dass der Versandhändler Amazon und 90 weitere Großkonzerne in den USA keinerlei Gewinnsteuer abführen. Auch die Überwindung dieses Missstands dürfte in die Annalen eingehen. mic

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[1] IWF, 23.03.2021: IMF Executive Directors Discuss a New SDR Allocation of US$650 billion to Boost Reserves, Help Global Recovery from COVID-19

[2] IWF, Stand 07.04.2021: SDR Valuation

[3] US Treasury, 01.04.2021: How An Allocation of International Monetary Fund Special Drawing Rights Will Support Low-Income Countries, the Global Economy, and the United States

[4] IWF, Stand 07.04.2021: SDR Interest Rate Calculation

[5] Atlantic Council, 05.04.2021: The big issues at play in the IMF and World Bank spring meetings

[6] IWF, Stand 07.04.2021: Special Drawing Rights (SDR) – Factsheet

[7] US Treasury, 05.04.2021: Remarks by Secretary of the Treasury Janet L. Yellen on International Priorities to The Chicago Council on Global Affairs

Mit diesem Plan will Biden die Zukunft gewinnen

Bidens Infrastrukturpaket enthält rund 1000 Milliarden Dollar fürs Klima

Letzte Woche hat US-Präsident Joe Biden das zweite von drei Konjunkturprogrammen vorgestellt, ein Infrastrukturpaket. Dieses enthält viel Geld für Maßnahmen im Kampf gegen die Klimakrise und soll Millionen Arbeitsplätze schaffen.

US-Präsident Joe Biden hat letzte Woche seinen Infrastrukturplan vorgestellt, den „American Jobs Plan“. Dieser sieht Investitionen von 2250 Milliarden Dollar über acht Jahre vor. Dazu kommen Steuervergünstigungen von 400 Milliarden Dollar für erneuerbare Energien. Dies entspricht knapp einem Prozent des Bruttoinlandsprodukts dieser Jahre. Bei der Vorstellung letzte Woche sagte Biden über den Plan: „Ist er groß? Ja. Ist er kühn? Ja.“ und prophezeite: „In 50 Jahren werden die Menschen zurückblicken und sagen: Das war der Moment als Amerika die Zukunft gewann.“ [1] Lob kommt aber nicht nur von Biden selbst. Die Umweltorganisation WRI schätzt, dass rund 1000 Milliarden Dollar in Klimaschutzmaßnahme fließen werden und schreibt: „Wenn dieser Vorschlag Gesetz wird, dann ist es das wichtigste Klimagesetz in der US-Geschichte.“ Die US-Parlamentarierin Alexandria Ocasio-Cortez reichte dies allerdings nicht. Die Demokratin schrieb auf Twitter: „Das ist nicht annähernd genug.“ [3]

Die größten klimarelevante Posten sind 223 Milliarden für die Verbesserung der Energieeffizienz von Gebäuden, 174 Milliarden für Elektroautos und Ladestationen und 100 Milliarden für den Ausbau der Stromnetze. [4] Der Plan sieht zudem Investitionen in Straßen und Brücken (115 Milliarden), den öffentlichen Verkehr (85 Milliarden) und das Schienennetz (80 Milliarden) vor. Biden verspricht zudem aller Wasserrohre aus Blei zu ersetzen (111 Milliarden). Weitere 300 Milliarden Dollar sind für die Industrie vorgesehen, nicht zuletzt für Forschung. Mit weiteren 100 Milliarden sollen Schulgebäude renoviert werden. Angesichts der Pandemie enthält der Plan außerdem mehr Geld für die Pflege von alten und behinderten Menschen (400 Milliarden). Biden hofft so „Millionen von gut bezahlten Jobs mit Gewerkschaftsvertretung“ zu schaffen. [1] Gleichzeitig werden aber auch 130.000 Jobs in der Kohle-, Öl- und Gasindustrie wegfallen. [5] Die Betroffenen sollen helfen, aufgegebene Bohrlöcher zu verschließen. Dafür stehen 16 Milliarden zur Verfügung. Und weitere zehn Milliarden sind schließlich für ein „Climate Corps“ vorgesehen, einen bezahlten Freiwilligendienst.

Neu auch für Frauen. Im Rahmen des New Deal gab es das Civilian Conservation Corps, das nicht zuletzt viel für US-Nationalparks getan hat. (Bild: Albert M. Bender / Wikipedia)

Der Plan ist bereits das zweite Konjunkturpaket, um die Coronakrise zu überwinden und Amerika „besser wieder aufzubauen“. [1] Das erste Paket, der American Rescue Plan, hatte ein Volumen von 1900 Milliarden Dollar. Das meiste wurde in Form von „Helikoptergeld“ verteilt. Amerikaner unter einer gewissen Einkommensschwelle erhielten einen Scheck über 1400 Dollar. Gegen Ende April soll dann ein weiterer Plan mit einem Volumen von mehr als 1000 Milliarden Dollar folgen, der „American Family Plan“. Während der erste Plan über Schulden finanziert wurde, soll das Infrastrukturpaket zum Teil durch neue Steuern bezahlt werden. Biden will die Gewinnsteuer für Firmen von 21 auf 28 Prozent erhöhen und damit eine Steuersenkung seines Vorgängers Donald Trump teilweise zurücknehmen. Trump hatte diese Steuer von 35 auf 21 Prozent reduziert. Biden will zudem die Mindeststeuer für global agierende Konzerne von 10.5 auf 21 Prozent erhöhen. Dabei verwies er darauf, dass der Versandhändler Amazon und 90 weitere Konzerne derzeit gar keine Gewinnsteuern bezahlen.

Noch ist Bidens Plan ein Wunschzettel, denn der Plan muss noch vom Repräsentantenhaus und dem Senat verabschiedet werden. Der Fraktionschef der Republikaner im Senat, Mitch McConnell, bezeichnete den Plan wegen der geplanten Steuererhöhung bereits als „falsches Rezept für Amerika“ und versprach den Plan „auf jedem Schritt“ zu bekämpfen. Im regulären Gesetzgebungsverfahren braucht Biden im 100-köpfigen Senat 60 Stimmen. Zehn Republikaner müssten dem Plan also zustimmen. Das kann er allerdings umgehen, wenn er den Plan in das Haushaltsgesetz integriert. Dann reichen die 50 Senatoren der Demokraten und Vize-Präsidentin Kamala Harris käme dann die entscheidende 101. Stimme zu.

Biden hofft allerdings, dass er nicht zu diesem Mittel greifen muss und verweist auf die Rivalität mit China: „Viele Autokraten in der Welt denken, dass sie gewinnen werden, dass Demokratien keinen Konsens mehr erreichen können. Das ist es, worum es bei der Konkurrenz zwischen Amerika und China und dem Rest der Welt geht. Es ist eine grundlegende Frage: Können Demokratien noch etwas für ihr Volk leisten? Können sie eine Mehrheit finden?“ [1] Dass genügend Republikaner diesen Appell erhören, ist allerdings nicht sicher. Daher ist es gut, dass Biden noch eine Alternative hat. mic

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[1] White House, 31.03.2021: Remarks by President Biden on the American Jobs Plan

[2] WRI, 01.04.2021: Does Biden’s American Jobs Plan Stack Up On Climate and Jobs?

