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Rebellion gegen Ausrottung geht in zweite Woche

Londoner Polizei ist überfordert, weil Hunderte bereit sind verhaftet zu werden

Der Plan ist kühn: Demonstranten wollen in London vier Verkehrsknotenpunkte zwei Wochen lang lahmlegen. Bislang haben sie Erfolg. Das liegt an einer ungewöhnlichen Taktik.

In London halten Demonstranten seit einer Woche vier wichtige Verkehrsknotenpunkte besetzt. Die Aktivisten fordern, dass die Regierung einen Klimanotstand ausruft und die Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2025 auf Null gesenkt werden. Die Besetzung soll noch eine Woche weitergehen. Die Polizei ist nahezu machtlos. Das liegt an der Taktik der Bewegung „Rebellion gegen die Ausrottung“ oder XR (von englisch Extinction Rebellion). Die Demonstranten sind nicht aggressiv und lassen sich bereitwillig verhaften. Bislang wurden denn auch Hunderte festgenommen. Für jede Verhaftung sind vier Polizeibeamte erforderlich, um einen Demonstranten zu einem der wartenden Poilzeibusse zu tragen. Wenn ein Demonstrant weggetragen wird, ruft die Menge: „So gewinnen wir“. Am Samstag teilte Londons Polizei mit: “Was ungewöhnlich ist bei dieser Demonstration ist die Bereitwilligkeit der Teilnehmer sich festnehmen zu lassen und der fehlende Widerstand gegen Verhaftungen.“ [1] Die Taktik funktioniert, wie die Polizei selbst eingesteht: „Wir haben über 680 Verhaftungen gemacht und das ist natürlich ein Logistikproblem, nicht nur für die Polizei wegen der Zellenplätze sondern auch für das ganze Justizwesen.“

Das erste Mal. Viele der Rebellen, die sich verhaften lassen, sehen nicht so aus, als ob sie ständig auf Demonstrationen wären. (Foto: Bob Richmond / Twitter)

Das erste Mal. Viele der Rebellen, die sich verhaften lassen, sehen nicht so aus, als ob sie ständig auf Demonstrationen wären. (Foto: Bob Richmond / Twitter)

Die meisten Verhafteten werden nach einem Besuch in einer Polizeiwache umgehend wieder freigelassen. Die Polizei sagt dazu: „Uns ist bewusst, dass manche Demonstranten sofort wieder zurückgehen und ihre Aktivitäten fortsetzen. Diese Leute werden wieder verhaftet.“ [2] Für Menschen ohne Vorstrafen ist eine Verhaftung relativ ungefährlich. Bislang gab es erst zehn Anklagen. Es gibt zwar fünf verschiedene gesetzliche Möglichkeiten sie anzuklagen, aber für Ersttäter ist die maximale Strafe in der Regel ein Bussgeld von nicht mehr als 200 Pfund. [3] Die Polizei beantwortete auch die Frage, warum sie nicht mit härteren Mitteln die Besetzungen beendet: „Die einfache Antwort ist, wir haben keine rechtliche Grundlage dies zu tun.“ [2] Entwickelt wurde diese Taktik von einem der Begründer der Rebellion, Roger Hallam. Dieser erforscht an der Londoner King’s College Universität “effektives Design von radikalen Kampagnen”. Ein wichtiges Element dabei ist, dass die Demonstranten gegenüber der Polizei stets freundlich und respektvoll sind. Als diese das rosarote „Partyboot“ an der Kreuzung Oxford Circus beschlagnahmte, wurden die Demonstranten aufgefordert Mitgefühl mit den Beamten zu zeigen und sich für deren Arbeit zu bedanken. Der anschliessende Applaus der Menge rührte einen Polizisten zu Tränen. [4]

Fünf Tage. Mehr als Hundert Polizeibeamte waren erforderlich um das Partyboot mit der Forderung "Sagt die Wahrheit" zu beschlagnahmen. (Foto: Andy G / XR)

Fünf Tage. Mehr als Hundert Polizeibeamte waren erforderlich um das Partyboot mit der Forderung “Sagt die Wahrheit” zu beschlagnahmen. (Foto: Andy G / XR)

Die Freundlichkeit der selbst ernannten „Rebellen“, kontrastiert mit ihrer Botschaft: Die Welt erlebt derzeit das sechste Massenaussterben von Arten und ohne radikale Klimaschutzmassnahmen steht der Zusammenbruch der menschlichen Zivilisation kurz bevor. Die erste Forderung an die Regierung ist denn auch, darüber die Wahrheit zu sagen und einen Klimanotstand auszurufen. Die zweite Forderung ist die Reduktion der CO2-Emissionen auf Null bis 2025 und die dritte Forderung ist die Einberufung von Bürgerversammlungen, um zu entscheiden, wie dies geschehen soll. [5] Solche Versammlungen haben sich in Irland bewährt. Dabei debattieren zufällig ausgewählte Bürger eine Fragestellung und können dazu Experten hinzuziehen. Auf diese Weise wurde entschieden, eine Volksabstimmung über das Verbot von Abtreibungen durchzuführen. Das Verbot wurde dann mit grosser Mehrheit abgeschafft. Eine andere Bürgerversammlung beschloss, dass die irische Regierung beim Klimaschutz deutlich ehrgeiziger werden muss.

Die Rebellion ist mittlerweile in mehr als zehn andere Länder übergesprungen. In Australien blockieren Aktivisten Kohlezüge, in Freiburg im Breisgau besetzten sie am Freitag eine grosse Strasse und führten einen Trauermarsch durch und in Frankreich blockierten sie mehrere Konzernzentralen und das Umweltministerium. Die Reaktion der Polizei in Paris unterscheidet sich aber von der in London: In Frankreich wurde Tränengas eingesetzt. Ob dieses Vorgehen letztlich erfolgreicher ist, wird sich weisen. Es dürfte aber dafür sorgen, dass die Zusammensetzung der Demonstranten eine andere ist als in London. Auffällig ist dort, wie viele ältere Menschen teilnehmen und bereit sind verhaftet zu werden. mic

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[1] Met Police, 19.04.2019: Extinction Rebellion – Over 680 arrests made

[2] Met Police, 18.04.2019: Extinction Rebellion demonstrations

[3] Green and Black Cross, Stand 20.04.2019: Laws Commonly Used at Protests

[4] XR, 20.04.2019: Update #5 – Police turn Pirates: The Pink Boat is Lost!

[5] XR, Stand 20.04.2019: Our Demads

Illegaler Handel mit Klimakillern in der EU

Ungenügendes Kontrollsystem ermöglicht Schmuggel von Kühlmitteln

Die EU will den Verbrauch bestimmter Kühlmittel reduzieren, weil diese für das Klima tausendmal schädlicher sind als CO2. Durch diese Reduktion ist deren Preis gestiegen und jetzt lohnt sich der Kältemittelschmuggel.

Lasche Kontrollen, geringe Strafen aber hohe Gewinne. So stellt sich die Situation in der EU in den Augen eines Schmugglers von Kühlmitteln dar. Die EU hat sich dazu verpflichtet die Verwendung von FKWs (Fluorkohlenwasserstoffen) schrittweise zurückzufahren. Diese Stoffe kommen in Klimaanlagen oder Kühlschränken zum Einsatz. Sie ersetzen FCKWs (Fluorchlorkohlenwasserstoffe), die wegen ihres Chloratoms die Ozonschicht schädigen und deshalb mit dem Hilfe des Montreal Protokolls zum Schutz der Ozonschicht weltweit abgeschafft werden. Doch manche Ersatzstoffe sind extrem klimaschädlich. Die verschiedenen FKWs haben eine Klimawirkung die zwischen Faktor 675 und Faktor 3922 grösser ist als die von CO2. Daher wurde das Montreal Protokoll geändert (Kigali Änderung), um auch den Einsatz von FKWs zu reduzieren.

Die EU regelt in der „F-Gas Verordnung“ wieviel FKW pro Jahr noch verbraucht werden darf. Die erste nennenswerte Reduktion kam letztes Jahr. Die Quote für 2018 lag um 37 Prozent unter dem Referenzwert. Daher begannen FKW-Verbraucher schon im Jahr 2017 die Gase zu hamstern und trieben damit die Preise nach oben. Anfang 2018 kostete etwa FKW-404A elfmal so viel wie noch vier Jahre zuvor und damit deutlich mehr als in Russland, der Türkei oder China. Ähnlich sah es bei anderen Gasen aus. Damit wurde FKW-Schmuggel zu einem potentiell lohnenswerten Geschäft. Eine Untersuchung der britischen Umweltorganisation Environmental Investigation Agency (EIA) zeigt nun, dass die EU letztes Jahr tatsächlich mehr FKWs importiert hat, als eigentlich zulässig wäre. [1] Allein eine Analyse der Daten der EU-Zollbehörden lässt vermuten, dass FKWs im Gegenwert von 16 Millionen Tonnen CO2 zusätzlich zur Quote von 101 Millionen Tonnen importiert wurden.

