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Das Rätsel XR

Der Aufstand gegen das Aussterben lässt sich nicht in gängige Schablonen pressen

Extinction Rebellion ist neu. Damit erschöpft sich aber auch schon der Konsens. Anschließend könnten die Einordnungen kaum unterschiedlicher sein – dabei ist es ganz einfach.

Vor weniger als einem Jahr entstand in Großbritannien eine neue Umweltbewegung. Mittlerweile hat diese Ableger in über 70 Ländern und organisiert dort oftmals die größten Aktionen zivilen Ungehorsams in Jahrzehnten. Ihr Name ist apokalyptisch: Extinction Rebellion (XR) oder auf Deutsch: Aufstand gegen das Aussterben. Und ihre Botschaft ist es auch: Wenn nicht sofort radikale Maßnahmen gegen die Klima- und Artenkrise eingeleitet werden, ist das Überleben der Menschheit in Gefahr. Damit gelingt es dieser Bewegung, Tausende Menschen so weit zu radikalisieren, dass sie bereit sind, sich verhaften zu lassen. Gleichzeitig hat XR nur Vordenker aber keine wirklichen Anführer und keine erkennbare Struktur. Trotzdem erscheint die Bewegung gut organisiert, was sich am einheitlichen und durchdesignten Auftreten rund um die Welt zeigt. Auch politisch lässt sich XR nicht verorten, denn die Kritik kommt von rechts und links. Sicher ist bislang nur eins: Die XR-Aktivisten agieren strikt gewaltfrei und sind ausgesucht respektvoll.

Bitterernst. Bei XR handelt es sich tatsächlich um einen Aufstand, der auf eine fundamentale Änderung des politischen Systems abzielt. (Foto: mic)

XR ist daher vielen ein Rätsel. Um dieses aufzulösen, lohnt ein Blick auf die große Diskrepanz zwischen dem wissenschaftlichen Erkenntnisstand und dem gesellschaftlichen Konsens (siehe Grafik). Letzterer besagt, dass die Welt bis zum Jahr 2050 klimaneutral sein muss, um eine Klimakatastrophe abzuwenden. Aus Sicht der Wissenschaften wäre das aber viel zu spät, wie die Kombination von drei Studien zeigt: Die „Heißzeit-Studie“ sagt, dass zwischen 1,5 und 2 Grad Erwärmung Kipppunkte liegen könnten, ab denen sich die Klimaerwärmung selbst verstärkt und nicht mehr gestoppt werden kann. [1] Um das zu verhindern müssen gemäß dem Weltklimarat IPCC die globalen Emissionen in den nächsten elf Jahren halbiert werden und bis 2050 auf Netto-Null sinken. Bei dieser Rechnung lässt der IPCC aber eine Klimahypothek von 100 Milliarden Tonnen CO2 außen vor, die der Atmosphäre entzogen werden müssen. Eine Studie von Joeri Rogelj integriert diese Hypothek ins CO2-Budget der Menschheit. [2] Das Resultat: Um die Klimaüberhitzung mit Münzwurfwahrscheinlichkeit auf 1,5 Grad zu begrenzen muss die Welt schon im Jahr 2038 klimaneutral sein und für eine zwei Drittel Wahrscheinlichkeit sogar schon im Jahr 2030.

Lücke. Wenn der Abstand zwischen dem gesellschaftlichen Konsens und der eigentlichen Wahrheit zu gross wird, besteht die Möglichkeit einer radikalen Veränderung. (Grafik: Roger Hallam / Christian Mihatsch)

Die erste Forderung von XR lautet daher: „Sagt die Wahrheit“. Zudem dient der Gegensatz von Konsens und Wahrheit auch der Mobilisierung. Dabei zeigt die Vielfalt der verschiedenen XR-Untergruppen, dass ein Teil aller gesellschaftlichen Gruppierungen den wissenschaftlichen Kenntnisstand verstanden hat. Bei XR sind Christen, Juden und Moslems, Polizisten und Punks, Vegetarier und Fleischesser, Rechte und Linke sowie Junge und Alte dabei. Der Gegensatz zwischen Konsens und Kenntnisstand habe aber noch eine weitere Konsequenz, sagt Roger Hallam, ein Vordenker von XR: „Wenn man rund um die Wahrheit mobilisiert, ergibt sich eine Polarisierung.“ [3 s. 22:40] Diese Polarisierung hat allerdings nichts mit links oder rechts zu tun sondern zieht sich quer durch die Gesellschaft. Dafür erklärt die Polarisierung die schnelle Mobilisierung und Radikalisierung der Rebellen: Wer überzeugt ist, dass die Menschheit innert Jahren und nicht Jahrzehnten klimaneutral sein muss, um ihr Überleben zu sichern, ist oft bereit für diese Überzeugung verhaftet zu werden. Dies gilt umso mehr, da jahrzehntelange Klimademonstrationen und -petitionen nicht gereicht haben, um die Regierungen der Welt zu wirksamem Klimaschutz zu zwingen.

Verhaftbar. Eva Simons ist extra aus Schottland angereist, um sich in London verhaften zu lassen. Sie hat sich in einem Stahlrohr an einen anderen Rebellen gekettet. (Foto: mic)

Für Verwirrung sorgt auch, dass XR nicht sagt, wie dieser aussehen soll. Die Bewegung hat keine konkreten Forderungen, was insbesondere von Vegetariern und Kapitalismuskritikern beklagt wird. XR fordert vielmehr eine Änderung des politischen Systems: Dem Parlament soll eine Versammlung aus zufällig ausgewählten Bürgern beigestellt werden, die dann über die konkreten Maßnahmen entscheiden. Da niemand weiß, wie diese Entscheidungen ausfallen werden, entzieht sich aber auch diese Forderung dem Links-Rechts-Schema. Entkräften lässt sich damit indes die Behauptung mancher Kommentatoren, XR sei antidemokratisch, denn Bürgerversammlungen gab es schon im alten Griechenland.

Schnell erklärt ist dafür das einheitliche Auftreten und die schnelle Verbreitung von XR: Die Bewegung folgt einem Franchise-Modell. Wer sich zu den zehn XR-Prinzipien bekennt, kann eine Ortsgruppe gründen und dabei auf einen großen Fundus an Materialien zurückgreifen. Dazu zählen Kursmaterialien, ein Handbuch zum XR-Design sowie Anleitungen zur Selbstorganisation. Dadurch wird auch die Befürchtung ad absurdum geführt, XR sei ein Endzeitkult. Wenn ganz unterschiedliche Menschen Ortsgruppen gründen können, entsteht daraus kaum eine Sekte.

