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Spirulina vom Dach statt Soya aus der Pampa

Der Powersnack der Azteken wächst auch auf Bangkoks Dächern

In Thailands Hauptstadt Bangkok züchtet ein junges Start-Up Unternehmen Spirulina ‚Algen‘ auf Dächern. Derzeit ist die Produktion noch gering. Dank des hohen Eiweissgehalts der Spirälchen wären sie aber ein umweltfreundlicher Ersatz für Soya.

Spirulina ist eine ungewöhnliche Kreatur. Sie erzeugt Energie wie eine Pflanze indem sie mihilfe von Sonnenlicht das C aus CO2 herausbricht und für ihr Wachstum nutzt. Gleichzeitig vermehrt sie sich wie ein Bakterium durch Zellteilung. Biologisch gehört die gemeinhin als Spirulina bekannte Kreatur denn auch zum Stamm der Cyanobakterien, den einzigen Bakterien, die sich mittels Photosynthese ernähren. Für Jahrhunderte hielt man Spirulina und ihre nahen Verwandten daher für (Blau-)Algen – lange genug, dass der Name ‚Spirulina‘ die Reklassifikation zum Bakterium überlebt hat. Mittlerweile weiss man, dass Cyanobakterien das Leben auf der Erde mit Pflanzen und Tieren erst ermöglicht haben. Sie waren es, die genug Sauerstoff (O2) produziert haben, um tierisches Leben zu ermöglichen. Denn auch Pflanzen sind auf Cyanobakterien angewiesen: Die Chloroplasten mit denen pflanzliche Zellen Photosynthese betreiben, sind Nichts anderes als Cyanobakterien, die sich in der Pflanze eingenistet haben (Endosymbiose). [1] Die ältesten bekannten Versteinerungen stammen denn auch von Cyanobakterien. Diese bevölkerten die Erde schon vor 3.5 Milliarden Jahren[1], während die ältesten Pflanzenfossilien ‚nur‘ rund zwei Milliarden Jahre alt sind. [2]

Nein, das ist nicht das Rezept für 'Grünkuchen' sondern der Kalenderstein  der Azteken (Foto: Rosemania)

Nein, das ist nicht das Rezept für ‘Grünkuchen’ sondern der Kalenderstein der Azteken (Foto: Rosemania)

Cyanobakterien sind somit der Ausgangspunkt aller Nahrungsketten auf der Erde. Doch einige ‚Blaualgen‘ kann man auch roh und nicht nur als Schnitzel essen. Dazu gehört Spirulina. Diese spiralförmigen Bakterien bestehen zu 57 Prozent aus Eiweiss, zu 24 Prozent aus Kohlenhydraten und zu acht Prozent aus Fett. Ausserdem enthalten sie eine ganze Buchstabensuppe an Spurenelementen von Vitamin A bis Zink. In Europa ist Spirulina daher vor Allem in Pulver- oder Tablettenform als Nahrungsergänzungsmittel bekannt. Doch Spirulina eignet sich auch als Nahrungsmittel: So beschrieb einer der Begleiter von Hernan Cortés, dem Eroberer Mexikos, vor 500 Jahren ein Spirulinagericht: Die Azteken ernteten damals Spirulina im Texcoco See und buken daraus einen ‚Kuchen‘ namens ‚Tecuitlatl‘. Ebenfalls die Kuchenform wählen ausserdem die Anwohner des Tschadsees am südlichen Rand der Sahara. Dort nennt sich das Gebäck ‚Dihé‘. In Anbetracht der kräftigen Farbe aller Spirulinaprodukte dürften beide Namen wohl letzlich ‚Grünkuchen‘ heissen. In den Genuss von Grünkuchen dürften ausserdem Astronauten kommen, die sich auf längere Reisen begeben: Sowohl die Nasa als auch die Esa haben in den 90er Jahren das Potential von Spirulina für interplanetarische Reisen untersucht.

Aber auch ohne Raumfahrt hat Spirulina Potential, denn die genügsamen Bakterien brauchen nur Wasser, Sonne und ein paar Mineralien um zu gedeihen. Damit eignet sich jedes Dach als Spirulinafarm wie die Firma Energaia nun in Thailands Millionenmetropole Bangkok unter Beweis gestellt hat. [3] Energaia nutzt dazu lichtdurchlässige Plastiktonnen (siehe Foto), die durch Schläuche verbunden sind. So wird der Spirulinaschlamm von Tonne zu Tonne gepumpt und umgewälzt. Um zu verhindern, dass die ‚Algen’plantage durch Bangkoks berüchtigte Luft verunreinigt wird, pumpt eine zweite Pumpe zudem gefilterte Luft in die Fässer. Alle paar Tage müssen die Kleinlebewesen ausserdem mit ein paar Mineralien gefüttert werden (v.a. Natron). Vermehrungsfreudig wie sie sind verdoppeln die Spiralbakterien dafür dann alle zwei bis vier Tage ihre Masse. Hat der Spirulinaschlamm eine bestimmte Dichte erreicht, erfolgt die Ernte: Erst werden die Spirälchen mit einem Sieb aus dem Wasser gefischt. Anschliessend wird der Schlamm in einer umgebauten Waschmaschine geschleudert, um den Wassergehalt weiter zu reduzieren. Das Resultat ist eine grüne Paste, die auf Gläser abgefüllt und in Geschäften für Bionahrungsmittel verkauft wird. Alternativ zur Paste verkauft Energaia Spirulina auch als Pasta oder getrocknet als Pulver.

Die Zukunft der Landwirtschaft? Mit minimalem Land- und Wassereinsatz produziert EnerGaia Spirulina auf den Dächern Bangkoks (Foto: EnerGaia)

Die Zukunft der Landwirtschaft? Mit minimalem Land- und Wassereinsatz produziert EnerGaia Spirulina auf den Dächern Bangkoks (Foto: EnerGaia)

Derzeit produziert Energaia weniger als 500 Kilo Spirulinapaste pro Monat und verkauft diese an Grossstädter mit einem Faible für Nahrungsergänzungsmittel und einem überdurchschnittlichen Einkommen: für 36 Euro pro Kilo Paste. Doch in der richtigen Grössenordnung könnte der Spirulinaanbau durchaus auch umweltrelevant sein: Pro Jahr lassen sich auf einem Quadratmeter Dach 1,5 bis 1,7 Kilo Spirulinapulver ernten. Dies ist rund fünf Mal mehr als der Ertrag eines Soyafelds. Hier liegt die Ausbeute bei 230 bis 370 Gramm pro Quadratmeter. Hinzu kommt der Wasserverbrauch. Für ein Kilo Soya braucht man 2145 Liter Wasser. [4] Für ein Kilo Spirulina vom Dach reichen 175 Liter, wenn das Wasser wie beim System von Energaia zurückgewonnen wird. Hinzu kommt, dass Spirulina mehr Eiweiss enthält als Soya: 57 Prozent gegenüber 40 Prozent. Die Spiralbakterien wären daher ein umweltfreundliche Alternative in der Tiermast und zumindest Kühe dürften sich auch nicht daran stören, dass all ihr Futter grün aussieht. Das tut es im besten Fall ja eh. mic

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[1] Uni Berkeley: Cyanobacteria – Architects of earth’s atmosphere

[2] Smithsonian Museum: Eucaryotes and the First Multicellular Life Forms

[3] Siehe energaia.com

[4] Mekonnen, M.M. and Hoekstra, A.Y., 2010: The green, blue and grey water footprint of crops and derived crop products, page 20 (PDF)

Hilfgelder für Artenschutz werden verdoppelt

Der Verlust an Tier- und Pflanzenarten geht beinahe ungebremst weiter

Ein Fisch auf dem Teller ist etwas ‚wert‘ ist, ein Fisch im Meer aber nicht. Dies führt zu einer Fehlsteuerung der Weltwirtschaft und falls keine Gegenmassnahmen ergriffen werden zu massiven Verlusten.