Old school. Diese Methode des Zigarettenschmuggels ist nicht sonderlich effizient, aber weist den Täter als Kenner der französischen Literatur aus. (Foto: Hauptzollamt München / Wikipedia)

Old school. Diese Methode des Zigarettenschmuggels ist nicht sonderlich effizient, aber weist den Täter als Kenner der französischen Literatur aus. (Foto: Hauptzollamt München / Wikipedia)

Um dem illegalen Gashandel auf die Spur zu kommen, hat die EIA mehrere Quellen genutzt: Angaben der EU-Zollbehörde zu Importen und Exporten, Informationen von Chinas Zollbehörde zu Exporten, das EU-Register für FKWs sowie eine Umfrage in der Branche. Dabei sind diverse Auffälligkeiten zu Tage getreten. So waren in elf EU-Länder die Importe im Jahr 2018 mehr als doppelt so hoch wie 2016. Spitzenreiter ist hier Österreich, das seine Importe um 888 Prozent gesteigert hat. Bei sechs Ländern waren Chinas FKW-Exporte im Jahr 2017 mehr als doppelt so hoch als deren Importe aus China. Hier führt Lettland: Es importierte offiziell 16 Tonnen FKWs aus China, aber die chinesischen Daten zeigen Exporte von 245 Tonnen. Auch das EU-FKW-Register ist interessant. Wer eine FKW-Importquote haben will, muss sich dort registrieren. Im Jahr 2017 waren 1699 Firmen registriert – ein Drittel mehr als ein Jahr zuvor. Das klarste Bild zeichnet aber die Umfrage in der Branche: 83 Prozent der angefragten Firmen und Verbände gaben an, sie wüssten oder hätten zumindest den Verdacht, dass illegale FKWs im Umlauf sind.

Das ist nicht die Schuld der Zollbeamten an den EU-Aussengrenzen. Diese können nur überprüfen, ob ein Importeur beim FKW-Register gemeldet ist und somit eine Importquote hat. Ob er diese schon ausgeschöpft hat, sehen die Beamten aber nicht. Hinzu kommen unterschiedliche Masseinheiten. Die Quoten sind in CO2-Äquivalenten angegeben, während auf den Zollformularen die Menge an FKWs steht. Bei 82 verschiedenen FKWs mit jeweils unterschiedlichen Umrechnungsfaktoren, müssten die Grenzer über nennenswerte naturwissenschaftliche Kenntnisse verfügen, um die Berechnung vor Ort zu machen. EIA empfiehlt daher, dass Importlizenzen nicht pauschal sondern für jede Lieferung einzeln erteilt werden, und dass das FKW-Register kontinuierlich aktualisiert wird. Dieses Verfahren wird bereits bei ozonschädigenden Substanzen wie FCKWs eingesetzt und hat sich bewährt.

Schnäppchen. Auf ebay kann man FKWs von Händlern in der Ukraine kaufen. Die eigentlich illegale Wegwerfdose gibt's oben drauf und der Versand ist graaatis. (Screenshot: mic)

Schnäppchen. Auf ebay kann man FKWs von Händlern in der Ukraine kaufen. Die eigentlich illegale Wegwerfdose gibt’s oben drauf und der Versand ist graaatis. (Screenshot: mic)

Hinzu kommt der klassische Schmuggel, wo Kühlmittel versteckt über die Grenze gebracht werden. Aber wer kauft illegale Kühlmittel? Insbesondere Autogaragen und Gebrauchtwarenhändler. Dazu ist auch nicht allzu viel kriminelle Energie erforderlich. Insbesondere auf der Internetplattform ebay finden sich Kühlmittel problemlos. Dort sind auch Kältemittel in den eigentlich verbotenen Einwegdosen erhältlich. Der Autor hat dazu einen Selbstversuch gemacht. Bei einer Suche nach „R-134A“, dem Namen eines dieser Mittel, war der erste Treffer eine 650 Milliliter Einwegdose von einem Händler in der Ukraine. Die Dose wird für 29, 39 Euro angeboten, dafür ist der Versand kostenlos (siehe Bild). Welche Mengen versteckt oder per Post aus dem Ausland kommen, ist naturgemäss unbekannt. Klar ist hingegen, wer vom Schmuggel verliert: die ehrlichen Importeure, der Staat wegen entgangener Zölle und Steuern und das Klima. mic

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[1] EIA, 09.04.2019: Doors wide open – Europe’s flourishing illegal trade in hydrofluorocarbons (HFCs)

Droht eine neue Schuldenkrise?

Die Gesamtverschuldung der Welt ist seit 2008 gestiegen

Die Schwachstellen im globalen Finanzsystem sind die hohen Staatsschulden der Industriestaaten und die starke Verschuldung von Chinas Firmen. Dennoch sei eine Wiederholung der Krise von 2008 unwahrscheinlich, sagt eine aktuelle Studie.

Der Auslöser für die Finanzkrise im Jahr 2008 waren Schulden. In den USA bündelten Banken die Hypothekenschulden von Haushalten in Wertpapieren und verkauften sie anschliessend weiter. Somit hatten sie kein Interesse mehr auf die Bonität der Schuldner zu achten sondern nur noch möglichst viele Kredite zu vergeben. Als klar wurde, dass viele dieser Hypotheken platzen würden, stoppten die Banken die Kreditvergabe an andere Banken. Denn niemand wusste, wer wieviele Ramschhypotheken besass. Damit wurde die Hypotheken- zu einer Bankenkrise. Zehn Jahre später ist die nächste Rezession eigentlich überfällig. Wie schwer diese ausfällt, hängt insbesondere davon ab, ob es erneut zu einer Banken- und Schuldenkrise kommt. Schulden genug wären dafür da: Im Juni 2008 hatten Haushalte, Firmen und Länder Schulden im Wert von 208 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts (BIP). Im Juni 2018 lag dieser Wert bei 234 Prozent. [1] Jeder Mensch der Welt steht so mit über 25.000 Dollar bei sich selbst in der Kreide.

Nächster Halt? Nicht jede Rezession ist eine Krise, aber viel gelernt hat die Welt aus der letzten Krise nicht. (Bild: pxhere)

Nächster Halt? Nicht jede Rezession ist eine Krise, aber viel gelernt hat die Welt aus der letzten Krise nicht. (Bild: pxhere)

Dennoch bestünde kein Grund zur Panik, meint die Ratingagentur Standard & Poor‘s (S&P), denn die Bonität der Schuldner habe sich verbessert. [1] Global gesehen haben Haushalte weniger Schulden als im Juni 2008 und Regierungen und Firmen haben mehr. Der Anstieg der Staatsschulden ist aus Sicht von S&P nicht allzu besorgniserregend, weil dieser insbesondere Industriestaaten betreffe. Deren Schuldenquote ist von 71 BIP-Prozent auf 104 gestiegen. Dies ist nicht zuletzt eine Folge der Krise von 2008, als sich viele Länder genötigt sahen, ihre Banken zu „retten“, indem sie ihnen faule Kredite abnahmen. Kritischer sieht S&P hingegen den Anstieg der Schulden von Firmen. Hier stechen zwei Länder hervor: die USA und China.

In China ist die Verschuldung von Firmen von 93 BIP-Prozenten auf 155 gestiegen und ist damit dreimal höher als in Deutschland und immer noch doppelt so hoch wie in den USA. Dieser Anstieg „repräsentiert ein sehr hohes Kreditrisiko“, so S&P. Wenn man die Zusammensetzung der chinesischen Firmenschulden betrachtet, wird das Bild noch kritischer: Vier Fünftel der Schuldner fallen in die beiden Kategorien „stark“ oder zumindest „aggressiv gehebelt“. In keinem anderen Land der Welt setzen derart viele Firmen auf soviel Fremdkapital, um ihr Geschäft zu finanzieren. Für das globale Finanzsystem sei die Schuldenorgie von Chinas Firmen, aber keine allzu grosse Gefahr. S&P nennt dafür zwei Gründe: Ein Grossteil der Schulden entfalle auf Firmen im Staatsbesitz und Chinas Regierung habe genügend Möglichkeiten, um deren Pleite zu verhindern. Ausserdem hätten sich die meisten Firmen im Inland verschuldet, „was eine begrenzte Ansteckungsgefahr für das Ausland impliziert“. Oder anders: Gläubiger in China sollten sich durchaus Sorgen machen, aber der Rest der Welt wäre von einer Schuldenkrise in China nicht allzu sehr betroffen.