Trauermarsch. Trauer über die Zerstörung des Lebens auf der Erde gehört zu XR. Trotzdem ist XR keine Endzeitsekte. (Foto: Leo Mihatsch)

Letztlich lässt sich XR viel einfacher erklären – mit einem XR-Slogan: „Das ist ein Notfall.“ XR ist eine Notoperation am Herzen der Gesellschaft angesichts eine lebensbedrohlichen Krise. Es geht nicht um links oder rechts oder eine andere Ideologie. Es zählt, was wirkt. Gail Bradbrook, die „Mutter“ des Aufstands sagt: „Wenn du einen besseren Plan hast, dann sag’s uns.“ [4 s. 17:30] Und genau das ist wohl des Rätsels Lösung: XR ist Pragmatismus pur. mic

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[1] PNAS, 14.08.2018: Trajectories of the Earth System in the Anthropocene

[2] weltinnenpolitik.net, 02.09.2019: Die Welt muss deutlich vor 2050 klimaneutral sein

[3] Roger Hallam, 28.02.2019: Key Elements in Radical Political Mobilisation – Part 1 of 2 (Youtube)

[4] Democracy Now, 08.10.2019: This is not a drill (Youtube)

Leitartikel: Der Ansatz von Extinction Rebellion ist gefährlich aber nötig

Es braucht wohl tatsächlich einen Aufstand, um die Klimakrise zu stoppen

Für sich das Recht auf Rebellion zu reklamieren ist ungewöhnlich und gefährlich, denn andere Gruppen könnten sich das zum Vorbild nehmen. Angesichts des Versagens der Parteiendemokratie angesichts der Klimakrise bleibt aber wohl keine andere Wahl.

Die Vertreter von Extinction Rebellion (XR), dem selbsternannten Aufstand gegen das Aussterben, sind stets höflich und respektvoll. Davon sollte man sich aber nicht täuschen lassen, denn es handelt sich tatsächlich um einen Aufstand. Die Rebellen reklamieren für sich das Recht auf Rebellion. Dieses beruht auf dem Naturrecht: In einem imaginären Urzustand liegen alle Rechte beim Einzelnen. Dieser tritt dann einen Teil dieser Rechte an den Staat ab. Im Gegenzug verpflichtet sich dieser im „Gesellschaftsvertrag“ das Leben und die Freiheiten der Menschen zu schützen. Aus Sicht von XR hat der Staat diesen Vertrag gebrochen, weil er zu wenig gegen die Klimakrise unternimmt. Folglich fallen alle Rechte an den Einzelnen zurück und diese haben das Recht das System zu stürzen.

XR will den Staat aber nicht zerstören, sondern die repräsentative Demokratie ergänzen durch eine „Bürgerversammlung“ als dritter Parlamentskammer. In dieser sitzen zufällig ausgewählte Bürger wie in einem Geschworenengericht. Weil diese Bürger nicht wie Politiker wiedergewählt werden können, haben sie die Möglichkeit mutigere Entscheidungen zu treffen. Das hat in Irland funktioniert: Dort hat eine Bürgerversammlung beschlossen, das Abtreibungsverbot aufzuheben, was dann in einer Volksabstimmung bestätigt wurde. Dies hätten sich Berufspolitiker nie getraut, aus Angst vor der katholischen Kirche. Doch derartige Bürgerversammlungen sind weder in Grossbritannien noch in Deutschland derzeit vorstellbar. Daher nimmt XR das Recht auf Rebellion in Anspruch und versucht den Staat durch massenhaften, strikt gewaltfreien, zivilen Ungehorsam zu Verhandlungen zu zwingen.

Dieses Mittel hat sich bewährt etwa bei der Überwindung der Rassentrennung in den USA oder beim Unabhängigkeitskampf Indiens. Das Recht auf Rebellion für sich zu reklamieren, ist aber auch gefährlich: So könnten etwa rechtsextremistische Gruppen ebenfalls behaupten, der Staat habe den Gesellschaftsvertrag gebrochen. Zudem ist jede Selbstermächtigung in einem demokratischen Rechtsstaat wie Grossbritannien oder Deutschland undemokratisch, schliesslich bestünde ja auch die Möglichkeit, einer Partei beizutreten und das System von innen heraus zu reformieren. Diesen Ansatz haben die 68er verfolgt und haben mit ihrem „Marsch durch die Institutionen“ durchaus Erfolg gehabt.

Doch dafür reicht aus XR-Sicht die Zeit nicht mehr. Gemäss dem Weltklimarat müssen die Emissionen in den kommenden elf Jahren weltweit und damit auch in Deutschland halbiert werden, um das 1,5-Grad-Ziel mit Münzwurfwahrscheinlichkeit zu erreichen. Das bedeutet, dass die deutschen Emissionen bis 2030 um 65 Prozent im Vergleich zu 1990 sinken müssen und nicht nur um 55 Prozent wie von der Bundesregierung angestrebt. Hinzu kommt, dass mit dem deutschen Klimapaket selbst das zweite Ziel verfehlt wird. Ähnlich sieht es in anderen Ländern aus. Die XR-Analyse ist daher (noch) richtig, dass das bestehende politische System nicht in der Lage ist, angemessen auf die Klimakrise zu reagieren.

Nun lässt sich natürlich argumentieren, es seien ja noch elf Jahre Zeit und das System werde diese nutzen, um doch noch auf den Zielpfad einzuschwenken. Dafür gibt es allerdings keinerlei Anhaltspunkte, im Gegenteil: Die Bundesregierung ist dabei, ihr eh schon schwaches Klimapaket weiter aufzuweichen. Es ist hart aber wahr: Die Parteiendemokratie scheint an der Klimakrise zu scheitern – mit absehbar katastrophalen Folgen bis zum Ende der menschlichen Zivilisation. Da diese Folgen unumkehrbar sein werden, unterminiert der Staat seinen Legitimation, den Gesellschaftsvertrag. Daraus das Recht auf einen Aufstand abzuleiten ist gefährlich, erscheint aber zunehmend als die letzte Chance, um diesen Wahnsinn noch zu stoppen. mic

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Londoner Klimarebellion startet plangemäss

Das britische Regierungsviertel ist weitgehend in der Hand der Aufständischen

Sowohl die Umweltbewegung Extinction Rebellion wie auch die Londoner Polizei haben am Montag ihrem Ruf Ehre erwiesen. Beide Seiten sind ausgesprochen höflich und respektvoll, trotz der gegensätzlichen Ziele.

Am Montag pünktlich um zehn Uhr morgens begann der Aufstand. Nach wenigen Minuten hatte die Umweltbewegung Extinction Rebellion (XR) zwei Brücken und zehn Kreuzungen in London besetzt – so wie zuvor geplant. Damit kontrolliert der Aufstand gegen das Aussterben ein rund einen Quadratkilometer grosses Demonstrationsgelände im Regierungsviertel der britischen Hauptstadt London. Das Gelände beginnt bei der Lambeth Brücke im Süden und reicht bis zum Trafalgar Square gut zwei Kilometer weiter nördlich. In diesem Gebiet liegen 23 verschiedene Ministerien, das britische Parlament und der Amtssitz von Premierminister Boris Johnson in der Downing Street. Diese Fläche soll nun für zwei Wochen gehalten werden.

