weltinnenpolitik.net Rotating Header Image

Das Klimapuzzle kommt zusammen

Rasante Senkung der CO2 Emissionen ist technisch, wirtschaftlich und politisch machbar

Noch lässt sich das Klima retten. Die Voraussetzungen dafür sind jedoch atemberaubend. Eine ‚sich selbst erfüllende Prophezeiung‘ soll nun dafür sorgen, dass dies dennoch gelingt: das ‚CO2-Gesetz‘ von Johan Rockström.

Die CO2-Konzentration in der Atmosphäre ist mittlerweile so hoch wie vor drei Millionen Jahren während des ‚Pliozäns‘. Damals war das Klima zwei bis drei Grad wärmer und der Meeresspiegel 25 Meter höher. Um das Ziel des Paris-Abkommens zu erreichen und die Klimaerwärmung auf „deutlich unter zwei Grad“ zu begrenzen, müssen die CO2-Emissionen folglich sehr schnell sinken. Wie schnell zeigt eine Studie von Johan Rockström und anderen im Wissenschaftsmagazin Science [1]: In den Jahren 2020 bis 2030 müssen die CO2 Emissionen halbiert werden und im folgenden Jahrzehnt erneut und dann nochmal. Im Jahr 2050 lägen die Treibhausgasemissionen der Menschheit so bei fünf Milliarden Tonnen pro Jahr. Diese müssen dann kompensiert werden, indem man der Atmosphäre fünf Milliarden Tonnen CO2 entzieht (siehe Grafik unten). Das ist knapp doppelt so viel wie jährlich durch Wälder und Böden gebunden werden. „Wir wollten zeigen, was es bedeutet, das Paris-Ziel einzuhalten“, sagte Rockström gegenüber der US-Publikation Vox. [2]

Halbieren, halbieren, halbieren, kompensieren, Null. Wenn sich die Menschheit an das 'CO2-Gesetz' von Johan Rockström hält, kann die Klimaerwärmung auf "deutlich unter zwei Grad" begrenzt werden. (Grafik: Rockström)

Halbieren, halbieren, halbieren, kompensieren, Null. Wenn sich die Menschheit an das ‚CO2-Gesetz‘ von Johan Rockström hält, kann die Klimaerwärmung auf „deutlich unter zwei Grad“ begrenzt werden. (Grafik: Rockström)

Dabei hat sich Rockström an ‚Moores Gesetz‘ aus der Computerindustrie orientiert. Dieses besagt, dass sich die Zahl der Transistoren auf einem Computerchip alle zwei Jahre verdoppelt. Über vierzig Jahre lang hatte diese Voraussage bestand, nicht zuletzt weil sich die Chipentwickler daran orientiert haben. Eine ähnlich Wirkung erhofft sich Rockström von seinem ‚CO2-Gesetz‘: „Man könnte sich vorstellen, dass dies eine selbsterfüllende Prophezeiung wird: Länder beginnen die Zwischenziele ernst zu nehmen und fangen dann an, die nötigen Innovationen zu entwickeln, damit die Prophezeiung wahr wird.“ [2] Dabei ist Rockström klar, wie schwierig die Einhaltung seines ‚CO2-Gesetzes‘ wird: „Das ist eine schnelle Reduktion der CO2-Emissionen (Dekarbonisierung), plus eine Revolution bei der Nahrungsmittelproduktion, plus einen Nachhaltigkeitsrevolution, plus ein massiver Ausbau der Techniken für die CO2-Entnahme aus der Atmosphäre.“ [2]

Was das Paris-Abkommen bedeutet, fragen sich aber nicht nur Wissenschaftler sondern auch die Wirtschaft. Der grösste Vermögensverwalter der Welt, Blackrock, der Öl- und Gaskonzern Shell, der Minenbetreiber BHP Billiton, der deutsche Energiekonzern Innogy und einige andere Konzerne haben soeben eine Studie mit der gleichen Fragestellung veröffentlicht. [3] Darin betonen die Konzerne, dass der Energieverbrauch in Ländern mit Energiearmut deutlich steigen muss, während die Emissionen weltweit schnell fallen. Diese doppelte Zielsetzung halten sie aber für „technisch und wirtschaftlich“ machbar. [3] Pro Jahr seien zusätzliche Investitionen von 300 bis 600 Milliarden Dollar erforderlich. Vor dem Hintergrund von jährlichen Investitionen in Höhe von 20‘000 Milliarden (20 Billionen) würden die zusätzlichen Investitionen aber „keine grössere, volkswirtschaftliche Herausforderung“ darstellen. [3] Ausserdem fordern die Konzerne eine CO2-Steuer von 50 Dollar pro Tonne in den 20’er Jahren und von 100 Dollar in den 30’er Jahren dieses Jahrhunderts. Die Steuer soll die Energieeffizienz steigern und „verhindern, dass fallende Preise für fossile Kraftstoffe die Geschwindigkeit der Energiewende beeinträchtigen“. [3]

Heiss. An manchen Orten macht's die Natur dem Menschen einfach wie hier in einem neuseeländischen Geothermie-Kraftwerk. (Foto: Alan Ofsoski / Flickr)

Heiss. An manchen Orten macht’s die Natur dem Menschen einfach wie hier in einem neuseeländischen Geothermie-Kraftwerk. (Foto: Alan Ofsoski / Flickr)

Für die Einhaltung des ‚CO2-Gesetzes‘ sind Solarzellen eine Schlüsseltechnologie. In einer neuen Studie in Science erörtern Nancy Haegel, Eicke Weber und andere, wie schnell sich die Kapazität der weltweit installierten Photovoltaikanlagen steigern lässt. [4] Vorletztes Jahr waren 227 Gigawatt am Netz. Die Solarindustrie geht davon aus, dass im Jahr 2030 Solaranlagen mit einer Nennleistung von 3‘000 Gigawatt am Netz sind. Die Studie zeigt aber, dass auch 10‘000 Gigawatt möglich sind. Damit liesse sich so viel Strom produzieren wie mit 2500 Atomkraftwerken und fast die Hälfte des globalen Strombedarfs decken. [5] Erforderlich dafür ist eine jährliche Wachstumsrate der Neuinstallationen von 29 Prozent. [4] Das entspricht der Wachstumsrate in den Jahren 2000 bis 2015. „Der Hauptmotor für den Solarzubau ist mittlerweile die Wirtschaftlichkeit“ sagt Weber. „Mit jeder Verdoppelung der jemals installierten Kapazität sinken die Kosten um 20 Prozent.“ Die Kosten für Solarzellen folgen damit einer ähnlichen Logik wie die Transistoren in ‚Moores Gesetz‘.

Gesetzmässig. Die Kosten für Photovoltaikmodule fallen um 20 Prozent mit jeder Verdoppelung der jemals installierten Leistung. Achtung: Die X-Achse hat eine logarithmische Skala. (Grafik: Nancy Haegel et al.)

Gesetzmässig. Die Kosten für Photovoltaikmodule fallen um 20 Prozent mit jeder Verdoppelung der jemals installierten Leistung. Achtung: Die X-Achse hat eine logarithmische Skala. (Grafik: Nancy Haegel et al.)

Dass die Rettung des Klimas „technisch und wirtschaftlich machbar“ ist, bedeutet allerdings nicht, dass sie auch politisch durchsetzbar ist. Die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten hat zudem gezeigt, dass es immer wieder Rückschläge geben wird. Zum Glück ist es aber gar nicht erforderlich, dass sich alle Länder ab sofort am ‚CO2-Gesetz‘ orientieren. Das zeigt eine neue Studie der Forscher hinter dem ‚Climate Action Tracker‘ mit dem Titel: „Es braucht nur wenige Akteure, um den Ball ins Rollen zu bringen“. [6] Als Beispiel dient ihnen der Erfolg der Erneuerbaren: „Unterstützungsmechanismen in wenigen Vorreiterländern (Dänemark, Deutschland und Spanien) und Bundesstaaten (Kalifornien und Texas) haben Forschung und Entwicklung sowie die Nachfrage angetrieben.“ [6] Bei Elekrofahrzeugen sehen sie nun eine ähnliche Koalition am Werk: „Norwegen, die Niederlande, Kalifornien und zuletzt China haben Märkte für Elektroautos geschaffen und dazu beigetragen, dass im Jahr 2016 knapp einen Million Elektroautos verkauft wurden.“ [6] Die Forscher kommen daher zum Schluss: „Einzelne Länder, die parallel handeln, haben Dynamiken ausgelöst, die globale Märkte verändern.“ [6]

Nicht Sisyphus. Der rapide Preisverfall von Solar- und Windkraft wurde von nur drei Ländern und zwei US-Bundesstaaten angeschoben. (Grafik: Climate Action Tracker)

Nicht Sisyphus. Der rapide Preisverfall von Solar- und Windkraft wurde von nur drei Ländern und zwei US-Bundesstaaten angeschoben. (Grafik: Climate Action Tracker)

Die Rettung des Klimas ist also technisch, wirtschaftlich und selbst politisch machbar. Dazu müssen aber alle Akteure in Politik und Wirtschaft wissen, welche Schlagzahl von ihnen erwartet wird. Sie brauchen einen Taktgeber – das ‚CO2-Gesetz‘ das da lautet: Halbieren, halbieren, halbieren, kompensieren, Null. mic

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Dann abonnieren Sie doch weltinnenpolitik.net per RSS oder Email
oder folgen sie der Facebook Seite

[1] Johan Rockström et al., 24.03.2017: A roadmap for rapid decarbonization

[2] Vox, 24.03.2017: Scientists made a detailed “roadmap” for meeting the Paris climate goals. It’s eye-opening.

