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Indigene Völker sind der Joker beim Artenschutz

Landrechte für Indigene sind eine einfache und billige Schutzmaßnahme

Lange waren menschenleere Naturschutzgebiete das Ideal. Dabei haben Gebiete, in denen indigene Völkern leben, oft besonders viele Arten und werden von diesen gut gegen Entwaldung geschützt.

In Marseille ist gestern (Freitag) der alle vier Jahre stattfindende Kongress der Internationalen Union zur Bewahrung der Natur IUCN zu Ende gegangen. Das Hauptaugenmerk lag dabei auf der besseren Integration von Indigenen. Bislang kannte die Union zwei Typen von Mitgliedern: Staaten und zivilgesellschaftliche Organisationen, deren Stimmen jeweils separat ausgezählt werden. Dazu sind in Marseille die Organisationen von indigenen Völkern als dritter Mitgliedschaftstyp gestoßen. Damit sollen deren Leistungen beim Schutz der Artenvielfalt anerkannt und besser genutzt werden. Die neue IUCN-Präsidentin Razan Khalifa Al Mubarak sagte über die Indigenen: „Indigene Völker machen fünf Prozent der Weltbevölkerung aus und schützen über 80 Prozent der biologischen Vielfalt der Erde. Ihre Erfahrungen mit der Frage, wie man im Gleichgewicht mit der Natur leben kann, liefern der Welt unschätzbare Erkenntnisse.“ [1]

Drachen. Gut geschützt und dennoch bedroht. Komodo Warana werden knapp ein Drittel ihres Territoriums wegen des Klimawandels verlieren. (Foto: Paul Hien / IUCN)

In der Vergangenheit war das Verhältnis zwischen der IUCN und den indigenen Völkern angespannt. Der IUCN folgte lange dem „Yellowstone Modell“ und setzte auf möglichst menschenleere Schutzgebiete. Doch nach und nach setzte sich die Erkenntnis durch, dass indigene Völker einen wichtigen Beitrag leisten. So zeigt eine Studie der UN Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO, dass die Entwaldung in Gebieten des Amazonas Regenwalds unter indigener Verwaltung nur halb so hoch war, wie in anderen Teilen des Urwalds. Zudem spart der Staat damit Geld wie der FAO-Bericht zeigt: “Während die Auswirkungen der Gewährleistung von Besitzansprüchen groß sind, sind die Kosten sehr gering”. [2]

Wie wichtig der Artenschutz ist, zeigt die aktualisierte Rote Liste der gefährdeten Arten, der wohl bekanntesten IUCN-Publikation. Von den knapp 140.000 untersuchten Arten sind über eine Viertel mehr oder weniger vom Aussterben bedroht. [3] Es gibt allerdings auch gute Nachrichten: Von den sieben am stärksten befischten Thunfischarten haben sich die Bestände von vier Arten deutlich erholt. „Diese Bewertungen der Roten Liste sind der Beweis dafür, dass nachhaltige Fischereikonzepte funktionieren und langfristig enorme Vorteile für die Lebensgrundlagen und die biologische Vielfalt mit sich bringen“, sagte Bruce Collette, der beim IUCN für Thunfische verantwortlich ist. [3] In anderen Fällen reicht Schutz allein allerdings nicht. Komodo Warane sind auf der gleichnamigen, indonesischen Insel eigentlich gut geschützt. Wegen des Klimawandels werden sie in den nächsten 45 Jahren jedoch mindestens 30 Prozent ihres Lebensraums verlieren. [3]

Der IUCN-Kongress diente auch der Vorbereitung der nächsten Konferenz der UN Biodiversitätskonvention in der chinesischen Großstadt Kunming, die wegen der Coronapandemie auf April nächsten Jahres verschoben wurde. Diese Konferenz soll für den Artenschutz so wichtig werden wie die Pariser Klimakonferenz fürs Klima. Es wird erwartet, dass die Länder beschließen werden, bis zum Jahr 2030 30 Prozent der Erde unter Schutz zu stellen. Schließlich stimmten die Delegierten auch über gut hundert Anträge ab. Dabei zeigt sich die für internationale Organisationen einzigartige Struktur der IUCN, wo nicht das Konsensprinzip gilt sondern abgestimmt wird: So forderte ein Antrag ein Moratorium für den Abbau von Rohstoffen in der Tiefsee. Dieser könnte bereits in zwei Jahren beginnen, wenn die Internationale Meeresbodenbehörde ISA erste Abbaulizenzen erteilt. Für das Moratorium stimmten 81 Länder, 18 Länder stimmten dagegen und 28 enthielten sich. Und auch die Nichtregierungsorganisationen waren mit großer Mehrheit für das Moratorium. Bindend ist diese Abstimmung allerdings nicht. Letztlich entscheidet die ISA. mic

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[1] Mongabay, 30.08.2021: Conservation needs more women, says Razan Khalifa Al Mubarak

[2] Guardian, 25.03.2021: Indigenous peoples by far the best guardians of forests – UN report

[3] IUCN, 04.09.2021: Tuna species recovering despite growing pressures on marine life

[4] IUCN, 07.09.2021: Protection of deep-ocean ecosystems and biodiversity through a moratorium on seabed mining

In Afghanistan ist ein Drittel der Bevölkerung auf Hilfslieferungen angewiesen

Die Dürre dürfte ausgerechnet die Opiumproduktion ankurbeln

Die Lebensverhältnisse der Menschen in Afghanistan haben sich in den letzten 20 Jahren deutlich verbessert. Doch die Struktur der Wirtschaft ist weitgehend gleich geblieben: Das Land produziert Agrarprodukte, Opium und Bodenschätze. Außerdem bekommt es sehr viele ausländische Hilfsgelder.

Die gute Nachricht vorweg: Die UNO und Organisationen wie das Internationale Komitee vom Roten Kreuz können ihre humanitäre Arbeit trotz der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan fortsetzen. Der UN Koordinator für humanitäre Fragen, Ramiz Alakbarov, sagte: “Der humanitäre Arm der Vereinten Nationen arbeitet seit über 18 Jahren mit den Taliban zusammen, und wir haben nie aufgehört, mit den Taliban zu arbeiten. Wir sind dabei, neue Sicherheitsgarantien zu beantragen. Und wir haben diese Garantien erhalten.” [1] Das ist wichtig, denn Afghanistan stünden selbst ohne die Taliban schwierige Monate bevor. Das Land wird derzeit von der zweiten Dürre in vier Jahren heimgesucht.

Das Welternährungsprogramm WFP schätzt, dass 14 der 40 Millionen Afghanen dieses Jahr auf Lebensmittelhilfen angewiesen sind. Genug Geld hat WFP dafür allerdings nicht. Der chronisch unterfinanzierten Organisation fehlen bis Ende 2021 noch 200 Millionen Dollar. [2] Alakbarov schätzt zudem, dass dieses Jahr bereits 600.000 Afghanen ihre Heimatdörfer verlassen haben: „Man hat eine Kombination von Vertreibung durch Krieg und militärische Feindseligkeiten mit Vertreibung durch Dürre und schwierige wirtschaftliche Bedingungen.” [1] Die Dürre ist kein Überraschung: Gemäß dem Climate Security Expert Network (SCEN) nehmen wegen des Klimawandels in Afghanistan sowohl Dürren als auch Starkregenereignisse zu. [3]

Bald. Schon in wenigen Wochen wird Schnee Hilfslieferungen in Afghanistan massiv erschweren. (Foto: WFP)

Profitieren könnte davon ausgerechnet die Opiumproduktion. Schlafmohn, aus dem Opium gewonnen wird, ist eine dürreresistente und sehr genügsame Pflanze. SCEN schreibt in seiner Analyse Afghanistans: „Wenn der Anbau alternativer Kulturen schwieriger wird, wird der Mohnanbau für viele Landwirte in ländlichen Gebieten immer attraktiver.“ [4 s. S. 15] Das wiederum beeinträchtige die Sicherheitslage: „Diese Bedingungen sind ein Nährboden für kriminelle Organisationen und terroristische Gruppen, indem sie Anreize schaffen, die Kontrolle der Regierung in den Drogenanbaugebieten zurückzudrängen und die Korruption unter den Regierungsangestellten fördern.“

Genau davon haben auch die Taliban vor ihrer Machtübernahme profitiert. Dem Radiosender Radio Free Europe liegt ein vertraulicher Bericht der Nato über die Finanzlage der Taliban vor. [5] Diese haben in den zwölf Monaten bis März 2020 Einnahmen von 1,6 Milliarden US-Dollar verbucht. Opium war mit 416 Millionen die zweitwichtigste Einnahmequelle nach der Besteuerung des Abbaus von Bodenschätzen wie Kohle und Edelsteinen mit 464 Millionen. Für eine Rebellenarmee sind das beachtliche Einnahmen und gewähren den Taliban „finanzielle und militärische Unabhängigkeit“, wie der Nato-Bericht anerkennend feststellt. Um ein Land mit 40 Millionen Einwohnern zu verwalten, sind 1,6 Milliarden allerdings eher wenig: nämlich 40 Dollar pro Kopf.

