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Welt hat bald zwei Drittel aller Tiere verloren

Am Sonntag beginnt Konferenz der UN-Artenschutzkonvention

Auf der Erde vermehrt sich eine Art prächtig: der Mensch. Bei allen anderen Arten geht der Bestand zurück. Auf Dauer kann das nicht gut gehen.

Die Erde ist zu klein. Derzeit wären 1,6 Erden erforderlich, um den Bedarf der Menschheit an Nahrung, sauberem Wasser, sauberer Luft und einem stabilen Klima zu decken. Kurzfristig ist diese Überbeanspruchung des Naturkapitals durch die Menschen möglich. Doch irgendwann ist der Kapitalstock aufgebraucht. Bei der Zahl der Tiere nähert sich die Erde bereits einer bedrohlichen Wegmarke: Die Umweltorganisation WWF erwartet, dass im Jahr 2020 zwei Drittel weniger Tiere leben als 50 Jahre zuvor. [1] Dieser Schätzwert beruht auf der Zählung der Populationen von über 3500 Arten an Säugetieren, Vögeln, Fischen, Amphibien und Reptilien.  Hauptgrund für den Rückgang ist meist der Verlust an Lebensraum. Bei Fischen dominiert allerdings die Überfischung.

Wüstenbildung 1. Dieser Wissenschaftler kartiert die neuesten Unterwasserwüsten. Geht die Korallenbleiche nächstes Jahr weiter, werden wieder neue Karten gebraucht. (Foto: NPS / Flickr)

Wüstenbildung 1. Dieser Wissenschaftler kartiert die neuesten Unterwasserwüsten. Geht die Korallenbleiche nächstes Jahr weiter, werden wieder neue Karten gebraucht. (Foto: NPS / Flickr)

Wie dieser Raubbau gestoppt werden kann, diskutieren die Mitgliedsländer der ‚UN-Artenschutzkonvention’ (CBD) ab Sonntag in Cancun (Mexiko). Dort werden sie den Fortschritt bei der Erreichung der Aichi Ziele diskutieren: Diese fordern, dass 17 Prozent der Landmasse und 10 Prozent der Ozeane unter Schutz gestellt werden – bis zum Jahr 2020. Diese Ziele sind mittlerweile in Griffweite. Insbesondere beim Schutz der Meere wurden grosse Fortschritte erzielt. 15 Prozent der Landfläche (ohne Antarktis), zehn Prozent der Territorialgewässer und vier Prozent der Hochsee stehen mittlerweile unter Schutz. [2] Probleme bereitet aber noch die Qualität des Managements dieser Schutzgebiete sagt Erik Solheim der Chef der UN-Umweltprogramms Unep „Die riesigen Fortschritte im letzten Jahrzehnt hinsichtlich der Zahl und Grösse der Schutzgebiete müssen nun durch Verbesserungen der Qualität ergänzt werden.“ [3]

Wie wichtig der Artenschutz für das Wohlergehen der Menschheit ist, zeigen Bienen und andere Bestäuber. Diese sind für fünf bis acht Prozent der globalen Nahrungsmittelproduktion verantwortlich und ‚erwirtschaften’ einen Mehrwert von 235 bis 577 Milliarden Dollar pro Jahr wie ein neuer Bericht des Weltbiodiversitätsrat IPBES zeigt. [4] Der Bestand an Bestäubern geht aber weltweit zurück. In Europa sind der Bestand an Bienen um 37 Prozent und der Bestand an Schmetterlingen um 31 Prozent gesunken. „Die wachsende Gefährdung von Bestäubern, die eine wichtige Rolle bei der Nahrungssicherheit spielen, ist ein weiteres Beispiel dafür, wie stark unser Schicksal mit dem der Natur verwoben ist“ sagt Solheim. [4]

Ähnlich sieht es beim Fischfang aus. Korallenriffe sind die ‚Kinderstube’ vieler Fischarten. Letztes Jahr und dieses Jahr wurden die Riffe aber durch die bislang längste gemessene Korallenbleiche dezimiert und für nächstes Jahr sind weitere Verluste prognostiziert. Bei der Korallenbleiche sterben die Korallen ab, sodass nur noch ihre weissen Gehäuse übrig bleiben. Welche Folgen diese langandauernde Schädigung der Riffe hat, ist noch unklar sagt Nick Graham von der Lancaster Universität: „Das 2015 – 2016 Ereignis hat viele Korallen-Wissenschaftler schockiert. Wenn sich das nächstes Jahr fortsetzt, sind wir in unerforschtem Gebiet.“ [5] Dabei steht auch hier viel Geld auf dem Spiel: Der Nutzen von Korallenriffen für den Tourismus, den Fischfang und den Küstenschutz wird auf 30 Milliarden Dollar geschätzt.

