weltinnenpolitik.net Rotating Header Image

Der Seeotter und das Klima

Einige Tierarten haben grossen Einfluss auf den CO2-Kreislauf in ihrem Umfeld

Wenn in einem Ökosystem Raub- und andere Grosstiere fehlen, dann profitieren davon andere Arten etwa Pflanzenfresser. Dadurch kann die Fähigkeit des Ökosystems, CO2 zu binden, deutlich reduziert werden. Die Artenvielfalt wird folglich nicht nur durch den Klimawandel gefährdet, sondern entscheidet auch darüber wie schnell dieser fortschreitet.

Seeotter haben das dichteste und feinste Fell aller Pelztiere. Das wäre ihnen fast zum Verhängnis geworden. Vor hundert Jahren war das possierliche Raubtier fast ausgerottet. 1911 wurde dann der Handel mit Seeotterfellen verboten. Seither haben sich die Bestände wieder auf über 100‘000 Tiere erholt. Neben den Seeottern selbst profitieren davon die Tourismusindustrie an der US-Westküste und das Klima. Denn Seeotter verzehren in grossen Mengen pflanzenfressende Seeigel. Damit schützen sie die Tangwälder (auch Kelp- oder Algenwäder genannt), die grosse Mengen Kohlenstoff binden – zwischen vier und sechs Millionen Tonnen CO2 pro Jahr oder rund zehn Prozent der Schweizer Emissionen. Beim aktuellen CO2 Preis von sechs Euro pro Tonne haben die Otter damit einen ‚finanziellen Nutzen‘ von rund 30 Millionen Euro. Oder anders: Jeder Otter ist für die Neutralisierung von 50 Tonnen CO2 pro Jahr verantwortlich und ‚erwirtschaftet‘ so 300 Euro. [1]

Geschafft. Nach schwerer Arbeit bei der Seeigelbeseitigung lässt sich dieser Seeotter von der Ebbe aufs Meer hinaus treiben. (Foto: Mike Baird / Wikimedia)

Geschafft. Nach schwerer Arbeit bei der Seeigelbeseitigung lässt sich dieser Seeotter von der Ebbe aufs Meer hinaus treiben. (Foto: Mike Baird / Wikimedia)

Der Seeotter ist aber nicht der einzige Klimaschützer im Tierreich. Klimafolgen hat auch die Jagd auf Bären und Wölfe in Kanada und Russland. Diese Raubtiere kontrollieren ebenfalls den Bestand an Pflanzenfressern. Rentiere und Elche fressen die Triebe junger Bäume. Wenn deren Population steigt, wachsen die Bäume langsamer und werfen auch weniger Nadeln ab. In diesen Nadeln ist CO2 gebunden, das im Boden gespeichert wird. Eine Zunahme der Elchdichte von 0,5 auf 1,5 Tiere pro Quadratkilometer führt dazu, dass 10 bis 25 Prozent weniger CO2 im Boden gespeichert wird. [1] Das ist dramatisch angesichts der Grösse der Taiga (auch borealer Wald) ist: Sie bedeckt 14 Millionen Quadratkilometer oder mehr als 10 Prozent der gesamten Landmasse der Erde.

In manchen Ökosystemen entscheiden aber auch die Pflanzenfresser, wieviel CO2 gebunden wird. So sind Tapire sowie Woll- und Klammeraffen im Amazonas Regenwald klimarelevant. Sie fressen Früchte mit relativ grossen Samen und tragen so zur Verbreitung dieser Fruchtbäume bei. Ohne diesen tapirbasierten Samentransport setzen sich kleinere Baumarten durch, die weniger CO2 binden. Diesen Zusammenhang zeigt eine Studie in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Science. [2] Für diese Studie haben Wissenschaftler Tapire, Affen und Bäume gezählt. Dabei hat sich gezeigt, dass selbst in ansonsten intakten Waldgebieten Tapire und Affen gejagt werden – mit schwerwiegenden Folgen: „Wir zeigen, dass Baumarten mit dichtem Holz und grossen Samen ersetzt werden durch Bäume mit kleineren Samen, die auch in überjagten Wäldern noch durch Vögel verbreitet werden.“, sagt Carlos Peres, der Leitautor der Studie. [3] Auf Dauer binden überjagte Gebiete deshalb rund 5,8 Prozent weniger CO2, als Wälder mit einem normalen Tierbestand. [2]

In Graslandschaften wie der Serengeti in Ostafrika haben ebenfalls die Pflanzenfresser die Überhand. Dort managen 1,2 Millionen Gnus den CO2 Haushalt. Aufgefallen ist dies, nachdem der Gnubestand durch Krankheiten und Wilderei auf ein Viertel gefallen war. Da grosse Flächen nicht mehr abgegrast wurden, sammelte sich dort immer mehr trockenes Gras und es kam zu riesigen Steppenbränden. Damit wurde die Serengeti plötzlich zu einer Quelle von CO2. In den letzten Jahren hat sich der Gnubestand wieder erholt und die Tiere gehen ihrer Klimapflicht nach: dem Verdauen. Sie fressen Gras und scheiden es als Gnudung wieder aus. Dieser Dung wird dann von Insekten und Mikroorganismen in den Boden eingearbeitet, wo das CO2 für lange Zeit gespeichert bleibt. [1]

Einige Arten relativ grosser Tiere haben sowohl zu Wasser als auch zu Land einen massgeblichen Einfluss auf die Fähigkeit ihrer Umwelt CO2 zu speichern. Für Oswald Schmitz von der Universität Yale muss das Wechselspiel zwischen Klimawandel und Artenschutz daher neu gedacht werden: Tierarten seien nicht nur „hilflose Opfer“ des Klimawandels oder „Passagiere auf einem Schiff, das dem Untergang geweiht ist“, sondern „wichtige Einflussfaktoren auf dem Klimaschiff“. „Dies ist fast schon ein Argument für das ‚Wiederverwildern‘ (englisch ‚rewilding‘) von Landschaften, um sicher zu stellen, dass die natürliche Balance von Raub- und Beutetieren besteht.“, sagt Schmitz. [4] Zum ‚Rewilding‘ [5] [6] gehört aber nicht nur die Wiederbesiedlung mit Raubtieren wie Wölfen und Bären sondern auch mit grossen Pflanzenfressern. So wurden im Rothaargebirge im Jahr 2013 acht Wisente in die Wildnis entlassen. [7] Diese waren vor 400 Jahren in Deutschland ausgestorben. Bernd Fuhrmann, der Bürgermeister von Bad Berleburg sagte dazu: „Dies ist ein Ereignis von historischer Bedeutung für den Artenschutz.“ [7] Schmitz hofft derweil, dass intelligenter Artenschutz „ein Schlüssel sein könnte, um das Klimaproblem zu lösen“. [1] Relativ billig wäre es obendrein und die Zustimmung der Seeotter gilt ebenfalls als gegeben. mic

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Dann abonnieren Sie doch weltinnenpolitik.net per RSS oder Email
oder folgen sie der Facebook Seite

[1] e360, 25.01.2015: How ‘Natural Geoengineering’ Can Help Slow Global Warming

[2] Pnas, 10.12.2015: Dispersal limitation induces long-term biomass collapse in overhunted Amazonian forests

[3] eurekalert, 25.01.2015: Over-hunting threatens Amazonian forest carbon stocks

[4] Yale, 16.10.2013: Carbon Models Underestimate Role of Animals, Paper Says

[5] Spiegel Online, 24.10.2013: Europe Gone Wild: Back to Nature on the Continent

[6] The Guardian, 15.07.2015: 15 species that should be brought back to rewild Britain

[7] Wisent-Welt, 12.04.2013: Acht freigelassene Tiere machen den Anfang / Wisente erobern die Wälder zurück

Kredite an Fracking-Firmen werden faul

Kurzfristig fördern auch bankrotte Firmen weiter Öl

Am Ölmarkt besteht ein Überangebot und der Ölpreis fällt immer weiter. Manche US-Produzenten von Schieferöl können daher ihre Kredite nicht mehr bedienen. Das bedeutet aber nicht, dass sie die Ölförderung einstellen. Im Gegenteil: Wer pleite ist, hat einen Kostenvorteil.

