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Der Drache wird grün

China bewegt sich auf verbindliche CO2 Ziele zu

„Wenn sich China erhebt, wird die Welt erzittern“ soll Napoleon einmal gesagt haben. Dies trifft insbeondere aufs Weltklima zu. Derzeit gehen in China jede Woche zwei neue Kohlekraftwerke ans Netz. Das Reich der Mitte bläst mittlerweile mehr CO2 in die Atmosphäre als die USA. Dennoch zwingt das Kyoto Abkommen China zu keinerlei Emissionsreduktionen. Gemäss dem Weltklimavertrag müssen nur die reichen Industrieländer ihre Emissionen reduzieren. Unter anderem aus diesem Grund haben die USA Kyoto nie ratifiziert. Da das Kyoto Protokoll 2012 ausläuft, soll im Dezember dieses Jahres in Kopenhagen ein Nachfolgeabkommen ausgehandelt werden. Aber auch hier ist die Frage von verbindlichen Vorgaben für die Entwicklungsländer wieder heiss umstritten. Angeführt von Indien und China lehnen sie verbindliche Emissionsreduktionen ab. Doch ohne derartige Vorgaben besteht nicht nur kaum eine Chance, dass der amerikanische Kongress einem Nachfolgeabkommen zustimmt, sondern auch keinerlei Hoffnung, dass sich die Treibhausgasemissionen im erforderlichen Mass reduzieren lassen. Im Zentrum der Verhandlungen über das Kyoto Nachfolgeabkommen stehen also zwei Länder: China und die USA.

Während die USA unter Präsident Barack Obama bereits eine agressive Klimaschutzpolitik angekündigt haben, hat sich China aber noch kaum bewegt. Doch nun mehren sich die Anzeichen, dass der gelbe Riese mit sich reden lässt: So empfiehlt der chinesische Verhandlungsführer bei den Klimaverhandlungen Su Wei seiner Regierung, CO2 Vorgaben in Erwägung zu ziehen. Dies hat mehrere Gründe:

  • Negative Folgen des Klimawandels
    Der Treibhauseffekt ist für China längst kein theoretisches Problem mehr. Das Abschmelzen der Gletscher im Himalaya gefährdet die Wasserversorgung und Peking wird immer öfter von Staubstürmen heimgesucht. Wegen der grassierenden Umweltverschmutzung kommt es auch vermehrt zu Demonstrationen aufgebrachter Bürger.
  • Erfolge beim Energiesparen
    China hat sich zum Ziel gesetzt, die Energieeffizienz seiner Wirtschaft um 20 Prozent zu erhöhen. Dieses Ziel wird voraussichtlich schneller erreicht als gedacht. Ausserdem investiert China massiv in den Klimaschutz. 221 Milliarden Dollar oder 40 Prozent des chinesischen Konjunkturpakets fliessen in Umweltschutzmassnahmen. Dies entspricht 3 Prozent des chinesischen Bruttoinlandsprodukts.
  • Furcht vor Handelsbeschränkungen
    Bei den derzeitigen Beratungen eines Klimaschutzgesetzes im US-Repräsentantenhaus werden immer wieder Schutzzölle gegen „Klimadumping“ gefordert. Letztes Jahr haben die USA Waren im Wert von knapp 340 Milliarden Dollar aus China importiert. CO2 Zölle kämen China also womöglich teuer zu stehen.

Noch hat China aber seine Ablehnung verbindlicher Emissionsziele nicht aufgegeben und argumentiert, dass die Industrieländer für den Grossteil der bisherigen Emissionen verantwortlich sind. Der US Regierung scheint aber klar zu ein, dass ein Erfolg bei den Klimaverhandlungen in Kopenhagen nur im Tandem mit China möglich ist. So hat die US Aussenministerin Hillary Clinton bei ihrem Chinabesuch im Februar die Energie- und Klimapolitik ins Zentrum der Beratungen gestellt. Dabei dürfte sie ihren Gesprächspartnern auch klar gemacht haben, dass, wenn China mehr Einfluss in der Welt haben will, es sich in der Klimapolitik kooperativ zeigen muss. Zeit für einen langen Marsch besteht allerdings nicht. Der Drache muss schnell grün werden. mic

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Das meiste Wasser essen wir

Der Wasser-Fussabdruck misst den direkten und indirekten Wasserverbrauch

Der Durchschnittsschweizer braucht 4600 Liter Wasser – pro Tag. Davon entfallen nur 162 Liter oder 3,5 Prozent auf den Verbrauch im Haushalt. Mehr als 95 Prozent des Wasserverbrauchs entfällt auf Nahrungsmittel (65 Prozent) und Industrieprodukte (30 Prozent). So stecken in einer Tasse Kaffee 140 Liter und in einem Baumwoll-T-Shirt 2400 Liter Wasser. Da die Schweiz sowohl Nahrungsmittel wie auch Industriegüter in grossem Mass importiert, verbrauchen die Schweizer im Ausland viel mehr Wasser als in der Schweiz: Das Wasserschloss Europas importiert 80 Prozent seines Wasserbedarfs.

Bislang waren diese riesigen Wasserimporte kein Problem. Doch die Konkurrenz um Wasser nimmt zu. Durch den Klimawandel kommt es immer häufiger zu Dürren wie in Australien und die wachsende Weltbevölkerung verbraucht immer mehr Nahrungsmittel und somit Wasser. Die Menschheit muss daher ihren Wasserverbrauch unter Kontrolle bringen. Der erste Schritt hierzu ist buchhalterischer Natur: Der direkte und indirekte Verbrauch muss gemessen werden. Dies wird mit dem sogenannten Wasser-Fussabdruck (Water Footprint) erreicht. Der Wasser-Fussabdruck gibt an wieviel Wasser ein Mensch oder ein Land konsumiert. Die Schweiz liegt hier im oberen Mittelfeld: Der Durchschnittsamerikaner verbraucht 6800 Liter pro Tag und der Durchchnittschinese 1900 Liter.

Der Wasserfussabdruck kann aber auch für einzelne Produkte und Dienstleistungen berechnet werden. Vorreiter sind hier die grossen Nahrungsmittelkonzerne wie Nestlé. „Der Handel mit Nahrungsmitteln ist nichts anderes als ein Handel mit virtuellem Wasser“ erklärt Nestléchef Peter Brabeck-Letmathe die Bedeutung von Wasser für die Branche. Der Konzern versucht denn auch seinen Wasser-Fussabdruck über die ganze Lieferkette, vom Bauern bis ins Supermarktregal, zu messen und anschliessend zu reduzieren. Aber auch die Konsumenten sollen einen Beitrag zu Reduktion des Wasserverbrauchs leisten. Derzeit wird die Einführung von Labels diskutiert, die angeben wieviel Wasser für die Herstellung der Fertigpizza oder der Ananasscheiben aufgewendet wurde.

Die Wasserlabels schaffen Transparenz für die Konsumenten und einen Anreiz für die Produzenten Wasser zu sparen. Denn das Problem ist, dass die Landwirtschaft kaum etwas für Wasser bezahlt. Vielerorts wird Wasser gar subventioniert. Damit wird ein Anreiz geschaffen Wasser zu verschwenden und zu verschmutzen. Dabei fällt das Waser oft nicht einfach vom Himmel, sondern stammt aus Jahrmillionen alte Vorräten, die nicht wieder aufgefüllt werden. Wenn dieses „fossile“ Wasser einmal hochgepumpt ist, ist es weg. Der fehlende Wasserpreis führt so zu gigantischen Fehlallokationen volkswirtschaftlicher Ressourcen. In einem Liter Biosprit aus Mais stecken 4560 Liter Wasser. Müssten die Bauern einen fairen Preis für dieses Wasser bezahlen, wäre Biosprit niemals konkurrenzfähig.

Um den Wasserverbrauch zu senken., müssen wir sehr viel effizienter mit dem wertvollen Nass umgehen. Ein erster Schritt ist die Entkoppelung des Wasserverbrauchs vom Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum. Derzeit stecken in Industriegütern 80 Liter Wasser pro Dollar Verkaufspreis. Doch die Unterschiede zwischen den Ländern sind riesig. Während in amerikanischen Produkten 100 Liter Wasser pro Dollar enthalten sind, kommen japanische Hersteller mit 10 bis 15 Litern aus. Ein anderer Faktor sind unsere Essgewohnheiten. Mit steigendem Einkommen essen die Menschen mehr Fleisch. Doch in einem Kilo Fleisch steckt viel mehr Wasser als in einem Kilo Getreide. Essgewohnheiten, Bevölkerungswachstum und Biosprit führen zusammen zu einer Zunahme des Wasserbedarfs in der Landwirtschaft um 70 bis 90 Prozent bis im Jahr 2050. Noch wird der Wasser-Fussabdruck der Menschheit also grösser nicht kleiner. Die Messung des Wasserverbrauchs ist eben nur der erste Schritt. mic

Einen Rechner, um Ihren persönlichen Wasser-Fussabdruck zu berechnen und Angaben zum Wasser-Fussabdruck von Ländern und Produkten, finden Sie unter www.waterfootprint.org.