Wüstenbildung 2. Die Korallenbleiche-Vorhersage bis März nächsten Jahres ist rot bis dunkelrot. (Grafik: NOAA)

Wüstenbildung 2. Die Korallenbleiche-Vorhersage bis März nächsten Jahres ist rot bis dunkelrot. (Grafik: NOAA)

Die Aichi Ziele seien ungenügend, selbst wenn sie komplett umgesetzt würden, sagt der Biologe Edward Wilson von der Harvard Universität. Die Ziele seien „bei weitem nicht genug“. [6] Er fordert, dass die halbe Welt unter Schutz gestellt wird. „Menschen verstehen Ziele“, schreibt Wilson in seinem neuen Buch ’Half-Earth’. „Sie brauchen einen Sieg und nicht nur die Nachricht, dass Fortschritt gemacht wird. Es ist in unserer Natur, grosse Ziele anzustreben, die vielleicht schwer zu erreichen sind dafür aber entscheidend und von universellem Nutzen.“ Der Schutz der eigenen Art durch den Schutz aller anderen, könnte ein solches Ziel sein. mic

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[1] WWF, 2016: Living Planet Report 2016

[2] IUCN, 02.09.2016: The World Now Protects 15% of Its Land, but Crucial Biodiversity Zones Left Out

[3] IUCN, 04.09.2016: Four out of six great apes one step away from extinction – IUCN Red List

[4] IPBES, 2016: Pollinators, pollination and food production (PDF)

[5] Climate Home, 30.11.2016: Worst-recorded coral bleaching event to continue into 2017

[6] Guardian, 15.06.2016: Could we set aside half the Earth for nature?

Das Klima kann nicht länger warten

Kampf gegen Klimawandel entscheidet sich in den nächsten fünf Jahren

Im vergangenen Jahr wurden Erfolge beim Klimaschutz erzielt. Doch bislang stagnieren die Emissionen nur. Dabei müssen sie sofort und schnell sinken. Nur weiss das kaum jemand.

Noch fünf Jahre. Dann hat die Menschheit ihr Treibhausgas-Budget aufgebraucht, wenn sie die Klimaerwärmung mit einer zwei Drittel Chance unter 1,5 Grad halten will. Um den Klimawandel bei zwei Grad zu stoppen, kann die Welt noch 20 Jahre lang soviel emittieren wie dieses Jahr (siehe Grafik). [1] Die Menschheit hat einen historischen Fehler gemacht: Die auf Kohle, Öl und Gas beruhende Energieversorgung ist „strukturell nicht-nachhaltig“ wie der Historiker Rolf Sieferle bemerkte, denn damit wurde ein Monster geweckt: „Das Klima ist ein streitsüchtiges Biest, das beim kleinsten Anlass überreagiert“, warnte der Klimaforscher Wallace Broeker schon im Jahr 1995. [2] Damals war die CO2-Konzentration in der Atmosphäre noch zehn Prozent niedriger als heute. [3]

Die Zeit läuft ab. Wenn die Welt ihre aktuellen Treibhausgas-Emissionen beibehält, reisst die Klimaerwärmung eine Temperaturschwelle nach der anderen. (Grafik: Carbon Brief, Daten: IPCC)

Klima-Countdown. Wenn die Welt ihre aktuellen Treibhausgas-Emissionen beibehält, reisst die Klimaerwärmung eine Temperaturschwelle nach der anderen. (Grafik: Carbon Brief, Daten: IPCC)

CO2 hält sich Jahrhunderte. Soll der Klimawandel gestoppt werden, müssen die Emissionen daher sofort fallen. Die Unternehmensberatung PWC hat ausgerechnet, dass die ‚CO2-Intensität’ der Weltwirtschaft jedes Jahr um 6,5 Prozent sinken muss, damit die Zwei-Grad-Schwelle nicht gerissen wird. [4] Derzeit produziert die EU 180 Gramm CO2 pro Dollar Bruttoinlandsprodukt, die USA 301 Gramm und China 475 Gramm (siehe Tabelle). Diese Werte müssen sinken, doch davon ist die Welt noch weit entfernt: Letztes Jahr ist die CO2-Intensität global um 2,8 Prozent gesunken, was wegen des Wachstums von 3,1 Prozent für eine Stabilisierung der Emissionen gesorgt hat. Für PWC ist das ein „positives Resultat“. Denn die 2,8 Prozent sind ein Rekordwert. Im Schnitt der letzten 15 Jahre verbesserte sich die CO2-Intensität nur um 1,3 Prozent pro Jahr. Den grössten Fortschritt hat letztes Jahr China gemacht. Dort sank die CO2-Intensität um 6,4 Prozent während die USA auf eine Verbesserung von 4,7 Prozent kommen. Abgeschlagen rangiert die EU: Dort wurde eine Verbesserung um 0,7 Prozent erzielt.