[3] Alexandria Ocasio-Cortez, 31.03.2021: Tweet

[4] Rabobank, 01.04.2021: American Jobs Plan (PDF)

[5] NYT, 02.04.2021: Biden’s Big Bet: Tackling Climate Change Will Create Jobs, Not Kill Them

[6]

Kommt Kambodschas korrupte Elite vor Gericht?

Der Internationale Strafgerichtshof entscheidet bald über einen Fall von massenhaften Landraub

Die Vertreibung von Menschen, um sich ihr Land anzueignen, ist zwar ein Menschenrechtsvergehen aber noch kein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Was aber wenn das systematisch in mehreren hunderttausend Fällen passiert? Das muss nun der Internationale Strafgerichtshof entscheiden.

Seit sechs Jahren liegt beim Internationalen Strafgerichtshof ICC in Den Haag eine Beschwerde gegen Kambodscha. Doch nun könnte Bewegung in den Fall kommen. Die Chefanklägerin Fatou Bensouda hat in einer Rede im Februar versprochen, endlich zu entscheiden, ob eine formelle Untersuchung eingeleitet werden soll. [1] Die Größenordnung des Falls ist beachtlich. Seit der Gründung des Gerichts im Jahr 2002 wurden 830.000 Menschen von ihrem Land vertrieben, das anschließend an wohlhabende Geschäftsleute verpachtet wird. [2] Das sind rund fünf Prozent der kambodschanischen Bevölkerung. Besonders betroffen sind ethnische Minderheiten, die oft in bewaldeten Gebieten leben. Dadurch ging in den letzten 20 Jahren rund ein Drittel des tropischen Regenwalds in Kambodscha verloren, wie Daten der Umweltorganisation Global Forest Watch zeigen. [3]

Bruder Baum. Diese kambodschanischen Mönche weihen einen Baum zum Mönch, um ihn zu schützen. Kein gläubiger Buddhist würde diesen Baum jetzt noch fällen. (Foto: Chantal Elkin / ARC / Flickr)

Dass die Eröffnung einer formellen Untersuchung so lange gedauert hat, liege einerseits an einem Mangel an ICC-Ressourcen, sagt der Anwalt Richard Rogers. Rogers ist der Chef von Climate Counsel, einer Anwaltskanzlei die auf Umweltverbrechen spezialisiert ist, und hat im Jahr 2014 zusammen mit weiteren Organisationen die ursprüngliche Beschwerde eingelegt. [4] Andererseits liege es aber auch an den Eigenschaften des kambodschanischen Falls. „Die Menschenrechte wurden über viele Jahre verletzt. Wenn man die Fälle kumuliert betrachtet, kommen sie einem Verbrechen gegen die Menschlichkeit gleich. Das ist die Schwelle der Schwere des ICC. Das ist unterschiedlich von einem traditionellen Kriegsverbrechen wie einem Massaker.”

Der ICC hat im Jahr 2016 eine Strategie zur Priorisierung von Fällen veröffentlicht. Diese sieht vor, dass Verbrechen Vorrang eingeräumt wird, die massive Umweltschäden zur Folge haben. Noch hat das Gericht aber für keinen einzigen derartigen Fall eine formelle Untersuchung eingeleitet. Der kambodschanische Fall bietet Chefanklägerin Bensouda daher die Gelegenheit ihre eigene Strategie umzusetzen und einen Präzedenzfall zu schaffen. Aus Sicht von Rogers hätte die Eröffnung einer Untersuchung aber noch weitere Vorteile: Zum einen handle es sich um ein Verbrechen, mit einer „riesigen Zahl an Opfern“ und zum anderen hätte es einen präventiven Effekt: „Das würde potentiellen Tätern auf der ganzen Welt eine wesentliche Botschaft senden: Die Verbrechen im Zusammenhang mit Landraub können in den extremsten Fällen ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellen.“

Rogers hofft dies würde insbesondere das Verhalten von Investoren aus westlichen Ländern beeinflussen. „Es ist ein Unterschied, ob ein Land wegen Menschenrechtsvergehen beschuldigt wird oder ob die Gefahr besteht, dass man zum Komplizen bei einem Verbrechen gegen die Menschlichkeit wird.“ Außerdem sieht Rogers einen Vorteil fürs Klima: „Die Situation in Kambodscha bietet dem Gericht die Gelegenheit sich der größten Gefahr für die Menschheit anzunehmen – der Klima- und Umweltnotstand. Wenn man illegalen Landraub bremst, hilft man beim Schutz der Umwelt und beim Kampf gegen den Klimawandel.“ Jetzt muss nur noch das Gericht mitziehen. mic

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[1] Richard Rogers et al., 16.03.2021: Open Letter: Supporting the Cambodian Land Grabbing Case (PDF)

[2] FIDH, 22.07.2015: Cambodia: 60,000 new victims of government land grabbing policy since January 2014

[3] Global Forest Watch, Stand 02.04.2021: Cambodia

[4] Climate Counsel, Stand .2.4.2021: About

Mit dem Default-Effekt Emissionen vermeiden

Psychologisches Phänomen könnte beim Klimaschutz helfen

Die meisten Menschen wollen das Klima und die Umwelt schützen, tun aber wenig dafür. Das lässt sich leicht ändern: Wenn man die „grüne“ Variante eines Produkts zum Standard macht, bleiben die allermisten Menschen dabei.

Deutschland könnte die CO2-Emissionen um 45 Millionen Tonnen pro Jahr reduzieren und gleichzeitig die Wohlfahrt steigern. Noch dazu ließe sich das quasi sofort erreichen und würde den Staat nichts kosten. Das legen Erkenntnisse von zwei großen Feldversuchen in der Schweiz nahe, die soeben im Wissenschaftsmagazin Nature Human Behaviour veröffentlicht wurden. [1] Der Grund für diese verblüffende Möglichkeit des Klimaschutzes ist der „Default-Effekt“.

Doch der Reihe nach. Zwei Schweizer Stromversorger haben ihr Standardprodukt („Default“) umgestellt: von einer Mischung aus Kohle-, Atom- und Grünstrom auf 100 Prozent Grünstrom. Damit war eine Preiserhöhung verbunden von 3,6 bis 8,3 Prozent für private Haushalte und von 5,8 bis 14,3 Prozent für Geschäftskunden. Gleichzeitig wurden die Kunden darüber informiert, dass sie die Möglichkeit haben zu Mischstrom und zum alten Tarif zurückzuwechseln. Doch das haben nur sehr wenig getan: Über 80 Prozent der Kunden blieben beim neuen, teureren Standardprodukt.