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Basel – Singapur einfach, bitte

Die UNO baut an einem eurasischen Schienen- und Strassennetz

New York ist uns näher als Singapur. Dabei könnte man nach Singapur laufen, schliesslich teilen sich Europa und Asien eine einzige, riesige Insel: Eurasien. So verwundert es nicht, dass es schon lange die Idee gibt, diese Insel mit einem zusammenhängenden Strassen- und Schienennetz zu überziehen. Im 19. Jahrhundert erwogen die Engländer den Bau einer Eisenbahnlinie von Europa nach Singapur. Doch dann ging das Empire unter. Nach dem zweiten Weltkrieg griff die UNO diese Idee wieder auf. Der Kalte Krieg brachte das Vorhaben aber wieder zum Stillstand. Erst 1992 einigten sich schliesslich die Mitglieder der UNO Wirtschafts- und Sozialkommission für Asien Unescap darauf, das Projekt wieder aufzunehmen. Und nun gibt es auch echte Fortschritte zu vermelden: Demnächst wird das iranische mit dem pakistanischen Eisenbahnnetz verknüpft. Dann kommt man mit dem Zug auf der Südroute schon bis Bangladesch (siehe unten). Und auch der Strassenbau ist auf gutem Wege: Von den 140 500 Strassenkilometern, die zum Asian Highway gehören, erfüllen mittlerweile über 90 Prozent den minimalen Ausbaustandard (zweispurig, asphaltiert).

„Wer Entwicklung will, muss Strassen bauen“ sagt Barry Cable, der Chef der Transportabteilung von Unescap und blättert in seinem Projektkatalog. Was darf’s denn sein? Etwa 179 Kilometer Strasse in Buthan für 60 Millionen Dollar oder 360 Meter Brücke in Afghanistan für 40 Millionen? Insgeamt fehlen Cable noch 18 Milliarden Dollar für den Strassen- und 25 Milliarden für den Schienenbau. „Unsere Projekte haben einen Return on Investment (ROI) von 15 Prozent“ wirbt er. „Dazu kommen noch die schwer messbaren externen Effekte. Wenn die Städte im Inland wettbewerbsfähiger werden, reduziert sich zum Beispiel der Wanderungsdruck auf die grossen Städte an den Küsten.“ Um das fehlende Geld zusammenzubekommen, hofft Cable im Moment auf die Konjunkturprogramme gegen die Wirtschaftskrise. So wollen etwa die Chinesen einen Grossteil ihres 400 Milliarden Dollar schweren Programms in die Infrastruktur investieren.

Der Ausbau der Infrastruktur sei allerdings nur der erste Schritt, „der einfache Teil“ sagt Cable. Damit sich grenzüberschreitender Handel entwickelt, müssten vor allem unzählige Vorschriften wie etwa Zollformalitäten angepasst werden. Und das sei oftmals erstaunlich langwierig. „Dabei kostet die Vereinheitlichung von Formularen noch nicht mal Geld.“ ärgert sich Cable. Hier zeige sich, dass nicht nur die Transport- sondern auch die Handelssysteme der Länder auf Seehandel ausgerichtet sind. Handel über Landgrenzen hinweg sei oft sehr viel komplizierter. Um die im Seehandel etablierten Regeln auch für den Schienen- und Strassentransport nutzen zu können, sieht die Unescap Planung ein Netz von sogennanten „dry ports“ oder „trockenen Häfen“ vor. Dies sind Umschlagsplätze auf denen die gleichen Regeln wie in Häfen gelten, wie etwa im Basler Zollfreilager. Dort können Importeure ihre Waren umpacken, bevor sie sie in die Schweiz importieren und verzollen müssen. „Für Länder ohne Meerzugang wie Buthan oder Laos sind diese dry ports besonders wichtig.“ sagt Cable.

Küstenferne Regionen, die Handel über Landgrenzen hinweg betreiben werden denn auch die Hauptnutzniesser des Asian Highway und des Trans-Asian Railway Projektes sein. Auch erhoffen sich die UNO und die grossen Geldgeber wie die Weltbank vielerorts eine Verlagerung des Verkehrs von der Strasse auf die Schiene. Aber letztlich geht es natürlich nicht nur um Formulare und Finanzen. Es geht um einen Traum – den Traum Marco Polos: China auf dem Landweg zu erreichen. mic

Noch fehlen ein paar kurze Stücke

Um von Basel nach Singapur mit dem Zug zu fahren, gibt es zwei Möglichkeiten: Die Nord- und die Südroute. Auf beiden Strecken fehlen aber noch ein paar Teilstücke. Auf der Nordroute fährt man erst nach Moskau und nimmt dann die Transsibirische Eisenbahn bis Peking. Von dort geht’s weiter nach Vietnam bis Saigon (Ho-Chi-Minh City). Zwischen Saigon und der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh fehlen dann etwa 387 Kilometer Schienen und man muss auf den Bus umsteigen. In Kambodscha gibt es dann wieder einen Zug, der aber nicht bis zur thailändischen Grenze führt. Hier fehlen auf der kambodschanischen Seite 48 und auf der Thai Seite 7 Kilometer. In einigen Jahren dürfte diese Lücke aber geschlossen sein. Einmal in Thailand angekommen, kommt man dann recht zügig über Malaysia nach Singapur.

Auf der Südroute kommt man weniger weit. Hier fährt man erst von Basel nach Istanbul. Jeden Mittwoch gibt es dann einen Zug von Istanbul nach Teheran. Von dort fährt man weiter nach Bam oder Kerman. Von dort bis zur pakistanischen Grenze fehlen dann knapp 320 Kilometer. Im April soll dieses Teilstück aber angeblich fertiggestellt sein. Zwichen Zahedan und Quetta in Pakistan verkehrt dann immer am 3. und 17. jeden Monats ein gemischter Güter- und Personenzug. Wegen der Unruhen in Belutschistan und der Taliban in Quetta besteht allerdings die Gefahr, dass auch dieser Zug eingestellt wird. Von Quetta kommt man dann über Lahore ins indische Amritsar. Ab dort geht die Reise dann auf dem hervorragend ausgebauten indischen Eisenbahnnetz weiter bis Kalkutta. Seit neuestem kann man von dort auch wieder bis in die Hauptstadt Bangladeschs, Dhaka, weiterreisen. Die Strecke Kalkutta - Dhaka war 40 Jahre ausser Betrieb und wurde erst vor wenigen Monaten wieder in Betrieb genommen. Anschliessend kommt man aber nicht mehr weiter. Weder von Indien noch von Bangladesch gibt es eine Verbindung nach Burma und westliche Ausländer sind im in diesem Teil Burmas unerwünscht. So bleibt nur der Flug nach Bangkok und dann die Weiterreise nach Singapur. mic

Für Details der Routenplanung: www.seat 61.com

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Wenn Politiker das Denken outsourcen

Denkfabriken sind auch in der Krise ein Wachstumsmarkt

Ideas pull the trigger, instinct loads the gun. (Ideen ziehen den Abzug, aber der Instinkt lädt die Waffe.), Don Marquis (1878-1937), US-Schriftsteller

Sie haben die neokonservative Revolution von George Bush Junior vorbereitet und ein Programm für seinen Nachfolger, Barack Obama, ausgearbeitet – Think Tanks oder zu deutsch Denkfabriken. Noch 1970 gab es weltweit höchstens ein paar Dutzend dieser Einrichtungen. Heute werden in knapp 5500 Denkfabriken Ideen produziert. Ein Drittel davon sind in den USA, dem Heimatland der Think Tanks. Aber Europa holt auf und verfügt mittlerweile über 1200 Organisationen, in denen Denkarbeiter schuften.

Der Begriff „Think Tank“ kommt aus dem Slang der US Soldaten im zweiten Weltkrieg. Sie bezeichneten damit einen Raum, in dem das weitere Vorgehen geplant wurde. Die erste Organisation, die als Think Tank bezeichnet wurde, war denn auch die RAND Corporation, die für die US Armee über Waffentechnologie nachdenkt. Und auch heute beschäftigen sich noch viele Denkfabriken mit internationaler Sicherheit und Konfliktforschung (siehe Tabelle). Aber längst ist das nicht mehr ihr einziges Betätigungsfeld. So denkt das Swiss Real Estate Institute über Häuslebauer nach und der Think Tank Thurgau über einen Ostschweizer Kanton.