Verbesserung der CO2-Intensität ausgewählter Länder

LandVerŠänderung der CO2-IntensitŠätWirtschafts-wachstumEmissions-wachstumCO2-IntensitŠät in Gramm CO2 pro BIP-Dollar
EU-0.70%1.90%1.20%180
Deutschland-1.10%1.70%0.50%195
China-6.40%6.90%0.40%475
USA-4.70%2.40%-2.40%301
Welt-2.80%3.10%0.20%295
Gramm pro Dollar. Für einen Dollar Wirtschaftsleistung werden in der EU 180 Gramm CO2 emittiert. Global gesehen ist das ein guter Wert! (Daten: PWC)

Mit einer baldigen Beschleunigung beim Klimaschutz ist nicht zu rechnen, ausser die Länder verschärfen ihre Klimapläne deutlich: Mit den jetzigen Plänen verbessert sich die CO2-Intensität nur um 2,8 Prozent pro Jahr – statt um die erforderlich 6,5 Prozent. Trotzdem war die internationale Klimapolitik in den vergangenen zwölf Monaten erfolgreich. Das Paris-Abkommen verpflichtet zum ersten Mal alle Länder der Welt zur Begrenzung ihrer Emissionen und nicht nur die Industriestaaten. Ausserdem ist es bereits in Kraft und bleibt es auch, selbst wenn der künftige US-Präsident Donald Trump aus der UN-Klimakonvention austritt. Weiter haben die Länder vereinbart, die Emissionen aus der Luftfahrt auf dem Niveau von 2020 zu deckeln. Die Schifffahrt ist noch nicht ganz so weit, aber auch dort werden Klimaschutzmassnahmen auf globaler Ebene kommen. Den grössten Klimanutzen bringt schliesslich eine Einigung im Rahmen des Montreal-Protokolls zum Schutz der Ozonschicht: Dort wurde vereinbart, eine Klasse von Super-Treibhausgasen, die FKWs, weitgehend abzuschaffen.

Für gute Nachrichten sorgt auch die Wirtschaft: Die Kosten für klimafreundliche Technologien wie Windräder, Solarpaneele, Batterien oder Energiesparlampen sinken seit Jahren rapide und werden weiter fallen. In vielen Ländern ist Strom aus Sonne und Wind billiger als aus Kohlemeilern. Immer mehr Firmen verpflichten sich zudem zu einer Reduktion ihrer Emissionen: Bis dato wollen sich 200 Konzerne wie Daimler, Swisscom oder Walmart „wissenschaftsbasierte Klimaziele“ setzen, was eine Reduktion ihrer Emissionen um mindestens 80 Prozent bis zum Jahr 2050 bedeutet. [5] Auch viele Städte und Provinzen verpflichten sich auf dieses Ziel. Deren ‚Unter Zwei Grad’ Koalition hat 165 Mitglieder auf allen Kontinenten, die über eine Milliarde Menschen und mehr als ein Drittel des Welt-BIPs repräsentieren. Mitglied sind etwa Kalifornien und New York, mehrere deutsche Bundesländer, die beiden Basler Halbkantone und Metropolen wie Sao Paulo (Brasilien) oder Mexiko-Stadt. [6]

Weckruf. Die Menschheit hat nur noch fünf Jahre, um die Klimaerwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. (Foto: Pixabay)

Weckruf. Die Menschheit hat nur noch fünf Jahre, um die Klimaerwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. (Foto: Pixabay)

Der Klimaschutz hat also Fortschritte gemacht. Das Problem aber bleibt: Die CO2-Intensität der Weltwirtschaft muss mehr als doppelt so schnell sinken wie letztes Jahr und das ohne Unterbruch über Jahrzehnte. Den wenigsten Menschen ist aber bewusst, wie dringlich die Klimakrise mittlerweile ist, sagt Wendel Trio, der Direktor von CAN Europa, einem Netzwerk von Hilfs- und Umweltorganisationen: Nur einem „sehr kleinen Teil der Bevölkerung“ sei dies bekannt. Trio empfiehlt daher den Regierungen, „radikale Vorschläge zu lancieren, die konkret genug sind, damit sich die Menschen vorstellen können“, was diese bedeuten. Das Ziel, „die Nutzung fossiler Energien in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts auslaufen zu lassen“, sei „zu abstrakt“. „Aber die Diskussionen in Norwegen, Deutschland und Belgien, den Verkauf von Autos mit Verbrennungsmotoren ab dem Jahr 2025 oder 2030 zu verbieten, sind sehr nützlich, weil sie die Menschen wach rütteln.“ Letztlich ist es also ein Rennen, wer zuerst aufwacht: Die Menschen oder das „streitsüchtige Biest“. mic

