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IEA versucht sich wieder an Vorhersage

Die IEA unterschätzt seit Jahren systematisch das Wachstum der Erneuerbaren

Computermodelle sind nur so gut wie die Zahlen, mit denen man sie füttert. Das gilt auch für das Basiszenario der Internationalen Energieagentur IEA. Dieses unterschätzt den Kostenverfall bei Solaranlagen und ignoriert, dass Solarkraft derzeit exponentiell wächst.

Die Menschen wollten schon immer wissen, was die Zukunft bringt. In der Antike vertrauten sie etwa dem Orakel von Delphi. Dort versetzte sich eine Apollo-Priesterin in Trance, um dann kryptische Weissagungen von sich zu geben. Heute benutzt man Computermodelle, die in pseudo-präzisen Zahlen die Zukunft beschreiben. Die Trefferquote ist oft ähnlich wie etwa das Beispiel der Internationalen Energieagentur IEA zeigt. Diese veröffentlicht jedes Jahr eine Vorhersage zur zukünftigen Entwicklung der Energiebranche. Dabei unterschätzt sie jedes Mal das Wachstum der Erneuerbaren. Wer eine verlässliche Vorhersage sucht, sollte es hiermit versuchen: Nächstes Jahr wird die IEA ihre Prognose für die Erneuerbaren wieder nach oben korrigieren, so wie sie dies seit 2004 tut.

Expertin. Was die Pythia wohl zum Kostenverfall bei Solaranlagen sagt? (Statue: Marcello alias Adèle d'Affry, Duchesse de Castiglione-Colonna; Foto: Mussklprozz / Wikimedia)

Expertin. Was die Pythia wohl zum Kostenverfall bei Solaranlagen sagt? (Statue: Marcello alias Adèle d’Affry, Duchesse de Castiglione-Colonna; Foto: Mussklprozz / Wikimedia)

Besonders eindrücklich zeigt dies Auke Hoekstra von der Technischen Universität Eindhoven in einer Grafik. [1] Dort sieht man, dass die IEA jedes Jahr davon ausgeht, der Zubau an Solaranlagen habe einen Höhepunkt erreicht und bleibe für die kommenden Jahre weitgehend unverändert. Im folgenden Jahr stellen die IEA Modellierer dann erstaunt fest, dass der Zubau deutlich gestiegen ist und korrigieren ihre Zahlen nach oben. Dass der Zubau bei Solaranlagen derzeit einer exponentiellen Kurve folgt, ist ihnen in den letzten zehn Jahren allerdings nicht aufgefallen. Die IEA antwortet darauf, dass es sich bei ihrem ‚Ausblick‘ um ein Szenario und nicht um eine Vorhersage handelt. Dem widerspricht Michael Liebreich, von ‚Bloomberg New Energy Finance‘ (Bnef), einem Think Tank, der ebenfalls Prognosen zu unserer Energiezukunft berechnet: „Wenn es wie eine Vorhersage aussieht, schwimmt und quakt, dann ist es eine Vorhersage“, und empfiehlt den IEA-Kollegen in Bezug auf ihr Modell: „Es kommt Mist raus? Dann hört auf, Mist reinzutun.“ [2]

Höhenrausch. Jedes Jahr geht die IEA davon aus, dass der Solar-Zubau einen Höhepunkt erreicht hat und nun in etwa gleich bleibt. Das offensichtlich exponentielle Wachstum können die IEA Modellierer nicht erkennen. (Grafik: Auke Hoekstra)

Höhenrausch. Jedes Jahr geht die IEA davon aus, dass der Solar-Zubau einen Höhepunkt erreicht hat und nun in etwa gleich bleibt. Das offensichtlich exponentielle Wachstum können die IEA Modellierer nicht erkennen. (Grafik: Auke Hoekstra)

Liebreich geht es dabei aber nicht nur darum, über einen Konkurrenten herzuziehen. „Schlechte Vorhersagen von Organisationen mit grosser Autorität haben Konsequenzen. Sie verstärken sich selbst.“ [1] Wenn die Erneuerbaren systematisch unterschätzt würden, „schreckt das Politiker, Investoren und Geschäftleute davon ab, sie zu unterstützen“. Damit stellt sich die Frage, warum die IEA Prognosen so verlässlich falsch sind. Leider sagt die IEA aber nicht, wie ihr Computermodell genau funktioniert und mit welchen Annahmen sie arbeitet. Dennoch gibt es Anhaltspunkte: Gemäss Tim Buckley vom US-Forschungsinstitut Ieefa unterschätzt die IEA den Kostenverfall bei Solaranlagen: „Das Ieefa würde die Kostenreduktion bei 5 bis 10 Prozent pro Jahr ansetzen – doppelt so hoch wie die 4 Prozent in der IEA Prognose.“ [3]

Der britische Think Tank ‚Carbon Tracker‘ weist derweil auf die IEA-Annahme linearen Wachstums hin. Carbon Tracker hat rund ein Dutzend Prognosen zum Wachstum der Erneuerbaren untersucht und teilt diese in drei Gruppen ein: Szenarien mit 6 bis 8 Prozent Wachstum wie das der IEA; Szenarien mit 10 Prozent Wachstum wie die der Ölkonzerne Shell und Statoil oder dem von Bnef; und schliesslich Szenarien mit 13 bis 14 Prozent Wachstum wie das der Berater von Ecofys. Dabei sei „wichtig festzuhalten, dass die Szenarien mit hohem Wachstum nicht-linear sind und zunehmende Wachstumsraten vorhersagen.“ [4 s. S. 47]

Wie Carbon Tracker legt auch Liebreich der IEA nahe, ihr Modell zu ändern. Dabei verweist er ausgerechnet auf den grossen Gegenspieler der IEA als gutes Beispiel: die Opec. Diese hat letztes Jahr ihre Vorhersage für Elektroautos nach oben korrigiert: von weniger als 50 Millionen im Jahr 2040 auf über 250 Millionen – ein offensichtlich nicht-linearer Sprung. Liebreich meint, das sei „noch immer zu wenig“ aber konstatiert: Die Opec habe zumindest eingeräumt, „dass die Zukunft nicht wie die Vergangenheit aussieht.“ [2]

Die IEA bleibt derweil bei ihrem Vorgehen. Einem Trailer für den im November erscheinenden ‚Weltenergieausblick‘ konnte man bereits das Wachstum der Erneuerbaren entnehmen. [5] Wieder hat die IEA ihre Prognose nach oben korrigiert, denn – völlig überraschend – war der Zubau letztes Jahr grösser als angenommen. Statt Anlagen mit einer Kapazität von knapp 50 Gigawatt gingen 74 Gigawatt neu ans Netz, 50 Prozent mehr als erwartet. [6] Damit war Solarkraft die Stromquelle mit dem höchsten Zuwachs überhaupt. Wer hätte sowas gedacht? mic

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[1] Auke Hoekstra, 12.06.2017: Photovoltaic growth: reality versus projections of the International Energy Agency

[2] Michael Liebreich, 27.09.2017: In Energy and Transportation, Stick it to the Orthodoxy!

[3] Carbon Brief, 26.10.2017: How have the IEA’s renewable forecasts changed?