In den USA ist nicht die Höhe der Firmenschulden ein Problem, sondern ein innovatives Finanzinstrument mit einem gewissen Déjà-vu-Effekt: US-Banken vergeben Kredite an Firmen und verkaufen die Kredite dann weiter. Meist werden diese dann gebündelt und als Collateralized Loan Obligations (CLOs) an die Börse gebracht. Im Gegensatz zu den gebündelten Hypotheken werden CLOs aber aktiv gemanagt und gleichen daher eher einem Anlagefond. Dafür werden CLOs gehebelt, indem sie sich Geld leihen, um mehr Kredite kaufen zu können. Die Qualität dieser Kredite nimmt derweil ab. Mittlerweile haben 29 Prozent ein BBB Rating und sind nur noch eine Stufe über dem Junk-Niveau. Vor zehn Jahren waren dies nur 14 Prozent. [2] Im Fall einer Rezession ist es daher wahrscheinlich, dass sehr viele Kredite auf „Junk“ heruntergestuft werden. Neu aufgelegte CLOs bereiten sich bereits darauf vor, indem sie bis zur Hälfte solche Ramschkredite in ihrem Portfolio halten dürfen. Dafür reduzieren sie ihren Hebel: Das Geld der Anleger wird nur um den Faktor 5,5 mit Krediten gehebelt und nicht um den Faktor 14,3 wie bei anderen CLOs. [2]

Eine weitere, mögliche Gefahr für das Finanzsystem ist eine Krise in mehreren Schwellenländern. Die dortigen Regierungen und Firmen verschulden sich oft in US-Dollar. Beispiele sind etwa Argentinien, das vom Internationalen Währungsfonds (IWF) bereits einen Notkredit über 57 Milliarden Dollar erhalten hat, oder die Türkei. Dort ist letzte Woche erneut der Wechselkurs der Lira und die Börse eingebrochen. Sollten weitere Schwellenländer in Schieflage geraten, könnte es eng werden warnt der Chef der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), Agustin Carstens. „Der IWF hat nicht die adäquate Feuerkraft. Falls drei oder vier Länder zur gleichen Zeit Hilfe brauchen, dann müssten wir in grossem Stil auf globaler Ebene improvisieren oder die wirtschaftlichen Kosten wären gigantisch“, sagte Carstens bei einer Veranstaltung letzte Woche. [3] Carstens lobte in diesem Zusammenhang den Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM). Das europäische IWF-Pendant sei deutlich besser kapitalisiert als der IWF selbst. Bei der gleichen Veranstaltung sprach auch IWF-Chefin Christine Lagarde und mahnte weitere Reformen in der Eurozone an: „Die Währungsunion ist widerstandsfähiger als vor zehn Jahren, aber nicht widerstandsfähig genug.“ Insbesondere die Bankenunion müsse vollendet werden. „Es ist klar, was noch getan werden muss: eine gemeinsame Einlagenversicherung.“ [4]

Zurück auf der globale Ebene, erwartet S&P keine baldige Wiederholung der letzten Schuldenkrise: „Es ist unwahrscheinlich, dass der nächste globale Abschwung so schwerwiegend wird wie der in den Jahren 2008 und 2009, da die Ansteckungsgefahr begrenzt ist.“ S&P-Prognosen sind allerdings mit Vorsicht zu geniessen. Die Ratingagentur hat mit zur letzten Krise beigetragen, indem sie die Hypothekenbündel meist mit einem AAA-Rating versehen hat. mic

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[1] Standard & Poor’s, März 2019: Next Debt Crisis: Will Liquidity Hold? (PDF)

[2] Bloomberg, 18.01.2019: These Money Managers Are Getting Ready to Profit From a U.S. Economic Downturn

[3] Banque de France, 28.03.2019: The Euro Area: Staying the Course through Uncertainties (Video ab 02:00:00)

[4] IWF, 28.03.2019: The Euro Area: Creating a Stronger Economic Ecosystem

Die Exxon Valdez und der Columbia-Gletscher

Ausgerechnet der Ölkonzern Exxon ist eines der bekanntesten Opfer des Klimawandels

Heute vor 30 Jahren verunfallte der Öltanker Exxon Valdez und verursachte die zweitgrösste Ölpest der Geschichte in US-Gewässern. Mittlerweile hat sich die Natur weitgehend erholt, ausser eine Unterart von Schwertwahlen.

Endlich. Öl. Nach Jahren erfolgloser Suche war im März 1968 klar, dass es in der Prudhoe Bucht in Nordalaska tatsächlich Öl gibt. Es sollte das grösste Ölfeld in den USA werden. Doch die Bucht liegt weit nördlich des Polarkreises und ist bestenfalls im Sommer ohne Eisbrecher erreichbar. Für den Transport des Öls nach Süden wurden daher verschiedene Möglichkeiten geprüft, von U-Booten, die unter dem Eis durchtauchen, bis zu Tankflugzeugen. Gebaut wurde dann eine Pipeline – eine 1300 Kilometer lange Röhre mit 1,20 Meter Durchmesser. Diese endet in Valdez an der Südküste, einem 4000-Einwohner-Städtchen mit einem eisfreien Hafen. 1977 erreichte schliesslich das erste Öl das nagelneue Terminal.

Zwölf Jahre später, am 23. März 1998 kurz nach neun Uhr abends, legte der Tanker Exxon Valdez von diesem Terminal ab. Die Ladung: 1,2 Millionen Fass Purdhoe-Öl (zu je 159 Liter). Kapitän Joseph Hazelwood kannte die Strecke. Zuerst musste er den Valdez-Arm passieren, der an seiner schmalsten Stelle nur einen Kilometer misst. Anschliessend kommt der Columbia-Gletscher auf Steuerbord. Ist erstmal der Prinz-William-Sund erreicht, ist man schon fast im offenen Meer. 20 Minuten vor Mitternacht zeigte das Radar Eis im Wasser, das der Gletscher gekalbt hatte. Hazelwood entschied in die südliche Fahrrinne zu wechseln, ein Routinemanöver. Per Funk liess er den Hafen in Valdez wissen: „Sobald wir das Eis vom Columbia hinter uns haben, geben wir euch einen weiteren Funkruf. Over.“ [1] Dann ging er ins Bett und übergab das Kommando an Gregory Cousins, seinen dritten Offizier.

Fast perfekt. Ohne den Kollaps des Columbia-Gletschers wäre Valdez der ideale Endpunkt der Trans-Alaska-Pipeline gewesen. (Karte: UN University)

Fast perfekt. Ohne den Kollaps des Columbia-Gletschers wäre Valdez der ideale Endpunkt der Trans-Alaska-Pipeline gewesen. (Karte: UN University)

Nach einer Viertelstunde war die südliche Fahrrinne erreicht, doch Cousins korrigierte den Kurs nicht. Eigentlich hätte ihn kurz darauf das Raycas-Radar warnen sollen, doch das Gerät war schon seit über einem Jahr kaputt. Erst um vier Minuten nach Mitternacht realisierte er, dass die Exxon Valdez viel zu weit südlich war. Er steuerte um, doch es war zu spät: Der Tanker lief auf das Bligh-Riff und acht der elf Öltanks schlugen Leck. In den folgenden Tagen flossen 260‘000 Fass Rohöl ins Meer – die grösste Ölpest in US-Gewässern abgesehen von der Deepwater-Horizon-Katastrophe im Jahr 2010.

Comeback kids. Die meisten Arten haben sich mittlerweile von der Exxon Valdez Katastrophe erholt - mit einer nennenswerten Ausnahme. (Infografik: NOAA)

Comeback kids. Die meisten Arten haben sich mittlerweile von der Exxon Valdez Katastrophe erholt – mit einer nennenswerten Ausnahme. (Infografik: NOAA)

Die Ölstadt Valdez war schlecht auf das Unglück vorbereitet. Es fehlte an Chemikalien, um das Öl zu binden und an schwimmenden Barrieren, um dessen Verbreitung zu stoppen. Der Versuch, das Öl abzufackeln, scheiterte am Wetter und dann zog auch noch ein Sturm auf. Dieser warf das Öl an die Steinstrände entlang des Prinz-William-Sunds. Bis zu einer Viertel Million Vögel, 2800 Seeotter und eine unbekannte Zahl an Fischen fielen dem Unglück zum Opfer. Gut 300 Kilometer Küste waren stark mit Öl kontaminiert. Exxon investierte zwei Milliarden US-Dollar in die Behebung der Schäden und hatte zeitweise 11‘000 Arbeiter vor Ort. Doch auch 30 Jahre nach dem Unglück findet sich immer noch Öl zwischen den Steinen und im Sand. Der grösste Verlust ist aber die AT1-Unterart von Schwertwalen (auch Orcas genannt). Diese sind nur aus dem Prinz-William-Sund bekannt und hatten vor dem Unglück eine Population von nur 22 Tieren. [2] Direkt nach dem Unglück wurden vier davon fotografiert, wie sie durch den Ölschlick schwimmen. Mittlerweile ist die Art wahrscheinlich ausgestorben.

