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Australien wird zur Supermacht der Erneuerbaren

Riesige Projekte für Export von Strom und Wasserstoff in Planung

Australiens Regierung will den Kohlesektor weiter ausbauen. Australiens Unternehmer hingegen planen spektakuläre Projekte zur Produktion von Ökostrom, denn das Land hat dafür ideale Voraussetzungen.

Australien ist nicht für ehrgeizige Klimapolitik bekannt. Im Gegenteil: Das Land ist der zweitgrößte Kohleexporteur der Welt [7] und plant eine weitere Megamine, die Adani Kohlemine. Australien ist aber auch das Land, wo pro Kopf derzeit am meisten Solaranlagen und Windräder ans Netz gehen: 250 Watt pro Australier. [1] In Deutschland wird pro Einwohner noch nicht mal halb so viel neue Grünstrom-Kapazität gebaut. Das australische Stromnetz erlebe „die größte und schnellste Energiewende der Welt“ schreibt die Australische Elektrizitätsmarkt Organisation (Aemo) in ihrem neuen 20-Jahres-Plan. [2 s. S. 9] Dieser beschreibt fünf Szenarien für die Weiterentwicklung des Strommarkts. Mit der herkömmlichen Energiepolitik werden bis 2040 drei Viertel des Stroms aus Sonne, Wind und Wasserkraft erzeugt. Kostenoptimal ist das allerdings nicht: Für den australischen Stromverbraucher wäre ein Netz mit nahezu 100 Prozent Ökostrom billiger. [2 s. S. 38] „Es ist unvermeidbar“, sagte Aemo-Chefin Audrey Zibelman gegenüber der australischen Nachrichtensite Renew Economy. [3] „Es ist einfach, wer wir sind und was wir sind.“

Sidney. Die Sonne sieht in Australien nicht nur gut aus, sondern liefert auch massenhaft billige Energie. (Foto: wallpaperflare.com)

Australien hat optimale Voraussetzungen für die Produktion von erneuerbarem Strom: Viel Sonne, Wind und Platz. Hinzu kommt, dass in den kommenden 20 Jahren die meisten Kohlekraftwerke ihre geplante Nutzungsdauer erreichen. Premierminister Scott Morrison will daher nun vermehrt Gaskraftwerke bauen. Doch auch diese könnten nicht mehr lange profitabel sein, wie der Aemo-Plan zeigt: „Gaskraftwerke haben einen Kostenvorteil bei den aktuellen Gas- und Batteriekosten.“ [2 s. S. 55] Doch das ändert sich: „Neue Batterien sind kostengünstiger als neue Gaskraftwerke in den Jahren ab 2030.“

Noch exportiert Australien vor allem Kohle und Gas. Aber auch das kann sich ändern: Derzeit sind zwei Megaprojekte in Planung – für den Export von Ökostrom und von grünem Wasserstoff. Die Firma Sun Cable will im Norden Australiens ein Solarkraftwerk mit 10 Gigawatt Kapazität bauen. Das entspricht gut acht Prozent der deutschen Kapazität zur Erzeugung von Grünstrom. [8] Der Strom von Sun Cable soll dann mit einem 3800 Kilometer langen Kabel nach Singapur exportieren werden. Der Stadtstaat mit wenig Fläche könnte so ein Fünftel seines Strombedarfs decken. [4] Bislang ist Singapur auf den Import von Gas zur Stromerzeugung angewiesen.

Ein noch größeres Projekt plant der Asian Renewable Energy Hub (AREH). Die Firma will ein 15 Gigawatt Solar- und Windkraftwerk errichten und mit dem Strom grünen Wasserstoff erzeugen. Das Projekt implementiert damit Erkenntnisse einer deutsch-australischen Forschungskooperation an der etwa das Potsdam Institut beteiligt ist. Deren Forscher kommen zum Schluss: „Australien ist dafür prädestiniert, eine wasserstoffexportierende Supermacht zu werden.“ [5] In welcher Form das Gas schließlich exportiert wird, ist allerdings noch unklar. Eine Möglichkeit wäre Australiens Vorkommen an Eisenerz aus der Pilbara Region zu nutzen und mit dem Wasserstoff vor Ort grünen Stahl herzustellen, sagt AREH-Chef Alex Hewitt: „Wäre es nicht großartig, Stahl statt Eisenerz und Strom zu exportieren? Wir sitzen am Rand von Pilbara und dort gibt es viele Gelegenheiten energieintensive Industrien anzuziehen – zum billigsten Strom in Asien.“ [6] mic

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[1] The Conversation, 25.09.2019: Australia is the runaway global leader in building new renewable energy

[2] Aemo, 30.07.2020: 2020 Integrated System Plan For the National Electricity Market (PDF)

[3] Renew Economy, 30.07.2020: World’s fastest energy transition: AEMO maps path to 94 per cent renewables

[4] Bangkok Post, 25.05.2020: Australia plans to export solar power to Singapore via undersea cable

[5] The Conversation, 21.11.2019: Enough ambition (and hydrogen) could get Australia to 200% renewable energy

[6] Renew Economy, 31.072020: Australia’s two renewable export mega-projects say there is room for both, and more

[7] IEA, Juli 2020: Coal Information: Overview

[8] Clew, 30.07.2020: Germany’s energy consumption and power mix in charts

Japan will 100 Kohlemeiler schließen

Gleichzeitig sind 16 neue Kraftwerksblöcke im Bau

Dass Japan 100 Kohlemeiler schließen will, kommt überraschend und klingt eindrucksvoll. Tatsächlich passt das Land aber nur seine Kohlekapazität an den bestehenden Energieplan an. Dieser sieht zudem deutlich mehr Atomstrom und ein wenig mehr Grünstrom vor.

Die japanische Regierung hat angekündigt 100 der 140 Kohleblöcke im Land bis zum Jahr 2030 stillzulegen. Japans Umweltminister Shinjiro Koizumi sagte dazu: Dies sei „ein großer Schritt, der der internationalen Gemeinschaft Japans Entschlossenheit zeigt, eine emissionsfreie Gesellschaft zu werden.“ [1] Durch die Stilllegungen schrumpft die Kapazität von Japans Kohlemeilern von 47 auf 18 Gigawatt. [2] Gleichzeitig sind aber 16 neue Kraftwerke mit eine Kapazität von zehn Gigawatt im Bau. In den nächsten zehn Jahren schrumpft die Kapazität also nur um zwei Fünftel. Damit passt Japan seinen Kraftwerkspark an den nationalen Energieplan für das Jahr 2030 an. Dieser sieht vor, dass der Anteil von Kohlestrom von knapp einem Drittel auf 26 Prozent fällt. Japans Wirtschaftsminister bestätigte denn auch, dass die Ankündigung keine Abkehr von der bestehenden Politik bedeutet: „Japan hat im Jahr 2018 beschlossen, ineffiziente Kohlekraftwerke zu schließen, aber wir hatten noch keinen konkreten Rahmenplan. Daher machen wir jetzt einen.“ [3]

Widersprüche. Das einzige Land, in dem das Staatsoberhaupt persönlich mi der Sonne verwandt ist, kommt beim Ausbau der Erneuerbaren nicht voran. (Foto. Ee Shawn / Flickr)

Die Reaktion von Umweltorganisationen war gemischt. Kimiko Hirata, die Chefin des Kiko Umweltnetzwerks sagte: „Obwohl das ein signifikanter Schritt ist, ist er völlig unzureichend.“ [3] Auch Hanna Hakko von Greenpeace Japan sagte: „Wir begrüßen die Absicht der Regierung. Aber viele Anlagen werden weiterlaufen und neue werden gebaut. Diese Pläne müssen so schnell wie möglich gestoppt werden.“ [4] Außerdem äußerte Hakko noch eine weiter Kritik: „Wir sind tief besorgt, dass Kohlestrom durch Atomenergie ersetzt wird. Wir fordern die Regierung auf, erneuerbaren Energien und Maßnahmen zur Verbesserung der Energieeffizienz Priorität einzuräumen.“ Gemäß Japans Energieplan soll der Anteil von Atomstrom von heute 6 auf 20 Prozent steigen, indem Kraftwerke wieder ans Netz gehen, die nach der Reaktorkatastrophe im Jahr 2011 in Fukushima vom Netz gegangen sind. Der Ausbau der Erneuerbaren bleibt hingegen überschaubar: Ihr Anteil soll in den nächsten zehn Jahren von 17 auf 22 bis 24 Prozent steigen. Wenn diese Pläne umgesetzt werden, sinkt schließlich der Anteil von Gas bei der Stromerzeugung von 45 auf 28 Prozent.