Fans. Der Status Quo hat viele Anhänger. (Bild: Barry Blitt / New Yorker)

Fans. Der Status Quo hat viele Anhänger. (Bild: Barry Blitt / New Yorker)

„Das hat uns überrascht“, sagt Jennifer Gewinner von der ETH Zürich und eine Mitautorin der Studie, denn zuvor hatten weniger als drei Prozent der Stromkunden freiwillig das 100-Prozent-Grünstrom gewählt. Mittlerweile liegen für den einen Stromanbieter die Kundendaten von drei Jahren und für den anderen von sechs Jahren vor. Darin zeigt sich, dass der Effekt auch auf Dauer existiert. Der Effekt zeigt sich auch bei Neukunden. Auch diese wählen zu über vier Fünfteln das teurere Standardprodukt. Selbst Haushalte oder Betriebe mit sehr hohem Stromverbrauch wechseln meist nicht zum billigeren Stromtarif.

Der Default-Effekt beziehe seine Kraft aus „verschiedenen psychologischen Phänomenen“, sagt Gewinner. Da ist etwa der „Status-Quo-Bias“ auch „Tendenz zum Status quo“ genannt. Menschen ziehen es vor, beim Bestehenden zu bleiben als etwas zu ändern. Das Standardprodukt werde außerdem „als das empfohlene Produkt verstanden, als die sichere Wahl“ so Gewinner. Sich dagegen zu entscheiden sei daher mit Rechercheaufwand und einem gefühlten Risiko verbunden. Nur wer meint, wirklich kompetent zu sein, wird sich gegen das empfohlene Produkt eines Anbieters entscheiden.

Eine Umstellung des Standardprodukts ist außerdem populär. Das zeigt eine Schweizer Umfrage, die unabhängig von dieser Studie gemacht wurde. Darin wurden Menschen gefragt, ob es eine Vorschrift geben sollte, die Stromanbieter dazu verpflichtet, Grünstrom als Standardprodukt anzubieten. 76 Prozent der Befragten unterstützen eine solche Vorschrift. Gewinner hofft daher, dass bei der Förderung von Ökostrom der Default-Effekt in Zukunft als „Politikinstrument“ eingesetzt wird. „Das Tolle ist, dass man das sofort machen kann und nicht warten muss, bis die Menschen ihre Einstellungen ändern.“

Weil in der Schweiz CO2-freier Strom aus Wasser- und Atomkraftwerken den Strommix dominiert, war der Klimaeffekt der Umstellung relativ klein. In Deutschland sähe das allerdings anders aus, wie die Studie zeigt. Wenn dort für Haushalte Grünstrom zum Standardprodukt würde und wie in der Schweiz 80 Prozent der Kunden dabei bleiben, ließe sich die Emission von 45 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr vermeiden. Das würde sich auch lohnen: Angenommen die Kilowattstunde (kWh) kostet dadurch einen Cent mehr und CO2 verursacht externe Kosten von 50 Euro pro Tonne, dann bleibt ein positiver Wohlfahrtseffekt. Deutschland ginge es pro Jahr um 1,2 Milliarden Euro besser. mic

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[1] Nature, 11.03.2021: Large and persistent effects of green energy defaults in the household and business sectors

„Deutschland muss eine Senkenstrategie entwickeln“

Oliver Geden erklärt im Interview, woran es der europäischen und deutschen Klimastrategie mangelt

Dr. Oliver Geden (49) ist Sozialwissenschaftler und Senior Fellow bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. [1] Geden ist außerdem Leitautor für den sechsten Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC.

Heute demonstrieren die Jugendlichen von Fridays for Future unter dem Motto „No more empty promises“ (Keine leeren Versprechen mehr). Haben die Jugendlichen Recht, und die Klimaziele von Firmen und Ländern sind leere Versprechen?

Oliver Geden: Die meisten Klimaversprechen sind zumindest zu vage. Das gilt insbesondere für die „Netto-Null-Ziele“. „Netto-Null“ bedeutet ja zweierlei: Einerseits gibt es noch Restemissionen und andererseits werden diese kompensiert, indem man der Atmosphäre CO2 entnimmt und in Senken speichert. Das brauchen wir etwa für die Prozessemissionen aus der Zementherstellung und für einen Teil der Emissionen aus der Landwirtschaft. Wie hoch die Restemissionen und damit die CO2-Entnahme sind, ist allerdings meist unklar. Das Gleiche gilt für die Art von Senken. Die EU, und damit auch Deutschland, muss eine Senkenstrategie entwickeln.

Gibt es noch weitere Gründe warum wir der Atmosphäre CO2 entnehmen müssen?

Ja, das Risikomanagement. Um unerwartet große Rückkopplungen im Erdsystem abfangen oder auf geopolitische Krisen reagieren zu können, wären größere Kapazitäten zur CO2-Entnahme hilfreich, quasi als Versicherung.

Warum wird die CO2-Entnahme bislang kaum diskutiert?

Dafür gibt es mehrere Gründe. Da sind etwa die CO2-Kompensationen durch Offset-Zertifikate. Wir haben Unternehmen, die sagen wir sind heute schon netto-null oder spätestens übermorgen, die aber an ihrem Geschäftsmodell wenig ändern und sich einfach Offsets dazu kaufen. Wir erleben gerade eine Welle, wo das wieder passiert.

Dann gibt es die Befürchtung, dass sich die Haltung durchsetzt: Lasst uns einfach eine Großinfrastruktur für CCS (Carbon Capture and Storage, also das Abscheiden und Verpressen von CO2 im Untergrund) aufbauen und ansonsten machen wir weiter wie bisher. Wir dekarbonisieren lange nicht so stark, wie wir könnten und gehen damit jede Menge anderer Probleme nicht an.

Und schließlich hat man früher in klimaökonomischen Modellen negative Emissionen zur ökonomischen Optimierung genutzt. Wenn man annimmt, dass es irgendwann in der zweiten Jahrhunderthälfte möglich wäre, der Atmosphäre riesige Mengen CO2 zu entziehen, dann könnte man das der Welt verbleibende CO2-Budget erstmal überziehen, und die nötige Transformation hinausschieben. Die Modellierer haben gelernt, dass man diesen Mechanismus einschränken muss, weil die Uhr aus Sicht der Politik sonst immer auf „fünf vor zwölf“ stehen bleibt.

Von wieviel CO2 reden wir, das in Senken gebunden werden muss?

Die kürzlich veröffentlichte Studie „Klimaneutrales Deutschland“ von Prognos, Öko-Institut und Wuppertal-Institut geht davon aus, dass sich die Ziele bis 2050 nur erreichen lassen, wenn fünf Prozent der Emissionen des Jahres 1990 durch Senken kompensiert werden. [2] Das wären 62,5 Millionen Tonnen pro Jahr. Vor allem durch Aufforstung werden aktuell in Deutschland 15 bis 20 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr gebunden. Da klafft also eine erhebliche Lücke. Außerdem nimmt die Senkenwirkung der Wälder ab, nicht zuletzt wegen Klimaeffekten.