Einzigartig. Die AT1-Orcas zeichnen sich durch eine andere "Sprache" und anderes Verhalten im Vergleich zu anderen Orcas aus. (Foto: Los Angeles Times gemäss [2])

Einzigartig. Die AT1-Orcas zeichnen sich durch eine andere “Sprache” und anderes Verhalten im Vergleich zu anderen Orcas aus. (Foto: Los Angeles Times gemäss [2])

Doch zurück zum Funkspruch von Kapitän Hazelwood, denn dieser enthält den eigentlichen Grund für die Exxon-Valdez-Katastrophe. Schon zwei Jahre vor Inbetriebnahme des Valdez-Ölterminals war bekannt, dass der Columbia-Gletscher instabil ist. Dies hat ein Journalismusprojekt der US-Universität Columbia herausgefunden, nach der der Gletscher benannt ist. Im Jahr 1975 warnte der Glaziologe Austin Post: Der Gletscher werde sich voraussichtlich zurückziehen, was dazu führe, dass „massive Eispacken in den Prinz-William-Sund treiben“. [1] Später untersuchten Post und sein Chef bei der US-Geologiebehörde Mark Meier den Columbia mit Radar und setzten den Gletscher auf eine Gefahrenliste. Im Jahr 1983 begann dann der Kollaps des Gletschers und Meier warnte 1985 Exxon, dass der Gletscher zehn Millionen Tonnen Eis verliert – pro Tag. Im gleichen Jahr schrieb Meier in einer Studie: „Gletscher sind Indikatoren, vielleicht die sensibelsten in der Natur, für klimatische Veränderungen.“ [1] Der Ölkonzern Exxon, der jahrzehntelang Alles getan hat, um die Gefahren des Klimawandels herunterzuspielen, wurde so eines der ersten, bekannten Opfer der Erwärmung. 30 Jahre später ist die Gefahr für die Schifffahrt durch den Columbia-Gletscher aber schon wieder gebannt: Der Eisstrom hat sich um knapp 20 Kilometer zurückgezogen und die Hälfte seiner Dicke verloren. mic

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[1] Los Angeles Times, 06.04.2017: The role a melting glacier played in Exxon’s biggest disaster

[2] NRDC, 20.01.2016: The Woman Who Loves Orcas

Weltrettung in Trippelschritten

UN-Umweltversammlung setzt Kreislaufwirtschaft auf globale Agenda

Die zweijährlich stattfindende UN-Umweltversammlung ist das höchste Entscheidungsgremium der globalen Umweltpolitik. Die Dringlichkeit der globalen Umweltprobleme fand aber nur teilweise Eingang in die Beschlüsse.

„Wir wollen die Menschen durch Hoffnung und nicht durch Angst zum Handeln inspirieren“, schrieb Joyce Msuya, die interimistische Chefin des UN-Umweltprogramms (Unep), in ihrer Einladung zur diesjährigen UN-Umweltversammlung (Unea) in Kenias Hauptstadt Nairobi. [1] Das gelang nur bedingt. Die verschiedenen Berichte, die im Rahmen der Unea veröffentlicht wurden, haben alle einen ähnlichen Tenor: Die Lage ist verzweifelt und es drohen apokalyptische Zustände, aber noch besteht die Chance den Planeten zum Besseren zu wenden. Ein Beispiel ist der Bericht zum Ressourcenverbrauch: In den letzten 50 Jahren hat sich der Verbrauch an Ressourcen auf 92 Milliarden Tonnen pro Jahr mehr als verdreifacht und das Wachstum beschleunigt sich derzeit sogar noch. Msuya sagt dazu: „Wir pflügen uns durch die endlichen Ressourcen dieses Planeten als gäbe es kein Morgen. Und offen gesagt: Für viele Menschen wird es kein Morgen geben, wenn wir nicht stoppen.“ [2] Erforderlich sei daher eine Kreislaufwirtschaft, die nahezu keine Abfälle produziert. Dies sei „möglich“, sagt der Bericht, und würde zudem „das Wirtschaftswachstum unterstützen“.

Unilateralisten. Wenn es um Geoengineering geht, ist Saudi Arabien gegen einen multilateralen Ansatz. (Foto: IISD)

Unilateralisten. Wenn es um Geoengineering geht, ist Saudi Arabien gegen einen multilateralen Ansatz. (Foto: IISD)

Aber der Verbrauch an Sand, Metallen und Agrargütern ist natürlich nur eines von vielen Problemen: Selbst wenn das Pariser Klimaabkommen eingehalten wird, werden Gebiete mit Permafrost um 45 Prozent schrumpfen. Dadurch wird Methan freigesetzt, ein Treibhausgas. Der Klimawandel verstärkt sich daher selbst und dies könne dazu führen, dass sich die Erwärmung nicht bei zwei Grad stoppen lässt. [3] Nicht besser ist es beim Artenschutz: Hier erlebt die Welt gerade ein „grosses Aussterbe-Ereignis“ und auch wenn eine Art nicht ausstirbt, nimmt die Zahl der Tiere ab. In den letzten 50 Jahren ist die Zahl der Wirbeltiere auf der Erde um 60 Prozent gesunken. [4] Schlecht steht es auch um die Ozeane: Die werden von Fisch entleert und mit Plastikmüll befüllt. Und zum Süsswasser sagt der Geo6-Bericht: Weil zuviele Antibiotika ins Wasser gelangen, „finden sich Antibiotika-resistente Bakterien weltweit im Trinkwasser“. „Todesfälle wegen dieser Bakterien steigen schnell an und es wird erwartet, dass dies eine der wichtigen Todesursachen im Jahr 2050 wird.“ [5] Msuya schreibt daher, es seien „fundamentale Transformationen erforderlich, um das menschliche Leben zu erhalten.“ [1] Und das in nahezu jedem Bereich: „Transformationen in unserem Nahrungssystem, Energiesystem, Abfallsystem, Wirtschaftssystem und nicht zuletzt in unserem Wertesystem.“

Vor diesem Hintegrund wirken die Unea-Ergebnisse eher bescheiden: Die Länder der Welt verhandelten dort über 17 verschiedene Entschliessungsanträge. 15 wurden schliesslich verabschiedet. Knapp die Hälfte davon betreffen verschiedene Elemente der Kreislaufwirtschaft vom Abfallmanagement über die Verschwendung von Lebensmitteln bis zur Vermüllung der Meere und Einwegplastik. Um den letzten Antrag wurde besonders hart gerungen und die EU, Indien und andere Länder zeigten sich enttäuscht, dass nur eine stark abgeschwächte Resolution verabschiedet werden konnte. Positiv wurde hingegen hervorgehoben, dass im Rahmen von Chemieabfällen ein besonderes Augenmerk auf die Schwermetalle Blei und Kadmium gelegt wird. Weitere Entscheidungen betreffen nachhaltige Mobilität und Infrastruktur sowie den Abbau von Bodenschätzen. Konsens konnte schliesslich auch beim Artenschutz und dem Schutz der Böden erzielt werden.

Bei zwei Anträgen gelang keine Einigung. Der erste kam von der EU und betraf den Zusammenhang zwischen der Produktion von Agrargütern wie Palmöl oder Soja und dem Verlust an Wäldern. Einige Entwicklungsländer hatten hier den Eindruck, der Antrag ziele speziell auf sie ab und würdige ihre Rolle bei der Nahrungsmittelversorgung der Welt nicht genügend. Welche Länder dies waren geht aus dem inoffiziellen Unea-Protokoll allerdings nicht hervor. [6] Mangels Aussicht auf Konsens zog die EU den Antrag schliesslich zurück – zum Bedauern anderer Entwicklungsländer wie Kolumbien oder Bolivien.