Auch eine weitere Praxis Japans wird höchstens reformiert und nicht eingestellt: die Finanzierung von neuen Kohlemeilern im Ausland. Kajiyama sagte zwar, die Regierung sei „in den abschließenden Diskussionen“ über eine Verschärfung der Regeln zur Exportförderung von Kohletechnik. [5] Gleichzeitig sagte er aber auch: „Manche Entwicklungsländer haben keine andere Wahl, als Kohle für ihren Energiebedarf zu nutzen.“ [1] Während die Regierung ihre Kohlepolitik höchstens in Trippelschritten an die Erfordernisse der Klimakrise anpasst, sind viele japanische Unternehmen schon deutlich weiter. So stammt knapp ein Fünftel der knapp Tausend Firmen mit wissenschaftsbasierten Klimazielen aus Japan. [6] In dieser Initiative verpflichten sich Unternehmen, ihre Emissionen so schnell zu senken, dass die Klimaerwärmung auf „deutlich unter zwei Grad“ begrenzt werden kann, wie es das Paris Abkommen fordert. Knapp 40 japanische Firmen haben zudem angekündigt, nur noch Grünstrom zu kaufen. [7] Die Initiative RE100 twitterte in diesem Zusammenhang: „Japan ist einer der Märkte wo der Bezug von Grünstrom am schwierigsten ist, aber RE100 Firmen pushen die Nachfrage immer höher.“ [8] Ob das Folgen hat zeigt sich nächstes Jahr. Dann wird der nationale Energieplan überarbeitet. [9] mic

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[1] Bangkok Post, 03.07.2020: Japan plots shift from coal to renewable energy

[2] Simon Evans, 02.07.2020: Twitter Thread (In diesem Thread ist eine Tabelle mit den 114 ältesten und ineffizientesten Kraftwerke verlinkt. Diese haben eine Kapazität von 29 Gigawatt.)

[3] Hellenic Shipping News, 06.07.2020: Japan to accelerate closure of old coal power plants

[4] Greenpeace Japan, 02.07.2020: Greenpeace Japan welcomes the Japanese government’s intention to close inefficient coal-fired power plants by 2030

[5] SBS News, 05.07.2020: Japan considers mothballing up to 100 coal-fired power stations

[6] ScienceBasedTargets, Stand 06.07.2020: Companies

[7] RE100, Stand 06.07.2020: Companies

[8] RE100, 03.07.2020: Tweet

[9] The Mainichi, 04.107.2020: Editorial: Japan’s halt of 100 coal-fired generators no victory for decarbonization

Energiewende auf polnisch

Polen will die Erneuerbaren massiv ausbauen

Polen gilt als das Kohleland schlechthin. Doch dies ändert sich gerade und das Land ist daher ein heißer Markt für die Entwickler von Wind- und Solarprojekten. Beschleunigt wird diese Entwicklung nun noch durch die Coronakrise.

Auch in Polen wird der Strommix grüner. Letztes Jahr ist der Anteil von Kohlestrom auf 74 Prozent gefallen. Die Stromerzeugung aus Steinkohle ist um fünf und die aus Braunkohle sogar um 15 Prozent zurückgegangen. [1] Die Gründe dafür sind ein deutlicher Anstieg der Stromproduktion aus Sonne, Wind und Gas sowie mehr Stromimporten. [2] Nun könnte die Coronakrise diesen Trend noch beschleunigen wie Michal Kurtyka in einem Meinungsbeitrag für Euractiv schreibt: „Die Coronavirus-Pandemie zwang die Entscheidungsträger, ihre Sichtweise auf die Wirtschaft zu ändern und sich an die neue Normalität anzupassen.“ [3] Und diese bestehe in einer „Transformation hin zu niedrigen und Null-Emissionen“. Nachdem Polen noch im Dezember das EU-Ziel von Klimaneutralität bis 2050 für sich nicht gelten lassen wollte, ist das eine beachtliche Wende.

Bełchatów. Wann Europas grösste CO2-Schleuder, das polnische Braunkohlekraftwerk Bełchatów abgeschaltet wird, ist noch nicht bekannt. (Foto: Kamil Porembiński / Flickr)

Die Coronakrise ist dabei sowohl ein Push- als auch ein Pull-Faktor. Wie in anderen Ländern auch ist die Krise ein Schock für die polnische Wirtschaft und den Staatshaushalt. Das „stößt“ (englisch „push“) die Kohle aus dem Energiemix, denn deren Abbau und Verbrennung ist auch in Polen unrentabel. Ein ungenannter Regierungsvertreter sagte gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters: „Die Coronakrise wird riesige Summen kosten. Aus Sicht der Staatsfinanzen können wir den Abbau von Kohle nicht länger finanzieren.“ [4] Aus diesem Grund plant die polnische Regierung nach Reuters-Angaben die Schließung von drei Kohleminen. Dies solle aber erst nach der zweiten Runde der polnischen Präsidentenwahl in zwei Wochen bekannt gegeben werden. Aber auch die Kohleverstromung lohnt sich nicht mehr. Letztes Jahr entschied ein Gericht, dass sich der Energiekonzern Enea nicht am Bau des Kohlemeilers Ostrołęka C beteiligen darf. Geklagt hatte die Umweltorganisation ClientEarth nachdem sie eine Enea-Aktie erworben hatte. Peter Barnett, der ClientEarth Anwalt sagte: „Dieses Projekt war nie praktikabel, weder aus der Finanz- noch aus der Klimaperspektive.“ [5]

Sonnig. Letztes Jahr ist die Solarkapazität in Polen massiv gestiegen. Das meiste davon entfällt auf Kleinanlagen. (Grafik: Forum Energii [2])

Als Pull-Faktor wirkt die Coronakrise wegen der Notwendigkeit die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. Kurtyka schreibt: „Polen braucht unbedingt grüne Investitionen, da sie dazu beitragen werden, die Wirtschaft anzukurbeln.“ Investitionen in erneuerbare Energien eignen sich besonders gut als Stimulus: Sie haben eine hohe Hebelwirkung, weil private Investoren den größten Teil der erforderlichen Mittel aufbringen. Sie schaffen landesweit Jobs etwa bei der Installation von Solaranlagen. Und es besteht die Aussicht auf Förderung durch die EU im Rahmen des geplanten 750 Milliarden Euro Wiederaufbaufonds. Die Aussichten für Erneuerbare sind daher glänzend: Polens Institut für Erneuerbare IEO, eine Beratungsfirma, erwartet etwa dass sich die Kapazität von Solaranlagen bis 2025 auf acht Gigawatt verfünffacht im Vergleich zu 2019. [6] Und auch in Windkraft wird investiert: „Polen ist geschäftiger als jeder Markt, den ich gesehen habe, seit ich in der Erneuerbarenbranche arbeite“, sagte Gary Bills von der Beratungsfirma K2 Management gegenüber dem Nachrichtenagentur Bloomberg. „Es gibt ein riesiges Interesse an onshore und offshore Wind.“ Bloomberg betitelte den dazugehörigen Artikel denn auch mit: „Das Herzland der Kohle in Europa ist der heißeste Markt für grünen Strom“. [7] Dieser macht derzeit nur ein Fünftel der installierten Erzeugungskapazität von 47 Gigawatt aus. [2] So bleibt noch viel Raum für Wachstum. mic

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[1] Politico, 02.03.2020: Black clouds over Polish coal

[2] Forum Energii, Stand 30.06.2020: Energy sector data 2019

[3] Michal Kurtyka, 29.06.2020: Der grüne Investitionsplan wird zum Impuls für das Wirtschaftswachstum

[4] Reuters, 03.06.2020: COVID-19 pushes Poland to accelerate exit from ailing coal – sources

[5] environment analyst, 01.06.2020: ‘Unviable’ coal plant project in Poland a stranded asset

[6] PV Tech, 22.06.2020: Poland sets sights on multi-gigawatt growth as industry weathers COVID storm

[7] Bloomberg, 24.06.2020: Europe’s coal heartland is the hottest market for green power (siehe auch hier)

Der Okmok brachte Rom zur Strecke

Ein Vulkanausbruch in Alaska trug zum Untergang der römischen Republik bei

Dass das Wetter in den Jahren 43 und 42 vor Christus schlecht war, ist bekannt. Vermutet wurde auch dass ein Vulkanausbruch die Ursache dafür gewesen sein könnte. Nun weiß man auch, welcher Vulkan damals für Hungersnöte in Italien und Ägypten sorgte und so zum Untergang zweier Supermächte beitrug.