Der Polizei war der XR-Plan natürlich auch bekannt, nicht zuletzt weil XR diesen eng mit der Polizei abgestimmt hatte. Die Londoner Polizei hat Verstärkung aus ganz Grossbritannien angefordert und arbeitet seit Montag in Zwölf-Stunden-Schichten. Aufgrund der Erfahrungen bei der XR-Aktion im April setzt die Polizei auf Beweglichkeit: „Das Erfordernis beweglich zu sein und schnell zu reagieren, ist das, was wir gelernt haben“ sagt Nick Ephgrave, ein stellvertretender Chef der „Metropolitan Police“. [1] Das Ziel sei, „die Situationen zu entwickeln statt ihnen zu erlauben sich zu entwickeln und anschliessend zu versuchen mit einem viel grösseren Problem fertig zu werden“. [1] Praktisch bedeutete das zunächst, Baumaterial für Zelte und Bühnen zu beschlagnahmen.

Verhaftungen gab es am Montag nur relativ wenige. Einer davon war Jeremy, der seinen Nachnamen nicht nennen wollte. Der pensionierte Computerfachmann wurde wegen Tätlichkeit gegenüber einer Polizeikommandantin festgenommen, einen Vorwurf den er bestreitet. Als Grund für seine Teilnahme bei XR nannte er sein schlechtes Gewissen: „Wir hatten ein gutes Leben“, sagte er über seine Generation, „aber wir haben nicht an die Folgen gedacht“. Diese müssten jetzt seine vier Kinder und insbesondere seine beiden Enkel ausbaden. Auf der Lambeth Brücke kam es zudem zu einigen Verhaftungen wegen der Brückenblockade. In bester XR-Manier wurden dabei sowohl die Verhafteten als auch die Polizei beklatscht. Letztere schätzt die Freundlichkeit allerdings nur bedingt und beklagt, dass die normale Polizeiarbeit unter den XR-Protesten leidet: „All das hat seinen Preis, einen Preis für normale Londoner. In dieser zwei Wochen Periode werden wir zweifellos nicht den Service bieten können, den wir bieten wollen“, so Ephgrave. [2]

Einer der ersten. Jeremy wurde am Montag Morgen verhaftet und in Handschellen gelegt. Das Verhältnis zu den Polizisten ist dennoch entspannt. (Foto: Leo Mihatsch)

Das gilt umso mehr, weil XR nicht nur das Regierungsgelände besetzt halten will. Zusätzlich sind Aktionen in anderen Stadtteilen geplant. Das 18-seitige „Action Design“ Dokument listet sieben internationale Konferenzen auf, die ebenfalls gestört werden sollen. [3] Ab Donnerstag dieser Woche sind zudem Massnahmen gegen die „Transportinfrastruktur“ vorgesehen. Das erste Ziel ist der Flughafen London City. Am nächsten Montag soll schliesslich ein einwöchiger Hungerstreik beginnen, zu dem sich bereits über 1800 Rebellen angemeldet haben. Ob tatsächlich so viele Menschen daran teilnehmen werden, ist allerdings unsicher. Wer mithungern will, muss ein ärztliches Attest mitbringen.

Die Polizei sieht sich zudem durch die Rechtslage eingeschränkt, so Ephgrave: „Die Gesetze zur öffentlichen Ordnung stammen aus einer anderen Ära.“ Dabei sind dem Polizeikommandanten insbesondere Wiederholungstäter ein Dorn im Auge: „Wenn wir Leute haben, die bei Protesten gewohnheitsmässig rechtswidrig handeln, dann wäre es hilfreich, die Möglichkeit zu haben, das zu verhindern.“ [1] Erstaunlicherweise kann Ephgrave dabei auf die Mithilfe von XR hoffen, denn die Bewegung hat ihre Taktik geändert. Im April kamen die meisten Verhafteten nach kurzer Zeit frei, indem sie eine Kaution hinterlegt haben. Anschliessend konnten sie sich wieder den Protesten anschliessen. Doch nun ermutigt XR die Verhafteten dazu, eine Freilassung auf Kaution zu verweigern. Die Logik ist simpel: „Es gibt etwa 1000 Gefängniszellen in London. Wenn wir diese jeden Tag füllen, dann bleiben die Strassen in unserem Besitz. Das ist der Grund, warum wir die Kaution verweigern.“[4]

Numbers game. Dieser Rebell hatte sich mit wenigen anderen auf einem drei Meter hohen Gerüst festgeklebt. Um ihn zu verhaften, waren run 40 Polizisten stundenlang im Einsatz. (Foto: Leo Mihatsch)

Wer bis zu seinem Prozess in Haft bleibt, kann zudem mit einem Prozess innert weniger Tage rechnen. Das ist insbesondere für Rebellen von Vorteil, die nicht aus London kommen. Denn sonst müssen sie Monate später wegen ihres Gerichtstermins extra nach London reisen. Derzeit laufen noch die Prozesse der Menschen, die im bei der knapp zweiwöchigen XR-Aktion im April verhaftet wurden. Wer sich schuldig bekennt, kommt meist ohne Strafe davon und muss nur die Prozesskosten in Höhe von 120 Euro bezahlen.

In der zweiten Protestwoche nimmt die Konkurrenz um Zellenplätze dann weiter zu. In dieser Woche findet der EU-Gipfel statt und wenn dort keine Einigung über das Brexitabkommen zustande kommt, muss Johnson eine weitere Verschiebung des Brexit beantragen. Die Polizei rechnet daher mit Demonstrationen für und gegen den Brexit. Im Gegensatz zur Klimarebellion könnte es dabei zu Ausschreitungen kommen. Folglich wird die Polizei einen Teil ihrer Zellen für Brexitdemonstranten vorhalten. Der Verhaftungsdruck auf die Klimarebellen dürfte dann allerdings eh abnehmen, da die Polizei dann ihre Kräfte auf mehrere Proteste aufteilen muss. XR hat keine Position zum Brexit und bedauert nur, dass dieser von der Klimakrise ablenkt. In der zweiten Woche könnte dies tatsächlich der Fall sein – zum Vorteil der Rebellen. mic

Update vom 08.10.2019: Am Montag den 7. Oktober wurden gemäss XR insgesamt 270 Rebellen verhaftet. Ausserdem ist es der Polizei gelungen Lambeth Bridge zu räumen. Da die Polizei diese seither aber selbst besetzt hält, fliesst Londons Verkehr daher nicht flüssiger. In der Nacht konnten die Rebellen die verbleibenden Positionen halten.