Entscheidend für die weitere wirtschaftliche Entwicklung Afghanistan wird die Höhe der ausländischen Hilfsgelder sein, die in das Land fließen. Im Jahr 2020 machten diese zwei Fünftel der (legalen) Wirtschaftsleistung des Landes aus, wie die Weltbank ausgerechnet hat. [6] Während weiter humanitäre Hilfe geleistet werden dürfte, ist das bei der langfristig angelegten Entwicklungshilfe weniger sicher. Nicht nur wegen der Dürre dürfte eine Taliban-geführte Regierung daher zumindest kurzfristig weiter auf die bewährten Einnahmequellen setzen: Kohle und Heroin. mic

Auch Dürre in Syrien und im Irak

Syrien leidet derzeit unter der schwersten Dürre in 70 Jahren. Das Welternährungsprogramm WFP schätzt, dass dort 12 Millionen Menschen an Nahrungsmittelknappheit leiden. Außerdem gibt es gut sechs Millionen intern Vertriebene wegen des nunmehr zehnjährigen Bürgerkriegs, dessen Ausbruch ebenfalls eine Dürre vorausgegangen war. [7] In Syrien fehlen dem WFP noch 444 Millionen Dollar für die nächsten sechs Monate. [8] Im Irak sieht es etwas besser aus. 2,4 Millionen Menschen brauchen Hilfe und 1,2 Millionen sind intern vertrieben. [9] Hier fällt die Finanzierungslücke denn auch geringer aus. Das WFP braucht hier nur zusätzliche 13 Millionen Dollar. [10] “Der totale Zusammenbruch der Wasser- und Nahrungsmittelproduktion für Millionen von Syrern und Irakern steht unmittelbar bevor”, sagt Carsten Hansen, Regionaldirektor des Hilfsorganisation Norwegian Refugee Council. [11] mic

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[1] Reuters, 17.08.2021: UN aid chief in Afghanistan warns of hunger caused by drought

[2] WFP, Stand 01.09.2021: Afghanistan

[3] SCEN, September 2019: Climate-Fragility Risk Factsheet (PDF)

[4] SCEN, Oktober 2019: Climate-Fragility Risk Brief (PDF)

[5] RFERL, 16.09.2020: Taliban’s Expanding ‘Financial Power’ Could Make It ‘Impervious’ To Pressure, Confidential Report Warns

[6] FT, 22.08.2021: The Afghanistan economy in charts: what has changed in two decades?

[7] WFP, Stand 01.09.2021: Syrian Arab Republic

[8] WFP, Juli 2021: WFP Syria Country Brief (PDF)

[9] WFP, Stand 01.09.2021: Iraq

[10] WFP, Juli 2021: WFP Iraq Country Brief (PDF)

[11] alJayeera, 23.08.2021: Water crisis and drought threaten 12 million in Syria, Iraq

Dieses Jahrzehnt ist entscheidend

Emissionen müssen in zehn Jahren um die Hälfte sinken, sagt neuer Bericht des Weltklimarats

Vor 30 Jahren ist der erste Bericht des Weltklimarats IPCC erschienen. Seither ist klar, dass die Menschheit das Klima aufheizt und die Treibhausgasmissionen auf null sinken müssen. Doch diese sind weiter gestiegen und nun müssen sie umso schneller fallen: um die Hälfte in zehn Jahren.

Am Montag wurde der erste Teil eines neuen Berichts des Weltklimarats IPCC veröffentlicht. [1] Dieser besteht wie immer aus zwei Teilen: dem eigentlichen Bericht und der Zusammenfassung für Entscheidungsträger. Letztere wurde in den letzten beiden Wochen von Klimadiplomaten ausgehandelt. [2] Damit stellt der IPCC-Bericht den offiziellen Kenntnisstand der Regierungen der Welt zur Entwicklung der Klimakrise dar. Für den eigentlichen Bericht haben über 200 Wissenschaftler aus der ganzen Welt insgesamt 14‘000 Studien ausgewertet. Die Co-Vorsitzende Valérie Masson-Delmotte sagt : “Wir haben jetzt ein viel klareres Bild des vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Klimas, was wichtig ist, um zu verstehen, wohin wir uns bewegen, was wir tun können und wie wir uns vorbereiten können.” [3]

Sibirien. Letztlich haben wir die Wahl zwischen Naturkatastrophen und Klimaschutz. (Foto: © Julia Petrenko / Greenpeace)

Große Überraschungen enthält der Bericht nicht. Seit Jahren ist klar, dass es umso wärmer wird je mehr Treibhausgase sich in der Atmosphäre ansammeln. Seit der vorindustriellen Zeit ist die Temperatur auf der Erde um 1,1 Grad gestiegen – mehr über Land und weniger über den Ozeanen. Und dieser Trend wird sich fortsetzen: Rund um das Jahr 2030 ist die Erde 1,5 Grad wärmer. Wie es anschließend weiter geht ist allerdings offen. „Es geht vor allem um Entscheidungen“, sagt Richard Black vom britischen Thinktank Energy and Climate Intelligence Unit. [4] „Die Welt wird in einer emissionsarmen Zukunft ganz anders aussehen als in einer emissionsreichen. Es steht viel auf dem Spiel: Die Entscheidungen der kommenden Monate werden einen großen Einfluss haben.“

Wie entscheidend die nächsten Wochen, Monate und ein, zwei Jahre sein werden, zeigt ein Blick auf die verschiedenen Emissionsszenarien im IPCC-Bericht. Im einzigen Szenario, in dem die Erwärmung am Ende des Jahrhunderts unter 1,5 Grad liegt, fallen die globalen Netto-Emissionen in den nächsten zehn Jahren um knapp die Hälfte und erreichen im Jahr 2050 null. Anschließend werden der Atmosphäre dann Jahr für Jahr rund zehn Milliarden Tonnen CO2 entzogen. Im nächstbesten Szenario sinken die Emissionen langsamer. Daher akkumulieren sich mehr Treibhausgase und das Klima erwärmt sich um 1,8 Grad bis zum Jahr 2100. Wenn die Emissionen hingegen bis zum Jahr 2050 in etwa auf dem heutigen Niveau bleiben und erst dann zurückgehen, ist es in 80 Jahren 2,7 Grad wärmer als in der vorindustriellen Zeit.