In den beiden Jahren nach der Ermordung von Julius Cäsar im Jahr 44 vor Christus spielte im Mittelmeerraum das Wetter verrückt. Das war allerdings nicht die Rache von Cäsar-freundlichen Göttern, sondern Folge eines Vulkanausbruchs. Im Januar oder Februar des Jahres 43 vor Christus brach 9000 Kilometer von Rom entfernt ein Vulkan aus: der Okmok in Alaska. Die gigantische Eruption hinterließ einen Krater mit zehn Kilometer Durchmesser und Asche wurde bis zu 30 Kilometer hoch in die Atmosphäre geschleudert. Dort verdunkelte sie die Sonne mit geschichtlich weitreichenden Folgen.

Eine aktuelle Studie von Wissenschaftlern verschiedenster Disziplinen zeigt auf wie der Okmok und das Schicksal der römischen Republik sowie Kleopatras Königreich in Ägypten zusammenhängen. [1] Am Anfang stand eine Entdeckung in einem Eisbohrkern. Dieser enthielt im Eis aus dem Jahr 43 vor Christus auffällig viel Vulkanasche. Der Experte für Paläovulkanismus Michael Sigl von der Universität Bern sagt diese ließe sich eindeutig dem Okmokausbruch zuordnen: „Kein anderer bekannter Vulkanausbruch zu dieser Zeit hat Asche mit einem geochemischen Fingerabdruck wie die Asche im Eisbohrkern außer Okmok.“ Anschließend berechneten Vulkanologen wieviel Asche die Eruption in die Atmosphäre schleuderte. Diese Daten wurden dann in ein Computermodell des Klimas gefüttert, das dann die Wettervorhersage für den Mittelmeerraum in den Jahren 43 und 42 vor Christus lieferte: Die beiden Jahre waren drei bis sieben Grad kälter als normal. Dies bestätigen auch Analysen von Baumringen, die zeigen, dass die beiden Jahre zu den kältesten der letzten zweieinhalb Jahrtausende zählen. Außerdem fiel in Italien doppelt so viel Regen wie im Durchschnitt der damaligen Zeit. Gleichzeitig verschob sich der Sommermonsun in Äthiopien am Oberlauf des Nils nach Süden, weswegen die Überflutung des Nils in Ägypten ausblieb.

Sauwetter. In den Jahren 43 und 42 vor Christus war es deutlich kälter (oben) und nässer (unten) als normal zu dieser Zeit. (Grafik: Pnas)

Die Folgen dieser extremen Wetterbedingungen wurden von verschiedenen römischen Geschichtsschreibern gut dokumentiert. Plutarch schreibt etwa in seinem Buch „Das Leben des Antonius“, dass dessen Armee im April 43 vor Christus unter Hunger litt und Wurzeln, Baumrinde und Tiere aß, „die vom Mensch noch niemals gegessen wurden“. Julius Obsequens schreibt, im Orakel von Delphi habe man im gleichen Jahr eine Stimme gehört, die schrie: „Wahnsinn der Wölfe im Winter und im Sommer wird das Getreide nicht geerntet.“ Auch das Folgejahr war hart wie der Historiker Appian schreibt. Damals war Rom „vom Hunger verwüstet“. Auch Ägypten litt unter Hunger. Seneca schreibt, dass in den beiden Jahren 43 und 42 vor Christus, der Nil nicht über die Ufer trat. Das hatte auch geostrategische Konsequenzen im Bürgerkrieg zwischen Markus Antonius und Octavian (dem späteren Kaiser Augustus) auf der einen Seite und den Mördern Cäsars auf der anderen. Zur Zeit der Schlacht bei Philippi im Oktober 42 vor Christus konnte Kleopatra, die Truppen von Markus Antonius nicht mit Getreidelieferungen unterstützen, weil Ägypten von „Hungersnöten erschöpft war“ wie Appian schreibt. [1] Antonius und Octavian gewannen die Schlacht allerdings trotzdem.

Untergang. In den Bürgerkriegen am Ende der römischen Republik wurde Rom immer wieder von den Armeen der verschiedenen Rivalen besetzt. (Bild: Thomas Cole / Wikipedia)

Letztlich trug Okmok so zum Untergang von zwei Supermächten bei: Die römische Republik wich dem römischen Kaiserreich und das Königreich der Ptolemäer endete mit Kleopatra. Die Studie schreibt dazu: „Naturkatastrophen sind bekannt dafür einen ‚Ausnahmezustand‘ zu schaffen, der Raum für schnellen sozialen und politischen Wandel schafft.“ [1] Allein verantwortlich ist Okmok allerdings nicht, wie der Historiker Joe Manning von der US-Universität Yale sagt: „Die Klimaeffekte waren ein harter Schlag für eine Gesellschaft unter Stress in einem Schüsselmoment der Geschichte.“ [2] Manning warnt vor Umweltdeterminismus: „Es ist komplexer als Untergang oder Widerstandskraft“. [3] Manche Menschen reagierten geschickt und andere weniger. Dennoch lieferten der Okmokausbruch und seine Folgen ein gutes Beispiel für die heutige Gesellschaft und ihren Umgang mit den klimatischen Veränderungen. mic

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[1] Pnas, 22.06.2020: Extreme climate after massive eruption of Alaska’s Okmok volcano in 43 BCE and effects on the late Roman Republic and Ptolemaic Kingdom

[2] ScienceDaily, 22.06.2020: Eruption of Alaska’s Okmok volcano linked to period of extreme cold in ancient Rome

[3] Science, 22.06.2020: Alaskan megaeruption may have helped end the Roman Republic

EU untergräbt Klimaziel für Luftverkehr

Kompensation von bis zu 1,7 Milliarden Tonnen CO2 könnte vereitelt werden

Werden die Emissionen auf dem Durchschnitt der Jahre 2019 und 2020 oder auf dem Niveau des Jahres 2019 gedeckelt? Über diese Frage streiten sich derzeit Umweltorganisationen und Fluggesellschaften. Die EU hat sich auf die Seite der Airlines geschlagen.

Die Coronakrise trifft die Fluggesellschaften besonders hart und viele werden von ihren Heimatländern finanziell gestützt, damit sie nicht kurzfristig pleitegehen. Die Krise könnte aber auch langfristige Folgen haben für die CO2-Emissionen der Branche. Diese sollen eigentlich auf dem Niveau der Jahre 2019 und 2020 gedeckelt werden. Darüber hinausgehende Emissionen müssen die Fluggesellschaften ab nächstem Jahr kompensieren, indem sie in Klimaschutzprojekte investieren und so andernorts Emissionen vermeiden. Dieses Programm nennt sich „Corsia“ und fällt in die Verantwortung der Internationalen Organisation für Zivilluftfahrt Icao. Dank Corsia könnten Milliarden in den Klimaschutz fließen und bis 2035 rund 2,5 Millionen Tonnen CO2 vermieden werden.