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 [1] Carbon Brief, 19.05.2016: Analysis: Only five years left before 1.5C carbon budget is blown

[2] Weltinnenpolitik, 07.08.2009: Wenn 100 ppm die Welt bedeuten

[3] Vergleiche den Wert im Dezember 1995 auf: Scripps Institution of Oceanography, Stand 01.12.2016: Monthly Mauna Loa CO2 concentrations

[4] PWC, November 2016: The Low Carbon Economy Index 2016

[5] We Mean Business Coalition, Stand 01.12.2016: Adopt a science-based emissions target

[6] Under 2° Coalition, Stand 01.12.2016: Under2 Coalition

Paris-Abkommen zwingt Länder, für Null Emissionen zu planen

Einige Entwicklungsländer kommen Deutschland mit Kohleausstiegsplan zuvor

Um die Klimaerwärmung bei 1,5 oder zwei Grad zu stoppen, müssen die Emissionen im Stromsektor schnell auf Null sinken. Dies hat nun eine Gruppe von Entwicklungsländern angekündigt. Doch die Umsetzung ist nicht überall einfach.

47 Entwicklungsländer wollen in den nächsten drei Jahrzehnten ihre Energieversorgung auf 100 Prozent erneuerbare Energien umstellen. [1] Mit dieser Ankündigung sicherten sie sich die Schlagzeilen am letzten Tag der Klimakonferenz in Marrakesch (siehe Artikel unten). Die 47 Länder sind besonders verletzlich gegenüber den Folgen des Klimawandels und haben sich daher im ‚Climate Vulnerable Forum’ (CVF) zusammengeschlossen. „Unsere Länder liegen an der Klima-Front und wir werden die Auswirkungen des Klimawandels überproportional zu spüren bekommen“, schreibt das CVF. [2]

Klare Botschaft. Nicht nur in Europa sondern auch auf den Philippinen macht die Zivilgesellschaft gegen Kohlestrom mobil. (Foto: Break Free / Flickr)

Klare Botschaft. Nicht nur in Europa sondern auch auf den Philippinen macht die Zivilgesellschaft gegen Kohlestrom mobil. (Foto: Break Free / Flickr)

Nun wollen sie auch etwas gegen den Klimawandel unternehmen und stahlen damit Deutschland, den USA, Mexiko und Kanada die Show. Diese vier Staaten hatten in Marrakesch einen Klimaplan für das Jahr 2050 vorgelegt und dafür viel Lob bekommen. Einen Kohleausstieg sucht man darin allerdings vergebens. Auf die Frage, ob die VCF-Staaten Deutschland überholt hätten, antwortete Bundesumweltministerin Barbara Hendricks: „Es ist doch so, dass die meisten dieser Länder gar keine Kohlekraftwerke haben! Sie steigen nicht aus der Kohle aus, sie steigen nur nicht ein.“ [3]

Doch dies trifft nicht auf alle der 47 Länder zu. Sechs davon haben derzeit Kohlemeiler mit einer Kapazität von 25 Gigawatt (GW) am Netz (siehe Tabelle). Das entspricht 25 grossen Kohlekraftwerken. Im Bau befinden sich weitere 23 GW und in Planung sind sogar 80 GW. Würden alle diese Kraftwerke tatsächlich gebaut, hätten schliesslich 14 der 47 Länder Kohlekraftwerke, also rund ein Viertel. Die Ankündigung der VCF-Staaten ist daher durchaus bedeutsam: Wenn die Länder ihrer Ankündigung Taten folgen lassen, müssen sie in den nächsten beiden Jahren Pläne vorlegen, wann die bestehenden Kohlemeiler abgeschaltet werden und wie sie ohne die geplanten Meiler auskommen.

Kohlekraft in CVF Ländern (in GW Kapazität)

LandGeplant in GWIm Bau in GWAm Netz in GWTotal in GW    
Vietnam31161359
Philippinen104620
Bangladesch130013
Mongolei121113
Marokko0134
Kambodscha4004
Sri Lanka3014
Kolumbien1012
Ghana2002
Tansania1001
Dominikanische Republik0101
Kenia1001
Malawi1001
Senegal1001
Total802325128
Quelle: endcoal.org (Stand Juli 2016) [4]

 