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[1] Guardian, 02.10.2019: Specialist police assigned to Extinction Rebellion rallies

[2] Telegraph, 02.10.2019: Extinction Rebellion protests are putting a bigger strain on police than terrorism

[3] XR, 25.09.2019: October Action Design Version 1 (Google Docs)

[4] XR, Stand 08.10.2019: Pledge to Noncooperation at Police Station in October Rebellion

 

Guterres setzt Länder beim Klima unter Druck

Der UN-Chef setzt auch auf ungewöhnliche Mittel, damit die Länder ihre Klimaziele nachbessern

In normalen Zeiten hat der UN-Chef eine Vermittlerrolle. Doch angesichts der Klimakrise reicht das nicht mehr aus, meint António Guterres. Aus diesem Grund macht er den Ländern klare Vorgaben, was beim Klima passieren muss.

In nur 16 Jahren wird sich das Klima um 1,5 Grad aufgeheizt haben, wenn die Länder keine zusätzlichen Massnahmen zur Reduktion ihrer Treibhausgasemissionen ergreifen. Das ist die neuste Schätzung des Climate Action Trackers. [1] Und anschliessend wird es noch wärmer: Zwei Grad sind im Jahr 2053 erreicht und Ende des Jahrhunderts sind es 3,2 Grad. Zwischendurch hat das Klimasystem dann voraussichtlich einige Kipppunkte überschritten und die Erwärmung verstärkt sich selbst, sodass der Mensch sie nicht mehr stoppen kann. Vor diesem Hintergrund findet am Montag in New York ein Klimagipfel auf Einladung von UN-Chef António Guterres statt. „Wir verlieren das Rennen“ gegen die Klimaüberhitzung, sagte Guterres und bezeichnete die Situation als „Notstand“. [2]

Aus diesem Grund verlangt Guterres von seinen Gästen „klare Pläne und keine Reden“. Ausserdem liess er sie auch gleich wissen, was in den Plänen stehen soll: Klimaneutral bis 2050, keine neuen Kohlemeiler ab nächstem Jahr, ein Ende der Subventionen für Kohle, Öl und Gas und ein CO2-Preis. [3] Derart klare Forderungen sind für einen UN-Chef zumindest ungewöhnlich. Ungewöhnlich ist auch, dass nicht jeder Regierungschef reden darf. Einen Drei-Minuten-Slot auf der Weltbühne bekommt nur, wer einen ausreichend guten Plan mitbringt. „Nur die kühnsten Pläne werden es auf die Bühne schaffen“, sagte UN-Vizechefin Amina Mohammed. „Am Montag werden wir sehen, wer vortreten wird.“ [4] Noch ist das ein gut gehütetes Geheimnis. Klar ist nur, wer nicht sprechen wird: Die USA, Brasilien, Australien, Japan und Südafrika.

The day after. UN-Chef António Guterres begutachtet die Schäden auf den Bahamas nach dem Hurrikan Dorian. Das Niveau der Zerstörung sei "einzigartig" so Guterres. (Foto: Mark Garten / UN OCHA)

The day after. UN-Chef António Guterres begutachtet die Schäden auf den Bahamas nach dem Hurrikan Dorian. Das Niveau der Zerstörung sei “einzigartig” so Guterres. (Foto: Mark Garten / UN OCHA)

Am meisten Spannung herrscht bezüglich China. Der UN-Sondergesandte fürs Klima, Luis Alfonso de Alba, sagte im Vorfeld: Er sei „sehr zuversichtlich, dass China mit klaren Zusagen in mehreren Bereichen zum Gipfel kommen wird, mit einem deutlich höheren Ambitionsniveau“. [5] Umgekehrt schickt China angeblich aber einen relativ niedrigrangigen Vertreter nach New York, was tendenziell gegen eine wichtige Ankündigung spricht. China entwickelt derzeit seinen Fünf-Jahres-Plan für die Periode 2021 bis 2025. [6] Bislang hat Peking nur zugesagt, dass die Emissionen im Jahr 2030 ihren Höhepunkt erreichen. Ein regierungsnaher Thinktank fordert allerdings, dass dies schon im Jahr 2025 geschehen soll. [7] Chinas Klimaplan hänge zudem von weiteren Faktoren ab, meint Li Shuo von Greenpeace China: „Vor dem Hintergrund schwieriger wirtschaftlicher und geopolitischer Aussichten wägt China seine Möglichkeiten beim Klima ab.“ [8]

Auch Indien dämpfte vor dem Gipfel die Erwartungen: „Im Moment ist Indien nur in der Position seinen (bestehenden) Klimaplan zu erläutern“, teilte Delhi mit. [9] Zudem fordert Indien Unterstützung von den Industriestaaten und beklagt: „Zurzeit ist die Bereitstellung von Technologie und Geld unsicher.“ [9] Das bezieht sich insbesondere auf den Green Climate Fund (GCF). Dieser hat seit der Gründung im Jahr 2015 fünf Milliarden Dollar für über hundert Klimaprojekte auf der ganzen Welt zugesagt und benötigt frisches Geld. Dazu findet Ende Oktober in Paris eine Geberkonferenz statt. Während die USA und Australien bereits gesagt haben, dass sie nichts geben werden, haben einige Länder wie Deutschland, Norwegen, Grossbritannien und Frankreich angekündigt, ihren Beitrag zu verdoppeln. Nicht zuletzt deshalb wird erwartet, dass die Regierungschefs dieser Länder am Montag je drei Minuten reden dürfen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel wird bei dieser Gelegenheit den neuen Klimaplan Deutschlands vorstellen, der wohl auch wegen des UN-Gipfels unbedingt heute fertig werden muss. Dabei wird sie wahrscheinlich unterschlagen, dass der Plan nicht ausreicht, die Ziele des Pariser Klimaabkommens zu erreichen. Nahezu sicher ist auch, dass ein EU-Vertreter reden wird. Doch dieser wird nichts wirklich Neues ankündigen können. Noch hat sich die EU nicht darauf geeinigt, bis 2050 klimaneutral zu werden. Beim letzten EU-Gipfel widersetzten sich vier osteuropäische Länder diesem Ziel der EU-Kommission. Dabei hatte auch hier der UN-Chef ungewöhnlich direkt interveniert. Guterres schrieb an EU-Ratspräsident Donald Trump: „Ich zähle auf Sie, wieder die Führung der EU zu demonstrieren.“ [10] Konkret verlangte Guterres, dass die EU ihr Klimaziel für das Jahr 2030 von minus 40 Prozent auf minus 55 Prozent anhebt und bis 2050 klimaneutral wird.