Gibt es bei der CO2-Entnahme „no regret“ Maßnahmen, also Maßnahmen mit Zusatznutzen, die man sicher nicht bereuen wird?

Alles was mit der Wiederherstellung von Ökosystemen zu tun hat, fällt in diese Kategorie, weil man einen Zusatznutzen für die Artenvielfalt hat. Dazu gehört etwa die Renaturierung von Mooren. Das führt zwar kurzfristig zu mehr Methanemissionen aber langfristig wird viel CO2 gebunden.

Was ist mit der Landwirtschaft? Diese verursacht schließlich einen Teil der Restemissionen.

Das Stichwort heißt hier „Carbon Farming“. Dabei geht es um die Bindung von CO2 in den Böden durch neue landwirtschaftliche Methoden. Davon gibt es mehrere. Man kann zum Beispiel Biokohle produzieren und in Böden einarbeiten… Das hat den Zusatznutzen, das die Bodenqualität verbessert wird.

Interessant ist auch die beschleunigte Verwitterung von Gestein, ein natürlicher Prozess, bei dem CO2 über sehr lange Zeiträume gebunden wird. Man kann das Gestein kleinmahlen und dann auch auf den Feldern ausbringen. Das macht die Ökolandwirtschaft mit Basalt bereits. Bei solchen Methoden fehlt es aber noch an Forschung, das sind bislang nur theoretische Potentiale.

Aktuell wird in der EU die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) für die nächsten sieben Jahre diskutiert. Werden dort Anreize gesetzt für den Hochlauf des Carbon Farmings?

Die EU-Kommission ist sehr daran interessiert, diesen Ansatz zu nutzen, um die Emissionen des Agrarsektors zu senken und auch alternative Finanzquellen für Landwirte zu erschließen. Vieles wird letztlich von den Mitgliedstaaten abhängen. Vorher muss die Kommission aber erst einmal die Grundvoraussetzungen schaffen und bis 2023 ein System zur Zertifizierung geeigneter Verfahren erarbeiten. Bei landbasierten Methoden ist es nicht ganz leicht zu ermitteln, wieviel CO2 tatsächlich dauerhaft gespeichert bleibt

Kommen wir zu CCS. Damit lassen sich einerseits Emissionen vermeiden, indem man etwa das CO2 aus der Zementproduktion tief unter der Oberfläche verpresst. Man kann mit CCS aber auch negative Emissionen erzielen. Wenn man Biogas oder Holz in einem Kraftwerk verbrennt und dann das CO2 speichert, hat man der Atmosphäre netto CO2 entzogen (BECCS von Bioenergie plus CCS). Oder man kann CO2 direkt aus der Luft filtern und dann verpressen (DACCS Direct Air Capture plus CCS). Werden wir diese Methoden in Deutschland brauchen?

Ich denke schon, auch die erwähnte Studie „Klimaneutrales Deutschland“ geht davon fest aus, schon weil das CO2 langfristig gespeichert bleibt.  Damit ist aber noch nicht gesagt, wieviel CO2 es sein wird, und wo genau es gespeichert wird.

In Deutschland gibt es dafür aber keine gesellschaftliche Akzeptanz. Der Begriff „CCS“ ist toxisch. Wie muss sich die öffentliche Diskussion entwickeln, damit CCS akzeptiert wird?

Dazu gehören mehrere Elemente. Die Bevölkerung muss sich sicher sein, dass es wirklich nicht mehr um die Verlängerung der Kohleverstromung geht, sondern um Emissionen bei denen es nicht anders geht und die Speicherung in Wäldern oder Böden nicht ausreicht. Für die Akzeptanz in Deutschland wird es eine große Rolle spielen, wie Klimaschutzvorreiter innerhalb der EU mit dem Thema umgehen. Schweden hat ja ein Netto-Null-Ziel für 2045, Finnland für 2035. Danach wollen beide sogar unter null, dort stellt sich die Frage also noch dringender. In Stockholm setzt der städtische Versorger Biokohle in der Fernwärme ein [3] und hat für ein Biomasse-betriebenes Blockheizkraftwerk eine BECCS-Versuchsanlage eröffnet [4]. Das Kraftwerk wird zum Großteil mit Holzabfällen betrieben, also mit Reststoffen, nicht mit Energiepflanzen.

Uns stehen also noch viele kontroverse Diskussionen bevor.

So ist es. Das Gute am „Netto-Null“-Ziel ist, dass dadurch viele Fragen auf den Tisch kommen. Wie hoch sollen die Restemissionen sein, und damit die CO-Entnahme? Welche Art von Senken wollen wir? Wie regulieren wir das, damit der klassische Klimaschutz nicht zu kurz kommt? Und dann ist da noch der innereuropäische Ausgleich: In der EU wird nicht jedes Land im Jahr 2050 auf netto-null sein und das wird politisch sehr heikel. Wer muss 2050 schon unter null sein, um die Emissionen anderer zu kompensieren? Da geht es nicht nur um Polen sondern zum Beispiel auch um Irland. Dort kommt ein Drittel der Emissionen aus der Landwirtschaft, und Emissionen wie Methan und Lachgas machen in vielen Modellen die Hälfte der Restemissionen aus. Da wird es in Deutschland sicher Debatten geben,  ob man durch gesteigerte CO2-Entnahme nicht letztlich ein „Weiter so“ in der irischen Landwirtschaft befördert.

Wenn man sich Emissionspfade anschaut, dann hat man schnell den Eindruck, diese Fragen stellen sich erst kurz vor 2050. Dieser Eindruck ist allerdings falsch. Wir müssen jetzt anfangen, uns mit diesen Fragen zu beschäftigen, um die CO2-Entnahme dann tatsächlich noch vor 2050 hochskalieren zu können.

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[1] SWP, Stand 19.03.2021: Oliver Geden

[2] Agora et al., Oktober 2020: Klimaneutrales Deutschland

[3] Bioenergy International, 16.06.2020: Stockholm Exergi sets target to be “climate-positive” by 2025

[4] Bioenergy International, 10.12.2019: Sweden’s first bioenergy carbon capture and storage pilot inaugurated

Reeder fordern Abgabe auf Schiffsdiesel

Einnahmen sollen in Forschung für CO2-freie Treibstoffe investiert werden

Es passiert selten, dass eine Industrie nach einer neuen Abgabe ruft. Doch genau das tut die Schifffahrt. Ob es dabei wirklich um die Forschungsförderung geht, ist allerdings nicht sicher. Vielleicht ist es auch ein Ablenkungsmanöver.