Heute sterben bis zu 380 Tier- und Pflanzenarten aus. Und morgen wieder. Jeden Tag. Die meisten davon sind unbekannt. Aber auch die bekannten Arten sind gefährdet: ein Viertel der Säugetiere, ein Zehntel der Vögel und 40 Prozent aller bekannten Amphibien stehen auf der Roten Liste der International Union for the Conservation of Nature und sind vom Aussterben bedroht. Dieser massive Verlust an biologischer Vielfalt gilt als sechstes Massenaussterben in der Erdgeschichte. Doch damit soll bis 2020 Schluss sein. Vor vier Jahren haben die Mitgliedsländer der UN-Biodiversitätskonvention CBD die sogenannten Aichi Ziele verabschiedet. Darin ist vorgesehen den Verlust an natürlichen Lebensräumen bis 2020 zu halbieren, die Überfischung der Weltmeere zu stoppen sowie 17 Prozent der Landfläche und 10 Prozent der Meere unter Schutz zu stellen. Doch die Welt liegt nicht im Plan, wie eine CBD Folgekonferenz letzte Woche in Pyeongchang, Südkorea, gezeigt hat. Das kann die Welt teuer zu stehen kommen, wie Achim Steiner, der Chef des UN-Umweltprogramms festgestellt hat: „Wenn wir nicht handeln, um den Artenverlust zu stoppen, werden sich die Kosten bis 2050 auf 14‘000 Milliarden Dollar pro Jahr aufsummieren.“ Diese Summe entspricht knapp einem Fünftel des aktuellen Welt-Bruttoinlandsprodukts BIP.

Nicht nur schön: Korallenriffe produzieren Umweltleistungen im Wert von 1000 Milliarden Dollar pro Jahr (Foto: Catlin Seaview Survey)

Nicht nur schön: Korallenriffe produzieren Umweltleistungen im Wert von 1000 Milliarden Dollar pro Jahr (Foto: Catlin Seaview Survey)

Investitionen in den Schutz der Artenvielfalt lohnen sich also. Die CBD Mitgliedsländer haben sich daher versprochen mehr in den Artenschutz zu investieren. Ausserdem soll die finanzielle Unterstützung für die ärmsten Länder der Welt und die kleinen Inselstaaten verdoppelt werden. Diese Entscheidung haben die CBD Mitglieder eigentlich schon vor zwei Jahren getroffen. Doch damals hat man es versäumt, festzulegen, welcher Betrag verdoppelt werden soll. Dies hat man nun nachgeholt: Als Grundlage des Verdoppelungsbeschluss gelten nun die durchschnittlichen Ausgaben der Jahre 2006 bis 2010. Diese sollen nun ab nächstem Jahr verdoppelt und dann bis 2020 beibehalten werden. Trotzdem wird das nicht reichen wie EU-Umweltkommissar Janez Potocnik sagt: „Es wird nicht möglich sein, die Finanzierungslücke komplett zu schliessen, so lange wir Entwicklungen fördern, die den Verlust an Artenvielfalt beschleunigen.“ Denn in vielen Ländern wird die Ausrottung von Arten subventioniert, etwa durch Beihilfen für die Fischereiindustrie oder die Subvention von fossilen Energien wie Kohle, Öl und Gas. „Es ist inakzeptabel, dass ökologisch nachteilige Subventionen hundert- bis tausendmal höher sind als die Fördermittel zum Schutz der Biodiversität“, sagt denn auch Hubert Weiger, der Chef des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland.

Das Problem ist, dass der Verlust an Arten keinen Eingang in wirtschaftliche Überlegungen findet. Fische, die gefangen und verkauft werden, zählen zum BIP, während Fische im Meer ‚wertlos‘ sind. Dies beklagt auch Yvo de Boer, der frühere Chef der UN-Klimakonvention und heutige Chef des Global Green Growth Institutes: „Das fundamentale Problem ist, dass so viele Werte keinen Eingang in die Gleichung finden,“ wie etwa auch beim Klimawandel: „Es hat lange gedauert bis die Leute verstanden haben, dass es beim Klimawandel auch um die Umwelt geht, aber noch viel mehr um harte Ökonomie.“ Aus diesem Grund hätte sich de Boer auch mehr Ökonomen und Manager bei der Konferenz in Südkorea gewünscht: „Hier gibt es viele Bärte und Sandalen. Ein Nadelstreifenanzug hier oder da würde nicht schaden.“ Ausserdem beklagt er das fehlende Interesse für den Artenschutz: „Biodiversität ist das Stiefkind des internationalen Prozesses. Das Klima bekommt die ganze Aufmerksamkeit und der Artenschutz fast keine.“ [1]

Trotzdem konnte die Konferenz in Südkorea mit Fortschritten aufwarten: Mittlerweile wurden drei Viertel der Meere auf ihren Artenreichtum untersucht und 150 besonders wertvolle Meeresgebiete identifiziert. Und auch das weltweite Management der Artenvielfalt wurde verbessert: So wurde beschlossen ein System einzurichten, um den Verlust und die Wiederherstellung von Lebensräumen an Land und zur See zu überwachen. Ausserdem wurden Massnahmen zur Reduktion des Lärms in den Weltmeeren verabschiedet. Die Geräusche von Schiffsmotoren und der Lärm der Öl- und Gasförderung verunmöglichen es etwa Walen miteinander zu kommunizieren. Und schliesslich trat während der Konferenz das Nagoya Protokoll in Kraft. Dieses regelt den Zugang zu genetischen Ressourcen und die Verteilung der Gewinne aus deren Nutzung. Damit soll die sogenannte ‚Biopiraterie‘ unterbunden werden. So hatte sich die US-Chemiefirma Grace ein Patent auf ein Extrakt des Niembaums gesichert, das als Antipilzmittel in der Landwirtschaft genutzt wird. Der Haken an dem Patent: Indische Bauern wussten von Alters her, dass sich die Samen des Niembaums als Antipilzmittel eignen. Somit hatte Grace auch Nichts ‚erfunden‘ und das Patent wurde für ungültig erklärt. Aufgrund dieses und ähnlicher Fälle befürchteten viele Entwicklungsländer, ausländische Grosskonzerne würden sich die genetischen Ressourcen der Länder aneignen und behinderten die Erforschung ihrer Arten. „Keiner hat keinem getraut“ sagt Braulio de Souza Dias, der Chef der UN-Biodiversitätskonvention. Doch damit sollte nun Schluss sein, da die Gewinnverteilung geregelt ist. Jetzt muss die Welt nur noch dafür sorgen , dass nicht täglich bis zu 380 Tier- und Pflanzenarten verschwinden, denn sonst gibt es nur noch Verluste zu verteilen. mic

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[1] RTCC, 16.10.2014: Biodiversity – the ‘stepchild’ of international talks

Ölpreis fällt unter 90 Dollar

Schwache Weltwirtschaft und rekordhohe Ölproduktion sorgen für tiefsten Preis seit 2010

Trotz Kriegen und Seuchen ist der Ölpreis in den letzten vier Monaten um knapp ein Viertel gefallen. Das bringt die grossen Ölfirmen und Länder wie Iran und Russland in Schwierigkeiten. Für die Umwelt könnte dies ein Vorteil sein, denn Investitionen in Ölfelder in der Polarregion und der Tiefsee werden nun zurückgestellt.

Der Preis für ein Barrel (159 Liter) der Nordsee-Ölsorte Brent ist am Donnerstag um über drei Prozent auf noch 88,11 Dollar gefallen. [1] Im Juni lag der Ölpreis noch bei mehr als 115 Dollar und hat seither fast ein Viertel eingebüsst. Die Gründe für diesen überraschenden Preisverfall liegen sowohl auf der Angebots- als auch auf der Nachfrageseite. Zum einen müssen immer mehr Länder ihre Wachstumserwartungen für dieses und nächstes Jahr reduzieren. Dazu gehören Europa, China, Japan, Brasilien und Russland. Und zum anderen ist die Ölproduktion in vielen Ländern rekordhoch. Die USA haben im September 8,9 Millionen Barrel pro Tag produziert, soviel wie zuletzt vor 28 Jahren. [1] Russland produziert nahe seinem Rekord und auch viele Opecländer pumpen soviel Öl aus dem Boden wie sie können. Die vielen schlechten Nachrichten aus Ölförderländern haben da keinen Einfluss auf den Preis, weder der Krieg in Irak und Syrien, noch das Chaos in Libyen, noch der Ebolaausbruch in Westafrika oder die Geländegewinne von Boko Haram in Nigeria. „Wir sehen die Kapitulationsphase im Ölmarkt, wo die Investoren die Realität akzeptieren, dass es ein Angebotsüberschuss gibt.“ sagt Ric Spooner, vom Finanzdienstleister CMC Markets in Sidney. [1]

Nicht nachhaltig: Je tiefer der Ölpreis fällt, desto mehr Öl bleibt im Boden. Insbesondere Projekte in der Polarregion und in der Tiefsee sind schlicht unrentabel. (Foto: Ölpipeline in Alaska, rickz)