Eine besondere Herausforderung wird dies für Vietnam und die Philippinen während Bangladesch und die Mongolei nur auf ihre geplanten Meiler verzichten müssen. Vietnam ist unter den VCF-Staaten der Spitzenreiter bei der Kohleverstromung mit einer Kapazität von 13 GW – rund einem Viertel der deutschen. In Bau und Planung sind aber noch viel mehr: insgesamt 47 GW. Der Chef der Weltbank Jim Yong Kim warnte denn auch in deutlichen Worten, was dies für die Welt bedeutet: „Wenn Vietnam mit (dem Neubau von) mehr als 40 GW Kohle weitermacht, wenn die ganze Region ihre Pläne umsetzt … Das wäre ein Desaster für uns und unseren Planeten.“ [5]

Noch scheint Vietnam aber hin- und hergerissen bei seiner Energiepolitik: Im Januar 2016 hatte der damalige vietnamesische Ministerpräsident Nguyen Tan Dung eigentlich angekündigt, er würde „jedes neue Kohlestromprojekt stoppen“. [6] Doch im Mai musste Dung zurücktreten und sein Nachfolger bestätigte den weiteren Ausbau der Kohle – nur um im Rahmen des CVF erneut den Ausstieg anzukündigen. Ein Grund dafür könnten die Kohleimporte und -exporte sein. Vietnam war stets ein Kohleexporteur. Doch dieses Jahr muss das Land zum ersten Mal Kohle importieren. [7] Für eine weitere Volte in der Kohlepolitik könnte nun die Atompolitik sorgen. Diese Woche hat das vietnamesische Parlament beschlossen, auf den Bau der ersten beiden Atomkraftwerke zu verzichten. „Atomstrom ist nun weniger wettbewerbsfähig als Strom aus anderen Quellen“, sagte Duong Quang Tanh, der Chef des nationalen Stromkonzers. [8] Insbesondere Kohle sei günstiger als zur Zeit der Planung für die Atommeiler.

Ebenso unklar ist die Situation in den Philippinen. „Warum sollte ich mehr Kohlekraft bewilligen?“, fragte Umweltministerin Gina Lopez im Juli dieses Jahres. „Warum sollten wir uns auf eine Energie festlegen, die keine Zukunft hat?“ [9] Der Energieminister sieht dies allerdings anders: „Die Zeichen der Zeit sagen uns, dass Kohle bleiben wird“, sagte Alfonso Cusi letzte Woche und erklärt das Problem: „Wir sehen uns einem `Energie-Trilemma` gegenüber: Wir haben die schwierige Aufgabe, ein Balance zu finden zwischen Versorgungssicherheit, ökologischer Nachhaltigkeit und ökonomischer Wettbewerbsfähigkeit.“ [10] Trotz der CVF Ankündigung scheint also auch in den Philippinen das letzte Wort über die zukünftige Energiepolitik noch nicht gesprochen.

Damit die 47 CVF-Länder ihren Plan einer Stromversorgung aus Erneuerbaren umsetzen, kann Deutschland helfen. In Marrakesch hat Hendricks zusammen mit Marokko eine neue Initiative aus der Taufe gehoben: die NDC-Partnerschaft. [11] NDCs sind die nationalen Klimapläne der Länder, und Deutschland will hier Entwicklungsländern helfen, möglichst klimafreundliche Pläne zu entwickeln. Hilfreich wäre dabei sicher, wenn Deutschland dabei bereits auf eigene Erfahrung mit dem Kohleausstieg zurückgreifen könnte. Doch die deutsche Regierung wähnt sich offenbar vor einem Kohle-Dilemma. Einerseits ist klar, dass der Ausstieg kommt. Andererseits sind nächstes Jahr Bundestagswahlen. So hat jeder seinen eigenen Zielkonflikt beim Klimaschutz. mic

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[1] CVF, 18.11.2016: Climate Vulnerable Forum Commits to Stronger Climate Action at COP22

[2] CVF, Stand 24.11.2016: CVF Participating Countries

[3] klimaretter.info, 21.11.2016: „Kohleausstieg steht im Klimaschutzplan“

[4] endcoal.org, Juli 2016: Proposed coal plants by country (MW) – July 2016 (PDF)

[5] Guardian, 05.05.2016: Plans for coal-fired power in Asia are ‚disaster for planet‘ warns World Bank

[6] Energy Transition, 23.06.2016: Vietnam needs a 21st Century electricity plan

[7] VNexpress, 21.09.2016: Vietnam, hungry for electricity, turns into net coal importer

[8] WSJ, 10.11.2016: Vietnam Scraps Plans for Its First Nuclear-Power Plants

[9] Bloomberg, 11.07.2016: It Just Got Harder to Build Coal Plants in The Philippines

[10] Inquirer, 17.11.2016: Coal here to stay, says DOE chief

[11] klimaretter.info, 15.12.2016: „Wir brauchen Hunderte Ouarzazates“

Marrakesch Konferenz endet mit Paukenschlag

Vom Klimawandel besonders betroffene Staaten erhöhen Druck auf alle anderen Länder

Die Klimakonferenz in Marrakesch endete mit einem deutlichen Signal: 47 besonders durch die Klimaerwärmung bedrohte Länder kündigten an, ihre Energieversorgung auf 100 Prozent Erneuerbare umstellen zu wollen.

