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Welche Rechte hat ein Fluss, Baum oder Berg?

Immer mehr „Objekte der Natur“ werden als eigenständige Rechtspersonen anerkannt

Aus Sicht des Rechts ist der Energiekonzern RWE eine Person mit bestimmten Rechten und das Klima oder der Rhein sind es nicht. Doch nun gibt es Bemühungen auch Rechte der Natur zu kodifizieren und der Natur die Möglichkeit zu geben, in eigenem Namen auf deren Einhaltung zu klagen.

Familie Backsen klagt gegen die Bundesregierung. Letztere tue nicht genug, um das deutsche Klimaziel für das Jahr 2020 noch zu erreichen. Das gefährde die Lebensgrundlage der Backsens, einen Biobauernhof auf der Nordseeinsel Pellworm. „Der ansteigende Meeresspiegel macht mir große Sorgen, denn die Deiche können irgendwann nicht mehr erhöht werden“, erklärt Silke Backsen. [1] Ähnliche Klagen gibt es mittlerweile viele: Kinder klagen gegen die USA, Seniorinnen gegen die Schweizer Regierung und ein peruanischer Bergbauer gegen den Energiekonzern RWE. [2] Doch warum klagt das Klima eigentlich nicht selbst? Der Grund ist simpel: Im Gegensatz zu RWE, Deutschland oder den Backsens ist das Klima keine Rechtsperson und hat folglich keine Rechte.

Direkt betroffen. Silke Backsen erklärt wie sich der Klimawandel auf ihren Hof auswirkt. (Video: Greenpeace)

 

Aber das muss nicht so bleiben. Mittlerweile gibt es einige Flüsse und Wälder, die eine eigene Rechtsperson haben. Vorreiter war ein 7000-Seelen-Dorf im US-Bundesstaat Pennsylvania. Dort brachten Bauern übelriechenden und giftigen Klärschlamm auf ihren Feldern aus. Daraufhin wurden die „Rechte der Natur“ in der Gemeindeordnung verankert und das Ausbringen von Klärschlamm als Verletzung dieser Rechte verboten. Zehn Jahre später zog dann Neuseeland nach. Dort sind nun ein Wald, ein Fluss und ein Berg ihre eigene Rechtsperson. Dies hat drei Konsequenzen: Der Wald, der Fluss und der Berg können vor Gericht als Kläger auftreten. Ausserdem können sie Verträge abschliessen und schliesslich haben sie das Recht, Eigentum zu besitzen. [3] Damit besitzen sie sich selbst und gehören nicht länger dem neuseeländischen Staat.

Natur mir Rechten

JahrRechtspersonLandAnerkannt durch
2006Das Ökosystem der Gemeinde Tamaqua in PennsylvaniaUSAGemeindeordnung von Tamaqua
2008Die NaturEcuadorVerfassung von Ecuador
2010Mutter ErdeBolivienGesetz über "Die Rechte der Mutter Erde"
2014Der Te Urewera WaldNeuseelandDas "Te Urewera Gesetz"
2016Der Atrato FlussKolumbienUrteil des Verfassungsgerichts von Kolumbien
2017Der Whanganui FlussNeuseelandDas "Te Awa Tupua Gesetz"
2017Der Taranaki VulkanNeuseelandVertrag zwischen Neuseeland und dem Maori-Stamm der Taranaki Iwi
Langsam. Die Vorschläge von Christopher Stone finden nur langsam Eingang in die Rechtsordnung.

 

Die Gesetze, die dies ermöglichen, stützen sich auf das Rechtsverständnis der Ureinwohner Neuseelands, der Maori. Mit Bezug auf den Whanganui Fluss schreibt Erin O’Donnell im Wissenschaftsmagazin Ecology and Society: Die Regelung „entspricht der Weltsicht der Whanganui Iwi in Form eines Gesetzes. Sie erkennt den Fluss als lebendes Ganzes an, das vom Berg bis zum Meer reicht.“ [3] Das Gesetz berücksichtigt auch die spirituelle Bedeutung, die der Fluss für den lokalen Maori-Stamm hat. Die Whanganui Iwi fühlen sich als eins mit dem Fluss: „Ich bin der Fluss und der Fluss ist Ich“ (Ko au te awa, ko te awa ko au).

Subjekt. Der Whanganui gehört sich jetzt selbst. (Foto: Alex Indigo / Flickr)

Subjekt. Der Whanganui gehört sich jetzt selbst. (Foto: Alex Indigo / Flickr)

Vertreten wird der Fluss von zwei Sprechern: Der eine wird von Neuseelands Regierung ernannt und der andere von den Whanganui Iwi. Die Sprecher sind dazu verpflichtet im Interesse des Wohlergehens des Flusses zu handeln. Dabei werden sie von einem Rat unterstützt in dem alle anderen Interessengruppen vertreten sind: vom Fremdenverkehrsverein über Umweltorganisationen bis zur Firma Genesis Energy, die über 80 Prozent des Flusswassers in ihrem Wasserkraftwerk nutzt. Um die Handlunsgfähigkeit des Flusses sicherzustellen, hat dieser zudem Geld von Neuseeland erhalten. Der Fluss begann seine neue Existenz als eigenständige Rechtsperson mit einem Fonds in Höhe von 30 Millionen neuseeländischen Dollar (knapp 18 Millionen Euro).

Damit hat Neuseeland eine Forderung des Rechtsprofessors Christopher Stone umgesetzt. Dieser schrieb im Jahr 1972 in einem Artikel mit dem Titel „Should Trees Have Standing?“ (Sollten Bäume die Klagebefugnis haben?): „Ich schlage vor, dass wir Wäldern, Meeren, Flüssen und anderen ‚Objekten der Natur‘, ja der ganzen natürlichen Umwelt, formelle Rechte gewähren.“ [4 s. S. 456] Anlass für Stones Vorschlag war ein Prozess vor dem obersten US-Gericht. Dieses sollte entscheiden, ob die Umweltorganisation Sierra Club die Befugnis hat, gegen den Bau eines Skigebiets auf Land im Bundesbesitz zu klagen. Der Oberste Gerichtshof verneinte dies mit der Begründung, die Interessen des Sierra Clubs würden durch das Skigebiet nicht beeinträchtigt. Doch ein Richter widersetzte sich dem Konsens seiner Kollegen und ging weit über die Forderung des Sierra Clubs hinaus. William Douglas schrieb in einem Minderheitsvotum: „Objekte der Umwelt sollten die Befugnis haben, für ihren eigenen Erhalt zu klagen.“ [5]

Dieses Ziel verfolgt in der EU die britische Umweltorganisation Nature’s Rights. Diese bereitet derzeit eine EU-Richtlinie vor. In deren Entwurf steht nicht nur, dass die Natur als Rechtsperson anerkannt wird sondern auch, dass die Natur „fundamentale Rechte hat, die aus ihrer inhärenten Würde als Quelle des Lebens herrühren“. [6 s. Art. 4.1] Die Natur ist damit nicht länger ein Objekt, dessen Wert sich einzig an seiner Nützlichkeit für den Menschen bemisst, sondern ein Subjekt mit einem Eigenwert. Der Natur wird folglich das „Recht auf Leben“ zugesprochen sowie das “Recht, die Integrität der natürlichen Kreisläufe zu bewahren“. [6 s. Art. 4.2 a) und b)] Werden diese Rechte verletzt sollen Regierungen, Umweltorganisationen aber auch jeder einzelne EU-Bürger die Möglichkeit erhalten, im Namen der Natur zu klagen.

Sollte dieser oder ein ähnlicher Vorschlag zu EU-Recht werden, müssten die Backsens nicht länger einen komplizierten, rechtlichen Umweg nehmen. Sie müssten nicht mehr nachweisen, dass ihnen persönlich ein Schaden durch die nachlässige Klimapolitik der Bundesregierung droht und sie daher klagebefugt sind. Das Klima könnte vielmehr direkt gegen die Bundesregierung klagen mit den Backsens als Sprecher. Dann ginge es auch nicht länger um einen Bauernhof auf Pellworm sondern um den Kohlenstoffkreislauf der Erde: Indem die Bundesregierung zulässt, dass sich immer mehr CO2 in der Atmosphäre ansammelt, verletzt sie schliesslich das Recht der Natur, ihre „Integrität zu bewahren“. Letztlich würde ein derartiges Rechtsverständnis wohl das Verhältnis zwischen Mensch und Natur grundsätzlich verändern, vermutet Stone: „Wir könnten zu dem Punkt gelangen, wo wir die Erde als einen Organismus betrachten, von dem die Menschheit ein Teil ist – verschieden vom Rest der Natur, aber nur so verschieden wie das Gehirn eines Menschen von seiner Lunge.“ [4 s. S. 499] mic

Hinweis: Es lohnt sich den Artikel von Christopher Stone komplett zu lesen. Dabei sieht man wie wenig sich die Diskussion seit 1972 weiterentwickelt hat. Ausserdem macht die Lektüre Spass, da Stone sehr schlüssig argumentiert  und witzig schreibt.

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[1] Greenpeace, Oktober 2018: Letzte Instanz für den Klimaschutz: Klimakläger im Profil (PDF)

[2] Greenpeace, Oktober 2018: Lertzte Instanz für den Klimaschutz: Klimaklagen weltweit (PDF)

[3] Erin O’Donnell, Julia Talbot-Jones, 2018: Creating legal rights for rivers: lessons from Australia, New Zealand, and India

[4] Christopher Stone, 1972: Should Trees Have Standing? Toward Legal Rights for Natural Objects (PDF)

[5] US Supreme Court as cited in Wikipedia, Stand 10.11.2018: Sierra Club v. Morton

[6] Nature’s Rights, Stand 10.11.2018: Draft Directive on securing the rights of Nature (PDF)

„Im Moment fällt es schwer, optimistisch zu sein“

Letztlich können nur die Märkte Italiens Regierung von ihren Schuldenplänen abbringen, glaubt Oliver Landmann

Oliver Landmann, 66, ist Professor für Volkswirtschaft an der Universität Freiburg im Breisgau.

Warum sind die Märkte wegen Italiens Staatshaushalt so nervös?

Oliver Landmann: Italien sucht die totale Konfrontation zur EU-Kommission. Ausgang ungewiss. Dabei geht es nicht nur um eine mögliche Insolvenz Italiens, die mir eher unwahrscheinlich erscheint. Sondern im Raum steht auch die Frage, ob Italien im Euro bleibt. Hierzu hat die neue Regierung höchst widersprüchliche Signale ausgesandt und damit Unsicherheit erzeugt. Vergleichen Sie Italien einmal mit Belgien. Belgien hat auch den Euro und fast so hohe Schulden wie Italien. Darüber regt sich kein Mensch auf, weil für Belgien ein Euroausstieg nicht zur Diskussion steht. Belgien hält sich auch brav an alle Regeln.

Das Problem ist also nicht die Schuldenquote von über 130 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP)?

Das Verschuldungsniveau als solches ist nicht das zentrale Problem. Das zentrale Problem ist die Wachstumsschwäche des Landes und die Tatsache, dass die Politik nichts dagegen unternimmt. Dies bereitet mehr Sorge als der Schuldenstand.

Italiens Regierung peilt ein Defizit in Höhe von 2,4 BIP-Prozenten an und nicht wie zuvor mit der EU vereinbart von 0,8 BIP-Prozenten. Ist ein solcher Impuls nicht sinnvoll angesichts des anämischen Wachstums in Italien?

Ein Nachfrageimpuls brächte für den Moment eine gewisse Belebung, aber er würde das eigentliche Problem nicht lösen. Italien steckt nicht in einer akuten konjunkturellen Krise, sondern hinkt seit zwanzig Jahren mit seinem Produktivitätswachstum dem restlichen Europa hinterher. Man könnte ein höheres Defizit rechtfertigen, wenn die Ausgaben in Investitionen fliessen würden, etwa in die Infrastruktur. Aber das passiert nicht. Die Ausgabenpläne sind rein konsumtiv. Es werden Wahlgeschenke an die Wähler der beiden Regierungsparteien verteilt. Das ist gut für die Umfragewerte der Regierung, aber nicht für die Wachstumskräfte Italiens.

Letztlich geht es doch um die Frage: Was ist der Multiplikator von Staatsausgaben? Um wie viel wächst das BIP, wenn der Staat einen Euro mehr ausgibt?