Die dabei produzierten Ideen richten sich an Politiker. Das Geschäft der Denkfabriken ist wissenschaftlich fundierte Politikberatung. Sie versuchen wissenschaftliche Erkenntnisse in die politische Diskussion einzubringen und wenn möglich praktisch umsetzbare Ideen zu generieren. Think Tanks liegen also auf der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Politik. Oft sind sie daher an Universitäten angegliedert, wie etwa das Institut Univérsitaire des Hautes Etudes Internationales der Universität Genf, das dem Schweizer Aussenministerium zuarbeitet. Andere werden vom Staat mitgetragen, wie das BAK Basel Economics, an dem Kantone und Gemeinden mitbeteiligt sind. Und schliesslich gibt es die von der Wirtschaft getragenen Denkfabriken wie etwa das Gottlieb-Duttweiler-Institut oder Avenir-Suisse. Ob dieser Vielfalt an Trägern und Formen ist die Abgrenzung zwischen Think Tanks, Uni-Instituten und Lobbygruppen zum Teil schwierig. Ein Grenzfall ist so zum Beispiel das World Economic Forum WEF in Davos. Einerseits ist das WEF ein Kongress, eine Gelegenheit für die Mächtigen und Reichen sich mit anderen Mächtigen und Reichen auszutauschen. Andererseits sponsert das WEF aber auch Studien und unterhält Arbeitsgruppen zu bestimmten Themen wie Klimawandel oder Hunger.

Letztlich geht es aber immer um Wissenschaft und Politikberatung. Die massive Zunahme an Institutionen, die an dieser Schnittstelle tätig sind, ist denn auch mit der wachsenden Komplexität der Welt zu erklären. Politiker haben einen zunehmenden Beratungsbedarf und Think Tanks decken diesen ab. Die Denkfabriken sind dabei aber nicht „neutral“ wie Wissenschaftler, die nur an der Erweiterung des Wissens interessiert sind. Im Gegenteil, oft vertreten Think Tanks dezidiert bestimmte Positionen. Damit ersetzen sie aber nicht die eigentlichen Politiker. Denn diese haben die Wahl zwischen einer Vielzahl von Beratern und müssen schliesslich selber wissen, welche Ideen sie sich zu eigen machen. Ausschlaggebend bleibt der politische Instinkt. mic

Schweizer Think Tanks in den USA

In den USA gibt es drei Think Tanks die sich mit den Beziehungen zwischen der Schweiz und Amerika beschäftigen: Die Swiss Foundation for World Affairs (SFWA), die Parlamentarier-Vereinigung Schweiz-USA und die American Swiss Foundation. “Die USA sollten die Erwartungen der Europäer kennen”, begründet Alt-Staatssekretär Edouard Brunner, Präsident der SFWA, die Aktivitäten seines Think Tanks in Washington. Die Stiftung arbeitet denn auch mit dem Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) zusammen und wird vom Bund mitfinanziert. mic

„Think Tanks ergänzen die herkömmlichen Interessenverbände“

Isabelle Stadelmann-Steffen glaubt nicht, dass Think Tanks in der Schweiz so wichtig werden wie in den USA

Denkfabriken vertreten auch Interessen. So wurde Avenir-Suisse von 14 Schweizer Grossunternehmen gegründet. Think Tanks werden aber Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände nicht verdrängen.

Q: Frau Stadelmann-Steffen, weltweit ist die Zahl der Think Tanks in den letzten Jahren explosionsartig gewachsen. Nimmt auch in der Schweiz der Einfluss von Think Tanks zu?

A: Wegen der Möglichkeit Regierungsvorhaben per Referendum zu Fall zu bringen werden bei uns von je her die verschiedenen Interessengruppen früh und eng in den Gesetzgebungsprozess involviert. Dies gilt insbesondere für die Arbeitgeberverbände und die Gewerkschaften. Typische Think Tanks nach amerikanischem Muster, die offensiv für eine Position lobbyieren, gibt es daher erst seit kurzem. Avenir Suisse, das beste Beispiel, wurde 1999 gegründet. Was wir aber schon länger haben sind akademische Think Tanks. Dies sind meist Universitätsinstitute, die für den Staat bestimmte Themen beforschen. Der Beizug von Expertenwissen ist für den politischen Prozess also nichts Neues.

Q: Aber was kann ein Think Tank, das die herkömmlichen Verbände nicht auch könnten?

A: Think Tanks sind praxisorientierte Forschungsinstitute. Den herkömmlichen Verbänden fehlt für wissenschaftliche Studien hingegen meist die Zeit und das Geld. Ausserdem werden Think Tanks als unabhängiger, neutraler wahrgenommen. Sie sind somit in der politischen Diskussion glaubwürdiger.

Q: Wie können Think Tanks die politische Diskussion beeinflussen?

A: Hier muss man zwischen der vor-parlamentarischen Phase und der parlamentarischen Phase unterscheiden. Think Tanks haben vor allem Einfluss bevor eine Idee als Gesetzesvorschlag im Parlament diskutiert wird. Hier liefern sie wissenschaftlich fundierte Argumente für die öffentliche Diskussion. Vertreter von Think Tanks werden auch eingeladen in Expertenkomissionen mitzuarbeiten. Sobald eine Vorlage im Parlament ist, haben Think Tanks aber kaum noch Einfluss. Dann ist die ideologische Gruppenzugehörigkeit wichtiger als wissenschaftlich Argumente.

Q: Aber Think Tanks können doch auch neue Themen lancieren?

A: Ja, das ist das sogenannte Agenda Setting. Hier spielen die Medien eine wichtige Rolle. Wenn Avenir Suisse eine Studie publiziert wird das von den Medien aufgegriffen und diskutiert. Diesen Effekt haben aber auch die zum Teil öffentlich finanzierten Think Tanks wie das KOF oder das BAK. Und auch wenn das gfs eine Studie lanciert, wird oft darüber berichtet.

Q: Warum gibt es mehr bürgerliche als linke Think Tanks?

A: In der Schweiz gibt es traditionell ein Ungleichgewicht zwischen den sehr viel stärkeren Abeitgeberverbänden und den Gewerkschaften. Dieses ungleiche Kräfteverhältnis setzt sich nun fort. Die Bürgerlichen, die Wirtschaft, hat mehr Ressourcen. Aber wie gesagt Think Tanks sind in der Schweiz eine noch sehr junge Erscheinung und mit dem Denknetz gibt es mittlerweile ja auch einen linken Think Tank.

Q: Für den deutschen Soziologen Niklas Luhmann sind Organsationen wie Think Tanks eine Antwort auf die gesellschaftliche Abneigung gegen eine Verbindung zwischen Geld und Macht. Sehen Sie das auch so?

A: Ja und Nein. Einerseits werden die von Think Tanks erarbeiteten, wissenschaftlich fundierten Argumente natürlich dazu genutzt politische Vorschläge zu legitimieren. Mit diesen „neutralen“ Argumenten werden ideologische Vorlieben also etwas überdeckt. Andererseits sagt beispielsweise Avenir Suisse ja ganz offen wo sie politisch stehen. Auch ist bekannt, dass die Organisation von einigen Schweizer Grosskonzernen finanziert wird.

Q: In Deutschland haben die politischen Parteien ihre eigenen Think Tanks. Die CDU hat dazu die Konrad Adenauer Stiftung. Warum haben die Schweizer Parteien nicht auch ihre derartige Einrichtungen?

A: Das hängt mit der Tradition und der staatlichen Parteienfinanzierung zusammen. Den Schweizer Parteien, die sich über ihre Mitglieder finanzieren, fehlen dazu wohl die Mittel.

Q: Sind Think Tanks eine Gefahr für die Demokratie, wie manche Kritiker behaupten?

A: Nein, das glaube ich nicht. Think Tanks bereichern den politischen Diskurs, aber sie lösen ihn nicht ab. Das Problem ist natürlich, das sie nicht gewählt, also demokratisch legitimiert sind. Aber das trifft auch auf andere Akteure zu. Und wie schon gesagt, haben sie vor allem Einfluss während der vor-parlamentarischen Phase.

Q: Glauben Sie das Think Tanks die herkömmlichen Verbände verdrängen werden?

A: Nein, Think Tanks ergänzen die herkömmlichen Interessenverbände. In der parlamentarischen Phase sind es die gut etablierten Interessengruppen, die über die Parteien viel mehr Einfluss haben. Studien haben gezeigt, dass die Rolle und Bedeutung von Think Tanks sehr stark vom politischen System, den Rahmenbedingungen abhängt. Daher werden in der Schweiz Think Tanks wohl nie die gleiche Bedeutung wie in den angelsächsischen Ländern erlangen.

Isabelle Stadelmann-Steffen ist promovierte Politologin. Sie ist Postdoc-Stipendiatin des Schweizer Schweizerischen Nationalfonds und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Vergleichende Politik der Universität Konstanz.