[4] Carbon Tracker, Oktober 2015: Lost in Transition (PDF)

[5] IEA, Oktober 2017: Market Report Series: Renewables 2017

[6] Carbon Brief, 04.10.2017: IEA: Renewable electricity set to grow 40% globally by 2022

Trumps unmögliche Nafta Forderungen

Beobachter befürchten, Trump will Nafta-Neuverhandlung scheitern lassen

Nafta soll eine Verfallsklausel erhalten und Autos sollen mindestens zur Hälfte in den USA gefertigt werden. Diese US-Forderungen sind für einen Handelsvertrag äusserst ungewöhnlich.

US-Präsident Donald Trump ist kein Freund der nordamerikanischen Freihandelszone Nafta, doch sein Agrarminister Sonny Perdue konnte ihn davon überzeugen, das Abkommen nicht zu kündigen sondern neu zu verhandeln. Dennoch liebäugelt Trump weiter mit einem Austritt wie ein Tweet von Ende August zeigt: „Wie sind im Prozess Nafta (der schlechteste Handelsdeal aller Zeiten) neu zu verhandeln mit Mexiko und Kanada. Beide sind sehr schwierig. Vielleicht muss ich Nafta doch beenden?“ [1] Einen Monat später vermeldeten die Unterhändler dann allerdings „signifikante Fortschritte“. [2] Dennoch wagte Perdue einen ungewöhlichen Vergleich: Die Handelsgespräche seien „wie die Nordkoreapolitik. Alle Optionen liegen auf dem Tisch.“ [3]

Da wundert es nicht, dass der Vizepräsident der US-Handelskammer John Murphy sagt: „Wir sind zunehmend besorgt über den Stand der Verhandlungen.“ [4] Grund dafür sind drei US-Forderungen: Erstens wollen die USA eine Verfalls- respektive ‚Sunset‘-Klausel für Nafta. Mit dieser würde der Vertrag automatisch nach fünf Jahren beendet, es sei denn er wird von allen drei Ländern verlängert. Zweitens will die Trump-Regierung den Zugang zum staatlichen Beschaffungswesen für mexikanische und kanadische Firmen weiter erschweren. Und drittens fordern die US-Unterhändler, dass ein Auto zu mindestens 50 Prozent in den USA gefertigt sein muss, damit es dort zollfrei verkauft werden kann. Dieses Ansinnen gilt als ungewöhnlich. Bislang muss ein Auto zu 62,5 Prozent in einem der drei Nafta-Länder hergestellt werden, damit keine Zölle anfallen. Murphy lehnt denn auch alle drei Forderungen ab: „Wir sehen diese Vorschläge als hochgefährlich und schon ein einziger würde dazu führen, dass Industrie- und Landwirtschaftsverbände das Abkommen ablehnen.“ [4] Doch soweit würde es vielleicht gar nicht kommen, da Mexiko und Kanada unter diesen Bedingungen nicht weiterverhandeln würden, glaubt Murphy und warnt vor einem „chaotischen Zusammenbruch“ der Gespräche.

Zusammenfassung. Die US-Handelskammer sieht bei Trumps Handelspolitik noch Verbesserungspotential. (Foto: Marc Dixon / Wikimedia)

Zusammenfassung. Die US-Handelskammer sieht bei Trumps Handelspolitik noch Verbesserungspotential. (Foto: Marc Dixon / Wikimedia)

Unterstützung für die US-Position kommt hingegen vom Chef des AFL-CIO Gewerkschaftsbunds, Richard Trumka: „Die negative Reaktion der US-Handelskammer, kreative Lösungen nur schon zu diskutieren, zeigt wie stark Unternehmensführer vom Status Quo bei Nafta profitieren.“ [4] Emily Davis, eine Sprecherin des US-Handelsbeauftragten, verteidigte ebenfalls die Vorschläge. Das Ziel des Präsidenten sei, „grossartige Jobs für Amerikaner zu schaffen und ein unverschämtes Handelsdefizit zu reduzieren.“ [4] Letzteres kritisiert Gary Hufbauer vom US-Think-Tank ‚Peterson Institute‘: Das Defizit sei „kein Mass, um den Wert eines Handelsabkommens zu bewerten. Das Denken von Präsident Trump ist sehr simpel.“ [5] Ausserdem ignoriere Trump Dienstleistungen: „Was man nicht sehen und treten kann, zählt für ihn nicht.“ Dabei hätten die USA einen grossen Überschuss beim Handel mit Dienstleistungen. Die Fixierung auf den Güterhandel irritiert auch Kanada und Mexiko, die lieber über Internthandel, Datenschutz und 3D-Drucker reden würden. „All dieses Gerede von Kohle und Stahl erinnert mich sehr an den zweiten Weltkrieg“, sagte etwa der ehemalige Handelsattaché an Mexikos Botschaft in Washington, Antonio Ortiz-Mena. [6]

Robert Zoellick, Handelsbeauftragter unter US-Präsident George Bush junior, befürchtet, dass es Trump darum geht, die Verhandlungen mit unmöglichen Forderungen zu Fall zu bringen. „Es gibt mindestens eine 50 Prozent Wahrscheinlichkeit, dass Trump nächstes Jahr (aus Nafta) aussteigt.“ [7] Der Präsident des kanadischen Verbands der Autozulieferer, Flavio Volpe, sieht in Trumps Drohungen hingegen Verhandlungstaktik: „Manchmal droht jemand mit einem Heuschreckenschwarm, aber diese Verhandlungspartei wird wohl wissen, wie verletzlich die eigenen Felder sind.“ [7] Letztlich hat Perdue wohl recht. Das Verhältnis zwischen den drei Nafta-Partner ist wie die Beziehung zwischen den USA und Nordkorea: „Alle Optionen liegen auf dem Tisch.“ Welche zum Einsatz kommt, zeigt sich vielleicht schon diese Woche. Von Mittwoch bis Freitag wird wieder verhandelt. mic

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[1] Donald Trump, 27.08.2017: Tweet

[2] Kanada, 27.09.2017: Trilateral Statement on the Conclusion of the Third Round of NAFTA negotiations Statements

[3] ProAg, 10.09.2017: Secretary Perdue Discusses Ag Trade Policy

[4] Politico, 06.10.2017: Chamber calls many Trump administration NAFTA proposals ‚dangerous‘

[5] The New Yorker, 09.10.2017: How Mexico Deals with Trump

[6] Foreign Policy, 06.10.2017: Trump’s NAFTA Plans Are On a Collision Course With Absolutely Everyone

[7] Bloomberg, 06.10.2017: U.S. Chamber Warns of ‘Dangerous’ Trump Nafta Proposals

 

Auch in Kalifornien droht Benzin- und Dieselautos das Aus

Der US-Bundesstaat glaubt, auch ohne Washington Verbrennungsmotoren verbieten zu können

Immer mehr Länder wollen in Zukunft den Verkauf von Benzin- und Dieselautos untersagen. Nun erwägt mit Kalifornien auch ein Bundesstaat diesen Schritt. Vorschriften für die Registrierung von Fahrzeugen und den Zugang zu Autobahnen sollen dies möglich machen.