Neun Verbände der Schifffahrtsindustrie fordern eine Abgabe von zwei Dollar pro Tonne auf Schiffsdiesel. [1] Diese Abgabe soll von der Internationale Seeschifffahrts-Organisation IMO bei der nächsten Konferenz im Juni diskutiert und schon im November beschlossen werden. Die Einnahmen aus der Abgabe, rund fünf Milliarden Dollar in zehn Jahren, sollen in die Erforschung von CO2-freien Alternativen zu Schiffsdiesel investiert werden. Neun Länder unterstützen die „Moonshot“ Initiative der Industrieverbände: Georgien, Griechenland, Japan, Malta, Nigeria, Liberia, Palau, Singapur und die Schweiz. Die anderen Staaten werden aufgefordert „auf der richtigen Seite der Geschichte“ zu stehen und die Initiative ebenfalls zu unterstützen. [1] Ohne das sei „es nahezu unmöglich, dass ab 2030 emissionsfreie Hochseeschiffe in der erforderlichen Größenordnung eingesetzt werden“.

Zurück in die Zukunft. Manche Firmen wie Fairtransport oder die Blue Schooner Company betreiben wieder Frachtsegler. (Foto: Fairtransport)

Faig Abbasov von der Umweltorganisation Transport & Environment (T & E) sieht im Vorstoß der Schifffahrtsindustrie allerdings ein Ablenkungsmanöver, denn aktuell wird in der EU der Einbezug der Schifffahrt in das europäische Emissionshandelssystem (EU ETS) diskutiert. „Jedes Mal wenn wir Maßnahmen zur Reduktion der Emissionen in der IMO oder der EU diskutieren, sagt die Industrie, dass wir auf die Ergebnisse der Forschung warten sollen.“ Dabei habe schon viel Forschung und Entwicklung stattgefunden. „Der wichtigste Schritt ist jetzt der Einsatz“ grüner Technologien in der Schifffahrt. Und genau dabei könnte ein Einbezug der Schifffahrt ins EU ETS hilfreich sein. Die Abgabe von zwei Dollar pro Tonne Schiffsdiesel entspricht einem CO2-Preis von 60 Cents pro Tonne CO2. Im EU ETS hingegen kostet eine Tonne CO2 derzeit über 40 Euro, knapp 70-mal mehr. Ein Einbezug der Schifffahrt wäre folglich ein starker Anreiz für die Industrie neue Technologien einzusetzen.

Die internationale Schifffahrt verursacht rund drei Prozent der globalen CO2 Emissionen. Im Rahmen der IMO haben sich die Länder dazu verpflichtet die Emissionen bis 2050 zu halbieren. Der Industrie ist allerdings klar, dass dieses Ziel zu schwach ist und geht davon aus, dass auch in ihrem Sektor die Emissionen bis 2050 auf Null sinken müssen. Dazu gibt es zwei Ansätze: den Einsatz von Biosprit etwa aus Rapsöl oder synthetischen Kraftstoffen oder der Einsatz von Wasserstoff in Form von Ammoniak (NH3). Maersk, die weltgrößte Containerschiff-Reederei setzt aktuell auf ersteres: Sie will im Jahr 2023 das erste Schiff mit Methanol als Kraftstoff betreiben – sieben Jahr früher als ursprünglich geplant. Maersk-Chef Søren Skou sagte, dies erfolge nicht zuletzt auf Druck von Kunden: „Unsere Kunden erwarten, dass wir ihnen dabei helfen ihre Lieferketten zu dekarbonisieren.“ [2]

Aus Sicht von T & E sollte die Schifffahrt allerdings auf Wasserstoff setzen. „Im Gegensatz zu modernem Biosprit kann die Produktion von grünem Wasserstoff und Ammoniak skaliert werden, um den Bedarf der globalen Industrie zu decken“,  sagt Abbasov. [3] Das Global Maritime Forum, ein Zusammenschluss von Schifffahrts- und Umweltverbänden, hat auch schon durchgerechnet, welche Investitionen dafür erforderlich sind: Damit die Schifffahrt bis 2050 CO2-frei ist, müssen pro Jahr zwischen 70 und 95 Milliarden Dollar investiert werden. [4] Doch damit diese Investitionen tatsächlich getätigt werden, braucht es Nachfrage für Wasserstoff. „Damit wären wir wieder bei Regulierungen, die die Nachfrage erzeugen“, sagt Abbasov, und genau das vermöge die Forschungsabgabe nicht zu leisten. mic

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[1] ICS, 10.03.2021: Industry backs United Nations $5 billion ‘moon-shot’ programme to decarbonise shipping

[2] Maersk, 17.02.2021: A.P. Moller – Maersk will operate the world’s first carbon neutral liner vessel by 2023 – seven years ahead of schedule

[3] T & E, 03.03.2021: Future of shipping fuel is green hydrogen and ammonia, industry groups tell EU

[4] Global Maritime Forum, 20.01.2020: The scale of investment needed to decarbonize international shipping

Die fünf größten Ölmultis desinvestieren aus sich selbst

In den letzten zehn Jahren haben sie sich um 236 Milliarden Dollar geschrumpft

Die größten privaten Öl- und Gaskonzerne verkaufen lieber Beteiligungen und machen Schulden, als die Dividende zu senken. Auf den ersten Blick erscheinen sie so als hochprofitabel, aber auf den zweiten verkaufen sie einfach das Tafelsilber.

Die Divestment Bewegung fordert von institutionellen Anlegern, dass diese ihre Beteiligungen an Firmen abstoßen, die ihr Geld mit Kohle, Öl oder Gas verdienen. Dadurch sollen die Kapitalkosten für diese Firmen nach oben getrieben werden. Aktuell haben mehr als 1300 Großanleger versprochen ihr Geld aus der Fossilindustrie zu desinvestieren. Diese Anleger verwalten 14,5 Billionen Dollar. [1] Damit rückt ein „sozialer Kipppunkt“ in Greifweite, denn die 500 größten Anleger der Welt verwalteten vorletztes Jahr „nur“ rund 100 Billionen. [2] Ilona Otto, die an der Universität Graz solche Kippunkte erforscht, sagt: „Simulationen zeigen, dass wenn etwa neun Prozent der Investoren desinvestieren, dann folgen die anderen, weil sie Angst haben zurückgelassen zu werden und Geld zu verlieren.“ [3]

Hank Pym’ed. Für die Oilmajors ist das fantastische Serum eine Mischung aus Dividenden und Aktienrückkäufen. (Bild: Marvel Comics)

Erstaunlicherweise gehören die fünf größten Ölmultis allerdings selbst zu den größten Desinvestoren. Das zeigt eine aktuelle Studie des US-Thinktanks IEEFA. [4] Dieser hat untersucht, wieviel Geld der Verkauf von Öl und Gas in die Kassen spült und wieviel Geld die Ölmultis an ihre Aktionäre in Form von Dividenden und Aktienrückkäufe zurückgeben. Dabei zeigt sich, dass die Ölmultis seit Jahren aus sich selbst investieren. Oder genauer: Der „Free Cash Flow“ (Gewinn plus Abschreibungen minus Investitionen) ist kleiner als die Ausschüttungen an die Aktionäre. Dabei geht es um große Summen: ExxonMobil hat letztes Jahr knapp 18 Milliarden Dollar mehr an die Anteilseigner verteilt als eingenommen. Ähnlich sieht es bei drei weiteren Energiemultis aus: Chevron (weit mehr als 9 Milliarden), BP (gut 7 Milliarden) und Total (knapp 3 Milliarden). Einzig Shell hat sich nicht selbst geschrumpft sondern 8 Milliarden einbehalten.