Den zweiten erfolglosen Antrag hatte die Schweiz gestellt. Sie wollte die Chancen und Risiken von Geoengineering-Methoden vom Unep untersuchen lassen. Darunter fällt etwa das Versprühen von Schwefel in der Atmosphäre, um die Sonneneinstrahlung und damit die Klimaerwärmung zu reduzieren. Die Unep-Untersuchung hätte ein erster Schritt sein sollen, um den Einsatz solcher Methoden auf globaler Ebene zu regeln und sicherzustellen, dass kein Land unilateral Geoengineering betreibt. Doch insbesondere die USA und Saudi Arabien wollten hier einen multilateralen Ansatz verhindern, während eine breite Koalition von Ländern den Schweizer Antrag unterstützte darunter die EU. [7] Dass der Schweizer Antrag scheiterte, entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Schliesslich sind massenhafte Emissionen, die Versauerung der Meere oder die Abholzung riesiger Flächen nichts anderes als Geoengineering. mic

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[1] Unep, 06.03.2019: We are past pledging and politicking: the way forward in 2019 (PDF)

[2] Unep, 12.03.2019: UN calls for urgent rethink as resource use skyrockets

[3] Unep, 13.03.2019: 3-5°C temperature rise is now ‘locked-in’ for the Arctic

[4] Unep, 13.03.2019: GEO6 – Summary for Policy Makers (PDF)

[5] Unep, 13.03.2019: Geo6 – Chapter 9 Freshwater (PDF)

[5] IISD, 15.03.2019: Earth Negotiations Bulletin – UNEA-4 Highlights Thursday, 14 March 2019

[6] IISD, 14.03.2019: Earth Negotiations Bulletin – UNEA-4 Highlights Wednesday, 13 March 2019

Palladium glänzt mehr als Gold

Seit Jahren hinkt Produktion Nachfrage hinterher

Der Palladiumbedarf hängt von den Abgasvorschriften für Autos ab. Gleichzeitig wird Palladium nur als Beiprodukt gefördert und die Produktion kann nicht nennenswert ausgeweitet werden. Diese Kombination aus inelastischer Nachfrage und inelastischem Angebot treibt den Preis.

Das teuerste Edelmetall ist nicht Gold und schon gar nicht Platin sondern Palladium. Das silbrig-weisse Metall kostete zuletzt über 1500 US-Dollar pro Feinunze (31,1 Gramm) respektive 48.800 Dollar pro Kilo. Die Feinunze Gold kostete zuletzt 200 Dollar weniger und Platin nur etwas mehr als die Hälfte. [1] Grund dafür ist der massiv gestiegen Palladiumpreis. Dieser hat sich in den letzten neun Monaten knapp verdoppelt. Der Markt ist allerdings auch sehr klein: Letztes Jahr lag die Nachfrage bei gut 300 Tonnen oder bei weniger als einem Zehntel der Goldproduktion.

Saubermacher. Dank Palladium sind Autoabgase nicht ganz so dreckig. (Foto: Money Metals / Flickr)

Saubermacher. Dank Palladium sind Autoabgase nicht ganz so dreckig. (Foto: Money Metals / Flickr)

Der Hauptabnehmer von Palladium ist die Autoindustrie mit einem Anteil von 86 Prozent, wie der Spezialchemiekonzern Johnson Mattey in einem aktuellen Marktbericht für Metalle der Platingruppe berichtet. [2 s. S. 13] In Autos mit Benzinmotor werden drei bis sieben Gramm Palladium in den Abgaskatalysatoren verbaut. Das Edelmetall hilft dort Gifte wie Kohlenmonoxid in weniger gefährliche Stoffe wie Kohlendioxid umzuwandeln. Palladium ist denn auch einer der Hauptnutzniesser des Volkswagen-Dieselskandals. In den letzten drei Jahren ist in der EU der Marktanteil von Dieselautos von 51 Prozent auf 36 Prozent gefallen, wie das Marktforschungsinstitut Jato berichtet. [3] Dies ist auch ein Grund für den niedrigen Platinpreis: Platin wird in Katalysatoren für Dieselmotoren benutzt.

Hinzu kommen strengere Abgasvorschriften. In China beginnt dieses Jahr die Umstellung auf die China 6 Norm. Das „wird zu einer markanten Veränderung der Palladiummenge im Vergleich zu China 5 führen“, schreibt Johnson Mattey. [2 s. S. 19] Und in Europa werden die Abgastests anspruchsvoller. „Autohersteller sehen sich daher einer potenten Kombination gegenüber aus schärferen Gesetzen, rigoroseren Tests und schwerwiegenderen Folgen, falls sie die Standards nicht einhalten.“ [2 s. S. 19] Während die Palladiummenge pro Auto steigt, hängt die Gesamtnachfrage aber auch vom Autoabsatz ab. In China ist dieser 2018 zum ersten Mal seit 20 Jahren gesunken und dürfte auch dieses Jahr relativ schwach bleiben. Trotzdem erwartet Johnson Mattey „zweistellige Wachstumsraten beim Palladiumkonsum über die Jahre 2019 und 2020“. [2 s. S. 19] Stabil bleibt hingegen der Einsatz des Metalls in der Chemie- und Schmuckindustrie.

Die steigende Nachfrage trifft auf eine stabile Produktion. Palladium ist ein Beiprodukt in manchen Platin- und Nickelminen in Südafrika und Russland. Deren Palladiumproduktion liegt aber schon seit Jahren unter dem globalen Bedarf. Ausgeglichen wurde dies bislang durch den Abverkauf von Palladiumreserven. Bevor Katalysatoren in Autos zur Pflicht wurden, gab es kaum eine Verwendung für das Metall und insbesondere in Russland gab es daher nennenswerte Palladiumlager. Letztes Jahr verkauften ausserdem Finanzinvestoren rund 17 Tonnen Palladium, um von den steigenden Preisen zu profitieren. Jetzt halten diese nur noch knapp 23 Tonnen des Metalls. Das reicht nicht, denn: „Das ‚strukturelle‘ Defizit im Palladiummarkt wird sich dieses Jahr 31 Tonnen annähern.“ [2 s. S. 20] Ausgleichen könnte diese Lücke die russische Zentralbank, die eine „unbekannte Menge“ des Metalls besitzt. [2 s. S. 17]

Kurzfristig wird der Palladiummarkt dadurch geprägt, dass „eine inelastische Nachfrage auf ein inelastisches Angebot trifft“, schreibt die Bank of America. [4] Diese erwartet daher einen weiteren Preisanstieg auf 2000 Dollar pro Feinunze. Mittelfristig sieht die Situation aber anders aus. Zum einen kommen Elektroautos ohne Palladium aus und zum anderen lassen sich auch Katalysatoren für Benzinmotoren mit auch Platin bestücken. Die Commerzbank schreibt daher: „Wir rechnen in Kürze mit einem länger anhaltenden Preisrückgang. Denn bei Preisen um 1500 Dollar pro Feinunze sind die Autokatalysatoren auf Palladiumbasis schlichtweg zu teuer.“ [5] mic

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[1] Apmex, Stand 12.03.2019: Palladium Price

[2] Johnson Mattey, Februar 2019: PGM Market Report (PDF)

[3] Jato, 30.01.2019: Diesel car registrations in Europe post their lowest market share since 2001

[4] Kitco, 07.03.2019: Palladium To Hit $2,000 In 2019 – Bank of America

[5] Commerzbank, 01.03.2019: TagesInfo Rohstoffe (PDF)

„Das Landbudget der Welt ist knapp“

Die Erträge pro Hektar Agrarland müssen deutlich steigen, sagt der Weltbank-Ökonom Tobias Baedeker

Die globale Bodennutzung muss dem Nahrungsmittelbedarf sowie dem Arten- und Klimaschutz gerecht werden. Ein Bericht des World Ressources Institute (WRI) [1] und der Weltbank zeigt, was das für die Landwirtschaft bedeutet.

Tobias Baedeker, 34, stammt aus Freiburg. Nach einem Wirtschaftsstudium an der Universität St. Gallen in der Schweiz und an der London School of Economics in Grossbritannien erhielt er im Jahr 2011 ein sechmonatiges Stipendium des Carlo Schmid Programms, um bei der Weltbank zu arbeiten. Seither ist er dort in der Abteilung Landwirtschaft für Klimawandel zuständig.

 

Die Weltbevölkerung wird in den nächsten 31 Jahren von gut sieben auf knapp zehn Milliarden Menschen wachsen. Dadurch steigt der Nahrungsmittelbedarf. Was bedeutet das für die Welt?

Man kann das auf drei Dimensionen herunterbrechen: die Nahrungsmittellücke, die Landlücke und die Emissionslücke. Es müssen 56 Prozent mehr Kalorien produziert werden – die Nahrungsmittellücke. Dazu werden sechs Millionen Quadratkilometer zusätzlich gebraucht. Die Landlücke entspricht also knapp der doppelten Fläche Indiens. Ausserdem verursacht Landwirtschaft CO2-Emissionen. Ohne Gegenmassnahmen lägen diese bei 15 Milliarden Tonnen CO2 pro Jahr statt bei vier Milliarden Tonnen, wie für das Zwei-Grad-Klimaziel zulässig. Somit beträgt die Emissionslücke elf Milliarden Tonnen.