[3] Energy Transitions Commission, April 2017: Better Energy, Greater Prosperity (PDF)

[4] Nancy Haegel et al., 14.04.2017: Terawatt-scale photovoltaics: Trajectories and challenges (PDF)

[5] World Energy Council, 2016: World Energy Perspectives 2016 (PDF)

[6] Markus Hagemann et al., April 2017: Kick-starting global decarbonisation: It only takes a few actors to get the ball rolling (PDF)

Kein Klimawandel mit der AfD

AfD Wahlprogramm fordert Stopp beim Klimaschutz und Ausstieg aus Paris Abkommen

Die AfD hat am Wochenende ihr Programm für die Bundestagswahl verabschiedet. Darin leugnet sie den menschengemachten Klimawandel und verlangt einen Stopp des Klimaschutzes. Ausserdem will sie die Atomkraftwerke länger laufen lassen.

In der Klimapolitik lässt das Grundsatzprogramm der AfD keinen Raum für Missverständnisse: „Das Klima wandelt sich, solange die Erde existiert. Die Klimaschutzpolitik beruht auf untauglichen Computer‐Modellen des IPCC („Weltklimarat“). Kohlendioxid (CO2) ist kein Schadstoff, sondern ein unverzichtbarer Bestandteil allen Lebens.“ [1] Aus Sicht der AfD sind höhere CO2-Konzentrationen sogar wünschenswert: „Je mehr es davon in der Atmosphäre gibt, umso kräftiger fällt das Pflanzenwachstum aus.“ [1] Konsequenterweise stellt das Programm dann fest: „Die AfD macht Schluss mit der ‚Klimaschutzpolitik‘“. [1]

Alternative fürs Klima. Die Illuminaten hatten sich der Aufklärung verschrieben und kämpften gegen Aberglauben und Obskurantismus. Daher nahmen sie auch die Eule der Minerva als ihr Symbol. Wer heute wie die AfD an Geheimbünde glaubt, hat mit der Göttin der Weisheit meist wenig am Hut. (Bild: Wikipedia)

Alternative fürs Klima. Die Illuminaten hatten sich der Aufklärung verschrieben und kämpften gegen Aberglauben und Obskurantismus. Daher nahmen sie auch die Eule der Minerva als ihr Symbol. Wer heute wie die AfD an Geheimbünde glaubt, hat mit der Göttin der Weisheit meist wenig am Hut. (Bild: Wikipedia)

Diese Forderung gilt nicht nur für die nationale sondern auch für die internationale Ebene, wie das am Wochenende in Köln verabschiedete Programm für die Bundestagswahl zeigt: „Das Pariser Klimaabkommen ist zu kündigen. Deutschland soll aus allen staatlichen und privaten ‚Klimaschutz‘-Organisationen austreten und ihnen jede Unterstützung entziehen.“ [2] Dass Deutschland damit zum Pariah der Weltgemeinschaft würde, erwähnt die Partei aber nicht. Das Paris Abkommen wurde von nahezu allen Ländern der Welt unterschrieben und mittlerweile von 143 Ländern ratifiziert. Diese machen 83 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen aus. [3]

Zur Stromerzeugung setzt die AfD auf Kohle und Atom und verlangt: „Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) ist ersatzlos zu streichen.“ [2] Dafür fordert sie den Ausstieg aus dem Atomausstieg: „Die bestehenden Kernkraftwerke wollen wir nicht vor Ende ihrer Nutzungsdauer außer Betrieb nehmen.“ [2] Ein besonderes Anliegen ist der Partei, wertvollen Atommüll für die Nachwelt zu sichern: „Verwertbare Kernkraftwerk-Reststoffe müssen für das Recycling rückholbar gelagert werden.“ [2] Ausserdem soll in die weitere Erforschung der Kernenergie investiert werden: „Zur Erhaltung der kerntechnischen Kompetenz wird eine umfangreiche Beteiligung an internationalen Forschungsprojekten gefordert.“ [2]

Wie viele Leugner des Klimawandels hält die AfD den Klimawandel letztlich für eine Verschwörung: „Unter dem Schlagwort ‚Klimaneutrales Deutschland 2050‘ durch ‚Dekarbonisierung‘ missbraucht die deutsche Regierung die steigende CO2‐Konzentration zur ‚Großen Transformation‘ der Gesellschaft, mit der Folge, dass die persönliche und wirtschaftliche Freiheit massiv eingeschränkt wird.“ [1] Warum die Bundesregierung ein Interesse daran haben sollte, die „persönliche und wirtschaftliche Freiheit massiv“ zu beschneiden, erklärt die Partei allerdings nicht. Voraussichtlich liegt es daran, dass sich die Bundesregierung im AfD-Weltbild längst nicht mehr dem Gemeinwohl verpflichtet fühlt: „Heimlicher Souverän in Deutschland ist eine kleine, machtvolle politische Oligarchie.“ [2] Wie es dieser kleinen Gruppe gelungen ist, Tausende von Wissenschaftlern in hunderten von Forschungsinstituten rund um die Welt vom treibhausgasbedingten Klimawandel zu überzeugen, behält die AfD dem Leser ihres Programms aber vor. Derartige Finessen sind der Partei wohl egal. Hauptsache der Klimaschutz wird gestoppt und die Atomkraftwerke laufen weiter. mic

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Dann abonnieren Sie doch weltinnenpolitik.net per RSS oder Email
oder folgen sie der Facebook Seite

[1] AfD, 2016: Programm für Deutschland (Grundsatzprogramm) (PDF)

[2] AfD, April 2017, Programm für die Wahl zum deutschen Bundestag am 24. September 2017 (PDF)

[3] PiK, Stand 25.04.2017: Entry Into Force of the Paris Agreement

Darf’s ein bisschen mehr Nervengift sein?

Trump Regierung will Verordnung zu Quecksilberemissionen von Kohlemeilern überprüfen

Der Kampf der Trump-Regierung gegen den Klimaschutz geht mit Kollateralschäden einher: Schwermetalle im Wasser und Nervengift in Luft und Lebensmitteln bedrohen die Gesundheit der US-Amerikaner.

Aus Sicht von US-Präsident Donald Trump hat sein Vorgänger Barack Obama einen „Krieg gegen die Kohle“ geführt. Um diesen zu beenden, haben Trump und Scott Pruitt, der Chef der US-Umweltagentur EPA, bereits diverse Obama-Ära-Verordnungen ausgesetzt oder deren Überprüfung angeordnet. So dürfen Kohleminen ihren Abraum wieder in Flüsse kippen und Kohlemeiler ihre Asche und die darin enthaltenen Schwermetalle übers Abwasser entsorgen. Sollte dadurch die Nachfrage nach Kohle steigen, dürfen nun auch wieder neue Minen auf öffentlichem Land errichtet werden. Dies ist allerdings unwahrscheinlich, da sich mit Gas und in manchen US-Bundesstaaten mit Wind und Sonne Strom billiger erzeugen lässt als mit Kohle. Aus diesem Grund ist in den USA derzeit auch nur ein einziges Kohlekraftwerk im Bau. [1]

Goldrausch. Neben Kohlekraftwerken ist der Kleinbergbau für die meisten Quecksilberemissionen verantwortlich. Das Flüssigmetall wird dort zur Amalgamierung von Gold genutzt. (Foto: Knut-Erik Helle / Flickr)

Goldrausch. Neben Kohlekraftwerken ist der Kleinbergbau für die meisten Quecksilberemissionen verantwortlich. Das Flüssigmetall wird dort zur Amalgamierung von Gold genutzt. (Foto: Knut-Erik Helle / Flickr)

Damit die CO2-Emissionen aus der Kohleverstromung sinken, müssen aber bestehende Meiler vom Netz gehen. Dazu hat eine Verordnung über Quecksilberemissionen wesentlich beigetragen. Quecksilber ist ein starkes Nervengift, das sich in der Nahrungskette anreichert. Besonders gefährdet sind Babys im Mutterleib und kleine Kinder: Bei ihnen führt Quecksilber zu bleibenden Hirnschäden. Die US-Umweltagentur schätzt, dass durch den Grenzwert für Quecksilberemissionen 11‘000 vorzeitige Todesfälle verhindert werden können. Doch um das Flüssigmetall aus dem Rauch von Kohlemeilern zu entfernen sind teure Filter, sogenannte Rauchgaswäscher, erforderlich. Nachdem die Verordnung in den USA im Jahr 2012 in Kraft trat, standen viele Kraftwerkbetreiber vor der Wahl zwischen einer Nachrüstung oder der Abschaltung ihrer Kraftwerke und viele entschieden sich für letzteres.