Szenarien. Basierend auf Iata Szenarien hat das Ökoinstitut die Entwicklung der Emissionen aus der Luftfahrt berechnet. (Grafik: Ökoinstitut)

Szenarien. Basierend auf Iata Szenarien hat das Ökoinstitut die Entwicklung der Emissionen aus der Luftfahrt berechnet und zeigt, was das für die “Baseline” (Berechnungsgrundlage) von Corsia bedeutet. (Grafik: Ökoinstitut)

Doch nun fordert der Verband der großen Fluggesellschaften Iata, dass nicht der Durchschnitt der Jahre 2019 und 2020 sondern nur die Emissionen des Jahres 2019 als Grundlage für Corsia genommen werden. Dies sei ein „pragmatischer und einfacher Weg die außerordentlichen Auswirkungen der Krise auf Corsia zu vermeiden“. [1] Dieser Meinung hat sich nun die EU angeschlossen. Deren Transportminister haben mit der Ausnahme von Schweden [2] beschlossen, dass 2019 die Grundlage für Corsia sein solle. Der kroatische Transportminister Oleg Butković sagte: „Die Anpassung der Berechnungsgrundlage ist entscheidend, um die Anspruchshöhe von Corsia auf einem ähnlichen Niveau zu halten.“ [3] Ähnliche Positionen vertreten China, die USA und die lateinamerikanischen Länder. [4] Daher ist es wahrscheinlich, dass die der Icao-Rat diese oder nächste Woche beschließt, die Corsia-Grundlage anzupassen.

Hochwassermarke. Die Emissionen aus dem Luftverkehr werden einige Jahre brauchn, um wieder das Niveau von 2019 zu erreichen. (Foto: Peter Schmelzle / Wikipedia)

Ob die „Anspruchshöhe“ von Corsia wegen der Coronakrise deutlich steigt, ist allerdings nicht sicher, wie eine Analyse des Ökoinstituts zeigt. [5] Entscheidend ist, wie schnell sich die Luftfahrt von Corona erholt. Mit dem Durchschnitt der Jahre 2019 und 2020 als Grundlage stellt sich die Situation so dar: Eine schnelle Erholung der Luftfahrt führt zu etwas höheren Investitionen in Klimaschutz und eine langsame Erholung zu etwas geringeren, im Vergleich zu einem Szenario ohne Coronakrise (siehe Grafik). „Der Effekte einer niedrigeren Berechnungsgrundlage und eines niedrigeren Trends der Luftfahrtemissionen gleichen sich teilweise aus“, schreibt das Ökoinstitut. Anders wäre das, wenn man nur die Emissionen des Jahres 2019 als Berechnungsgrundlage nimmt. In diesem Fall müssten die Fluggesellschaften erst im Jahr 2024 oder 2027 überhaupt in Klimaschutzprojekte investieren und bis zum Jahr 2035 lägen die gesamten Klimainvestitionen um 25 bis 75 Prozent unter dem Niveau des Szenarios ohne Coronakrise. Das Ökoinstitut schreibt daher: „Der Vorschlag würde Anreize für die Branche eliminieren, einen grünen Aufschwung zu schaffen.“

Kompensationen: Die Baseline entscheidet darüber, wie viele Emissionen die Fluggesellschaften künftig kompensieren müssen. Beim Szenario 2 (rot) beträgt der Unterschied üppige 1,7 Milliarden Tonnen bis 2035. (Grafik: mic mit Elementen von Ökoinstitut [5])

Eine Änderung der Berechnungsgrundlage hätte aber noch weitere Konsequenzen, wie ein Brief der Umweltorganisation Carbon Market Watch zeigt. [6] Denn auch im Markt für Klimaschutzprojekte gibt es zwei Seiten: die Käufer wie Fluggesellschaften und die Verkäufer, also die Projektentwickler, und auch letztere konnten nicht mir der Coronakrise rechnen. „Corsia ist ein wichtiger Mechanismus der CO2-Märkte weltweit. Änderungen an derart fundamentalen Elementen wie der Berechnungsgrundlage sollten daher mit äußerster Vorsicht unternommen werden.“ Entscheidend sei „Konsistenz“. „Ohne Konsistenz haben Investoren nicht das nötige Vertrauen, um kurz- und langfristige Investitionen zu tätigen.“

Vertrauen könnte aber auch noch anderweitig verloren gehen. Ein Gutachten der Umweltorganisation Environmental Defense Fund (EDF) kommt zum Schluss, dass der Icao-Rat mit seinen 36 Mitgliedsländern, die Berechnungsgrundlage gar nicht ändern kann. [7] Dieses Recht hat nur die Icao-Generalversammlung aller 193 Mitgliedsländer. Dass es hier ein Problem geben könnte, scheint auch die Icao zu wissen, denn sie schreibt: „Der Rat wird auch die rechtlichen Aspekte und Auswirkungen auf die Reputation der verschiedenen Optionen berücksichtigen.“ [8] Das Problem: Die nächste Icao-Generalversammlung findet erst im Jahr 2022 statt. [7] Dann soll auch der Corsia-Mechanismus zum ersten Mal überprüft werden. EDF teilt daher die Meinung des Ökoinstituts, das schreibt: „Wir empfehlen, die aktuelle 2019-2020-Berechnungsgrundlage von Corsia beizubehalten und das Anspruchsniveau im Rahmen der regulären Überprüfung des Mechanismus im Jahr 2022 wieder zu diskutieren.“ [5] Diese Position hätte sich auch die EU zu eigen machen können, hat sie aber nicht. mic

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[1] Iata, 19.05.2020: Stabilizing net CO2 at 2019 “pre-crisis” levels, rather than 2010 levels (PDF)

[2] Dagens Nyheter, 0.40.62020: The EU is reducing climate demands on aviation after the corona crisis

[3] Council of the EU, 09.06.2020: Aviation emissions: EU adopts its position on adjusted CORSIA baseline to take account of the consequences of COVID-19 pandemic

[4] Reuters, 09.06.2020: U.S. backs changes to aviation emissions scheme: sources

[5] Ökoinstitut, 25.20.2020: Should CORSIA be changed due to the COVID-19 crisis? (PDF)

[6] Carbon Market Watch et al., 25.05.2020: Open letter by carbon market stakeholders on the CORSIA impacts of COVID-19 (PDF)

[7] EDF, 09.06.2020: No, the ICAO Council can’t legally change CORSIA’s rules

[8] Icao, Stand 17.06.2020: CORSIA and COVID-19: Impact of COVID-19 on CORSIA design

Green Bonds machen Euro attraktiver

Fast die Hälfte aller grünen Anleihen ist in Euro denominiert

Die EU will die Finanzmärkte nutzen, um die Wirtschaft nachhaltiger zu machen. Das hat einen interessanten Nebeneffekt: Es stärkt die internationale Bedeutung des Euro. Zudem werden sich auch ausländische Finanzmarktakteure wohl meist an die Regeln aus Brüssel halten.

Der Markt für grüne Anleihen oder Green Bonds wächst rapide. Im Jahr 2014 wurden grüne Anleihen für neun Milliarden Dollar ausgegeben. Letztes Jahr war dieser Wert mehr als zwanzigmal so hoch und lag bei 205 Milliarden Dollar. [1 s. Box 1] Noch ist der Anteil von Green Bonds allerdings gering. Nur 2,85 Prozent aller Anleihen waren grün. Ein Währung sticht allerdings heraus: der Euro. Fast ein Zehntel aller Anleihen in Europas Währung diente der Finanzierung von Investitionen in den Klima- und Umweltschutz und durfte daher als „grün“ firmieren. Von allen Green Bonds weltweit sind 45 Prozent in Euro denominiert. Dass grüne Anleihen im Euroraum auf ein günstiges Umfeld stoßen, zeigt auch noch eine andere Zahl: Knapp ein Drittel der Emittenten solcher Anleihen stammen nicht aus dem Euroraum (siehe Grafik). In einem Bericht der Europäischen Zentralbank (EZB) über die internationale Bedeutung des Euro schreibt die Bank daher: „Die Konsolidierung der EU als globaler Umschlagsplatz für grüne Finanzinstrumente könnte den Euro als Währung der Wahl für solche Finanzprodukte stärken und seine Internationale Rolle unterstützen.“ [1] Oder anders: Dank der grünen Anleihen wird der Euro weltweit wichtiger.