Hat die Welt genug Land?

Die Hälfte der nutzbaren Landfläche wird bereits landwirtschaftlich genutzt. Um die Landlücke zu schliessen, müsste man rund 15 Prozent der Wälder der Welt abholzen. Für den Arten-und Klimaschutz wäre das verheerend. Die landwirtschaftlich genutzte Fläche darf nicht weiter wachsen. Damit ist klar: Die Erträge pro Hektar müssen steigen.

Aber der WRI-Bericht geht doch schon von steigenden Erträgen aus.

Das WRI erwartet, dass die Hektarerträge weiter so zunehmen wie im Schnitt der Jahre 1961 bis 2010. Das ist eine mutige Annahme, denn in den letzten Jahren hat sich das Wachstum verlangsamt. Wir hatten in den 60er und 70er Jahren die „Grüne Revolution“: Damals konnte man durch mehr Bewässerung, besseres Saatgut und Stickstoffdünger enorme Ertragssteigerungen erreichen. Aber seither hat es keine vergleichbaren Ertragssprünge mehr gegeben. Wenn man Pflanzenwissenschaftler fragt, ist völlig unklar, wie es weitergehen kann.

Ist die Lage also aussichtslos?

Der WRI-Bericht kann da wegweisend sein, weil er auch unkoventionelle Lösungen mit einbezieht – von der Reduktion der Nahrungsmittelabfälle über weniger Fleischkonsum bis hin zu Geburtenkontrolle. Dabei sind 23 Ansätze herausgekommen, mit denen die Lücken in der Summe geschlossen werden können. Ein Startpunkt sind die sehr unterschiedlichen Hektarerträge auf der Welt. Es gibt immer noch viele Länder, wo Bauern auf ihren Feldern mehr produzieren könnten, ohne das Ökosystem an seine Grenzen zu bringen. Darum muss man weiter in die Entwicklungshilfe im Agrarsektor investieren. Aber auch die Landwirtschaft in den Industriestaaten muss weiter intensiviert werden. Das muss nicht zum Nachteil der Umwelt sein: Wir haben in der EU die Erträge um 30 Prozent gesteigert und den Stickstoffverbrauch um 40 Prozent reduziert. So geht nachhaltige Intensivierung.

Ist Gentechnik die Lösung?

Als Weltbank sind wir bei dieser Frage agnostisch. Für uns zählt, wie die Länder ihre Probleme lösen wollen und wir unterstützen sie dabei. Gentechnik ist ein Werkzeug unter vielen. Ich habe zudem den Eindruck, dass das Potential der Gentechnik oft überschätzt wird. Wir sind mit herkömmlichen Züchtungsmethoden sehr weit gekommen – oft bis an die physikalischen Grenzen: Maiskolben sind heute so gross, dass der Stengel sie gerade noch tragen kann, ohne umzuknicken. Grundsätzlich gilt aber ein chinesisches Sprichwort: Es ist egal, ob die Katze weiss oder schwarz ist, solange sie Mäuse fängt. Für uns sind diese Mäuse: Hunger, Armut, Klimawandel etc.

Ist Biolandwirtschaft noch zu rechtfertigen? Schliesslich hat diese einen grösseren Flächenbedarf.

Es gibt immer mehr Anhaltspunkte, dass Biolandwirtschaft hohe Erträge erzielen kann, nicht zuletzt weil (kursiv) sie ökologischer ist. Stichwort: „Mit der Natur statt gegen die Natur“. In den USA wird auf grossen Flächen weder Kunstdünger noch Pflanzenschutzmittel eingesetzt. Aber: Die Produktionskosten sind meist wesentlich höher als bei konventioneller Landwirtschaft und man braucht viel mehr Know-How. Die herkömmliche Landwirtschaft ist einfacher. Daher muss man auch in Europa in die Ausbildung der Bauern investieren und die Entwicklung der Landwirtschaft als modernem Wirtschaftssektor vorantreiben.

Das schliesst aber den typischen Kleinbauern aus. Dem fehlt in Afrika das Kapital für Bewässerung und in Europa das Know-How für „Präzisionslandwirtschaft“. Müssen die Höfe also grösser werden?

Dieses Thema ist in den letzten zwölf Monaten mehr und mehr diskutiert worden, seit Analysen wie der WRI-Bericht zeigen: Das Landbudget der Welt ist knapp. Damit ist die „Transformationsagenda“ aufgekommen. Das heisst: Der ganze Landwirtschaftssektor bedarf einer Generalüberholung. Da muss man auch fragen, wie sich Drohnen und Kleinbauern zusammenbringen lassen. Es hat sich eine Tendenz herausgebildet, in der sich wenige Grossbauern rasant entwickeln, während Kleinbauern zurückfallen. Daher muss man über Alternativen nachdenken, also über Themen wie soziale Abfederung, Entwicklung der ländlichen Räume und alternative Einkommensquellen. Historisch betrachtet geht es eh in diese Richtung: Immer weniger Menschen arbeiten in der Landwirtschaft, während die Hofgrösse wächst.

Das werden viele nicht gerne hören.

Das Gegenteil ist auch keine zufriedenstellende Lösung. In einigen afrikanischen Ländern sind wegen des Bevölkergungswachstums die Höfe dramatisch geschrumpft. Das Ergebnis sind Betriebe, die Familien zur Armut verurteilen und zu Migration in die Städte und bis nach Europa zwingen. Daher ist es wichtig, in ländlichen Räumen Jobs zu schaffen. Generell sollten wir uns in der Landwirtschaftscommunity eher darauf konzentrieren, worauf wir uns einigen können, als auf das, was uns trennt. Landwirtschaft ist extrem divers und vom lokalen Kontext abhängig. Daher sind Ansätze falsch, die für alle die gleichen Lösungen vorsehen.

Was ist mit Biosprit?

Das geht gar nicht. Das ist vollkommen Ressourcen-ineffizient. Bioenergie aus Abfällen ist natürlich etwas anderes, aber aus Nahrungsmitteln geht nicht.

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[1] WRI, Dezember 2018: Creating a Sustainable Food Future (PDF)

Was sind RWEs Kohlekraftwerke noch wert?

RWE verlangt 1,2 Milliarden Euro Entschädigung pro Gigawatt

Nach dem Kohlekompromiss geht das Feilschen los: Aus RWE Sicht wird der Konzern quasi enteignet und hat Anspruch auf Entschädigung. Ob die Kohlemeiler tatsächlich noch etwas wert sind, ist aber nicht sicher.

Die Kohlekommission hat in ihrem Bericht empfohlen, mit den Betreibern von Kohlekraftwerken „einvernehmliche Vereinbarungen“ auszuhandeln, die auch „Entschädigungsleistungen“ enthalten. Der Energiekonzern RWE hat im Februar hierzu eine erste Zahl genannt: RWE erwartet Kosten von mindestens 1,2 Milliarden Euro pro Gigawatt an Kraftwerkskapazität. [1] Dies beinhalte im Fall der Braunkohlemeiler auch die Tagebaue. RWE bezieht sich dabei auf die Zahlungen für die Kraftwerke, die im Jahr 2015 in die Marktstabilisierungsreserve überführt wurden. Damals erhielten die Betreiber 1,6 Milliarden Euro für 2,73 Gigawatt an Kapazität, also 586 Millionen pro Gigawatt. Die EU-Kommission genehmigte damals den Deal und konnte keinen Hinweis auf illegale Staatbsbeihilfe finden.