Nicht nachhaltig: Je tiefer der Ölpreis fällt, desto mehr Öl bleibt im Boden. Insbesondere Projekte in der Polarregion und in der Tiefsee sind schlicht unrentabel. (Foto: Ölpipeline in Alaska, rickz)

Hinzu kommt, dass Saudi Arabien nicht bereit zu sein scheint, die Ölförderung zu drosseln. Im Gegenteil: Das Königreich hat am 1. Oktober seine Preise für alle Kunden reduziert, um seinen Marktanteil auf dem Ölmarkt zu verteidigen. Der Economist schreibt dazu: „Die meisten Opec Länder befinden sich in einem Preiskrieg.“ [2] Aus Sicht Saudi Arabiens hat ein niedriger Preis zwei Vorteile: Zum einen brauchen Iran und Russland einen Ölpreis von über 100 Dollar um ihre Staatshaushalte auszugleichen. Und zum anderen sind die Förderkosten für US-Schieferöl deutlich höher als in Saudi Arabien. Dort kostet es gerade mal vier Dollar um ein Barrel Öl zu produzieren. Was Saudi Arabien genau vorhat, wird aber noch mindestens sechs Wochen lang ungewiss bleiben. Am 27. November treffen sich die Opecländer in Wien und könnten dann eine Drosselung der Ölförderung beschliessen oder auch nicht. Der iranische Ölminister wollte eigentlich eine Notfallsitzung der Opecländer zu einem früheren Termin anberaumen, konnte sich mit dieser Forderung aber nicht durchsetzen. [3]

Dramatische Folgen hat der niedrige Ölpreis derweil für die sieben grossen Ölfirmen (Shell, BP, Exxon, Chevron, Total, Eni und Statoil). Gemäss Analysten der US-Bank Morgan Stanley haben die sieben letztes Jahr 55 Milliarden Dollar Verlust gemacht, zum grössten Teil wegen grosszügiger Dividenden in Höhe von 53 Milliarden Dollar. [4] Doch eine Reduktion dieser Dividendenzahlungen gilt als nahezu ausgeschlossen. Beobachter gehen davon aus, dass die sieben eher ihre Investitionen drosseln und Unternehmensteile abstossen. Gemäss der Beratungsfirma EY laufen derzeit Investitionsprojekte mit einem Volumen von insgesamt 1100 Milliarden Dollar. [2] Knapp die Hälfte davon, lohnt sich nur, wenn der Ölpreis über 120 Dollar liegt, schätzt Douglas Westwood, ein anderes Beratungsunternehmen. [2] Denn viele neue Projekte etwa in der Arktis oder der Tiefsee sind technisch anspruchsvoll und daher teuer. So stellt Shell sein Projekt in Alaska zurück und Chevron und die österreichische OMV legen ihr Rosebank Projekt in der Nordsee auf Eis. Ausserdem überprüft BP ob das Tiefseeprojekt mit dem schönen Namen ‚Mad Dog 2‘ wirklich eine gute Investition darstellt. Und auch der norwegische Ölkonzern Statoil muss sparen: Es wird erwartet, dass er dieses Jahr 1500 Mitarbeiter entlässt. Zudem wird das ‚Johan Castberg‘ Feld in der Barentsee nicht erschlossen. [2] Aber nicht nur neue, sondern auch bestehende Anlagen stehen auf dem Prüfstand: Die Investitionsfirma Carlyle schätzt, dass die sieben grossen Ölfirmen derzeit versuchen Anlagen im Wert von 300 Milliarden Dollar abzustossen. [2] Dabei haben sie in den letzten vier Jahren bereits Beteiligungen im Wert von 150 Milliarden Dollar verkauft. [4] So werden die sieben Grossen immer kleiner: In den letzten zehn Jahren ist ihre Produktion (ohne Statoil) von 11,5 auf 9,5 Millionen Barrel pro Tag gefallen. [4] mic

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[1] Bloomberg, 10.10.2014: WTI Extends Drop Into Bear Market: Brent at Lowest Since 2010

[2] The Economist, 10.10.2014: Unsustainable energy

[3] The Telegraph, 08.10.2014: Iran backs down on Opec sending Brent oil price tumbling

[4] Reuters, 09.10.2014: Price fall hastens decline of ‘big oil’ as Western majors retreat

 

Abkommen gegen Biopiraterie tritt in Kraft

UN-Konvention zum Schutz der Artenvielfalt trifft sich in Südkorea

Die Welt verliert bis zu 380 Tier- und Pflanzenarten pro Tag. Dieses Artenmassaker versucht die UN-Biodiversitäts-Konvention bis 2020 zu stoppen.

Wer hat‘s erfunden? Diese Frage entscheidet, wer von einem Patent oder dem Verkauf eines Produkts profitiert. So patentierte die US-Chemiefirma W.R. Grace ein Antipilzmittel, das auf einem Extrakt des Niembaums beruht. Dieser Baum wächst in Indien und Nepal und Grace begann dort die Produktion des Extrakts, wodurch sich der Preis für Niemsamen verzehnfachte. Doch indische Bauern wussten von Alters her von der Antipilzeigenschaft des Niemextrakts und fochten das Patent erfolgreich an. Das Patent, das Grace in vielen Ländern ein Monopol auf den Niemextrakt verschafft hatte, war hinfällig. Um derartige Fälle von ‚Biopiraterie‘ zu vermeiden, haben sich die Länder vor vier Jahren in der japanischen Stadt Nagoya auf ein Zusatzprotokoll zur UN-Biodiversitäts-Konvention geeinigt. Dieses Protokoll regelt den Zugang zu genetischen Ressourcen und die Verteilung von Gewinnen aus deren Nutzung. Da nun 92 Länder das ‚Nagoya Protokoll‘ ratifiziert haben, tritt es am 12. Oktober in Kraft, pünktlich zur zweijährigen Vertragsparteienkonferenz der Biodiversitäts-Konvention in Pyeongchang, Südkorea, die nächste (diese) Woche beginnt.

Voller Medikamente: Das Pharmaunternehmen Merck und der Staat Costa Rica haben ein Abkommen geschlossen, um gemeinsam nach Wirkstoffen in Costa Ricas Genpool zu suchen. (Foto: Wikipedia)

Voller Medikamente: Das Pharmaunternehmen Merck und der Staat Costa Rica haben ein Abkommen geschlossen, um gemeinsam nach Wirkstoffen in Costa Ricas Genpool zu suchen. (Foto: Wikipedia)

Damit findet eine der emotionalsten Debatten im Rahmen der Biodiversitäts-Konvention ein Ende. Denn in der Vergangenheit hat „keiner keinem getraut“ wie der Chef der Konvention, Braulio de Souza Dias, sagte. Einige Wissenschaftler befürchten nun allerdings ein Übermass an Bürokratie: „Es muss einen fairen Weg geben um Gewinne zu teilen. Aber es ist absolut kritisch, dass die Politiker nicht die internationalen Forschungspartnerschaften behindern.“ sagte David Carr von der britischen Pharmaforschungsstiftung Wellcome Trust gegenüber dem Wissenschaftsmagazin Nature. Und auch de Souza Dias weiss, dass das Nagoya Protokoll mit zusätzlichem Aufwand für Forscher verbunden ist: „Ja, die Übergangsphase ist mit Kosten verbunden, aber es sollte ein Übergang zum Besseren sein.“ [1]

Nachdem die Verteilung der Gewinne aus der Nutzung der Artenvielfalt geregelt ist, kann sich die Biodiversitäts-Konvention auf ihre eigentliche Kernaufgabe konzentrieren: die Artenvielfalt zu schützen. Im Moment sterben jeden Tag bis zu 380 Tier- und Pflanzenarten aus und die Anzahl der Tiere auf der Erde hat sich seit 1970 halbiert, wie der die Umweltorganisation WWF ermittelt hat. [2] Die Hauptgründe für diese Abnahme sind Überfischung und –jagung sowie der Verlust oder die Schädigung von Lebensräumen. Um diese Abnahme an Vielfalt zu stoppen, haben sich die Länder der Welt auf die sogenannten Aichi Ziele geeinigt, die bis im Jahr 2020 erreicht werden sollen. Dazu gehört, den Verlust an Lebensräumen inklusive Wald zu halbieren. Ausserdem sollen 17 Prozent der Landfläche und zehn Prozent der Meeresfläche unter Schutz gestellt werden. Um diese Ziele zu erreichen, haben die Länder entschieden die Mittel für den Schutz der Artenvielfalt zu verdoppeln. [3]