Multiplikatoren sind hoch, wenn die Wirtschaft stark unterausgelastet ist und die Zinsen bei Null verharren wie in der Eurozone in den Jahren zwischen 2010 und 2014. Inzwischen befinden sich selbst Länder, die damals von der Krise härter betroffen waren als Italien, wieder deutlich im Aufwind. Die Frage ist also eher: Warum nimmt Italien an diesem Aufschwung nicht teil? Die Fiskalpolitik war in den letzten Jahren in Italien nicht restriktiver, als sie es im Durchschnitt der Eurozone war. Die Gründe scheinen daher eher anderswo zu liegen.

Ist der Euro Schuld an der Wachstumsschwäche? Früher haben die Italiener einfach alle paar Jahre die Lira abgewertet.

Der Euro wird jetzt zum Sündenbock gemacht. Richtig ist natürlich, dass der Ausweg über die Abwertung nicht mehr existiert. Italien tat sich von Anfang an schwer damit, sich an die tiefe Inflation anzupassen, die der Euro mit sich brachte. Vor allem die italienischen Lohnstückkosten sind in den ersten zehn Jahren der Währungsunion weit überdurchschnittlich gestiegen. Da hat sich ein Problem aufgebaut, das bis heute nicht bewältigt ist, und das man nun nicht mehr per Abwertung beheben kann.

Die EU-Kommission hat Italiens Budget zur Überarbeitung zurück nach Rom geschickt. Ist damit das Problem gelöst?

Nein, die Fronten sind im Moment völlig verhärtet. Man muss aber auch sagen, dass die Defizit- und Verschuldungsregeln der Währungsunion von Anfang an eine Missgeburt waren. Seit sie von Deutschland und Frankreich schon kurz nach Einführung des Euro ungestraft verletzt wurden, war zudem klar, dass sie ein Papiertiger sind. Italien sitzt allein schon wegen seiner Größe am längeren Hebel als die EU-Kommission. Gefährlicher als die Drohungen der Kommission sind für Italien diejenigen der Kapitalmärkte.

Was die Märkte von Italiens Solidität halten, kann man am Zinsaufschlag ablesen, den Italien im Vergleich zu Deutschland zahlen muss, dem „Spread“. Ab welchem Spread wird es für Italien kritisch? Bei 3,5 Prozent? Bei 4 Prozent?

Jeder Basispunkt (Hundertstel Prozent), um den der Spread steigt, ist eine schlechte Nachricht für Italien. Das Zinsniveau ist in Italien im Verhältnis zum Wachstum schon jetzt zu hoch. Unter diesen Bedingungen ist es sehr, sehr schwierig, die Verschuldung zu senken. Die Geschichte zeigt, dass Schuldenabbau immer nur mit einem starken Wirtschaftswachstum gelungen ist. Höhere Defizite sind kein Ausweg aus dieser Falle. Italien kann sich nicht wie der Baron von Münchhausen an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen.

Was sind die drei wichtigsten Reformen, die Italien angehen müsste, um die Produktivität zu verbessern?

Die Probleme beginnen schon im öffentlichen Sektor. Indikatoren für die Effizienz der Regierungsführung, der öffentlichen Verwaltung und der Rechtspflege fallen in allen internationalen Vergleichen deutlich aus dem Rahmen und wirken sich unmittelbar auch negativ auf die Produktivität des privaten Sektors aus. Hier ist der Handlungsbedarf offensichtlich.

Während Deutschland die Flexibilität seines Arbeitsmarktes der Tatsache verdankt, dass Arbeitnehmer und Arbeitgeber dezentral Lösungen finden, die den jeweiligen lokalen Gegebenheiten gerecht werden, leidet Italien seit Jahren darunter, dass die wesentlichen Eckpfeiler der Arbeits- und Lohnbedingungen zentral festgelegt werden. Dies erschwert sowohl die Ausrichtung der Arbeitskosten an der Produktivität als auch die Anpassung an einen Strukturwandel, der sich durch die Globalisierung und zunehmend auch durch die Digitalisierung beschleunigt hat. Die Flexibilisierung, die die Vorgängerregierung von Matteo Renzi auf den Weg gebracht hatte, sind teilweise bereits wieder rückgängig gemacht worden.

Besonders rächen sich jetzt auch die Versäumnisse bei der Sanierung des italienischen Bankensystems, in dessen Bilanzen ein hoher Anteil der italienischen Staatsanleihen lagert, und dem daher durch die nervöse Reaktion der Märkte eine erneute Krise droht. Darunter leidet die Kreditvergabe an Unternehmen mit Wachstumspotenzial.

Sehen Sie einen Ausweg aus der aktuellen Krise – einen Weg wie die EU-Kommission und Italiens Regierung da ohne Gesichtsverlust rauskommen?

Schwierig. Es sieht nicht danach aus, dass Italien nachgeben wird. Der Handlungsspielraum der EU-Kommission ist faktisch nicht so groß, wie die Rhetorik der letzten Tage glauben macht. Der Wachstumsschub, der das Problem entschärfen würde, ist nicht in Sicht. Im Moment fällt es eher schwer, optimistisch zu sein. mic

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IMO verschiebt Klimaschutz auf nächstes Jahr

Reduktion der Schwefelemissionen wird nicht aufgeschoben

Die Internationale Seeschiffahrts-Organisation verschärft ihre Regeln für Schwefelemissionen und vertagt die Diskussion über eine Geschwindigkeitsbegrenzung für Schiffe auf nächstes Jahr. Aus Klimasicht ist beides schlecht.

Seit April dieses Jahres bekennt sich auch die Seeschifffahrt zum Klimaschutz. Damals hat die Seeschifffahrts-Organisation IMO beschlossen, die CO2-Emissionen der Branche bis zum Jahr 2050 im Vergleich zum Jahr 2008 zu halbieren. Ausserdem versprachen die Länder mittels Sofortmassnahmen die Emissionen schon in den nächsten fünf Jahren zu drosseln. Bei letzterem besteht allerdings keine Eile: Der IMO-Umweltausschuss hat die Beratungen über diese Massnahmen auf nächstes Jahr vertagt. Bill Hemmings von der Umweltorganisation Transport & Environment (T&E) sagte: Die Massnahmen „wurden ein Opfer von Prozeduren, Bürokratie und Verzögerungen durch die Länder, die nie wirklich mit an Bord waren. Die USA, Saudi Arabien und Brasilien führen diese Liste an.“ [1] Diese Länder haben insbesondere eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf See verhindert. John Maggs von der Umweltorganisation Seas At Risk sagte: „Schiffe haben im letzten Jahrzehnt das Langsam-Fahren genutzt und dramatische Reduktionen der Emissionen demonstriert. Die Welt ist dem gegenüber nicht blind.“ [1] Eine Studie von T&E hat gezeigt, dass sich die CO2-Emissionen von Frachtschiffen um rund ein Drittel senken lassen, wenn diese langsamer fahren. [2]

Avantgarde. Es gibt mindestens zwei Reedereien, die den Frachttransport per Segelschiff wiederbeleben wollen - mit Booten wie der Tres Hombres der Reederei Fairtransport. (Foto: Fairtransport)

Avantgarde. Es gibt mindestens zwei Reedereien, die den Frachttransport per Segelschiff wiederbeleben wollen – mit Booten wie der Tres Hombres der Reederei Fairtransport. (Foto: Fairtransport)

Weniger Erfolg hatten die USA bei ihrem Versuch, die IMO-Regeln für Schwefelemissionen aufzuweichen. Ab dem Jahr 2020 müssen Schiffe entweder über Schwefelfilter verfügen oder dürfen nur noch Schiffsdiesel mit weniger als 0,5 Prozent Schwefel verfeuern. Bislang liegt dieser Grenzwert bei 3,5 Prozent. Die USA wollten erreichen, dass der neue Grenzwert phasenweise eingeführt wird, um erst Erfahrungen zu sammeln. Doch dieses Ansinnen hat der IMO-Umweltausschuss abgelehnt. Dass es der IMO ernst ist beim Kampf gegen die Luftverschmutzung in Hafenstädten zeigt ein weiterer Beschluss des Umweltausschusses: Ab März 2020 dürfen Schiffe ohne Schwefelfilter keinen schwefelreichen Kraftstoff mehr an Bord haben. [3] Noch ist allerdings unklar, ob die Ölraffinerien dieser Welt genügend schwefelarmen Schiffsdiesel produzieren können. Dieser steht in direkter Konkurrenz zu normalem Diesel und zu Kerosin. Noch im März warnte die Internationale Energieagentur IEA, dies könne zu 20 bis 30 Prozent höheren Dieselpreisen führen. [4] Doch im Oktober gab die IEA teilweise Entwarnung: Weil sich das globale Wirtschaftswachstum abschwäche und Dieselfahrzeuge in Europa an Popularität eingebüsst hätten, falle die Preiserhöhung wohl moderater aus. [4]

Atuana. Dies ist die Gallionsfigur des Frachsteglers Avontuur der deutschen Reederei Timbercoast. Die Figur zeigt Atuana, die polynesische Göttin de Morgenröte (Foto: Timbercoast)

Atuana. Dies ist die Gallionsfigur des Frachsteglers Avontuur der deutschen Reederei Timbercoast. Die Figur zeigt Atuana, die polynesische Göttin de Morgenröte (Foto: Timbercoast)

Geringere Schwefelemissionen sind allerdings eine zweischneidiges Schwert wie eine Studie im Wissenschaftsmagazin Nature Communications zeigt: Einerseits lassen sich damit vorzeitige Todesfälle und Asthmaanfälle bei Kindern reduzieren. Andererseits kühlt Schwefel in der Atmosphäre aber auch den Planeten. Durch den neuen IMO-Grenzwert gehen 80 Prozent dieser kühlenden Wirkung verloren. Die Autoren der Studie schreiben daher: Striktere Regeln für die Seeschifffahrt sollten „Klima- und Gesundheitsziele erreichen, indem Treibhausgasemissionen und Luftverschmutzung parallel reduziert werden“. [5] Vielleicht klappt das ja nächstes Jahr. mic

Hinweis: Mashable hat eine schöne Multimediareportage von der Jungfernfahrt der Avontuur: The world’s cleanest cup of coffee

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[1] T&E, 26.10.2018: Shipping emissions talks stall in London

[2] T&E, 18.10.2017: Regulating ship speed could cut emissions by a third

[3] IMO, 26.10.2018: Implementation of sulphur 2020 limit – carriage ban adopted

[4] Reuters, 25.10.2018: Maritime rule change stirs fears of diesel shortage

[5] Nature Communications, 06.02.2018: Cleaner fuels for ships provide public health benefits with climate tradeoffs

Handelsordnung droht Rückkehr zum Gesetz des Dschungels

Ohne Einlenken der USA ist die Welthandelsorganisation WTO ab Dezember 2019 gelähmt

US-Präsident Donald Trump meint, die Welthandelsorganisation WTO nutze allen ausser den USA und droht implizit mit Austritt. Damit könnte er eine Reform der Institution anstossen oder diese zerstören.

Was ist die WTO?

Die WTO nahm am 1. Januar 1995 ihre Arbeit auf. Ihre Aufgabe ist die Umsetzung und Fortentwicklung von drei globalen Handelsverträgen: zu Gütern und Zöllen (Gatt), zu Dienstleistungen (Gats) und zu geistigem Eigentum (Trips). Das Ziel der WTO ist eine kontinuierliche Liberalisierung des Welthandels und die Beilegung von Handelsstreitigkeiten. Die WTO hat derzeit 164 Mitgliedsländer. Die grössten Nicht-Mitglieder sind Algerien, Iran, Irak, Äthiopien und Usbekistan. Die WTO deckt so über 90 Prozent des Welthandels ab. Die Organisation hat ihren Sitz in Genf und verfügt über ein Budget von rund 200 Millionen Schweizer Franken. Derzeit wird sie von dem Brasilianer Roberto Azevêdo geleitet.

Rollenwechsel. Beim WTO-Ministertreffen 1999 in Seattle beherrschten die WTO-Gegner die Strasse. Heute sitzen sie im Weissen Haus. (Foto: J. Narrin / Wkimedia)

Rollenwechsel. Beim WTO-Ministertreffen 1999 in Seattle beherrschten die WTO-Gegner die Strasse. Heute sitzen sie im Weissen Haus. (Foto: J. Narrin / Wkimedia)

Welche Aufgaben hat die WTO?

Die WTO hat drei Aufgaben: Erstens sollen im Rahmen der WTO neue, multilaterale Handelsverträge ausgehandelt werden. Zweitens betreibt die WTO ein Gericht, das bei Handelsstreitigkeiten bindende Urteile fällen kann. Und drittens überwacht die WTO generell die Einhaltung der Handelsregeln und erstellt Statistiken zum Welthandel.

Welche Regeln gelten für WTO-Mitglieder?