Der Ölpreis ist seit Beginn dieses Jahres um gut ein Fünftel gefallen. Ein Fass (159 Liter) der Nordsee Ölsorte Brent kostet mittlerweile weniger als 30 Dollar. Vor anderthalb Jahren war das ‚schwarze Gold‘ noch knapp vier Mal so teuer. Für den Preisverfall in den letzten zwei Wochen sind vor allem China und Iran verantwortlich. In China scheint die Wirtschaft noch langsamer zu wachsen als noch Ende 2015 geschätzt und der Iran kann wieder Öl auf dem Weltmarkt verkaufen, nachdem am letzten Wochenende die Sanktionen gegen das Land aufgehoben wurden (siehe Kasten). Der Rückgang der Preise in den Monaten zuvor ist aber den USA und Saudi Arabien geschuldet: Die USA haben in den letzten fünf Jahren ihre Ölproduktion fast verdoppelt und fördern nun knapp zehn Millionen Fass pro Tag. Dieser Anstieg ist zwei Technologien zu verdanken: der Möglichkeit waagrechte Löcher in die Erde zu bohren und dem Fracking. Bei letzterem wird eine Chemikalien-Sand Lösung in die Bohrlöcher gepresst, um das Gestein aufzubrechen und Schiefergas oder –öl herauszulösen. Doch diese Fördertechnik ist relativ teuer. Daher hat das von Saudi Arabien angeführte Ölkartell Opec bislang seine Fördermenge beibehalten – in der Hoffnung die neue Konkurrenz schliesslich durch niedrige Preise wieder aus dem Ölmarkt drängen zu können.

Immer weiter. Fracking Firmen fördern auch nach einem Konkurs weiter Öl und Gas, schliesslich wollen die neuen Eigentümer (die Banken) ihr Geld zurück. (Foto: Pixabay)

Immer weiter. Fracking Firmen fördern auch nach einem Konkurs weiter Öl und Gas, schliesslich wollen die neuen Eigentümer (die Banken) ihr Geld zurück. (Foto: Pixabay)

Diese Taktik hatte bislang noch keinen Einfluss auf den Angebotsüberhang auf dem Ölmarkt. Die grossen westlichen Ölfirmen haben zwar ihre Investitionen in die Erschliessung neuer Ölfelder letztes Jahr um rund ein Fünftel auf noch 650 Milliarden Dollar gesenkt. Dies wird zum Teil aber durch eine Ausweitung des Ölangebots durch die Opecländer und Russland wettgemacht. Diese Staaten sehen sich mit wegbrechenden Staatseinnahmen konfrontiert und versuchen ihre Exporte zu steigern, um die niedrigen Preise zu kompensieren. Die US-Ölproduktion blieb derweil relativ stabil. Die Zahl der Bohrtürme ist zwar deutlich gefallen, aber die Produktivität der verbliebenen Anlagen ist entsprechend gestiegen. [1] Doch nun mehren sich die Anzeichen, dass der Ölpreis der Fracking-Industrie doch zusetzt: Letzte Woche haben die grossen US-Banken angekündigt, ihre Rückstellungen für Kreditausfälle in der Energiewirtschaft deutlich zu erhöhen. Die grösste US-Bank JPMorgan Chase warnt, dass dieses Jahr zusätzlich 750 Millionen Dollar zurückgestellt werden müssen, falls der Ölpreis bei 30 Dollar bleibt. Bei Citigroup lagen die Kreditausfälle im letzten Quartal 2015 um knapp ein Drittel über denen ein Jahr zuvor. Schuld daran sind vor allem Darlehen an den Energiesektor. [2]

Doch selbst wenn Kreditnehmer aus der Fracking-Industrie Pleite gehen, sinkt dadurch nicht deren Fördermenge. Kurzfristig bedeutet ein Konkurs nur, dass eine Firma in den Besitz der Kreditgeber, also der Banken, übergeht. Diese haben aber ein Interesse daran weiter Öl zu fördern, so lange der Ölpreis über den direkten Förderkosten, den sogenannten Grenzkosten, liegt. Ist ein Unternehmen erst mal pleite hat es sogar einen Kostenvorteil, weil es nicht länger die Zinsen für ausstehende Kredite erwirtschaften muss. Für den Ölpreis bedeutet dies nichts Gutes, sagt Anatole Kaletsky, der Chefökonom von Gavekal Dragonomics, einer Beratungsfirma: „Angenommen das Opec-Kartell bleibt gelähmt, dann wird Öl gehandelt wie jeder andere Rohstoff in einem Markt mit Wettbewerb. Sobald die Investoren diese neue Realität verstehen, werden sie sich auf ein fundamentales Prinzip der Wirtschaftswissenschaften konzentrieren: dass der Preis den Grenzkosten entspricht.“ [3] Der Ölpreis entspricht dann den Förderkosten des billigsten Anbieters für dessen Öl keine Nachfrage mehr besteht. Vor diesem Hintergrund wird auch eine Preisprognose der britischen Bank Standard Chartered verständlich: Diese glaubt, dass der Ölpreis auf zehn Dollar fallen könnte, bevor der Markt merkt, „dass (der Preisverfall) zu weit gegangen ist“. [2]

Denn irgendwann wird die Ölproduktion sinken, wenn nicht neue Ölfelder erschlossen werden. Egal ob herkömmliches Öl oder Schieferöl: Jedes Vorkommen geht irgendwann zur Neige. Aus diesem Grund sorgt sich Fatih Birol, der Chef der Internationalen Energieagentur IEA, dass derzeit nicht genug in die Erschliessung neuer Ölquellen investiert wird. „Im Jahr 2015 sind die Ölinvestitionen um 20 Prozent gefallen. Dieses Jahr erwarten wir ebenfalls einen Rückgang. Das hat es in der Vergangenheit noch nie gegeben, dass die Investitionen in zwei aufeinander folgenden Jahren gefallen sind.“ [4] mic

 

Jetzt kommt auch noch der Iran

Eigentlich kümmert sich die Internationale Atomenergieagentur IAEA um Atomstrom. Doch am vergangenen Samstag hat sie den Ölmarkt bewegt: Die IAEA hat bestätigt, dass sich der Iran an seine Verpflichtungen aus dem Nuklearabkommen mit den USA und der EU hält. Damit fallen die UN-Sanktionen gegen den Iran weg und dieser kann sein Öl wieder auf dem Weltmarkt anbieten. Dieses Jahr plant das Land zusätzliche Ölexporte von 500‘000 Fass pro Tag und mittelfristig hofft Teheran die Produktion sogar um einen Million Fass pro Tag erhöhen zu können. Das wäre ein Drittel mehr als heute. Viele Experten sind allerdings skeptisch, dass der Iran seine Produktion schnell erhöhen kann. Wegen der Sanktionen wurde dort viele Jahre lang kaum in die Ölindustrie investiert. In jedem Fall kann der Iran aber mit höheren Exporten und damit wohl auch Einnahmen rechnen. Dadurch verbessert sich seine Situation in den Stellvertreterkriegen gegen Saudi Arabien, also in Syrien und dem Jemen. Sowohl der iranische Präsident Hassan Rouhani als auch der russische Präsident Vladimir Putin haben daher im Dezember letzten Jahres angedeutet der Ölpreis Kollaps könnte Folge einer Verschwörung sein. Rouhani sagte der Preisverfall sei „politisch motiviert“ und eine „Verschwörung gegen die Interessen der (Golf-) Region und der muslimischen Welt“. [5] Putin fragte derweil: „Wir alle sehen den sinkenden Ölpreis. Könnte (die Ursache) ein Abkommen zwischen den USA und Saudi Arabien sein, um den Iran zu bestrafen und die Volkswirtschaften von Russland und Venezuela zu schädigen? Es könnte.“ [6] Beweise für diese Theorien blieben die beiden Präsidenten aber schuldig. mic

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Dann abonnieren Sie doch weltinnenpolitik.net per RSS oder Email
oder folgen sie der Facebook Seite

[1] Oilprice.com, 18.01.2016: U.S. Crude Production Could Fall Harder Than Thought In 2016

[2] Financial Times, 15.01.2015: Big US banks reveal oil price damage

[3] Project Syndicate, 23.12.2015: Why Big Oil Should Kill Itself

[4] Hürriyet, 12.01.2016: Low oil prices will not go on much longer: IEA head Birol

[5] Oilprice.com, 23.12.2015: Did The Saudis And The US Collude In Dropping Oil Prices?

[6] Russia Insider, 03.01.2015: Russia Is Not Sure Oil Price Is a US-Saudi Conspiracy

Kommentar: Der WTO fehlt eine Vision

Dieses Jahr wurden drei hochkomplexe und –kontroverse Abkommen verabschiedet: die Nachhaltigen Entwicklungsziele, ein Weltklimavertrag und die Transpazifische Partnerschaft (TPP), eine Freihandelszone für 40 Prozent der Weltwirtschaft. Gleichzeitig schafft es die WTO nicht die staatliche Förderung von illegalem Fischfang zu verbieten und feiert die Abschaffung von Exportsubventionen für Agrargüter als Erfolg – 60 Jahre nachdem derartige Beihilfen für Industriegüter illegal wurden.