Vorbild China. Der Gouverneur von Kalifornien Jerry Brown erwägt Autos mit Verbrennungsmotoren zu verbieten. Dies sagte die Chefin der kalifornischen Behörde für saubere Luft (Carb), Mary Nichols. „Ich habe Nachrichten vom Gouverneur bekommen mit der Frage: ‚Warum haben wir noch nichts gemacht?‘“ Brown wolle insbesondere wissen, „warum China das kann und Kalifornien nicht“. [1] Damit bezieht sich Brown auf eine Ankündigung von Chinas Vizeminister für Industrie Xin Guobin. Dieser hatte Anfang September gesagt, sein Ministerium arbeite an einem „Zeitplan“ der „in naher Zukunft“ vorgestellt würde. [2] Ab wann China den Verkauf von Autos mit Benzin- und Dieselmotoren verbieten wird, sagte er allerdings nicht. In Frankreich und Grossbritannien ist dies das Jahr 2040 (in Schottland 2032) und in Norwegen sogar schon das Jahr 2025. Letzteres wird derzeit auch in den Niederlanden diskutiert. Ehrgeizig ist auch Indien: Das Land hat das Ziel ausgegeben, dass ab 2030 nur noch abgasfreie Fahrzeuge in Verkehr gebracht werden.

Übertrumpft. Ronald Reagans kalifornische Anti-Smog-Behörde könnte einen seiner Nachfolger vorführen. (Foto: White House / Wikimedia)

Übertrumpft. Ronald Reagans kalifornische Anti-Smog-Behörde könnte einen seiner Nachfolger vorführen. (Foto: White House / Wikimedia)

Kalifornien will seine Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2050 um 80 Prozent im Vergleich zum Jahr 1990 senken. „Um dieses anspruchsvolle Ziel zu erreichen, müssen wir wohl alle Verbrennung bis 2040 oder 2050 durch eine Form erneuerbarer Energie ersetzen“, sagt Nichols. [1] Dabei rechnet sie allerdings nicht mit einem Entgegenkommen der Zentralregierung in Washington. Diese müsste Kalifornien eine Sondergenehmigung erteilen, damit der Bundesstaat eine Regelung einführen kann, die von den nationalen Vorschriften abweicht. Kalifornien hat bereits eine Sondergenehmigung für strengere Abgasvorschriften. Diese verdankt der Staat seinem ehemaligen Gouverneur Ronald Reagan. Der spätere US-Präsident schuf Carb im Jahr 1967 – drei Jahre bevor die Umweltschutzagentur EPA auf Bundesebene geschaffen wurde. [3] Daher erhielt Kalifornien die Erlaubnis, an den bereits erlassenen Vorschriften festzuhalten. Diese deckt ein komplettes Verbot von Benzin- und Dieselautos aber nicht ab und Nichols glaubt nicht an eine weitere Sondergenehmigung: „Wir erwarten definitiv nicht, dafür eine Erlaubnis von der EPA zu bekommen. Ich glaube, wir müssen uns unsere anderen regulatorischen Kompetenzen anschauen, um zu diesem Resultat zu kommen.“ [1] Dazu gehörten etwa die Vorschriften zur Registrierung von Fahrzeugen oder Bestimmungen, die den Zugang zu Kaliforniens Autobahnen regeln.

Ab wann der Bann gelten würde, weiss Nichols aber noch nicht: „Es gibt Leute, auch in meiner Behörde, die glauben, dass man alle Verkäufe von Autos mit Verbrennungsmotoren ab dem Jahr 2030 stoppen kann. Andere sagen 2035 und wieder andere 2040. Es ist unglaublich schwer, das vorherzusehen.“ [1] Sollte Kalifornien tatsächlich Benzin- und Dieselautos verbieten, wäre dies mehr als ein Signal. Letztes Jahr wurden in dem Bundesstaat zwei Millionen Autos verkauft – mehr als in Frankreich, Italien oder Spanien. Ausserdem orientieren sich viele andere US-Bundesstaaten an Kalifornien beim Kampf gegen Luftverschmutzung und Klimawandel. mic

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[1] Bloomberg, 26.09.2017: California Considers Following China With Combustion-Engine Car Ban

[2] weltinnenpolitik, 12.09.2017: Auch China will Benzin- und Dieselautos verbieten

[3] New York Times, 27.09.2017: U.S. Climate Change Policy: Made in California

Kommentar: Jamaika kann kommen

Die Wahlergebnisse sind heftig aber das Resultat ist eigentlich nicht schlecht. Zunächst zum Offensichtlichen: Die gestiegene Wahlbeteiligung ist positiv und der Einzug der AfD in den Bundestag negativ. Letzteres war aber zu erwarten. Trotzdem ist der AfD-Erfolg natürlich eine Zäsur: Zum ersten Mal seit 1945 sitzt wieder eine Partei im Reichstag, die völkische Ideen vertritt. Insofern ist es richtig, dass die SPD in die Opposition geht. Anfangs war diese Entscheidung irritierend, weil sie die anderen Mitte-Parteien in eine Jamaika-Koalition zwingt. Eine Wiederauflage der Grossen Koalition hätte aber zu eine weiteren Stärkung der Ränder geführt. Ausserdem stellt die SPD nun den Oppositionsführer und nicht die AfD. Die Jamaika-Koalition kann man derweil kaum als „Erdbeben“ bezeichnen. Schliesslich schicken sich hier drei (mit der CSU vier) bürgerliche Parteien an, eine Regierung zu bilden. Eine Revolution sieht anders aus. Dennoch könnte Jamaika wesentliche Impulse setzen: Die Grünen werden für mehr Klimaschutz sorgen als eine Grosse Koalition und die FDP kann endlich zeigen, ob sie wirklich bessere Ideen für das Steuerrecht hat. Ausserdem stärkt die FDP die Stimme der Freihändler in der Regierung. Durch geschicktes Verhandeln lassen sich die Stärken der verschiedenen Parteien kombinieren: So könnten FDP und Grüne etwa endlich ein punktebasiertes Einwanderungsgesetz durchdrücken, während sich die CSU um die Ausschaffung illegaler Ausländer kümmert. Das Wahlresultat zwingt Deutschland wichtige Debatten auf. Dank Jamaika als einziger Alternative zu Neuwahlen besteht allerdings die Hoffnung, dass dabei auch neue und kreative Lösungen gefunden werden. Jamaika kann kommen. mic

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Tschechischer Energiekonzern kauft noch ein defizitäres Kohlekraftwerk

Das Steinkohlekraftwerk Mehrum geht an die tschechische EPH-Gruppe

Kohlekraftwerke bekommt man heute oft schon für einen Euro. Ob sich diese Investition lohnt, ist dennoch unsicher. Wegen der niedrigen Preise an der Strombörse schreiben Kohlemeiler Verluste und ab dem Jahr 2021 gelten neue EU-Grenzwerte für Schadstoffe.

Der tschechische Energiekonzern EPH (von ‚Energeticky a prumyslovy Holding‘) sammelt deutsche Kohlekraftwerke und Braunkohle-Tagebaue. Im Jahr 2009 übernahm EPH die Mibrag (Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft) und damit zwei Tagebaue und zwei Kraftwerke sowie andere Beteiligungen. Letztes Jahr erlöste EPH dann den schwedischen Vattenfall Konzern von seinem deutschen Braunkohlegeschäft. Damit bekam EPH vier weitere Tagebaue, vier Kohlemeiler und andere Beteiligungen. Nun ‚divesifiziert‘ der Konzern ins Steinkohlegeschäft und kauft von den Stadtwerken Hannover und Braunschweig das Kraftwerk Mehrum. [1] EPH-Vostand Jan Springl sagte zum Kauf: „Aktuell wird unser Portfolio von Braunkohle als Primärenergieträger dominiert und mit Mehrum um Steinkohle strategisch ergänzt.“ [2] Für Springl ist dies ein gutes Geschäft: „Wir sind der Überzeugung, trotz der aktuell schwierigen Marktbedingungen für Kohlekraftwerke, eine wirtschaftliche Perspektive für Mehrum im Verbund unserer Kraftwerke zu finden“ Mehrum produzierte letztes Jahr mit 120 Mitarbeitern knapp 2000 Gigawattstunden (GWh) Strom.