Impact? Der IPCC-Bericht zum 1,5 Grad Ziel hat hohe Wellen geschlagen. Vorherige Berichte (ausser dem ersten) hatten nicht so viel Erfolg. Mal sehen, was es dem sechsten Sachstandsbericht widerfährt. (Tweet: Stefan Rahmstorf / Andrew Dessler)

Mit jedem Zehntelgrad nimmt die Zahl an Extremwetterereignissen zu: Extremtemperaturen, die in der vorindustriellen Zeit alle 50 Jahre aufgetreten sind, sind heute alle zehn Jahre zu beobachten. Und wenn sich das Klima um 1,5 Grad erwärmt hat, dann wird es alle sechs Jahre dazu kommen. Auch Starkregen und Dürren werden mit jedem Zehntelgrad häufiger. Und auch die Höhe des Meeresspiegels ist letztlich eine Funktion der Erwärmung. Im besten Fall liegt dieser im Jahr 2100 rund 40 Zentimeter über dem heutigen Niveau. Wenn die Emissionen allerdings nicht ab sofort schnell sinken, dann ist der Meeresspiegel dann 60 Zentimeter höher als heute. Hinzu kommt die Gefahr einen Kipppunkt zu erreichen: „Abrupte Reaktionen und Kipppunkte des Klimasystems, wie etwa stark erhöhtes Abschmelzen des antarktischen Eisschildes und das Absterben von Wäldern, können nicht ausgeschlossen werden.“ [2] Und auch hier geht es wieder um jedes Zehntelgrad: „Die Wahrscheinlichkeit von Ereignissen mit geringer Wahrscheinlichkeit aber sehr großen Auswirkungen steigt mit zunehmender Erderwärmung.“

Wirklich neu ist das Alles nicht und kann es auch gar nicht sein, denn der IPCC trägt ja nur das bestehende Wissen zur Klimakrise zusammen. Angesichts der Fluten und Brände rund um die Welt in den letzten Wochen kommt der Bericht dennoch zur richtigen Zeit. Die Menschen in vielen Ländern haben einen ersten Vorgeschmack der Klimazukunft bekommen und müssen sich nun entscheiden: entweder mehr Naturkatastrophen oder sehr schnell weniger Emissionen. „Der Bericht zeigt, dass dieses Jahrzehnt wirklich unsere letzte Chance ist, die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen“ sagt Helen Mountford von der Umweltorganisation WRI. Und dabei komme es auf alle an: “Schauen Sie sich die führenden Politiker der Welt an, die heute im Amt sind. Unser gemeinsames Schicksal wird von ihren Entscheidungen abhängen. Dies ist ein Moment, in dem jeder Einzelne aufbegehren und mutige Klimamaßnahmen fordern muss, als ob unsere Zukunft davon abhinge, denn das tut sie wirklich.” mic

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[1] IPCC, 09.08.2021: Climate Change 2021 – The Physical Science Basis (PDF)

[2] IPCC, 09.08.2021: Climate Change 2021 – The Physical Science Basis – Summary for Policy Makers (PDF)

[3] IPCC, 09.08.2021: Climate Change 2021 – The Physical Science Basis – press release

[4] Richard Black, 07.08.2021: Tweet

„Jedes Jahr des Abwartens reduziert unser CO2-Budget massiv“

Joeri Rogelj erklärt im Interview, wieviel CO2 die Menschheit noch emittieren darf

Warum ist es möglich ein CO2-Budget zu berechnen?

Joeri Rogelj: Wir wissen schon lange, dass die Erwärmung linear mit der Menge der kumulierten Emissionen steigt. Neu wissen wir auch, was passiert, wenn wir die Emissionen stoppen. In diesem Fall stoppt auch die Erwärmung. Damit können wir ausrechnen, wieviel CO2 wir noch emittieren dürfen, wenn ein bestimmtes Temperaturziel eingehalten werden soll.

Das CO2-Budget wurde vor drei Jahren das letzte Mal berechnet, im Rahmen des IPCC-Berichts zum 1,5-Grad-Ziel. Was hat sich verändert?

Die CO2-Budgets sind grob gleich geblieben. Natürlich haben sich einzelne Zahlen ein wenig verändert, aber nicht weil wir nicht daran gearbeitet hätten. Obwohl wir jeden Faktor von Grund auf neu überarbeitet haben, kommen wir zum selben Resultat. Die gute Nachricht ist: Unser wissenschaftliches Verständnis ist robust. Und die schlechte ist: Diese Budgets waren schon vor drei Jahren sehr klein und mit den Emissionen seither haben wir einen weiteren, großen Teil der Budgets verbraucht.

Vor drei Jahren blieb eine Klimahypothek von 100 Milliarden Tonnen CO2 unberücksichtigt. Diese stammte aus Rückkopplungseffekten des Erdsystems wie dem Tauen des Permafrosts. Um ein bestimmtes Temperaturziel zu erreichen, hätte man diese Menge an CO2 der Atmosphäre zusätzlich entziehen müssen. Gibt es diese Hypothek immer noch?

Nein, diese Hypothek gibt es nicht mehr. Wir haben alle Rückkopplungseffekte überprüft und diese sind nun in den neuen CO2-Budgets enthalten. Zum Teil gleichen sich diese Effekte gegenseitig aus.

Budgetman. Joeri Rogelj, 40, ist Forschungsdirektor am Grantham Institute des Imperial College London, einer britischen Universität. Rogelj war als Leitautor für das Kapitel über CO2-Budgets verantwortlich. (Foto: zVg)

Für die verschiedenen Temperaturziele geben Sie an, mit welcher Wahrscheinlichkeit diese erreicht werden mit einer bestimmten Menge an Emissionen.

Es ist wichtig, das zu verstehen. Wenn man das Budget für 1,5 Grad mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent nimmt, dann heißt das: In einem von zwei Fällen erreicht man das Ziel und in einem von zwei Fällen ist die Erwärmung stärker. Das könnte nur wenig sein, das könnte aber auch nennenswert viel mehr sein.

Wann müssen wir klimaneutral sein, um die Erwärmung bei 1,5 Grad zu stoppen?

Wenn man die Emissionen linear reduziert, dann haben wir 20 bis 25 Jahre Zeit, um die Erwärmung mit einer Wahrscheinlichkeit von 67 respektive 50 Prozent bei 1,5 Grad zu stoppen. Die Emissionen müssen also schon in diesem Jahrzehnt deutlich sinken. Jedes Jahr des Abwartens reduziert unser CO2-Budget massiv.

Was ist mit den anderen Treibhausgasen wie Methan oder Lachgas?

Wir gehen davon aus, dass auch die Emissionen dieser Gase sehr schnell sinken. Es gibt sehr günstige Methoden, um etwa die Methanemissionen zu reduzieren. Wenn diese Emissionen aber nicht so schnell sinken, wie angenommen, dann muss man von den CO2-Budgets bis zu 220 Milliarden Tonnen abziehen.

TemperaturzielCO2-Budgets in Milliarden Tonnen (Gigatonnen) je nach Wahrscheinlichkeit das Temperaurziel nicht zu übersteigen
17%33%50%67%83%
1,5 Grad900650500400300
1,7 Grad14501050850700550
2,0 Grad2300170013501150900

Methanalarm. Das sind die Budgets, wenn die Methanemissionen sehr schnell sinken. Methan und die anderen Treibhausgase können diese Budgets um plus-minus 220 Milliarden Tonnen verändern. (Daten: IPCC [1])

Wenn die CO2-Emissionen sinken gibt es auch weniger Luftverschmutzung. Diese kühlt den Planeten.

Diese Budgets berücksichtigen, dass der kühlende Effekt von Aerosolen verschwindet, wenn wir die CO2-Emissionen reduzieren.

Gehen diese Budgets davon aus, dass es in Zukunft negative Emissionen geben wird?

Nein, diese Budgets gehen davon aus, dass man bei null Emissionen bleibt, wenn man diesen Punkt einmal erreicht hat. Wenn dann aber die Erwärmung unerwünscht hoch ist, könnten wir überlegen, die Erwärmung langsam zu reduzieren. Aber das ist ein zweiter Schritt. Der erste ist zu netto-null Emissionen zu kommen.

Ist es möglich das globale CO2-Budget auf die einzelnen Länder zu verteilen?