Doch die Tücke der Umsetzung steckt im Detail, wie ein europäischer Diplomat erklärt: So sei unklar, was ein Schutzgebiet ausmacht. Und beim Geld, sei ungeklärt auf welches Basisjahr sich der Verdoppelungsbeschluss bezieht und welche Ausgaben angerechnet werden können. Hinzu käme, dass die Zuständigkeiten beim Artenschutz auf viele Organisationen verteilt seien: So gibt es eine Institution, die den Handel mit gefährdeten Tier- und Pflanzenarten regelt (Cites), die Walfangkommission (IWC), gesonderte Einrichtungen für den Nord- und Südpol etc. Am einfachsten ist es da, wenn ein Land unilateral handeln kann. So hat US-Präsident Barack Obama soeben die Schaffung des grössten Meeresschutzgebietes der Welt mit 1,2 Millionen Quadratkilometern rund um ein paar Atolle im Pazifik dekretiert. Und der Inselstaat Kiribati stellt 409‘000 Quadratkilometer seiner Meeresfläche unter Schutz. mic

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[1] Nature, 30.09.2014: Biopiracy ban stirs red-tape fears

[2] WWF, Oktober 2014: Living Planet Report 2014

[3] weltinnenpolitik, 21.10.2012: Investitionen in Artenschutz werden verdoppelt

Obama und Modi einigen sich auf die einfachste Klimaschutzmassnahme der Welt

FKWs sollen mit Hilfe des Montreal Protokolls zum Schutz der Ozonschicht abgeschafft werden

Die Unterscheidung zwischen Industrie- und Entwicklungsländern ist für Indien so wichtig, dass Delhi bislang die einfachste und billigste Klimaschutzmassnahme verhindert hat. Doch jetzt besteht Aussicht auf einen „Durchbruch“: die Abschaffung von FKWs mit Hilfe des Ozonprotokolls.

Das erfolgreichste Klimaschutzabkommen der Welt ist nicht etwa das Kyoto Protokoll, sondern das Montreal Protokoll zum Schutz der Ozonschicht. Mit diesem wurden die ozonschädlichen FCKWs (Fluorchlorkohlenwasserstoffe) abgeschafft, sodass sich das Ozonloch nun wieder schliesst. Doch FCKWs schaden nicht nur der Ozonschicht sondern sind auch potente Treibhausgase. Durch das FCKW Verbot wurde daher der Gegenwert von 135 Milliarden Tonnen CO2 seit dem Jahr 1989 vermieden. Das ist mehr als doppelt soviel wie die jährlichen Treibhausgasemissionen im Gegenwert von 50 Milliarden Tonnen CO2. [1] Doch diese Errungenschaft ist in Gefahr: In vielen Ländern wird das FCKW in Kühlschränken und Klimaanlagen durch FKWs (Fluorkohlenwasserstoffe) ersetzt. Diese schaden zwar nicht der Ozonschicht, sind dafür aber 11‘700 mal klimaschädlicher als CO2. Wenn deren Produktion unkontrolliert zunimmt werden FKWs im Jahr 2050 knapp ein Fünftel der weltweiten Treibhausgasemissionen ausmachen, schätzt die UNO.

Die reine Lehre: Weil das Ozonprotokoll nicht so strikt zwischen Industrie- und Entwicklungsländern unterscheidet wie die Klimakonvention, hat Indien bislang die einfachste und billigste Klimaschutzmassnahme verhindert. (Foto: Wikipedia)

Die reine Lehre: Weil das Ozonprotokoll nicht so strikt zwischen Industrie- und Entwicklungsländern unterscheidet wie die Klimakonvention, hat Indien bislang die einfachste und billigste Klimaschutzmassnahme verhindert. (Foto: Wikipedia)

Aus diesem Grund möchten die USA und die EU FKWs ebenfalls mit Hilfe des Montreal Protokolls aus der Welt schaffen. Das Protokoll ist dazu gut geeignet. Zum einen ist es das einzige UN Abkommen, dem alle Länder der Welt angehören. Und zum anderen hat es sich als effizientes und billiges Instrument zur Abschaffung ganzer Stoffklassen erwiesen. Doch die Entwicklungsländer allen voran China und Indien weigerten sich lange Zeit über FKWs im Rahmen des Montreal Protokolls zu verhandeln. Denn dort gilt nicht die strenge Trennung der Welt in Industrie- und Entwicklungsländer wie bei den Verhandlungen im Rahmen der UN-Klimakonvention. Als erstes hatte dann China ein Einsehen: Nach dem Antrittsbesuch des chinesischen Präsidenten Xi Jinping bei US-Präsident Barack Obama im vergangenen Jahr, kündigte China an, FKWs doch mit Hilfe des Montreal Protokolls zu eliminieren. Anschliessend gelang es Obama auch, die Führer der G20 Länder von diesem Vorgehen zu überzeugen. Doch damit hatte der damalige indische Ministerpräsident Manmohan Singh das Verhandlungsmandat seiner eigenen Regierung überschritten. Seine Minister pfiffen ihn denn auch umgehend zurück und erklärten, an der indischen Position habe sich Nichts geändert. Und tatsächlich: Beim Treffen des Montreal Protokolls im Oktober 2013 lehnte es Indien einmal mehr ab, über FKWs zu verhandeln. [2]

Doch Singh ist Geschichte und nun führt Narendra Modi den Subkontinent. Und wie zuvor Xi, wollte auch Modi nicht mit leeren Händen bei seinem Antrittsbesuch bei Obama erscheinen. In der Abschlusserklärung des Treffens bekennen sich die beiden Führer denn auch “zum Bedürfnis die Institutionen und die Expertise des Montreal Protokolls zu nutzen, um den Konsum und die Produktion von FKWs zu reduzieren.“ [3] Ausserdem haben sie vereinbart innert zwei Monaten eine Arbeitsgruppe einzusetzen, die „die Sicherheit, Kosten und den kommerziellen Zugang zu neuen oder alternativen Technologien als Ersatz für FKWs“ erkunden soll. [3] Damit besteht die Möglichkeit, dass nächstes Jahr bei der Konferenz des Montreal Protokolls über die Abschaffung von FKWs verhandelt werden kann. „Das kann man als Durchbruch bezeichnen“ meinte dazu ein europäischer Diplomat, der mit dem Montreal Protokoll vertraut ist. Jetzt bleibt nur zu hoffen, dass Modi nicht so wie Singh wieder von seinen Kabinettskollegen blossgestellt wird. Aber Modi hat für seine Zustimmung auch etwas bekommen: Indien erhält eine Milliarde Dollar Kredit von der US Export-Import-Bank, um damit amerikanische Energietechnik zu kaufen. mic

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[1] The Economist, 20.09.2014: The deepest cuts

[2] weltinnenpolitik, 25.10.2013: Was gilt das Wort von Manmohan Singh?

[3] Washington Post, 30.09.2014: Obama and Modi announce agreement on U.S.-India efforts to fight global warming

Leitartikel: Welt hat eine Schlacht gewonnen

Trotz des Erfolgs beim Klimagipfel erscheint das Zwei-Grad-Ziel beinahe unerreichbar

Die Wirtschaft ist bereit. Viele Staaten sind bereit. Und die Menschen sind es auch. Um die Klimaerwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, müssen die Politiker nun beherzt handeln. Dies gilt insbesondere für die EU: Diese hat nun die Möglichkeit Klimaführerschaft zu beweisen und im Gegensatz zu früher werden ihr auch viele folgen. 

UN-Chef Ban Ki-moon hat hoch gepokert und gewonnen. Sein Klimagipfel war ein Erfolg. Wenn es gelingt den Waldverlust bis 2030 zu stoppen, sinken die Emissionen um rund ein Sechstel. Zudem hat der Gipfel gezeigt, dass die Kapitalmärkte beginnen, den Klimawandel ernst zu nehmen. Dies bedeutet, dass die Investitionen in fossile Energien zurückgefahren werden. Denn schon die bislang bekannten Reserven an Öl, Kohle und Gas reichen aus, um eine Klimakatastrophe auszulösen. Investitionen in neue Fördergebiete sind folglich rausgeschmissenes Geld. Mit den ‚Grünen Anleihen‘ haben die Märkte ausserdem endlich ein Vehikel geschaffen, um nennenswerte Summen in den Ausbau der Erneuerbaren Energien zu investieren. Und schliesslich ist beim Klimagipfel eine Koalition aus Ländern, Investoren und Unternehmen an die Öffentlichkeit getreten, die sich für einen CO2 Preis einsetzt. Diesen Schulterschluss aus Wirtschaft und Politik hat es bislang nicht gegeben. Wenn die Klimakonferenz im nächsten Jahr zu einem wirksamen Weltklimavertrag führt, kann Ban folglich sagen, er hätte der Grundstein dafür gelegt. Und wenn Paris scheitert, kann ihm niemand vorwerfen, er hätte nicht Alles versucht.