WTO-Mitglieder dürfen Zölle erheben. Wie hoch diese maximal sein dürfen, ist in der Beitrittsurkunde festgehalten. Ein WTO-Mitglied darf aber gegenüber anderen Mitgliedern nicht unterschiedliche Zölle erheben (Meistbegünstigungsklausel). Die EU kann daher ihren Zoll auf US-Autos nicht senken, ohne dies auch für Autos aus allen anderen Ländern zu tun. Die einzige Ausnahme sind bilaterale und regionale Freihandelsabkommen. Diese sind „WTO-konform“, wenn sie „nahezu den gesamten Handel“ umfassen. Grundsätzlich gilt zudem das Prinzip der Inländergleichbehandlung nach dem ausländische Firmen und Güter nicht schlechter gestellt werden dürfen als inländische.

Was sind die grössten Erfolge der WTO?

Die WTO schreibt sich zugute, dass sie weltweit hunderte Millionen Menschen aus der Armut befreit hat, indem sie Ländern wie China ein exportorientiertes Entwicklungsmodell ermöglicht hat. In der Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2008 hat sie zudem eine Zunahme des Protektionismus weitgehend verhindern können. Dadurch blieb der Weltwirtschaft eine „grosse Depression“ wie in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts erspart.

Wo stehen die WTO-Verhandlungen?

Der WTO hat seit ihrer Gründung nur ein einziges Handelsabkommen zum Abschluss bringen können: einen Vertrag zum Bürokratieabbau im Handel, das Trade Facilitation Agreement. Chancen auf einen Abschluss in den kommenden Jahren hat zudem ein Vertrag, der Subventionen für illegalen Fischfang verbieten soll. Alle anderen Kapitel der Doha-Verhandlungsrunde liegen de facto auf Eis. Aus Sicht der EU ist daran nicht zuletzt die binäre Unterscheidung in Industrie- und Entwicklungsländer Schuld. Letztere geniessen bei der Umsetzung neuer Regeln meist viel Flexibilität. Die EU schreibt in einem internen Papier der EU-Kommission von Anfang Juli: „Das System ist blockiert durch einen antiquierten Ansatz zu Flexibilität, der es zwei Dritteln aller Mitglieder erlaubt eine Sonderbehandlung zu verlangen. Dazu gehören die grössten und dynamischsten Volkswirtschaften der Welt.“ [1 s. S. 3]

Weil innerhalb der WTO kaum Fortschritte bei der Liberalisierung des Handels erzielt werden können, schliessen immer mehr Länder bilaterale oder regionale Freihandelsabkommen ab wie die Abkommen der EU mit Kanada, Mexiko und Japan oder das Transpazifische Partnerschaftsabkommen TPP mit elf Ländern rund um den Pazifik (ohne die USA).

Wie steht es um das WTO-Gericht?

Das WTO-Gericht gilt als „Kronjuwel“ der Organisation. Kein anderer völkerrechtlicher Vertrag hat eine bindende Gerichtsbarkeit. Das WTO-Gericht besteht aus zwei Instanzen: temporären Panels und einem permanenten Revisionsgericht. Letzteres hat normalerweise sieben Richter, braucht aber nur drei um ein gültiges Urteil zu fällen. Seit Antritt der Trump-Regierung weigern sich die USA, ausscheidende Richter durch neue zu ersetzen. Aktuell hat das Gericht noch vier Richter, im September fällt diese Zahl auf drei und im Dezember nächsten Jahres auf einen. Damit wäre das WTO-Gericht gelähmt und die Durchsetzung der WTO-Regeln „unmöglich“. Die EU warnt: „Dies käme einem Rückschritt um 20 Jahre gleich“, zu einem System, „wo Stärke Regeln als Basis der Handelsbeziehungen ersetzt.“ [1 s. S. 3]

Was kritisieren die USA am WTO-Gericht?

Zum einen kritisieren die USA einige Verfahrensregeln des Gerichts. Hier wäre die EU zu weitreichenden Zugeständnissen bereit, wie das EU-Memo zeigt. Voraussetzung wäre allerdings, dass die USA der Bennenung neuer Richter zustimmen. Zum anderen bezichtigen die USA das Gericht der Kompetenzanmassung: Die Richter würden die WTO-Verträge nicht nur interpretieren, sondern neues Recht setzen indem sie etwa Regelungslücken schliessen. Aus Sicht der USA müssten solche Lücken aber durch Verhandlungen unter den WTO-Mitgliedern geschlossen werden. Sie fordern daher, dass das Revisionsgericht bei solchen Lücken kein Urteil fällt und die Entscheidung an die WTO-Länder delegiert. Eine Studie des Peterson Instituts warnt allerdings: „Dieser Ansatz würde das aktuelle Verfahren der Streitbeilegung signifikant verändern, was die Verlässlichkeit des multilateralen Handelsregimes zu einem gewissen Grad unterminieren würde.“ [2 s. S. 9] Wie schnell eine Lücke durch Verhandlungen geschlossen werden kann, ist zudem unklar, schliesslich müssten alle 164 WTO-Länder einer Anpassung der Verträge zustimmen.

Welche Rolle spielt das WTO-Gericht bei den aktuellen Handelsstreitigkeiten?

Beim Streit um die US-Zölle auf Stahl und Aluminium haben bislang die EU, China, die Schweiz und fünf weitere Länder bei der WTO Klage gegen die USA eingereicht. Weil die EU, China, Kanada, Mexiko und die Türkei ausserdem Vergeltungszölle gegen US-Produkte eingeführt haben, wurden sie im Gegenzug von den USA verklagt. Noch wurde aber für keine dieser Klagen ein Panel gebildet, um darüber zu entscheiden. Der Fall ist problematisch, weil die USA behaupten, Stahl- und Aluminiumimporte gefährdeten die „nationale Sicherheit“. Falls dem so ist, wären die Zölle „WTO-konform“. Dennoch berufen sich Länder quasi nie auf diese Klausel in den WTO-Verträgen. Der Grund dafür ist einfach: Dadurch würde „ein Präzendenzfall geschaffen, den jeder und insbesondere die Chinesen gegen die USA nutzen könnten“, sagt Lee Branstetter von der US-Universität Carnegie Mellon. [3]

Beim Streit um den erzwungenen Technologietransfer nach China, haben bislang die USA und die EU Klagen gegen China eingereicht. Auch hier wurde noch kein Panel gebildet. Südkorea hat schliesslich eine Klage gegen die USA beim Streit um US-Schutzzölle auf Waschmaschinen und Solarpaneele angestrengt. Diese Zölle waren die erste offen protektionistische Massnahme der aktuellen US-Regierung.

Wie steht es um die Überwachung der Handelsregeln durch die WTO?

Ein grosser Teil der gut 600 WTO-Mitabeiter kümmert sich weder um die Verhandlungen noch um die Streitbeilegung sondern um die alltägliche Überwachung der Handelsregeln. So müssen Länder die WTO informieren, wenn sie handelsrelevante Gesetze ändern oder etwa Subventionen einführen. Dies täten aber nicht alle, beklagt die EU: „Mehrere unserer Top-Handelspartner erfüllen ihre Notifizierungspflichten nicht ausreichend.“ [1 s. S. 10] Daher will die EU dem System zu mehr Biss verhelfen und Länder an den Pranger stellen, die ihre Informationspflichten vernachlässigen.

Welche Schwächen haben die bestehenden Handelsregeln?

Die WTO-Verträge sind mittlerweile 23 Jahre alt. Die EU schreibt daher: „Die Welt hat sich seit 1995 verändert, die WTO aber nicht.“ [1 s. S. 3] Dabei geht es zum einen um die WTO-Struktur, die noch immer nur zwischen Industrie- und Entwicklungsländern unterscheidet. Zum anderen hat sich aber auch die Weltwirtschaft entwickelt etwa durch Internet basierten Handel von Gütern und Dienstleistungen. Schliesslich hat der WTO-Beitritt von China im Jahr 2001 und dessen Wachstum und Wirtschaftspolitik Schwächen in den WTO-Verträgen aufgezeigt. Die EU kritisiert etwa zinsgünstige Kredite von Staatsbanken, den geschlossenen Bankensektor oder den erzwungenen Transfer Produktions-Know-How.

Was passiert, wenn die WTO verschwindet?

Die kurze Antwort lautet: Die durchschnittlichen Zölle steigen von heute 3 Prozent auf 35 Prozent also um mehr als das Zehnfache. Das ist das Ergebnis einer aktuelle Studie von Alessandro Nicita, einem Ökonomen bei der UN-Handels- und Entwicklungskonferenz Unctad. [4] Die Zölle würden aber für die Exporteure verschiedener Länder unterschiedlich stark steigen. Besonders schlecht erginge es mexikanischen Exporteuren, die einen Zollanstieg um 60 Prozentpunkte zu verkraften hätten. [5] Besser erginge es den USA (plus 27 Prozentpunkte), der EU (plus 32 Prozentpunkte) und China (plus 36 Prozentpunkte). Der Grund für die Unterschiede ist die Marktmacht der Länder gegenüber ihren Handelspartnern sowie die Zusammensetzung der eigenen Exporte und deren Destination. Trotz der Unterschiede schreibt Nicita: „Am Schluss sieht sich jeder viel höheren Zöllen und viel kleineren Märkten gegenüber.“ [6]

Können die USA aus der WTO austreten?

Ja, mit einer Kündigungsfrist von sechs Monaten. Unklar ist aber, ob Trump das alleine entscheiden kann oder ob das US-Parlament dem zustimmen müsste. [7] Letzteres gilt derzeit noch als ausgeschlossen.

Welche Kritikpunkte gibt es an der WTO ausser denen der US-Regierung?

Manche Umwelt- und Entwicklungsorganisationen kritisieren, dass die WTO ihren Belangen zuwenig Beachtung schenkt. Hier sieht die EU ebenfalls Handlungsbedarf: „Die EU sollte die Nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) analysieren und Wege finden, wie die Handelspolitik zu deren Erreichung beitragen kann.“ [1 s. S. 7] Ende des letzten Jahrhunderts war die WTO zudem der Lieblingsgegner der „Globalisierungskritiker“. Beim WTO-Ministertreffen im Jahr 1999 in Seattle kam es zu Ausschreitungen und das Treffen konnte nicht wie geplant stattfinden.

In Kürze, wie schlecht steht es um die WTO und das multilaterale Handelssystem?

Aus Sicht der EU: Sehr schlecht. Die EU schreibt: „Das multilaterale Handelssystem sieht sich der schwersten Krise seit dessen Gründung gegenüber.“ [1 s. S. 3] Schlimmer noch: „Die Krise wird sich in den kommenden Monaten weiter vertiefen.“ Doch die EU gibt noch nicht auf: Der Niedergang des multilateralen Handelssystem müsse „um jeden Preis“ verhindert werden. Diese Formulierung erinnert an eine Aussage von EZB-Chef Mario Draghi. Zum Höhepunkt der Eurokrise sagte dieser, die EZB werde tun „was immer es braucht“, um den Euro zusammenzuhalten, was bekanntlich gelang. Im Fall der WTO und der multilateralen Handelsordnung könnte aber auch ein Diktum des bulgarischen Philosophen Ivan Krastev gelten. Dieser warnte: Die EU könne „zum Beschützer eines Status Quo werden, der nicht mehr existiert.“ [8] Sollte er Recht behalten, wird es in die Geschichtsbücher eingehen.

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[1] EU-Kommission, 05.07.2018: WTO – EU- proposals on WTO modernisation (PDF) (Die Seitenzahlen beziehen sich auf die Seiten dieses Dokuments.)

[2] Peterson Institute, März 2018: The Dispute Settlement Crisis in the World Trade Organization: Causes and Cures (PDF)

[3] Business Insider, 16.01.2018: We’re about to find out if Trump meant anything he said about taking a jackhammer to global trade deals

[4] Journal of Political Economy, Juni 2018: Cooperation in WTO’s Tariff Waters?

[5] Unctad, 25.04.2018: Nobody really wins a trade war

[6] CEPR, 05.04.2018: A trade war will increase average tariffs by 32 percentage points

[7] VOX, 26.10.2017: We asked 6 experts if Congress could stop Trump from eliminating NAFTA

[8] New York Times, 11.07.2018: Sorry, NATO. Trump Doesn’t Believe in Allies.

Der Schwefel und die Weltwirtschaft

Neuer Schwefelgrenzwert für Schifftreibstoff könnte Rezession auslösen

Seeschifffahrt ist dreckig: 15 der grössten Schiffe emittieren mehr Schwefel und Stickstoff als alle Autos der Welt. Das soll sich ändern. Dadurch wird aber der Markt für Raffinerieprodukte durcheinander gewirbelt.