Goldgrube. RWE hofft, dass dem Konzern auch noch die Stilllegung vergoldet wird. (Foto: Craebby Crabbson / Flickr)

Goldgrube. RWE hofft, dass dem Konzern auch noch die Stilllegung vergoldet wird. (Foto: Craebby Crabbson / Flickr)

Ob eine Entschädigung rechtlich überhaupt erforderlich ist, gilt als umstritten. Für abgeschriebene Kraftwerke sei eine Entschädigung nicht erforderlich, sagt ein Gutachten des Thinktanks Agora Energiewende aus dem vorletzten Jahr. [2] Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags kommt ebenfalls zum „Ergebnis, dass eine gesetzlich angeordnete Stilllegung von Kohlekraftwerken grundsätzlich auch ohne Entschädigungsleistung möglich ist“. [3] Ausnahmen könne es nur bei „unzumutbaren wirtschaftlichen Belastungen“ geben, für die der Bericht der Kohlekommission aber „keine Hinweise“ enthalte. Ein von RWE in Auftrag gegebenes Gutachten kommt dafür zum gegenteiligen Ergebnis: Ein politisch verfügter Ausstieg ohne Entschädigung sei „insgesamt verfassungswidrig“. [1]

Doch zurück zur Bewertung der Kohlekraftwerke. Hier gibt es mehrere Optionen: Zum einen könnte man die Betreiber mit dem Buchwert der Anlagen entschädigen. Dann müssten sie keine Abschreibungen wegen des Kohleausstiegs vornehmen. Da Kraftwerke in der Regel über 40 Jahre abgeschrieben werden, dürfte der Buchwert aber bei den meisten Meilern nahe Null liegen. Der genauen Buchwert wollte RWE auf Anfrage aber nicht mitteilen. Dies sei „Geschäftsgeheimnis“. Ein anderer Ansatz ist die Marktkapitalisierung der Betreiber, in denen der „Wert“ der Kraftwerke ja enthalten sein müsste. RWE war am Dienstag an der Börse 13,3 Milliarden Euro wert. Darin enthalten sind elf Gigawatt Braunkohle- und gut drei Gigawatt Steinkohlekraftwerke. [4] Daher wäre es für den deutschen Staat billiger, RWE zu übernehmen, als pro Gigawattstunde 1,2 Milliarden Euro zu bezahlen. Nach Stilllegung aller Kohlemeiler könnte der Staat die Rest-RWE zudem wieder an die Börse bringen.

Eine dritte Möglichkeit zur Bewertung ist der Gegenwartswert aller zukünftigen Gewinne eines Kraftwerks. Diese Gewinne hängen von vier Faktoren ab: Dem Strompreis auf der Einnahmenseite sowie den Betriebskosten, dem Preis für Kohle und dem Preis für CO2-Zertifikate im EU-Emissionshandelssystem auf der Kostenseite. Das Beratungsunternehmen Energy Brainpool hat im Auftrag von Greenpeace Energy ausgerechnet, was die einzelnen RWE- Braunkohlemeiler im rheinischen Revier wert sind. [5] Diese haben eine Kapazität von 9,5 Gigawatt und deren Abschaltung müsste aus RWE Sicht mit 11,4 Milliarden Euro entschädigt werden. Wenn man die erwarteten Gewinne aus deren Betrieb betrachtet, kommt man allerdings auf einen Wert von 1,3 Milliarden im Jahr 2020, der anschliessend schnell fällt. Insbesondere wegen steigender Kosten für CO2-Zertifikate liegt der Gegenwartswert dieses Kraftwerksparks im Jahr 2022 nur noch bei 673 Millionen Euro. Viele Kraftwerke werden in den nächsten Jahren schlicht unrentabel. Am längsten lassen sich die beiden Kraftwerksblöcke Neurath F und G rentabel betreiben: Diese werden erst ab dem Jahr 2029 defizitär.

Eine vierte Option zur Ermittlung des Werts der Kraftwerke ist schliesslich ein Blick auf den Markt. Hier ist insbesondere der Verkauf von Vattenfalls Kohlegeschäft in Deutschland von Interesse: Im Jahr 2016 „verkaufte“ Vattenfall vier Braunkohlekraftwerke mit 7,6 Gigawatt Kapazität und fünf Tagebaue an den tschechischen Konzern EPH. Um das Geschäft zu ermöglichen, zahlte Vattenfall 1,7 Milliarden Euro an EPH für die Renaturierung der Tagebaue. [6] Bei diesem Geschäft lag der „Wert“ der Kohlemeiler folglich im negativen Bereich. mic

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[1] Handelsblatt, 28.02.2019: Der Kampf um Milliardenentschädigungen beim Kohleausstieg beginnt

[2] Agora Energiewende, Oktober 2017: Ein Kohleausstieg nach dem Vorbild des Atomausstiegs?

[3] Bundestag, 19.02.2019: Stilllegung von Kohlekraftwerken ohne Entschädigung (PDF)

[4] Umweltbundesamt, Stand 05.03.2019: Datenbank “Kraftwerke in Deutschland”

[5] Greenpeace Energy, 27.02.2019: Wieviel sind die Braunkohlekraftwerke des RWE-Konzerns wirklich wert? (PDF)

[6] Handelsblatt, 21.07.2016: Deutsche Braunkohle kostet Schweden Milliarden

Die Europäische Zentralbank unterminiert die EU-Klimapolitik

Die CO2-Intensität des EZB-Portfolios liesse sich um 44 Prozent reduzieren

In einem verzerrten Markt, ist ein „marktneutraler“ Ansatz nicht wirklich neutral. Das ist das Dilemma der Europäischen Zentralbank (EZB) beim Kauf von Anleihen, denn im Markt sind CO2-intensive Firmen übergewichtet.

Die Europäische Zentralbank (EZB) könnte ihre Bilanz zugunsten der Klimapolitik hebeln. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie der Brüsseler Denkfabrik Bruegel. [1] Dabei gibt es zwei Ansatzpunkte: Zum einen besass die Bank im September 2018 Anleihen im Wert von 2613 Milliarden Euro, die sie im Rahmen des „Asset Purchase Programms“ (APP) gekauft hat. Knapp 70 Prozent davon sind Staatsanleihen und der Rest Anleihen von Banken und Firmen. Zum anderen hatte die EZB Anleihen für 1596 Milliarden Euro in ihren Tresoren, die Banken als Sicherheit für Kredite hinterlegt hatten. Hier entfielen mehr als 80 Prozent auf Bank- und Firmenanleihen. Damit ist die EZB in Kontrolle eines erheblichen Teils der Marktkapitalisierung der verschiedenen Anleihentypen: 32 Prozent aller Staatsanleihen, 45 Prozent aller Bankanleihen und 15 Prozent aller Unternehmensanleihen. [1 s. S. 14] Diese Marktmacht solle die EZB bei Bank- und Firmenanleihen nutzen, fordert Bruegel.

Verzerrt. Es ist nicht die Schuld der EZB, dass es keinen CO2-Preis gibt, der die externen Kosten der Emissionen korrekt widerspiegelt. Ihr Problem ist es trotzdem. (Foto: EZB)

Verzerrt. Es ist nicht die Schuld der EZB, dass es keinen CO2-Preis gibt, der die externen Kosten der Emissionen korrekt widerspiegelt. Ihr Problem ist es trotzdem. (Foto: EZB)

Bei den Anleihen, die die EZB im Rahmen des APP hält, ist schnell erklärt, wie das gehen könnte. Die EZB ist „marktneutral“ und kauft einfach einen bestimmten Prozentsatz aller Anleihen auf dem Markt. Damit sei das EZB-Portfolio aber nicht „klimaneutral“ moniert Bruegel, denn „CO2-intensive Firmen, wie Ölkonzerne, Autohersteller oder Fluglinien sind typischerweise kapitalintensiv“. [1 s. S. 5] Auf dem Markt seien daher Anleihen von CO2-intensiven Firmen „übergewichtet“. „Ein marktneutraler Ansatz führt somit dazu, dass das EZB-Portfolio relativ CO2-intensiv ist“. Das moniert auch Markus Trilling vom Klimanetzwerk CAN: Mit dem APP „stockt die EZB die Bilanzen von CO2-intensiven Branchen auf“. Bruegel fordert daher, dass die EZB die CO2-Intensität der Schuldnerfirmen beim Kauf von Anleihen berücksichtigt. Dies würde dazu führen, dass die EZB weniger Anleihen von Ölkonzernen und mehr von Pharmaherstellern kauft. Dadurch steigen die Kapitalkosten für erstere und sinken für zweitere.

Bei den Anleihen, die Banken bei der EZB als Sicherheit hinterlegen, ist der Mechanismus etwas komplizierter: Wenn eine Geschäftsbank der EZB eine Anleihe im Wert von 100 Euro andient, bekommt sie dafür einen Kredit. Wie hoch dieser ist, hängt von der Restlaufzeit der Anleihe und der Bonität des Schuldners ab. Je nachdem bekommt die Bank daher zwischen 99,50 und 66 Euro.  [1 s. S. 12] Hier lässt sich nun ebenfalls ein Klimafaktor einbauen, indem die CO2-Intensität des Schuldners mitberücksichtigt wird. Dies hätte zur Folge, dass eine Geschäftsbank für die Anleihe eines Ölmultis weniger Kredit bekommt als für die Anleihe einer Pharmafirma. Aus Sicht der Bank werden dadurch die Anleihen von Ölkonzernen unattraktiver und diese müssen daher höhere Zinsen bezahlen.