Mit diesem Minimalergebnis kann die WTO ihre Funktion als Forum für die Aushandlung von Handelserleichterungen nur knapp verteidigen. Trotzdem ist klar, dass die grossen Länder ihr Hauptaugenmerk auf plurilaterale Abkommen wie ITA2 (siehe Artikel) und super-regionale Handelsverträge wie TPP oder TTIP legen. Dies ist bedauerlich, da solche Übereinkommen immer nur die zweitbeste Lösung im Vergleich zu einem multilateral-globalen Ansatz sind.

Das Klein-Klein von Nairobi zeigt, dass den Ländern eine Vision fehlt, wie der Welthandel im 21. Jahrhundert organisiert werden soll. Die mantrahaften Beschwörungen der ‚multilateralen Handelsordnung’ klingen hohl, wenn gleichzeitig Schokolade als Stolperstein gilt. Die Führer der Welt müssen die WTO Verhandlungen zur Chefsache machen. Bei den Klimaverhandlungen in Paris haben sich 150 Regierungschefs von Merkel, über Obama bis Xi persönlich für einen Erfolg eingesetzt. Der Welthandel liegt hingegen im besten Fall in der Verantwortung von Ministern. Das ist ein Fehler, denn ein freierer und damit gerechter Welthandel bringt Vorteile für alle. mic

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Dann abonnieren Sie doch weltinnenpolitik.net per RSS oder Email
oder folgen sie der Facebook Seite

Exportsubventionen für Agrargüter werden verboten

Welthandelsorganisation uneinig, wie weiter verhandelt werden soll

Ministertreffen der Welthandelsorganisation diszipliniert den Handel mit Agrarprodukten und erleichtert den ärmsten Ländern der Welt den Zugang zum Weltmarkt.

Seit über 60 Jahren ist es verboten, den Export von Industriegütern zu subventionieren. Das soll nun auch für Agrarprodukte gelten. Dies ist die wichtigste Entscheidung des Ministertreffens der 163 Mitgliedsländer der Welthandelsorganisation WTO, das am Samstag in der kenianischen Hauptstadt Nairobi zu Ende gegangen ist. Für WTO-Chef Roberto Azevedo ist das Subventionsverbot „das bedeutsamste Resultat im Bereich Landwirtschaft“ seit Gründung der WTO vor 20 Jahren. Theoretisch sind diese, als besonders schädlich geltenden, Subventionen ab sofort verboten. In einer Fussnote ist aber festgehalten, dass Länder, die den Export von Agrargütern subventionieren, eine Übergangsfrist erhalten. Damit wurde den Bedenken der Schweiz, Norwegens und Kanadas Rechnung getragen. Die Schweiz darf nun den Export von Schokolade für fünf weitere Jahre unterstützen. Die meisten anderen Länder darunter die EU haben ihre Exportsubventionen schon vor Jahren abgeschafft. Um zu verhindern, dass Agrarexporte durch die Hintertür subventioniert werden, wurden in Nairobi zudem strengere Regeln für die Exportfinanzierung, staatliche Exportmonopole und Lebensmittelhilfen verabschiedet.

Keine Konkurrenz. Zum Glück handelt diese Frau mit Melonen. Wäre es Schokolade, hätte sie Konkurrenz von Schweizer 'Subventionsschoggi'. (Foto: Pixabay)

Keine Konkurrenz. Zum Glück handelt diese Frau mit Melonen. Wäre es Schokolade, hätte sie Konkurrenz von Schweizer ‚Subventionsschoggi‘. (Foto: Pixabay)

In Nairobi ist es auch gelungen, einige Handelserleichterungen für die ärmsten Länder der Welt, die sogenannten LDCs, zu beschliessen. Güter, die zu einem Viertel in diesen Ländern hergestellt wurden, gelten nun als ‚Made in an LDC’ und profitieren von zoll- und quotenfreiem Zugang zu den Märkten der Industriestaaten. Entwicklungsländer, „die dazu in der Lage sind“, werden aufgefordert „ihre Anstrengungen zu verdoppeln“, um den LDCs ebenfalls bevorzugten Marktzugang einzuräumen. Ausserdem wurden bestehende Erleichterungen für LDCs beim Handel mit Dienstleistungen bis zum Jahr 2030 verlängert.

Am Rande der Konferenz konnte schliesslich die Erweiterung des Abkommens über den Handel mit Produkten der Informationstechnologie, kurz ITA2, endgültig verabschiedet werden. Damit können Tablet Computer, Druckerpatronen oder Magnetresonanzgeräte zollfrei gehandelt werden. ITA2 deckt ein Handelsvolumen von 1300 Milliarden Dollar pro Jahr ab, rund zehn Prozent des Welthandels. Der Vertrag ist ein ‚plurilaterales’  Abkommen, dem nur 53 WTO-Mitglieder angehören. Diese machen aber über 90 Prozent des Handels mit diesen Produkten aus und gewähren die ITA2 Vorteile allen Ländern der Welt.

Keinen Erfolg hatten die Verhandlungen über ein Verbot von Subventionen für den Fischfang. Unterstützungszahlungen für Fischer, die ‚illegalen, unrapportierten und unregulierten’ (IUU) Fischfang betreiben, sollten verboten werden. Ausserdem sollten Hilfen illegal sein, die „Fischbestände negativ beeinflussen, die bereits überfischt sind“. Aus Sicht der Umweltorganisation WWF bot sich damit den WTO-Mitgliedern „eine unwiderstehliche Gelegenheit die Überfischung zu stoppen“. Rund ein Drittel der globalen Fischbestände gilt als überfischt. Doch die WTO-Mitglieder liessen die Gelegenheit verstreichen. Enttäuscht publizierten daraufhin 28 Länder, darunter die Schweiz aber nicht die EU, eine Erklärung, in der sie unilateral auf solche Subventionen verzichten und deren Verbot einfordern.

Keine Lösung gab es schliesslich beim Streit über die ‚Doha Runde’. Die Industriestaaten wollen die, seit dem Jahr 2001 bestehende, Verhandlungsrunde beenden und neue Themen wie Internethandel und Investitionen in die WTO-Verhandlungen aufnehmen. Die meisten Entwicklungsländer hingegen wollen mit der Doha Runde fortfahren, da sie davon Vorteile haben. In der Doha Runde gilt etwa China als „kürzlich beigetretenes Mitglied“ der WTO. Im Jahr 2001 war dies korrekt, 14 Jahre später stellt sich die Frage, was „kürzlich“ heisst. Die Abschlusserklärung hält nun fest, dass „die Mitglieder unterschiedliche Ansichten haben“, wie weiter verhandelt werden soll. Aus Sicht des US-Handelsbeauftragten Michael Froman bedeutet dies: „Für die WTO begann in Nairobi eine neue Ära. Die WTO-Mitglieder sind nun frei neue Themen zu berücksichtigen.“ Seine EU-Kollegin Cecilia Malmström konnte dieser Interpretation jedoch nicht folgen: Das Communiqué „legt nichts a priori fest“. Diese Sicht vertritt auch Azevedo, der die Uneinigkeit als „Problem“ bezeichnete und die WTO-Mitglieder aufforderte „einen Weg zu finden, wie die Verhandlungen voran gebracht werden können“. mic

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Dann abonnieren Sie doch weltinnenpolitik.net per RSS oder Email
oder folgen sie der Facebook Seite

Europa profitiert vom Schweinezyklus

Überangebot drückt Rohstoffpreise in den Keller

Zurück zum Start. Nach einer 17-jährigen Achterbahnfahrt sind die Rohstoffpreise wieder dort angekommen, wo sie 1998 standen. Die Höchstkurse aus dem Jahr 2008 und das Zwischenhoch im Jahr 2011 sind längst Geschichte.

Bodenschätze und Lebensmittel sind dieses Jahr im Schnitt um ein Viertel billiger geworden. Dies zeigt der Rohstoff-Index der Nachrichtenagentur Bloomberg. Der Index hat eine bemerkenswerte Zeitreise durchgemacht und ist jetzt so niedrig wie im Jahr 1998. Selbst nach der Finanz- und Wirtschaftskrise 2009 waren die Preise deutlich höher als heute. Damals war plötzlich die Nachfrage eingebrochen. Heute sind mehrere Faktoren für die tiefen Preise verantwortlich: Wegen des starken Dollars sinkt die Nachfrage nach in Dollar gehandelten Rohstoffen. Zudem ist die Nachfrage aus China schwächer als noch zu Beginn dieses Jahres erwartet wurde. Und dann ist da noch der ‚Schweinezyklus’ der Rohstoffmärkte: Wenn die Preise hoch sind wird zu viel investiert, bis die Preise abstürzen. Dann wird zu wenig investiert bis die Preise wieder deutlich anziehen.