Der Ölpreis hängt vom globalen Wachstum, Kriegen, dem Ölkartell Opec und dessen Verhältnis zu Russland, den US-Frackern und dem realexistierenden Sozialismus in Venezuela ab. Wie diese Faktoren zusammenspielen ist kaum vorhersagbar und dasselbe gilt folglich auch für den Ölpreis. Doch nun sorgt eine Bestimmung der Internationalen Seeschiffahrtsorganisation IMO für Aufregung an den Märkten: Diese hat beschlossen, dass der Schwefelgehalt im Treibstoff für Schiffe sinken muss – von heute 3,5 Prozent auf noch 0,5 Prozent ab dem 1. Januar 2020. Das klingt zunächst harmlos, da der Schiffsverkehr nur rund fünf Prozent der gesamten Ölnachfrage ausmacht. Für die Weltwirtschaft könnte der neue Grenzwert aber schwerwiegende Konsequenzen haben.

Stahlstadt. Moderne Raffinerien werden die grossen Gewinner des IMO-Schwefelgrenzwerts sein. (Foto: Martin Schachermayer / flickr)

Stahlstadt. Moderne Raffinerien werden die grossen Gewinner des IMO-Schwefelgrenzwerts sein. (Foto: Martin Schachermayer / flickr)

Doch der Reihe nach: Derzeit verbrennen Hochseeschiffe meist Schweröl. Dieses ist so dreckig, dass es erst bei einer Temperatur von 50 bis 60 Grad flüssig wird. Die Seeschiffahrt ist denn auch für 13 Prozent der globalen Schwefel- und für 15 Prozent der Stickstoffemissionen verantwortlich. Um den neuen Schwefelgrenzwert einzuhalten haben die Reeder drei Möglichkeiten: Sie bauen Filter („Scrubber“) ein und verbrennen weiter Schweröl oder sie stellen ihre Flotte auf Flüssiggas um. Beides gilt als teuer. Die dritte Option ist schliesslich der Einsatz von schwefelarmem Schiffsdiesel oder –gasöl. Die Internationale Energieagentur IEA hat nun ausgerechnet, was das für den Verbrauch von Schiffsdiesel bedeutet: Von einem Tag zum anderen steigt die Nachfrage von 0.74 Millionen Fass (159 Liter) auf 1.74 Millionen Fass – pro Tag. [1]

Klippe. Schweröl mit viel Schwefel (HFSO) wird initial vor allem durch Diesel und in geringerem Mass durch Schweröl mit wenig Schwefel (LSFO) ersetzt. Später werden die Reeder aus Sicht von Golman Sachs dann vermehrt in Filter investieren (Scrubbed) um wieder HSFO verbrennen zu können. (Grafik: Goldman Sachs [4])

Klippe. Schweröl mit viel Schwefel (HFSO) wird initial vor allem durch Diesel und in geringerem Mass durch Schweröl mit wenig Schwefel (LSFO) ersetzt. Später werden die Reeder aus Sicht von Golman Sachs dann vermehrt in Filter investieren (Scrubbed) um wieder HSFO verbrennen zu können. (Grafik: Goldman Sachs [4])

„Schifffahrt und Raffinerien sehen sich einer riesigen Herausforderung gegenüber“ schreibt daher die IEA und es sei „nicht klar, wie erfolgreich sie sein werden.“ [2] Klarer sind die Konsequenzen für Besitzer von Dieselautos und Ölheizungen: „Der im Jahr 2020 zusätzlich benötigte Schiffsdiesel wird einen steilen Anstieg des Dieselpreises auslösen. Wir gehen von einer Erhöhung um 20 bis 30 Prozent aus“, so die IEA. [1] Das hat aber auch Konsequenzen für alle anderen Ölprodukte, schreibt Martijn Rats von der US-Investmentbank Morgan Stanley: Es werde „die Raffineriemargen höher treiben und die Ölpreise mitziehen.“ [1] Moderne Raffinerien, die wenig Schweröl als Beiprodukt produzieren, freuen sich denn auch schon auf eine Gewinnbonanza. Der Chef des spanischen Ölkonzerns Repsol, Josu Miguel, erwartet etwa „zwei, drei, vier gute Jahre“. [3] Umgekehrt erwartet die IEA: „Einige simple Raffinerien könnten gezwungen sein zu schliessen.“ [1]

Die sprunghaft steigende Dieselnachfrage könnte auch dramatische Folgen für den Ölpreis haben, warnt Rats: „Die letzte schwerwiegende Knappheit mittlerer Destillate (wie Diesel) ereignete sich Ende 2007, Anfang 2008 und war der kritische Faktor, der den Preis für die Ölsorte Brent nach oben getrieben hat.“ [1] Damals lag der Preis schliesslich bei 140 Dollar und war mitverantwortlich für die darauf folgende Finanz- und Wirtschaftskrise. Ganz so hoch wird der Ölpreis aber nicht steigen, glaubt Rats. Er sagt wegen des Schwefelgrenzwerts einen Anstieg von aktuell 76 auf 90 Dollar im Jahr 2020 voraus. [1] Wie die Weltwirtschaft auf einen Anstieg des Ölpreises um knapp ein Fünftel reagiert, wird sich zeigen. Sicher ist aber, dass die Luft in den Hafenstädten der Welt sauberer wird. mic

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[1] oilprice.com, 16.05.2018: The Regulations That Could Push Oil Up To $90

[2] IEA, April 2018: Oil 2018 – Analysis and Forecasts to 2023 (PDF)

[3] Bloomberg, 21.03.2018: Some Oil Refineries Are Getting a License to Print Money

[4] Goldman Sachs, 30.05.2018: The IMO 2020: Global Shipping’s Blue Sky Moment (PDF)

Wie sich die Klimaerwärmung umdrehen liesse

Bildung für Mädchen und Zugang zu Verhütungsmitteln sind die wirksamste Massnahme

Erneuerbare Energien zur Stromerzeugung reichen nicht, um die Klimakatastrophe abzuwenden. Wenn man alle Möglichkeiten zum Klimaschutz betrachtet, zeigen unerwartete Massnahmen grosses Potential.

„Wenn man auf einen Abgrund zurast, dann ist es nicht sinnvoll abzubremsen und langsam über die Klippe zu fahren, sondern das einzig sinnvolle ist anzuhalten und umzukehren.“ [1] So erklärt Paul Hawken die Logik hinter dem Projekt und Buch ‚Drawdown‘ (auf deutsch in etwa ‚Absenken‘). [2] Konkret geht es um das Absenken der Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre. Für CO2 liegt diese derzeit bei 410 CO2-Molekülen pro eine Million ‚Luftteilchen‘, also bei 411 ppm (parts per million). Zu Beginn der industriellen Revolution lag dieser Wert bei 280 ppm. Um das Klima zu stabilisieren, muss die CO2-Konzentration also sinken – Jahr für Jahr bis ein Wert unter 350 ppm erreicht ist. Hawken glaubt, dass die Menschheit die Trendumkehr von einer steigenden zu einer sinkenden Konzentration in den nächsten 30 Jahren schaffen kann und er hat die Zahlen, um das zu beweisen.

Climate warrior. Wenn Mädchen was lernen leben sie länger, sind gesünder, verdienen mehr und nutzen dem Klima. Was will man mehr? (Foto: Oxfam / Flickr)

Climate warrior. Wenn Mädchen was lernen leben sie länger, sind gesünder, verdienen mehr und nutzen dem Klima. Was will man mehr? (Foto: Oxfam / Flickr)

Im Rahmen des ‚Drawdown‘ Projekts haben Wissenschaftler das Potential von über hundert verschiedenen Massnahmen eruiert und eine Rangliste der wirksamsten erstellt (siehe Tabelle 1). Auf Platz 1 der Einzelmassnahmen liegt eine Gruppe von Kühlmitteln, die Fluorkohlenwasserstoffe (FKWs). Diese ersetzen die ozonschädlichen FCKWs in Klimaanlagen und Kühlschränken. Hier gibt es eine gute Nachricht: Im Rahmen des Montreal-Protokolls zum Schutz der Ozonschicht werden seit letztem Jahr auch FKWs nach und nach abgeschafft.

Die zehn besten Einzelmassnahmen

RangMassnahmePotential in Mrd. Tonnen CO2
1Kühlmittelmanagement (FKWs)89.7
2Windkraft an Land84.6
3Weniger Lebensmittelverschwendung70.5
4Weniger Fleischkonsum66.1
5Wiederaufforstung tropischer Regenwälder61.2
6Bildung für Mädchen59.6
7Verhütungsmittel / Familienplanung59.6
8Grosse Solarkraftwerke36.9
9Mehr Wald als Weide nutzen (Hutewälder)31.2
10Kleine Solaranlagen24.6
Total584
Platz 2. Onshore Windkraft hat das meiste Potential von allen Erneuerbaren, liegt insgesamt aber nur auf dem zweiten Platz. (Datenquelle: Drawdown)

 

Das absolut grösste Potential hat aber eine Kombination von zwei Massnahmen, die sonst nur selten mit Klimaschutz in Verbindung gebracht werden: Bildung für Mädchen und Zugang zu Verhütungsmitteln zur Familienplanung. Je länger Mädchen in die Schule gehen, desto später heiraten sie und desto weniger Kinder bekommen sie. Die Unesco schätzt, dass sich mit einer zusätzlichen Investition von 39 Milliarden Dollar pro Jahr sicherstellen lässt, dass alle Mädchen weltweit in die Schule gehen. [3] Dann kommt die Familienplanung: 214 Millionen Frauen, die eine Schwangerschaft vermeiden wollen, haben keine modernen Verhütungsmittel, schätzt die Weltgesundheitsorganisation WHO. [4] Dieses Problem lässt sich mit 9,4 Milliarden Dollar pro Jahr lösen. [5] Bis zum Jahr 2050 lässt sich mit der Kombination dieser beiden Massnahmen der Zuwachs der Weltbevölkerung um eine Milliarde Menschen reduzieren. Dadurch werden CO2-Emissionen von knapp 120 Milliarden Tonnen verhindert. [6] Das ist mehr als die globalen Emissionen der letzten drei Jahre.

Um den ‚Drawdown‘ zu erreichen, reicht es aber nicht, Emissionen zu vermeiden, sondern der Luft muss CO2 entzogen werden. Technisch ist dies derzeit nicht möglich: „Die einzige, bekannte Methode um das zuverlässig zu tun, ist Photosynthese“, sagt Hawken. [7] Die Hälfte der 20 wirksamsten Massnahmen betrifft denn auch die Landnutzung. Das grösste Potential hat die Wiederaufforstung tropischer Regenwälder gefolgt von der Nutzung von Wäldern als Weide (Hutewald) (siehe Tabelle 2). Insgesamt lässt sich mit diesen zehn Änderungen in Land- und Forstwirtschaft die CO2-Last der Atmosphäre bis zum Jahr 2050 um 250 Milliarden Tonnen verringern sowohl durch die Vermeidung von Emissionen als auch durch die Speicherung von Kohlenstoff in Pflanzen und Böden. Um dies zu erreichen muss allerdings die Landnutzung auf knapp 20 Millionen Quadratkilometern oder rund 12 Prozent der Landfläche des Planeten für den Klimaschutz optimiert werden.