Das ist möglich, aber das ist keine exakte Wissenschaft. Dazu muss man wertebasierte Entscheidungen treffen. Welches Temperaturniveau will man mit welcher Wahrscheinlichkeit erreichen? Das entscheiden nicht wir Wissenschaftler und darum haben wir eine Tabelle mit den verschiedenen Optionen gemacht. Wenn man nun eines der Globalbudgets auf die Länder verteilen will, muss man erneut wertebasierte Entscheidungen treffen. Es gibt viele verschiedene Arten der Verteilung, aber was ist fair? Eine Option ist, dass man die Budgets so verteilt, dass jeder Mensch das gleiche CO2-Budget hat. Man kann aber auch die historischen Emissionen mitberücksichtigen. Länder, die bereits viel emittiert haben, bekommen weniger. Wenn diese ethischen Fragen beantwortet sind, dann können wir Wissenschaftler die Länderbudgets berechnen.

Sie waren auch bei den Verhandlungen über die Zusammenfassung für Entscheidungsträger dabei. Was wurde da eigentlich verhandelt? Was waren die kontroversen Punkte?

Umstritten waren Begriffe, die auch in der Politik oder bei den UN-Klimaverhandlungen benutzt werden und die in diesen Kontexten andere Bedeutungen haben. Das sind Begriffe wie „netto-null“, „Senken“ oder die exakte Bedeutung des Paris Abkommens. Hier sind die Delegationen natürlich sehr empfindlich, weil sie nicht nur an die Wissenschaft denken, sondern auch berücksichtigen, wie diese Begriffe benutzt oder missbraucht werden. Das sind die Themen, bei denen man am längsten braucht, um Formulierungen zu finden, die neutral sind und den Wissensstand widergeben ohne vorwegzunehmen, was politisch getan werden muss. mic

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[1] IPCC, 09.08.2021: Climate Change 2021 – The Physical Science Basis – Summary for Policymakers (PDF)

Wie beschleunigt man Asiens Kohleausstieg?

Neuer Finanzmechanismus soll Laufzeit von bestehenden Kohlemeilern deutlich reduzieren

Wie bringt man Stromkonzerne dazu relativ neue Kraftwerke stillzulegen? Indem man sie ihnen abkauft und das selber tut, lautet die kurze Antwort. Damit sich das auch noch für private Investoren rechnet, bedarf es allerdings eines kreativen Finanzvehikels.

Letztes Jahr ist die Zahl der Kohlemeiler in Planung in vielen Ländern Asiens kollabiert, wie eine Studie des Global Energy Monitor zeigt. [1] Trotzdem dürfte Kohle noch lange die Stromerzeugung dominieren, denn die Länder Asiens haben einen großen und relativ jungen Kraftwerkspark. Mit den Zielen des Pariser Klimaabkommens lässt sich das allerdings nicht vereinbaren. Der Weltklimarat (IPCC) hat ausgerechnet, dass der Anteil von Kohlestrom von heute 38 Prozent weltweit in nur zehn Jahren auf weniger als ein Viertel sinken muss. Das lässt sich nur erreichen, wenn in Asien relativ neue Kraftwerke stillgelegt werden. Und genau das ist das Ziel von Finanzmarktakteuren rund um die Asiatische Entwicklungsbank ADB. “Wenn wir ein Kohlekraftwerk kaufen, das noch 50 Jahre in Betrieb ist, und es innerhalb von 15 Jahren abschalten, können wir bis zu 35 Jahre Kohlenstoffemissionen einsparen”, erklärt ADB-Vizepräsident Ahmed Saeed. [2]

Fast forward. Damit sich Asiens Energiesystem so entwickelt, braucht es eine kräftige Dosis an Financial Engineering. (Bild: color-hex)

Um das in großem Stil zu machen, ist allerdings sehr viel Geld erforderlich. Um die Hälfte aller Kohlemeiler stillzulegen würden für Indonesien 16 bis 29 Milliarden Dollar, für Vietnam 9 bis 17 Milliarden und für die Philippinen fünf bis neun Milliarden benötigt. [3] Das kann auch die ADB nicht stemmen. “Um dies für mehr als ein oder zwei Anlagen zu ermöglichen, müssen private Investoren gewonnen werden”, sagt Michael Paulus von der US-Bank Citi. Doch diese wollten eine Rendite sehen und nicht nur sinkende Emissionen, so Paulus. [3] “Es gibt einige, die interessiert sind, aber sie werden es nicht umsonst machen. Sie brauchen vielleicht keine normale Rendite von zehn bis zwölf Prozent, sie können es auch für weniger tun. Aber ein oder zwei Prozent werden sie nicht akzeptieren. Wir versuchen, einen Weg zu finden, damit das funktioniert.”

Einen solchen Weg hat Donald Kanak von der britischen Versicherung Prudential entwickelt: einen Energiewendemechanismus (ETM). [4] In einem ETM wird öffentliches Kapital etwa von der ADB und privates Kapital gepoolt. Der ETM kauft dann die Kohlekraftwerke ihren jetzigen Besitzern ab und legt diese nach einer bestimmten Anzahl Jahren still. Gleichzeitig baut der ursprüngliche Betreiber mit den Einnahmen aus dem Verkauf des Kohlemeilers die Erneuerbaren aus. Damit der ETM trotz der vorzeitigen Stilllegung noch eine Rendite erzielt, muss in der verbleibenden Betriebszeit die Marge zwischen Kosten und Einnahmen aus dem Stromverkauf höher sein als zuvor. Das soll erreicht werden, indem der ETM deutlich geringere Finanzierungskosten hat, als der ursprüngliche Betreiber. Damit die ETM-Teilhaber diese geringere Rendite akzeptieren, muss allerdings auch das Risiko entsprechen niedriger sein. Und hier kommt der öffentliche Geldgeber ins Spiel: Dieser akzeptiert, dass er im Fall eines Verlusts als erster sein Geld verliert. Damit haben alle anderen ETM-Teilhaber ein geringeres Risiko.

Dieser Mechanismus soll bereits nächstes Jahr in Indonesien, Vietnam oder den Philippinen getestet werden. „Wir würden gerne im Jahr 2022 das erste Kohlekraftwerk kaufen“ sagt Saeed. [3] Anschließend könne der Ansatz dann auf andere Länder in Asien oder auch andere Weltregionen ausgeweitet werden. Wie beim deutschen Kohleausstieg wird eine Schwierigkeit darin liegen, zu verhindern, dass man mit den ETMs die Laufzeit der Kraftwerke nicht unabsichtlich verlängert. Das könnte passieren, wenn ein Betreiber ein eigentlich unrentables Kraftwerk weiterlaufen lässt, in der Hoffnung dieses dann an den ETM verkaufen zu können. Nick Robins von der London School of Economics warnt: „Wir müssen absolut sicher sein, dass wir nicht den Verursacher von Emissionen bezahlen, sondern für einen beschleunigten Übergang.” [3] mic

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[1] wip, 06.07.2021: Energiewende süßsauer

[2] BBC, 05.08.2021: Finance firms plan to close coal plants in Asia

[3] Reuters, 03.08.2021: ADB, Citi, HSBC, Prudential hatch plan for Asian coal-fired closures

[4] Donald Kanak, 25.01.2021: How to accelerate the energy transition in developing economies

Peak BIP: Es gibt tatsächlich Grenzen des Wachstums

Ein Weltmodell aus den 70er Jahren erweist sich als erstaunlich präzise

Der Club of Rome und das Buch „Die Grenzen des Wachstums“ gelten als Untergangspropheten, deren Prognosen aber nicht eintreffen. Noch liegt der prognostizierte Kollaps allerdings in der Zukunft und die Beobachtungen der letzten Jahrzehnte decken sich erstaunlich gut mit dem Club of Rome Modell.