Noch ist aber ein Gerichtsverfahren gegen den Quecksilber-Grenzwert anhängig. Dagegen geklagt hatte auch Pruitt in seiner früheren Funktion als Generalstaatsanwalt von Oklahoma. Das oberste US-Gericht kam dann in Jahr 2015 zum Schluss, dass die Obama-Regierung den Kosten der Verordnung für Kraftwerksbetreiber nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt hat. Die Verordnung blieb aber vorläufig in Kraft. Nun muss die EPA vor einem anderen Gericht nachweisen, dass der Nutzen geringerer Quecksilberemissionen die Kosten für Filter rechtfertigt. Bislang schätzt die EPA, dass für jeden Dollar, der in Filter investiert wird, ein Nutzen für die Volksgesundheit von neun Dollar entsteht. Doch Pruitt hat jetzt das zuständige Gericht gebeten, den Fall vorerst ruhen zu lassen, da die EPA die Quecksilberverordnung neu evaluieren wolle. [2]

Damit wird er aber keinen einzigen Kohlemeiler mehr retten können. Ab Samstag (22.4.) müssen auch die letzten sieben Kohlekraftwerke den Grenzwert einhalten. [3] „Nahezu jedes Kraftwerk hält bereits die Vorgaben der Quecksilber-Verordnung ein“, sagt denn auch Graham McCahan, ein Anwalt der Umweltorganisation ‚Environmental Defense Fund‘ und kündigt an: „Wir werden diese Massnahmen zum Schutz der Gesundheit vehement verteidigen.“ [4] James Pew, ein Anwalt der Umweltorganisation Earthjustice, glaubt nicht, dass die US-Regierung die Quecksilberverordnung zurücknehmen kann: „Diese Regel aufzuheben wäre schlicht illegal. Wenn die EPA Kraftwerke deregulieren will, muss sie zeigen, dass deren Emissionen unschädlich sind. Doch diese töten jedes Jahr Tausende von Menschen.“ [5] Möglicherweise geht es aber gar nicht um die Rettung alter Kohlemeiler meint der Anwalt Seth Jaffe: „Dieser Zug ist abgefahren“, sagte er gegenüber Bloomberg. [6] Ziel der Trump-Regierung könne aber sein zu verhindern, dass die Quecksilberverordnung zu einem Präzedenzfall für Kosten-Nutzen-Analysen in der Umweltpolitik wird. Doch auch das dürfte schwierig sein. Schliesslich wurde die Verordnung umgesetzt, ohne dass reihenweise US-Stromkonzerne Konkurs gegangen wären. mic

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Dann abonnieren Sie doch weltinnenpolitik.net per RSS oder Email
oder folgen sie der Facebook Seite

[1] Coalswarm, Stand 20.04.2017: Global Coal Plant Tracker

[2] EPA, 18.04.2017: Respondent EPA’s Motion to Continue Oral Argument (PDF)

[3] UtilityDive, 22.04.2016: EPA grants 7 coal plants MATS compliance extensions

[4] EDF, 18.04.2017: Trump Administration Seeks to Delay Litigation over Vital Mercury and Air Toxics Standards

[5] EarthJustice, 18.04.2017: Trump’s EPA considers reversal of limits on toxic air pollution

[6] Bloomberg, 23.11.2016: Trump Has Options in Utility Emissions Battle

Seebeben in der Containerschifffahrt

Drei neue Reederei-Allianzen dominieren Containerverkehr

Die Containerreedereien der Welt haben einen brutalen Preiskrieg und eine Konsolidierungswelle hinter sich. Die 14 grössten Reedereien haben sich nun zu drei Allianzen zusammengeschlossen mit einem Marktanteil vün über 80 Prozent. Das interessiert auch die Kartellbehörden.

Aus dem Flugverkehr kennt man die Allianzen der grossen Fluggesellschaften wie etwa die ‚Star Alliance‘, der die Lufthansa angehört. Wenn T-Shirts reden könnten, wüsste man, dass es in der Containerschifffahrt ebenfalls derartige Allianzen verschiedener Anbieter, also Reedereien, gibt. Das Ziel ist das Gleiche: die Auslastung verbessern. Für die Reise von Rotterdam in die südkoreanischen Hafenstadt Busan und zurück braucht ein Containerschiff elf Wochen. Um einen wöchentlichen Service anzubieten, müsste eine Reederei folglich elf Schiffe auf dieser Route einsetzen. Das schafft selbst Maersk, die weltgrösste Reederei, nicht. Daher tun sich die Reedereien in Allianzen zusammen, um auf möglichst vielen Routen regelmässige Verbindungen anbieten zu können.

Sister act. Mit Schiffen wie der 'Edith Maersk' (Bild) und der 'Emma Maersk' hat sich Maersk einen Kostenvorteil verschafft, riesige Überkapazitäten geschaffen und einen Preiskrieg ausgelöst. (Foto: Maersk)

Sister act. Mit Schiffen wie der ‚Edith Maersk‘ (Bild) und der ‚Emma Maersk‘ hat sich Maersk einen Kostenvorteil verschafft, riesige Überkapazitäten geschaffen und einen Preiskrieg ausgelöst. (Foto: Maersk)

Die Containerschiffahrt hat in den letzten Jahren eine spektakuläre Konsolidierungswelle erlebt. Angefangen hat alles mit der ‚Emma Maersk‘. Als das Schiff im Jahr 2006 in Dienst gestellt wurde, war es das grösste Containerschiff der Welt mit einer Kapazität von 11‘000 Zwanzig-Fuss-Containern oder TEU (von englisch ‚Twenty Foot Equivalent Units‘). Damit hatte Maersk eine neue Runde im Wettbewerb unter den Reedereien eingeleutet, denn die Emma hatte niedrigere Kosten pro Container als die kleineren Schiffe. Wer mit Maersk mithalten wollte, musste ebenfalls Schiffe dieser Grösse ordern. Doch dann kam die Finanz- und Wirtschaftskrise und der Welthandel brach ein. Gleichzeitig liefen aber immer mehr dieser Containergiganten vom Stapel. Die Frachtraten kollabierten. Im März 2016 konnten man einen Vierzig-Fuss-Container für nur 400 Dollar von Shenzen nach Rotterdem verschiffen. [1]

Dieser ruinöse Wettbewerb verlangte dann im September letzten Jahres seinen Tribut: Die südkoreanische Reederei Hanjin ging Pleite. [2] Ausserdem setzte eine Fusionswelle ein: Die drei grössten japanischen Reedereien beschlossen zu fusionieren. Cosco und China Shipping schlossen sich zusammen. Die französiche Reedeerei CMA CGM übernahm APL aus Singapur. Die Oetker-Familie entschied, sich von ihrer Reederei ‚Hamburg Süd‘ zu trennen und bekam für die Übernahme durch Maersk diese Woche das ‚grüne Licht‘ der EU-Komission. [3] Die zweite deutsche Reederei, Hapag-Lloyd, verleibte sich erst die Containersparte von CSAV aus Chile ein und steht nun kurz vor der Übernahme von UASC aus Dubai. Dieser radikale Umbau der Branche machte schliesslich auch eine Neuordnung der ehemals vier Allianzen erforderlich.

Übrig geblieben sind drei Allianzen: 2M, Ocean und THE (siehe Tabellen), die am 1. April ihre Dienste aufgenommen haben. Die Allianzen verfügen über knapp 3000 Schiffe und kontrollieren gemeinsam 84 Prozent der globalen Containerkapazität. Auf der wichtigen Europa – Ostasien Strecke haben sie gar einen Marktanteil von 98 Prozent. [4] Wie sich diese Konzentration auf die Frachtraten auswirken wird, ist noch unklar. Der Branchendienst Drewry meldete diese Woche, dass die Kosten für die Strecke Rotterdam – Schanghai um 45 Prozent gestiegen sind. Nun kostet ein Vierzig-Fuss-Container auf dieser Strecke 1676 Dollar. [5] Drewry sieht für den Preisanstieg drei Gründe: Eine erstaunlich hohe Nachfrage, einen „Kapazitäteinbruch“ in Folge des chinesischen Neujahrsfests, „der nun Europa erreicht hat“ [6] und „eine schlecht gemanagte Integration der neuen Allianznetzwerke“ [5] Der Branchendienst Alphaliner hat derweil ausgerechnet, dass die wöchentliche Kapazität auf der Europa – Ostasien Strecke mit den neuen Allianzen um knapp zehn Prozent gestiegen ist. [6] Das ist eine gute Voraussetzung für einen Preiskampf.