Die zehn besten Massnahmen zur Bodennutzung (plus Bonusmassnahme)

RangMassnahmeFläche in Millionen km2Potential in Mrd. Tonnen CO2
5Wiederaufforstung tropischer Regenwälder1.7661.2
9Mehr Wald als Weide nutzen (Hutewälder)0.8231.2
11Regenerative Landwirtschaft (Anreicherung des Bodens mit Kohlenstoff)3.6423.1
12Wiederaufforstung in gemässigten Breiten0.9522.6
13Schutz von Sumpfgebieten2.4321.6
14Mehr tropische Fruchtbäume0.6220.2
15Anpflanzung neuer Wälder0.8318.1
16Konservierende Landwirtschaft (Bewahrung des Kohlestoffs in Böden)3.3317.4
17Mischkulturen mit Bäumen1.0417.2
19Kontrolliertes Weiden3.6416.3
Total der zehn besten Boden-Massnahmen19.06248.9
23Wiederherstellung von Landwirtschaftsland1.7214.1
LuluCF. Was klingt wie der Künstlername einer Cabaret-Tänzerin, hat grosses Potential beim Klimaschutz. (Datenquelle: Drawdown)

 

Noch werde die Landnutzung aber „nur am Rande“ berücksichtigt, beklagt Hawken gegenüber dem US-Nachrichtenportal Vox. [7] So ignoriere der Weltklimarat etwa die Wiederherstellung von Landwirtschaftsland – „mehr als 10 Millionen Quadratkilometer an aufgegebenem Land weltweit. Wir wissen wie man dieses Land regenerieren kann. Kostest das etwas? Ja, klar, aber es ist eine grosse Senke.“

Bei den Klimaverhandlungen läuft die Bodennutzung unter dem Akronym ‚LuluCF‘ und ist ein Nebenthema. Es ist Ländern sogar freigestellt, ob sie die Böden in ihren Klimaplänen berücksichtigen wollen. Der Grund ist einfach: Die Datenlage ist dünn und Umweltorganisationen befürchten, dass Länder ihre Emissionen mit Hilfe von LuluCF kleinrechnen. Um die Klimakatastrophe abzuwenden, reichen erneuerbare Energien aber nicht aus. Daher lohnt es sich den Blick zu weiten, nicht zuletzt auf Bildung für Mädchen und Hutewälder. mic

Nachtrag: Das Project Drawdown gibt es seit diesem Jahr auch in Europa. Getragen wird der Europa-Ableger von der Deutschen Energioeagentur (dena), der European Climate Foundation (ECF) und dem Forschungskonsortium EIT Climate-KIC. [8]

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[1] Eco-Business, 14.03.2018: How to change the climate story: Paul Hawken

[2] Das Buch liegt nur auf englisch vor und hat den Titel: ‚Drawdown: The Most Comprehensive Plan Ever Proposed to Reverse Global Warming

[3] Drawdown, Stand 16.03.2018: Educating Girls

[4] WHO, Stand 16.03.2018: Family planning/Contraception – Factsheet

[5] Susheela Singh et al., Deyember 2014: Adding It Up: The Costs and Benefits of Investing in Sexual and Reproductive Health 2014

[6] Drawdown, Stand 16.03.2018: Family Planning

[7] Vox, 12.02.2018: This book ranks the top 100 solutions to climate change. The results are surprising.

[8] Drawdon Europe, 17.04.2018: Drawdown: Europe takes a new perspective on climate protection

 

Die zehn wichtigsten Grafiken zur Klimakrise

Was die industrielle Revolution mit dem Anthropozän zu tun hat

Die Menschheit ist dabei, den einzigen lebensfreundlichen Planeten des Sonnensystems zu schädigen. Noch kann sie die Klimaerwärmung aber stoppen – indem die Netto-Emissionen bis zum Jahr 2050 auf Null gesenkt werden.

Vor 122 Jahren berechnete zum ersten Mal ein Wissenschaftler den Effekt von CO2 aufs Klima. Dabei kam Svante Arrhenius zu einem erstaunlich präzisen Resultat: Wenn sich die CO2-Konzentration in der Atmosphäre verdoppelt, dann erwärmt sich das Klima um fünf bis sechs Grad. In Anbetracht der geringen CO2-Emissionen seiner Zeit erwartete er aber, dass dies erst in einigen Tausend Jahren geschehen würde. Hier täuschte sich Arrhenius wie die Grafik unten zeigt. Seit dem Jahr 1950 ist die Konzentration von CO2 in der Athmosphäre von 310 CO2-Molekülen pro eine Million ‚Luftteilchen‘ (ppm von ‚parts per million‘) auf gut 410 ppm angestiegen. [1] Geht der Anstieg ungebremst weiter, dann ist die Verdoppelung bereits Mitte des nächsten Jahrhunderts erreicht. Dabei ist die CO2-Konzentration schon heute höher als in den letzten 400‘000 Jahren:

Volles Risiko. Was könnte wohl schief gehen, wenn man die CO2-Konzentration über einen Wert treibt, den die Atmosphäre in den letzten 400'000 Jahren nicht gesehen hat? (Daten: Nasa; Grafik Katja Hommel / klimareporter.de)

Volles Risiko. Was könnte wohl schief gehen, wenn man die CO2-Konzentration über einen Wert treibt, den die Atmosphäre in den letzten 400’000 Jahren nicht gesehen hat? (Daten: Nasa; Grafik Katja Hommel / klimareporter.de)

Je höher die Konzentration von CO2 und anderen Treibhausgasen in der Atmosphäre ist, desto stärker ist deren Treibhauswirkung. Wie Arrhenius richtig vorausgesehen hat, lässt sich das mittlerweile an der Temperatur ablesen. Seit dem Jahr 1880 hat sich das Klima um knapp 1,1 Grad erwärmt. [2] Dieser Wert unterschätzt die tatsächliche Klimaerwärmung aber aus zwei Gründen: Zum einen begann die industrielle Revolution und damit die massenhafte Freisetzung von CO2 rund 50 Jahre früher. Zum anderen verfälscht Luftverschmutzung den Wert. Dreckige Luft kühlt den Planeten. Sobald also Länder wie China und Indien ihr Smogproblem in den Griff bekommen, steigt die Erwärmung sprunghaft an. Dabei hat sich die Erwärmung in den letzten Jahren eh schon beschleunigt. 17 der 18 wärmsten Jahre waren in diesem Jahrhundert.

Fieberkurve. Wie beim menschlichen Körper macht ein Grad den Unterschied zwischen gesund und krank. (Daten: Nasa; Grafik: Katja Hommel / klimareporter.de)

Fieberkurve. Wie beim menschlichen Körper macht ein Grad den Unterschied zwischen gesund und krank. (Daten: Nasa; Grafik: Katja Hommel / klimareporter.de)

Ein solcher Temperaturanstieg bleibt nicht ohne Folgen. Derzeit verliert Grönland pro Jahr 286 Milliarden Tonnen Eis und die Antarktis 127 Milliarden Tonnen. [3] Zusammen führt dies zu einem Anstieg des Meeresspiegels um knapp einen Millimeter pro Jahr. [4] Hinzu kommt der Eisverlust im Himalaya, in den Alpen und in anderen Gebirgen. Der Meeresspiegel steigt aber deutlich schneller: um 3,2 Millimeter pro Jahr. [5] Der Hauptgrund für den Anstieg ist denn auch nicht der Eisverlust sondern die Ausdehnung des Wassers durch die Erwärmung. Seit 1880 ist der durchschnittliche Meeresspiegel so um gut 22 Zentimeter gestiegen. [5]

Sintflut 2.0. In den letzten 140 Jahren ist der Meeresspiegel um über 20 Zentimeter gestiegen. (Daten: CSIRO, NOAA; Grafik: Katja Hommel / klimareporter.de)

Sintflut 2.0. In den letzten 140 Jahren ist der Meeresspiegel um über 20 Zentimeter gestiegen. (Daten: CSIRO, NOAA; Grafik: Katja Hommel / klimareporter.de)

Der US-Folk Sänger Steve Forbert veröffentlichte im Jahr 1996 das Lied ‘Good Planets Are Hard to Find’ (‚Gute Planeten sind schwer zu finden‘). [6] Aus diesem Grund wäre es sinnvoll, wenn die Menschheit die Klimaerwärmung stoppt. Das Paris Abkommen hat zum Ziel die Erwärmung auf „deutlich unter zwei Grad“ zu begrenzen und wenn möglich sogar auf nur 1,5 Grad. Aus diesen Vorgaben lässt sich berechnen, wieviel CO2 noch emittiert werden darf – das CO2-Budget der Menschheit. Dieses ist aber nicht einfach gegeben, sondern hängt auch von der Risikofreudigkeit der Menschheit ab: Reicht es, wenn die Zwei-Grad-Marke mit 33 Prozent Wahrscheinlichkeit erreicht wird? Oder sollte zumindest die gleiche Chance wie beim Wurf einer Münze bestehen, also 50 Prozent? In Anbetracht der Tatsache, dass in unserem Sonnensystem kein zweiter lebensfreundlicher Planet existiert, könnte die Menschheit aber auch auf ‚Nummer Sicher‘ gehen und sogar eine Wahrscheinlichkeit von 66 Prozent anstreben.

Die Auswirkungen dieser Risikoabwägung auf das CO2-Budget sind dramatisch: Für 1,5 Grad mit eine Zwei-Drittel-Wahrscheinlichkeit ist das Budget schon in 3,1 Jahren aufgebraucht. Für zwei Grad und dem Münzwurfrisiko kann die Menschheit hingegen noch 25,6 Jahre weiter soviele Treibhausgase produzieren wie heute. [7, 8]

Countdown. Schon in drei Jahren ist die Zeit abgelaufen, um die Erwärmung mit einer zwei Drittel Chance unter 1,5 Grad zu halten. (Daten: CSIRO, NOAA; Grafik: Katja Hommel / klimareporter.de)

Countdown. Schon in drei Jahren ist die Zeit abgelaufen, um die Erwärmung mit einer zwei Drittel Chance unter 1,5 Grad zu halten. (Daten: CSIRO, NOAA; Grafik: Katja Hommel / klimareporter.de)

Der Klimacountdown geht davon aus, dass wir die aktuellen Emissionen von 40 Milliarden Tonnen CO2 pro Jahr beibehalten und diese dann plötzlich auf Null abfallen. Praktisch werden die Emissionen aber über einen längeren Zeitraum fallen bis die Menschheit und ihre Wirtschaft Klimaneutralität erreicht haben. Um zu zeigen, wie schnell die Emissionen fallen müssen, hat Johan Rockström vom Potsdam Institut ein ‚CO2-Gesetz‘ formuliert. [9, 10] In den Jahren 2020 bis 2030 müssen die CO2 Emissionen halbiert werden und im folgenden Jahrzehnt erneut und dann nochmal. Im Jahr 2050 lägen die Treibhausgasemissionen der Menschheit so bei fünf Milliarden Tonnen pro Jahr. Diese müssen dann kompensiert werden, indem man der Atmosphäre fünf Milliarden Tonnen CO2 entzieht. Das ist knapp doppelt so viel, wie jährlich durch Wälder und Böden gebunden werden. „Wir wollten zeigen, was es bedeutet, das Paris-Ziel einzuhalten“, sagte Rockström gegenüber der US-Publikation Vox. [11]

Bei seinem ‚CO2-Gesetz‘ hat sich Rockström an ‚Moores Gesetz‘ aus der Computerindustrie orientiert. Dieses besagt, dass sich die Zahl der Transistoren auf einem Computerchip alle zwei Jahre verdoppelt. Über vierzig Jahre lang hatte diese Voraussage bestand, nicht zuletzt weil sich die Chipentwickler daran orientiert haben. Eine ähnlich Wirkung erhofft sich Rockström von seinem ‚CO2-Gesetz‘: „Man könnte sich vorstellen, dass dies eine selbsterfüllende Prophezeiung wird: Länder beginnen die Zwischenziele ernst zu nehmen und fangen dann an, die nötigen Innovationen zu entwickeln, damit die Prophezeiung wahr wird.“ [11]

Das CO2-Gesetz. Halbieren, halbieren, halbieren, Null. So müssen sich die globalen CO2-Emissionen ab 2020 entwickeln, um die Ziele des Paris Abkommens zu erreichen. (Daten: Johan Rockström; Grafik: Katja Hommel / klimareporter.de)

Das CO2-Gesetz. Halbieren, halbieren, halbieren, Null. So müssen sich die globalen CO2-Emissionen ab 2020 entwickeln, um die Ziele des Paris Abkommens zu erreichen. (Daten: Johan Rockström; Grafik: Katja Hommel / klimareporter.de)

Was die Einhaltung von Rockströms Klimagesetz kosten würde, haben der grösste Vermögensverwalter der Welt, Blackrock, der Öl- und Gaskonzern Shell, der Minenbetreiber BHP Billiton, der deutsche Energiekonzern Innogy und einige andere Konzerne untersucht. [12, 10] In ihrer Studie betonen die Konzerne, dass der Energieverbrauch in Ländern mit Energiearmut deutlich steigen muss, während die Emissionen weltweit schnell fallen. Diese doppelte Zielsetzung halten sie aber für „technisch und wirtschaftlich“ machbar. Pro Jahr seien zusätzliche Investitionen von 300 bis 600 Milliarden Dollar erforderlich. Vor dem Hintergrund von jährlichen Investitionen in Höhe von 20‘000 Milliarden (20 Billionen) würden die zusätzlichen Investitionen aber „keine grössere, volkswirtschaftliche Herausforderung“ darstellen. [12]

Dies liegt nicht zuletzt an den schnell fallenden Kosten für die wesentlichen Schlüsseltechnologien. Massenproduktion und zunehmende Erfahrung sorgen für eine immer effizientere Fertigung. So fallen bei Solarzellen die Kosten um ein Fünftel bei jeder Verdoppelung der jemals gefertigten Stückzahl. [13, 10] Daraus ergibt sich eine Kostenkurve, die anfangs sehr schnell fällt und dann langsam abflacht. Über die Jahre ergeben sich so deutliche Kostenverbesserungen. So sind die Kosten für Solaranlagen seit der gescheiterten Klimakonferenz in Kopenhagen im Jahr 2009 um 54 respektive um 64 Prozent gefallen. Noch spektakulärer ist die Verbesserung bei LED-Leuchten: Diese sind zwischen 2008 und 2015 um 94 Prozent billiger geworden. [14] Mit dem schrittweise Verbot von herkömmlichen Glühbirnen in der EU ab dem Jahr 2009 entstand ein riesiger Markt für Energiesparlampen und die Hersteller konnten so ihre Produktion schnell steigern.