Mit diesen etwas hemdsärmeligen Methoden will Guterres sicherstellen, dass die Länder gut vorbereitet zur UN-Klimakonferenz nächstes Jahr in Glasgow kommen. Gemäss Paris Abkommen müssen sie dort neue Klimapläne vorlegen. Die Klimapläne der meisten Staaten stammen noch aus der Zeit vor der Pariser Klimakonferenz im Jahr 2015. Allein dem UN-Chef zuliebe wird aber kein Land das Klima retten. Das weiss auch Guterres. Daher setzt er auf einen ungewöhnlichen Verbündeten: die Macht der Strasse. Er hoffe, dass die Demonstrationen der Jugendlichen „sehr starke Wirkung auf die ganze Gesellschaft, auf die Familien und dadurch auf ihre Regierungen haben“. [11] mic

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[1] Climate Action Tracker, 20.09.2019: Warming Projections Global Update – September 2019 (PDF)

[2] Guardian, 18.09.2019: ‘We’re losing the race’: UN secretary general calls climate change an ’emergency’

[3] unclimatesummit.org, 20.09.2019: Expectations

[4] FT, 19.09.2019: Leading countries blocked from speaking at UN climate summit

[5] Climate Home News, 11.09.2019: UN ‘very confident’ China plans to raise climate ambition

[6] China Dialogue, 07.08.2019: The 14th Five Year Plan: what ideas are on the table?

[7] Reuters, 14.08.2019: China government think tank presses for 2025 CO2 cap

[8] Climate Home News, 17.09.2019: China and India demand cash for climate action on eve of UN summit

[9] India Ministry of Finance, 17.09.2019: “Climate Summit for Enhanced Action: A Financial Perspective from India”

[10] Reuters, 15.06.2019: U.N. chief calls on EU to raise 2030 climate goal to 55%

[11] Climate Home News, 19.09.2019: Millions expected to make Friday climate protest the largest in history

Heathrow blieb trotz Drohnenflug offen

Mindestens elf Klimaaktivisten wurden bislang verhaftet

Trotz sieben präventiven Verhaftungen am Donnerstag haben Klimaaktivisten am Freitag versucht, den Flughafen London Heathrow mit Drohnen lahmzulegen. Trotz eines erfolgreichen Drohnenstarts wurde der Flugbetrieb aber nicht eingestellt.

Nach Angaben der Gruppierung „Heathrow Pause“ ist es den Klimaaktivisten am Freitagmorgen gelungen mindestens eine Spielzeugdrohne in der Nähe des Flughafens London Heathrow zu starten. [1] Das Ziel der Aktion war, Europas grössten Flughafen dazu zu zwingen, den Flugbetrieb einzustellen. Dies ist allerdings nicht passiert. Die Aktivisten wollten so gegen den Bau einer dritten Startbahn protestieren, die die Kapazität von Heathrow von derzeit 80 Millionen auf 130 Millionen Passagiere pro Jahr steigern würde. Die Aktion wurde lange im Voraus angekündigt, um Reisenden Zeit zu geben, ihre Pläne zu ändern. Gut vorbereitet waren aber auch der Flughafen und die Polizei. Zwei weitere Versuche eine Drohne zu starten, wurden durch Störsender verhindert. Auf einem Internetvideo ist zu sehen, wie eine Drohne bunt blinkt aber keine Verbindung zwischen der Fernsteuerung und dem Plastikspielzeug zustande kommt. [2]

Olympionike. Hier wird James Brown verhaftet. Er hat bei den Paralympics 2012 eine Bronzemedaille für Nordirland gewonnen. (Foto: Heathrow Pause)

Die Behörden setzten allerdings nicht nur auf Störsender, sondern auch auf präventive Verhaftungen. Am Donnerstagnachmittag verhaftete die britische Polizei sieben Aktivisten. [3] Einer davon ist Roger Hallam, ein Mitbegründer der Umweltbewegung Extinction Rebellion (XR). Dieser sagte vor seiner Verhaftung gegenüber der britischen Zeitung The Guardian bezüglich der dritten Startbahn: „Stoppt diese geplante Monstrosität und wir stoppen die Drohnenflüge.“ [4] Dem Ausbau des Flughafens steht allerdings kaum noch etwas entgegen: Obwohl das britische Unterhaus im Mai einen Klimanotstand erklärt hat, stimmte es dann im Juni für die Flughafenerweiterung. Diese Inkonsequenz stört Hallam besonders und er leitet daraus die Legitimität für die Aktion ab: „Wir leben in einer ‚Zeit der Konsequenzen‘ wie Churchill es genannt hat, angesichts der Gefahr durch die Nazis. Die Konsequenz nicht zu rebellieren, ist der Tod von Milliarden Menschen. Die Konsequenz von Rebellion ist eine Chance, das Schlimmste zu verhindern.“ [4]

Whatever it takes. Warum die Polizei mit einem derart grossen Aufgebot angerückt ist, um Roger Hallam und Mike Lynch-White zu verhaften, ist unklar.  Es gehört zu den XR-Grundsätzen keinerlei Widerstand zu leisten. Ausserdem müsste Londons Polizei Hallam mittlerweile kennen. (Video: William Watson)

Die Verhaftungen am Donnerstag vermochten die verbleibenden Heathrow-Pause-Aktivisten allerdings nicht einzuschüchtern, sodass es dennoch zu der Aktion kam. Am Freitag wurden daher mindestens vier weitere Personen verhaftet. Bei diesen ist die Rechtslage eindeutig. Wer im Umkreis von fünf Kilometern eines Flughafens eine Drohne aufsteigen lässt, macht sich strafbar auch wenn die Drohne wie geplant nur auf Kopfhöhe fliegt. Bei den Verhaftungen am Donnerstag ist die Rechtslage hingegen weniger klar. Die Polizei rechtfertigte diese damit, die Verhafteten würden verdächtigt, „sich verschworen zu haben, ein öffentliches Ärgernis zu begehen“. [5] Ob sich damit präventive Verhaftungen rechtfertigen lassen, ist allerdings umstritten. Unklar ist zurzeit auch noch, zu welchen Strafen die verhinderten Drohnenpiloten verurteilt werden können. Erstaunlich ist zudem, dass auch der Medienkoordinator von Heathrow Pause verhaftet wurde, denn dieser hatte nicht geplant selber eine Drohne zu fliegen. [4] Die Polizei gibt sich allerdings selbstsicher: „Wir glauben diese Verhaftungen sind eine verhältnismässige Antwort, um eine kriminelle Aktion zu verhindern, die signifikante Folgen für ein wichtiges Element der nationalen Infrastruktur haben könnte.“ [5]

Ursprünglich war geplant die Drohnenaktion im Rahmen von XR durchzuführen, doch die Idee stiess innerhalb der Bewegung auf Widerstand. Aus diesem Grund wurde die Aktion dann unter dem Banner „Heathrow Pause“ geplant. XR teilte in Folge der Verhaftungen mit: „Wir stehen zu unserer Position, diese Aktion weder zu unterstützen noch abzulehnen.“ [6] mic

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[1] Heathrow Pause, 13.09.2019: Tweet

[2] Heathrow Pause, 13.09.2019: Tweet

[3] Met Police, Stand 13.09.2019 um 15 Uhr: Policing operation at Heathrow

[4] Guardian, 13.09.2019: Heathrow third runway activists arrested before drone protest

[5] Met Police, 12.09.2019: Arrests in connection with operations at Heathrow Airport

[6] Extinction Rebellion, 12.09.2019: Statement from Extinction Rebellion UK on the preemptive arrest of members of Heathrow Pause

Der heiße Klimaherbst

Weltweit sind Hunderte von Demonstrationen, Streiks und Blockaden fürs Klima geplant

In weniger als einem Jahr sind die Fridays for Future und Extinction Rebellion zu globalen Bewegungen geworden. Beide setzen auf sozialen Ungehorsam als Mittel und beide planen für die kommenden Wochen Aktionen von beispiellosem Ausmaß.