Doch mit dem Klimagipfel hat die Menschheit nur eine Schlacht aber noch lange nicht den Kampf gegen den Klimawandel gewonnen. Dazu müsste die CO2 Intensität der Weltwirtschaft jedes Jahr um über sechs Prozent sinken, wie die Unternehmensberatung PWC ausgerechnet hat. [1] Letztes Jahr sind die CO2 Emissionen pro 1000 Euro Wirtschaftsleistung weltweit aber nur um 1,2 Prozent zurückgegangen. Einzig Australien konnte die CO2 Intensität um über sechs Prozent senken. In Deutschland und den USA ist die CO2 Intensität sogar gestiegen. Kurz, die sechs Prozent und damit die Einhaltung des Zwei-Grad-Ziels sind noch in weiter Ferne – erscheinen nahezu unerreichbar.

Doch aus zwei Gründen ist noch nicht alle Hoffnung verloren: Zum einen setzt sich langsam die Erkenntnis durch, dass Klimaschutz kein Wachstumshemmnis darstellt, sondern im Gegenteil das Wachstum sogar beschleunigen kann. Dies liegt nicht zuletzt an den Kosten für Erneuerbare Energien: In den letzten fünf Jahren ist der Preis für Solarzellen um 80 Prozent gesunken. Und auch Windenergie ist um 15 Prozent billiger geworden. In vielen Ländern sind die Erneuerbaren damit billiger als fossile Energien. Und zum anderen gibt es noch gigantische Potentiale zur Senkung der Emissionen durch den Schutz der Wälder, die Verbesserung der Energieeffizienz und die Reduktion von anderen Treibhausgasen als CO2 wie Methan oder Fluorkohlenwasserstoffen (FKWs). Die Produktion letzterer wird derzeit hochgefahren, um die ozonschädlichen Fluorchlorkohlenwasser-stoffe (FCKWs) zu ersetzen. Ausserdem besteht ein enormes gesundheitspolitisches Interesse an der Reduktion des weltweiten Russaustosses, was ebenfalls dem Klimaschutz zugute käme.

Um diese Potentiale zu nutzen, müssen die Länder nächstes Jahr in Paris ein Paket aus kurz- und langfristigen Massnahmen beschliessen: Kurzfristig gilt es aggressiv in Russfilter, den Waldschutz und die Abschaffung von FKWs zu investieren. Das kostet einen niedrigen Milliardenbetrag, der wohl schon durch die Reduktion der Gesundheitskosten amortisiert wird. Damit kann sich die Welt Zeit kaufen, bis die langfristige Massnahme wirkt: ein CO2 Preis, der von Jahr zu Jahr steigt. Die EU hat hier die Möglichkeit das Ergebnis mit einem ehrgeizigen Emissionsziel für 2030 vorzuspuren, da Brüssel das Ziel vor den anderen Ländern bekannt gibt. Ausserdem ist die EU derzeit noch immer das einzige grosse Land mit einem CO2 Preis, dem EU- Emissionshandel. Der Klimagipfel in New York hat gezeigt, dass grosse Teile der Wirtschaft und viele Länder bereit sind, der EU zu folgen. Endlich besteht also die Chance, dass sich die Vorreiterrolle der EU beim Klimaschutz auszahlt – sowohl in Form eines wirksamen Klimaschutzes, als auch in Form von Wachstumimpulsen. Dies Chance gilt es zu nutzen. mic

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[1] PWC: Low Carbon Economy Index 2014: Two degrees of separation – ambition and reality

Die halbe Welt will einen CO2 Preis

Der Verlust an Wäldern soll bis 2020 halbiert und bis 2030 gestoppt werden

Während sich die Klimaverhandlungen immer wieder an Fussnoten festfressen, sollte der Klimagipfel den Führern der Welt eine Bühne geben, um „kühne“ Ankündigungen zu machen. Das Resultat sind neue Initiativen zur Einführung eines CO2 Preises, zur Finanzierung von Erneuerbaren Energien und zum Schutz der Wälder.

„Wir sind nicht hier, um zu reden. Wir sind hier, um Geschichte zu machen.“ sagte UN-Chef Ban Ki-moon zu Beginn des Klimagipfels am Dienstag. Dazu hatte Ban über 120 Staats- und Regierungschefs sowie unzählige Umweltminister in New York versammelt, die dann im Vier-Minutentakt erklärten, was ihre Länder gegen den Klimawandel unternehmen wollen. In Parallelveranstaltungen hatten zudem Firmenchefs die Gelegenheit, Klimaschutzinitiativen der Wirtschaft vorzustellen. Damit will Ban neuen Schwung in den Kampf gegen den Klimawandel bringen. Nach der UN-Klimakonferenz in Kopenhagen im Jahr 2009 war das Thema weitgehend von der internationalen Agenda verschwunden, während die Emissionen von Treibhausgasen immer weiter und schneller anstiegen. Um diesen Trend zu brechen und die Klimaerwärmung auf zwei Grad zu begrenzen haben sich die Länder versprochen, nächstes Jahr in Paris einen neuen Weltklimavertrag zu verabschieden. Der Klimagipfel markiert somit den Beginn des Endspurts auf dem Weg nach Paris.

John D. Rockefeller wurde dank Standard Oil zum reichsten Mann der Welt.  Doch nun haben seine Nachkommen beschlossen, lieber in Erneuerbare Energien zu investieren. (Bild: Wikimedia)

John D. Rockefeller wurde dank Standard Oil zum reichsten Mann der Welt. Doch nun haben seine Nachkommen beschlossen, lieber in Erneuerbare Energien zu investieren. (Bild: Wikimedia)

Wie erwartet haben die meisten Länder keine neuen Emissionsreduktionen angekündigt. Die EU wird ihr Emissionsziel für das Jahr 2030 im Oktober festlegen und die USA und China werden ihre Ziele im ersten Quartal 2015 vorstellen. Sowohl US-Präsident Barack Obama als auch der chinesische Vizepremier Zhang Gaoli haben aber klar gemacht, dass sie sich ihrer Verantwortung bewusst sind: „Die starken Statements der beiden grössten Emittenten senden ein klares Signal, dass sie daran arbeiten, ein ehrgeiziges Abkommen in Paris zu erreichen.“ sagt Jennifer Morgan von der Umweltorganisation World Resources Institute. Etwas konkretere Zusagen kamen derweil von einer Städteallianz. 2000 Städte wollen ihre Emissionen bis 2020 um 450 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr absenken. Aufmerksamkeit erhielt inbesondere New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio, der angekündigt hat die Emissionen der US-Metropole in den nächsten 35 Jahren um 80 Prozent zu senken. Schweden, Dänemark, Island und Tuvalu haben zudem ihre Pläne bestätigt, ihre Emissionen bis 2050 auf Null zu senken.