Grüner. Der Euro dominiert den Markt für Green Bonds (rechts) und lockt auch viele ausländische Emittenten an (links). (Grafik: EZB)

Eine Stärkung dieses Trends verspricht sich die EZB zudem von der neuen EU-Klassifizierung nachhaltiger Aktivitäten wie der Produktion von Solarstrom, der „Taxonomie“. Diese wurde im April von den EU-Finanzministern abgesegnet und geht jetzt ins Europaparlament. [2] Dazu schreibt die EZB: „Die schnelle Umsetzung der Taxonomie könnte die internationale Rolle des Euro stärken, indem eine glaubwürdiger und standardisierter Rahmen geschaffen wird.“ [1] Mit der Taxonomie lässt sich feststellen wie grün ein Unternehmen ist. Ein Stahlhersteller, der zehn Prozent seines Stahls mit Wasserstoff und nicht mir Kokskohle produziert, ist zu zehn Prozent „Taxonomie-konform“. So lässt sich über ein ganzes Aktienportfolio berechnen, wie grün dieses ist. Anschließend können Ziele für dieses Portfolio definiert werden wie: In fünf Jahren muss das Portfolio doppelt so Taxonomie-konform sein wie heute. Die EU will so die Finanzmärkte nutzen, um die Wirtschaft insgesamt nachhaltiger zu machen und das weltweit: „Wie bei anderen EU-Regelungen sind die Auswirkungen auf Drittstaaten ein wichtiger Aspekt“, schreibt der Finanzmarktdienstleister Bloomberg. [3] Hintergrund ist hier der „Brüssel Effekt“. Weil die EU meist die strengsten Vorschriften hat, ist es für internationale Konzerne das Einfachste, sich überall an die EU-Regeln zu halten. Die EU wird daher auch als „regulatorische Supermacht“ bezeichnet.

Käufer. Noch bevorzugt die EZB Green Bonds nicht, sondern verhält sich “marktneutral” beim Kauf von Anleihen. (Foto: EUB / Thorsten Jansen)

Mit der Taxonomie lässt sich aber nicht nur eruieren, wie grün eine Firma oder ein Portfolio ist, sondern im Umkehrschluss auch wie „braun“. Hier befürchtet EZB-Chefin Christine Lagarde, dass ein Übermaß an braunen Aktivitäten letztlich zu finanzieller Instabilität führen kann. „Manche wirtschaftlichen Aktivitäten könnten schnell obsolet werden.“ [4] Das berge das Risiko, dass Güter wie etwa Ölförderanlagen innert kurzer Zeit wertlos werden. Die britische Zentralbank überlegt daher bereits, ob sie Banken bestrafen soll, wenn diese zu viele braune Anlagen in ihren Büchern haben. Banken könnten etwa gezwungen werden, für braune Kredite mehr Kapital vorzuhalten. Noch fehle aber eine verlässliche Datengrundlage, sagte der frühere Chef der Bank of England, Mark Carney, im März: „Die Einführung eines braunen Bestrafungsfaktors wird erschwert durch das Fehlen von Daten, die uns erlauben zu messen, wie riskant eine Anlage ist.“ [5] Das Problem ist, dass es Firmen freigestellt ist, was sie über ihre Klimarisiken berichten. Aber auch das will Carney ändern: „Wir denken es ist an der Zeit für ein Pflicht zur Offenlegung.“ [6] Spätestens dann ist klar, wie braun oder grün eine Anlage wirklich ist. mic

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[1] EZB, 09.06.2020: The international role of the euro

[2] Rat der EU, 15.04.2020: Sustainable finance: Council adopts a unified EU classification system

[3] Bloomberg, 09.03.2020: The EU Taxonomy for sustainable finance: FAQs for financial market participants

[4] Christine Lagarde, 27.02.2020: Climate change and the financial sector

[5] Reuters, 10.03.2020: Bank of England considers bank capital charge on polluting assets

[6] ExpertInvestor, 29.05.2020: Time for mandatory TCFD reporting, says Mark Carney

Klima und Klimaschutz sind Gefahr für die Finanzmärkte

Anleger könnten die zukünftigen Gewinne aus fossilen Energien um Billionen überschätzen

Börsenkurse spiegeln die Gewinnerwartungen der Anleger wider. Diese könnten die Gewinne aus dem Kohle-, Öl- und Gasgeschäft aber deutlich über- und die Klimarisiken deutlich unterschätzen. Beides ist eine Gefahr für die Stabilität der Finanzmärkte.

Die Nachfrage nach Kohle, Öl und Gas wird noch 20 Jahre lang weiter steigen. Davon gehen die Internationale Energieagentur (IEA) und viele Energiekonzerne aus. Sie schreiben damit den Trend der letzten 20 Jahre in die Zukunft weiter. Diese Trendfortschreibung beißt sich allerdings mit der Realität. Mittlerweile fließen drei Viertel aller Investitionen in neue Stromerzeugungskapazitäten in Sonne und Wind. Der Grund dafür sind die Kosten. Die Hälfte der neuen Solar- und Windkraftwerke produziert Strom zu geringeren Kosten als das billigste neue Kohlekraftwerk wie eine neue Studie der International Renewable Energy Agency (Irena) zeigt. [1] Selbst bestehende Kohlemeiler können oftmals nicht mehr mit neuen Solar- und Windparks mithalten. Gemäß Irena trifft dies nächstes Jahr auf Kohlemeiler mit einer Kapazität von 1200 Gigawatt zu. Wenn man davon die teuersten 500 Gigawatt durch Erneuerbare ersetzen würde ließen sich Jahr für Jahr 23 Milliarden Dollar sparen und rund fünf Prozent der globalen CO2-Emissionen vermeiden. Irena-Chef Francesco La Camera sagt daher: „Wir haben einen wichtigen Wendepunkt erreicht. Neue und viele der bestehenden Kohlekraftwerke sind ökologisch und ökonomisch nicht mehr zu rechtfertigen.“

End of the line. In der Zeche Ewald in Herten war schon im Jahr 2000 Schicht im Schacht. (Foto: PxHere)

Aber nicht nur bei der Stromerzeugung sondern auch bei Autos liegt der Wendepunkt wohl bereits hinter uns. Im vierten Quartal 2019 hatten in Deutschland knapp fünf Prozent der Neuwagen einen Elektromotor. Wo die steigende Nachfrage nach Kohle, Öl und Gas herkommen soll, ist daher nicht nachvollziehbar. Fürs Klima ist das gut, aber für die Finanzmärkte ist das eine Gefahr. Das zeigt eine neue Studie des britischen Thinktanks Carbon Tracker. [2] Diese zeigt, dass Firmen, die fossile Energien fördern wie Ölkonzerne oder verbrauchen wie Stromkonzerne, ein erhebliches Gewicht an den Finanzmärkten haben: Knapp ein Viertel der Marktkapitalisierung der Aktienbörsen und sogar über die Hälfte aller ausstehenden Anleihen entfallen auf Unternehmen, die stark von fossilen Energien abhängen. Hinzu kommen Bankkredite und Anleihen von Ländern, deren Haupteinnahmequelle der Verkauf von Öl und Gas ist. All diese Werte könnten deutlich überteuert sein, wenn die Nachfrage nach Kohle, Öl und Gas sinkt und nicht mehr steigt.