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Von Ninjas und Luxemburgerli

Sparen oder ausgeben - das richtige Mass zu finden ist nicht einfach

Es ist noch wenig los. Ich setze mich ans Fenster und bestelle einen Kaffee. Es schneit kleine Flocken wie Puderzucker auf einem Apfelstrudel. Der Kaffee kostet 5.30, dafür ist es warm. Das alteingesessene Kaffeehaus am Paradeplatz verströmt eine Atmosphäre von Sicherheit und Wohlstand. Draussen ist es kalt und die Passanten versuchen sich ihre Sorgen über die Krise nicht anmerken zu lassen. Die Bildschirme im Schaufenster der Bank gegenüber spenden mal wieder keinerlei Trost: Alle Pfeile neben den Börsenkursen zeigen nach unten. Auch heute lösen sich wieder Millionen in Luft auf.

Angefangen hat es in Amerika. Die dortigen Banker hatten geglaubt ihr Geschäft neu erfunden zu haben. Anstatt einfach Geld zu verleihen und mit den Zinsen einen kleinen aber relativ sicheren Gewinn zu erzielen, begannen sie die einzelnen Kredite zu bündeln und weiterzuverkaufen. So konnten sie immer mehr Kredite vergeben, bis ihnen die kreditwürdigen Schuldner ausgingen. Und so vergaben sie Kredite an Leute, die eigentlich keine hätten bekommen sollen. „Subprime“ hiess diese Kategorie. Das Geschäft lief gut. Auch die Banker rund um das Café stiegen ein. Das Karussell der Gier drehte sich immer schneller. Schliesslich bekamen auch Ninjas Kredit. Ninjas – No Income, No Job, No Assets (kein Einkommen, keine Arbeit, kein Vermögen). Die Banker wären besser bei ihrem althergebrachten, vielleicht etwas langweiligen Geschäftsgebaren geblieben. So wie das Rezept für Luxemburgerli ja auch nicht geändert wird.

Aber sind ein paar gelangweilte Banker wirklich schon die ganze Erklärung? Braucht es nicht mehr, um die Weltwirtschaft in die Knie zu zwingen? Es braucht mehr. Es braucht Geld, viel Geld. Und Geld war da. Nach den Anschlägen vom 11. September und dem Platzen der Internetblase hatte die amerikanische Nationalbank massiv die Zinsen gesenkt. Geld war billig und im Überfluss vorhanden. Denn gleichzeitig erhöhte China seine eh schon phänomenale Sparquote noch mal um ein Fünftel. Das Wirtschaftswunderland im Osten spart jetzt die Hälfte seines Einkommens. Das ermöglicht es den Amerikanern überhaupt nicht mehr zu sparen. Arme chinesische Fabrikarbeiter finanzieren also den Amerikanern die immer grösseren Autos, Fernseher und Häuser. Es ist paradox: Weil die einen zuviel sparen, bekommen plötzlich Leute, die zuwenig sparen Kredit. Und die Zeche für diesen Irrsinn zahlen jetzt alle.

Früher war das irgendwie anders. Es gab mal eine Zeit, als die ganze Welt Amerika Geld geschuldet hat. Heute schulden die Amerikaner allen Geld. Aber hat sich nicht auch bei uns etwas verändert? Gehen nicht auch bei uns die Menschen sorgloser mit ihrem Geld um? Überhaupt, wieviel von seinem Geld soll man ausgeben und wieviel sparen? Das richtige Mass zu finden ist nicht einfach. Klar ist nur, dass es in keinem der beiden Extreme – krankhaftes Sparen oder massloser Konsum - liegen kann. Schon die Bibel lehnt sowohl Geiz wie auch Völlerei als Todsünden ab. Auch soll man nicht sein Leben dem Mammon unterordnen. Wie man sich aber in der Konsumwelt des 21. Jahrhunderts verhalten soll, sagt uns weder die Bibel noch eine andere Religion oder Philosophie. Jeder muss für sich das richtige Mass finden.

Der wichtigste Faktor ist hier das objektive und subjektive Sicherheitsbedürfnis oder umgekehrt, das objektive Lebensrisiko und die subjektive Risikobereitschaft. Hinsichtlich der Lebensrisiken sind wir in der Schweiz in einer ausgesprochen privilegierten Position. Der Sozialstaat hat für uns Vorkehrungen getroffen, um Armut im Alter oder wegen Arbeitslosigkeit und Krankheit weitgehend zu vermeiden. Objektiv haben wir also immer weniger Anlass zum Sparen. Subjektiv ist entscheidend, für wie sicher wir unser Einkommen, also meist den Arbeitsplatz und das Wirtschaftssystem als Ganzes einschätzen. Ältere Menschen, die die Weltwirtschaftskrise der Dreissiger Jahre und den Zweiten Weltkrieg erlebt haben, dürften daher eine höhere Sparneigung haben als Jüngere, die sich höchstens an die Ölkrisen erinnern.

Ein weiterer Faktor, der über die Sparneigung entscheidet, sind die familiären Umstände. Wer keine Kinder hat, denen er eine teure Ausbildung finanzieren muss oder gar etwas vererben will, braucht weniger zu sparen. Je weniger Kinder es gibt desto weniger muss gespart werden. Umgekehrt sollte aber die stetig steigende Scheidungsquote die Leute zum vermehrten Sparen anregen. Lässt sich ein Paar scheiden, steigen die Lebenshaltungskosten markant an und das Einkommen, das zuvor gereicht hat, reicht plötzlich nicht mehr.

Schliesslich ist die Verfügbarkeit von Krediten ein wichtiger Faktor, der über die Sparneigung entscheidet. Wenn es keine Kredite zum Beispiel für den Hausbau gibt, bleibt den Menschen gar nichts anderes übrig als zu sparen. So führt die Weltbank die Sparwut der Chinesen unter anderem auf das schlechte Funktionieren der chinesischen Kreditmärkte zurück. Je einfacher man an Kredite kommt, desto weniger muss man sparen.
Aber genau hier beginnt die Sache natürlich zweischneidig zu werden. Denn nicht zuletzt die einfache Verfügbarkeit von Krediten hat ja den Absturz der amerikanischen Sparquote auf Null erst ermöglicht und die Grundlage für die transatlantische Schuldenkultur geschaffen. Und auch bei uns hat eine Bank plakatiert: „Kredit bekommen, Cabrio gekauft“. Dabei dient der Kredit wohl in vielen Fällen nur dazu, die Anzahlung auf das Cabrio zu leisten, das dann geleast wird. Längst ist das Kreditgeschäft nämlich nicht mehr alleine Domäne der Banken. Jedes Radiogeschäft offeriert Ratenzahlung und Leasing. Coop und Migros ködern ihre Kunden mit kostenlosen Kreditkarten. Konsumkredite werden aggressiv beworben. Wenn der Automat kein Geld mehr ausspukt, füllt man im Internet halt schnell einen Kreditantrag aus und schon liegt einem die Warenwelt wieder zu Füssen. Und diese dreht sich immer schneller. Das Warenangebot nimmt ständig zu und die Modelle wechseln immer häufiger. Wo es früher noch eine Sommer- und eine Winterkollektion gab, gibt es heute neue Trends im Monatsrhythmus. Wer da mithalten will braucht Geld und sei es fremdes. „Das Problem der Überschuldung frisst sich in die Mittelschicht vor.“ sagt Susanne Johannsen, Leiterin der Fachstelle für Schuldenfragen im Kanton Zürich.

Aber heisst das nun, dass sich in der Schweiz der Umgang mit Geld geändert hat oder heisst es nur, dass durch das grössere Waren- und Kreditangebot mehr Menschen Mühe haben ihr Geld beisammenzuhalten? Betrachtet man die Sparquote der privaten Haushalte besteht kein Grund zur Besorgnis. Sie ist im internationalen Vergleich hoch und in den letzten Jahren relativ stabil. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Das Vermögen der Schweizer gehört grösstenteils einigen wenigen. Knapp zwei Drittel der Bevölkerung hat ein Vermögen von weniger als 100′000 Franken. Der Soziologe Ueli Mäder warnt daher vor einer Refeudalisierung der Schweiz, einer Rückkehr des Ständestaats. Das mag übertrieben sein. Trotzdem verstecken sich hinter der durchschnittlichen Sparquote einige wenige, die viel sparen und immer reicher werden, und viele andere, die über kein nenneswertes Vermögen verfügen.