Es war ein Bestseller in den 70er Jahren: 30 Millionen Mal wurde das Buch „Die Grenzen des Wachstums“ verkauft – ein Buch über ein Computermodell. Der Club of Rome hatte Forscher von der US-Universität MIT beauftragt das erste dynamische Modell der Erde und der Gesellschaft zu entwickeln. Und die Resultate waren erschreckend: Im „Weiter so Szenario“ (BAU) kam es um das Jahr 2050 zu einem Kollaps der Zivilisation. Die Produktion von Gütern und Nahrungsmittel brach massiv ein und die Weltbevölkerung ging um mehr als ein Drittel zurück. Die Autoren brauchten nicht lange auf Kritik zu warten. Das Computermodell, World3, unterschätze den technischen Fortschritt und komme wegen des fehlenden Preismechanismus‘ zu unrealistischen Ergebnissen.

Kassandra. Sie überbrachte stets schlechte Nachrichten und keiner glaubte ihr. Dem Club of Rome geht es ähnlich. (Gemälde: Lorenzo Gennari / Wikipedia)

Seither sind fast 50 Jahre vergangen. „Mittlerweile haben wir mehrere Jahrzehnte mit empirischen Daten, was einen Vergleich mit (dem ursprünglichen Modell) sinnvoll macht“, sagt Gaya Herrington. [1] Doch das letzte Mal, dass ein solcher Abgleich erfolgte, liegt schon wieder mehrere Jahre zurück. Und so entschied Herrington, einen Nachhaltigkeitsanalystin bei der Beratungsfirma KPMG, einen neuen Anlauf zu nehmen und publizierte schließlich ein Studie im Wissenschaftsmagazin Yale Journal of Industrial Ecology. [2] Dabei zeigte sich, dass das ursprüngliche Modell tatsächlich zu pessimistisch war: Auf der Erde gibt es deutlich mehr Rohstoffe als im „Weiter-so-Szenario“ (BAU) angenommen wird. In diesem Szenario führte ein Mangel an Rohstoffen zum Kollaps. Herrington fand heraus, dass die tatsächliche Entwicklung am ehesten einem Szenario mit doppelt so vielen Rohstoffen (BAU2) und einem Szenario mit „sehr optimistischen Annahmen“ bezüglich technischem Fortschritt (CT) gleicht. [2]

SzenarioBeschreibungGrund
Weiter-so (BAU)BasisszenarioKollaps wegen Rohstoffmangel
Rohstoffreich (BAU2)Gleich wie BAU, aber mit der doppelten Menge an RohstoffenKollaps wegen zu grosser Umweltschäden
Tech-Szenario (CT)Gleich wie BAU2, aber mit viel schnellerem technischen FortschrittRückgang der Industrieproduktion aber kein Kollaps
Stabile-Welt (SW)Gleich wie CT, aber mit fundamentalem WertewandelStabilisierung auf hohem Niveau

Das Menu. Das Weiter-so-Szenario kommt wohl nicht. Aber einfach zur rohstoffreicheren Variante zu wechseln ist auch kein Gewinn.

Ein Grund zur Entwarnung ist das allerdings nicht, denn auch im rohstoffreichen Szenario (BAU2) kommt es um das Jahr 2040 zum Kollaps (siehe Grafik). Doch der Grund dafür ist ein anderer: Er „verschiebt sich von Rohstoffmangel zu einer Verschmutzungskrise“. [2] Die Kurve für die Verschmutzung, gemessen an CO2 in der Atmosphäre und Plastik in der Umwelt, steigt denn auch exponentiell an. Etwas besser sieht es im Tech-Szenario (CT) aus. Auch dort geht die Industrieproduktion deutlich zurück, aber die Agrarproduktion und die Weltbevölkerung stabilisieren sich. Wachstum gibt es aber auch in dieser Welt nicht mehr. „Beide Szenarien zeigen, dass kontinuierliches Wachstum nicht möglich ist.“ [2] Die Welt stünde somit kurz vor dem Höhepunkt ihrer Wirtschaftsleistung. In Anlehnung am den Begriff „Peak Oil“, könnte man daher von „Peak BIP“ sprechen.

Game over. Das Computermodell World3 sieht unter bestimmten Umständen einen Kollaps unserer Zivilisation voraus. (Grafiken: Gaya Herrington)

Jetzt einfach auf technischen Fortschritt zu setzen, sei allerdings kurzsichtig meint Herrington. Zum einen seien die Annahmen des Tech-Szenarios (CT) wohl „unrealistisch“ und zum anderen sei eine andere Frage entscheidend: „Wollen wir überhaupt das Tech-Szenario (CT) verfolgen? Warum sollten wir unsere Innovationskraft nutzen, um Bestäubungsroboter zu erfinden, die die Bienen ersetzen, wenn wir auch die Möglichkeit haben, landwirtschaftliche Verfahren zu erfinden, die ohne die Nebenwirkung von Insektiziden auskommen?“ [3]

Das erstrebenswerteste Szenario ist denn auch ein viertes, das „Stabile-Welt-Szenario“ (SW). Hier sind die Industrie- und die Agrarproduktion am höchsten und die Weltbevölkerung am größten. Das Szenario beruht auf der Annahme, dass sich die Prioritäten der Weltgemeinschaft fundamental verändern. Statt immer mehr materiellen Wohlstand anzuhäufen, müsste die Menschheit ernsthaft das Ziel der UN-Biodiversitätskonvention anstreben: ein Leben „In Harmonie mit der Natur“. Da das „SW-Szenario die geringsten Rückgänge aufweist, sollten wir nicht nur auf die technologischen sondern auch auf die ‚sozialen Kipppunkte‘ setzen“, meint Herrington. [2] Noch sind wir allerdings nicht auf dem Pfad des SW-Szenarios: Von allen vier deckt sich dieses am wenigsten mit den Beobachtungsdaten der letzten 50 Jahre.

Die Menschheit hat also noch die Wahl. In allen vier Szenarien erreichen wir in wenigen Jahren die Grenzen des Wachstums, „Peak BIP“. Wie es anschließend weitergeht ist allerdings offen: Von Kollaps bis Stabilisierung nahe dem Höhepunkt ist Alles drin. „Noch ist ein bewusster Kurswechsel möglich, zu einem anderen Ziel als dem des Wachstums. Aber dieses Möglichkeitsfenster schließt sich schnell.“ [2] mic

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[1] KPMG, undatiert: Limits to Growth

[2] Gaya Herrington, 2020: Update to limits to growth – Comparing the World3 model with empirical data (PDF)

[3] Club of Rome, 26.07.2021: Data check on the world model that forecast global collapse

Weltgrößter Emissionshandel gestartet

In China müssen Kraftwerke nun Emissionsrechte besitzen

Wenn Emissionen einen Preis haben, sind Anbieter im Vorteil, die keine oder geringe Emissionen haben. Das ist die Logik hinter Emissionshandelssystemen. Damit marktbasierter Klimaschutz funktioniert, muss dieser aber in ein Marktumfeld eingebettet sei. Das ist Chinas Stromsektor nicht.

In China hat Ende letzter Woche der Handel mit Emissionsrechten begonnen. Der Start war etwas chaotisch. Erst am Donnerstagabend kurz vor sechs stand definitiv fest, dass am Freitag der Handel tatsächlich anfängt. [1] Für die Eröffnungszeremonie fanden dann erste, zuvor verabredete Deals statt. [2] Während des Handelstages stieg der Preis für eine Tonne CO2-Emissionen von 48 Yuan auf 51,23 Yuan (6,72 Euro). Der Handel war rege: Emissionsrechte für mehr als vier Millionen Tonnen wechselten den Besitzer. [4] Diese Woche lag der Preis dann weiter über 50 Yuan, aber das Volumen ist auf gut 100‘000 Tonnen eingebrochen. [5]

Am neuen Handelssystem müssen 2225 Kraftwerke teilnehmen, die zusammen für zwölf Prozent der globalen Emissionen und für 40 Prozent von Chinas Emissionen verantwortlich sind. Damit hat China nun ein größeres Emissionshandelssystem als die EU. Das chinesische funktioniert allerdings anders als das hiesige. Im EU-System gibt es einen fixen Deckel für die Emissionen eines Jahres, der von Jahr zu Jahr sinkt. In China hingegen gilt ein Grenzwert pro Megawattstunde. Für große Kohlekraftwerke liegt dieser bei 877 Kilo CO2. [6] Für jede Megawattstunde, die ein Kraftwerk produziert, bekommt es daher 0,877 CO2-Zertifikate – kostenlos. Kraftwerke, die weniger CO2 emittieren, können so einen Teil der Zertifikate verkaufen. Und Kraftwerke, die mehr CO2 emittieren, müssen Zertifikate kaufen. Der Grenzwert entspricht allerdings den durchschnittlichen Emissionen im Jahr 2019. Praktisch müssen daher nur alte und ineffiziente Kraftwerke Emissionsrechte kaufen.