Die 2m Allianz

ReedereiRang*HerkunftSchiffeKap. in TEUKap. in %
Total13137,3437,6%
Maersk1Dänemark6313,29 Mio.16,9%
Mediterranean SC2Schweiz5002,99 Mio.15,3%
Hamburg Süd**9Deutschland1080,57 Mio.2.90%
Hyundai MM***13Südkorea740,49 Mio.2,5%
* Rang auf der Liste der grössten Reedereien, ** Übernahme durch Maersk genehmigt, *** nur ‚assoziiertes Mitglied‘ der 2M Allianz (Quelle: [10])

Die Ocean Allianz

ReedereiRang*HerkunftSchiffeKap. in TEUKap. in %
Total10495,5228,3%
CMA CGM3Frankreich4462,21 Mio.11,3%
Cosco4China3121,71 Mio.8,8%
Evergreen6Taiwan1911,00 Mio.5,2%
Orient Overseas CL7Hong Kong1000,60 Mio.3,1%
* Rang auf der Liste der grössten Reedereien (Quelle: [10])

Die THE Allianz

ReedereiRang*HerkunftSchiffeKap. in TEUKap. in %
Total5733,5318,1%
Hapag-Lloyd5Deutschland1721,01 Mio.5,2%
Yang Ming8Taiwan1000,57 Mio.2,9%
Nippon Yusen K**10Japan1050,56 Mio.2,9%
Mitsui OL**11Japan800,51 Mio.2,6%
UASC12Emirat Dubai520,50 Mio.2,6%
K Line**14Japan640.38 Mio.1,9%
* Rang auf der Liste der grössten Reedereien, ** Diese drei Reedereien planen eine Fusion. (Quelle: [10])

 

Die massive Konzentration in der Containerschiffahrt ist auch den US-Wettbewerbsbehörden aufgefallen: Ende März hat das FBI ein Treffen des ‚Box Clubs‘ gestürmt. Bei diesem Club geht es nicht um den Boxsport sondern um Kisten (Container). Mitglied sind die Chefs, und nur die Chefs, der grössten Containerreedereien der Welt. Der Club gibt auch nicht bekannt wo und wann er sich trifft. [7] Die US-Behörden vermuten, dass das letzte Treffen dieser illustren Runde der Absprache von Frachtraten gedient haben könnte. Die Branche ist nicht zum ersten Mal das Ziel von Wettbewerbsbehörden. Letztes Jahr musste sie sich vor der EU-Kommission für ihre Preisgestaltung rechtfertigen. [8] Die Allianzen sind denn auch genehmigungspflichtig. In Anbetracht der ‚schweren See‘, die die Containerschifffahrt gerade hinter sich hat, wurden die Allianzen aber alle genehmigt. mic

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Dann abonnieren Sie doch weltinnenpolitik.net per RSS oder Email
oder folgen sie der Facebook Seite

[1] Flexport, März 2016: Leaky Ships: Ocean Carriers in the Age of Profitless Shipping

[2] Weltinnenpolitik, 13.09.2016: Hanjin Pleite gebiert Geisterflotte

[3] EU, 10.04.2017: Commission approves acquisition of Hamburg Süd by Maersk Line, subject to conditions

[4] Flexport, März 2017: A Guide to Ocean Alliances

[5] The Loadstar, 10.04.2017: Eastbound box shipping capacity crunch could last for months, says Drewry

[6] Drewry, 09.03.2017: Spot freight rates soar from North Europe to Asia

[7] The Loadstar, 15.03.2017: Asia-Europe rate war could return with launch of new alliances

[8] Handy Shipping Guide, 23.03.2017: Big Container Shipping Lines Questioned by Antitrust Investigators Over Yet Another Freight Cartel

[9] EU, 07.07.2016: Commission accepts commitments by container liner shipping companies on price transparency

[10] Alphaliner, Stand 11.04.2017: Top 100

Kohle in Europa vor dem Aus

EU-Stromkonzerne geben überraschend Einstieg in den Kohleausstieg bekannt

Ab 2020 wollen die EU-Stromkonzerne nicht mehr in den Neubau von Kohlekraftwerken investieren. Damit ist das Ende der Kohleverstromung absehbar. Nur Polen und Griechenland sträuben sich.

Das CO2-Budget der Menschheit ist geht zu Ende. Um die Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, ist es mit den aktuellen Emissionen Ende Mai 2021 aufgebraucht. Für zwei Grad hat die Welt noch etwas länger Zeit: bis Ende Mai 2036. Dies scheinen nun auch Europas Stromkonzerne verstanden zu haben. Am Mittwoch haben sie überraschend den Einstieg in den Kohleausstieg bekannt gegeben. Eurelectric, der Verband der europäischen Stromerzeuger, hat beschlossen, „ab 2020 nicht mehr in den Neubau von Kohlekraftwerken zu investieren“. [1] De facto bedeutet dies, dass nach 2020 kein neues Kohlekraftwerk mehr ans Netz geht – mit zwei Ausnahmen: Die Eurelectric Mitglieder aus Polen und Griechenland haben sich diese Selbstverpflichtung nicht zu eigen gemacht. Eurelectric vertritt 3500 Stromkonzerne aus ganz Europa.

Countdown. Wissen Sie schon, was Sie im Mai 2021 machen werden? Das könnte der Moment sein, wo die Menschheit das verbleibende CO2-Budget aufgebraucht hat, um die Klimaerwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. (Grafik: Carbon Brief)

Countdown. Wissen Sie schon, was Sie im Mai 2021 machen werden? Das könnte der Moment sein, wo die Menschheit das verbleibende CO2-Budget aufgebraucht hat, um die Klimaerwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. (Grafik: Carbon Brief)

In der EU (ohne Polen und Griechenland) sind gemäss der Umweltorganisation ‚Coalswarm‘ derzeit sechs Kohlekraftwerke im Bau: eins in Deutschland (das Kraftwerk Datteln 4 des Stromkonzerns Uniper), vier in Tschechien und eins in Bulgarien. Drei weitere sind in Planung: eins in Schottland und zwei in Deutschland. [2] Bei letzteren handelt es sich um das geplante Braunkohlekraftwerk des Stromkonzerns RWE in Niederaussem (BoAplus genannt) und um ein Kraftwerk des Chemiekonzerns Dow in Stade. Das Kraftwerk in Schottland wird vom US-Energiekonzern Summit Power entwickelt und soll zur Demonstration der umstrittenen CCS-Technologie dienen (von englisch ‚Carbon Capture and Storage‘). Dabei wird das CO2 abgeschieden und anschliessend unter der Erde etwa in ehemaligen Erdgasfeldern verpresst.

Milliardengrab. Derzeit ist in den USA ein einziger Kohlemeiler im Bau. Dieser soll CCS nutzen. Das Projekt ist jedoch drei Jahre im Verzug und 4,7 Milliarden Dollar über dem Budget. Im Februar hat der Betreiber mitgeteilt, das Projekt sei nur als Gaskraftwerk machbar, da der Gaspreis so tief sei. [8] (Foto: XTUV0010 / Wikipedia)

Milliardengrab. Derzeit ist in den USA ein einziger Kohlemeiler im Bau. Dieser soll CCS nutzen. Das Projekt ist jedoch drei Jahre im Verzug und 4,7 Milliarden Dollar über dem Budget. Im Februar hat der Betreiber mitgeteilt, das Projekt sei nur als Gaskraftwerk machbar, da der Gaspreis so tief sei. [8] (Foto: XTUV0010 / Wikipedia)

Da diese drei Kraftwerke kaum vor dem Jahr 2020 am Netz sein dürften, sind sie direkt von der Eurelectric Ankündigung betroffen. Weltinnenpolitik hat die drei betroffenen Firmen gefragt, ob sich wegen der Eurelectric Ankündigung ihre Planung ändert. RWE und Dow haben diese Frage bislang nicht beantwortet. Summit Power hat mitgeteilt, dass in ihrem Kraftwerk die Kohle erst in Gas umgewandelt wird und dann das Gas verbrannt wird. „Die Ankündigung ist daher nicht relevant für unser Projekt“, sagte ein Sprecher.

Nicht betroffen von der Eurelectric Ankündigung sind derweil zehn Kraftwerke in Polen (davon fünf im Bau) und zwei in Griechenland (eins im Bau). Nicht betroffen sind auch viele Kraftwerke auf dem Balkan. Montenegro will eins, Serbien acht und Bosnien sogar elf Kohlekraftwerke errichten. Von letzteren sind vier bereits im Bau. In der Ukraine sind derweil vier Kraftwerke in Planung. Geradezu absurd wird es dann in der Türkei: Dort verzeichnet Coalswarm 73 Kraftwerke in der Planungs- oder Bauphase (siehe Karte).