Schweinezyklus. 'Mama, hat du gesehen? Der Ölpreis ist schon wieder gefallen.' 'Ja, ich weiss. Ist angeblich unsere Schuld.' (Foto: Wikipedia)

Schweinezyklus. ‚Mama, hat du gesehen? Der Ölpreis ist schon wieder gefallen.‘ ‚Ja, ich weiss. Ist angeblich unsere Schuld.‘ (Foto: Wikipedia)

Konsumenten in Europa profitieren nicht voll von den tiefen Rohstoffpreisen. Rohstoffe werden in Dollar gehandelt. Da der Euro gegenüber dem Dollar rund zehn Prozent verloren hat, wird durch den Wechselkurs ein Teil des Preisverfalls bei den Rohstoffen kompensiert. Trotzdem sind auch aus europäischer Sicht Rohstoffe dieses Jahr um mehr als zehn Prozent gesunken. Wer weniger Geld für Benzin oder Nahrungsmittel ausgibt, hat mehr Geld für anderes im Portemonnaie. Tiefe Rohstoffpreise wirken daher in Importländern wie der EU wie ein Konjunkturprogramm.

Konjunkturprogramm. Aus Sicht der Importeure sind die tiefen Rohstoffpreise ein Segen. (Screenshot: Bloomberg)

Konjunkturprogramm. Aus Sicht der Importeure sind die tiefen Rohstoffpreise ein Segen. (Screenshot: Bloomberg)

Der Preiskollaps bei Rohstoffen hat aber auch für Europa nicht nur positive Auswirkungen. Noch im letzten Jahr haben die Schwellenländer das globale Wirtschaftswachstum befeuert. Dieses Jahr ziehen sie die Wachstumsraten nach unten. Für eine exportabhängige Wirtschaft wie Deutschland zeigt sich dies in niedrigeren Bestellungen aus diesen Ländern. Die deutlichen Änderungen bei den Rohstoffpreisen sorgen zudem für mehr Volatilität – an allen Märkten. Die Börsenkurse von Minengesellschaften brechen ein, die Währungen von Schwellenländern schwanken stark und Banken müssen immer mehr Geld zurücklegen, um für plötzliche Marktturbulenzen gewappnet zu sein.

Etwas Ruhe bringen da nur die Prognosen in den Markt. Als die Rohstoffpreise zu rutschen begannen, gingen die meisten Analysten davon aus, dass sie bald wieder steigen. Dieser Optimismus hat sich längst verflüchtigt und die meisten Marktbeobachter erwarten nun stabil niedrige Preise.

 

Öl: Preiskampf macht Produzenten arm

Der Ölpreis ist dieses Jahr um mehr als ein Drittel auf unter 40 Dollar pro Fass (159 Liter) der Nordseesorte Brent gefallen. Neben dem starken Dollar und der schwachen chinesischen Wirtschaft drückt vor allem der Preiskampf im Ölmarkt auf den Preis: In früheren Phasen niedriger Preise haben die Mitgliedsländer des Ölkartells Opec ihre Produktion gedrosselt, um den Preis hochzutreiben. Doch nun versuchen sie ihren Marktanteil zu verteidigen und die amerikanischen Schieferöl-Produzenten aus dem Markt zu drängen. Das Resultat: Das weltweite Ölangebot übersteigt die Nachfrage um rund eine halbe Million Fass pro Tag. Nächstes Jahr drängt zudem ein weiterer grosser Anbieter auf den Markt: Iran. In Folge des Nuklearabkommens fallen die Sanktionen gegen den Iran weg und das Land kann wieder Öl exportieren. Neu könnten zudem auch die USA Öl und Gas exportieren. Dies war bis letzte Woche gesetzlich verboten. Doch nun hat das US-Parlament das Verbot aus der Zeit der Ölkrisen in den 70’er Jahren aufgehoben.

Analysten gehen davon aus, dass der Ölpreis auf Jahre hinaus tief bleiben wird. Dies trifft nicht nur auf Begeisterung: „Der niedrige Ölpreis macht mir Sorgen“, sagt Fatih Birol, der Chef der Internationalen Energieagentur IEA. „Dieses Jahr sind die Investitionen in Öl um mehr als 20 Prozent gefallen und wichtiger noch: Wir glauben, dass die Investitionen nächstes Jahr weiter fallen werden. In den letzten 30 Jahren sind die Investitionen nie zwei Jahre in Folge zurück gegangen.“ Der niedrige Ölpreis hat schwerwiegende Folgen für ölexportierende Länder. Die meisten haben dieses Jahr hohe Haushaltsdefizite verzeichnet etwa Saudi Arabien mit einem Defizit von 22 Prozent des Bruttoinlandsprodukts BIP. Wegen des Ölpreises und der Sanktionen in Folge der Annexion der Krim ist die russische Wirtschaft um knapp vier Prozent geschrumpft.

 

Kohle und Gas: Die Welt hat zuviel Energie

Der Preis der auf dem Weltmarkt gehandelten Kohle aus Australien und Südafrika ist um knapp ein Fünftel auf gut 50 Dollar pro Tonne gefallen. Noch härter getroffen wurde Gas. Sowohl in den USA als auch in Europa ist der Gaspreis heute um rund 40 Prozent tiefer als zu Beginn des Jahres. Grund dafür ist in erster Linie das amerikanische Schiefergas. Dank Fracking und horizontalem Bohren haben die USA in den letzten Jahren ihre Gasproduktion deutlich ausgeweitet. Mittlerweile ist Gas dort so billig, dass es die Kohle bei der Stromerzeugung verdrängt. Die dadurch frei gesetzte Kohle endet schliesslich auf dem Weltmarkt und drückt dort auf den Preis. Hinzu kommt ein struktureller Rückgang der Kohlenachfrage. Kohle ist der schmutzigste fossile Brennstoff. Um das Klima zu schützen und der Luftverschmutzung Herr zu werden, gehen daher immer mehr Kohlekraftwerke vom Netz oder werden gar nicht erst gebaut.

In Europa ist Gas aus anderen Gründen billiger geworden: Zum einen importieren die USA weniger Flüssiggas, sodass Europa als letztinstanzlicher Käufer auf dem Gasmarkt auftreten kann und den Anbietern für billiges Geld das Gas abnimmt, das sie sonst nirgends los werden. Damit hat Europa ein Druckmittel gegenüber den Lieferanten von Pipelinegas wie Russland, Algerien oder Norwegen. Deren Preise sind einerseits oft an den Ölpreis gekoppelt und andererseits müssen sie Rabatte gewähren, um gegen die Flüssiggasschwemme bestehen zu können. Analysten gehen davon aus, dass Flüssiggas auch in den kommenden Jahren billig bleibt. Insbesondere in Australien stehen mehrere Anlagen zur Verflüssigung von Gas kurz vor der Fertigstellung. Für deren Produktion gibt es aber keinen offensichtlichen Käufer mehr. Ähnlich wie beim Öl steht zudem der Iran bereit, Gas zu liefern, sobald die Sanktionen nächstes Jahr aufgehoben werden.

 

Eisenerz: Wenn China plötzlich Stahl exportiert

Der Preis für Eisenerz ist dieses Jahr um knapp 40 Prozent auf unter 40 Dollar pro Tonne gefallen. Grund ist wie beim Öl primär ein Angebotsüberhang. Hier sind es aber nicht Länder sondern Rohstoffmultis, die trotz sinkender Preise ihre Produktion weiter erhöhen. Die beiden australischen Minenbetreiber Rio Tinto und BHP Billiton sowie der brasilianische Vale Konzern haben dieses Jahr ihre Produktion weiter erhöht, wie die US-Investmentbank Goldman Sachs schreibt. Erwartet wird auch hier, dass der Preis tief bleibt, unter 40 Dollar.

Stärker noch als bei Öl spielt bei Eisenerz die schwache Nachfrage in China eine Rolle. Das Land produziert so viel Stahl wie der Rest der Welt zusammen. „Der Eisenerzmarkt könnte gezwungen sein einen längeren Winterschlaf zu machen, bevor die Stahlmärkte in anderen Weltregionen China ablösen und den nächsten ‚Bullenmarkt’ anstossen“, schreiben Christian Lelong and Amber Cai von Goldman Sachs. Mit ‚Bullenmarkt’ bezeichnen Börsianer eine Periode steigender Preise.