Peak. Carbon Tracker geht davon aus, dass der Höhepunkt der Nachfrage nach fossilen Energien letztes Jahr erreicht wurde, (Grafik: Carbon Tracker)

Der Hauptfaktor ist hier der Preis für fossile Energieträger. Wenn die Nachfrage sinkt, besteht eine Überkapazität und die Preise sind niedrig. Sobald den Finanzmarktakteuren bewusst wird, dass dies eine strukturelle Veränderung und nicht nur ein zyklische Delle ist, passen sie ihre Gewinnerwartungen an. Das kann insbesondere bei Aktien zu einer abrupten Neubewertung führen, denn Aktienkurse spiegeln die erwarteten zukünftigen Gewinne wieder. Dabei geht es um sehr große Summen. Die Weltbank hat im Jahr 2018 den Wert aller zukünftigen Gewinne aus dem Kohle-, Öl- und Gasgeschäft auf 39 Billionen Dollar geschätzt. Sollte der Verbrauch fossiler Energien aber ab jetzt um jährlich zwei Prozent sinken, schätzt Carbon Tracker den Wert dieser Gewinne auf nur noch 14 Billionen Dollar. Der Unterschied zwischen diesen beiden Zahlen entspricht mehr als einem Viertel der globalen Wirtschaftsleistung eines Jahres. Aber es gibt natürlich auch Gewinner wie der Autor der Studie, Kingsmill Bond, festhält: „Das ist eine riesige Chance für Länder, die fossile Energien importieren. Sie können Billionen Dollar sparen, indem sie zu sauberen Energien wechseln.“

Für die Finanzmärkte ist aber nicht nur die Neubewertung von fossilen Energien eine Gefahr, sondern auch der Klimawandel. Das zeigt ein Bericht des Internationalen Währungsfonds IMF: „Die Bewertung von Aktien im Jahr 2019 scheint die prognostizierten Veränderungen des Risikos unter verschiedenen Klimawandelszenarios nicht angemessen widerzuspiegeln. Das deutet darauf hin, dass Investoren den Klimarisiken nicht genug Beachtung schenken.“ [3 s. S. 85] Gefahr droht Investoren also aus zwei Richtungen: Sinken die Emissionen langsam, droht eine Neubewertung wegen der immer größeren Klimarisiken. Sinken die Emissionen schnell, kommt es zu einer Neubewertung von fossilen Energien. Das Klima ist für letzteres. mic

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[1] Irena, 02.06.2020: Renewables Increasingly Beat Even Cheapest Coal Competitors on Cost

[2] Carbon Tracker, 04.06.2020: Decline and Fall: The Size & Vulnerability of the Fossil Fuel System

[3] IMF, April 2020: Global Financial Stability Report: Markets in the Time of COVID-19 (PDF)

Elektroautos schaffen Durchbruch

Europa investiert jetzt mehr in Elektroautos als China

Im letzten Quartal des Jahres 2019 erreichten Elektroautos einen Marktanteil von knapp fünf Prozent und dieser steigt weiter. Damit ist der Wendepunkt erreicht, ab dem Elektroautos nun nach und nach Fahrzeuge mit Benzin- und Dieselmotoren aus dem Markt drängen.

Lange Zeit schien Europa bei Elektroautos den Anschluss an China zu verlieren. Doch das Jahr 2019 brachte schließlich den Wendepunkt wie eine neue Studie der Umweltorganisation Transport and Environment T&E zeigt. [1] Im letzten Quartal des Jahres stieg der Marktanteil von Elektroautos in der EU auf 4,4 Prozent aller Neuwagen. Insgesamt wurden 485.000 reine Elektroautos und Hybridfahrzeuge abgesetzt. Die Marktforscher von IHS Markit erwarten zudem, dass diese Zahl weiter steil ansteigt: auf 1,4 Millionen dieses Jahr und auf über 2 Millionen nächstes Jahr. Diese Schätzung stammt allerdings vom Februar und berücksichtigt die Werksschließungen in Folge der Coronakrise noch nicht. Dass die Krise den Trend zur Elektromobilität bremst ist allerdings unwahrscheinlich. Im Gegenteil: Im März erreichten Elektroautos einen Marktanteil von 12 Prozent in Frankreich, 9,2 Prozent in Deutschland und 7,3 Prozent in Großbritannien.

Gigafactory. So soll die Batteriefabrik von Northvolt in Schweden einmal aussehen. (Bild Northvolt)

Mittlerweile investieren die Autohersteller denn auch massiv in Fabriken für Elektroautos und Batterien. In den zwölf Monaten von Mitte 2017 bis Mitte 2018 lagen die Investitionen bei bescheidenen 3,2 Milliarden Euro. Im Jahr 2019 war diese Zahl zwanzigmal grösser. Damit stellt die EU auch China in den Schatten dort betrugen die Investitionen weniger als ein Drittel derjenigen Europas. „Vor wenigen Jahren war Europa nirgends im Rennen um die Überlegenheit bei Elektroautos“ sagt Saul Lopez von T&E. „Aber die EU-Grenzwerte für CO2-Emissionen haben Autohersteller und Regierungen zum Nachdenken gezwungen und nun 60 Milliarden Euro zu investieren und endlich die Lücke zu China zu schließen.“ Lopez fordert außerdem die Konjunkturpakete im Rahmen der Coronakrise zu nutzen, um diesen Trend noch verstärken: „Erfolg in diesem Markt ist jetzt Europas Industriestrategie und Politiker sollten nun die Stimulusgelder nutzen, um einen grünen Aufschwung voranzutreiben.“

Verkehrte Welt. Europa hat China bei den Investitionen in eine Zukunftstechnologie überholt. (Grafik: T&E)

Damit könnten sie Elektroautos helfen auch noch die letzte große Hürde zu überwinden: die Parität beim Kaufpreis. Wenn man die gesamten Kosten während der Nutzungsdauer eine Elektroautos mit denen von herkömmlichen Benzin- oder Dieselfahrzeugen vergleicht, schneiden die Stromer schon heute in der Regel besser ab. Der Kaufpreis liegt derzeit aber noch über dem eines Autos mit Verbrennungsmotor. Das liegt an den Kosten für Batterien trotz gewaltiger Fortschritte. Vor zehn Jahren kostete eine Batterie mit einer Kapazität von einer Kilowattstunde (kWh) über 1100 Dollar. Letztes Jahr bekam man eine solche Batterie schon für 156 Dollar, wie der britische Thinktank Bnef schätzt. Dieser Trend wird sich fortsetzen und Bnef erwartet, dass der Batteriepreis pro kWh im Jahr 2024 unter die Hundert-Dollar-Marke fällt. An diesem Punkt sind Elektroautos auch in der Anschaffung günstiger als Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren. Eine gezielte Förderung von Elektroautos in den kommenden Jahren hilft diesen also beim Endspurt zur Kaufpreis-Parität.

Und auch Batterien kommen längst nicht mehr zwangsläufig aus China. Von den 60 Milliarden an Investitionen in Elektroautos letztes Jahr floss ein Fünftel in den Aufbau der EU-Batteriefertigung. mic

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[1] T&E, 27.05.2020: Can electric cars beat the COVID crunch? (PDF)

[2] Bnef, 03.12.2020: Battery Pack Prices Fall As Market Ramps Up With Market Average At $156/kWh In 2019

Kommt der Kohleausstieg ohne Gesetz schneller?

Die Entschädigungen sind ein Anreiz Meiler weiter am Netz zu lassen

Am Montag hört der Wirtschaftsausschuss des Bundestages Experten zum Kohleausstiegsgesetz an. Inzwischen wird die Kritik immer lauter, die Vorlage würde das Leben der Kohle verlängern statt verkürzen.

Noch vor der Sommerpause soll das Kohleausstiegsgesetz vom Bundestag verabschiedet werden. Das jedenfalls sei sein Ziel, sagt Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU). Ein Schritt dazu ist eine dreistündige Gesetzes-Anhörung am Montag im Wirtschaftsausschuss des Bundestages. Die teilweise 50 Seiten starken Stellungnahmen zweifeln zwar kaum an, dass mit dem Gesetz im Jahr 2038 der letzte deutsche Kohlemeiler vom Netz gehen wird. Viele Details werden aber teilweise vernichtend kritisiert. So sollen den Betreibern von Braunkohle- und zum Teil auch Steinkohlekraftwerken Entschädigungszahlungen für die Stilllegung zustehen. Damit haben sie einen Anreiz, sich an den gesetzlichen Ausstiegsfahrplan zu halten. Das könnte aber auch dazu führen, dass Meiler nur wegen dieser Abschaltprämie weiterbetrieben werden und nicht, weil es sich wirtschaftlich noch lohnt. In dem Fall würde das Gesetz den Kohleausstieg verzögern.