Auf der Ausgabenseite haben wir einen zunehmenden Hedonismus. Die Menschen werden genussorientierter bei abnehmender Bereitschaft sich den kleinen Luxus im Alltag zuerst zu verdienen. An die Stelle von Vorsparen treten Kredite und „Nachsparen“. Doch diese Entwicklungen gehen langsam vonstatten und sind durchaus umkehrbar. So hat sich in den letzten Monaten die Sparquote in Amerika von Null auf 2,4 Prozent verbessert. Für manchen ist die Wirtschaftskrise wohl ein heilsamer Schock. Wenn jemand einmal einen Kredit aufnimmt, heisst das auch nicht automatisch, dass er grundsätzlich nicht mit Geld umgehen kann. Der Anteil derer die Schulden haben ist zudem relativ klein. Selbst Jugendliche können trotz Handy meist durchaus haushalten: Eine Studie der deutschen Regierung hat ergeben, dass sechs Prozent der 10 bis 17 jährigen verschuldet sind. Ein grundsätzlicher Wandel im Umgang mit Geld lässt sich hier nicht erkennen.
Es hat mittlerweile aufgehört zu schneien und die Sonne wagt sich hinter den Wolken hervor. „Möchten Sie noch einen Kaffee?“ fragt eine Serviererin. Da ist sie wieder die Frage: Sparen oder ausgeben? Ich entscheide mich für sparen und bezahle meine 5,30. Draussen ist die Luft kalt und klar. Ich gehe Richtung See und erfreue mich am Anblick der Berge.

„Im Alter wird man sparsamer”

Der Psychologe Dr. Hans-Georg Häusel erklärt was unser Ausgaben- und Sparverhalten steuert
Ob jemand sparsam mit seinem Geld umgeht hängt nicht nur von seiner finanziellen Situation und seinem sozialen Umfeld sondern auch von der Persönlichkeit ab.

Q: Herr Häusel, manche Menschen ruinieren sich sehenden Auges während andere auch mit geringen Mitteln zu haushalten, ja zu sparen wissen. Woran liegt das?

A: Unser Ausgaben- und Sparverhalten wird durch drei sogenannte Emotionssysteme gesteuert. Diese Systeme sind bei allen Menschen vorhanden, aber unterschiedlich stark ausgeprägt. Daher kommt das unterschiedliche Verhalten.

Q: Können Sie diese drei Emotionssysteme kurz erklären?

A: Wir haben das Stimulanz- und das Dominanzsystem, die uns veranlassen Geld auszugeben und das Balance oder Gleichgewichtsprogramm, das uns zum sparen anhält.
Das Stimulanzsystem ist der Wunsch nach immer neuen Reizen und Erfahrungen. Es veranlasst uns unbekannte Gerichte auszuprobieren oder zu reisen. Es macht uns neugierig.
Das Dominanzsystem beinhaltet unser Streben nach Macht und Autorität. Es fördert die Risikobereitschaft und motiviert uns gewinnen zu wollen und als erfolgreich anerkannt zu werden. Der Kauf eines teuren Sportwagens wird vom Dominanzsystem veranlasst.

Q: Und wann wird gespart?

A: Das Balance oder Gleichgewichtsprogramm versucht für Sicherheit und Beständigkeit zu sorgen. Es veranlasst uns zu sparen. Die Volksweisheit „Spare in der Zeit, so hast du in der Not“ ist Ausdruck des Balance Programms.

Q: Und welches der drei Systeme ist nun für den Wunsch nach mehr Besitz und Einkommen verantwortlich?

A: Alle drei. Der Wunsch nach Besitz egal ob in Form von Geld oder Gütern ist Teil von allen drei Systemen. Nur die Motivation ist eben jeweils eine andere. Einmal ist es Stimulanz, einmal Dominanz und einmal Sicherheit.

Q: Heisst das nun, dass der sorgsame oder sorglose Umgang mit Geld angeboren ist?

A: Grob kann man sagen, dass unser Verhalten je zur Hälfte angeboren und angelernt ist. Ausserdem spielen natürlich die Umstände, die aktuelle Situation eine Rolle. Wenn das Umfeld euphorisch gestimmt ist, lässt man sich mitreissen, wenn es eher depressiv ist, wird man selber auch vorsichtiger.

Q: Wenn Eltern den Eindruck haben ihre Kinder gingen sorglos mit Geld um, dann ist das also Folge des Erlernten?

A: Ja und Nein. Meine Eltern, die die Weltwirtschaftskrise und den Krieg mitgemacht haben, haben gelernt vorsichtig mit Geld umzugehen. Meine Töchter hingegen haben vom Leben noch nie „eins aufs Maul bekommen“. Sie sind sorgloser, genussorientierter. Soweit also zum angelernten Teil des Umgangs mit Geld.

Q: Und der andere Grund, warum Eltern meinen ihre Kinder seien zu sorglos?

A: Im Alter wird man sparsamer. Das Balance Programm wird wichtiger und die Stimulanz- und Dominanzsysteme schwächer. Ausserdem haben Untersuchungen gezeigt, dass ältere Menschen mit weniger Geld auf das gleiche Zufriedenheitsniveau kommen als jüngere. Sie brauchen rund 10 bis 15 Prozent weniger Geld um gleich zufrieden zu sein.

Q: Gibt es vom Alter abgesehen andere Faktoren wie Geschlecht oder Konfession, die unseren Umgang mit Geld beeinflussen?

A: Katholiken sind etwas genussorientierter als Protestanten. Wie ja schon Max Weber erkannt hat, beruht die protestantische Ethik auf Leistung und Sparen. Auch sind Frauen sparsamer als Männer. Und wenn sie etwas kaufen, dann ist das eher vom Stimulanzsystem und bei Männern eher vom Dominanzsystem her motiviert. Die Unterschiede sind aber gering.

Q: Wie steht es mit den Unterschieden zwischen verschiedenen Nationalitäten? In Amerika zum Beispiel ist die Sparquote gleich Null.

A: Die Amerikaner sind risikofreudiger. Man darf nicht vergessen, dass Amerika von Abenteurern gegründet wurde. Sie haben mehr Testosteron im Blut. Das kann man messen. Insgesamt sind aber die Unterschiede zwischen einzelnen Personen in einem Land viel grösser, als die Unterschiede zwischen Ländern.

Q: Woher kommt es, dass „Schulden machen“ bei uns als etwas negatives gesehen wird?

A: 60 Prozent der Menschen sind eher konservativ eingestellt. Ausserdem wird unsere Gesellschaft immer älter und somit weniger risikofreudig. Die zuvor erwähnte Volksweisheit ist also weitherum anerkannt.

Q: Aber nimmt die Bedeutung von Besitz nicht eher zu?

A: Unsere Gesellschaft wird hedonistischer, also genussorientierter. Das Stimulanzsystem wird stärker. Ausserdem geben uns die Medien natürlich Rollenbilder vor: Reiche und Stars. Aber eigentlich müsste man das einen Soziologen oder Kommunikationswissenschaftler fragen.

Q: Wie beurteilen Sie die zunehmende Verbreitung von Plastikgeld oder Kreditkarten? Merken die Leute überhaupt noch wenn sie Geld ausgeben?

A: Bei Bargeld hat man die haptische Erfahrung. Man spürt die Münzen und Scheine, die man weggibt, wenn man etwas kauft. Wir wissen aus Untersuchungen, dass Menschen mit Kreditkarten tendenziell mehr Geld ausgeben. Es fehlt das Gefühl etwas wegzugeben.

Q: Zusammenfassend kann man also sagen, dass unser Umgang mit Geld …

A: … von drei Faktoren bestimmt ist: Erstens unserer genetischen Ausstattung die sich von Generation zu Generation nicht verändert. Zweitens von dem was wir gelernt haben und da ging es uns in den letzten 50 Jahren ja eigentlich immer besser. Das wird sich mit der aktuellen Krise aber möglicherweise ändern. Und drittens hängt unser Verhalten von den situativen Umständen ab. Dazu gehört zum Beispiel die Stimmung in unserem sozialen Umfeld.

Dr. Hans-Georg Häusel ist promovierter Psychologe. Er ist Autor zweier Bücher über Marketing-orientierte Hirnforschung: „Think Limbic“ und „Brain View“. Ausserdem ist er Partner des auf neuronales Marketing spezialisierten Beratungsunternehmens Gruppe Nymphenburg (www.nymphenburg.de).

Nicht überall wird Geld „verdient“

Der Umgang mit Geld spiegelt sich auch in der Sprache. Während wir im Deutschen Geld „verdienen“, also einen gerechten Lohn für geleistete Arbeit bekommen, kommen Menschen in anderen Sprachkulturen anders zu ihrem Einkommen. Engländer „ernten Geld“ (earn money) nachdem sie gesät haben. Amerikaner hingegen „machen Geld“ (make money), wohl eine Referenz an die Industriegesellschaft. Unsere Nachbarn die Franzosen wiederum „gewinnen Geld“ (gagner de l’argent), was schon sehr viel unsicherer erscheint. Und die armen Ungarn „suchen Geld“.