Erdogans Kohlewahn. Eigentlich scheint in der Türkei ja auch die Sonne. Sollten alle diese Kohlemeiler aber gebaut werden, dürfte man die Sonne kaum noch sehen. (Karte: Global Coal Plant Tracker)

Erdogans Kohlewahn. Eigentlich scheint in der Türkei ja auch die Sonne. Sollten alle diese Kohlemeiler aber gebaut werden, dürfte man die Sonne kaum noch sehen. (Karte: Global Coal Plant Tracker)

Damit stehen diese Länder im Gegensatz zu einem globalen Trend: Letztes Jahr wurde weltweit mit dem Bau von Kohlekraftwerken mit einer Kapazität von 65 Gigawatt begonnen. Das sind zwei Drittel weniger als noch im Jahr 2015. Gleichzeitig gingen Kraftwerke mit einer Kapazität von 64 Gigawatt vom Netz wie eine Studie von Coalswarm zeigt. [3] Indien geht mittlerweile davon aus, keine zusätzlichen Kraftwerke mehr zu benötigen. In China wird die Arbeit an halbfertigen Meilern gestoppt und in den USA kann auch US-Präsident Donald Trump den Niedergang der Kohle nicht stoppen: Die Nachrichtenagentur Reuters hat 32 Stromkonzerne gefragt, ob sich durch Trumps kohlefreundliche Politik etwas an ihren Investitionsplänen geändert hat. Diese Frage hat nur ein einziger Konzern bejaht: Man prüfe, ob man einige alte Meiler länger laufen lässt. [4] Von Neubau war nicht die Rede. Derzeit ist in den USA ein einziges neues Kraftwerk im Bau und zwei weitere sind in Planung. [2] Dafür stehen viele Kraftwerke vor der Abschaltung: Knapp die Hälfte aller US-Kraftwerke wurde vor dem Jahr 1970 errichtet und einige stammen sogar aus den 40’er Jahren. [5]

Mit dem Verzicht auf den Neubau von Kohlekraftwerken ab 2020 hat Eurelectric den Einstieg in den Kohleausstieg bekannt gegeben. Wann dieser kommen wird, ist aber unklar. Eurelectric gibt allerdings einen Hinweis, wann das letzte Kohlekraftwerk vom Netz gehen wird: „Unsere Mitglieder setzen sich für eine CO2-neutrale Stromversorgung im Jahr 2050 ein.“ [6] Fürs Klima ist das aber leider zu spät. Das Forschungsinstitut Climate Analytics aus Berlin hat ausgerechnet, was das Pariser Klimaabkommen für Kohlestrom in der EU bedeutet: Von den 315 Kraftwerken muss ein Viertel bis 2020, weitere zwei Viertel bis 2025 und das letzte Viertel bis 2030 vom Netz gehen. [7] Dies gilt auch für die Kraftwerke in Polen und Griechenland. mic

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Dann abonnieren Sie doch weltinnenpolitik.net per RSS oder Email
oder folgen sie der Facebook Seite

[1] Eurelectric, 05.04.2017: European electricity sector gears up for the energy transition (PDF)

[2] Coalswarm, Stand 07.04.2017: Global Coal Plant Tracker

[3] Coalswarm, 21.03.2017: Boom and Bust 2017 – Tracking the global coal plant pipeline (PDF)

[4] Reuters, 05.04.2017: Trump declares end to ‚war on coal,‘ but utilities aren’t listening

[5] Morning Consult, 03.05.2016: Coal Plants Are Shutting Down, With or Without Clean Power Plan

[6] Eurelectric, 05.04.2017: European Electricity Sector gears up for the Energy Transition – Statement (PDF)

[7] Climate Analytics, Februar 2017: A stress test for coal in Europe under the Paris Agreement (PDF)

[8] Desmog, 27.02.2017: Southern Company Says Its Delayed Kemper Power Plant Not Viable as Coal Plant

Dr. Copper und die Weltwirtschaft

Kupferpreis ist in den letzten sechs Monaten um über ein Viertel gestiegen

Die beiden grössten Kupferminen der Welt standen dieses Jahr zeitweise still. Gleichzeitig wächst die Weltwirtschaft relativ solide. Profitiert hat davon der Kupferpreis.

‚Doctor Copper‘ ist die Bezeichnung der Märkte für Kupfer. Dem Metall wird ein Doktortitel in Ökonomie zugesprochen. Weil es in sehr vielen verschiedenen Industrien Anwendung findet, gilt der Kupferpreis als Indikator für die Wachstumsaussichten der Wirtschaft allgemein. Aus Sicht des ‚Doktors‘ geht es der Wirtschaft seit Oktober letzten Jahres hervorragend. Damals lag der Preis für eine Tonne des roten Metalls bei 4730 Dollar. Heute liegt ein Viertel höher bei 5830 Dollar.

Für den Preisanstieg gibt es mehrere Gründe. Die Wirtschaft wächst weltweit tatsächlich relativ solide. In der Eurozone ist die Arbeitslosenrate so tief wir zuletzt vor acht Jahren. In den USA wächst die Wirtschaft mit rund zwei Prozent und in China mit über sechs Prozent. Der US-Ökonom Kenneth Rogoff stellt fest: „Makroökonomen schütteln ungläubig den Kopf: Trotz einer von Populisten getragenen Welle politischen Tumults wird das globale Wachstum die Erwartungen für 2017 übertreffen.“ [1] Rogoff ist allerdings nicht erstaunt: „Tiefe, systemische Finanzkrisen führen zu tiefen und lang anhaltenden Rezessionen.“ [1] Oder anders: Die Weltwirtschaft hat die Finanz- und Wirtschaftskrise der Jahre 2008 und 2009 endlich hinter sich gelassen. Ein Populist war allerdings gut für den Kupferpreis: US-Präsident Donald Trump. Er hat im Wahlkampf ein gigantisches Infrastrukturprogramm versprochen, das den US-Kupferbedarf in die Höhe treiben würde. Nachdem es ihm nicht gelungen ist, die als ‚Obamacare‘ bekannte Krankenversicherung durch ein neues System zu ersetzen, wachsen allerdings die Zweifel, ob der Kongress für sein Infrastrukturprogramm die Mittel bewilligt.

Von klein. Das Zeitalter der Metallverarbeitung begann nicht etwa mit der Bronzezeit sondern mit der 'Kupfersteinzeit'. Deren berühmtestes Mitglied ist Ötzi. Auf dem Bild ist allerdings ein Kupferbergwerk aus dem 16. Jahrhundert zu sehen. (Bild: Hendrick met de Bles / Wikipedia)

Von klein. Das Zeitalter der Metallverarbeitung begann nicht etwa mit der Bronzezeit sondern mit der ‚Kupfersteinzeit‘. Deren berühmtestes Mitglied ist Ötzi. Auf dem Bild ist allerdings ein Kupferbergwerk aus dem 16. Jahrhundert zu sehen. (Bild: Hendrick met de Bles / Wikipedia)

Des ‚Doktors‘ Gemütslage spiegelt aber nicht nur die Kupfernachfrage sondern auch das Kupferangebot wieder. Dieses war in den ersten Monaten dieses Jahres eingeschränkt. Die grösste Kupfermine der Welt, Escondida in Chile, war durch einen Streik für sechs Wochen lahm gelegt. In der Mine des Bergbaukonzerns BHP werden fünf Prozent allen Kupfers weltweit gefördert. Gleichzeitig hatte die zweitgrösste Kupfermine der Welt ihre Produktion eingeschränkt. Die Grasberg Mine des US-Bergbaukonzerns Freeport McMoran liegt im indonesischen Teil von Neuguinea (auch Papua genannt). Dort war nicht ein Arbeitskampf sondern ein Streit zwischen Freeport und der Regierung Indonesiens der Grund für die Produktionsausfälle: Indonesien will, dass Rohstoffe dort nicht nur gefördert sondern auch vor Ort verarbeitet werden. Daher hat Indonesien den Export von unverarbeiteten Rohstoffen seit Anfang diesen Jahres verboten. Richard Adkerson, der Chef von Freeport, sagte dazu im Februar: Das Exportverbot sei „eine Form der Enteignung und wir werden uns aggressiv dagegen wehren.“ [2] Adkerson drohte Indonesien mit der Anrufung eines Schiedsgerichts: „Das höfliche Verhältnis, das wir in der Vergangenheit hatten, wird dann durch taffe Anwälte ersetzt.“ [2] Mittlerweile haben die beiden Kontrahenten sich auf einen achtmonatigen Waffenstillstand geeinigt. [3] In dieser Zeit soll eine langfristige Lösung gefunden werden.