Payday. Es gibt auch ein Spiel zum Kohleausstiegsgesetz. Dieses lässt sich allerdings nicht aus Sicht der Steuerzahler spielen. (Bild: Overkill Software)

Diese Befürchtung erhielt in den letzten Monaten neue Nahrung. So schätzt der britische Thinktank Carbon Tracker, dass schon im vergangenen Jahr rund 90 Prozent der deutschen Kohlekraftwerke ihre Kosten nicht decken konnten. [1] Mit jeder erzeugten Megawattstunde Strom verloren die Betreiber im Schnitt umgerechnet acht Euro. Nicht nur bei den Kosten, auch bei der Auslastung kommt die Kohleverstromung unter Druck. Im April 2020 deckte Braun- und Steinkohle nur noch 16 Prozent der deutschen Stromproduktion ab. [2] Im Vorjahr lag dieser Wert noch bei knapp 30 Prozent. [3] Der Rückgang liegt an einem steigenden Anteil von Ökostrom, aber auch Gaskraftwerke konnten – aufgrund sehr niedriger Gaspreise – Kohlestrom aus dem Markt drängen.

Dass viele Kohlekraftwerke derzeit öfter stillstehen, bedeutet allerdings nicht, dass der jeweilige Betreiber bereit ist, seine Anlage für immer vom Netz zu nehmen. Das tut er nur, wenn er davon ausgehen muss, dass das Kraftwerk auch in Zukunft nicht rentabel betrieben werden kann. Das hängt von mehreren Faktoren ab. So war die inländische Stromnachfrage im April 18 Prozent niedriger als im Vorjahr. [2] [3] Wie sich die Nachfrage entwickeln wird, hängt mittelfristig vom weiteren Verlauf der Corona- und Wirtschaftskrise ab. Für die USA erwartet die US-Investmentbank Goldman Sachs, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) erst im Oktober 2021 wieder das Niveau vom Januar dieses Jahres erreicht. [4] Voraussetzung ist allerdings, dass es keine zweite Lockdown-Welle gibt und sich die Wirtschaft von jetzt an langsam wieder normalisiert. Wie das in Deutschland vor sich gehen wird, ist noch nicht klar.

Doch selbst wenn der Strombedarf wieder zulegt, sehen sich Betreiber von Kohlemeilern einen stetig steigenden Anteil an Ökostrom gegenüber. Zwar wird Ende 2022 das letzte deutsche AKW abgeschaltet – an diese Stelle könnte aber nicht Kohlestrom, sondern Strom auf Gasbasis rücken. Dies liegt an drei Preisen: dem Erdgas- und Kohlepreis sowie dem Preis für das Recht, CO2 auszustoßen. Der Gaspreis in Europa sank in den letzten beiden Jahren um zwei Drittel. Zurzeit besteht auf dem Weltmarkt ein Überangebot an Flüssigerdgas (LNG). Zudem steht die umstrittene Gaspipeline Nord Stream 2 kurz vor der Vollendung. Sie verdoppelt die Exportkapazität von Russland nach Deutschland. Damit dürfte der Gaspreis in Europa auch künftig niedrig bleiben.

Der Preis für Steinkohle hingegen fiel in den letzten beiden Jahren nur um die Hälfte. Und dann sind da noch die Kosten für CO2-Emissionsrechte: Für jede Megawattstunde Strom emittiert Braunkohle mehr als eine Tonne des Treibhausgases, Steinkohle knapp eine Tonne – moderne Gaskraftwerke aber weniger als eine halbe Tonne. [5 s. S. 22 ff] Bis Mitte 2017 spielte das keine Rolle, weil der Preis für den Ausstoß einer Tonne CO2 bei rund fünf Euro lag. Seither ist der Preis aber auf bis zu 28 Euro gestiegen und schwankte zuletzt zwischen 15 und 21 Euro. Carbon Tracker schätzt, dass der CO2-Börsenpreis unter neun Euro liegen müsste, damit Steinkohle gegenüber Gas beim Strom konkurrenzfähig ist. [1]

Der Strompreis lag im April im Schnitt bei 16 Euro pro Megawattstunde. [6] Das ist weniger als die Hälfte des Vorjahreswerts und deckt bei Kohlekraftwerken nicht einmal die Kosten für die Verschmutzungsrechte. [7] Die Preise an der Leipziger Strombörse schwanken allerdings sehr stark – davon profitieren nur Kraftwerke, die schnell hoch- und runtergefahren werden können, wie Wasser- und Gaskraftwerke sowie moderne Steinkohlekraftwerke. Braunkohle- und Atomkraftwerke hingegen sind eher unflexibel. [8] Alles in allem haben die Betreiber von Kohlekraftwerken derzeit einen starken wirtschaftlichen Anreiz, ihre Kraftwerke von sich aus stillzulegen. Ob sich dieser Anreiz künftig abschwächt oder weiter verstärkt, lässt sich kaum abschätzen.

Dennoch ist im Kohleausstiegsgesetz zumindest für die Braunkohle eine feste Entschädigung von 4,35 Milliarden Euro festgelegt, kritisiert Hanns Koenig von der Beratungsfirma Aurora Energy Research in seiner Stellungnahme für den Wirtschaftsausschuss. [9] Diese Vorab-Festlegung bei der Braunkohle lasse keine Anpassung der Entschädigungen an sich ändernde Märkte zu, beispielsweise wenn sich der EU-Emissionshandel im Zuge des Green Deal ändert. Das schaffe das Risiko einer “Überkompensation”, meint Koenig und plädiert dafür, die Entschädigungen an den Preis für den Grundlaststrom und für die CO2-Rechte zu koppeln. Beide Angaben seien ein guter Indikator für die Profitabilität von Braunkohlekraftwerken.

Auch die bekannte Rechtsanwältin Roda Verheyen befürchtet in ihrer Stellungnahme zum Ausstiegsgesetz eine Überkompensation für die Braunkohle. [10] Wegen der späten Abschaltung verbunden mit der Milliarden-Entschädigung sei es für Betreiber trotz steigender CO2-Preise unter Umständen wirtschaftlich, ihr Kraftwerk weiterzubetreiben. Verheyen selbst hält Entschädigungen für die Betreiber von Kohlekraftwerken für kaum vertretbar. Die Mehrheit entsprechender verfassungsrechtlicher Analysen komme zu dem Ergebnis, dass der Kohleausstieg “weitgehend entschädigungslos” oder im Einzelfall mit Übergangsfristen erfolgen könne. Zudem befänden sich die hiesigen Stein- und Braunkohlekraftwerke heute – “anders als zur Zeit der Einsetzung der Kohlekommission”, wie es in Verheyens Stellungnahme heißt – am Rande der Wirtschaftlichkeit. Das Kohleausstiegsgesetz müssen deswegen sicherstellen, dass es keinen Anreiz entfaltet, Kraftwerke länger zu betreiben als nach europäischem und deutschem Klimaschutzrecht zu erwarten.

Um zu verhindern, dass die geplanten Entschädigungen den Ausstieg behindern, hat die Bundesregierung nach Ansicht von Felix Christian Matthes vom Öko-Institut sogar eine Hintertür offen gelassen, falls es zu sogenannten marktgetriebenen Stilllegungen kommt. Der entscheidende Punkt sei hier, schreibt Matthes in seiner Stellungnahme für den Ausschuss, der Auszahlungsmodus. [11] Laut dem Gesetzentwurf solle die Entschädigung in 15 gleich großen Jahrestranchen fließen, beginnend mit dem Zeitpunkt der ersten endgültigen Stilllegung eines Kraftwerksblocks des Betreibers. Matthes: “Die bisher vorgesehene Regelung könnte auch so interpretiert werden, dass die Zahlungen in jeder Variante einer endgültigen Stilllegung, das heißt entweder im Rahmen des Ausstiegsgesetzes oder aber marktgetrieben, beginnen.” Wenn aber der Gesetzestext so gemeint ist, dass bei schnelleren Stilllegungen der Anlagen die bisher fest zugesagten Entschädigungen entfallen, könnte das aus Sicht von Matthes die marktgetriebene Abschaltung von Kohlekraftwerken wiederum blockieren.