Doch wie gross wäre dieser Effekt? Hierzu hat die EZB im Jahr 2011 einen „Praxisversuch“ unternommen: Damals begann die EZB, bestimmte Firmenanleihen im Rahmen des APP zu kaufen. Das kam für den Markt unerwartet. In der Folge sank die Rendite dieser Anleihen um 0.07 Prozentpunkte oder um sieben „Basispunkte“. Würde die EZB nun die Anleihen von besonders CO2-intensiven Firmen in ihrem Portfolio um die Hälfte und Anleihen von mittel CO2-intensiven um ein Viertel reduzieren, hätte das den gegenteiligen Effekt wie beim „Praxisversuch“: Die Kapitalkosten für besonders CO2-intensive Firmen würden um 3.5 Basispunkte und für mittel-intensive Firmen um 1.75 Basispunkte steigen. [1 s. S. 17] Dadurch erhielten Firmen mit geringer CO2-Intensität einen Vorteil bei der Finanzierung. Ausserdem würde die CO2-Intensität des EZB-Portfolios um 44 Prozent sinken, weil in diesem klimafreundliche Schuldner nun stärker vertreten sind.

Hinzu kommt ein indirekter Effekt so Bruegel: „Anstrengungen der Zentralbank ihre Geldpolitik grüner zu machen, hätten einen starken Signaleffekt für andere Marktteilnehmer.“ [1 s. S. 16] Dirk Schoenmaker, der Autor der Bruegel-Studie, glaubt sogar, dass der indirekte Effekt „stärker“ als der direkte Effekt sein könnte. Diese Effekte liessen sich zudem zum Nulltarif haben, sagt Schoenmaker. Durch die Umstellung des EZB-Portfolios entstünden „keine zusätzlichen Kosten“.

Trotzdem will die EZB an ihrem marktneutralen Ansatz festhalten. Aus ihrer Sicht sind CO2-intensive Firmen am Markt übergewichtet, weil ein CO2-Preis fehlt, der die externen Kosten von Emissionen korrekt widerspiegelt. Somit sei es Aufgabe der Politik einen solchen Preis einzuführen und nicht Aufgabe der EZB, die Marktverzerrung wegen des fehlenden CO2-Preises nachträglich auszugleichen. Bruegel konzediert, dass ein CO2-Preis die „erstbeste Lösung“ wäre, „in unserer zweitbesten Welt“ stelle sich die Sache aber anders dar: „Nichts zu tun, ist eine Entscheidung, die die EU-Klimapolitik unterminiert.“ [1 s. S. 5] mic

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[1] Bruegel, 19.02.2019: Greening monetary policy (PDF)

Chinas Leistungsbilanz dreht ins Minus

Überschuss im Warenhandel steht Reiselust der Chinesen gegenüber

Lange hat China Kapital exportiert, also mehr gespart als ausgegeben. Ab diesem Jahr wird China aber Kapital importieren müssen. Das dürfte den Druck erhöhen, Chinas Wirtschaft stärker zu öffnen.

Das Ungleichgewicht beim Handel zwischen China und den USA dominiert derzeit die Schlagzeilen. Trotz des Handelskriegs ist Chinas Handelsüberschuss mit den USA letztes Jahr sogar noch gestiegen – um 17 Prozent auf 323 Milliarden Dollar, wie Zahlen von Chinas Zollbehörde zeigen. [1] Kaum bekannt ist hingegen die Entwicklung von Chinas Leistungsbilanz mit der ganzen Welt. Diese umfasst den Handel mit Gütern und Dienstleistungen, Überweisungen von Immigranten in ihre Heimatländer sowie Zins- und Dividendeneinnahmen. Hier hat China im Jahr 2007 einen Überschuss in Höhe von zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts erzielt (siehe Grafik). Doch seither sinkt dieser Wert kontinuierlich und lag letztes Jahr noch bei 0,4 Prozent. (Zum Vergleich: Der deutsche Überschuss betrug letztes Jahr 7,4 Prozent.)

Über'm Berg. Chinas Leistungsbilanz verschlechtert sich seit dem Jahr 2007 fast kontinuierlich. (Grafik: Morgan Stanley [2])

Über’m Berg. Chinas Leistungsbilanz verschlechtert sich seit dem Jahr 2007 fast kontinuierlich. (Grafik: Morgan Stanley [2])

Für dieses Jahr erwarten Analysten, dass China zum ersten Mal seit 1993 wieder ein Defizit in der Leistungsbilanz ausweisen muss, das dann von Jahr zu Jahr grösser wird. James Lord von der US-Investmentbank Morgan Stanley geht von einem Defizit in Höhe von 50 Milliarden Dollar im Jahr 2019 aus, das dann in zwölf Jahren auf 430 Milliarden steigt. „Von jetzt an reichen Chinas einheimischen Ressourcen nicht mehr aus, um das gewünschte Wachstum zu finanzieren“, schreibt Lord. [2] Schuld daran ist vor allem die Reiselust der Chinesen. Diese haben letztes Jahr 131 Millionen Reisen ins Ausland unternommen und dabei 250 Milliarden Dollar ausgegeben, wie die Unternehmensberatung McKinsey schreibt. [3 s. S. 5] Aber auch der Konsum im Inland steigt und somit der Import von Gütern. Das hat nicht zuletzt demografische Gründe: „Die alternde Bevölkerung wird mehr konsumieren und weniger sparen“, schreibt Lord. [2] Schliesslich verzeichnet China auch ein Defizit bei den Vermögenseinkommen: Mehr Geld fliesst in Form von Zinsen und Dividenden aus China raus als rein.

Repräsentativ. Diese chinesischen Touristinnen haben Spass daran, die Leistungsbilanz ihres Landes zu ruinieren. Dabei entsprechen sie genau dem typischen Touristen aus China: Weiblich, nach 1980 geboren und in Thailand. [5] (Foto: Chinese Tourists / Flickr)

Repräsentativ. Diese chinesischen Touristinnen haben Spass daran, die Leistungsbilanz ihres Landes zu ruinieren. Dabei entsprechen sie genau dem typischen Touristen aus China: Weiblich, nach 1980 geboren und in Thailand. [5] (Foto: Chinese Tourists / Flickr)

Wer mehr Geld ausgibt als er einnimmt hat zwei Möglichkeiten: Entweder er verkauft Vermögenswerte oder er leiht sich Geld. Vermögenswerte hat China derzeit noch genug. Die Währungsreserven belaufen sich auf mehr als 3000 Milliarden Dollar. China wird sich aber auch mehr Geld leihen. „Kapitalzuflüsse insbesondere in den Markt für Anleihen werden entscheidend für Chinas Zahlungsbilanz sein“, sagt Becky Liu von der US-Bank Standard Chartered gegenüber der Zeitung South China Morning Post in Hong Kong. [4] Zuflüsse gibt es aber nur, wenn Anleger ihr Geld auch in China anlegen wollen. Das hat Folgen sagt Chen Dong von der Schweizer Privatbank Pictet: „Man muss China attraktiv für ausländische Investoren machen und das ist warum man Barrieren abbauen muss, um eine ausländische Beteiligung zu ermöglichen.“ [4] Kurz: China muss sich weiter öffnen, wenn es auf fremdes Geld angewiesen ist.

Für den Rest der Welt hat ein chinesisches Defizit in der Leistungsbilanz unterschiedliche Konsequenzen. Zum einen tritt China plötzlich als Nachfrager von Kapital in Konkurrenz zu anderen Ländern, die ebenfalls eine Defizit in der Leistungsbilanz haben etwa die USA oder einige Schwellenländer. Dies macht Kapital tendenziell wertvoller und sollte letztlich zu steigenden Zinsen führen. Zum anderen profitieren natürlich auch manche Länder von den steigenden chinesischen Importen und chinesischen Touristen. „Wenn Chinas Kapitalbedarf steigt, muss er parallel im Rest der Welt sinken“, schreibt Lord. [2] „Das muss nicht schlecht enden für andere Defizitländer, aber der Prozess könnte für manche holpriger sein. Es kommt darauf an, welche Länder von den höheren Importen Chinas profitieren.“ mic

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[1] Reuters, 14.01.2019: China’s 2018 trade surplus with U.S. highest on record going back to 2006

[2] James Lord via zerohedge, 24.02.2019: Morgan Stanley: China’s Current Account Deficit Will Be The Most Important Turning Point In 2019

[3] McKinsey, September 2018: Chinese tourists: Dispelling the myths – An in-depth look at China’s outbound tourist market (PDF)

[4] South China Morning Post, 10.01.2019: Trade war drives down China’s current account forcing new reliance on foreign investment

[5] Cottm, 17.09.2018: China’s outbound tourism market shows no signs of slowing