Ob mit dem Handelssystem die Emissionen im Stromsektor reduziert werden, ist denn auch umstritten. Eine Studie der Internationalen Energieagentur (IEA) kommt zum Schluss, dass das Handelssystem tatsächlich zu einer Reduktion führt – vorausgesetzt die Grenzwerte werden regelmäßig verschärft. [7] Der Thinktank Transition Zero ist hingegen pessimistischer. Der Markt habe ein Überangebot von 1,56 Milliarden Tonnen. Daher werde „das Handelssystem in seiner jetzigen Form, keinen Impact auf die Emissionen in China haben“. [8 s. S. 6] Oder um es noch klarer auszudrücken: „Ohne Reform ist der faire Wert für Chinas Emissionsrechte gleich null.“

Potemkin. Noch sieht Chinas Emissionshandel nach mehr aus, als tatsächlich existiert. (Foto: Unbekannt / Wikipedia)

Das Hauptproblem ist, dass auch Chinas Strommarkt anders funktioniert als der europäische. In Europa kann erst das billigste Kraftwerk seinen Strom verkaufen. Wenn das die Nachfrage nicht deckt, kommt das zweitbilligste zum Zug und so weiter (Merit Order). In China hingegen wird administrativ geregelt, welches Kraftwerk wann Strom produziert und welchen Preis es dafür bekommt. Für Chen Zhibin von der Beratungsfirma Sino-Carbon ist das der Schwachpunkt von Chinas Handelssystem: „Es ist, als würde man ein marktbasiertes Instrument in einem Sektor schaffen, der nicht nach den Kräften des Marktes funktioniert“, sagte Chen gegenüber Carbon Brief. [6] Oder anders: Damit das Handelssystem Wirkung entfalten kann, muss erst der Strommarkt dereguliert werden.

Dem Handelssystem mangelt es aber noch an etwas anderem: einer Website. Stian Reklev von Carbon Pulse, einer Branchenpublikation, schreibt: „Man sollte meinen, dass der größte CO2-Markt der Welt eine schicke Website mit allen Informationen hat, die man braucht, oder? Nun, man würde sich täuschen.“ [9] Gehandelt werden die Emissionsrechte an der Shanghai Environment and Energy Exchange. Diese Börse hat eine Website (cneeex.com). Doch diese blockt Zugriffe aus dem Ausland ab. „Chinas CO2-Preis? Handelsvolumen? Das geht Sie nichts an, wenn Sie nicht in China sind“, schreibt Reklev auf Twitter. [10] Gefragt, ob der CO2-Preis in China Staatsgeheimnis ist, meinte er: „Keine schlechte Frage. Ziemlich gut sogar.“ [11] mic

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[1] Stian Reklev, 15.07.2021: Tweet

[2] Stian Reklev, 16.07.2021: Tweet

[4] Stian Reklev, 16.07.2021: Tweet

[5] Stian Reklev, 19.07.2021: Tweet

[6] Carbon Brief, 24.06.2021: In-depth Q&A: Will China’s emissions trading scheme help tackle climate change?

[7] IEA, April 2021: The Role of China’s ETS in Power Sector Decarbonisation

[8] TransitionZero, 15.04.2021: Turning the Supertanker

[9] Stian Reklev, 20.07.2021: Tweet

[10] Stian Reklev, 20.07.2021: Tweet

[11] Stian Reklev, 20.07.2021: Tweet

Das war erst der Anfang

Die Klimaerwärmung macht Überschwemmungen und Hitzewellen wahrscheinlicher

Stark- und Dauerregen hat es schon immer gegeben. Aber weil sich das Klima in Deutschland bereits um mehr als ein Grad erwärmt hat, sind diese Ereignisse wahrscheinlicher geworden. Die Überschwemmungen sind ein Weckruf, der nicht überhört werden sollte.

Dutzende Tote und Vermisste, eingestürzte Häuser, schwimmende Autos. Solche Nachrichten und Bilder sieht man in Deutschland selten. Entsprechend groß ist die Bestürzung angesichts der Überschwemmungen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Ganz unerwartet sind die Extremniederschläge dieser Woche allerdings nicht. Der Schweizer Klimaforscher Reto Knutti sagt: „Starkniederschläge nehmen mit dem Klimawandel zu“ und folglich seien „Situationen wie jetzt zu erwarten“. [1] Der Grund dafür ist simpel. Wenn sich Luft um ein Grad erwärmt, kann sie rund sieben Prozent mehr Feuchtigkeit speichern. Knutti schränkt allerdings ein: „Man kann nicht ein spezifisches Regenereignis dem Klimawandel in einem deterministisch kausalen Sinn zuordnen, aber eine klare Aussage über den Einfluss des Klimawandels auf die Häufigkeit machen.“ Kurz: Da sich das Klima in Deutschland bereits um mehr als ein Grad erwärmt hat, gibt es häufiger Überschwemmungen.

Noch klarer ist der Zusammenhang zwischen Extremwetter und der Klimaerwärmung bei Hitzewellen wie derzeit in den USA, Skandinavien und Russland. Die Rekordtemperaturen im Westen der USA vor drei Wochen wären ohne die Erwärmung, die bereits stattgefunden hat, „nahezu unmöglich“ gewesen. [3] Das ist das Ergebnis einer Schnellstudie von mehreren Attributionsforschern rund um die Welt. Diese ermitteln erst mit Hilfe von Computermodellen des Klimas, wie wahrscheinlich ein Ereignis in der vorindustriellen Zeit gewesen ist, als die Treibhausgaskonzentrationen in der Atmosphäre und damit die Temperaturen noch niedriger waren. Anschließend berechnen sie das Gleiche mit den aktuellen Daten. So lässt sich nicht ein einzelnes Ereignis eindeutig dem Klimawandel zuschreiben, aber die Wahrscheinlichkeit berechnen, dass ein bestimmtes Ereignis eintritt. Dabei zeigt sich, dass Hitzewellen am direktesten eine Folge der Klimaerwärmung sind (siehe Grafik).

Korrelationen. Bei Hitze und Kälte ist es am eindeutigsten, dass der Klimawandel wohl der Grund für ein Ereignis ist. (Quelle: NOAA)

Dieser Zusammenhang ist fatal, denn Hitzewellen sind die tödlichsten Extremwetterereignisse. Der menschliche Körper ist sehr gut darin, seine Temperatur nach oben zu regulieren aber weniger nach unten. Die Hitzewelle Anfang Juli hat allein in der kanadischen Provinz British Columbia rund 500 Menschen das Leben gekostet. [4] Die wirtschaftlich teuersten Extremwetterereignisse sind allerdings Stürme. Dies gilt insbesondere für kleine Inselstaaten. Der Inselstaat Dominica in der Karibik hatte im Jahr 2017 wegen Hurrikan Maria Schäden im Gegenwert von 250 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu bewältigen. Dabei wurde die Insel bereits zwei Jahr zuvor verwüstet: Damals hat Hurrikan Erika Schäden im Wert von 90 Prozent des BIPs angerichtet. Die UN Entwicklungsorganisation UNDP hat ausgerechnet, dass, wenn ein kleiner Inselstaat in der Karibik von einem Hurrikan getroffen wird, im Durchschnitt Schäden von 17 BIP-Prozenten entstehen. [5] In Deutschland entspräche das einem Schaden im Wert von 560 Milliarden Euro.