Die internationale Klimapolitik ist in einer neuen Epoche angekommen. Die alte Zweiteilung der Welt in Industrie- und Entwicklungsländer ist weitgehend Geschichte. Bei der am Freitag in Marrakesch zu Ende gegangene Klimakonferenz beharrten nur noch wenige Entwicklungsländer auf dieser Unterscheidung. Das ist die Folge des Paris-Abkommens, dass alle Länder der Welt zur Begrenzung ihrer Emissionen verpflichtet. Einen Durchbruch erlebte auch das 1,5-Grad-Ziel. Den meisten Teilnehmern der Klimakonferenz ist mittlerweile klar, dass eine Klimaerwärmung um zwei Grade ein unkalkulierbares Risiko darstellt.

Weltgemeinschaft. Noch ist das Sternenbanner auch dabei. Ob das bei der nächsten Klimakonferenz in Bonn noch so sein wird, ist ungewiss. Der 'Rest der Welt' hat aber bereits klar gemacht, dass er zur Not das Klima auch ohne die USA retten wird. (Foto: IISD)

Weltgemeinschaft. Noch ist das Sternenbanner auch dabei. Ob das bei der nächsten Klimakonferenz in Bonn noch so sein wird, ist ungewiss. Der ‚Rest der Welt‘ hat aber bereits klar gemacht, dass er zur Not das Klima auch ohne die USA retten wird. (Foto: IISD)

Besondere Beachtung erhielten die 2050 Klimapläne einiger Industriestaaten: Als erstes Land legte Deutschland einen derartigen Plan vor. Dann folgten die USA, Mexiko und Kanada. Ziel dieser Pläne ist es, Investitionssicherheit zu schaffen. Sie zeigen, dass die Treibhausgasemissionen langfristig auf Null sinken werden. Doch am letzten Tag der Konferenz demonstrierte eine Allianz (CVF) aus 47 besonders Klima-gefährdeten Staaten, wie ehrgeiziger Klimaschutz geht. Diese Länder wollen ihre nationalen Klimapläne überarbeiten und auf 100 Prozent erneuerbare Energien ausrichten. Viele dieser Länder sind klein und haben keine Kohlekraftwerke. Doch für einige Mitglieder der Allianz bedeutet die Ankündigung eine fundamentale Änderung ihrer Energiepolitik. Dies gilt etwa für Äthiopien, Bangladesch, Kenia, Marokko, Tansania und Vietnam. Dort schliesst die Ankündigung den Neubau von Kohlekraftwerken de facto aus. EU-Klimakommissar Miguel Arias Canete kommentierte die Ankündigung: „Die heutigen Selbstverpflichtungen des CVF sind beeindruckend und inspirierend. Diese Länder haben erneut ihre moralische Führungsrolle in diesem Prozess demonstriert.“

Auch beim Thema Geld erfolgten die Diskussionen in Marrakesch aus einer neuen Perspektive. Noch in Paris ging es hier primär um die ‘100-Milliarden-Dollar-Frage’ – das Versprechen der Industriestaaten ab dem Jahr 2020 jährlich 100 Milliarden Dollar zu „mobilisieren“, um den Entwicklungsländern beim Klimaschutz und der Anpassung an den Klimawandel zu helfen. Nun haben die Industriestaaten einen ‘Fahrplan’ vorgelegt, der zeigt, wie sie dieses Ziel erreichen wollen. Damit haben sie die Diskussion dieser Frage weitgehend beendet und die wirklich entscheidende Frage rückt in den Vordergrund: Wie lassen sich jährlich 6000 Milliarden Dollar für klimafreundliche Infrastruktur mobilisieren? Hier geht es nicht mehr darum, ob Staaten dieses Geld aufbringen. Das ist unmöglich. Einzig die Finanz- und Kapitalmärkte verfügen über derartige Summen. In Marrakesch drehten sich die Finanzdiskussionen folglich um die Frage: Wie lassen sich die globalen Finanzströme so umlenken, dass die Märkte ihren Beitrag zum Kampf gegen den Klimawandel leisten?