Nachschublinie. Das Kraftwerk Mehrum verfügt über einen eigenen Kohlehafen am Mittellandkanal. (Foto: Crux / Wikipedia)

Nachschublinie. Das Kraftwerk Mehrum verfügt über einen eigenen Kohlehafen am Mittellandkanal. (Foto: Crux / Wikipedia)

Aus Sicht der Stadtwerke Hannover sieht die Situation genau umgekehrt aus. Deren Chefin Susanna Zapreva sagte: „Die konsequente Umsetzung unserer Strategie und der wirtschaftliche Druck im Kohlekraftwerksbereich haben uns dazu veranlasst, einen Verkauf in Erwägung zu ziehen.“ [2] Die Strategie der Hannoveraner beruht auf dem Rückzug aus der Kohleverstromung und dem Ausbau der erneuerbaren Energien. Aus diesem Grund wurde sogar eine Stillegung von Mehrum geprüft. [3] Denn das Kraftwerk ist ein schlechtes Geschäft. Letztes Jahr wurde der Wert der 83,33 Beteiligung an Mehrum um 29,1 Millionen Euro reduziert – nach einem Abschreiber im Jahr 2015 von 20,6 Millionen. [4 s. S. 27] Zur Wertminderung von Mehrum im Jahr 2016 hält der Geschäftsbericht der Stadtwerke Hannover fest: „Diese trägt den veränderten Rahmenbedingungen im Zusammenhang mit der Energiewende und der Strompreisentwicklung am Terminmarkt Rechnung.“ [4 s. Anhang S. 9] Dennoch schätzen auch die Hannoveraner die Zukunft von Mehrum positiv ein. Der ‚Zeitwert‘ betrage derzeit zwar 0,0 Millionen Euro und liege damit unter dem ‚Buchwert‘ von 41,5 Millionen Euro, aber: „Eine außerplanmäßige Abschreibung (auf 0,0 Millionen) wurde unterlassen, da die Wertminderung voraussichtlich nicht von Dauer ist. Dies begründet sich darin, dass mit der Stilllegung der letzten Kernkraftwerke in Deutschland und dem Ausscheiden älterer konventioneller Kraftwerke eine bessere Vermarktbarkeit des Kraftwerks Mehrum erwartet wird.“ [4 s. Anhang S. 9] Diesen Optimismus teilt der zweite Anteilseigner von Mehrum allerdings nicht. Die Stadtwerke Braunschweig haben ihre Mehrum-Beteiligung bereits auf Null abgeschrieben. Ob Mehrum für den Buch- oder den Zeitwert verkauft wurde, ist unbekannt. Über den Preis wurde Stillschweigen vereinbart. Ein Brancheninsider hält allerdings auch einen „negativen Preis“ für möglich.

Unklar ist auch ob das Kraftwerk die schärferen EU-Grenzwerte für Stickoxide (NOx), Schwefeloxide (SOx), Quecksilberemissionen und Feinstaub erfüllt. Diese Grenzwerte gelten ab dem Jahr 2021. Sollte Mehrum diese Grenzwerte nicht erfüllen, wäre eine Nachrüstung erforderlich. Ob dies der Fall ist, haben bislang aber weder das Kraftwerk Mehrum noch die Hannoveraner Stadtwerke beantwortet. Welche Auswirkungen die neuen Grenzwerte haben, hat ein US-Think Tank berechnet, das ‚Institute for Energy Economics and Financial Analysis‘ (IEEFA). In der Studie kommt IEEFA zum Schluss, dass insbesondere EPH durch die Grenzwerte gefährdet ist: „Die EPH-Strategie, notleidende Anlagen zu kaufen, funktioniert kurzfristig. Die Firma nähert sich aber einem Scheideweg im Jahr 2021, wo sie entweder grosse Teile ihres Kraftwerkparks verliert oder viel in alte Kraftwerke investieren muss, um den Martanteil zu halten.“ [5] Mehrum wurde 1979 in Betrieb genommen und im Jahr 2003 „umfassend“ modernisiert. Angaben zu den NOx, SOx, Quecksilber- und Feinstaubemissionen enthält die Internetseite des Kraftwerks allerdings nicht. mic

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[1] EPH, 19.09.2017: EPH announces acquisition of Mehrum Power Plant

[2] Stadtwerke Hannover, 31.08.2017: Einigung über Zukunft des Kraftwerks Mehrum

[3] Hannoversche Allgemeine, 27.04.2017: Stadtwerke wollen Kraftwerk Mehrum loswerden

[4] Stadtwerke Hannover, 2017: Jahresabschluss und Lagebericht für das Geschäftsjahr 2016 (PDF)

[5] IEEFA, Mai 2017: Europe’s Coal-Fired Power Plants: Rough Times Ahead (PDF)

Trump gibt Klimabewegung Schwung

US-Bundesstaaten, Städte und Firmen können Hälfte des US-Klimaziels ohne Washington erreichen

Ob die USA im Pariser-Klimaabkommen bleiben oder nicht, ist vielen US-Bundesstaaten, Städten und Firmen weitgehend egal. Sie setzen voll auf Klimaschutz.

Die US-Regierung gibt derzeit widersprüchliche Signale hinsichtlich des Verbleibs der USA im Pariser Klimaabkommen. Am Sonntag sagte der US-Aussenminister Rex Tillerson: „Wir wollen produktiv sein. Wir wollen helfen.“ [1] Einen Tag später sagte dann der Wirtschaftsberater von US-Präsident Donald Trump, Gary Cohn: „Wir werden (aus dem Paris Abkommen) aussteigen und haben das so klar gemacht wie möglich. Ich weiss nicht, wie man das noch klarer sagen könnte.“ [2] Der Gouverneur von Kalifornien Jerry Brown kümmert sich derweil nur noch am Rande um den Zick-Zack-Kurs der Zentralregierung: „Es wäre besser wir hätten den Präsidenten an Bord, aber dieser ist bei diesem Thema momentan abwesend“. [3] Für Brown stärkt Trump gar die Klimabewegung: „Er beschleunigt die Gegenbewegung durch seine eigene Absurdität.“

His name is Jerry and yes, he can. Der Gouverneur von Kalifornien, Jerry Brown wird immer mehr zum grössten Gegenspieler von Trump in der Klimapolitik. (Foto: Steve Rhodes / Flickr)

His name is Jerry and yes, he can. Der Gouverneur von Kalifornien, Jerry Brown wird immer mehr zum grössten Gegenspieler von Trump in der Klimapolitik. (Foto: Steve Rhodes / Flickr)