Ein derart gigantischer Schaden ist in Deutschland kaum jemals zu erwarten. Dennoch werden auch hier die Zahl der Hitzetoten und Opfer anderer Extremwetterereignisse sowie die Schäden mit weiter steigenden Temperaturen zunehmen. Wie stark diese Zunahme ist, hängt aber auch davon ab, wie gut sich Deutschland auf den Klimawandel vorbereitet. Klimaanlagen in Spitälern und Altenheimen etwa können viele Hitzetote verhindern. Mit der Entsiegelung von Flächen und der Schaffung von natürlichen Überschwemmungsgebieten lässt sich Hochwassern die Spitze nehmen. Und falls es dennoch zur Katastrophe kommt, hängt viel von den Rettungskräften ab. Für ihr Buch „Deutschland 2050“ haben Nick Reimer und Toralf Staud auch mit diesen gesprochen. Noch ist Deutschland aber nicht ausreichend gewappnet: „Spricht man mit Fachleuten über die Zukunft des Bevölkerungs- und Katastrophenschutzes in Deutschland, dann schwingt eine gewisse Ratlosigkeit mit. Die bisherigen Strukturen von Rettungsdiensten werden in den kommenden Jahrzehnten immer stärker an ihre Grenzen stoßen.“ [6 s. S. 308]

Ahr. Im LandkreisAhrweiler, wo dieses Bild entstand, liegt auch das Dorf Schuld. (Screengrab: Tagesschau [8])

Letztlich ist jedes Extremwetterereignis also ein Weckruf. Einerseits muss die Menschheit ihre Emissionen so schnell wie möglich auf Null reduzieren, um die Klimaerwärmung zu stoppen und so zu verhindern, dass diese Ereignisse immer häufiger auftreten. Und andererseits muss sich jedes Land und jede Stadt auf diese Ereignisse vorbereiten. Dass letzteres nötig ist, ist allerdings tragisch, denn Warnungen der Wissenschaft gibt es seit Jahrzehnten, ohne dass viel passiert wäre. „Wir bringen nach und nach unseren Planeten um“ konstatierte UN-Chef António Guterres letztes Jahr. [7] Dass das eine schlechte Idee ist, zeigt sich nun auch in einem deutschen Dorf namens „Schuld“. mic

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[1] Reto Knutti, 14.07.2021: Tweet

[2] Reto Knutti, 25.06.2021: Tweet

[3] World Weather Attribution, 07.07.2021: Western North American extreme heat virtually impossible without human-caused climate change

[4] CNN, 13.07.2021: Climate change is fueling mass-casualty heat waves. Here’s why experts say we don’t view them as crises

[5] UNDP, 21.03.2019: After the Rain: The Lasting Effects of Storms in the Caribbean

[6] Nick Reimer, Toralf Staud, Juni 2021: Deutschland 2050 – Wie der Klimawandel unser Leben verändern wird

[7] António Guterres, 17.06.2020: Tweet

[8] Tagesschau, 15.07.2021: Unwetter in Deutschland: Mindestens 19 Tote

Preise für Nahrungsmittel auf Rekordhoch

Teure Nahrungsmittel und Pandemien begünstigen politische und soziale Unruhen

Dem arabischen Frühling ging ein massiver Anstieg der Nahrungsmittelpreise voraus. Zum aktuellen Preisanstieg kommen aber noch drei zusätzliche Faktoren hinzu, die Unruhen begünstigen: Der Einkommensverlust wegen der Coronakrise, ein hoher Schuldenstand in vielen Entwicklungsländern und die Pandemie selbst.

Seit Beginn der Coronapandemie steigen die Preise für Nahrungsmittel kontinuierlich an. Der Preisindex der UN Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO stieg im Mai zum zwölften Mal in Folge. [1] Der Index stieg im Vergleich zum April um knapp fünf Prozent und ist nun knapp 40 Prozent höher als im Mai 2020. Obwohl der Index im Juni leicht nachgegeben hat, waren Lebensmittel seit dem September 2011 nicht mehr so teuer. [10] Damals war der Arabische Frühling in vollem Gange. Der ägyptische Präsident Hosni Mubarak war nicht mehr im Amt, Kämpfe tobten in Libyen und in Syrien nahm der Bürgerkrieg Fahrt auf. Einer der Auslöser für den Arabischen Frühling war ein massiver Anstieg der Nahrungsmittelpreise im Jahr 2010 (siehe Grafik).

Ausnahmezustand? Dass Kolumbien in den kommenden zwei Jahren eine Ausnahme bleibt, ist unwahrscheinlich. (Foto: Oxi.Ap / Flickr)

Auf der Nachfrageseite wird der Preisanstieg insbesondere durch steigende Importe Chinas getrieben. Im Jahr 2019 gab es einen riesigen Ausbruch der afrikanischen Schweinepest und die Hälfte der 440 Millionen Schweine in China musste gekeult werden. Das trieb den Preis für Schweinefleisch weltweit in die Höhe. Anschließend haben die Mastbetriebe ihre Bestände wieder aufgestockt. Dadurch stieg der Bedarf an Futtermittel insbesondere Soja. Wegen Dürre in Nordchina und Überschwemmungen in Südchina fiel aber ein Teil der einheimischen Produktion weg und China musste mehr Futtermittel importieren. Für Chinas steigenden Nahrungsmittelimporte gibt es aber auch strukturelle Gründe: Die Bevölkerung auf dem Land ist überaltert und viele der Böden ausgelaugt oder gar mit Schwermetallen belastet. [9] Außerdem wachsen die Städte und immer mehr Ackerland verschwindet unter Beton und Asphalt.

Auf der Angebotsseite treibt die Dürre in Brasilien die Preise nach oben. Das Land erlebt derzeit die schwerste Trockenperiode seit über 90 Jahren. [8] Brasilien gehört zu den größten Exporteuren von Soja, Zucker, Kaffee, Mais und Rindfleisch. Zudem herrscht auch im Südwesten der USA Dürre. In den Bundesstaaten Kalifornien, Nevada, Utah, Arizona und Neumexiko erleben seit rund 20 Jahren eine „Megadürre“. Anhand der Analyse von Baumringen konnten Wissenschaftler zeigen, dass die Region die zweittrockenste Periode seit dem Jahr 800 erlebt. [2] Während kurze Dürren in Brasilien und im Südwesten der USA nichts Besonderes sind, kommen „Megadürren“ sehr selten vor. Doch wegen des Klimawandels steigt die Wahrscheinlichkeit dafür: „Der Klimawandel führt dazu, dass der Westen der USA immer trockener wird“ sagt Ben Cook von der US-Universität Columbia und einer der Mitautoren der Studie. [3]

Gefahrenzone. Der Index ist nicht nur hoch, sondern auch sehr schnell gestiegen. (Grafik: mic, Daten: FAO)

Ironischerweise ist aber nicht nur der Klimawandel Mitschuld am Anstieg der Nahrungsmittelpreise sondern auch eine Maßnahme, die dafür sorgen soll, diesen zu verlangsamen: Biosprit. Der Preis von Soja-, Palm- und Rapsöl hat sich in den letzten zwölf Monaten mehr als verdoppelt. Das hat zwei Gründe: Einerseits wächst die Produktion von Palmöl in Südostasien weniger schnell als erwartet und andererseits besteht „Aussicht auf eine robuste Nachfrage insbesondere aus dem Biodieselsektor“ wie die FAO schreibt. [1] Aber auch bei den anderen Nahrungsmitteln gibt es Gründe für einen weiteren Anstieg der Preise. Wenn immer mehr Menschen geimpft sind und wieder in Restaurants essen, steigt die Nachfrage nach Lebensmitteln. Zudem werden Öl und Gas immer teurer, wodurch die Produktionskosten der Landwirtschaft steigen.