Dafür können die Firmen noch nicht mal die Coronakrise verantwortlich machen. Diese hat zwar den Ölpreis von knapp 70 Dollar pro Barrel (159 Liter) auf gut 20 Dollar einbrechen lassen, aber die Praxis, mehr an die Aktionäre auszuschütten als einzunehmen, gab es schon zuvor: In acht der letzten zehn Jahre haben die großen Ölmultis aus sich desinvestiert – insgesamt 236 Milliarden Dollar (siehe Grafik). Absoluter Spitzenreiter war erneut ExxonMobil mit 87 Milliarden und am sparsamsten war erneut Shell mit einer Desinvestition von gut 9 Milliarden über zehn Jahre.

Zufall? Die fünf “Supermajors” geben systematisch Geld an ihr Aktionäre zurück, statt es zu investieren. (Grafik: IEEFA)

Finanziert wird diese Großzügigkeit gegenüber den eigenen Aktionären durch den Verkauf von Beteiligungen und durch neue Schulden. Einer der Studienautoren, Clark Williams-Derry, sagt dazu: „Großzügige Dividenden und Aktienrückkäufe geben den größten privaten Öl- und Gasfirmen der Welt den Anschein von erstklassiger finanzieller Performance. Doch eine genauere Untersuchung zeigt eine zugrundeliegende Schwäche.“ [5] Vielleicht ist es aber auch ganz anders. Vielleicht haben die Ölmultis eingesehen, dass sich ihre Zeit dem Ende zuneigt, und verkaufen sich daher nach und nach selbst – an Investoren und Kreditgeber, die noch nicht zu dieser Erkenntnis gekommen sind. mic

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[1] GoFossilFree, Stand 11.03.2021: Übersicht der Selbstverpflichtungen

[2] GlobalNewswire, 19.10.2020: Global asset manager AuM tops $100 trillion for the first time

[3] Phys Org, 02.03.2021: Social tipping points: slouching toward climate salvation

[4] IEEFA, 04.03.2021: Running on Fumes: Oil and Gas Supermajor Cash Woes Worsened in 2020 (PDF)

[5] IEEFA, 04.03.2021: Oil supermajors made $20.5 billion in 2020 but spent $49.9 billion to please investors

Die zwei Welten der Atomenergie

Rückgang in den Industriestaaten und Zubau in China, Indien und Russland

In den nächsten 20 Jahren werden deutlich mehr Kernkraftwerke vom Netz gehen als neue hinzukommen. Einzig China, Indien und Russland investieren noch in großem Stil in diese Technik. Eine Wende könnten kleine, modulare Kraftwerke bringen, die allerdings erst auf dem Papier existieren.

Atomenergie ist die zweitwichtigste Quelle von CO2-freiem Strom nach großen Wasserkraftwerken. [1] Die 441 Atomkraftwerke der Welt produzierten im Jahr 2018 rund zehn Prozent des Stroms und damit mehr als alle Wind-, Solar- und sonstigen erneuerbaren Kraftwerke der Welt. Die Internationale Energieagentur (IEA) schätzt, dass in den vergangenen 50 Jahren dank Atomstrom die Emission von 55 Milliarden Tonnen CO2 vermieden werden konnte. Das entspricht den globalen Emissionen von etwas mehr als einem Jahr. Die meisten Reaktoren stehen in den USA (94), Frankreich (56), China (49), Russland (38), Japan (33), Südkorea (24), Indien(23) und Kanada (19). [2] Diese Kraftwerke wurden allerdings nicht gleichzeitig gebaut. In den USA und der EU sind über 80 Prozent der Kohlemeiler über 30 Jahre alt und erreichen damit bald das Ende ihrer geplanten Nutzungsdauer. In China ist es genau umgekehrt: Dort sind 80 Prozent der Atomkraftwerke noch keine zehn Jahre alt. [1]

Erinnerungskultur. Mit dieser Aktion erinnerten die Grünen im Europaparlament an den dritten Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Fukushima. (Foto: greensefa)

Insbesondere für die EU erwartet die IEA denn auch einen massiven Rückgang der Produktion von Atomstrom um knapp zwei Drittel in den nächsten zehn Jahren. In den USA und in den anderen Industriestaaten erfolgt dieser Rückgang bis 2040. In keinem dieser Länder lohnt sich allerdings der Bau neuer Atomkraftwerke. Wind und Sonne sind überall billiger. [1] Die Ausnahme ist Japan, wo der erneuerbarer Strom noch immer sehr teuer ist. In den Industriestaaten sind denn auch wenige Kraftwerke im Bau: Nur 8 der 53 im Bau befindlichen Kraftwerke sind in der EU, den USA oder in Japan. [2] Was sich allerdings lohnt, sind Investitionen in Maßnahmen, um die Nutzungsdauer der Atommeiler zu verlängern. So hat Frankreich soeben beschlossen, dass die ältesten Atomkraftwerke nicht nach 40 sondern erst nach 50 Jahren vom Netz gehen sollen.

In Zukunft wird sich die Nutzung von Atomenergie immer mehr auf drei Länder konzentrieren: China, Indien und Russland. In diesen Ländern findet sich knapp die Hälfte der Kraftwerke, die derzeit gebaut werden. Noch klarer ist das Bild bei Kraftwerken in Planung. Drei Viertel aller projektierten Anlagen entfallen auf diese drei Länder. [2] Der einzige de facto Industriestaat, der seine Flotte an Atomkraftwerken erweitert, ist Südkorea. Dort sind vier Kraftwerke im Bau. Das werden allerdings die letzten sein. Südkoreas Präsident Moon Jae-in hat angekündigt, dass das Land in den nächsten 45 Jahren aus der Atomenergie aussteigen wird. Noch ist Atomtechnik allerdings ein südkoreanischer Exportschlager. Der Energiekonzern Kepco errichtet derzeit ein Kraftwerk mit vier Blöcken in den Vereinigten Arabischen Emiraten, von denen einer bereit läuft. Neu zum Club der Länder mit Atomkraft werden außerdem Bangladesch und die Türkei stoßen, wo je zwei Kraftwerke im Bau sind. Geplant sind schließlich Kraftwerke in Ägypten und Usbekistan.