Diese Behauptung lässt sich mittlerweile sogar mit Zahlen untermauern. Bei der ‚Klimawoche‘ in New York wurde eine Studie vorgestellt, die die Klimkaschutzmassnahmen von Bundesstaaten, Städten und Unternehmen aufaddiert. [4] Dabei zeigt sich, dass die USA so die Hälfte ihres Pariser Emissionsziel erreichen können. Dort haben sich die USA dazu verpflichtet, bis zum Jahr 2025 die Emissionen um 26 bis 28 Prozent im Vergleich zum Jahr 2005 zu senken. „Das zeigt, dass Klimaschutz nicht einzig von der Zentralregierung abhängt“, sagte Helen Clarkson, die Chefin der Umweltorganisation ‚The Climate Group‘. [5] „US-Bundesstaaten, Städte und Firmen haben die Macht den Rückzug aus dem Paris Abkommen zu kompensieren.“ Dabei sei die Studie konservativ gerechnet, sagte Co-Autor Niklas Höhne vom ‚New Climate Institute‘: „Erstaunlicherweise gibt es mehr Gründe zu glauben, dass die Wirkung unterschätzt wurde als überschätzt. Die Akteure, die in diesem Bericht repräsentiert sind, machen nur 44 Prozent der US-Emissionen aus. Aber es passiert viel mehr, das noch nicht berücksichtigt und quantifiziert wurde.“ [5]

Berücksichtigt wurden die Selbstverpflichtungen von 22 US-Bundesstaaten, 54 US-Städten und 250 US-Firmen. Diese sind Mitglied von verschiedenen internationalen Initiativen subnationaler und nicht-staatlicher Akteure. Weltweit haben folglich noch sehr viel mehr dieser Akteure ähnliche Selbstverpflichtungen abgegeben. So vereint etwa die ‚Under 2 Coalition‘ 187 Bundesstaaten und Städte aus aller Welt. [6] Diese repräsentieren 1,2 Milliarden Menschen und 40 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung. Hier sind auch sechs deutsche Bundesländer und die beiden Basler Halbkantone dabei. Das Städtebündnis ‚C40‘ hat mittlerweile mehr als 90 Mitglieder, die 650 Millionen Menschen und 25 Prozent der Weltwirtschaft auf sich vereinen. [7] Von Amsterdam bis Warschau sind hier auch viele europäische Grossstädte dabei.

Die Wirtschaft ist derweil in der ‚We Mean Business‘ Koalition organisiert. [8] Diese hat bis jetzt von 605 Firmen insgesamt 1040 Selbstverpflichtungen eingesammelt. Firmen können sich einer oder mehreren der folgenden Initiativen anschliessen: Wer sich zu ‚Wissenschaftsbasierten Zielen‘ bekennt, muss die Emissionen in seiner Lieferkette um 80 bis 95 Prozent bis zum Jahr 2050 senken, damit das Zwei-Grad-Ziel eingehalten werden kann. ‚RE100‘ verpflichtet Firmen, nur noch erneuerbare Energien zu nutzen, und ‚EP100‘ zielt auf eine Verdoppelung der Energieeffizienz ab. Gestern (Dienstag) wurde zudem eine neue Initiative vorgestellt: ‚EV100‘. Wer hier Mitglied wird, verpflichtet sich, seinen ganzen Fuhrpark auf Elektroautos umzustellen. Ziel ist die Verbreitung von Elektrofahzeugen „durch die kollektive Einkaufsmacht“ zu fördern. Von Anfang an dabei sind zehn Grosskonzerne wie die Deutsche Post DHL und Metro. [9]

Trotz dieser Zahlen warnt Brown vor Übermut: „Ich mag all den Optimismus hier, aber die CO2-Emissionen der Wirtschaft auf Null zu bringen, ist kein Kinderspiel, wenn sie so vollständig von Kohle, Öl und Gas abhängt. Das ist ziemlich Respekt einflössend.“ [3] mic

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[1] Guardian, 17.09.2017: Top Trump officials signal US could stay in Paris climate agreement

[2] Politico, 18.09.2017: Top White House aide seeks to clarify U.S. stance on Paris deal

[3] Los Angeles Times, 18.09.2017: Trump is riding a ‚dead horse‘ on climate issue, Gov. Brown says at New York conference

[4] New Climate Institute, 13.09.2017: States, cities and businesses leading the way: a first look at decentralized climate commitments in the US

[5] New Climate Institute, 13.09.2017: US states, cities and businesses keep US climate action on track (PDF)

[6] Siehe under2mou.org

[7] Siehe c40.org

[8] Siehe wemeanbusinesscoalition.org

[9] The Climate Group, 19.09.2017: Multinationals launch global program to speed up switch to electric vehicles

Macron will Menschenrecht auf saubere Umwelt

Ein ‚Umweltpakt‘ soll mehr Kohärenz in internationales Umweltrecht bringen

Ein Recht auf eine saubere Umwelt klingt gut. Das Verhältnis eines solchen Rechts zu bestehenden Verträgen ist aber ungeklärt. Experten bezweifeln auch, ob sich der Verhandlungsaufwand lohnt.

„Jede Person hat das Recht in einer ökologisch intakten Umwelt zu leben.“ Dies ist der erste Artikel eine ‚Pakts für die Umwelt‘. [1] Frankreichs Präsident Emmanuel Macron wird morgen (Dienstag) bei der UN-Generalversammlung vorschlagen, eine Arbeitsgruppe einzurichten, die einen solchen Pakt aushandeln soll. Um deren Arbeit zu beschleunigen, bringt Macron gleich einen Entwurf für den Pakt mit nach New York. Dieser verpflichtet jeden Menschen, jede Organisation und alle Staaten zur Umwelt Sorge zu tragen. Der Entwurf fordert: „Die gegenwärtige Generationen müssen sicherstellen, dass ihre Handlungen nicht die Möglichkeiten zukünftiger Generationen beeinträchtigen.“ [1] Der Pakt kodifiziert zudem das Prinzip, dass der Verschmutzer für Schäden zahlt. Um die Umsetzung des Pakts zu überwachen, soll schliesslich ein Expertenkommittee eingerichtet werden. [1]

Hoffnungsstrahl? Mit der 'Tribute in Light' Lichtinstallation wird an die Opfer des 9. Septembers erinnert. (Foto: Pixabay)

Hoffnungsstrahl? Mit der ‚Tribute in Light‘ Lichtinstallation wird an die Opfer des 9. Septembers erinnert. (Foto: Pixabay)

Frankreichs ehemaliger Aussenminster Laurent Fabius, der der Ausarbeitung des Textentwurfs vorstand, erklärt das Bedürfnis für den Pakt so: „Wir haben bereits zwei Menschenrechtspakte, (den UN-Zivilpakt und den UN-Sozialpakt.) Die Idee ist einen dritten zu schaffen für eine dritte Generation von Rechten – Umweltrechte.“ [2] Der Umweltrecht-Experte Antonio Benjamin von der Weltnaturschutzunion (IUCN) sagt: „Es gibt über 500 internationale Umweltverträge mit unterschiedlichem Mass an Durchsetzung. Dieser Vorschlag bringt grössere Kohärenz ins internationale Umweltrecht und etabliert klare Verpflichtungen für Länder und Einzelne die Umwelt zu schützen.“ [3] Jan Kowalzig von der Entwicklungsorganisation Oxfam begrüsste den Pakt ebenfalls: „So ein Pakt wäre in jedem Fall ein Fortschritt. Allerdings halte ich es für extrem ehrgeizig, solch einen Pakt beschliessen zu wollen.“