Am 20. August 2018 setzte sich eine junge Schwedin vor das Parlament ihres Landes und forderte ernsthafte Anstrengungen beim Klimaschutz. Der Clou: Sie tat das nicht in ihrer Freizeit sondern während des Unterrichts. Mit diesem „Schulstreik fürs Klima“ verletzte Greta Thunberg folglich die Schulpflicht. Zur gleichen Zeit tourten Roger Hallam, Gail Bradbrook und eine Handvoll Mitstreiter durch englische Kleinstädte und hielten Vorträge. Ihr Ziel: „Rebellen“ rekrutieren, die bereit sind, bei Klimaprotesten verhaftet zu werden. Am 8. Oktober kam dann die Legitimation für diese rechtswidrigen Aktionen: Der Weltklimarat IPCC berichtete, dass die Menschheit ihre Emissionen bis zum Ende des Jahres 2030 halbieren muss, um die Chance zu wahren, die Klimaüberhitzung bei 1,5 Grad zu stoppen. Weniger als ein Jahr später sind die von Greta Thunberg inspirierten Fridays for Future und die Extinction Rebellion (XR), der Aufstand gegen das Aussterben, globale Bewegungen.

Hommage. Der Graffiti Künstler Banksy scheint vom Erfolg von XR überzeugt zu sein. Auf einem Graffito, das diese Woche auftauchte, steht: "Von diesem Moment an endet die Verzweiflung und die Taktik beginnt." (Graffito: Banksy, Foto: Unbekannt)

Hommage. Der Graffiti Künstler Banksy scheint vom Erfolg von XR überzeugt zu sein. Auf einem Graffito, das im April auftauchte, steht: “Von diesem Moment an endet die Verzweiflung und die Taktik beginnt.” (Graffito: Banksy, Foto: Unbekannt)

Viele Menschen auf der ganzen Welt sind angesichts der Klimapolitik ihrer Regierungen offensichtlich zum gleichen Schluss gekommen wie Greta Thunberg: „Es ist Zeit zu rebellieren“. Und genau das ist in einem bislang beispiellosen Ausmaß für die kommenden Wochen geplant. Den Auftakt macht die umstrittenste Aktion: Am Freitag (den 13.09.) will eine XR-Ausgründung der Flughafen London Heathrow mit Drohnen lahmlegen. Dafür gab es keinen Konsens innerhalb Rebellion und daher läuft die Aktion jetzt unter dem Namen „Heathrow Pause“. Eine Woche später findet der weltweite Generalstreik der Fridays for Future statt, der auch von Gewerkschaften, Kirchen und selbst einigen Unternehmen unterstütz wird. Wieder eine Woche später folgt der nächste Streik. Zwischendurch haben die „Führer der Welt“ Gelegenheit zu sagen, was sie gegen die Klimakrise zu tun gedenken – beim Klimagipfel von UN-Chef António Guterres in New York. Dort werden voraussichtlich viele Länder ankündigen, bis zum Jahr 2050 klimaneutral zu sein. Der IPCC-Bericht hat allerdings gezeigt, dass für das Klima eigentlich eine andere Frage entscheidend ist: Welche Länder sind bereit ihre Emissionen in den kommenden elf Jahren zu halbieren?

Der Trailer. XR Kanada wirbt mit diesem Clip sowohl für die Klimastreiks als auch für die nächste Etappe im “Aufstand für das Leben”. (Video: XR Vancouver)

Die spektakulärste Aktion folgt dann zehn Tage später: Ab dem 7. Oktober will XR das Londoner Regierungsviertel für zwei Wochen oder mehr besetzen. Eine ähnliche Aktion fand bereits im April statt, wo mehr als tausend Menschen verhaftet wurden. Es ist absehbar, dass die britische Polizei versuchen wird, durch Massenverhaftungen die Besetzung in der ersten Woche zu beenden. Ob ihr das gelingt hängt von zwei Zahlen ab: Wieviele Polizisten stehen zur Verfügung und wieviele Menschen sind bereit, sich verhaften zu lassen? In der zweiten Woche bekommen die Rebellen dann Unterstützung von unerwarteter Seite: der britischen Politik. Denn in dieser Woche entscheidet sich, ob der britische Premierminister Boris Johnson einen neuen Brexit-Deal mit der EU aushandeln kann oder ob er die Verschiebung des Brexit beantragen muss. Folglich ist mit Demonstrationen für und gegen den Brexit zu rechnen. Während die XR-Rebellen gewaltlos sind, haben Brexit-Demonstrationen aber ein gewisses Gewaltpotential und werden daher einen Teil der Polizeikräfte binden. Damit dürfte der Verhaftungsdruck auf die Klimarebellen abnehmen. Ähnliche XR-Aktionen sind außerdem in Berlin, Paris, New York und anderen Städten geplant. Dort können die Rebellen allerdings nicht auf Hilfe von der lokalen Politik zählen.

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Wir brauchen eine Blut-, Schweiss- und Tränenrede

Ich habe ein Interview mit dem Risikoforscher David Spratt gemacht. Er ist Forschungsleiter des australischen Thinktanks Breakthrough und Co-Autor zweier Studien: What Lies Beneath (mit einem Vorwort von Hans-Joachim Schellnhuber) und Existential Climate-Related Security Risk – A Scenario Approach. Das Interview findet sich auf der Webseite des EWS Energiewende-Magazins.

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Letzte Chance für die Weltmeere

Ich habe einen Artikel über den Zustand der Meere geschrieben und wie sich dieser verbessern liesse. Der Artikel findet sich auf der Seite des WeltSichten Magazins.

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Die Welt muss deutlich vor 2050 klimaneutral sein

Das CO2-Budget des Weltklimarats beinhaltet eine Hypothek von 100 Milliarden Tonnen CO2

Eine neue Methodik zur Berechnung von CO2-Budgets liefert dramatische Resultate: Um die Klimaüberhitzung mit einer zwei Drittel Wahrscheinlichkeit bei 1,5 Grad zu stoppen, müsste die Welt schon Ende 2030 klimaneutral sein.