Herkömmliche Atomenergie hat außerhalb autoritär regierter Länder also kaum noch eine Zukunft. Das muss allerdings nicht für zwei andere Spielarten von Atomenergie gelten: Kleine, modulare Reaktoren (SMR) und die Kernfusion. SMR haben eine Kapazität von unter 10 bis 500 Megawatt und sind damit weniger als halb so groß wie ein herkömmliches Atomkraftwerk. Bislang existiert dieser Reaktortyp allerdings primär auf dem Papier: Nur in Russland sind zwei SMR mit 35 und 50 Megawatt am Netz. SMR haben allerdings einen sehr bekannten Fürsprecher: Bill Gates. Dieser propagiert etwa in seinem Buch „Wie wir die Klimakatastrophe verhindern“ den Bau von SMR und hat auch eine eigene Firma, TerraPower, die diese entwickelt. Aus Gates Sicht haben SMR zwei Vorteile gegenüber herkömmlichen Atomkraftwerken: „Die neue Generation löst die Wirtschaftlichkeit, die das große, große Problem war.“ Außerdem „revolutioniert sie die Sicherheit“. [4]

Und dann gibt es noch die Fans der Kernfusion, die hoffen mit dem gleichen Prozess wie in der Sonne auch auf der Erde Energie erzeugen zu können. Aktuell werden Milliarden in diese Technik investiert. In Frankreich baut die EU zusammen mit Partnerländer einen Prototypreaktor (ITER), der über 22 Milliarden Euro kosten soll. Mittlerweile gibt es aber auch mehr als 20 Startups in diesem Sektor, die meist von US-Milliardären wie Bill Gates oder Jeff Bezos finanziert werden. Mit einem baldigen Durchbruch wird allerdings nicht gerechnet. Der ITER Reaktor soll ab 2035 Energie produzieren. mic

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[1] IEA, Mai 2019: Nuclear Power in a Clean Energy System

[2] World Nuclear Association, Stand 05.03.2021: World Nuclear Power Reactors & Uranium Requirements

[3] Jakarta Post, 25.02.2021: France to extend lifetime of old nuclear power plants

[4] CNBC, 25.02.2021: Bill Gates: Nuclear power will ‘absolutely’ be politically acceptable again — it’s safer than oil, coal, natural gas

 

 

100 Millionen K-Pop Stans mobilisieren fürs Klima

Fans koreanischer Pop Bands sind bekannt für ihr soziales und politisches Engagement

Koreanische Popmusik ist der sechstgrösste Musikmarkt der Welt. Das liegt allerdings nicht primär an den Fans in Korea sondern an den vielen Fans im Ausland. Nun wollen K-Pop Fans ihre gut organisierten Fanclubs für den Kampf gegen die Klimakrise nutzen.

Sie sind viele und sie sind gut organisiert. Die Rede ist von den Fans koreanischer Popmusik, den „Stans“. Weltweit gibt es 1800 Fanclubs in 98 Ländern mit mehr als 100 Millionen Mitgliedern. [1] Und jetzt gibt es auch eine Aktion fürs Klima: Kpop4Planet. [8] Gestartet wurde die Aktion von der 21-jährigen Indonesierin Nurul Sarifah, ein Fan der Boyband EXO. „Stell dir vor 100 Millionen Fans machen bei der Klimaaktion mit. Das ist die mächtigste Stimme für Wandel“, sagte Narifah beim Launch der Plattform und erklärte auch, warum gerade K-Pop Fans das Klima retten sollen: „Der Klimawandel ist die Krise unserer Generation. Der Kampf für Klimagerechtigkeit ist der Kampf für unsere Zukunft.“ [1]

Influencer. Die Mitglieder von Blackpink sind mittlerweile UN-Botschafter für die kommende Klimakonferenz in Glasgow. (Video Blackpink [6])

Die Stans haben schon oft ihr hohes Maß an Organisation und ihre technischen Fähigkeiten unter Beweis gestellt. Nachdem die Boyband BTS letzten Sommer eine Million Dollar für die Black Lives Matter Bewegung in den USA gespendet hat, haben ihre Fans bekannt als „Army“ innert 25 Stunden eine weiter Million gespendet. [2] K-Pop Fans sind auch für Online Aktivismus bekannt. Das hat etwa die Polizei von Dallas erfahren. Diese publizierte letztes Jahr eine App, mit der man Demonstrationen filmen und die Bilder direkt an die Polizei schicken kann. Als Stans darauf stießen, fluteten sie die App mit Videos ihrer Idole bis die Polizeiserver kollabierten. [3] K-Pop Fans sind aber auch offline aktiv: In Indonesien, Korea und China haben K-Pop Fanclubs schon Wälder gepflanzt, um ihren Idolen eine Freude zum Geburtstag zu machen.

Hbd. Fans von Park ji-Min, “Jimin”, pflanzen in Indonesien Bäume zu seinem Geburtstag. (Foto: Kpop4Planet)

Die vielleicht spektakulärste Aktion von K-Pop Fans und den Nutzern der Videoplattform TikTok fand im US-Wahlkampf statt. Für eine Veranstaltung des damaligen US-Präsidenten Donald Trump in Tulsa konnte man online kostenlose Eintrittskarten reservieren. Der Chef von Trumps Wahlkampagne Brad Parscale twitterte kurz vor der Veranstaltung, dass über eine Million Eintrittskarten angefordert wurden. Das Stadion mit 19.000 Plätzen war dann aber noch nicht mal zur Hälfte gefüllt: Nur 6200 Menschen wollten wissen, was Trump zu sagen hat. Alle anderen Anmeldungen entfielen auf Stans und TikTok Nutzer, die dazu aufgerufen hatten, sich massenweise anzumelden, um dann nicht hinzugehen. Der bekannte Republikaner und Trump-Gegner Steve Schmidt twitterte daraufhin: „Die Teenager von Amerika haben gerade einen vernichtenden Schlag gegen Donald Trump gelandet.“ [3]

Zu dumm. Leider waren heute Abend eine Million Menschen kurzfristig verhindert und konnten daher – leider, leider – doch nicht kommen. (Tweet: @lilynotlily)

„Solche Kommandounternehmen von K-Pop Fans auf den Plattformen sozialer Medien werden wir in Zukunft öfter sehen“ glaubt Jay Song, die an der australischen Melbourne Universität Koreastudien lehrt. [4] „BTS-Fans haben sich schon immer ernsthaft mit politischen und sozioökonomischen Themen auseinandergesetzt, die von Jugendarbeitslosigkeit, psychischer Gesundheit, sozialer und wirtschaftlicher Ungleichheit und sexuellen Minderheiten reichen.“ Und nun also das Klima. Vorreiter waren hier die Mitglieder der Girlband Blackpink. Diese riefen ihre knapp 60 Millionen Fans, auch „Blinks“ genannt, über YouTube dazu auf, sich über das Klima zu informieren. [5] „Wir hatten einfach das Gefühl etwas sagen zu müssen“ sagt Jennie Kim. [6] Mittlerweile sind die Blackpink Mitglieder Botschafterinnen für die diesjährige UN-Klimakonferenz in Glasgow.

https://twitter.com/MBookworm02/status/1352806491514781696?s=20

Tag wars. Tags, die von rechten Gruppen benutzt werden wie #WhiteLivesMatter oder #ImpeachBidenNow werden von K-Pop Fans systematisch mit Bildern und Videos geflutet. (Tweet: @MBookworm02)