Das Mittel der Wahl um eine weltweite Reduktion der CO2 Emissionen zu erreichen ist ein Preis auf CO2. 73 Regierungen und über 1000 Unternehmen unterstützen eine CO2 Steuer oder ein Emissionshandelssystem. Diese machen 52 Prozent der Welt-Wirtschaftsleistung, 54 Prozent der globalen Emissionen und knapp die Hälfte der Weltbevölkerung aus, wie die Weltbank ausregechnet hat. Aus Sicht von Klaus Schwab, dem Gründer des Weltwirtschaftsforums in Davos, ist es damit dem Klimagipfel tatsächlich gelungen Geschichte zu machen: „Historiker könnten eines Tages unser heutiges Treffen als Beginn einer neuen Ära im wirtschaftlichen Denken bezeichnen. Eine Ära, in der wir externe Kosten in unser Verhalten internalisieren, sei es als Regierungen, Firmen, Städte oder als Bürger.“ Denn genau darauf zielt ein CO2 Preis ab: Weil derzeit CO2 meist noch kostenlos in der Atmosphäre entsorgt werden kann, wird zuviel CO2 produziert und das Klima geschädigt. Doch wenn CO2 einen angemessenen Preis erhält, ändern Unternehmen und Verbraucher ihr Verhalten, um Geld zu sparen. Die Emissionen und folglich auch die Kosten durch den Klimawandel sinken.
Diese angestrebte Verhaltensänderung wird sich insbesondere in der Energiewirtschaft zeigen, wo Kohle, Öl und Gas durch CO2 freie Energiequellen ersetzt werden müssen. Doch viele Investoren und Banken wollen nicht warten, bis überall ein CO2 Preis existiert. Eine Gruppe von institutionellen Investoren wie der schwedische Pensionsfonds haben angekündigt, ihre Anteile an herkömmlichen Energiekonzernen zu verkaufen. Besondere Aufmerksamkeit erhielt hier die Familienstiftung der Rockefellers: Die Nachkommen des Ölmagnaten wollen ihr Geld nun in Erneuerbare Energien investieren. Zusätzliches Geld für die Erneuerbaren soll zudem aus dem Verkauf von ‚Grünen Anleihen‘ (green bonds) kommen. Der Chef der Bank of America schätzt, dass der Markt für diese Anleihen von heute 40 Milliarden Dollar auf 300 Milliarden Dollar im Jahr 2020 ansteigen wird. Zudem haben einige Länder versprochen Geld in den Grünen Klimafonds der UNO einzuzahlen, mit dem Klimaschutzmassnahmen in Entwicklungsländern gefördert werden sollen. Deutschland und Frankreich geben je eine Milliarde Dollar und die Schweiz ‚mindestens‘ 100 Millionen. Weitere Zusagen kamen aus Schweden, Dänemark, Mexiko und Südkorea, wo der Fonds seinen Sitz hat.

Viel Geld wird ausserdem wie gewohnt Norwegen in den Klimaschutz investieren: ‚mindestens‘ 500 Millionen Dollar pro Jahr. Der grösste Teil davon wird in den Schutz der Wälder fliessen. Hier hat sich eine Gruppe von Ländern, Grosskonzernen, indigenen Völkern und Umweltorganisationen ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Innert fünf Jahren soll der Verlust an Wald halbiert und bis 2030 komplett gestoppt werden. Ausserdem sollen bis dann 3,5 Millionen Quadratkilometer Wald rehabilitiert werden. Das ist mehr als die Fläche von Indien oder zehn mal die Fläche von Deutschland. Die beteiligten Grosskonzerne haben zudem versprochen, dafür zu sorgen, dass durch die Produktion von Palmöl, Soya, Papier und Rindfleisch kein Wald verloren geht. Durch diese Massnahmen können 10 bis 17 Prozent der weltweiten CO2 Emissionen vermieden werden. Dies entspricht den Emissionen aus dem Strassen- und Flugverkehr in den USA, China und Indien. Für Erna Solberg, die Ministerpräsidentin von Norwegen, ist die Initiative denn auch schlicht „bahnbrechend in ihrem Ehrgeiz“. Und so war Ban Ki-moon am Ende ‚seines‘ Klimagipfels denn auch zufrieden. „Es war ein grossartiger Tag.“ mic

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Dieser Artikel beruht weitgehend auf drei ausgezeichneten Liveblogs:

1 The Guardian, 23.09.2014: UN climate change summit in New York

2 World Resources Institute, 2309.2014: United Nations climate summit 2014

3 Responding to Climate Change, 23.09.2014: As it happened: World leaders pledge climate action in New York

Eine Übersicht über die Ankündigungen der Länder bietet Mashable:

4 Mashable, 233.09.2014: UN climate summité Who’s promised what

Die offizielle Seite der UNO zum Klimagipfel findet sich derweil hier:

5 UNO, September 2014: Climate Summit 2014

Was bringt Ban Ki-moons Klimagipfel?

Immer mehr Länder versehen CO2 Emissionen mit einem Preis

Nachdem die Aufmerksamkeit für den Klimawandel in den letzten Jahren zurückgegangen ist, kommt das Thema nächste Woche auf die Weltbühne: Am Dienstag kommen über 120 Staats- und Regierungschefs in New York zu einem Klimagipfel zusammen.

UNO Generalsekretäre gehen selten an Demonstrationen. Aber genau das hat Ban Ki-moon vor: Am Sonntag will er sich an der Demonstration für Klimaschutz in New York beteiligen. Damit wirbt er für seinen Klimagipfel am Dienstag. Dann werden rund 120 Staats- und Regierungschefs, unzählige Minister sowie Bürgermeister und Unternehmensführer erklären, was sie für den Schutz des Klimas zu tun gedenken. Der Gipfel soll neuen Schwung in den Kampf gegen den Klimawandel bringen. Denn das ist nötig: Gemäss dem Wissenschaftlergremium IPCC wird sich das Klima bis zum Jahr 2100 um 3,7 bis 4,8 Grad erwärmen. Dabei gilt eine Erwärmung um zwei Grad als Obergrenze, wenn katastrophale Schäden durch die Klimaerwärmung vermieden werden sollen. Doch um diese Grenze einzuhalten, müssen die Emissionen von Treibhausgasen, insbesondere CO2, auf Nahe Null sinken. Im Moment steigen die Emissionen aber noch. Daher hofft die UN Klimabeauftragte und ehemalige irische Präsidentin Mary Robinson, dass der Klimagipfel einen Kurswechsel einläutet: „Es geht darum, Entscheidungen zu treffen, die uns zurück auf einen Pfad bringen, der unter der Zwei-Grad-Grenze bleibt.“ [1]

Fünf 'CO2 Blasen' vor der Bank of England.: Die Demonstranten wollen darauf aufmerksam machen, dass nicht alle bekannten Öl-, Gas- und Kohlevorkommen gefördert werden können, wenn die Klimaerwärmung auf zwei Grad begrenzt werden soll (Foto: 350.org)

Fünf ‘CO2 Blasen’ vor der Bank of England.: Die Demonstranten wollen darauf aufmerksam machen, dass nicht alle bekannten Öl-, Gas- und Kohlevorkommen gefördert werden können, wenn die Klimaerwärmung auf zwei Grad begrenzt werden soll (Foto: 350.org)

Das wichtigste Instrument, um dieses Ziel zu erreichen, ist ein CO2 Preis. „Eine signifikante Zahl von Ländern und Unternehmen werden erklären, dass wir einen Preis für CO2 Emissionen brauchen.“ sagt Robinson. [1] Auf Ebene der Länder bestehen dazu zwei Möglichkeiten: Entweder sie erheben eine CO2 Steuer wie sie in Chile oder Südafrika geplant ist. Oder sie führen eine Emissionshandelssystem ein wie die EU oder Kalifornien. Gemäss Weltbank haben mittlerweile 39 Länder und 23 Bundesstaaten eine Steuer oder ein Handelssystem eingeführt oder stehen kurz davor. [2] Mit Spannung wird insbesondere die Ankündigung von China erwartet. Chinas Nationale Entwicklungs- und Reformkommission hat letzte Woche einen Plan vorgestellt, im Jahr 2016 ein landesweites Emissionshandelssystem einzuführen. [3] Derzeit laufen in mehreren chinesischen Provinzen und Städten Pilotprogramme, die zu einem nationalen Handelssystem verknüpft werden sollen. Das Handelssystem wird drei bis vier Milliarden Tonnen CO2 abdecken, rund vier Prozent der chinesischen Emissionen. Der nun vorgestellte Plan wird zu einem CO2 Preis von rund 18 Dollar pro Tonne führen, schätzt Frank Jotzo von der Australian National University. „Es ist eine Überraschung, dass der Plan einen Start im Jahr 2016 vorsieht. Die meisten Experten haben einen Start näher beim Jahr 2020 erwartet.“ sagt Jotzo. [3] Aber auch immer mehr Unternehmen haben einen internen CO2 Preis. Viele Firmen wie etwa BMW oder Crédit Suisse rechnen intern mit einem CO2 Preis, wenn sie Investitionsprojekte evaluieren. Manche Unternehmen wie etwa Microsoft bitten ihre Abteilungen aber auch konkret für CO2 Emissionen zur Kasse. Das so eingesammelte Geld wird dann in Projekte investiert, die andernorts CO2 Emissionen senken.

Abgesehen vom CO2 Preis wird es Ankündigungen zur Finanzierung des Klimaschutzes in Entwicklungsländern und zur Reduktion von anderen Treibhausgasen als CO2 geben. So wird erwartet, dass die EU und die USA den Einsatz von FKWs (Fluorkohlenwasserstoffe) als Kältemittel weiter einschränken. Diese Stoffe ersetzen die ozonschädlichen FCKWs (Fluorchlorkohlenwasserstoffe) in Klimaanlagen oder Kühlschränken. Doch FKWs sind 11‘700 mal klimaschädlicher als CO2 und deren Produktion steigt rasant. Ohne Massnahmen gegen FKWs könnten diese im Jahr 2050 ein Fünftel der weltweiten Treibhausgasemissionen ausmachen.