Die schwache Stahlnachfrage in China schlägt direkt auf den Weltmarkt durch. Dort ist der Preis dieses Jahr um 60 Prozent auf noch 185 Dollar pro Tonne gesunken. Analysten der Bank UBS schätzen, dass China dieses Jahr 400 Millionen Tonnen mehr Stahl produziert als es braucht. Das ist ein Viertel der weltweiten Produktion. Das Land tritt daher nun als Stahlexporteur auf dem Weltmarkt auf und nicht länger als Importeur. Einige Länder wie Indien haben daher Mindestpreise für Stahlimporte eingeführt, um die einheimischen Hersteller zu schützen. Auch in den USA und Europa wird China mittlerweile des Stahl-Dumpings beschuldigt. Manche Beobachter warnen daher bereits vor einem Handelskrieg um Stahl. Neben den Stahlherstellern rund um die Welt leiden darunter auch die grossen Exporteure von Eisenerz: Australien und Brasilien.

 

Andere Metalle: Auch Gold hat dieses Jahr nicht geglänzt

Dieses Jahr hatten nur die Produzenten von Iridium Glück. Das Metall ist kaum im Preis gefallen. Die globale Jahresproduktion beträgt aber nur drei Tonnen und ist daher nicht repräsentativ für den Metallmarkt. Dieser war ansonsten durch deutliche Preisabschläge gekennzeichnet. Am härtesten getroffen hat es Nickel. Das bei der Stahlherstellung benötigt Metall kostet nur noch knapp halb so viel wie noch vor zwölf Monaten. Aluminium hat dagegen ‚nur’ ein Fünftel und Kupfer gut ein Viertel seines Werts eingebüsst. Vor diesem Hintergrund steht Gold mit einem Abschlag von zehn Prozent relativ gut da. Wer statt in Gold in Platin investiert hat, muss hingegen einen Wertverlust von 30 Prozent verbuchen.

Allen Metallen ist gemeinsam, dass die schwache chinesische Nachfrage und der starke Dollar auf den Preis drücken. Ausserdem wurde in den letzten Jahren zuviel in die Erschliessung neuer Vorkommen investiert. Minenkonzerne gingen davon aus, dass die Nachfrage aus China immer weiter steigt. Dieser Irrtum kommt nun Minenbetreibern rund um die Welt teuer zu stehen: in Australien (Aluminium), in Chile (Kupfer), in den Phillippinen und Indonesien (Nickel), in China, Australien und Russland (Gold) und Südafrika (Platin). Der Rückgang der Rohstoffpreise verstärkt sich dadurch selbst. Viele Schwellenländer sind noch immer stark von einzelnen Rohstoffen abhängig. Ist dieser teuer wachsen sie und verbrauchen auch selbst mehr Rohstoffe. Ist ihr Hauptexportgut hingegen billig, lahmt das Wachstum und sie verbrauchen weniger Rohstoffe. Positiv sind die tiefen Preise eigentlich nur für Länder wie die EU oder Japan, die fast alle Rohstoffe importieren müssen.

 

Lebensmittel: Nur Zucker ist süss, alles andere billig

Die meisten Lebensmittel sind dieses Jahr billiger geworden. Der Index für Nahrungsmittelpreise der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO ist um knapp ein Fünftel zurück gegangen und liegt nun so tief wie zuletzt vor neun Jahren. Die Ausnahme ist Zucker. Der grösste Zuckerproduzent Brasilien nutzt einen grösseren Teil seiner Ernte zur Herstellung von Ethanol, also Biosprit. Der milde Monsun in Indien, dem zweitgrössten Zuckerproduzenten, hat dort für eine geringere Ernte gesorgt. Die beiden wichtigsten Lebensmittel Weizen und Reis sind dagegen um knapp ein Drittel im Preis gefallen. Weizen kostet jetzt noch knapp 200 Dollar pro Tonne und Reis 360. Auch Fleisch und Pflanzenöle sind billiger geworden. Milch hingegen kostet nun wieder fast so viel wie zu Beginn des Jahres. Während des Jahres lag der Milchpreis aber zeitweise deutlich tiefer und hat sich erst im September und Oktober wieder etwas erholt. Gut gehalten hat sich auch Baumwolle mit einem leichten Preisanstieg. Grund dafür war die schlechte Ernte in den USA. Dadurch konnte die geringere Nachfrage aus China kompensiert werden.

Die tiefen Lebensmittelpreise sind auf volle Lager und gute Ernten in den meisten Länder zurückzuführen. Ausserdem sind die Kosten für die Bauern mit dem Ölpreis gefallen. Der starke Dollar wiederum drückt auf die Nachfrage nach allen Rohstoffen. Im Gegensatz zu Bodenschätzen ist bei Lebensmitteln unklar, wie sich die Preise in den nächsten Jahren entwickeln werden. Grund dafür ist das Wetterphänomen ‚El Nino’. Die ‚Christkind’ genannte Änderung der Meeresströmungen im Pazifik kann zu Dürren in Monsunländern wie Indien und Überschwemmungen in Kalifornien führen. Oft folgt auf einen ‚El Nino’ zudem eine ‚La Nina’. Diese hat meist die genau umgekehrten Folgen fürs Wetter: zu viel Regen in Indien und zu wenig Regen in Kalifornien. mic

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Dann abonnieren Sie doch weltinnenpolitik.net per RSS oder Email
oder folgen sie der Facebook Seite

Kommentar: Internationale Klimapolitik hat Kipp-Punkt erreicht

Nicht nur das Klimasystem kennt Kipp-Punkte sondern auch die Politik. Beim Klimawandel besteht die Gefahr, dass Schwellenwerte erreicht werden, ab denen sich die Erwärmung selbst verstärkt. Dies gilt etwa für das Auftauen des Permafrosts in Sibirien. Beginnen dort die Böden zu tauen, werden riesige Mengen Methan frei – ein sehr viel stärkeres Treibhausgas als CO2. Doch nun hat die Klimapolitik einen Kipp-Punkt erreicht, ab der sich der Klimaschutz selbst verstärkt. Bislang galt Klimaschutz als Gefahr für die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes und alle Länder hatten Angst, mehr zu machen als der Nachbar. Diese Logik wird durch das Paris-Abkommen durchbrochen: Es sendet ein unmissverständliches Signal an Länder, Städte, Produzenten, Konsumenten und Investoren, dass die Zeit von Kohle, Öl und Gas abgelaufen ist. Nun muss sich jede Entscheidung am 1,5-Grad-Ziel und der angestrebten ‚Emissionsneutralität‘ messen lassen. Oder anders: Wer nach 2050 noch Treibhausgase emittiert steht auf der falschen Seite der Geschichte.

Die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes bemisst sich damit an der Geschwindigkeit, mit der es seine ‚Enegiewende‘ schafft. Das gilt aber auch für Firmen und Investoren. Sobald die Richtung klar ist, geht es darum, wer am schnellsten ist. Dass viele Akteure dies bereits verstanden haben, hat sich in Paris deutlich gezeigt. Während die Länder verhandelten, haben 10‘000 Unternehmen, Industrieverbände, Pensionskassen und Banken aus 180 Ländern neue Initiativen vorgestellt. Damit verstärkt sich der Klimaschutz selbst: Immer mehr Geld fliesst in erneuerbare Energien wodurch ihre Kosten sinken und ihre Wettbewerbsfähigkeit steigt. Denn letztlich können weder Regierungen noch Bürger den Klimawandel stoppen sondern nur der Markt. Die erfoderlichen Investitionen sind schlicht zu gross. An Klimakonferenzen wird um Milliarden gestritten, dabei geht es in Wirklichkeit um Billionen. Erst wenn diese in die Richtung fliessen, besteht Hoffnung für das Klima. mic

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Dann abonnieren Sie doch weltinnenpolitik.net per RSS oder Email
oder folgen sie der Facebook Seite

So geht Klimaschutz im 21. Jahrhundert

Historisches Abkommen schafft Rahmen für nationale Anstrengungen

Auf 31 Seiten regelt der neue Weltklimavertrag die internationale Zusammenarbeit beim Klimaschutz. Hier sind die wichtigsten Punkte im Überblick:

  • Ambition: Wie von Fabius angekündigt ist das 1,5 Grad Ziel im Text enthalten: Die Länder wollen “Anstrengungen unternehmen, um den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad zu begrenzen.” Dies wird nicht einfach: Die zur Zeit vorliegende, nationalen Klimapläne “führen zu Emissionen von 55 Milliarden Tonnen im Jahr 2030”. “Doch viel grössere Emissionsreduktionen sind erfoderlich, um nur schon das Zwei-Grad-Ziel einzuhalten. Für dieses dürfen die Emissionen “44 Milliarden Tonnen” im Jahr 2030 nicht übersteigen. Die Nennung von konkreten Zahlen für die Emissionen ist eine Neuerung. Damit wird klar aufgezeigt, wo die Welt steht und wo sie hin muss. Für die “zweite Hälfte des Jahrhunderts” schreibt das Paris-Abkommen zudem ‘Klimaneutralität’ vor. Dieser Begriff ist aber in der vergangenen Nacht aus dem Text rausgefallen. Nun steht dort eine Definition für Klimaneutralität: Es darf nicht mehr CO2 emittiert werden als wieder absorbiert wird etwa durch Wälder.
  • Hebemechanismus: Da die vorliegenden Klimapläne nicht ausreichen die Klimaerwärmung auf zwei Grad geschweige denn auf 1,5 Grad zu begrenzen, müssen die Pläne schnell ambitionierter werden. Dafür soll der ‘Hebemachanismus’ sorgen. Dieser ist verteilt auf verschiedene Paragraphen und funktioniert wie folgt: Im Jahr 2018 werden die Klimapläne zum ersten Mal überprüft. Dies soll die Länder dazu ermutigen ihre Klimaziele für die Jahre nach 2020 zu erhöhen. Im Jahr 2023 kommt dann die nächste Kontrolle. Diese dient dann als Basis für die Ziele der Periode 2026 bis 2030. Das Abkommen legt fest, dass die Länder alle fünf Jahre neue Ziele vorlegen müssen und dass diese Ziele immer anspruchsvoller werden. Dieser Fünf-Jahres-Rythmus gilt auch für Länder wie die EU, die Zehn-Jahres-Ziele haben.
  • Finanzierung: Das Paris-Abkommen legt fest, dass die Industrieländer von 2020 bis 2025 jährlich 100 Milliarden Dollar an Klimahilfen zur Verfügung stellen müssen. Während dieser Zeit sind andere Länder dazu “eingeladen auf freiwilliger Basis” ebenfalls Unterstützung zu leisten. Für das Jahr 2026 soll dann ein neues, kollektives Finanzziel festgelegt werden, das über die 100 Milliarden hinaus geht. Der Clou: Wer ab 2026 einen Beitrag zu diesem neuen Finanzziel leisten muss, steht nirgends. Damit zeichnet sich ein zweistufiges Vorgehen ab: Bis 2025 sind die Industrieländer noch alleine für die Klimafinanzierung verantwortlich und ab 2026 müssen dann auch wohlhabende Entwicklungsländer einen Beitrag leisten.
  • Transparenz: Hier haben sich die Industriestaaten durchgesetzt. Der aktuell vorliegende Text sieht ein einheitliches Transparenzsystem für alle Länder vor. Dieses soll aber flexibel sein, denn viele Länder haben derzeit noch nicht die nötigen Fähigkeiten, um eine CO2-Buchhaltung zu führen. Hier hilft etwa das deutsche Bundesamt für Umwelt. Derzeit unterstützt es zwanzig Länder beim Aufbau von Emissionsregistern. Die Entwicklungsländer hatten hier ursprünglich zwei Transparenzsystem gefordert, eins für Industrie- und eins für Entwicklungsländer.
  • Verluste und Schäden: Die USA wollten vermeiden, dass dieses Thema prominent im Paris-Abkommen figuriert. Doch damit konnten sie sich nicht durchsetzen. “Das ist der Durchbruch”, sagt Mohamed Adow von der Entwicklungsorganisation Christian Aid. “Verluste und Schäden war noch nie Teil eines internationalen Abkommens.” Erwähnung fand ausserdem klimabedingte Migration. Aus Sicht der Entwicklungsorganisation Oxfam bietet dies die Möglichkeit in Zukunft eine Koordinationsstelle für Klimaflüchtlinge zu schaffen. Doch die USA haben ein Trostpflaster bekommen: In einem weniger verbindlichen Teil des Abkommens ist festgehalten, dass damit “keine Grundlage für Haftung oder Schadensersatz geschaffen wird”. Dies war eine ‘rote Linie’ für die USA. Aufgrund des US-Rechtssystems haben sie die Befürchtung irgendwann wegen des Klimawandels zu Schadensersatzzahlungen verurteilt zu werden.
  • Wälder: Der Raubbau an den Wäldern trägt rund ein Fünftel zu den globalen Emissionen bei. Trotzdem war es bislang nicht gelungen Massnahmen zum Waldschutz in einem Klimaabkommen zu verankern. Dies hat sich in Paris geändert: “Das Paris-Abkommen umfasst Wälder – zum ersten Mal in der Geschichte der Klimaverhandlungen”, sagt der Waldspezialist Donald Lehr. “Das Abkommen verpflichtet alle Länder ‘Senken und Reservoire’ zu ‘bewahren und zu erweitern’. Dies ist Code für Wälder und andere Ökosystem wie Ozeane, die der Atmosphäre CO2 entziehen.” Das Abkommen institutionalisiert auch den Redd+ Mechanismus. Dieser sieht etwa Zahlungen an Gemeinden vor, die im oder am Wald leben und diesen schützen.
  • Menschenrechte: In der Präambel des Paris-Abkommens wird gefordert, die Menschenrechte beim Klimaschutz zu respektieren. Dies scheint unspektakulär, war aber nicht selbst verständlich. Insbesondere Saudi-Arabien wollte die Erwähnung von Menschenrechten und die Gleichberechtigung der Geschlechter aus dem Abkommen raushalten. Dies ist dem Wüstenkönigreich, das derzeit dem UN-Menschenrechtsrat angehört, nicht gelungen.
  • Flug- und Schiffsverkehr: Die Emissionen von Flugzeugen und Schiffen sind einmal mehr aus einem Klimaabkommen herausgefallen. Diese sollen von den relevanten Organisationen kontrolliert werden (ICAO für die Luftfahrt und IMO für den Schiffsverkehr). Doch diese beiden Organisationen hatten bislang wenig Erfolg bei der Begrenzung der Emissionen. Trotzdem konnten sich die Länder in Paris nicht darauf einigen, für diese Sektoren Ziele zu definieren oder Massnahmen festzulegen. Regine Günther von der Umweltorganisation WWF kommentierte dieses Resultat wie folgt: „Bitter ist, dass die Emissionen des internationalen Luft- und Schiffsverkehrs im Abkommen nicht einbezogen sind. Die Lobby hat wieder einmal ganze Arbeit geleistet.“
  • In-Kraft-Treten: Der neue Vertrag tritt in Kraft, wenn ihn 55 Länder, die zusammen 55 Prozent der Emissionen ausmachen, ratifiziert haben. Dies bedeutet, dass der Vertrag ohne China und die USA in Kraft treten könnte – vorausgesetzt alle anderen Länder ratifizieren das Abkommen. mic

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Dann abonnieren Sie doch weltinnenpolitik.net per RSS oder Email
oder folgen sie der Facebook Seite

Fragen und Antworten zum Weltklimavertrag

Auf wieviel Grad soll die Erderwärmung begrenzt werden?

Die Klimaerwärmung soll auf “deutlich unter zwei Grad” begrenzt werden. Ausserdem wollen die Länder “Anstrengungen unternehmen, um den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad zu limitieren.” Dies wird nicht einfach: Die zur Zeit vorliegenden, nationalen Klimapläne “führen zu Emissionen von 55 Milliarden Tonnen im Jahr 2030”. “Doch viel grössere Emissionsreduktionen sind erfoderlich”, um nur schon das Zwei-Grad-Ziel einzuhalten. Für dieses dürfen die Emissionen “44 Milliarden Tonnen” im Jahr 2030 nicht übersteigen. Für das 1,5 Grad Ziel müssen die Emissionen sogar noch geringer sein. Dazu soll bis 2018 der Weltklimarat einen Bericht vorlegen. Die Nennung von konkreten Zahlen für die Emissionen ist eine Neuerung. Damit wird klar aufgezeigt, wo die Welt steht und wo sie hin muss.

Kommen Begriffe wie ‘Klimaneutralität’oder ‘Dekarbonisierung’ im Abkommen vor?

Nein, diese Begriffe sind rausgefallen. Praktisch schreibt das Paris-Abkommen für die “zweite Hälfte des Jahrhunderts” dennoch ‘Klimaneutralität’ vor. Statt dieses Begriffs steht im Abkommen allerdings dessen Definition: “Menschengemachte Emissionen und die Entfernung (von Treibhausgasen aus der Atmosphäre) durch Senken” muss sich im “Gleichgewicht” befinden. In Kombination mit dem 1,5 Grad Ziel ist klar, was das Paris Abkommen bedeutet: “Dies bedeutet, dass die Treibhausgas-Emissionen innert weniger Jahrzehnte auf Netto-Null sinken müssen”, sagt Joachim Schellnhuber, der Leiter des Klima Potsdam Institus für Klimafolgenforschung.