Eine neue Sicht auf die Klimapolitik machte schliesslich auch der Wahlsieg von Donald Trump in den USA erforderlich. In den letzten Jahren hatte sich die Welt daran gewöhnt, dass die USA zusammen mit China den Kampf gegen den Klimawandel voranbringen. Doch nun drohen die USA auszufallen und es ist unklar, wer an ihre Stelle tritt. Spontan denken hier viele an die EU. Doch der chinesische Vize-Aussenminister Liu Zhenmin erinnert an deren Schwäche: „Die EU muss sich erst mal untereinander einig werden.“ Und auch der deutsche Umwelt-Staatssekretär Jochen Flassbarth erwartet nicht, dass die EU die USA in einer G2 Konstellation mit China ersetzt: „Es wird mehrere Pole geben.“ Unbeeindruckt von Trumps Wahlsieg bekräftigten die Länder in der (unverbindlichen) ‘Marrakesch Proklamation’, dass sie am eingeschlagenen Weg festhalten werden: Unser „Momentum ist unumkehrbar.“

Neu war in Marrakesch schliesslich die Aufmersamkeit, die nicht-staatliche Akteure wie Bundesstaaten, Städte und Firmen genossen. Diese veranstalteten ein wahres Feuerwerk an Ankündigungen, wie sie den Klimaschutz voranbringen wollen – doch erst die nächsten Jahre werden zeigen, ob diese auch wirklich umgesetzt werden. Für eine Premiere in der Geschichte der UN-Klimakonvention sorgte schliesslich die Wahl der nächsten Konferenzpräsidentschaft: Fidschi. Der kleine Inselstaat wird die nächste Konferenz zwar präsidieren aber nicht ausrichten. Zum Zug kommt hier Bonn, der Sitz des UN-Klimasekretariats. mic

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Das Spielbrett vorbereiten

Die letzten offenen Punkte an der Klimakonferenz dienen der taktischen Positionierung für die kommenden Jahre

Bei Klimakonferenzen stehen meist die grossen Fragen im Zentrum etwa das Wohlergehen der Menschheit in den nächsten tausend Jahren. Aber die Verhandlungen haben auch eine taktische Komponente.

Der inhaltliche Teil der Klimakonferenz in Marrakesch ist abgeschlossen: Die Länder haben sich auf einen Arbeitsplan geeinigt, mit dem sie bis 2018 die ‘Bedienungsanleitung’ für das Paris-Abkommen schreiben wollen. Das bedeutet aber nicht, dass die Verhandlungen vorbei sind. Drei Punkte sind noch offen:

  • Soll der Fortschritt der Arbeiten nächstes Jahr in einer „gemeinsamen“ Sitzung der Vertragsparteien der UN-Klimakonvention und des Paris-Abkommens diskutiert werden oder sollen dies nur die Vertragsparteien des Paris-Abkommens tun? Diese Frage stellt sich, weil nicht alle Mitglieder der UN-Klimakonvention auch dem Paris-Abkommen beitreten wollen. Insbesondere Nicaragua lehnt den Pariser Klimavertrag ab, beharrt aber darauf, dass dieser „unter“ der Konvention steht und Nicaragua folglich auch bei Fragen zum Paris-Abkommen mitreden darf.
  • Das Paris-Abkommen sagt, der Anpassungsfonds des Kyoto-Protokolls „könnte“ auch dem Paris-Abkommen dienen. Viele Entwicklungsländer wollen nun, dass in Marrakesch entschieden wird, dass dies so kommt. Die Industriestaaten sagen aber, eine solche Entscheidung sei verfrüht, da erst wichtige Details geklärt werden müssten. Derzeit kursiert ein Kompromissvorschlag, der besagt der Anpassungsfonds „sollte“ dem Paris-Abkommen dienen, „vorausgesetzt“ die technischen Details werden vorab geklärt.
  • Die schwierigste noch offene Frage versteckt sich hinter dem harmlosen wirkenden Titel „Weitere Themen im Hinblick auf die Implementierung des Paris Abkommens“. Hier wird die APA (Ad Hoc Working Group on the Paris Agreement) dazu aufgefordert, die Behandlung „zusätzlicher Themen“ fortzusetzen, im Hinblick auf eine Entscheidung an der Klimakonferenz nächstes Jahr. Diese Formulierung ist problematisch sowohl für ihre Schärfe als auch für ihre Unschärfe. Die Industriestaaten wollen nicht, dass schon nächstes Jahr erste Entscheidungen zur ‘Bedienungsanleitung’ für das Paris-Abkommen getroffen werden. Sie wollen das ganze Handbuch im Jahr 2018 als Paket verabschieden. Schwierig ist aber auch die Unschärfe des Begriffs „zusätzliche Themen“, denn dieser ebnet langwierigen Diskussionen den Boden, was dazu gehören soll.