Banking unter den Augen des Pharao

Wie Quittungen zu einem anerkannten Zahlungsmittel wurden

“Als ich klein war, glaubte ich, Geld sei das wichtigste im Leben. Heute, da ich alt bin, weiss ich: Es stimmt.” - Oscar Wilde, Das Bildnis des Dorian Gray, Kapitel 3 / Lord Fermor, Lord Henry

Angenommen Sie wären Coiffeur und wollten einen Fernseher kaufen. Ohne Geld müssten sie ein Fernsehgeschäft finden, dessen Besitzer bereit ist, Ihnen einen Fernseher zu geben und sich dafür fünf Jahre lang bei Ihnen die Haare schneiden lässt. Sie müssten tage- wenn nicht wochenlang mit den Besitzern von Fernsehgeschäften verhandeln und kämen nicht zum arbeiten. Mit Geld ist das viel einfacher. Sie verkaufen Ihre Haarschnitte gegen Geld und benutzen dann dieses Geld um sich den Fernseher Ihrer Träume zu kaufen. Geld ist also ein „Zwischentauschmittel“.

Weil Geld so unglaublich praktisch ist, gibt es derartige Zwischentauschmittel schon seit über 100′000 Jahren. Damals benutzte man Muscheln oder Elfenbein als Tausch- und Wertaufbewahrungsmittel, die zweite wichtige Funktion von Geld. Das erste Geld war also Warengeld. Man rechnete alle Preise in eine Standardware wie Getreide oder eben Schmuck (Muscheln etc.) um. Die dritte Funktion von Geld ist also, das es als einheitlicher Wertmassstab dient. Vor 2600 Jahren erfanden die Lydier dann geprägte Münzen aus Gold. Diese hatten den Vorteil, das man sie nicht mehr wiegen musste, sondern abzählen konnte. Der Wert des Geldes war aber immer noch in den Münzen selber enthalten. Man konnte sie einschmelzen und zu Schmuck verarbeiten.

Den Schritt zu Geld, das einen Wert nur repräsentiert, haben dann die alten Ägypter um 330 v. Chr. vollzogen. Die Bauern deponierten ihr Getreide in Getreidebanken und bekamen dafür eine Quittung. Diese Quittungen entwickelten sich dann rasch zu einem allgemein anerkannten Zahlungsmittel. Man händigte bei einem Kauf nicht mehr das Getreide selbst sondern nur noch das Anrecht auf eine bestimmte Menge Getreide in der Getreidebank aus. Der eigentliche Wertgegenstand, das Getreide, blieb in der Bank. Geld wurde zum ersten Mal abstrakt, indem der, aus wertlosem Material bestehenden, Quittung, ein Wert zugemessen wurde – eine enorme zivilisatorische Leistung.

Ausserdem ermöglichten die Getreidequittungen die Entstehung des modernen Bankwesens. Die Getreidebanken konnten mehr Quittungen ausgeben, als sie Getreide vorrätig hatten. Sie konnten Kredite vergeben. Die im Umlauf befindlichen Quittungen waren nun einerseits durch den Getreidevorrat und andererseits durch die Aussenstände der Getreidebank gedeckt. Das Vertrauen, das die Quittungen etwas wert waren, bezog sich nun nicht mehr auf den Getreidevorrat selber, sondern auf die Solidität der Getreidebanken.

Ganz ähnlich operierten nach der Erfindung von Papiergeld die Banken. Für das Gold, das in ihren Tresoren lag, druckten sie Anrechtsscheine, sogenannte Banknoten. Der Wert der im Umlauf befindlichen Banknoten übertraf dabei das tatsächlich vorhandene Gold um ein Vielfaches. Jede Bank druckte ihr eigenes Geld. In den USA gab es im 19. Jahrhundert über 5000 verschiedene derartige Banknoten. Erst 1913 wurde die Federal Reserve Bank (Fed), die amerikanische Zentralbank, gegründet. Die Schweiz war da etwas schneller: 1907 erhielt die Schweizerische Nationalbank (SNB) das Monopol auf die Ausgabe von Banknoten und die verschiedenen kantonalen Währungen wurden abgeschafft.

Noch immer waren die Banknoten aber Anrechtsscheine auf Gold, das die Nationalbanken in ihren Tresoren horteten. Aber wie schon bei den ägyptischen Getreidebanken überstieg das umlaufende Geld das zur Deckung dienende Gold bei Weitem. Als der Goldstandard 1973 endgültig abgeschafft wurde, war nur noch 0,5 Prozent des Geldes tatsächlich mit Gold gedeckt. Das Vertrauen in die Werthaltigkeit der Scheine bezog sich nicht länger auf die Solidität einer einzelnen Organisation, sondern auf die Wirtschaftskraft eines Landes.

Neben den klassischen Währungen die von Zentralbanken ausgegeben werden, existieren aber nachwievor private Parallelwährungen. So gibt in der Schweiz die WIR Bank (früher Wirtschaftsring-Genossenschaft) ihr eigenes Geld, eben die WIR heraus. International bedeutsam sind ausserdem Flugmeilen. Nach einer Berechnung der englischen Zeitschrift The Economist übertrifft der Wert der, von Vielfliegern angesammelten, Bonusmeilen den Wert aller US-Dollar Noten. Längst bekommt man nicht nur beim Fliegen diese Bonusmeilen, sondern auch, wenn man mit seiner Kreditkarte einkauft oder ein Auto mietet. Bei den Flugmeilen sieht man aber auch, was passiert wenn eine Bank, hier also die Fluggesellschaften, zuviel Geld ausgibt. Es entsteht Inflation. Man braucht immer mehr Meilen für einen „Gratis“flug.

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Die «andere Krise» ist nicht vorbei

Wegen der taumelnden Finanzmärkte wird nicht genug in die Landwirtschaft investiert

Bevor es zur Kernschmelze im Weltfinanzsystem kam, beherrschte sie die Schlagzeilen: Die Nahrungsmittelkrise. Die Preise für «unser täglich Brot» sind im Zeitraum zwischen April 2007 und Juli 2008 um 60 Prozent gestiegen (siehe Grafik rechts). In knapp einem Drittel der Länder kam es zu Hungeraufständen oder Demonstrationen. Und auch die Jahresabschlussbilanz 2008 der Welternährungs- und -landwirtschaftsorganisation FAO fällt düster aus: 963 Millionen Menschen, knapp 15 Prozent der Weltbevölkerung, haben nicht genug zu essen. Das sind 40 Millionen Menschen mehr als noch zu Beginn des Jahres – was ungefähr der Bevölkerung von Spanien entspricht (siehe Grafik links).

Mittlerweile sind die Preise wieder deutlich gesunken, allerdings nicht zurück auf das Ausgangsniveau. Die Nahrungsmittelpreise liegen immer noch 28 Prozent über dem Level von 2006. Doch damit ist die Krise noch nicht vorbei, denn die anderen Rahmenbedingungen haben sich eher verschlechtert:

› Wirtschaftskrise:
Was zunächst mit ein paar insolventen Hypothekarschuldnern in den USA begonnen hatte, zieht mittlerweile die ganze Welt in Mitleidenschaft. Das Wachstum bricht ein, Arbeitsplätze gehen verloren, Löhne sinken. Für die zwei Drittel der Menschheit, die mit weniger als zehn Dollar pro Tag auskommen müssen, kann ein derartiger Wirtschaftseinbruch lebensbedrohliche Konsequenzen haben.

› Credit-Crunch:
Die Weltbevölkerung wächst von heute 6,7 auf 9,2 Milliarden Menschen im Jahr 2050 an. Um alle satt zu bekommen, muss die Nahrungsmittelproduktion bis dann verdoppelt werden. Dies ist nur mit massiven Investitionen möglich. Aber genau diese Mittel werden nun wegen der Finanzkrise knapp. Die Banken geben den Bauern keine Kredite. So hat trotz der hohen Preise die Getreideproduktion in Entwicklungsländern um lediglich ein Prozent zugenommen, während die besser kapitalisierten Bauern in den Industrieländern die Produktion um zehn Prozent erhöht haben. «Wenn der Credit-Crunch die Bauern dazu zwingt, weniger anzubauen, droht eine neue Runde dramatischer Preissteigerungen bei Nahrungsmitteln» warnt der Vize-Chef der FAO, Hafez Ghanem.

› Lagerbestände und Klimawandel:
Mit ein Grund für die Explosion der Nahrungsmittelpreise waren die extrem niedrigen Lagerbestände. Diese haben sich bis heute nicht erhöht, obwohl sie immer wichtiger werden. Wegen des Klimawandels nimmt die Zahl von Unwettern weiter zu, und immer häufiger werden in einzelnen Ländern ganze Ernten vernichtet. Experten empfehlen daher die Schaffung von internationalen Nahrungsmittelreserven. Noch existieren diese Vorräte aber nur auf dem Papier und machen niemanden satt.