Zu reden gibt aber nicht nur wer, was ankündigt, sondern auch wer dem Gipfel fern bleibt. Nicht zum Gipfel kommt etwa die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel. Und auch der chinesische Präsident Xi Jinping und der neue indische Ministerpräsident Narendra Modi schicken ihre Umweltminister. Indien kritisiert, der Klimagipfel sei eine Initiative der Industriestaaten, um die Unterscheidung zwischen Industrie- und Entwicklungsländern bei den UN-Klimaverhandlungen zu verwischen. [4] Aus indischer Sicht sind nur die Industriestaaten dazu verpflichtet, ihre Emissionen zu senken, während Entwicklungsländer freiwillig Klimaschutzmassnahmen umsetzen können. Aus Sicht von Chistiana Figueres, der Chefin der UN-Klimaverhandlungen, ist das Fernbleiben von Xi und Modi nicht weiter schlimm: „Wir sollten nicht überbewerten, welche Person für die chinesische und indische Regierung spricht.“ [5] Anders sieht das Energiespezialist Frank Maisano von der Anwaltskanzlei Bracewell & Giuliani: „Es ist immer ein grosses Ding, wenn China und Indien entscheiden, nicht zu kommen. Diese beiden Länder müssen mit am Tisch sitzen, wenn Verhandlungen jemals für das Klima bedeutungsvoll sein sollen.“ [6] Noch deutlicher als China und Indien signalisiert derweil Saudi Arabien, was es vom Klimaschutz im Allgemeinen und vom Klimagipfel im Besonderen hält: Das Königreich schickt seinen Ölminister. mic

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[1] AFP, 17.09.2014: World will ‘change course’ on climate at UN summit

[2] RTCC, 12.09.2014: UN climate summit set for major carbon pricing announcement

[3] Bridges, 18.09.20124: China Unveils Plans for National Carbon Market by 2016

[4] The Economic Times, 16.09.2014: India won’t give new deal in UN Climate Summit

[5] Clmate Spectator, 15.09.2014: Harper joins Abbott in bailing on climate summit

[6] E&E News, 17.09.2014: Obama may enjoy a ‘leadership moment’ at next week’s climate summit meeting in N.Y.

Und der Ölpreis fällt und fällt

Bleibt der Preis tief haben mehrere Opec Länder und Russland ein Haushaltsdefizit

Seit über einem Jahr war Öl nicht mehr so billig. Trotz Kriegen und Krisen in wichtigen Förderländern sorgen eine gedämpfte Nachfrage bei einem reichlichen Angebot für tiefe Preise. Für viele Opec Länder ist das ein Problem.

Am Montag hat der Preis für ein Barrel Öl (159 Liter) der Nordsee-Ölsorte Brent zum ersten Mal seit 14 Monaten die 100 Dollar Marke unterschritten. Grund dafür sind schlechte Konjunkturnachrichten von den beiden grössten Ölkonsumenten der Welt, China und den USA. In den USA wurden im August weniger neue Stellen geschaffen als erwartet und in China sind die Importe weiter gefallen. Beides deutet auf eine Verlangsamung der Konjunktur und damit der Ölnachfrage hin. Zudem ist das Angebot an Öl reichlich. So ist es Libyen gelungen seine Ölförderung in den letzten drei Monaten um 80 Prozent auf 720‘000 Barrel pro Tag zu steigern. Ausserdem hält der Schieferölboom in den USA an.

'On a slippery slope': So diversifiziert sind Venezuelas Exporte in 28 farblich unterschiedenen Kategorien (Grafik: MIT)

‘On a slippery slope': So diversifiziert sind Venezuelas Exporte in 28 farblich unterschiedenen Kategorien (Grafik: MIT)

Trotz der vielen Krisen in Öl produzierenden Ländern ist der Preis seit Mitte Juni um 15 Prozent gefallen (siehe Grafik). Weder Ebola in Nigeria, noch der Vormarsch des Islamischen Staates im Irak, noch die Sanktionen gegen russische Ölkonzerne in Folge der Ukrainekrise vermochten den Ölpreis zu stabilisieren. Die Frage ist wie es nun weiter geht. Auffällig ist: Der Ölpreis ist in den Sommermonaten gefallen obwohl dann die Ölnachfrage relativ hoch ist, wie Eric Lee von der Citi Bank sagt: „Der Rückgang beim Preis für Brent Öl begann mitten im Sommer. Daher sollte man keinen Anstieg der Preise erwarten. Am Jahresende gibt es keine grössere Nachfrage.“ [1] Genau umgekehrt argumentiert derweil die Opec: „Es ist kein permanenter Preisrückgang. Wir nähern uns dem Winter und erwarten steigende Preise.“ [2] Die Marktbeobachter schauen insbesondere darauf, wie Saudi Arabien auf den Preisrückgang reagiert. „Wenn der Ölpreis unter 100 Dollar gefallen ist, dann bedeutet das wahrscheinlich, dass Saudi Arabien mit diesem Preisniveau zufrieden ist.“ sagt Peter Helles von der Bank of America Merrill Lynch. [3] Gemäss dem saudischen Ölminister könnte der Preis sogar noch weiter fallen, bevor das Königreich die Produktion drosselt: “100 Dollar, 110 Dollar, 95 Dollar ist ein guter Preis“ sagte Ali al-Naimi in Juni. [2]

Entwicklung des Ölpreises (Brent) pro Barrel in Dollar über die letzten zwölf Monate (Grafik: FT)

Entwicklung des Ölpreises (Brent) pro Barrel in Dollar über die letzten zwölf Monate (Grafik: FT)

Und tatsächlich: Auch wenn der Ölpreis auf 95 Dollar fällt, hat Saudi Arabien immer noch einen ausgeglichenen Staatshaushalt (siehe Tabelle). Viele andere Opec Länder und Russland haben hingegen ihre Staatsausgaben derart aufgebläht, dass sie einen Ölpreis von über 100 Dollar benötigen, um ein Budgetdefizit zu vermeiden. Nach dem ‚Arabischen Frühling‘ haben viele Opec Länder ihre Staatsausgaben massiv erhöht, um Unruhen wie in Ägypten zu verhindern. Die wirtschaftlichen und politischen Auswirkungen eines niedrigen Ölpreises sind insbesondere in drei Ländern interessant:

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Russland: Russland hat Reserven von 644 Milliarden Dollar. Ein Haushaltsdefizit wäre also durchaus verkraftbar. Schlecht sieht es hingegen um den grössten russischen Ölkonzern Rosneft aus. Dieser hat nach der Übernahme des Konkurrenten TNK-BP 40 Milliarden Dollar Schulden. Davon sind 21,2 Milliarden noch dieses Jahr fällig. Doch Rosneft unterliegt den Sanktionen der EU und USA und kann diese Schulden daher nicht mehr an den westlichen Kapitalmärkten refinanzieren. Aus diesem Grund hat der Konzern die Regierung in Moskau um Hilfe gebeten. Und der Kreml hat Rosneft erhört. Gemäss dem russischen Ministerpräsidenten Dimitri Medwedew erhält der Ölkonzern eine Finanzspritze von 40,6 Milliarden Dollar. Nachdem Moskau schon Pensionskassengelder für die Finanzierung der Krim Annexion beschlagnahmt hat [4], kommt so nun die zweite Milliardenrechnung für die aktuelle Aussenpolitik.

  • Venezuela: Das Land der ‚bolivarischen Revolution‘ ist auch ohne einen tiefen Ölpreis quasi pleite. Anfang Oktober muss Venezuela 5,2 Milliarden Dollar an Schulden zurückbezahlen. Dabei hat das Land nicht nur die höchste Inflationsrate der Welt sondern auch riesige Schulden gegenüber inländischen Gläugigern. Das Land schuldet Importeuren und Fluggesellschaften über 13 Milliarden Dollar. Aus diesem Grund bedienen einige Fluglinien das Land nicht mehr und Güter von Klopapier bis Medikamenten können nicht in ausreichender Menge importiert werden. Der venezoelanische Ökonom Ricardo Hausmann sagt daher: „Venezuela bedient seine Auslandsschulden noch aber gegenüber seinen Bürgern ist es längst bankrott.“ [5]
  • Iran: Kein Land braucht einen derart hohen Ölpreis wie Iran um sein Budget auszugleichen: 136 Dollar. Wegen des iranischen Atomprogramms unterliegt das Land harten Sanktionen der EU und der USA. In den letzten beiden Jahren Jahr ist die iranische Wirtschaft denn auch geschrumpft. Mittlerweile hat sie sich aber wieder stabilisiert wie die iranische Regierung mitteilt. Der Preisverfall bei Irans wichtigstem Exportprodukt dürfte da nicht willkommen sein. Dies erhöht den Druck bei den Atomverhandlungen zu einem Ergebnis kommen: Bis Ende November wollen sich der Iran und der Westen über Irans Atomprogramm und eine Rücknahme der Sanktionen einigen.

Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten Irans sind zudem ein wichtiger Grund, warum die sunnitischen Golfstaaten von Qatar bis Saudi Arabien derzeit keinen Grund haben, den Ölpreis durch Produktionskürzungen zu erhöhen. Im Irak und in Syrien werden Stellvertreterkriege zwischen dem Iran und Saudi Arabien ausgefochten in denen es um die Vorherrschaft in der Golfregion geht. Wenn da der Ölpreis so tief ist, dass er Iran schadet, kann das Saudi Arabien nur recht sein. So kommt zum heissen Krieg auch noch ein bisschen Opec-interner Wirtschaftskrieg. Die Autofahrer freut’s. mic

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[1] The Wall Street Journal, 08.09.2014: Crude Prices Close at Lowest Level in More Than a Year

[2] Reuters, 08.09.2014: OPEC unfazed by oil’s drop below 100$

[3] The National, 08.09.2014: Oil price drops below $100 as GCC producers are close to curbing supply

[4] Bloomberg, 26.06.2014: Russian pensions Paid For Putin’s Crimea Grab

[5] Project Syndicate, 05.09.2014: Should Venezuela Default?

Leitartikel: Nehmt Putin die Kreditkarte weg

Dem Swift Netzwerk und Kreditkartenfirmen sollten Geschäfte mit russischen Banken untersagt werden

Es herrscht Krieg in Europa und der Angreifer ist dabei zu gewinnen. Militärisch lässt sich Russland nicht schlagen und die bisherigen Sanktionen haben zu wenig gebracht. Doch der Westen hat zwei Trümpfe, die der russischen Wirtschaft innert Tagen enormen Schaden zufügen können.

Es sieht gut aus für Vladimir Putin. Nach dem Einmarsch russischer Truppen in der Ukraine hat Kiew nur noch schlechte Optionen. Ein Sieg der ukrainischen Armee gegen reguläre, russische Truppen gilt als ausgeschlossen. Kiew müsste sich folglich entweder in Verhandlungen auf die russischen Forderungen einlassen oder versuchen Russland in einem jahrelangen Guerillakrieg zu zermürben. Im ersten Fall, wäre Ukraines Präsident Petro Poroshenko gezwungen für sein Land den Status eines Vasallenstaates zu akzeptieren, der nicht frei über seine Mitgliedschaft in der EU oder der Nato entscheiden darf. Im zweiten Fall, drohen afghanische Verhältnisse in Europa: Tausende Tote und Millionen Flüchtlinge.

Der frühere iranische Präsident Mahmoud Ahmadinejad (rechts) könnte Vladimir Putin (links) sagen, dass mit Swift nicht zu spassen ist (Foto: Kreml)

Der frühere iranische Präsident Mahmoud Ahmadinejad (rechts) könnte Vladimir Putin (links) sagen, dass mit Swift nicht zu spassen ist (Foto: Kreml)

Beides kann der Westen nicht wollen. Doch die bisherigen Sanktionen hatten nicht den gewünschten Effekt. Die russische Wirtschaft stagniert und der Rubelkurs ist auf ein Rekordtief gefallen, aber die Russen jubeln immer noch ihrem Präsidenten zu. Eine weiterer Trippelschritt bei den Sanktionen wird daran Nichts ändern. Dies gilt etwa für ein Verbot, russische Staatsanleihen zu kaufen oder Hochtechnologie für die Erdgasförderung zu exportieren.[1] Letzteres wirkt eh nur langfristig und die Abkoppelung des russischen Staats vom Kapitalmarkt ist angesichts der geringen Staatsverschuldung und des geringen Budgetdefizits auch eine eher symbolische Waffe.

Anders verhält es sich mit zwei anderen Massnahmen: Zum einen kann man den grossen Kreditkartenfirmen, Visa und Mastercard verbieten weiter mit russischen Banken Geschäfte zu machen. Die beiden Firmen haben in Russland einen Marktanteil von über 90 Prozent. [2] Daher könnte man den russischen Konsumenten innert Sekunden die Nutzung von Kreditkarten verwehren. Dies trifft jede Volkswirtschaft hart. Zum anderen kann der Westen aber auch den elektronischen Zahlungsverkehr in und mit Russland lahmlegen. Russland nutzt für fast alle Überweisungen Swift. Dieses Kürzel steht für Society for Worldwide Interbank Financial Telecommunication. Diese belgische Genossenschaft ermöglicht Überweisungen von einer Bank zu einer anderen. Mehr als 10‘000 Banken in 215 Ländern nutzen Swift. Dem normalen Konsumenten ist Swift durch die BIC/Swift Bankleitzahl bekannt. Was passiert, wenn ein Land von diesem Netzwerk ausgeschlossen wird, hat sich im Iran gezeigt. Als das Land von Swift abgekoppelt wurde, brach die Wirtschaft ein und nun verhandeln die Ayatollahs über ihr Atomprogramm. Ähnliche Auswirkungen dürfte ein Swift Ausschluss auch für Russland haben: „Es gibt keinen Zweifel, dass eine Einschränkung der russischen Swift Nutzung kurzfristig extrem einschneidende Folgen für Russlands finanzielle und kommerzielle Aktivitäten hätte.“ sagt Richard Reid von der Dundee Universität in Schottland. [3]

Doch bislang konnte sich der britische Ministerpräsident David Cameron mit seiner Forderung Russland von Swift auszuschliessen nicht durchsetzen. Den Hauptgrund erklärt Reid: „Dies könnte langfristig die Folge haben, dass grosse Teile von Russlands internationalem Zahlungsverkehr in weniger gut überwachte Kanäle abfliessen und in Zukunft nicht mehr mit Sanktionen belegt werden können.“ [3] Dabei ist sich Russland seiner Verwundbarkeit durch die Abhängigkeit von Swift längst bewusst. Im russischen Parlament liegt ein Gesetzentwurf bereit, der den Aufbau eines nationalen Systems durch die Zentralbank vorsieht. Das Gesetz muss aber warten, bis die „technischen Voraussetzungen“ dafür, geschaffen sind. [4] Und das kann viele Monate dauern. Ähnlich bei den Kreditkarten. Hier holt Russland nun China Union Pay, eine chinesische Kreditkartenfirma ins Land, um die Abhängigkeit von den beiden US Platzhirschen zu reduzieren. [5] Mittelfristig soll aber auch hier ein eigenes System aufgebaut werden. Kurz, im Moment hat der Westen mit seiner Kontrolle von Swift und den Kreditkartenfirmen noch zwei äusserst potente Waffen zur Verfügung, deren Wert aber immer weiter abnimmt. Daher sollte er diese nun nutzen.

Nach dem russischen Einmarsch in der Ostukraine sind der Westen und Russland auf der vorletzten Sanktionsstufe angekommen. Die letzte Stufe wäre dann ein westlicher Importstopp von russischem Öl und Gas nach der Einnahme von Kiew durch russische Truppen. Gegenüber EU Kommissionschef José Manuel Barroso hat Putin gesagt: „Wenn ich will, kann ich in zwei Wochen Kiew einnehmen.“ [6] Doch das darf er nicht wollen. Daher muss der Westen nun seine vorletzten Trümpfe ziehen. mic

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[1] Reuters, 01.09.2014: Ban on buying Russian bonds eyed as EU envoys meet

[2] Reuters, 23.05.2014: Visa, Mastercard Vow to Stay as Russia Softens Tone on Rules

[3] Bloomberg, 30.08.2014: U.K. Wants EU to Block Russia from SWIFT Bangking Network

[4] Reuters. 27.08.2014: Russia weighs local alternative to SWIFT payment system

[5] Russia Today, 15.08.2014: Russia launches China Union Pay credit card

[6] Spiegel Online, 01.09.2014: Angebliche Putin Drohung: “Wenn ich will, nehme ich Kiew in zwei Wochen ein”