Die deutsche Bundesregierung steht dem Pakt hingegen skeptisch gegenüber: Deutschland „verfolgt beim Umweltschutz keinen auf einem Recht auf saubere Umwelt basierten Ansatz, der leicht zu unrealistischen, nicht erfüllbaren Erwartungen führen kann“, sagte ein Sprecher des Umweltministeriums. „Auch das Grundgesetz enthält aus wohlerwogenen Gründen eine Staatszielbestimmung und kein Grundrecht zum Umweltschutz.“ Die Umweltrecht-Expertin und frühere Spitzenanwätin im US-Aussenministerium, Susan Biniaz, hat gleich einen elfseitigen Fragenkatalog zum Pakt zusammengestellt: „Es gibt keinen Zweifel, dass mehr für den Umweltschutz getan werden muss. Die Frage ist aber, ob der ‚Pakt‘ das richtige Vehikel ist, um den Umweltschutz voranzubringen.“ [4] Im Hinblick auf den Schutz der Interessen zukünftiger Generationen schreibt sie etwa: „Es ist nicht klar, ob die vagen Prinzipien, die als Grundlage für spezifische Recht dienen, geeignet sind, selbst den Rang einer rechtlichen Verpflichtung zu haben.“ Sie kritisiert weiter die oft sehr breiten Formulierungen wie „Umwelt“ und fragt nach dem Verhältnis zwischen dem Pakt und bestehendem Recht: „Der Pakt könnte zu rechtlicher Konfusion führen und bestehende Rechtssysteme negativ beeinflussen.“ Schliesslich fragt sie, ob sich der Aufwand lohnt: „Länder haben eine begrenzte ‚Bandbreite‘ für Verhandlungen über internationale Umweltfragen. Ist es da die beste Nutzung von Zeit und Ressourcen einen neuen Pakt zu verhandeln, der wohl ziemlich umstritten sein wird?“ [4] Diese Frage werden sich die Länder auch stellen, wenn Macron die Einsetzung der Arbeitsgruppe vorschlägt. Noch ist es für das Menschenrecht auf eine saubere Umwelt also ein langer Weg. mic

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[1] Le Club des Juristes, 24.06.2017: Global Pact for the Environment (PDF)

[2] France24, 25.06.2017: Macron, Schwarzenegger back global pact on environment

[3] Leonardo di Caprio Foundation, 24.07.2017: President Macron announces Global Pact for the Environment

[4] Susan Biniaz, August 2017: 10 Questions to Ask About the Proposed “Global Pact for the Environment” (PDF)

US-Regierung lädt überraschend zum Klimafrühstück

Trump-Berater Gary Cohn will mit Umweltministern Kampf gegen Klimawandel diskutieren

Noch sind die USA im Pariser Klimaabkommen und bleiben es vielleicht auch, allerdings nur unter „günstigeren Bedingungen“. Wie diese aussehen könnten, verrät vielleicht Trump-Berater Gary Cohn am Montag.

Nächste Woche sind eh alle in New York – Staats- und Regierungschefs, Minister, Diplomaten. Denn dort findet die UN-Generalversammlung statt. Diese Gelegenheit hat der Wirtschaftsberater von US-Präsident Donald Trump, Gary Cohn, genutzt und Minister aus rund einem Dutzend Ländern zu einem ‚Klimafrühstück‘ eingeladen. Gemäss Einladung ist das Ziel ein „informeller Gedankenaustausch, um zu diskutieren, wie wir am produktivsten vorankommen“. [1] Cohns Gäste wird vor allem interessieren, was die USA im Hinblick auf das Pariser Klimaabkommen zu tun gedenken. Trump hat angekündigt aus dem Vertrag auszutreten. Die Kündigung kann er aber erst im November 2019 einreichen und wirksam würde sie erst im Jahr 2020. Noch sind die USA folglich Mitglied des Abkommens.

Gipfeli. Ob bei Gary Cohns Frühstück auch so gute Laune sein wird wie hier beim WEF, hängt nicht nur von den Croissants ab. (Foto: WEF)

Gipfeli. Ob bei Gary Cohns Frühstück auch so gute Laune sein wird wie hier beim WEF, hängt nicht nur von den Croissants ab. (Foto: WEF)

Aus einem internen Memo des US-Aussenministeriums von Anfang August geht hervor, dass es „keine Pläne gibt, den Vertragstext neu zu verhandeln oder zu verändern, noch Verhandlungen für ein neues Abkommen zu beginnen“. [2] Gemäss Memo „prüft die (US-) Regierung Optionen für ein Re-Engagement mit dem Paris Abkommen unter günstigeren Bedingungen.“ Was unter „günstigeren Bedingungen“ zu verstehen ist, sagt das Memo allerdings nicht. Hierzu könnte Cohn den Ministern erste Anhaltspunkte liefern. Eine Möglichkeit ist, dass die USA im Paris Abkommen bleiben aber ihren nationalen Klimaplan abschwächen. Darin haben die USA zugesagt, bis zum Jahr 2025 die Treibhausgasemissionen um 26 bis 28 Prozent unter das Niveau des Jahres 2005 zu senken. Ob das Abkommen ein Abschwächen dieses Ziels zulässt, ist allerdings umstritten.

Aus Sicht der kanadischen Umweltministerin Catherine McKenna ist Cohns Einladung positiv zu sehen: „Es ist ein Zeichen, dass das Weisse Haus bemüht ist, bei diesem Thema voranzukommen.“ McKenna ist denn auch optimistisch: „Es gibt noch Zeit, um darüber zu reden, warum wir glauben, dass Klimaschutz sinnvoll ist.“ [3] Nathaniel Keohane, der Vizepräsident der Umweltorganisation ‚ Environmental Defense Fund‘, ist da skeptischer: „Hier spielt Gary Cohn Politik, denn wir haben keine Hinweise gesehen, dass er irgendeinen Einfluss in der Regierung hat.“ [3] Für diese Sicht spricht, dass Trump seine Meinung zum Paris Abkommen nicht geändert hat. Letzte Woche sagte er: „Um amerikanische Arbeiter zu schützen, sind wir aus dem, Arbeitsplätze zerstörenden, Paris Abkommen ausgestiegen. Job Killer. Viele Menschen haben keine Ahnung, wie schlecht das war.“ [4]

Die meisten von Cohns Gästen haben schon am Samstag Gelegenheit, sich abzustimmen. Dann treffen sich rund 30 Minister in Montreal auf Einladung von Kanada, der EU und China. Dort geht es um die Vorbereitung der diesjährigen Klimakonferenz im November in Bonn. Gemäss Programm hält Cohns Vize, Everett Eissenstat, ein ‚Eisbrecher-Referat‘. Welches Eis gebrochen werden soll ist aber genau so wenig bekannt wie der Inhalt des Referats. Unklar ist auch ob Cohn nach Montreal reist. Das Treffen entspricht dem Modell einer US-Initiative, dem ‚Major Economies Forum‘ (MEF), wo die grössten Länder der Welt ihr Klimapolitik koordiniert haben. Die jetzige US-Regierung zeigt allerdings wenig Interesse am MEF: Die MEF-Internetseite [5] wurde Opfer eines Cyberangriffs und ist daher seit mindestens Dienstag nicht erreichbar. mic

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[1] New York Times, 12.09.2017: Top White House Official to Discuss Climate Change at U.N.