Skaleneffekt. Wie im Ökonomielehrbuch sinken die Kosten, je mehr Einheiten eines Produkts jemals hergestellt wurden. (Daten: US Department of Energy; Grafik: Katja Hommel / klimareporter.de)

Skaleneffekt. Wie im Ökonomielehrbuch sinken die Kosten, je mehr Einheiten eines Produkts jemals hergestellt wurden. (Daten: US Department of Energy; Grafik: Katja Hommel / klimareporter.de)

Wie das Beispiel der Energiesparlampen zeigt, kann durch einfache Regulierung eine massive Kostensenkung ausgelöst werden. Der Preis von Klimatechnologien ist also aus politischer Sicht kein exogener Faktor, sondern kann durch geeignete Massnahmen beeinflusst werden. Dabei reicht es oft schon, wenn eine kleine Ländergruppe voran geht. Das zeigt eine Studie der Forscher hinter dem ‚Climate Action Tracker‘ mit dem Titel: „Es braucht nur wenige Akteure, um den Ball ins Rollen zu bringen“. [15, 10] Als Beispiel dient ihnen der Erfolg der Erneuerbaren: „Unterstützungsmechanismen in wenigen Vorreiterländern (Dänemark, Deutschland und Spanien) und Bundesstaaten (Kalifornien und Texas) haben Forschung und Entwicklung sowie die Nachfrage angetrieben.“ Bei Elekrofahrzeugen sehen sie nun eine ähnliche Koalition am Werk: „Norwegen, die Niederlande, Kalifornien und zuletzt China haben Märkte für Elektroautos geschaffen und dazu beigetragen, dass im Jahr 2016 knapp einen Million Elektroautos verkauft wurden.“ Die Forscher kommen daher zum Schluss: „Einzelne Länder, die parallel handeln, haben Dynamiken ausgelöst, die globale Märkte verändern.“

Auch bei der Umsetzung von Klimaschutzmassnahmen kommt es letzlich nur auf wenige Akteure an. Die UN-Klimakonvention hat zwar 197 Mitglieder aber die meisten sind belanglos. Drei Länder, China, die USA und die EU, sind für mehr als die Hälfte der globalen Emissionen verantwortlich und die zehn grössten Emittenten machen knapp drei Viertel aller Emissionen aus. [16] Die verbleibenden 187 Staaten teilen sich folglich den Rest.

G10. Eigentlich kommt es nur auf zehn Länder wirklich an. (Daten: WRI CAIT; Grafik: Katja Hommel / klimareporter.de)

G10. Eigentlich kommt es nur auf zehn Länder wirklich an. (Daten: WRI CAIT; Grafik: Katja Hommel / klimareporter.de)

Kaum ein Land geniesst international soviel Ansehen für seine Klima- und Energiepolitik wie Deutschland. Fast allein hat es dafür gesorgt, dass Wind- und Solarstrom mittlerweile fast überall billiger sind als Strom aus einem neuen Kohlekraftwerk. Doch die Klimapolitik Deutschlands ist nicht weltmeisterlich, weder bei der bereits erzielten Reduktion der Emissionen noch bei den Zielen für die Jahre 2020 und 2030. Hinzu kommt, dass das 2020-Ziel voraussichtlich gerissen wird. Für das 2030 Ziel gilt dann bereits ‚Rockströms CO2-Gesetz‘. Das bedeutet, dass die Emissionen des Jahres 2020 bis 2030 halbiert werden müssen. Im Vergleich zum Jahr 1990 müssen die Emissionen daher um 70 Prozent und nicht nur um 55 Prozent gesenkt werden.

Weltmeister? Die Emissionen sinken zu langsam und Deutschlands 2030-Ziel ist nicht im Einklang mit Rockströms CO2-Gesetz. (Daten: UBA; Grafik: Katja Hommel / klimareporter.de)

Weltmeister? Die Emissionen sinken zu langsam und Deutschlands 2030-Ziel ist nicht im Einklang mit Rockströms CO2-Gesetz. (Daten: UBA; Grafik: Katja Hommel / klimareporter.de)

Der Klimawandel kann nur gestoppt werden, wenn die CO2 Emissionen auf Null fallen. Es gibt aber noch andere Treibhausgase, die beim Kampf gegen die Klimaerwärmung sowohl eine Chance als auch eine Gefahr darstellen. Nach CO2 ist Methan (CH4) das zweitwichtigste Gas. Auch dessen Konzentration steigt in der Atmosphäre – schnell. 1880 enthielt die Atmosphäre noch 820 Methanmoleküle pro eine Milliarde ‚Luftteilchen‘ (ppb von ‚parts per billion‘). Heute liegt dieser Wert bei 1860 ppb. [18] Gründe dafür gibt es viele: Mehr Rindermägen die Methan ausstossen, grössere Reisfelder und Verluste bei der Förderung und dem Transport von Erdgas, das mehrheitlich aus Methan besteht. Die gute Nachricht ist hier: Ein Grossteil der Methanemissionen lässt sich mit relativ einfachen Mitteln reduzieren. Die Methanemissionen aus Rindermägen lassen sich durch anderes Futter um rund ein Drittel senken. Dank der starken Konzentration in der Futtermittelindustrie sind hier zudem nur wenige Akteure entscheidend. Das gleiche gilt für die Gasindustrie. David Allen von der Universität Texas hat die Emissionen bei der Gasförderung mittels Fracking in den USA untersucht und kommt zum Schluss: „Ein kleiner Teil der Bohrlöcher ist für einen Grossteil der Emissionen verantwortlich.“ [19, 20] Genauer: Ein Fünftel der Bohrlöcher verursacht drei Viertel der Emissionen. Diese Emissionen zu stoppen sei daher „einer der schnellsten und kostengünstigsten Wege um Treibhausgase zu reduzieren“, sagt Allen. [19] Die grösste Herausforderung sind die Emissionen aus Reisfeldern: Hier kann man sich nicht auf einige wenige Futtermittel- oder Energieproduzenten konzentrieren, sondern muss Millionen von Kleinbauern in Asien davon überzeugen, ihre traditionelle Anbaumethode zu ändern. In gefluteten Reisfeldern wird Methan von Mikroorganismen produziert, die Pflanzenreste zersetzen. Lässt man die Felder zeitweise trocken fallen, sterben diese Mikroben ab. Dadurch sinken die Methanemissionen um rund ein Viertel. [20]

Gute Nachrichten gibt es auch bei einer Klasse von Super-Treibhausgasen, den Fluorkohlenwasserstoffen (FKWs) mit einer bis zu 23‘000-fach stärkeren Treibhauswirkung als CO2. Diese dienen als Ersatz für die ozonschädlichen FCKWs in Klimaanlagen und Kühlschränken. Im Jahr 2016 wurde aber das Montreal Protokoll zum Schutz der Ozonschicht um das ‚Kigali Amendment‘ ergänzt. Dieses sorgt dafür, dass auch FKWs abgeschafft werden so wie zuvor FCKWs. [21] Damit erspart sich die Menschheit ein halbes Grad an Erwärmung:

Hilfe aus dem Eisschrank. Zumindest auf die naheliegendste Massnahme zum Klimaschutz konnte sich die Menschheit mittlerweile einigen. (Daten: Guus Velders; Grafik: Katja Hommel / klimareporter.de)

Hilfe aus dem Eisschrank. Zumindest auf die naheliegendste Massnahme zum Klimaschutz konnte sich die Menschheit mittlerweile einigen. (Daten: Guus Velders; Grafik: Katja Hommel / klimareporter.de)

Den Klimawandel zu stoppen, ist die komplexeste Herausforderung in der Geschichte der Menschheit aber nicht die drängendste. Letzteres muss die Abschaffung von Hunger und extremer Armut sein. Richtigerweise sind dies auch die beiden ersten Ziele in der Liste der Nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs). Gleichzeitig wächst die Weltbevölkerung von heute 7,6 Milliarden Menschen auf 8,6 Milliarden in nur zwölf Jahren und dann auf 9,8 Milliarden im Jahr 2050 und schliesslich 11,2 Milliarden am Ende des Jahrhunderts. [22] Um für alle diese Menschen die Erreichung der SDGs sicherzustellen, muss auch die Weltwirtschaft weiter wachsen, nicht zuletzt die Nahrungsmittelprodukion. Damit wird fast zwangsläufig auch der Energie- und Ressourcenbedarf weiter zunehmen.

Vor diesem Hintergrund trifft es sich schlecht, dass die Klimakrise nicht das einzige Umweltproblem der Menschheit ist. Diese sprengt bereits heute in zwei weiteren Bereichen die ‚ökologischen Belastungsgrenzen‘ des Planeten: Beim Verlust an Tier- und Pflanzenarten und beim Stickstoffkreislauf. [23] Beide Probleme sind primär eine Folge der Landwirtschaft respektive der Bodennutzung. Viele Tier- und Pflanzenarten haben kaum noch Rückzugsgebiete und durch den Einsatz von Stickstoffdünger auf Feldern sind selbst die Weltmeere mittlerweile überdüngt. Mit der Zunahme der Weltbevölkerung werden sich diese Probleme weiter verschärfen, wenn die Menschheit nicht hart gegensteuert.

Wie hart sie gegensteuern muss, erklärt der US-Evolutions- und Soziobiologe Edward Wilson in seinem Buch ‚Half-Earth‘ aus dem Jahr 2016. Wilson fordert darin, dass die halbe Erde unter Schutz gestellt wird. „Wir sind verletzlich und wenn wir die aktuellen Trends bei der Nutzung der Erde fortsetzen, könnte es zu einer Katastrophe kommen“, sagte Wilson gegenüber dem US-Magazin ‚National Geographic‘. [24]

Doch zurück zum Klima: ‚Rockströms CO2-Gesetz‘ zeigt, dass wir der Atmosphäre CO2 entziehen müssen. Das grösste Potential hat hier aktuell BECCS. Dieses Akronym steht für ‚Bioenergy with Carbon Capture and Storage‘ also ‚Bioenergie mit CO2-Abscheidung und Einlagerung‘. Praktisch funktioniert das so: Aus Pflanzenresten oder Energiepflanzen wird Biogas hergestellt. Dieses wird in einem Gaskraftwerk zur Stromerzeugung verbrannt. Das dabei entstehende CO2 wird dann abgesondert und schliesslich in geeigneten Gesteinsformationen verpresst. Damit hat BECCS eine negative CO2-Bilanz. Der ursprünglich in den Pflanzen enthaltene Kohlenstoff ist der Atmosphäre dauerhaft entzogen.

Um dies in grosem Stil machen zu können, wird man um Energiepflanzen und seien es Bäume nicht herumkommen. Doch auch diese brauchen – Platz. Damit besteht bei der Bodennutzung eine dreifache Nutzungskonkurrenz aus Nahrungsmittelproduktion, Artenschutzgebieten und Energiepflanzen. Oder anders: Wir müssen den Planeten gleichzeitig menschen-, arten- und klimagerecht nutzen. Noch hat dieser Dreiklang aber weder ins öffentlichen Bewusstsein noch in die Klimapolitik Eingang gefunden. Die Klimapolitik befindet sich vielmehr noch in einer ersten Phase, wo es darum geht, die Emissionen aus fossilen Energieträgern zu reduzieren. Um die Klimakrise zu stoppen, reichen Grünstrom und Elektroautos aber nicht aus. Mittelfristig wird daher eine zweite Phase erforderlich sein, in der es insbesondere um die menschen-, arten- und klimagerechte Optimierung der globalen Bodennutzung geht.