› Weltagrarmarkt und Biotreibstoffe:
Bleibt also nur der Weltmarkt, um sich bei Bedarf mit Lebensmitteln einzudecken. Aber auch hier hat es im vergangenen Jahr keine nennenswerten Fortschritte gegeben: Die Industrieländer fördern nach wie vor die Umwandlung von Nahrungsmitteln in Biotreibstoff mit Milliardensubventionen. Und auch der Weltagrarmarkt bleibt grotesk verzerrt. Die einzige Hoffnung auf Liberalisierung – ein Durchbruch bei den Verhandlungen über einen neuen Welthandelsvertrag, der sogenannten Doha-Runde, hat sich einmal mehr nicht erfüllt.

Kurz, die Zahl der Hungernden ist 2007 und 2008 angestiegen und dürfte wohl dieses Jahr die Milliarden-Grenze knacken. Es steht also zu befürchten, dass eine Trendwende hin zu mehr Hungernden erfolgt ist (siehe Grafik rechts). Dabei sollte es eigentlich weniger Hunger geben. Im Jahr 2000 haben die Staaten der Welt die Millenniumsziele verabschiedet und versprochen, den Hunger auf der Welt bis 2015 zu halbieren.

Noch sei dieses Ziel erreichbar, versichert der FAO-Chef, Jacques Diouf. Dazu braucht es aber nicht weniger als eine neue «Weltordnung der Landwirtschaft» und natürlich Geld: Die FAO schätzt, dass jedes Jahr 30 Milliarden Dollar zusätzlich in die Landwirtschaft in Entwicklungsländern investiert werden müssten. Das entspricht weniger als einem Zwölftel der Summe, welche die Industrieländer in jedem Jahr für Landwirtschaftssubventionen ausgeben. Um die notwendigen Mittel und den politischen Willen zur Reform des Agrarmarkts zu mobilisieren, appelliert die FAO an den zukünftigen amerikanischen Präsidenten, Barack Obama, einen Welternährungsgipfel einzuberufen. Auf diese Weise soll verhindert werden, dass sich die «andere» Krise zur eigentlichen Krise auswächst.

Kommentar - Das Jahr der Krisen

Jeder sechste Mensch hungert. Diese Zahl ist erschütternd. Und es werden immer mehr statt weniger. Gleichzeitig produziert die Finanzkrise täglich neue Hiobsbotschaften. Dazu kommt der Klimawandel. Die Welt sieht sich also gleichzeitig mit drei Krisen konfrontiert. Und alle drei können nur abgewendet werden, wenn alle Länder mitmachen – und das schnell: Für das Hunger-, Wirtschafts- und Klimaproblem müssen dieses Jahr Lösungen gefunden werden. Insofern wäre ein Hungergipfel, neben dem Welt-Finanz-Gipfel im Februar und der Klimakonferenz im Dezember, ein wichtiges Zeichen – nämlich, dass die Führer der Welt alle drei Krisen ernst nehmen. Aber natürlich kommt es nicht auf die Anzahl Gipfeltreffen an, sondern auf die Resultate. Es geht nicht länger darum, hehre Versprechen wie mit den Millenniumszielen abzugeben, sondern diese zu halten. Dafür braucht es Kompromissbereitschaft und Geld. Streit ist also programmiert. Ausserdem braucht es intelligente Lösungen. Denn keine der Krisen darf auf Kosten einer anderen gelöst werden. Da trifft es sich gut, dass der künftige amerikanische Präsident, Barack Obama, Bildung und Intelligenz einen höheren Wert beimisst als sein Vorgänger. Aber auch ein Obama kann die Welt nicht im Alleingang retten. Die Bürger aller Länder müssen darauf achten, dass ihre Politiker ob des zu erwartenden Streits nicht den Blick fürs Ganze verlieren. Und dazu gehört auch eine Zahl: Jeder sechste Mensch hungert.

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Macht Obama das Klima zur ersten Priorität?

Die Vorbereitungen für die Amtsübernahme laufen auf Hochtouren

Obama hat es geschafft! Die Wahl ist gewonnen! Nun hat er zweieinhalb Monate Zeit die Amtsübernahme vorzubereiten. Wie das funktioniert beschreibt sehr spannend John Heilemann im New York Magazine. Erste Priorität für Präsident Obama habe dabei die Energiepolitik:

“Already Obama is hinting strongly at what his priorities will be. Obama now informs Time’s Joe Klein that endeavoring to spark “a new energy economy [is] going to be my No. 1 priority when I get into office.”

Wir werden sehen. Die Erwartungen an Obama sind gigantisch, aber wenn er mit dem Klima anfängt, wäre das ja schon mal nicht schlecht. Schliesslich soll im Dezember 2009 bereits ein Nachfolgeabkommen für das Kyoto-Protokoll verabschiedet werden und die Energie- und Klimapolitik müsste wohl Teil eines zweiten “New Deals” sein. mic

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Die Klimadiplomaten haben dieses Jahr noch ein volles Programm

Die Chancen für eine Einigung in Europa stehen gut

Zur Zeit dominiert die Garderobe Amerikas bekanntester Hockey-Mum und die Kernschmelze an den Finanzmärkten die Schlagzeilen. Die ebenfalls schmelzenden Polkappen und die internationalen Anstrengungen, den Klimawandel zu begrenzen, geniessen weit weniger Aufmerksamkeit. Dabei stehen in den wenigen Wochen vor Weihnachten noch einige wichtige Treffen und Entscheidungen an:

  • In den ersten beiden Dezemberwochen treffen sich die Mitgliedsländer des Kyotoprotokolls im polnischen Posen (1. bis 12.12.) . Da das Protokoll Ende 2012 ausläuft, muss ein neuer internationaler Klimavertrag verhandelt werden. Im Dezember 2009 wollen die Klimadiplomaten den Vertrag in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen verabschieden. Das Treffen in Posen ist also das letzte Vorbereitungstreffen vor dem eigentlichen Show-Down.
    Letzte Woche hat China seinen “Preis” für eine Reduktion seines CO2 Ausstosses bekannt gegeben: Die Industriestaaten sollen ein Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts, also rund 300 Milliarden Dollar, pro Jahr in den Technologie-Transfer investieren. Die Chinesen setzen sich damit an die Spitze der Entwicklungsländer, die einen besseren Zugang zur Klimatechnologie westlicher Firmen verlangen.
  • Noch während des Treffens in Polen stimmt das Europaparlament über die Regeln für die nächste Phase (2013 bis 2017) des europäischen CO2-Handels ab (3. und 4.12.). Das Parlament hat die Abstimmung vorgezogen, um nicht einfach die Entscheidung des Ministerrats abnicken zu müssen.
  • Am Ende der Kyoto-Konferenz entscheidet ein EU Gipfeltreffen über das Emissionshandelssystem (11. und 12.12.). Hauptstreitpunkt ist die Versteigerung der Emissionsrechte (siehe unten). Aber auch die Bestimmungen zum CO2 Ausstoss von Autos steht erneut auf der Tagesordnung. Nachdem sich Frankreich und Deutschland hier auf eine Aufweichung der Regeln für grössere Autos verständigt haben, mahnt nun Italien weniger strenge Regeln für Kleinwagen an.

Während in Posen kaum Aussichten auf grosse Fortschritte bestehen, da ja noch die alte US Regierung im Amt ist, dürften sich die Europäer einigen, schätzt die dänische Aussenministerin. Dänemark als Gastgeber der Konferenz im Jahr 2009 sieht sich in der Rolle des Patenonkels für den Vetrag und betreibt eine sehr aktive Klima-Weltinnenpolitik. Gegenüber Reuters erklärt sie ihren Optimismus für eine Einigung in Europa mit zwei Argumenten:

  1. Die osteuropäischen Staaten, die strengen Klimaauflagen eher kritisch gegenüber stehen, sorgen sich um ihre Energiesicherheit. Sie wollen vom russischen Gas unabhängiger werden. Dies verbessert die Chancen für einen europäischen Klimadeal.
  2. Nächstes Jahr übernimmt Tschechien die EU Präsidentschaft von Frankreich und Tschechien hat offenbar bereits signalisiert, dass es kein Interesse hat, das Klimapaket zu übernehmen. Eine Lösung muss also im Dezember gefunden werden.

Aber jetzt sind erst Mal Wahlen.