[2] SECSTATE WASHDC, 04.08.2017: Updated Guidance on U.S. International Climate Change Diplomacy

[3] Montreal Gazette, 14.09.2017: Still time to convince U.S. of benefits of Paris climate accord: McKenna

[4] White House, 06.09.2017: Remarks by President Trump on Tax Reform

[5] Siehe: www.majoreconomiesforum.org

Irma und die Geisterriffe

Auf alten Seekarten verzeichnete Riffe hätten die Florida Keys besser vor Hurrikan Irma schützen können

Wie stark hat der Mensch die Umwelt verändert? Diese Frage lässt sich oft kaum beantworten, weil unbekannt ist, wie die Umwelt zuvor aussah. Jahrhunderte alte Seekarten können hier jedoch Abhilfe schaffen, denn sie sind erstaunlich genau.

Am 13. Juli 1733 legte eine Armada von 22 Schiffen in Havanna (Kuba) ab. Das Ziel war Spanien und die Fracht beinhaltete 16‘000 Pesos aus mexikanischem Silber sowie chinesisches Porzellan. [1] Zwei Tage später erreichten die Schiffe die Strasse von Florida. Dort drehte plötzlich der Wind und frischte auf. Vizeadmiral Rodrigo de Torres y Morales gab den Befehl zur sofortigen Rückkehr nach Kuba. Doch es war zu spät: Die Schatzflotte geriet in einen Hurrikan und 17 der Schiffe zerschellten am Florida-Riff oder strandeten auf der dahinterliegenden Inselkette der Florida Keys. [2]

Ausgebootet. Die spanischen Schatzflotten hatten es nicht leicht: Wenn ihnen nicht Stürme den Garaus machten, gab's Piraten oder wie hier die Briten, die nach der Silberladung trachteten. (Bild: 'Action off Cartagena', 28. Mai 1708 von Samuel Scott)

Ausgebootet. Die spanischen Schatzflotten hatten es nicht leicht: Wenn ihnen nicht Stürme den Garaus machten, gab’s Piraten oder wie hier die Briten, die nach der Silberladung trachteten. (Bild: ‚Action off Cartagena‘, 28. Mai 1708 von Samuel Scott)

Die Strasse von Florida war aber nicht nur von zentraler Bedeutung für die spanischen Staatsfinanzen sondern auch von strategischem Interesse für das britische ‚Empire‘. Das Wetter liess sich zu dieser Zeit kaum voraussagen, dafür konnte man den Seeboden vermessen. Die britische Admiralität liess daher in den Jahren 1773 bis 1775 detaillierte Karten dieses Seegebiets erstellen. Die Kartografen verfügten dabei „über die beste Technologie“ und schufen damit Karten, „die grosse Macht verliehen“, erklärt Benjamin Neal vom US-Institut Bigelow für Ozeanwissenschaften. „Die Karten waren von essenzieller Bedeutung für die Expansion des britischen Imperiums und enthalten glücklicherweise auch viele nützliche, ökologische Informationen.“ [3] Denn die britischen Kartografen massen nicht nur die Wassertiefe sondern notierten auch die Art des Seebodens (Sand, Fels etc.) und beschrieben dessen tierische und pflanzliche Bewohner. Besonderes Interesse galt dabei Korallenriffen, da diese eine Gefahr für die Schiffahrt darstellten.

Detailgetreu. Britische Kartografen zeichneten im Jahr 1774 genau auf, wo Korallenriffe liegen. Davon sind einige noch da (schwarz) andere nicht mehr (rot). (Abbildung: Loren McClenachan et al.)

Detailgetreu. Britische Kartografen zeichneten im Jahr 1774 genau auf, wo Korallenriffe liegen. Davon sind einige noch da (schwarz) andere nicht mehr (rot). (Abbildung: Loren McClenachan et al.)

Diese 240 Jahre alten Karten verglichen Wissenschaftler mit modernen Seekarten und Satelittenaufnahmen. [4] Dabei zeigte sich einerseits die hohe Präzision der britischen Karten und andererseits fehlte etwas: „Wir entdeckten, dass manche Korallenriffe komplett verschwunden sind“ sagt John Pandolfi von der australischen Universität Queensland. „Es gab Korallen in manchen Gebieten, die heute noch nicht mal mehr als Korallen-Habitat klassifiziert sind.“ [3] So sind 90 Prozent der Korallen innerhalb (westlich) der Florida Keys verschwunden so wie 70 Prozent der Korallen, die direkt östlich vor den Inseln lagen. Weiter draussen im Meer war der Korallenverlust hingegen deutlich kleiner. [4] Dies legt die Vermutung nahe, dass der Korallenverlust auf den Einfluss des Menschen etwa durch Abwasser und Fischerei zurückzuführen ist. Den Grund für den Verlust von über der Hälfte der von Korallen ‚bewachsenen‘ Fläche, hat die Karten-Studie allerdings nicht untersucht.

Die unter dem Titel ‚Geisterriffe‘ im Wissenschaftsmagazin ‚Science Advances‘ veröffentlichte Studie lässt hingegen zwei andere Schlüsse zu: Erstens sind manche historische Seekarten so genau, dass sie mit grosser Verlässlichkeit die Umweltbedingungen zur Zeit ihrer Entstehung wiedergeben. Damit taugen sie, zweitens, als Vergleichsmassstab respektive als ‚Baseline‘, um die Veränderungen seither zu messen. Für den Zustand der Korallen vor Florida heisst dies nichts Gutes: „Das Ausmass der Veränderung ist viel grösser, als alle gedacht haben“, sagt Pandolfi. [3] Denn schon vor der Entdeckung der ‚Geisterriffe‘ waren Floridas Korallen in einem prekären Zustand: Nur noch zehn Prozent des 360 Meilen langen Florida-Riffs sind von lebenden Korallen bedeckt. [5] Mehrere, aufeinander folgende, Bleichen haben den Korallentierchen den Garaus gemacht. Doch dieser 90-Prozent-Verlust unterschätzt das tatsächliche Ausmass der Zerstörung immer noch, weil die ‚Geisterriffe‘ darin nicht berücksichtigt werden. „Wir fokussieren uns auf bekannte Gebiete, wo wir Veränderungen messen können“, sagt Loren McClenachan von der US-Universität Colby. „Das macht Sinn. Warum sollte man nach Korallen suchen, wo man nicht gewusst hat, dass es je welche gab?“ [3]

Am 10. September 2017 tobte erneut ein Hurrikan über der Strasse von Florida. Längst gab es dort keine spanischen Schatzflotten mehr. Die Schätze waren nun an Land – in den Villen auf den Florida Keys und in den Grossstädten auf dem Festland. Vor dem Hurrikan, Irma, war bereits Tage zuvor gewarnt worden und trotzdem war die Inselkette der Keys, dem Sturm stärker ausgeliefert als 274 Jahre zuvor, als Torres y Morales seine Flotte verlor. Denn ‚Geisterriffe‘ brechen keine Sturmfluten. Korallenriffe „fungieren als Unterwasser-Wellenbrecher, sodass nur ein winziger Teil der Wellenenergie die Küste erreicht“ erklärt Michael Beck von der US-Umweltorganisation ‚Nature Conservancy‘. [6] Wie klein der Anteil ist, hat Mann in einer Studie ausgerechnet: Korallenriffe reduzieren die Energie von Flutwellen um bis zu 97 Prozent und deren Höhe um bis zu 70 Prozent. [6] „Korallenriffe sind unsere erste Verteidigungslinie und wenn wir sie schädigen, bringen wir uns in Gefahr.“ Ähnlich sieht dies Curt Storlazzi vom ‚US Geological Survey‘, einer Behörde: „Wenn die Korallenriffe in der Karibik (und Florida) gesünder gewesen wären, wären die Überflutungen in den Gebieten dahinter geringer gewesen,“ sagte er gegenüber der Washington Post. [6] Für die 55 Opfer von Irma kommt diese Erkenntnis zu spät. Für die Zukunft könnte dafür die Entdeckung der ‚Geisterriffe‘positiv sein. Mit geeigneten Schutzmassnahmen lassen sie sich vielleicht wieder zum Leben erwecken. mic