Wie wichtig diese zweite Phase ist, zeigt erneut eine Grafik von Johan Rockström, der das Konzept der ‚ökologischen Belastungsgrenzen‘ (englisch ‚Planetary Boundaries‘) zusammen mit anderen Erdsystem-Forschern im Jahr 2009 vorgestellt hat. [23] Das Klima ist da nur ein Problem unter anderen:

Sollbruchstellen. Entscheidend für das Schicksal unserer Zivilisation ist die Frage, ob sich Landwirtschaft sowie Arten- und Klimaschutz miteinander vereinbaren lassen. (Daten: Johan Rockström et al.; Grafik: Katja Hommel / klimareporter.de)

Sollbruchstellen. Entscheidend für das Schicksal unserer Zivilisation ist die Frage, ob sich Landwirtschaft sowie Arten- und Klimaschutz miteinander vereinbaren lassen. (Daten: Johan Rockström et al.; Grafik: Katja Hommel / klimareporter.de)

Die Belastungsgrenzen zeigen wie stark der Mensch bereits in die planetaren Stoffkreisläufe eingreift und welchen Einfluss er auf das filigrane Netzwerk allen Lebens auf der Erde hat. Daher wurde auf dem Internationalen Geologischen Kongress im Jahr 2016 beschlossen, dass eine neue geologische Epoche begonnen hat. Wir leben nicht länger im Holozän mit seinem stabilen Klima, sondern im Anthropozän – dem Zeitalter des Menschen.

Für Geologen ist der Begriff rein deskriptiv. Er beschreibt, dass der Mensch zum entscheidenden geologischen Faktor geworden ist. Der Begriff hat aber auch eine verantwortungsethische Komponente. Für den deutschen Philosophen Max Weber bedeutet dies, „dass man für die (voraussehbaren) Folgen seines Handelns aufzukommen hat.” Oder anders: Im Anthropozän hat der Mensch die Verantwortung für das Wohlergehen allen Lebens und das Funktionieren der planetaren Stoffkreisläufe übernommen. Für die Herausgeber des Wissenschaftsmagazins ‚Anthropocene Review‘ hat dies weitreichende Folgen: „Das hat den Effekt, dass der Gegensatz zwischen Mensch und Natur eingerissen wird.“ [25] Um seiner Verantwortung gerecht zu werden, darf sich der Mensch also nicht länger im Gegensatz zur ‚Natur‘ definieren, die es zu unterjochen gilt. Er muss sich vielmehr als Teil eines ‚Erdsystems‘ verstehen, als Teil eines kollektiven Ganzen, eines Meta-Organismus. Dann wird klar, dass die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse nur möglich ist, wenn auch den Bedürnissen aller anderen Teile dieses Meta-Organismus Sorge getragen wird. Für den Kampf gegen den Klimawandel bedeutet dies konkret: Kurzfristig mögen technische, wirtschaftliche und politische Frage im Vordergrund stehen. Langfristig wird aber eine philosophische Frage entscheidend sein: Was sind wir?

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[1] Nasa, Stand 05.05.2018: Carbon Dioxide

[2] Nasa, Stand 05.05.2018: Global Temperature

[3] Nasa, Stand 05.05.2018: Ice sheets

[4] ClimateSanity, Stand 05.05.2018: Conversion factors for ice and water mass and volume

[5] Nasa, Stand 05.05.2018: Sea Level

[6] Steve Forbert, 1996: Good Planets Are Hard To Find (Video)

[7] CarbonBrief, 05.04.2017: Just four years left of the 1.5C carbon budget

[8] [7] gibt den Stand per Anfang 2017 wieder. Ich habe folglich von den Zahlen je ein Jahr abgezogen.

[9] Johan Rockström et al., 24.03.2017: A roadmap for rapid decarbonization

[10] weltinnenpolitik, 27.04.2017: Das Klimapuzzle kommt zusammen

[11] Vox, 24.03.2017: Scientists made a detailed “roadmap” for meeting the Paris climate goals. It’s eye-opening.

[12] Energy Transitions Commission, April 2017: Better Energy, Greater Prosperity (PDF)

[13] Nancy Haegel et al., 14.04.2017: Terawatt-scale photovoltaics: Trajectories and challenges (PDF)

[14] US Department of Energy, September 2016: The Future Arrives for Five Clean Energy Technologies (PDF)

[15] Markus Hagemann et al., April 2017: Kick-starting global decarbonisation: It only takes a few actors to get the ball rolling (PDF)

[16] WRI, 11.04.2017: This Interactive Chart Explains World’s Top 10 Emitters, and How They’ve Changed

[17] Die Grafik beruht auf Zahlen des Umweltbundesamts. Diese finden sich in dieser Excel-Tabelle.

[18] methanlevels, Stand 05.05.2018: Global CH4 Levels

[19] Yale360, 25.10.2016: What is Causing the Recent Rise in Methane Emissions?

[20] weltinnenpolitik, 29.05.2017: Das Treibhausgas aus Rindermägen und Reisfeldern

[21] weltinnenpolitik, 15.10.2016: Welt erspart Klima ein halbes Grad

[22] Worldometers, Stand 05.05.2018: World Population

[23] Rockström et al., 23.09.2099: A safe operating space for humanity

[24] National Geographic, 27.03.2016: Saving Half the Planet for Nature Isn’t As Crazy As It Seems

[25] The Anthropocene Review, 2014: The Anthropocene Review: Its significance, implications and the rationale for a new transdisciplinary journal

Operation Industriemuseum

Trump will unrentable Atom- und Kohlemeiler unter Schutz stellen

Die „nationale Sicherheit“ der USA hängt an unrentablen Atom- und Kohlemeilern, argumentiert ein Plan des US-Energieministeriums. Daher muss deren Abschaltung muss unbedingt verhindert werden.

Den „Krieg gegen die Kohle“ wolle er beenden, versprach US-Präsident Donald Trump im Wahlkampf. Dieses Versprechen beruhte auf der Annahme, die Politik drücke absichtlich die Kohle aus dem Markt. Mittlerweile ist jedoch klar, dass der Markt selbst dafür sorgt, dass immer weniger Kohle verstromt wird. In den USA ist die Stromerzeugung mit neuen Wind- und Solaranlagen billiger als in alten und voll amortisierten Kohlekraftwerken. Dadurch beschleunigt sich unter Trump der US-Kohleausstieg. Die Beratungsforma Navigant schätzt, dass in den nächsten zehn Jahren Kohlemeiler mit einer Kapazität von 73 Gigawatt vom Netz gehen – ein Viertel der US-Kohlekraftwerke. „Das ist mehr als doppelt soviel als in unserer Schätzung von letztem Jahr“, sagt Bruce Hamilton von Navigant. [1] Dabei ist Navigant noch konservativ: Max Cohen von der Beratungsfirma IHS Markit schätzt, dass „rund 100 Gigawatt abgeschaltet werden. Das ist etwa ein Drittel der Flotte.“ [1] Ökonomisch wäre das sinnvoll. Die Energiemarktspezialisten von Bnef gehen davon aus, dass die Hälfte aller Kohle- und Atomkraftwerke in den USA ihre laufenden Kosten nicht decken können. [2]

Bedrohte Art. Das 2250-MW-Kohlekraftwerk Navajo soll Ende 2019 geschlossen werden, weil sich der Weiterbetrieb nicht mehr lohnt. (Foto: Myrabella / Wikimedia)

Bedrohte Art. Das 2250-MW-Kohlekraftwerk Navajo soll Ende 2019 geschlossen werden, weil sich der Weiterbetrieb nicht mehr lohnt. (Foto: Myrabella / Wikimedia)

Letzte Woche instruierte daher Trump seinen Energieminister Rick Perry, „sofortige Schritte zu unternehmen, um den Verlust dieser Ressourcen zu stoppen“. [3] Wie das gehen könnte, erklärt ein 41-Seiten-Dokument aus Perrys Ministerium. Dieses stellt fest, das US-Stromnetz sei zuverlässig, aber „Zuverlässigkeit im herkömmlichen Sinn ist nicht ausreichend“. [4] Das Netz müsse auch widerstandsfähig (resilient) sein und das könne nur mit Anlagen gewährleistet werden, die „einen sicheren Brennstoffvorrat vor Ort haben, inklusive Atom- und Kohlekraftwerke“. Aus diesem Grund soll eine „Strategische Stromerzeugungsreserve“ geschaffen werden, „um die nationale Verteidigung zu stärken“. Praktisch handelt es sich dabei um eine Liste von Kraftwerken, deren Abschaltung verhindert werden soll. Dafür sollen Stromnetzbetreiber dazu gezwungen werden, diesen Anlagen genug Strom abzukaufen, damit sie rentabel betrieben werden können. Initial soll dieser Zwangskauf auf zwei Jahre beschränkt werden, während denen das Energieministerium einen langfristigen Plan erarbeitet.

Für einen derart radikalen Eingriff in den Strommarkt bedarf es einer gesetzlichen Grundlage. Das Energieministerium scheint sich aber nicht sicher zu sein, ob das US-Energiegesetz (Federal Power Act) dafür ausreicht. Dieses setzt einen „Notfall“ voraus, um in den Strommarkt einzugreifen. Ausserdem hat Perry schon im Januar dieses Jahres versucht, aufgrund dieses Gesetzes eine Subvention für Atom- und Kohlemeiler durchzusetzen und ist damit an der Regulierungsbehörde für den Energiemarkt (FERC) gescheitert. [5] Daher setzen Perrys Juristen zusätzlich auf ein zweites Gesetz: den „Defense Production Act“ aus dem Jahr 1950. Dieses Gesetz ermöglicht weitreichende Markteingriffe im Namen der „nationalen Sicherheit“. Ausserdem räumt es dem Präsidenten einen grossen Ermessensspielraum ein, „nationale Sicherheit“ zu definieren. Damit gleicht es der Rechtsgrundlage für die US-Stahl- und Aluminiumzölle. Ironischerweise enthält der Defense Production Act aber auch einen Paragrafen zu erneuerbaren Energien: „Die heimischen Energiequellen sollten im größtmöglichen Umfang durch Nutzung erneuerbarer Energien erhöht werden.“ [6]

Wenn unrentable Atom- und Kohlemeiler künstlich geschützt werden, hat das Konsequenzen für den ganzen Strommarkt, sagt Jon Wellinghoff, ein ehemaliger FERC-Chef: „Was Trump macht, ist die Rückkehr zu einem System wie in der Sowjetunion. Wenn man eine signifikante Anzahl subventionierter Kraftwerke hat, dann führt das zu einem substantiellen Verfall der Marktpreise. Während sie ein Marktsegment schützen, könnte daher ein anderes Marktsegment in Konkurs gehen“ sagte Wellinghoff gegenüber der Spezialpublikation Utilitydive. [7] Wer letztlich dafür die Zeche zahlt ist für Wellinghoff klar: „Wenn man von einem marktbasierten System zu einem nicht-marktbasierten System wechselt, steigen die Strompreise.“ Wie schon die Stahl- und Aluminiumzölle würde dies die Wettbewerbsfähigkeit der US-Industrie verschlechtern. Warum sich dadurch die nationale Sicherheit verbessert, ist unklar. Vermutlich geht es daher um etwas anderes bei der „Operation Industriemuseum“. mic

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[1] Forbes, 09.05.2018: Coal Collapsing Faster Under Trump; Wind, Solar, Gas All Benefit

[2] ThinkProgress, 27.03.2018: Unprofitable coal plants now play ‘game of chicken’ to survive, says Bloomberg

[3] White House, 01.06.2018: Statement from the Press Secretary on Fuel-Secure Power Facilities

[4] DOE, 29.05.2018: Draft Memo – Not for Further Distribution (PDF)

[5] ThinkProgress, 08.01.2018: Rick Perry’s plan to make taxpayers bail out coal and nuclear rejected by federal agency

[6] Fema, Oktober 2009: The Defense Production Act of 1950 (PDF)

[7] UtilityDive, 04.06.2018: How Trump’s ‚Soviet-style‘ coal directive would upend power markets

Batterien vor und hinter dem Zähler

Mit Batterien lässt sich schon heute auf dem Strommarkt Geld verdienen

Batterien können innert Sekundenbruchteilen Strom liefern und sind daher ideal für die Stabilisierung des Stromnetzes. Trotz der noch hohen Anschaffungskosten können Batterien daher rentabel betrieben werden.