Ob das Ausstiegsgesetz das Leben der Kohle nun verlängert oder nicht, lässt sich somit noch nicht eindeutig beantworten. Vielleicht bringt ja die Anhörung hier endlich mehr Klarheit. mic zusammen mit Jörg Staude

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[1] CarbonTracker, 08.04.2020: Political decisions, economic realities: The underlying operating cashflows of coal power during COVID-19

[2] Fraunhofer, Stand 15.05.2020: Net public electricity generation in Germany in April 2020

[3] Fraunhofer, Stand 15.05.2020: Net public electricity generation in Germany in April 2019

[4] ZeroHedge, 13.05.2020: The Worst Is Over: Goldman Finds US Economy Is Now “Through The Trough”

[5] Bundestag, 2007: CO2-Bilanzen verschiedener Energieträger im Vergleich (PDF)

[6] Fraunhofer, Stand: 25.05.2020: Monthly electricity spot market prices in Germany in April 2020

[7] Fraunhofer, Stand 25.05.2020: Monthly electricity spot market prices in Germany in April 2019

[8] CarbonBrief, 29.04.2020: Coronavirus has cut CO2 from Europe’s electricity system by 39%

[9] Aurora, 20.05.2020: Stellungnahme zum Entwurf eines Gesetzes zur Reduzierung und zur Beendigung der Kohleverstromung und zur Änderung weiterer Gesetze (PDF)

[10] Rechtsanwälte Günther, 20.05.2020: Stellungnahme zur Öffentlichen Anhörung am 25.Mai 2020 (PDF)

[11] Öko-Institut, 20.05.2020: Stellungnahme zur Anhörung des Ausschusses für Wirtschaft und Energie des 19. Deutschen Bundestages am 25. Mai 2020 (PDF)

Corona drängt Kohlestrom aus dem Netz

Kohlestrom ist teurer als jeder andere Strom

Rund um die Welt sinkt die Kohleverstromung während die Ökostromproduktion steigt. Das sorgt für einen Strommix, der eigentlich erst in der Zukunft erwartet wurde. Damit das so bleibt, müssen die Stimulusgelder in Zukunftstechnologien investiert werden.

Minus 39 Prozent. In der EU sind im April die CO2-Emissionen aus der Stromerzeugung im Vergleich zum Vorjahr um 39 Prozent gefallen. [1] Zum kleineren Teil liegt das an der gesunkenen Stromnachfrage: Diese ging wegen der Coronakrise um 14 Prozent zurück. [1] Zum größeren Teil liegt das aber am veränderten Strommix. Der große Gewinner ist Solarstrom. Dank neuer Anlagen, die letztes Jahr errichtet wurden, und des schönen Wetters ist hier die Produktion um 28 Prozent gestiegen. Der größte Verlierer ist Kohle: Die Stromproduktion aus Braun- und Steinkohle brach um über 40 Prozent ein. [1] ]Denn mittlerweile ist der dreckigste Strom auch der teuerste. Bei der Erzeugung von einer Megawattstunde Kohlestrom wird rund eine Tonne CO2 emittiert. Dafür muss der Stromkonzern ein Verschmutzungsrecht kaufen. Diese haben sich etwas verbilligt aber kosten noch immer knapp 20 Euro pro Tonne. [2] Dazu kommen die Kosten für die Kohle. Ein Gaskraftwerk kann hingegen eine MWh Strom für rund 20 Euro produzieren – alle Kosten inklusive. [1] Das liegt auch am Gaspreis. Dieser ist in den letzten beiden Jahren um zwei Drittel gefallen, während sich der Preis für Kohle nur halbiert hat. [3] [4]

Fast forward. Für die Stromindustrie ist die Coronakrise eine Postkarte aus der Zukunft – einer Zukunft ohne Kohle. (Illustration: Gerd Altmann / Pixabay)

Am billigsten ist aber Solar- und Windstrom. Wenn eine Solaranlage oder ein Windrad einmal gebaut ist, fallen bei der Stromerzeugung keinen weiteren Kosten mehr an. Die „Grenzkosten“ liegen bei null. Daher ist erneuerbarer Strom eigentlich auch nicht auf den Einspeisevorrang angewiesen. Billiger als Fossilstrom ist Ökostrom aus bestehenden Anlagen allemal. Diese Preisdynamik gilt auch für andere Länder. [12] Derzeit purzeln täglich Rekorde: In den USA wurde an jedem Tag im April mehr Grünstrom als Kohlestrom produziert. [5] Das gab’s noch nie. Besser ist aber Großbritannien: Dort wurde seit über einem Monat überhaupt kein Kohlestrom mehr produziert. [6] Aber auch in Indien sinkt die Kohleverstromung: Im April ging sie um knapp ein Drittel zurück – mit großen Auswirkungen auf die Luftqualität. [7] Letzteres könnte dafür sorgen, dass das Land nach der Krise nicht einfach zur alten Normalität zurückkehrt. Anumita Chowdhury, eine Expertin für Luftverschmutzung beim indischen Thinktank Center for Science and Environment, sagt: Die bessere Luftqualität sei „ein großes, unbeabsichtigtes Experiment“, das zeige „wie groß die erforderlichen Veränderungen“ seien. Gleichzeitig merkten die Menschen aber auch, „was es bedeutet, saubere Luft zu atmen“. [8]

Der veränderte Strommix ist aber noch aus einem anderen Grund „eine Postkarte aus der Zukunft“, wie Michael Liebreich, der Gründer des britischen Thinktanks Bnef schreibt: Netzbetreiber rund um die Welt müssen lernen, mit einem deutliche höheren Anteil an variablem Ökostrom klarzukommen. [9] Dabei zeigt sich, dass Braunkohle- und Atommeiler besonders unflexibel sind. Diese laufen auch bei negativen Strompreisen oft weiter. [1 ]Das ist teuer, denn die Zahl der Stunden mit negativen Preisen ist stark gestiegen: Deutschland verzeichnete in den ersten hundert Tagen des Jahres 60 Prozent mehr Stunden als letztes Jahr, wo der Strompreis unter Null lag. [1] Diese Perioden sind hingegen ideal für große Batteriespeicher. Dabei sind diese bereits heute und auch bei positiven Strompreisen konkurrenzfähig, wie Bnef ausgerechnet hat: „Batteriespeicher sind bei Neuanlagen die billigste Technologie für Nachfragespitzen (von bis zu zwei Stunden) in Regionen wie Europa, China oder Japan, die auf Gasimporte angewiesen sind.“ [10] Die „Postkarte aus der Zukunft“ könnte daher auch diesen Satz enthalten: „Ach übrigens, wir brauchen jetzt auch für Nachfragespitzen keine Fossilkraftwerke mehr, sondern puffern die Spitzen mit Batterien ab.“

Was genau auf der Postkarte stehen wird, ist allerdings noch nicht entschieden. Dies hängt insbesondere davon ab, wie die Stimulusgelder eingesetzt werden. Wenn diese in Energieeffizienz, Elektrifizierung und Sektorkopplung fließen, wird vom blauen Himmel und sauberer Luft die Rede sein, andernfalls von der alten, grauen Normalität. Patrick Graichen, der Direktor des deutschen Thinktanks Agora Energiewende, sagt daher: „Das Konjunkturprogramm, das die Bundesregierung auflegen wird, zieht Investitionsmittel von morgen vor – also müssen wir auch die Investitionsentscheidungen von morgen vorziehen. Wir dürfen nicht mit dem Geld von morgen die Technologien von gestern finanzieren.“ [11] mic

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[1] CarbonBrief, 29.04.2020: Coronavirus has cut CO2 from Europe’s electricity system by 39%

[2] ICE, Stand 12.05.2020: EUA Futures

[3] ICE, Stand 12.05.2020: Dutch TTF Gas Futures

[4] ICE, Stand 12.05.2020: API2 Rotterdam Coal Futures

[5] GoodNewsNetwork, 10.05.2020: For the First Time, U.S. Renewable Energy Surpasses Coal Every Day For An Entire Month

[6] Carbon Brief, Update 11.05.2020: Great Britain hits coal-free electricity record amid coronavirus lockdown

[7] CarbonBrief, 12.05.2020: India’s CO2 emissions fall for first time in four decades amid coronavirus

[8] Washington Post, 11.04.2020: In India, life under coronavirus brings blue skies and clean air

[9] BloombergNEF, 26.03.2020: Liebreich: Covid-19 – The Low-Carbon Crisis

[10] BloombergNEF, 28.04.2020: Scale-up of Solar and Wind Puts Existing Coal, Gas at Risk

[11] Patrick Graichen, 11.05.2020: Tweet

[12] IEA, April 2020: Global energy and CO2 emissions in 2020