Wird das Abkommen rechtsverbindlich?

Ja, natürlich. Aus diesem Grund muss das Paris-Abkommen in den meisten Ländern vom Parlament ratifiziert werden. Eine Ausnahme sind hier die USA: Da keine Emissions- oder Finanzzahlen im Paris-Abkommen stehen, muss dort das Parlament nicht zustimmen. Das Abkommen wurde so konstruiert, das es genau diese Möglichkeit des US-Rechts nutzen kann. Es schafft einen Rahmen für die Klimapläne der Länder etwa mit Regeln zur CO2-Buchhaltung. Diese Klimapläne selbst sind aber nicht Teil des Abkommens.

Gibt es Sanktionsmechanismen?

Nein. Die Klimaziele der Länder werden von diesen festgelegt und für deren Nicht-Einhaltung gibt es keine Sanktionen. Ein selbst gesetztes Ziel nicht zu erreichen, ist aber zumindest peinlich. Und genau darauf setzt das Abkommen: Gruppendruck. Dies erkennt man auch an den Klimaplänen vieler Länder. Die meisten Experten gehen davon aus, dass etwa China und die EU ihre Ziele ohne grössere Anstrengung einhalten können. Daraus leitet sich der Optimismus vieler Umweltgruppen ab, dass die Länder anschliessend anspruchsvollere Ziele einreichen, nachdem sie gesehen haben, dass Klimaschutz nicht so schwierig ist.

Wieviel Geld stellen Industrieländer für arme Länder bereit?

Im Paris-Abkommen versprechen die Industrieländer kein zusätzliches Geld. Sie verpflichten sich nur in den Jahren 2020 bis 2025 jeweils 100 Milliarden Dollar zu “mobilisieren”. Dies haben sie aber bereits im Jahr 2009 versprochen. Ab dem Jahr 2026 soll dann ein neues, kollektives Finanzziel gelten, das über die 100 Milliarden hinaus geht. Der Clou: Wer ab 2026 einen Beitrag zu diesem neuen Finanzziel leisten muss, steht nirgends. Damit zeichnet sich ein zweistufiges Vorgehen ab: Bis 2025 sind die Industrieländer noch alleine für die Klimafinanzierung verantwortlich. Während dieser Zeit sind andere Länder nur dazu “eingeladen auf freiwilliger Basis” ebenfalls Unterstützung zu leisten. Ab 2026 müssen dann aber auch wohlhabende Entwicklungsländer einen Beitrag leisten.

Was fehlt im Paris-Abkommen?

Die Emissionen von Flugzeugen und Schiffen sind einmal mehr aus einem Klimaabkommen herausgefallen. Diese sollen von den relevanten Organisationen kontrolliert werden (ICAO für die Luftfahrt und IMO für den Schiffsverkehr). Doch diese beiden Organisationen hatten bislang wenig Erfolg bei der Begrenzung der Emissionen. Trotzdem konnten sich die Länder in Paris nicht darauf einigen, für diese Sektoren Ziele zu definieren oder Massnahmen festzulegen. Regine Günther von der Umweltorganisation WWF kommentierte dieses Resultat wie folgt: „Bitter ist, dass die Emissionen des internationalen Luft- und Schiffsverkehrs im Abkommen nicht einbezogen sind. Die Lobby hat wieder einmal ganze Arbeit geleistet.“

Haben wirklich alle Länder zugestimmt?

Jein. Frankreichs Aussenminister und Konferenzpräsident Laurent Fabius hat kein Land zu Wort kommen lassen, als er das Paris-Abkommen ‚weghämmerte‘. Folglich gab es keine ‚Gegenstimmen‘. Im Anschluss an die Verabschiedung des Vertrags haben aber zwei Länder ihre Opposition zu Protokoll gegeben: Nicaragua und Bolivien. „Wir können den Konsens nicht unterstützen“, sagte der Minister aus Nicaragua und Bolivien bemängelte, dass mit dem Paris-Abkommen kein ‚Internationaler Klimagerichtshof‘ geschaffen wird, der ‚Verbrechen gegen Mutter Erde‘ ahndet.

Worin unterscheidet sich der fertige Vertrag vom letzten Vertragsentwurf?

Das erstaunliche in der Endphase der Verhandlungen war, dass der Vertrag eher stärker als schwächer wurde. Dies gab es noch nie. Normalerweise bewegen sich die Entscheidungen von UN-Klimakonferenzen gegen Ende in Richtung des kleinsten gemeinsamen Nenners. Doch in Paris kamen in der letzten Nacht Formulierungen in den Text, die diesen stärker gemacht haben: So wurde etwa festgehalten, dass die globalen Emissionen im Jahr 2030 bei 55 statt 44 Milliarden Tonnen liegen werden. Damit wurde die Lücke zum Zwei-Grad-Ziel klar benannt.

Welche Länder haben in Paris die entscheidende Rolle gespielt?

Die bedeuntenste Rolle haben wohl die Marschall-Inseln gespielt. Deren Aussenminister Tony de Brum hat die ‚Koalition der Ambitionierten‘ initiiert und geführt. Diese Allianz umfasste schliesslich die EU, die USA und sehr viel Entwicklungsländer. Deutschland hat in Paris ebenfalls oberhalb seiner Preisklasse geboxt: „Deutschland hat das 1,5-Grad-Ziel als Thema gesetzt“, sagt Umweltministerin Barbara Hendricks und habe damit die ‚Koalition der Ambitionierten‘ vorbereitet. Einen Einfluss hatten wohl auch die durch-choreographierten Finanzzusagen der Bundesregierung. Fast jeden Tag wurde ein neues Projekt bekannt gegeben: Geld für die ärmsten Länder der Welt, Klimaversicherungen für die Inselstaaten, Erneuerbare für Afrika. Dabei handelte es sich noch nicht mal um zusätzliches Klimageld, sondern nur um die „Konkretisierung“ des Versprechens die Klimahilfen bis 2020 auf vier Milliarden Euro zu verdoppeln. mic

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Dann abonnieren Sie doch weltinnenpolitik.net per RSS oder Email
oder folgen sie der Facebook Seite

Paris-Abkommen leitet Ende Ära der fossilen Energien ein

Klimaerwärmung soll auf “deutlich unter zwei Grad” begrenzt werden

Die UN-Klimakonferenz endet mit einem Abkommen, das von vielen als historisch bezeichnet wird. Zum ersten Mal in der Geschichte verpflichten sich alle Länder zum Klimaschutz.

In keiner Reaktion auf den neuen Weltklimavertrag durfte das Wort “historisch” fehlen. Bei der UN-Klimakonferenz in Paris haben sich alle Länder der Welt dazu verpflichtet, ihre Emissionen zu senken, sodass die Klimaerwärmung auf “deutlich unter zwei Grad” begrenzt werden kann. Die Länder wollen sogar “Anstrengungen unternehmen”, damit sich das Klima um nicht mehr als 1,5 Grad erwärmt. “Das Paris-Abkommen ist ein historischer Wendepunkt für die ganze Welt”, sagt Bill Hare der Chef des Forschungsinstituts Climate Analytics. “Die Weltgemeinschaft hat verstanden, dass die Gefahren durch den Klimawandel viel grösser sind als zuvor angenommen.” Das Abkommen setzt daher nicht nur Temperaturziele, sondern sagt auch wie diese erreicht werden sollen: Die globalen Emissionen sollen “so bald wie möglich” ihren Höhepunkt erreichen und anschliessend schnell sinken, sodass in der “zweiten Hälfte des Jahrhunderts” Emissionsneutralität erreicht wird. Dann darf nicht mehr CO2 emittiert werden als wieder absorbiert wird etwa durch Wälder.  Die EU ist zufrieden mit dem Abkommen: “Wir sind extrem glücklich”, sagte EU-Klimakommissar Miguel Arias Canete.