Zu gross. Die Grasberg Mine ist so gross, dass sie selbst aus dem All leicht zu erkennen ist. (Foto: Nasa / Wikipedia)

Zu gross. Die Grasberg Mine ist so gross, dass sie selbst aus dem All leicht zu erkennen ist. (Foto: Nasa / Wikipedia)

Durch die Produktionsausfälle in Chile und Indonesien liegt die diesjährige Kupferproduktion um 109‘000 Tonnen oder ein Prozent tiefer als ursprünglich erwartet. [4] Trotzdem sind die Lagerbestände an Kupfer seit Anfang Jahr um ein Drittel gestiegen. Dieser Widerspruch ist auch Dane Davis, einem Analysten der Barclays Bank aufgefallen: „Man sollte nicht allzu sehr auf fallende Preise setzen wegen des Kupferangebots und man sollte nicht allzu sehr auf steigende Preise setzen, weil die Nachfrage in den nächsten sechs Monaten nicht grossartig aussieht.“ [4] Langfristig seien die Aussichten für ‚Dr. Copper‘ allerdings gut, meint die Baratungsfirma McKinsey. Die besten Vorkommen gehen zur Neige und durch die zunehmende Elektrifizierung steigt der Kupferbedarf. [5] Ob das Rückschlüsse auf die Weltwirtschaft erlaubt, sagt McKinsey aber nicht. mic

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Dann abonnieren Sie doch weltinnenpolitik.net per RSS oder Email
oder folgen sie der Facebook Seite

[1] Project Syndicate, 04.04.2017: Growing Out of Populism?

[2] CNBC, 27.02.2017: Shareholders tell miner Freeport to get tough with Indonesia

[3] Bloomberg, 04.04.2017: Indonesia Allows Exports From Freeport Mine in Stop-Gap Deal

[4] Bloomberg, 31.03.2017: Cracks Appear on Bullish Copper View

[5] McKinsey, 16.02.2017: Beyond the supercycle: How technology is reshaping resources (PDF)

Chiang Mais vierte Jahreszeit

Das Abflemmen von Feldern sorgt jedes Jahr für wochenlangen Smog

Um zu verhindern, dass die Bauern ihre Felder abflemmen und damit Feinstaub produzieren, muss man den Bauern eine Alternative anbieten. Mit den Pflanzenabfällen lässt sich Biokohle produzieren, doch noch fehlt ein Markt für grosse Mengen Biokohle.

Das tropische Klima im Norden Thailands kennt eigentlich nur drei Jahreszeiten: die kalte und die heisse Zeit sowie die Regenzeit. Doch für die Monate März und April hat sich im Volksmund eine vierte Bezeichnung etabliert: die ‚Brandsaison‘. Zu erkennen ist sie an der Luftverschmutzung. Der Himmel ist nicht blau sondern braun-grau und viele Menschen tragen Atemschutzmasken. Grund für den Smog sind nicht etwa Stahlwerke oder Kohlemeiler sondern die Landwirtschaft. Die Bauern flemmen ihre Felder ab, um sie für die nächste Aussaat vorzubereiten. Die Folgen dieser Art der Bewirtschaftung lassen sich dann an den Messwerten für Feinstaub ablesen. Für Staubpartikel, die kleiner sind als 2,5 Mikrometer (PM 2.5), wurden dieses Jahr bereits Konzentrationen gemessen, die den EU-Grenzwert um das sechsfache übersteigen und als „sehr ungesund“ gelten. Denn diese kleinen Staubpartikel gelangen bis tief in die Lunge und können sogar durch die Lungenbläschen in die Blutbahn gelangen.

Feinstaubproduktion. Mangels Alternativen wird das Maisstroh direkt auf den Feldern verbrannt und ganz Nordthailand leidet unter Smog. (Foto: zVg)

Feinstaubproduktion. Mangels Alternativen wird das Maisstroh direkt auf den Feldern verbrannt und ganz Nordthailand leidet unter Smog. (Foto: zVg)

Diese Messwerte zeigen, dass das strikte Abflemmverbot der thailändischen Behörden auch dieses Jahr nicht greift. Dabei wurde eine Belohnung ausgesetzt: Wer illegale Feuer meldet bekommt 5000 Baht (rund 136 Euro / 145 Franken). Dies entspricht dem Mindestlohn für 16 Tage Arbeit. Doch die Feuer lodern weiter. „Die Bauern haben keine andere Wahl“, sagt Michael Shafer von der ‚Warm Heart Foundation‘ im Mae Chaem Distrikt der Provinz Chiang Mai. „Es ist die arme-Leute-Lösung für ein unmögliches Problem: Was tun mit grossen Mengen an Abfall, der viel Arbeit macht, keinen Marktwert hat und das Anpflanzen verunmöglicht? Sie müssen ihn verbrennen.“ Dabei gehen gigantische Mengen an Reis- und Maisstroh in Flammen auf. Shafer schätzt, dass die knapp 50‘000 Einwohner von Mae Chaem 95‘000 Tonnen an Pflanzenabfällen produzieren, die jedes Jahr in Rauch aufgehen. Dabei entstehen knapp 600 Tonnen Feinstaub. Ausserdem werden Ammoniak, Stickstoff, Ozon, Schwefelstoff und anderen Smogbestandteile freigesetzt. Daher ist es wenig verwunderlich, dass das ‚grüne‘ Chiang Mai die höchste Rate an Atemwegserkrankungen von allen Provinzen Thailands aufweist.

Noch mehr Feinstaub. Auch dieser Berg an Pflanzenabfällen würde ohn das Biokohleprojekt einfach angezündet. (Foto: zVg)

Noch mehr Feinstaub. Auch dieser Berg an Pflanzenabfällen würde ohn das Biokohleprojekt einfach angezündet. (Foto: zVg)

Für Chiang Mais Smogproblem gäbe es aber eine Lösung: Biokohle (auch Pflanzenkohle genannt). Diese kann in einem einfachen Kohlemeiler produziert werden, der aus einem Ölfass und einem Deckel mit Rauchabzug besteht. Der Clou: Im Rauchabzug wird der, bei der Verkohlung (Pyrolyse) entstehende, Rauch ein zweites Mal verbrannt. Dabei gehen die Feinstaubpartikel in Flammen auf und das Resultat ist pures CO2. Ein Meiler bestehend aus einem 200-Liter-Fass kann mit rund 40 Kilo Pflanzenresten befüllt werden. Innert einer Stunde werden diese in zehn bis zwölf Kilo Biokohle transformiert. Eine Familie mit drei bis vier Mitgliedern und zehn dieser Meiler kann so 100 Kilo Kohle pro Stunde produzieren – ein Produkt mit einem Marktwert.

Low tech. Aus einem Ölfass und einem Ofenrohr lässt sich ein Meiler für die Produktion von Biokohle bauen. im 'Afterburner' wird dann der Feinstaub zur Strecke gebracht. (Grafik und Foto: siehe [3])

Low tech. Aus einem Ölfass und einem Ofenrohr lässt sich ein Meiler für die Produktion von Biokohle bauen. im ‚Afterburner‘ wird dann der Feinstaub zur Strecke gebracht. (Grafik und Foto: siehe [3])

Besser als die Kohle zu verkaufen und zu verbrennen ist aber, sie als Dünger zu nutzen. Durch die ‚Kohledüngung‘ kann der Boden Wasser und Nährstoffe besser zurückhalten und filtern. Dies haben sich die Indianer im Amazonasgebiet zu Nutze gemacht. Zwischen 500 vor bis 1000 nach Christus haben sie den Boden systematisch mit Kohle angereichert. Diese Erde heisst denn auch ‚terra preta do Indio‘ oder ‚indianische Schwarzerde‘. Die Kohledüngung hat aber einen weiteren Vorteil: Der in der Biokohle enthaltene Kohlenstoff wird für Jahrtausende im Boden gebunden. Durch die Herstellung von Biokohle aus Pflanzenabfällen und die anschliessende Nutzung als Dünger wird der Athmosphäre also CO2 entzogen. Biokohledünger ist eine von nur zwei Technologien, mit denen ‚negative Emissionen‘ im grossen Stil erzielt werden können. [1] Eine Studie im Wissenschaftsjournal Global Change Biology schätzt, dass der Atmosphäre jährlich 2.6 Milliarden Tonnen CO2 durch Biokohledünger entzogen werden könnten. [2] Dies entspricht etwa den CO2 Emissionen Indiens.

Kohlekumpel. Wenn es einen Markt für Biokohle gäbe, würde man Szenen wie diese in ganz Nordthailand sehen. (Foto: zVg)

Kohlekumpel. Wenn es einen Markt für Biokohle gäbe, würde man Szenen wie diese in ganz Nordthailand sehen. (Foto: zVg)

Doch zurück zum Smog in Chiang Mai. Um die Biokohleproduktion anzuschieben, kauft die ‚Warm Heart Fondation‘ den Bauern in Mae Chaem dieses Jahr die Biokohle für 2000 Baht (55 Euro / 58 Franken) pro Tonne ab. Anschliessend mischt sie die Biokohle mit Kompost und produziert so zwei Düngersorten. Dieser Dünger wird dann verkauft. Doch noch ist das Projekt zu klein, um einen messbare Verbesserung der Luftqualität zu erreichen. „Wir müssen unbedingt einen grossen Distributor für den Dünger finden“, sagt Shafer. „Sonst wird das nicht funktionieren. Wir sind schliesslich nur eine kleines NGO.“ mic

 

PS: Auf der Crowdfunding Plattform ‚Crowdrise‘ wirbt die Warm Heart Foundation um Spenden. Mit dem Geld wird der Ankauf von Biokohle finanziert. Bewohner in Nordthailand können sich so vom Smog ‚freikaufen‘.