Die Menschheit hat ihr CO2-Budget noch nicht ganz aufgebraucht, sagt der Weltklimarat IPCC. Wenn sie die Emissionen bis Ende 2030 halbiert und dann bis zum Jahr 2050 auf Netto-Null absenkt, dann hat sie eine Chance von 50 Prozent, die Klimaüberhitzung bei 1,5 Grad zu stabilisieren. Was auf den ersten Blick hoffnungsvoll erscheint, ist in zweierlei Hinsicht problematisch. Zum einen ist die Münzwurf-Wahrscheinlichkeit ein extremes Risiko, wenn man bedenkt, dass zwischen 1,5 und zwei Grad Kipppunkte des Klimasystems liegen könnten, nach deren Überschreiten sich die Klimakrise selbst verstärkt – durch Rückkoppelungseffekte wie das Tauen des Permafrosts. Dann droht eine Erwärmung um vier oder fünf Grad und das Ende der menschlichen Zivilisation. Zum anderen rechnet der IPCC bei seinem CO2-Budget eine „Klimahypothek“ von 100 Milliarden Tonnen nicht mit: „Die mögliche zusätzliche Freisetzung von Kohlenstoff aus Permafrost und Methan aus Feuchtgebieten würde das Budget um bis zu 100 Milliarden Tonnen CO2 in diesem Jahrhundert reduzieren und anschließend um noch mehr.“ [1 s. C.1.3.] Dass dieser Buchhaltungstrick möglich ist, hat einen einfachen Grund: Bislang gab es noch keine allgemein anerkannte Methodik für die Berechnung von CO2-Budgets.

Die Uhr im Blick: Die Welt hat noch weniger Zeit als zuvor gedacht, um ihre Treibhausgas-Emissionen zu senken. (Foto: David Drexler / Flickr)

Diesen Mangel wollen Forscher um Joeri Rogelj von der britischen Universität Imperial College nun beheben. In einer Studie im Fachmagazin Nature schlagen sie eine Systematik für die Berechnung von CO2-Budgets vor, die alle Faktoren mitberücksichtigt und so eine kreative CO2-Buchhaltung verhindert. [2] Die Grundlage aller CO2-Budgets ist der lineare Zusammenhang zwischen den kumulierten Emissionen seit Beginn der industriellen Revolution und der Erwärmung. Um das verbleibende Budget zu berechnen, müssen zusätzlich aber weitere Faktoren berücksichtigt werden: insbesondere die Emissionen von anderen Treibhausgasen wie Methan oder Lachgas und die Rückkoppelungseffekte des Erdsystems. Um zu demonstrieren, wie die vorgeschlagene Budget-Systematik funktioniert, haben die Forscher dann das CO2-Budget der Menschheit neu berechnet. Obwohl sie dabei alle Parameter aus dem IPCC-Bericht übernommen haben, kommen sie zu einem dramatischen Ergebnis: Ab dem 1. Januar 2020 kann die Menschheit nur noch knapp zehn Jahre lang so viel emittieren wie letztes Jahr, bevor das Budget aufgebraucht ist (siehe Tabelle).

CO2-Budgets für das 1,5-Grad-Ziel nach Wahrscheinlichkeit der Zielerreichung

Wahrscheinlichkeit der ZielerreichungCO2-Budget in Milliarden Tonnen (Gt) ab dem 1. Januar 2018Jahre mit 2018er Emissionen ab dem 1. Januar 2020Klimaneutral ab Ende (Jahr) bei linearer Reduktion auf null
66%320 Gt5,7 Jahre2030
50%480 Gt9,6 Jahre2038
33%740 Gt15,8 Jahre2051
Glückszahl. Um das 1,5-Grad-Ziel ziemlich sicher zu erreichen, müsste die Welt schon Ende 2030 klimaneutral sein.

 

Nun ist es natürlich unrealistisch, dass die Emissionen auf dem Niveau des Jahres 2018 verharren und dann plötzlich auf null abfallen. Wenn man hingegen davon ausgeht, dass die Emissionen ab dem 1. Januar 2020 linear auf null abgesenkt werden, lässt sich berechnen, wann die Welt klimaneutral sein muss: Wenn die Menschheit beschließt, das 1,5-Grad-Ziel mit einer zwei Drittel Wahrscheinlichkeit zu erreichen, dann hat sie rund 11 Jahre Zeit (zweimal 5,7 Jahre) um die Emissionen auf null zu bringen. Das bedeutet, dass die Emissionen Ende 2030 bei Netto-Null liegen müssen. Deutschland, die EU und andere Industriestaaten müssten ihre Emissionen aber eigentlich schon vor 2030 auf Netto-Null senken, um weniger entwickelten Ländern Zeit zu geben, das Ziel etwas später zu erreichen. Das Ziel müsste daher bei Netto-Null bis Ende 2028 oder gar bis Ende 2025 liegen. Letzteres entspricht der zweiten Forderung der Umweltbewegung Extinction Rebellion, dem Aufstand gegen das Aussterben. „Wenn man 1,5 Grad mit einer zwei Drittel Wahrscheinlichkeit erreichen will sowie die Feedbackmechanismen der Erdsystems und die grössere Verantwortung von Grossbritannien berücksichtigt, dann ist das die logische Konsequenz“ sagt Rogelj.

CO2-Budgets für das Zwei-Grad-Ziel nach Wahrscheinlichkeit der Zielerreichung

Wahrscheinlichkeit der ZielerreichungCO2-Budget in Milliarden Tonnen (Gt) ab dem 1. Januar 2018Jahre mit 2018er Emissionen ab dem 1. Januar 2020Klimaneutral ab Ende (Jahr) bei linearer Reduktion auf null
66%1070 Gt23,8 Jahre2067
50%1400 Gt31,7 Jahre2082
33%1930 Gt44,5 Jahre2108
Risiko. Wer die Klimaüberhitzung erst bei zwei Grad stoppen will, hat mehr Zeit. Dafür ist auch das Risiko höher, dass die Welt eine Heisszeit erlebt.

 

Selbst wenn die Menschheit bereit ist, das 1,5-Grad-Ziel nur mit Münzwurf-Wahrscheinlichkeit zu erreichen, ist klar, dass Netto-Null bis 2050 nicht ausreicht. Letzteres wird derzeit von UN-Chef António Guterres propagiert und ist das Ziel von Großbritannien und Frankreich. Für eine 50-Prozent-Wahrscheinlichkeit bei linearer Absenkung der Emissionen auf null hat die Menschheit noch 19 Jahre (zweimal 9,6 Jahre) Zeit, also bis Ende 2038. Wenn man wieder davon ausgeht, dass wohlhabende Länder mit großen technischen und industriellen Fähigkeiten voran gehen, dann müsste Deutschland Netto-Null-Emissionen also bis Ende 2035 erreichen. Das entspricht der Forderung der deutschen Sektion der Fridays for Future Bewegung.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat dagegen im Juni gesagt: „Ja, wir setzen uns unter Druck. Wir wollen bis 2050 klimaneutral sein.“ Dabei hat sie allerdings nicht erwähnt, dass in diesem Fall das 1,5-Grad-Ziel nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 33 Prozent erreicht wird. Praktisch bedeutet das: Wer bis 2050 klimaneutral sein will, plant das 1,5-Grad-Ziel zu verfehlen. mic

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[1] IPCC, 08.10.2018: Special Report on Global Warming of 1.5 °C – Summary for Policymakers

[2] Nature, 17.07.2019: Estimating and tracking the remaining carbon budget for stringent climate targets

Immer wieder Elefanten

Simbabwe droht mit Rückzug aus Umweltabkommen, um Elfenbein verkaufen zu können

Den Handel mit geschützten Arten regelt eine ungewöhnliche UN-Konvention. In der 1975 in Kraft getretenen Übereinkunft, braucht es keinen Konsens, um eine Art unter Schutz zu stellen. Daher wird ständig abgestimmt.