Das Klima dankt. Auf dem Militärflughafen Le Bourget in Paris ist gelungen, was lange unmöglich schien: ein ambitionierter Weltklimavertrag. (Foto: IISD)

Das Klima dankt. Auf dem Militärflughafen Le Bourget in Paris ist gelungen, was lange unmöglich schien: ein ambitionierter Weltklimavertrag. (Foto: IISD)

Das in Paris beschlossene Klima-Paket besteht aus zwei Teilen: den unverbindlichen Klimaplänen der Länder und dem rechtsverbindlichen Paris-Abkommen, das einen Rahmen für diese Pläne vorgibt. Dort ist neben den Zielen festgehalten, wann die Länder ihre Pläne einreichen müssen, wie die CO2-Buchhaltung funktioniert und welche Unterstützung  arme Länder erhalten. Dabei wurde die alte Zweiteilung der Welt in Industrie- und Entwicklungsländer weitgehend aufgehoben. Jetzt gibt es nur noch für die ärmsten Länder der Welt Ausnahmen. Aus Sicht von Bundesumweltministerin Barbara Hendricks ist dies ein Erfolg: “Das ist das erste Klimaabkommen, be idem alle Länder mitmachen.” Dies gilt mittelfristig auch für die Finanzierung. Von 2020 bis 2025 müssen die Industriestaaten 100 Milliarden Dollar pro Jahr “mobilisieren” während die Entwicklungsländer Beiträge auf “freiwilliger” Basis leisten können. Doch für die Zeit ab 2026 ist der Geberkreis nicht definiert und dann werden sich wohl auch wohlhabende ‘Entwicklungsländer’ an den Klimahilfen beteiligen müssen.

Ausschlaggebend für den Erfolg des Paris-Abkommens wird sein, wie stark es die Investitionsentscheidungen der Wirtschaft zu beeinflussen vermag. Aus Sicht von May Boeve von der Umweltorganisation 350.org ist das Signal an die Investoren eindeutig: “Dies kennzeichnet das Ende des Zeitalters fossiler Brennstoffe. Die in dem Abkommen festgelegten Zielvorgaben können nur eingehalten werden, wenn Kohle, Öl und Gas im Boden bleiben.” Diese Ansicht teilen auch die Konzenlenker von Prinz Charles’ ‘Corporate Leaders Group’: “Der Vertrag ist ein klares Signal. CO2-intensive Anlagen sind keine Option mehr”, sagt Sandrine Dixson-Declève. “Der Zug hat den Bahnhof verlassen. Wir bewegen uns auf eine emissionsarme Wirtschaft zu.” Und natürlich: “Dieses Abkommen ist historisch!

Das Abkommen übertrifft die Erwartungen der meisten Beobachter. Möglich gemacht hat dies die nicht zuletzt die ‘Koalition der Ambitionierten’. Diese Koalition ist zum ersten Mal am Mittwoch in Erscheinung getreten und konnte am Donnerstag weitere Mitglieder wie die Schweiz rekrutieren. Am Freitag kam dann eine Demonstration der Stärke: Die Minister der ‘Ambitionierten’ betraten untergehakt und unter Applaus den Plenarsaal. Für EU-Klimakommissar war diese Allianz entscheidend: “Die ‘Koalition der Ambitionierten’ hat den Wendepunkt gebracht.” Die Koalition versammelt “kleine und grosse Länder, reiche und arme” wie deren Initiator der Minister der Marschall-Inseln Tony de Brum sagte. Ausserdem hatten die Ambitionierten die Mehrheit unter den Ländern. Dem konnten sich schliesslich auch die Bremser nicht vesagen und so wurde möglich, was vor zwei Wochen noch keiner erwartet hatte: ein ambitioniertes Klimaabkommen. mic

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Dann abonnieren Sie doch weltinnenpolitik.net per RSS oder Email
oder folgen sie der Facebook Seite

Die vier letzten Fragen von Paris

EU geht gestärkt in die Verhandlungen der vermutlich letzten Nacht

Brasilien ist der ‘Koalition der Ambitionierten’ beigetreten. Diese umfasst nun die EU, die USA, die Schweiz und viele Entwicklungsländer und damit die Mehrheit der Länder der Welt.

Wenig überraschend war die UN-Klimakonferenz nicht am Freitagabend zu Ende sondern wurde bis heute (Samstag) verlängert. Der neue Weltklimavertrag ist aber schon weit gediehen. Am Freitag sahen sich die Minister mit nur noch vier offenen Fragen konfrontiert:

Ambition: Die Länder haben sich darauf geeinigt, die Klimaerwärmung auf „deutlich unter zwei Grad“ zu begrenzen und „Anstrengungen zu unternehmen, um den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad zu limitieren.“ Dies ist das überraschendste Element des Paris-Abkommens. Im Vorfeld waren die meisten Beobachter nicht davon ausgegangen waren, dass sich die Inselstaaten mit dieser Forderung durchsetzen. Tony de Brum, der Aussenminister der Marschall-Inseln zeigte sich denn auch zufrieden: „Damit kann ich nach Hause fahren und meinen Leuten sagen, dass unsere Chance zu Überleben noch nicht verloren ist.“ Um den Klimawandel zu stoppen, haben die Länder zudem beschlossen, „Emissionsneutralität in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts zu erreichen“. Diese Formulierung ist ebenfalls stärker als von vielen erwartet. Positiv ist auch, dass die nationalen Klimapläne im Jahr 2019 überprüft werden sollen. Gesetzt waren all diese Formulierungen allerdings noch nicht. Widerstand kam noch von China, Indien und Saudi-Arabien.

Die 'rote Linie', Am offiziel letzten Tag der UN-Klimakonferenz macht die Zivilgesellschaft noch mal klar, wo ihre 'rote Linie' ist. (Foto: IISD)

Die ‚rote Linie‘, Am offiziel letzten Tag der UN-Klimakonferenz macht die Zivilgesellschaft noch mal klar, wo ihre ‚rote Linie‘ ist. (Foto: IISD)

Finanzierung: Am Freitag standen noch zwei widersprüchliche Versionen zur Finanzierung im Text. Ein Paragraf sprach davon, dass sich die Entwicklungsländer „freiwillig“ an der Klimafinanzierung beteiligen könnten. Im nächsten Paragraf stand hingegen, dass die Industrieländer bei der Klimafinanzierung „die Führung“ übernehmen müssen, allerdings „als Teil einer geteilten Anstrengung“. Die zweite Formulierung ist aus Sicht der bisherigen Geberländer vorteilhafter. Denn angenommen, die Entwicklungsländer beteiligen sich nicht, dann brauchen auch die Industriestaaten nichts zu tun, da es dann ja keine „geteilte Anstrengung“ gibt. In einem anderen Teil des Vertrags steht zudem, dass alle fünf Jahre der Finanzbedarf neu ermittelt wird. Hier wird aber nur gesagt, wer Unterstützung braucht, aber nicht, wer Unterstützung leisten muss.

Differenzierung: Um die Unterscheidung zwischen Industrie- und Entwicklungsländer geht es auch bei den Transparenzregeln etwa zur CO2-Buchhaltung. Hier standen am Freitag noch drei Optionen im Text. Die erste beschrieb unterschiedliche Transparenzregeln für Industrie- und Entwicklungsländer, die zweite ein einheitliches System für beide Ländergruppen und die dritte ein Mittelding.

Verluste und Schäden: Dieser Begriff aus der Versicherungswirtschaft ist eines der umstrittensten Themen der Verhandlungen. Er bezeichnet unabwendbare Schäden in Folge des Klimawandels. Insbesondere die USA befürchten hier in Zukunft zu Schadensersatz verpflichtet zu werden und wollen das Thema daher klein halten. Die Entwicklungsländer wollen hingegen eine neue Institution, die sich um „Verluste und Schäden“ kümmert. Am Freitag standen noch beide Versionen im Vertragsentwurf.

Wie diese vier offenen Punkte schliesslich verknüpft und entschieden werden, liess sich am Freitag noch nicht abschätzen. Klar war aber, dass die EU gestärkt in die wohl letzte Verhandlungsnacht ging. Die von der EU und den Marschall-Inseln initiierte „Koalition der Ambitionierten“ erhielt weiteren Zulauf: Die Schweiz, Kanada, die Philippinen und – überraschenderweise – das Schwellenland Brasilien schlossen sich offiziell der Allianz für ehrgeizigen Klimaschutz an. “Der Beitritt könnte die Dynamik in den letzten Stunden der Verhandlungen komplett verändern”, sagt dazu Martin Kaiser von der Umweltorganisation Greenpeace.

Die Allianz macht mittlerweile sogar China nervös. Der chinesische Fernsehsender CCTV berichtete von einem Telefongespräch zwischen US-Präsident Barack Obama und dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping. Xi sagte dort: „Kurz vor Ende der Pariser Klimakonferenz müssen China und die USA zusammenarbeiten, um sicher zu stellen, dass die Konferenz pünktlich fertig wird.“ Während die USA zu den „Ambitionierten“ gehört, ist dies bei China nicht der Fall. Das Obama-Xi Telefonat erweckt hier den Eindruck, dass China es vorzieht, bilateral mit den USA zu verhandeln statt mit einer grossen Koalition meist kleiner Länder. mic

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Dann abonnieren Sie doch weltinnenpolitik.net per RSS oder Email
oder folgen sie der Facebook Seite