Wer noch mehr über das Smogproblem in Nordthailand wissen will, für den lohnt sich der folgende Dokumentarfilm:

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Dann abonnieren Sie doch weltinnenpolitik.net per RSS oder Email
oder folgen sie der Facebook Seite

[1] Weltinnenpolitik, 20.11.2015: Das Zwei-Grad-Ziel erfordert negative CO2 Emissionen

[2] Smith, März 2016: Soil carbon sequestration and biochar as negative emission technologies

[3] Pimsiri Tiyayon et al., Januar 2016: Analysis of Biochar from Different Kinds of Feedstock and Varying Pyrolysis Temperature (PDF)

Jetzt kommt der Handelskrieg

Trump unterzeichnet zwei Dekrete zur Handelspolitik

Land für Land und Produkt für Produkt soll untersucht werden, woher das US-Handelsdefizit kommt. Insbesondere Dumping ist dabei im Visier der US-Regierung. Diese Praxis betreiben angeblich auch zwei deutsche Stahlhersteller: Salzgitter und Dillinger Hütte.

„Machen Sie daraus keine China-Geschichte“, bat Peter Navarro die Journalisten. [1] Navarro ist der Autor des Buchs „Tod durch China“ und der Chef des ‚Nationalen Handelsrats‘ von US-Präsident Donald Trump. Er informierte die Presse über zwei Dekrete zu Handelsfragen, die Trump am Freitag unterzeichnet hat. Grund für die Vermutung, die Dekrete richteten sich gegen China, hatte Trump zuvor über Twitter geliefert. Dort kündigte er den Besuch von Chinas Präsidenten Xi Jinping an: „Das Treffen nächste Woche mit China wird ein sehr schwieriges, weil wir nicht länger riesige Handelsdefizite und Arbbeitsplatzverluste haben können. Amerikanische Firmen müssen vorbereitet sein, andere Alternativen zu prüfen.“ Navarro stellte allerdings klar: „Wir sind nicht hier für Tweets.“ [1]

Mit dem ersten Dekret will Trump untersuchen lassen, woher das Handelsdefizit kommt. In den nächsten 90 Tagen soll ein Bericht erstellt werden, der Land für Land und Produkt für Produkt zeigt, warum die USA mehr Waren importieren als exportieren. Der US-Handelsminister Wilbur Ross sagte dazu: Der Bericht „wird zeigen, dass die Regierung nicht beabsichtigt aus der Hüfte zu schiessen sondern einen massvollen und analytischen Ansatz verfolgt.“ [2] Mit dem zweiten Dekret will Trump prüfen lassen, wie die USA mehr Anti-Dumping Zölle eintreiben können. Navarro schätzt, dass den USA durch eine zu lasche Umsetzung solcher Zölle Milliarden entgehen. Dabei hat Navarro nicht nur China im Blick, obwohl „ein Drittel aller Dumping Fälle“ China beträfen. „Dies ist eine Geschichte von über 40 Ländern, die ihre Produkte subventionieren und in unser Land schicken.“ [2]

Hier wird gedumpt. Die US-Regierung findet, dass die Dillinger Hütte ihre Produkte zu billig verkauft. Mit einem Strafzoll von 5.38 Prozent kommt die Dillinger Hütte aber noch ganz gut davon. Bei Salzgitter ist das Dumping viel schlimmer. Für deren Produkte soll der Strafzoll 21.03 Prozent betragen. (Foto: Dillinger)

Hier wird gedumpt. Die US-Regierung findet, dass die Dillinger Hütte ihre Produkte zu billig verkauft. Mit einem Strafzoll von 5.38 Prozent kommt die Dillinger Hütte aber noch ganz gut davon. Bei Salzgitter ist das Dumping viel schlimmer. Für deren Produkte soll der Strafzoll 21.03 Prozent betragen. (Foto: Dillinger)

Eines dieser Länder könnte auch Deutschland sein. Das US-Handelsminsterium hat Dumping in der Stahlindustrie untersucht und wirft auch zwei deutschen Unternehmen Dumping vor: der Salzgitter AG und der Dillinger Hütte. Stahlhersteller aus Belgien, Frankreich, Italien, Japan, Österreich, Südkorea und Taiwan stehen ebenfalls auf der Liste und werden nun mit Strafzöllen belegt. Am härtesten tifft es Industeel aus Frankreich. Das Unternehmen muss nun für bestimmte Stahlbleche einen Strafzoll von 142 Prozent bezahlen. Salzgitter sagte gegenüber Reuters, die Entscheidung der US-Regierung, Zölle zu erheben und deren Höhe, sei unbegreiflich.  [3] Die Massnahme ist aber noch nicht definitiv: Am 15. Mai entscheidet die ‚Internationale Handelskommission‘ der US-Regierung über den Fall.

Parallel dazu macht Trumps Wunsch Fortschritte, das Handelsabkommen Nafta zwischen den USA, Mexiko und Kanada neu zu verhandeln. 90 Tage vor Beginn dieser Verhandlungen muss Trump das US-Parlament darüber informieren. Nun zirkuliert ein erster Entwurf dieses Schreibens. Während Trump im Wahlkampf Nafta als „schlechtestes Handelsabkommen in der Geschichte“ bezeichnet hatte, ist der Ton nun gemässigter. So enthält der Brief nicht die Drohung, dass die USA Nafta aufkündigen. Das Ziel ist aber das alte: „Das anhaltende Handelsdefizit mit Kanada und Mexiko verlangt, dass diese Regierung schnell Massnahmen ergreift, das Verhältnis zu korrigieren.“ Mark Warner von der kanadischen Anwaltskanzlei ‚Maaw Law‘ sagte gegenüber der New York Times zu dem Brief: „Er zerreisst Nafta nicht, aber in diesen Seiten sind einige Dynamitstangen enthalten.“ Warner erwartet daher: „Es wird eine hässliche, mühselige Verhandlung.“ mic

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Dann abonnieren Sie doch weltinnenpolitik.net per RSS oder Email
oder folgen sie der Facebook Seite

[1] Business Insider, 30.03.2017: Trump is set to sign 2 executive orders on trade Friday

[2] ABC News, 30.03.2017: President Trump expected to sign executive orders on trade Friday

[3] Reuters, 30.03.2017: U.S. imposes duties after finding seven producers dumped steel plate

[4] New York Times, 30.03.2017: After Calling Nafta ‘Worst Trade Deal,’ Trump Appears to Soften Stance

Leitartikel: Jetzt kann nur noch Europa das Klima retten

USA lassen Welt beim Kampf gegen Klimawandel im Stich

Bis zum Ende der ersten Amtszeit von US-Präsident Donald Trump muss die Wende im Kampf gegen den Klimawandel geschafft sein. Ab dann müssen die Emissionen sinken und nicht nur stagnieren, wenn die Klimaerwärmung auf „deutlich“ unter zwei Grad begrenzt werden soll. Gelingt dies nicht, werden Kipppunkte im Klimasystem erreicht wie das Auftauen der Permafrostböden in Sibirien und der Klimawandel verstärkt sich selbst. Trumps Amtszeit markiert somit eine kritische Phase für den Fortbestand unserer Zivilisation, wie wir sie kennen.

An der Verteidigung unserer Welt werden sich die USA aber nicht beteiligen. Das hat Trump mit seinen Klimadekreten am Dienstag unmissverständlich klar gemacht. Die Förderung von Kohle, Öl und Gas in den USA hat für ihn oberste Priorität. Sollten die US-Emissionen dennoch sinken, dann ist dies anderen Akteuren als der US-Regierung zu verdanken. Diese Akteure gibt es: Bundestaaten wie Kalifornien, die fünf grössten Städte der USA und viele US-Konzerne haben sich dazu verpflichtet ihre Treibhausgasemissionen deutlich zu senken. Hinzu kommt die ‚unsichtbare Hand des Markts‘: Kohle ist teurer als Gas und oft auch teurer als der Wind oder die Sonne bei der Stromerzeugung. Der ehemalige US-Vizepräsident und Klimaaktivist Al Gore zeigt sich daher optimistisch: „Die Wirtschaft allein wird beinahe garantieren, dass wir unsere Emissionsziele erreichen.“

Kritischer ist das Fehlen der US-Regierung in der internationalen Klimapolitik. Das Paris Abkommen ist zu einem grossen Teil der engen Zusammenarbeit zwischen den USA und China zu verdanken. Selbst wenn die USA aus dem Abkommen nicht aussteigen, fällt dieser Treibriemen weg. China hat signalisiert, dass es bereit ist, eine grössere Rolle zu spielen. Chinas Regierung hat nur schon wegen der Luftqualität in den Megastädten und zwecks Förderung von Chinas Ökoindustrien ein Interesse an ehrgeizigem Klimaschutz. Ähnlich ist es in Indien. Delhi scheint begriffen zu haben, dass saubere Luft und Energieunabhängigkeit am einfachsten und mittlerweile auch am billigsten mit Wind- und Solarenergie zu erreichen sind. Doch beiden Ländern mangelt es an ‚soft power‘. Sie haben nicht die nötige Ausstrahlung, um für andere Länder als Beispiel zu dienen, um zu begeistern.