Der grenzüberschreitende Handel mit Elfenbein bleibt weltweit verboten. Das ist eines der Ergebnisse der Konferenz der „Konvention über den internationalen Handel mit gefährdeten Arten freilebender Tiere und Pflanzen“ (Cites oder Washington Konvention). Die Konferenz ist heute in Genf zu Ende gegangen und Elefanten waren wie immer prominent auf der Tagesordnung vertreten. So beantragten Südafrika, Namibia, Botswana und Simbabwe eine Erlaubnis, ihre Elfenbeinlager verkaufen zu dürfen. Die vier Länder argumentierten, dass bei ihnen die Population an Elefanten stabil sei und der Schutz vor Wilderern funktioniere. Die anschliessende Abstimmung verloren sie allerdings deutlich: 101 Länder stimmten dagegen, 23 dafür und 18 enthielten sich. [1] Der Präsident von Simbabwe, Emmerson Mnangagwa, drohte im Anschluss an die Abstimmung aus Cites auszutreten: „Sie verbieten uns, unsere Tiere zu töten, um Elfenbein zu verkaufen, aber sie wollen, dass wir sie vor Wilderern schützen. Im Moment haben wir 84.000 Elefanten auf einer Fläche, die für etwa 56.000 reicht“, sagte Mnangagwa gemäss der simbawischen Zeitung The Herald. [2]

Zu süss zum überleben? In Japan halten sich immer mehr Menschen einen Zwergotter als Haustier. (Foto: Chi King / Wikimedia)

Cites ist ein ungewöhnliches Abkommen, weil für Entscheidungen kein Konsens nötig ist. Damit ein Vorschlag angenommen wird, ist allerdings eine zwei Drittel Mehrheit erforderlich. Abgelehnt wurde etwa ein Antrag auch den Binnenhandel mit Elfenbein zu verbieten. Das wurde von Umweltorganisationen kritisiert: „Legale Märkte für Elfenbein ermöglichen es Verbrechersyndikaten, weiterhin Elfenbein zu handeln“, sagte Matt Collis vom International Fund for Animal Welfare aus Kanada. „Wir drängen Länder mit legalem Handel, insbesondere die EU und Japan, diese Märkte zu schliessen.“ [3] Gar nicht erst zur Abstimmung kam schliesslich ein einzigartiger Antrag Israels. [3] Das Land wollte das Wollhaarmammut unter den Schutz von Cites stellen. Damit wäre zum ersten Mal eine ausgestorbene Art Cites-würdig. Israel befürchtet, dass Elfenbein von Elefanten betrügerischerweise als Mammut-Elfenbein ausgegeben wird. Als klar wurde, dass keine Mehrheit zusammen kommen würde, zog Israel den Antrag aber wieder zurück. Stattdessen soll nun in einer Studie geklärt werden, ob der legale Handel mit Mammut-Elfenbein tatsächlich Elefanten gefährdet.

Ein weiterer Schwerpunkt der alle drei Jahre stattfindenden Konferenz war der Handel mit exotischen Haustieren. Nicht zuletzt wegen des Internets kann die Nachfrage nach bestimmten Tieren plötzlich sprunghaft steigen, was deren Erhalt gefährdet. So sind in Japan derzeit Zwergotter in Mode. Einer, Sakura, hat sogar einen eigenen Twitterkanal. [4] Es gibt auch Schönheitswettbewerbe für Otter. [5] „Diese Tiere sind sehr, sehr populär“ sagt Kanitha Krishnasamy von Traffic, einem Netzwerk, das den Handel mit Wildtieren beobachtet. „Der Online-Handel hat leider zum Besitz exotischer Haustiere ermutigt, weil es so schwierig ist zu kontrollieren, was online passiert.“ [6] Die Zwergotter werden nun aber im Anhang 1 von Cites geführt. [3] Damit ist der grenzüberschreitende Handel komplett verboten. Das gilt auch für den Union Island Gecko, eine bunte Eidechsenart aus dem Karibikstaat Sankt Vincent und die Grenadinen. Die Art wurde erst im Jahr 2005 entdeckt. [3] Sie wurde aber so schnell bei Echsensammlern beliebt, dass sie schon vom Aussterben bedroht ist. [7]

Cites schützt aber nicht nur Tier- sondern auch Pflanzenarten. Diese stellen sogar die deutliche Mehrheit der geschützten Arten: 25.000 von total 27.000. [8] Hier wurde etwa die Klassifizierung von Rosenholz modifiziert. Rosenholz ist die weltweit am meisten gehandelte wilde Art, sowohl nach Volumen als auch nach Wert. [3] Das Hartholz wird im Anhang 2 geführt. Damit ist der Handel nicht verboten, aber es muss nachgewiesen werden, dass eine Lieferung aus einer nachhaltigen Quelle stammt. Hier wurde nun eine Ausnahme für Musikinstrumente geschaffen. Wer seine Rosenholzgeige mit ins Ausland nimmt, muss daher nicht mehr nachweisen können, woher das Holz stammt. Für Charles Barber von der Umweltorganisation World Resources Institute entspricht diese Änderung dem „gesunden Menschenverstand“: „Rosenholz für Instrumente wird weiterhin durch Cites reguliert, aber fertige Instrumente brauchen keine Cites-Dokumentation mehr. Das eliminiert einen grossen administrativen Aufwand für Cites, der keinen nennenswerten Schutz brachte.“ [3] Cites hat ein jährliches Budget von nur sechs Millionen Schweizer Franken und ein entsprechend kleines Sekretariat. [9] mic

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[1] National Geographic, 23.08.2019: Elephant ivory trade talks heat up in Geneva

[2] The Herald, 27.08.2019: CITES: Zim considers pull-out

[3] National Geographic, 28.08.2019: The world’s biggest conference on wildlife trade is happening. Get the details.

[4] Twitter, Stand 28.08.2019: Kawauso Sakura

[5] Sunshinecity, Stand 28.08.2019: Otter General Election 2020

[6] National Geographic, 10.01.2019: Wild otters are the latest exotic pet trend

[7] IUCN Red List, Stand 28.08.2019: Union Island Gecko / Gonatodes daudini

[8] Cites, Stand 28.08.2019: Frequently Asked Questions

[9] Cites, Stand 28.08.2019: Cites Trust Fund – Scale of contributions for the triennium 2014-2016 (PDF)