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[1] NOAA, undatiert: The San Pedro

[2] Blue Iguana, undatiert: Shipwreck adventures 

[3] UQ News, 07.09.2017: Eighteenth century nautical charts reveal coral loss

[4] Science Advances, 06.09.2017: Ghost reefs: Nautical charts document large spatial scale of coral reef loss over 240 years

[5] Washington Post, 25.06.2017: The race to save Florida’s devastated coral reef from global warming

[6] Washington Post, 12.09.2017: Scientists say damage to Florida’s coral reef has made the state more vulnerable to storm surges

 

Auch China will Benzin- und Dieselautos verbieten

Wann der grösste Automarkt ohne Verbrennungsmotoren auskommt, ist noch unklar

Noch ist der Marktanteil von Elektroautos mikroskopisch. Doch dies dürfte sich ändern, wenn den Menschen bewusst wird, dass der Verkauf von Benzin- und Dieselautos in ihrem Land bald illegal ist.

Frankreich und Grossbritannien haben schon eins und bald wohl auch China: ein Datum, ab dem keine Autos mit Benzin- oder Dieselmotoren mehr verkauft werden dürfen. Am Wochenende sagte Chinas Vizeminister für Industrie Xin Guobin: „Einige Länder haben einen Zeitplan ausgearbeitet, um die Produktion und den Verkauf von Autos zu stoppen, die mit herkömmlichem Brennstoff fahren. Nun hat das Industrieministerium ebenfalls eine Studie lanciert und arbeitet an einem Zeitplan für unser Land.“ [1] Xin versprach der Plan werde „in naher Zukunft“ veröffentlicht und erklärte Chinas doppelte Zielsetzung: „Diese Massnahmen werden einen tiefgreifenden Wandel in der Umwelt fördern und geben der Entwicklung von Chinas Autoindustrie Schwung.“ [2] Oder anders: Ziel ist eine Reduktion der Luftverschmutzung in Chinas Megastädten und klassische Industriepolitik. China ist mit Abstand der grösste Automarkt der Welt. Letztes Jahr wurden dort 25,5 Millionen Fahrzeuge verkauft. [3]

Gesund leben. Ob die Gesundheit dieser Tai Chi Adepten vom Training profitiert, ist zumindest zweifelhaft. (Foto: Jgremillot / Wikimedia)

Gesund leben. Ob die Gesundheit dieser Tai Chi Adepten vom Training profitiert, ist zumindest zweifelhaft. (Foto: Jgremillot / Wikimedia)

Ab wann der Bann für Benzin- und Dieselautos greifen wird, liess Xin offen. In Frankreich und Grossbritannien ist dies das Jahr 2040 (in Schottland 2032) und in Norwegen sogar schon das Jahr 2025. Letzteres wird derzeit auch in den Niederlanden diskutiert. Ehrgeizig ist auch Indien: Das Land hat das Ziel ausgegeben, dass ab 2030 nur noch abgasfreie Fahrzeuge in Verkehr gebracht werden. Die ehrgeizigeren der genannten Daten dürften sich auch für die Autofahrer rechnen: Der Think Tank ‚Bloomberg New Energy Finance‘ (Bnef) erwartet, dass ab Mitte des nächste Jahrzehnts der Kauf und Unterhalt von reinen Elektroautos billiger ist, als der von Benzin- und Dieselfahrzeugen. [4] Grund dafür sind die rapide fallenden Kosten für Batterien: Diese sind seit 2010 um knapp 80 Prozent gefallen und sinken weiter. [5] Bnef erwartet, dass sich die globale Produktionskapazität für Batterien von heute 103 Gigawattstunden (gWh) innert vier Jahren auf 273 gWh mehr als verdoppeln wird. [6] Damit sinken die Kosten.

Derzeit sind Elektroautos noch ein Nischenmarkt mit weniger als einem Prozent Marktanteil: Von den 84 Millionen Autos, die letztes Jahr weltweit verkauft wurden, konnten nur 750‘000 an der Steckdose betankt werden. [7] Dabei fördern viele Länder den Verkauf von Elektroautos mit Kaufprämien und Steuernachlässen oder mit Quoten für die Autohersteller. Der grösste Markt war China, wo 330‘000 Elektoautos einen Käufer fanden. [7] In Norwegen ist dafür der Anteil von Elektroautos am höchsten: Knapp ein Drittel aller Neuwagen hat dort einen Elektromotor. [8] In Deutschland wurden letztes Jahr hingegen nur 25‘000 Elektroautos verkauft und deren Anteil an den Neuzulassungen betrug 0,7 Prozent. [9] Lange betrachteten die deutschen Autohersteller Elektromotoren denn auch skeptisch. Doch dies scheint sich in den letzten Wochen geändert zu haben. „Die Stimmung ist umgeschlagen“, sagte ein ungenannter VW-Aufsichtsrat gegenüber dem Nachrichtenportal ‚Spiegel Online‘. „Jetzt erst wird die Dimension des Problems allen bewusst. Es geht um die Zukunft der ganzen deutschen Autoindustrie.“ [10] Sollte China demnächst ein ehrgeiziges Ziel für die Abschaffung von Benzin- und Dieselmotoren für seine smoggeplagten Städte verkünden, dürfte diese Einschätzung noch zutreffender sein. Der chinesische Vizeminister hat es schliesslich selbst gesagt: Ein Ziel ist, den eigenen Konzernen „Schwung“ zu geben. mic

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[1] South China Morning Post, 09.09.2017: Why Beijing’s plan to stop producing petrol and diesel cars could be a game-changer for the industry?

[2] Guardian, 11.09.2017: China to ban production of petrol and diesel cars ‚in the near future‘

[3] Jato, 09.02.2017: Global Car sales up by 5.6% in 2016 due to soaring demand in China, India and Europe

[4] Bloombeg, 10.09.2017: Electric Cars Reach a Tipping Point

[5] electrek, 30.01.2017: Electric vehicle battery cost dropped 80% in 6 years down to $227/kWh – Tesla claims to be below $190/kWh

[6] Bloomberg, 28.06.2017: China Is About to Bury Elon Musk in Batteries

[7] IEA, 2017: Global EV Outlook 2017

[8] hybridCars, 17.01.2017: Top 10 Plug-in Vehicle Adopting Countries of 2016

[9] Kraftfahrt-Bundesamt, 2017: Jahresbilanz der Neuzulassungen 2016

[10] SpOn, 11.09.2017: Die Ignoranz der Autobosse