Aufrufe wie von Blackpink zeigen Wirkung: „Wir sorgen uns um die Umwelt. Wir lassen uns von unseren Vorbildern inspirieren, die uns gezeigt haben, dass ihnen die Gesellschaft am Herzen liegt“ sagt etwa Arendeelle, die nur einen Namen hat. [9] Die Indonesierin koordiniert in ihrem Land die Fans der Band Super Junior. Die Stans sind sich auch sehr bewusst, dass sie dank ihrer Zahl und ihres Organisationsgrads Wirkung haben. „K-Pop Fangemeinschaften tun tolle Sachen über Grenzen und Generationen hinweg“ sagte Nayeon Kim anlässlich des Launchs von Kpop4Climate. [1] Die Koreanerin ist Fan der Band NCT Dream und Klimaaktivistin. „Wenn K-Pop Fans das Klima ernst nehmen, können sie einen riesigen Unterschied machen.“ Oder um es mit Ray Mal einem Blackpink-Fan aus Malaysia zu sagen: „Die Erde braucht uns Blinks.“ [7] mic

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[1] Kpop4Planet, 03.03.2021: Kpop4Planet, the first K-pop fan driven climate action platform, launched on March 3, World Wildlife day (PDF)

[2] Reuters, 14.07.2020: How the South Korean band’s fanbase – known as ARMY – raised over $1 million for the Black Lives Matter movement, mostly in just one day

[3] NYT, 21.06.2020: TikTok Teens and K-Pop Stans Say They Sank Trump Rally

[4] Guardian, 24.06.2020: How US K-pop fans became a political force to be reckoned with

[5] Blackpink, 09.12.2020: Calling all Blinks> Climate action in your area (Video)

[6] Blackpink, 26.02.2021: Calling all Blinks> Climate action in your area (Video)

[7] Kommentar zu [6]

[8] Kpop4Planet, Stand 04.03.2021: Website

[9] Reuters, 03.03.2021: K-pop for the planet: Fans of South Korean stars take up climate activism

Banken pumpen immer mehr Geld in Kohleindustrie

Institute aus China, den USA und Japan liegen weit vorne

Viele Banken und Versicherungen haben mittlerweile interne Kohlerichtlinien, um ihre Risiken zu begrenzen. Doch diese Regeln verhindern nicht, dass trotzdem noch Milliarden in die Kohleindustrie fließen wie die Beispiele Commerzbank und Allianz zeigen.

Seit der Verabschiedung des Pariser Klimaabkommens haben die Banken dieser Welt zuverlässig jedes Jahr mehr Geld in die Kohleindustrie gepumpt. Das zeigt eine Auswertung internationaler Umweltorganisationen wie urgewald. [1] Die Analyse beruht auf einer Datenbank mit knapp 1000 Firmen aus dem Kohlesektor in aller Welt. Diese brauchen für ihre Aktivitäten Geld. Dieses bekommen sie entweder als Kredit von einer Bank oder sie verkaufen Aktien und Anleihen an Investoren. Bei letzterem sind ebenfalls Banken als „Underwriter“ beteiligt. Addiert man Kredite und die Summen aus dem Underwriting-Geschäft auf, ist der Trend klar: Die 665 untersuchten Banken haben von 491 Milliarden (2016) über 498 Milliarden (2017), 520 Milliarden (2018) und 543 Milliarden (2019) den Kohlefirmen jedes Jahr zu mehr Kapital verholfen. „Die Ergebnisse unserer Finanzrecherche sind erschreckend“, sagt Katrin Ganswindt von urgewald. „Die Pariser Klimaziele erfordern einen schnellen Ausstieg aus der Kohle, aber sehr viele Banken und Investoren marschieren immer noch in die entgegengesetzte Richtung.“

Nicht ganz blöd. Dien Banken fahren ihr Kreditgeschäft mit der Kohleindustrie zurück, aber finden immer noch genug Deppen, die deren Aktien und Anleihen kaufen. (Grafik: urgewald)

Nicht ganz blöd. Dien Banken fahren ihr Kreditgeschäft mit der Kohleindustrie zurück, aber finden immer noch genug Deppen, die deren Aktien und Anleihen kaufen. (Grafik: urgewald)

Beim Underwriting-Geschäft dominieren chinesische Banken, die in diesem Segment die ersten zehn Plätze belegen. Dann kommen drei Banken aus den USA und zwei aus Japan. Beim Kreditgeschäft haben liegen hingegen japanische Institute vorn, die dort ersten drei Plätze belegen. Anschließend sind insbesondere US-Banken auffallend stark vertreten. Es finden sich aber auch europäische Banken auf der Liste: Barclays (Platz 5), BNP Paribas (Platz 9) oder die Commerzbank (Platz 13). Dabei hat die Commerzbank eigentlich eine interne Kohlerichtlinie. Doch diese habe zu viele Schlupflöcher sagt Ganswindt: „Die Commerzbank hat 2016 eine aus heutiger Sicht sehr schwache Kohlerichtlinie verabschiedet, die insbesondere noch viele Geschäfte mit dem Kohlebergbausektor zulässt.“ Damit ist die Commerzbank allerdings nicht allein. Die Umweltorganisation Reclaim Finance hat die Kohlerichtlinien von 88 Banken untersucht und nur vier haben „robuste“ Regeln eingeführt.

Nichts gelernt. Offensichtlich sind Finanzmarktakteure immer noch nicht rational. (Foto: Brookings Institute / flickr)

“I made a mistake in presuming that the self-interests of organizations, specifically banks and others, were such as that they were best capable of protecting their own shareholders and their equity in the firms. (…) The whole intellectual edifice however collapsed in the summer of last year.” Alan Greenspan, früherer Chef der US Notenbank, 2008

Die urgewald Studie hat schließlich noch analysiert, wer in die Aktien und Anleihen von Kohlekonzernen investiert. Hier belegen Fondsgesellschaften wie Vanguard oder Blackrock aus den USA die ersten acht der ersten zehn Plätze. Aus Europa finden sich nur zwei Organisationen unter den ersten 30: die Pensionskasse der norwegischen Regierung (Platz 8) und die Allianz Versicherung (Platz 20). Der Grund für die hohe Position der Allianz in diesem Ranking liegt ebenfalls an einem Schlupfloch in deren Kohlerichtlinie sagt Regine Richter von urgewald: „Die Allianz hat in Bezug auf ihre Eigenanlagen bereits große Schritte zum Ausstieg aus der Kohle unternommen. Umso unverständlicher ist es, dass sie die Anlagen, die sie für Dritte verwaltet, immer noch in die Kohle investiert.“ Dabei sei das gar nicht nötig wie der Blick auf einen Konkurrenten aus Frankreich zeige so Richter: Die Allianz „sollte sich an AXA ein Vorbild nehmen und diese offene Flanke endlich schließen.“ mic

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[1] urgewald, 25.02.2020: Banken steigern Kohlefinanzierung trotz Kohlezusagen (PDF)