Der Anstieg der Nahrungsmittelpreise kommt für viele ärmere Länder zu einem besonders ungünstigen Zeitpunkt. Die Weltbank schätzt, dass wegen der Coronakrise rund 120 Millionen Menschen neu weniger als 1,90 Dollar pro Tag verdienen und weitere 220 Millionen Menschen weniger als 3,20 Dollar pro Tag. [4] Zudem droht eine neue Schuldenkrise: Gemäß dem Internationalen Währungsfonds IWF besteht aktuell bei mehr als der Hälfte der 70 ärmsten Länder der Welt eine große Gefahr, dass sie in eine Schuldennotlage geraten und auch viele Länder mit mittlerem Einkommen haben sehr hohe Schulden. [5] UN-Chef Antonio Guterres warnt bereits: „Wir können nicht sehenden Auges in eine Schuldenkrise laufen, die vorherseh- und vermeidbar ist.“ [6]

Dass es in manchen Ländern zu politischen Unruhen kommen könnte, liegt aber nicht allein am Anstieg der Nahrungsmittelpreise und gesunkenen Einkommen bei hohem Schuldenstand. Die Pandemie selbst erhöht die Wahrscheinlichkeit von Unruhen, wie eine Studie des IWF zeigt. Die Hauptgründe dafür sind ein Anstieg der sozialen Ungleichheit und die Reduktion des Wachstums. „Pandemien führen zu einem signifikant größeren Risiko von Unruhen nach 14 Monaten.“ [7] Auch wenn in den Industriestaaten bald alle geimpft sind, stehen der Welt also noch zwei, drei turbulente Jahre bevor – auch wegen der Preise für Nahrungsmittel. mic

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[1] FAO, 03.06.2021: Global food prices rise at rapid pace in May

FAO, Stand 08.06.2021: May registered a sharp increase in the value of the FAO Food Price Index

[2] Science, 17.04.2020: Large contribution from anthropogenic warming to an emerging North American megadrought

[3] National Geography, 07.05.2021: ‘Megadrought’ persists in western U.S., as another extremely dry year develops

[4] Unep, 10.03.2021: Are We Building Back Better? Evidence from 2020 and Pathways for Inclusive Green Recovery Spending (PDF)

[5] IWF, 30.04.2021: List of LIC DSAs for PRGT-Eligible Countries (PDF)

[6] ClimateHome, 08.04.2021: Climate vulnerability should be factored into debt relief, says IMF head

[7] IMF, Oktober 2020: A Vicious Cycle: How Pandemics Lead to Economic Despair and Social Unrest (PDF)

[8] Reuters, 29.05.2021: Brazil on drought alert, faces worst dry spell in 91 years

[9] Nikkei, 04.04.2021: Degraded farmland diminishes China’s food sufficiency

[10] FAO, 08.07.2021: Global food prices fall for the first time in 12 months

Schmuggler verdienen mit Klimagift Unsummen

Große Mengen an Kältemitteln werden illegal in die EU eingeführt

Geringes Risiko und große Gewinne. Diese Kombination ist eine Einladung an Kriminelle und genau diese Kombination besteht ausgerechnet bei einer Klasse an besonders klimaschädlichen Substanzen.

Sie sind oft mehrere tausendmal klimaschädlicher als CO2: Fluorkohlenwasserstoffe (FKWs oder F-Gase). Eingesetzt werden diese Klimakiller in Klimaanlagen und Kühlschränken und ersetzen dort FCKWs, die wegen ihres Chloratoms (C) die Ozonschicht zerstören. Dank einer Ergänzung des Montreal Abkommens zum Schutz der Ozonschicht, dem Kigali Amendment, sollen nun aber auch FKWs weltweit abgeschafft werden. Dazu wird in der EU die Menge an FKWs, die noch verkauft werden darf, schrittweise gesenkt. Wer FKWs produziert oder aus dem Ausland importierte FKWs in der EU verkauft, braucht daher eine Quote. Diese Quoten werden kostenlos vom FKW-Register vergeben und sind sehr beliebt: Seit dem Jahr 2015 ist die Zahl der offiziell registrierten Importeure von 282 auf 1675 gestiegen, ein Anstieg um 500 Prozent. [1]

Verdächtig. In vollem Tageslicht geht dieser Gashändler seiner Arbeit nach. (Foto: Michael Brace / Flickr)

Die plötzliche Begeisterung für den Handel mit Klimagiften hat einen einfachen Grund: Durch die künstliche Verknappung des Angebots sind FKWs in der EU sehr viel teurer als im Ausland und der Import ist folglich sehr lukrativ. Dieses Preisgefälle nutzen auch Schmuggler wie die Umweltorganisation Environmental Investigation Agency (EIA) herausgefunden hat. Bei der Vorstellung des zweiten EIA-Berichts zum FKW-Schmuggel mahnt Clare Perry die EU das Thema ernster zu nehmen: „Das schiere Ausmaß der illegalen FKW-Importe in die EU sollte in der gesamten EU die Alarmglocken läuten lassen. Dies ist das größte Öko-Verbrechen, von dem noch niemand etwas gehört hat, und das muss sich schnell ändern.“ [2] Das Ausmaß ist tatsächlich eindrücklich: EIA schätzt, dass FKWs mit einer Klimawirkung von 31 Millionen Tonnen CO2 letztes Jahr in die EU geschmuggelt wurden. [1] Das entspricht den Emissionen von Schweden.

Einen Teil der Menge lässt sich finden, indem man die Import- und Exportzahlen verschiedener Länder vergleicht. Gemäß EU-Zahlen importierte die EU letztes Jahr 160 Tonnen FKWs aus der Türkei. Der türkische Zoll hingegen hat Exporte von 706 Tonnen erfasst. Ähnlich sieht es beim Handel mit China aus. Auch hier liegen die Importe einiger EU-Länder deutlich unter den Mengen, die der chinesische Zoll veröffentlicht hat. Auffällig ist auch, dass Nachbarländer der EU wie die Türkei und die Ukraine heute doppelt so viele FKWs aus China importieren als im Jahr 2015. Da der Kühlmittelbedarf dieser Länder kaum sprunghaft gestiegen sein dürfte, liegt der Verdacht nahe, dass ein Teil dieser FKWs legal oder illegal in die EU exportiert wird. Illegale FKWs sind denn auch überall zu finden: Hessen hat vorletztes Jahr Autowerkstätten überprüft und schätzt, dass ein Viertel davon illegal eingeführte FKWs benutzen.

Ein Problem ist, dass der Handel mit FKWs nicht durchgängig kontrolliert wird. Nur derjenige, der FKWs zum ersten Mal auf den Markt bringt, braucht dafür eine Quote. Anschließend können FKWs frei gehandelt werden – ohne Nachweis, dass sie anfangs legal auf den Markt gebracht wurden. Ein weiteres Problem sei die laxe Strafverfolgung, sagt Perry: „Der illegale Handel floriert, weil Strafverfolgungen und Geldstrafen selten sind und in der Regel nicht in einem angemessenen Verhältnis zu den zu erzielenden Gewinnen stehen.“ [2] Außerdem können EU-Staaten FKWs nicht an der Grenze beschlagnahmen, wenn sich herausstellt, dass der Importeur gar keine Importquote hat. In diesem Fall wird die Ware einfach an den Absender zurückgeschickt und auch der designierte Empfänger wird nicht bestraft. Bei so viel Nonchalance wundert es nicht, dass manche hier eine lukrative Geschäftsidee wittern. Wie lange diese noch besteht, entscheidet Brüssel. Weil die EU-Klimaziele verschärft werden, müssen auch die Regeln zum Handel mit FKWs überarbeitet werden. Dies sei „eine günstige Gelegenheit um den ‚Gold Standard‘“ für den Umgang mit FKWs zu definieren, meint EIA. mic

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[1] EIA, 08.07.2021: Europe’s Most Chilling Crime: The illegal trade in HFC refrigerant gases (PDF)

[2] EIA, 08.07.2021: We expose illegal refrigerant trade in Europe – ‘the biggest eco-crime no one’s heard of’