Diese Lücke kann nur Europa füllen. Der ‚alte Kontinent‘ hat nicht nur die nötige Grösse sondern ist auch frei und reich. Ob die Europäer wollen oder nicht: sie müssen jetzt das Klima retten. In einem ersten Schritt müssen sie nach innen und aussen signalisieren, dass sie dazu bereit sind. In der Pflicht ist hier insbesondere Angela Merkel. Günstigerweise hat Deutschland dieses Jahr den G20-Vorsitz. Die G20-Gipfel haben in der Vergangenheit dem damaligen US-Präsidenten Barack Obama und Chinas Präsident Xi Jinping als Bühne gedient, um wichtige klimapolitische Entscheidungen bekannt zu geben. Der nächste Gipfel findet in der ersten Juliwoche in Hamburg statt. Noch ist also genug Zeit, um diesen vorzubereiten. Doch was können Merkel und Xi dort ankündigen, das den nötigen ‚Wow-Effekt‘ hat? Wie können China und Deutschland der Welt demonstrieren, dass sie beim Klimaschutz nicht nachlassen sondern im Gegenteil – nachdoppeln? Ein paar diplomatische Floskeln reichen dazu nicht aus.

Zum Glück gibt es aber ein weltweit verständliches Signal, eine Zahl, einen Preis. Merkel sollte in Hamburg ankündigen, dass sie nach der Bundestagswahl einen nationalen Mindestpreis für CO2 einführen will. Xi könnte zeitgleich die Eröffnung des bereits geplanten CO2-Handelssystems oder besser, eine chinesischen CO2-Steuer ankündigen. Damit würden Merkel und Xi nahtlos den Stab von Obama und Xi übernehmen. In den Augen der Welt wäre klar, dass Europa und China beim Kampf gegen den Klimawandel Schulter an Schulter stehen. Für Angela Merkel ist das vielleicht ein bisschen viel Symbolik, aber die Welt braucht dieses Signal. mic

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Dann abonnieren Sie doch weltinnenpolitik.net per RSS oder Email
oder folgen sie der Facebook Seite

Trump stoppt US-Klimaschutz

Exekutivanweisung setzt diverse Klimaschutzverordnungen ausser Kraft

Trump löst sein Wahlkampfversprechen an die Kohleindustrie ein. Obamas ‚Clean Power Plan‘ zur Reduktion von CO2 Emissionen soll überprüft und „falls angemesen“ abgeschafft werden.

Nach dem Debakel mit der Gesundheitsreform folgt die Woche der Kohlekumpel. Heute Dienstag unterzeichnet US-Präsident Donald Trump eine Exekutivanweisung zugunsten der US-Kohle-, Öl- und Gasindustrie. „Damit wollen wir sicherstellen, dass wir einen Pro-Wachstum und einen Pro-Umwelt Ansatz verfolgen bei der Regulierung der Wirtschaft.“, sagte US-Umweltminister Scott Pruitt. [1] Dazu werden mehrere Klimaschutzmassnahmen der Regierung von Barack Obama aufgehoben oder gelockert. So wird etwa das Moratorium für die Eröffnung neuer Kohlegruben auf Land der US-Regierung zurückgenommen. Fracking wird erleichtert, indem die Vorschriften zur Reduktion der Methanemissionen aufgehoben werden. Ausserdem müssen die Fracker nicht länger offen legen, welche Chemikalien sie verpressen. Das chemikalienhaltige Wasser muss nun auch nicht länger in sicheren Tanks gelagert werden. Diese Massnahmen gelten sofort, da sie ursprünglich ebenfalls mit Hilfe von Exekutivanweisungen eingeführt wurden.

Make America Great Again. Früher war nicht nur Kohle wichtiger sondern es gab auch noch Kinderarbeit. (Foto: Wikimedia)

Make America Great Again. Früher war nicht nur Kohle wichtiger sondern es gab auch noch Kinderarbeit. (Foto: Wikimedia)

Komplizierter ist es beim ‚Clean Power Plan‘. Dabei handelt es sich um eine Richtlinie der US-Umweltschutzbehörde EPA, mit der die CO2 Emissionen bei der Stromerzeugung bis zum Jahr 2030 um 32 Prozent im Vergleich zum Jahr 2005 gesenkt werden sollen. Obama bezeichnte den Plan im Jahr 2015 als „den grössten und wichtigsten Schritt, den wir je unternommen haben, um den Klimawandel zu bekämpfen“. [2] Grundlage des Plans ist die Erkenntnis der EPA, dass der Klimawandel eine Gefahr für die Volksgesundheit darstellt. Daraufhin hat das höchste US-Gericht geurteilt, dass die EPA verpflichtet ist, die Emission von Treibhausgasen zu begrenzen. Daher kann die Trump-Regierung den Plan nicht einfach abschaffen. Der Plan soll aber überprüft und „falls angemessen“ geändert oder zurückgenommen werden. [1] In einem ersten Schritt wird die Trump-Regierung beantragen, dass das Gerichtsverfahren ausgesetzt wird, in dem über die Zulässigkeit des Plans entschieden wird. 27 Bundesstaaten hatten gegen den Plan geklagt und damit erreicht, dass der Plan derzeit ausser Kraft ist. Einer der Kläger war Scott Pruitt in seiner damaligen Funktion als Generalstaatsanwalt von Oklahoma.

Welche Folgen eine Abschaffung oder Änderung des Clean Power Plans haben würde, lässt sich noch nicht genau sagen. In den USA werden derzeit viele Kohlekraftwerke still gelegt, weil sie die verschäften Vorschriften für Quecksilberemissionen nicht einhalten. Der Plan oder dessen Abschaffung ändert auch nichts am Marktumfeld für Kohle: Dank Fracking ist in den USA Gas billiger als Kohle bei der Stromerzeugung und mit der heutigen Exekutivanordnung wird Fracking weiter erleichtert. Einige Bundesstaaten wie Kalifornien haben zudem angekündigt, sich weiter an den Plan zu halten, auch wenn dieser abgeschafft wird. Ausserdem ist in einigen Bundesstaaten Solar- und Windstrom mittlerweile billiger als Kohlestrom. Gemäss der US-Energieagentur EIA könnte eine Abschaffung des Plans aber für eine Stabilisierung des Kohleverbrauchs auf dem aktuellen Niveau führen. [3] Kurzfristig ändert sich aber wenig: Der Plan ist eh nicht in Kraft und falls er ganz abgeschafft wird, werden Umweltorganisationen durch alle Instanzen klagen. Das regulatorische Umfeld für Kohlekraft wird daher auf Jahre hinaus unsicher bleiben und potentielle Investoren abschrecken.

Spot the difference. Mit dem Clean Power Plan sinkt die Kohleverstromung auf unter eine Billion kWh bis 2040. Ohne den Plan bleibt die Kohleverstromung konstant. (Grafik: EIA)

Spot the difference. Mit dem Clean Power Plan sinkt die Kohleverstromung auf unter eine Billion kWh bis 2040. Ohne den Plan bleibt die Kohleverstromung konstant. (Grafik: EIA)

Kritiker der Exekutivanordnung fürchten allerdings einen Ansehensverlust der USA: „Diese Exekutivanordnung unterminiert die US-Wirtschaft“, sagt etwa Andrew Steer vom World Resources Institute. „Die Anordnung überreicht die moralische Autorität und die globale Führung an andere und lässt die USA zurück.“ Die frühere EPA Chefin Gina McCarthy äussert sich ähnlich: „Es ist peinlich für uns und unsere Firmen die Chancen neuer Technologien sowie Wirtschaftswachstum und die US-Führungsrolle aufzugeben.“ [4] Für einen Sprecher der US-Regierung ist dies aber nicht entscheidend: „Präsident Trump hat der Kohleindustrie ein Versprechen gegeben.“ [5] mic

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Dann abonnieren Sie doch weltinnenpolitik.net per RSS oder Email
oder folgen sie der Facebook Seite

[1] Bloomberg, 27.03.2017: Trump to Issue Far-Reaching Reversal of Obama Climate Push

[2] Barack Obama, 02.08.2015: A Memo to America

[3] EIA, 14.02.2017: Projected electricity generation mix is sensitive to policies, natural gas prices

[4] Mother Jones, 27.03.2017: Trump Just Released His Plan to Gut Obama’s Climate Policies. It’s Worse Than You Thought.

[5] ABC News, 27.03.2017: President Trump to order review of Clean Power Plan