Das Stromnetz kann mit einem See verglichen werden, dessen Zu- und Abflüsse immer genau gleich gross sein müssen. Ändert sich der „Wasserspiegel“ bricht das Netz zusammen und der Strom fällt aus. Bislang haben die Stromkonzerne die Netzstabilität beinahe ohne Stromspeicher gewährleistet. Einzig Pumpspeicherkraftwerke konnten als „Batterien“ genutzt werden. Doch richtige Batterien werden sehr schnell sehr viel billiger. Seit dem Jahr 2010 ist der Preis pro Kilowattstunde (kWh) Speicherkapazität von 1000 Dollar auf noch 150 bis 200 Dollar letztes Jahr gefallen. [1] Dieser Preisverfall ist nicht nur dabei den Automarkt zu revolutionieren, sondern auch den Strommarkt. Aus Sicht der Unternehmensberatung McKinsey stehe dieser vor der „nächsten disruptiven Technologie“ in nur wenigen Jahren [2]: „Bei der Kostenentwicklung haben wir bei Solarstrom den Kipppunkt bereits erreicht und früher oder später werden wir auch den Kipppunkt bei Stromspeichern erreichen“, sagt David Frankel von McKinsey. [3]

Umgekehrt bedeutet das aber auch, dass Batterien momentan noch zu teuer sind. Trotzdem werden bereits heute Batteriespeicher von Stromkonzernen geordert.  Der erste Grossspeicher wurde bei Los Angeles gebaut – mit einer Kapazität von 120 Megawattstunden (MWh). Der dortige Stromversorger befürchtete Stromausfälle in der Millionenmetropole. Die Batterielösung war teurer als ein neues Gaskraftwerk, dafür war die Batterie nach nur acht Monaten Bauzeit am Netz. [1] Bei einem Gaskraftwerk dauert allein das Genehmigungsverfahren Jahre. Noch schneller ging es bei Teslas Grossbatterie in Südaustralien: Nach einem Stromausfall im März 2017 bot Tesla-Chef Elon Musk der dortigen Provinzregierung eine Wette an: Entweder Tesla schafft es innert 100 Tagen eine 129-MWh-Batterie zu installieren oder die Provinz bekommt die Batterie geschenkt. Musk hielt Wort und seine Batterie revolutioniert jetzt den südaustralischen Strommarkt. [4]  „Die Geschwindigkeit und Präzision“ der Batterie seien „beispiellos“, sagt Australiens Netzbehörde Aemo. [5] Dies zeigte die Anlage schon im ersten Monat: Nach dem Ausfall eines 690-Megawatt-Kohlekraftwerks glich die Batterie den Spannungsabfall im Netz innert Sekundenbruchteilen aus. [5]

Wahrscheinlich ist die Batterie sogar profitabel, da sie auf zweierlei Arten Geld verdient. Zum einen dient sie einem nahegelegenen Windpark als Stromspeicher und hilft diesem mehr Geld an der Strombörse zu verdienen. Dabei profitiert sie sowohl bei einem Überangebot an Strom als auch bei Strommangel. Südaustraliens Strommarkt ist relativ isoliert vom Rest des Landes und der Strompreis entsprechend volatil. Wenn zuviel Strom im Netz ist fällt er auf minus 1000 australische Dollar [6] und steigt bei Knappheit auf bis zu 14‘000 Dollar pro MWh [7]. Je grösser die Schwankungen desto mehr Profit. Die australische Beratungsfirma Energy Synapse schätzt den Gewinn der Batterie in den ersten vier Betriebsmonaten auf 1,4 Million Dollar. [8] Der grösste Teil davon wurde an nur fünf Tagen erwirtschaftet als die Preisschwankungen besonders gross waren. Wenn man diese fünf Tage herausrechnet, war der Gewinn aus dem Stromhandel hingegen eher bescheiden: 530 Dollar pro Tag. [8] Hinzu kommt allerdings noch das Entgelt für die Vorhaltung von Regelenergie zur Netzstabilisierung. [8]

Powerkisten. Teslas Batterie passt in ein paar Transportcontainer. (Foto: Hornsdale Power Reserve)

Powerkisten. Teslas Batterie passt in ein paar Transportcontainer. (Foto: Hornsdale Power Reserve)

Batterien können aber nicht nur von Energiekonzernen „vor dem Zähler“ eingesetzt werden sondern auch von Konsumenten „hinter dem Zähler“. Besitzer einer Solaranlage können mit einer Batterie Stromproduktion und –verbrauch miteinander in Einklang bringen. Der deutsche Batteriehersteller Sonnen bietet zudem die Möglichkeit, als Konsument zur Netzstabilisierung beizutragen. Wer eine Solaranlage auf dem Dach und eine Sonnen-Batterie im Keller oder ein Elektroauto in der Garage hat, kann Teil eines „virtuellen Kraftwerks“ werden. In Deutschland sind dies mittlerweile 20‘000 Haushalte mit einer totalen Speicherkapazität von 240 MWh. Dieses „virtuelle Kraftwerk“ stellt Regelenergie zur Netzstabilissierung bereit. Das ist so lukrativ, dass Sonnen den Teilnehmern eine Strom-Flatrate zum Preis von Null anbietet. Geschenkt bekommt man die erforderliche Batterie allerdings nicht.

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[1] The Economist, 12.08.2017: After electric cars, what more will it take for batteries to change the face of energy?

[2] McKinsey, Juni 2017: Battery storage: The next disruptive technology in the power sector

[3] milken institute review, 22.01.2018: The Missing Link in Renewables

[4] The Guardian, 06.02.2018: How Tesla’s big battery is bringing Australia’s gas cartel to heel

[5] ABC, 06.04.2018: How Elon Musk’s big Tesla battery is changing Australia’s power landscape

[6] electrek, 14.01.2018: Tesla’s massive battery in Australia was paid up to $1000/MWh to charge itself

[7] electrek, 23.01.2018: Tesla’s giant battery in Australia made around $1 million in just a few days

[8] Energy Synapse, 05.04.2018: Four months in, SA Tesla battery is showing mixed results in energy arbitrage

Detektiv Montzka und der Ozonkiller

Wissenschaftler haben geheimnisvolle, neue Quelle eines FCKWs entdeckt

Dank des Montreal Protokolls ist die Herstellung ozonzerstörender Stoffe weltweit verboten. Seit Jahren sinkt daher die Konzentration dieser Stoffe in der Atmosphäre. Doch nun hat sich die Abbaurate eines Stoffes verlangsamt, was auf neue Emissionen hindeuten könnte.

Eins von Tausend Milliarden klingt nach wenig. Dieses Verhältnis entspricht drei Sekunden von 100‘000 Jahren. Doch hier geht es um einen Stoff, der die Ozonschicht zerstört. In den Jahren 2002 bis 2012 ist die Konzentration von Freon 11 (auch Trichlorfluormethan oder CFC-11) in der Atmosphäre jedes Jahr um zwei Moleküle pro eine Billion „Luftteilchen“ gesunken. Doch ab 2012 hat sich diese Rate halbiert auf eine Abnahme um nur noch ein Molekül pro Jahr. [1] „Ich mache das seit 27 Jahren und das ist das Überraschendste, das ich je gesehen habe. Ich war schockiert”, sagte Stephen Montzka von der National Oceanic and Atmospheric Administration, einer Forschungseinrichtung der US-Regierung. [2] Der Grund für Montzkas Erstaunen ist simpel: Seit dem Jahr 2007 wird weltweit kein Freon 11 mehr hergestellt. Folglich müsste die Konzentration dieses Stoffes in der Atmosphäre nun kontinuierlich sinken. Dass sich die Abnahmerate plötzlich verändert hat, lässt aber nur einen Schluss zu: neue Emissionen.

Täter? Freon 11 wurde früher als Kühlmittel in Klimaanlagen und Kühlschränken benutzt. Aus welchem Jahr diese Klimaanlagen in China stammen, ist allerdings unbekannt. (Foto: skowalewski / pixabay)

Täter? Freon 11 wurde früher als Kühlmittel in Klimaanlagen und Kühlschränken benutzt. Aus welchem Jahr diese Klimaanlagen in China stammen, ist allerdings unbekannt. (Foto: skowalewski / pixabay)

„Es scheint, jemand hält sich nicht ans Montreal Protokoll“ sagt Susan Strahan von der Nasa. [3] Das Protokoll aus dem Jahr 1987 gilt als das erfolgreichste Umweltabkommen der Welt: Es verbietet die Produktion von ozonzerstörenden Substanzen und schützt damit auch das Klima. Freon 11 hat eine 4750 mal stärkere Treibhauswirkung als CO2. Ein Verstoss gegen das Montreal Protokoll gilt als Umweltverbrechen. [4] Daher verwundert es nicht, dass sich Montzka als „Detektiv der Atmosphäre“ versteht. „Wir versuchen zu verstehen, was passiert und warum“, sagte Montzka gegenüber der britischen Zeitung Express. [2] In einem ersten Schritt berechnete er, um wieviel die Emissionen von Freon 11 zugenommen haben. Das Resultat: 13‘000 Tonnen pro Jahr. [1] „Es sieht so aus, als ob jemand das neu produziert“, sagt Montzka. [2] Für Strahan wird der Fall dadurch noch mysteriöser: „Ich weiss, nicht warum jemand Freon 11 braucht. Es gibt viele Ersatzstoffe. Das macht wirklich keinen Sinn.“ [3]

Doch wer ist dieser „jemand“? Um diese Frage zu beantworten, verglich Montzka die Freon 11 Konzentration auf der Nord- und der Südhalbkugel der Erde. Wegen der Emissionen in der Vergangenheit ist die Konzentration im Norden noch immer höher, aber der Unterschied zum Süden ging jahrelang zurück. Seit 2012 ist der Unterschied aber wieder gewachsen, um rund die Hälfte. [1] Mit Hilfe von Computermodellen der Atmosphäre versuchte Motzka dann die Emissionsquelle genauer einzugrenzen und kam zum Schluss, dass diese in Ostasien liegen muss. Mit seiner Studie im Wissenschaftsmagazin Nature habe Montzka den Jagdtrieb von Wissenschaftlern angestachelt, sagt Paul Newman, der Co-Vorsitzende des Wissenschaftspanels des Montral Protokolls: „Sie schauen ihre Daten an und forschen nach. ‚Vielleicht habe ich ein paar gute Freon 11 Messwerte?‘“ [5] Wenn das nicht hilft, blieben nur neue Messungen: „Die Leute werden ihre Instrumente herausholen und lokale Messungen machen, um die Quellen zu finden“, sagte Neman gegenüber der Internetpublikation The Outline. Ausserdem hofft Newman auf die verdächtigten Länder: „Behörden in Ostasien werden sich ihre Chemiefirmen sehr genau anschauen.“

Es gibt allerdings einen weiteren Verdächtigen, wie eine neue Studie aus dem Wissenschaftsmagazin Environmental Science and Technology zeigt: Das Missmanagement von ausgesonderten Klimaanlagen und Kühlschränken in China. [6] Gemäss Montreal Protokoll müssen ozonschädliche Kühlmittel gesammelt und vernichtet werden. Doch dies werde oft nicht getan. Die Autoren gehen daher davon aus, dass die Emissionen beim Abwracken der Geräte noch bis zum Jahr 2025 ansteigen werden und erst dann sinken. Aus Sicht von Montzka sind diese Emissionen aber zu klein: „Die beste Schätzung der Freon 11 Emissionen aus dieser Aktivität ist eine Menge, die keine merkliche Rolle beim Emissionsanstieg spielt, über den wir berichtet haben.“ [7] Noch ist der Fall also ungelöst. Dennoch bestehe kein Grund zur Panik, sagt Montzka. Wissenschaftler erwarten, dass die Ozonschicht zwischen den Jahren 2050 und 2070 wieder den Zustand von 1980 erreicht. „Wenn die erhöhten Emissionen schnell verschwinden, dann ist ihr Einfluss auf den Zeitpunkt der Erholung der Ozonschicht geringfügig“, so Montzka. [2] „Wenn sie nicht verschwinden könnte es eine zehnjährige Verzögerung geben und falls sie ansteigen ist die Verzögerung sogar noch länger.“ mic

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[1] Montzka et al, 16.05.2018: An unexpected and persistent increase in global emissions of ozone-depleting CFC-11

[2] Express, 17.05.2018: Rise in banned ozone-layer damaging chemical CFC-11 leaves scientists baffled

[3] Popular Science, 18.05.2018: The world agreed to ban this ozone killer years ago—but it looks like someone is making more

[4] Wikipedia, Stand 31.05.2018: Umweltkriminalität

[5] The Outline, 28.05.2018: Scientists race to find who is pumping an incredibly dangerous gas into the atmosphere

[6] Huabo Duan et al., 07.05.2018: Chilling Prospect: Climate Change Effects of Mismanaged Refrigerants in China

[7] UPI, 24.05.2018: Improperly recycled refrigerators not enough to explain rise in ozone-eating gas