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Der europäische CO2-Handel ist ein Exportschlager

Gestritten wird derzeit über die zukünftige Versteigerung der Emissionsrechte

Von einem derartigen Kurssturz erholen sich nicht viele: Im April 2006 war eine Tonne CO2 an der European Climate Exchange rund 30 Euro Wert; im Dezember 2007 noch 3 Cents. Die EU Staaten hatten zuviele Emissionsrechte an ihre Industrien ausgegeben. Als die Händler dies merkten, brach der Kurs ein. Gut war es nur die Generalprobe und die überzäligen Verschmutzungsrechte verfielen per Ende 2007.
Seit Anfang dieses Jahres gilt es nun ernst: Der europäische Emissionshandel hat seine erste fünfjährige Handelsperiode begonnen (Anfang 2008 bis Ende 2012). Beteiligt sind 12 000 Stromerzeuger, Zementhersteller und Papierfabriken. Diese Branchen sind für 40 Prozent des europäischen CO2 Ausstosses verantwortlich. Ab Januar 2012 müssen ausserdem alle Fluggesellschaften, die Europa anfliegen, an dem Handelssystem teilnehmen.

Die Zuteilung der Emissionsrechte erfolgt dabei in zwei Schritten: Erst werden Emissionsobergrenzen für die verschiedenen Länder festgelegt und Emissionszertifikate an die Länder verteilt. Anschliessend verteilen die Länder diese Zertifikate im Wert von je einer Tonne CO2 an die beteiligten Firmen. Wer mit seiner Zuteilung an Verschmutzungsrechten nicht auskommt, also zuviel CO2 produziert, muss entweder seine Emissionen senken oder weitere Zertifikate zukaufen. Wer weniger CO2 ausstösst, kann seine überzähligen Zertifikate verkaufen. Die Emissionen werden also erst gedeckelt und dann gehandelt (Cap and Trade). Um die Verpflichtungen aus dem Kyoto-Klimaprotokoll zu erfüllen, also die Emissionen zu senken, werden kontinuierlich weniger Zertifikate ausgegeben. Diese werden dadurch immer wertvoller.

Derzeit ist das Recht eine Tonne CO2 emitieren zu dürfen 18,45 Euro Wert (siehe Grafik). Das heisst, dass sich Energiesparmassnahmen die weniger als 18,45 Euro pro Tonne CO2 kosten, für die Unternehmen rechnen. Sie können das eingesparte Zertifikat an einer der Klimabörsen verkaufen. So stellt das Handelssystem sicher, dass in allen beteiligten Firmen dort in Energieeffizienz investiert, wo es am billigsten ist. Dadurch werden die Kosten für die Anpassungsmassnahmen massiv reduziert: In den USA wurde bereits in den 90er Jahren ein Handelssystem für Schwefelverbindungen eingeführt, um den Sauren Regen zu bekämpfen. Ökonomen schätzen, dass dadurch die Kosten für die nötigen Anpassungen in der Industrie um 80 Prozent reduziert werden konnten.

Im Fall des europäischen CO2 Handels können ausserdem die erforderlichen Emissionsreduktionen in Drittländern vorgenommen werden. Wer in China Windräder baut oder in der Ukraine eine Stahlfabrik saniert, bekommt für das dadurch eingesparte CO2 ebenfalls Zertifikate. Diese „Kyoto-Zertifikate“ können nun in EU-Zertifikate umgewandelt werden. Zur Freude der Marktteilnehmer sind seit Mitte Oktober die EU und Kyoto Computersysteme integriert, sodass die Transaktionskosten sinken.

Noch ist das erste Jahr der aktuellen Handelsphase nicht um, doch die EU Länder diskutieren bereits die Regeln für die nächste Phase (2013 bis 2017). Der grosse Streitpunkt ist die weitgehend kostenlose Zuteilung der Zertifikate: 90 Prozent der Emissionsrechte werden gratis an die beteiligten Firmen abgegeben und maximal 10 Prozent dürfen versteigert werden. So sollen Nachteile für die Industrie, die sich im Wettbewerb mit Firmen aus Ländern ohne Emissionshandel befindet, vermieden werden. Für die Stromerzeuger hingegen ist das ein Bombengeschäft: Während sie den Zertifikatspreis auf den Strompreis umlegen, bekommen sie die meisten Zertifikate geschenkt.

Vorgesehen ist nun, den Anteil der versteigerten Zertifikate auf mindestens 60 Prozent zu erhöhen. Umstritten ist aber die Auteilung auf Industrie und Kraftwerksbetreiber. Deutschland schlägt vor, der Industrie weiterhin alle Zertifikate zu schenken und dafür die Stromfirmen für die Zertifikate zahlen zu lassen. Dagegen wehrt sich aber insbesondere Polen, das 90 Prozent seines Stroms aus CO2 trächtigen Kohlekraftwerken bezieht.

Noch ist das europäische Emissionshandelssystem also nicht perfekt. Trotzdem ist es mittlerweile das weltweit grösste und ein Exportschlager: Australien, Neuseeland, einzelne amerikanische und kanadische Bundesstaaten sowie Japan haben in den letzten Monaten eigene Handelssyteme vorgestellt. mic

> Der aktuelle CO2 Kurs findet sich auf der Seite der European Climate Exchange: www.europeanclimateexchange.com

Die Schweiz ist nicht dabei

Im Gegensatz zu den EWR Staaten, Norwegen, Island und Liechtenstein, nimmt die Schweiz nicht am europäischen Emissionshandel teil. Seit dem 1. Januar 2008 gibt es in der Schweiz ein nationales Handelssystem. Die Verknüpfung der beiden Systeme könnte aber durch ein entsprechendes Abkommen geregelt werden. Damit würden die Schweizer und die EU-Emissionsrechte für Treibhausgase gegenseitig anerkannt. So können Wettbewerbsnachteile für Schweizer Unternehmen verhindert werden, die dadurch Zugang zu einem sehr viel grösseren Markt bekämen. Die EU strebt eine Verknüpfung ihres Systems mit anderen Systemen an, um auf dieser Basis einen globalen Markt zu schaffen. mic

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Zwei Drittel des Welt-Energiespar-Potentials liegt in Entwicklungsländern

Die wirtschaftlichen Vorteile des Energiesparens sind enorm

Der Energieverbrauch steigt weltweit an, inbesondere in den Entwicklungsländern. Vier Fünftel der zusätzlichen Energienachfrage geht auf ihr Konto. Jedes Jahr verbrauchen die Entwicklungsländer 3,4 Prozent mehr Energie - es sei denn - sie tun etwas dagegen. Die Unternehmensberatung McKinsey schätzt in einer Studie, dass sich das Nachfragewachstum auf 1,4 Prozent beschränken lässt. Bis 2020 lässt sich so der aktuelle Energieverbrauch Chinas sparen.

Die Entwicklungsländer profitieren dabei mehrfach von den erforderlichen Investitionen in Energieeffizienz:

  • Alle vorgeschlagenen Massnahmen haben eine Internal Rate of Return (IRR) von 10 Prozent oder mehr. Sie sind also profitabel: Investieren die Länder des Südens in den nächsten zwölf Jahren je 90 Milliarden Dollar in Sparmassnahmen, werden sich die jährlichen Einsparungen bis 2020 auf 600 Milliarden Dollar erhöhen.
  • Um die steigende Energienachfrage zu befriedigen müssen die Entwicklungslännder massiv in neue Kraftwerke investieren. Durch Energiesparmassnahmen lässt sich das erforderliche Investment aber von 11 auf 9 Billionen (9 000 000 000 000) Dollar reduzieren. Dieses Geld kann anderweitig ausgegeben werden.
  • Dank geringerer Energieimporte verbessern sie ihre Handelsbilanz und sind weniger anfällig auf externe (Energiepreis-)Schocks.

Um dieses Potential zu realisieren, müssen die Entwicklungsländer aber schnell reagieren. Die Hälfte des im Jahr 2020 bestehenden Kapitalstocks in Form von Gebäuden, Fabriken, Kraftwerken etc. wird in den nächsten zwölf Jahren gebaut. Da diese Infrastrukturen anschliessend jahrzehntelang genutzt werden, haben die Entwicklungsländer also die Möglichkeit ihre Energieeffizienz langfristig zu verbessern.

Dazu sind insbesondere folgende Massnahmen erforderlich:

  • Reduktion oder Abschaffung von Energiesubventionen
  • Anreize für Energieversorger, das Energiesparen zu fördern
  • Minimalstandards für elektrische Geräte, Förderung von Energiesparlampen etc.

Einige der Entwicklungsländer, insbesondere China, haben die Bedeutung und Dringlichkeit des Problems erkannt. Energieezzizienz steht ganz oben im aktuellen Fünjahresplan. mic

Die McKinsey Studie ist der dritte Teil einer Serie: Der erste Teil (Blogeintrag) zeigt wie sich durch eine Erhöhung der Welt-Energieproduktivität der Klimawandel stabilisieren lässt ohne das Wirtschaftswachstum zu gefährden. Und der zweite Teil (Blogeintrag) erklärt, wo sich in Europa noch ungenutzte Energiesparpotentiale verstecken. Alle Studien gibt’s kostenlos. Man muss sich aber anmelden.

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