Grund für die anhaltenden Verhandlungen sind nicht inhaltliche Gegensätze bei den drei Punkten. So besteht etwa beim Anpassungsfonds weitgehende Einigkeit unter den Ländern, dass es sinnvoll wäre, diesen auch für das Paris-Abkommen zu nutzen. Grund für die bislang ausbleibende Eingung sind taktische Überlegungen. Die Länder versuchen das Spielbrett für die Verhandlungen in den nächsten beiden Jahren vorzubereiten: So wollen die Entwicklungsländer eine schnelle Entscheidung zum Anpassungsfonds, damit dieser den Industriestaaten nicht länger als Verhandlungsmasse zur Verfügung steht. Umgekehrt versuchen einige Entwicklungsländer, sich Verhandlungsmasse unter der Rubrik „Weitere Themen“ zu schaffen. Ein Thema, das sie hier diskutieren wollen, sind die Klimahilfen nach dem Jahr 2025. Aus Sicht der Industriestaaten besteht hier kein Grund zur Eile. Gelingt es den Entwicklungsländern aber, dieses Thema zu setzen, hätten sie einen wertvollen Spielstein gewonnen: Jahr für Jahr könnten sie für die Vertagung dieses Themas, Zugeständnisse heraushandeln.

Startposition. Die Verhandlungen werden jeweils dort wieder aufgenommen, wo sie unterbrochen wurden. Daher lohnt es sich, in Marrakesch schon die Eröffungszüge der nächsten Konferenz vorzubereiten. (Grafik: Pixabay)

Startposition. Die Verhandlungen werden jeweils dort wieder aufgenommen, wo sie unterbrochen wurden. Daher lohnt es sich, in Marrakesch schon die Eröffungszüge der nächsten Konferenz vorzubereiten. (Grafik: Pixabay)

Für zusätzliche Komplexität sorgt der Umstand, dass sich bei vielen Themen nicht einfach Industrie- und Entwicklungsländer gegenüber stehen. Dies gilt etwa für die Dauer der Klimapläne. Brasilien will, dass unter „Weitere Themen“ entschieden wird, dass Klimapläne jeweil fünf Jahre abdecken. Für China ist das aber eine ‘Rote Linie’. Peking will auch in Zukunft Klimapläne für jeweils zehn Jahre erstellen. „Ursprünglich war uns nicht klar, dass dieser Punkt für China so wichtig ist“, sagt eine europäischer Diplomat. „China hatte gehofft, dass die Industriestaaten die ‘Weiteren Themen’ abschiessen würden. Erst nachdem diese es auch in den aktuellen Entwurf geschafft hatten, musste China hier Farbe bekennen. Jetzt findet der Streit zwischen China und Brasilien statt.“ Einen gewissen Spass an diesen taktischen Zügen kann er dabei nicht verhehlen: „Manchmal sind die Verhandlungen, wie wenn man im Billiard über Bande spielt.“ mic

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UNO entdeckt Wunderwaffe im Kampf gegen Klimawandel

Schutz von Torfböden kann gigantisch Emissionen verhindern

Beim Klimaschutzplan wurde hart um jede Tonne CO2 gefeilscht. Dabei wurden 43 Millionen Tonnen CO2 übersehen, die sich relativ einfach und schnell einsparen lassen: die Emissionen aus trocken gelegten Moorböden.

Wälder sind wichtig für den Klimaschutz. Klar. Aber es gibt noch einen viel grösseren Kohlenstoffspeicher: Torfböden. Diese bedecken nur drei Prozent der Landfläche der Erde aber speichern doppelt soviel Kohlenstoff wie alle Wälder der Welt, die 30 Prozent der Landfläche bedecken. Doch diese Speicherung funktioniert nur, solange der Torf unter Wasser steht. Werden Torfböden trocken gelegt, werden sie zu einer Quelle von Treibhausgasen wie Methan und CO2. Entwässerte Torfböden sind derzeit für rund fünf Prozent der weltweiten Emissionen verantwortlich. Das ist mehr als durch Luft- und Schifffahrt verursacht werden. Doch diese Emissionen werden nicht mal vom Weltklimaret (IPCC) gemessen. Sie sind meist nicht Teil der Klimapläne der Länder und es gab bis dieses Jahr niemanden, der sich um diese Emissionen gekümmert hat. Dabei lassen sich hier schnell und billig grosse Mengen an Treibhausgasemissionen vermeiden. „Es gibt wohl keine billigere Massnahme“, sagt Erik Solheim, der Chef des UN-Umweltprogramms Unep.

Sumpfblüte. Nicht. Während Wälder positiv konnotiert sind, haben Sümpfe einen schlechten Ruf. Zu Unrecht: Sie speichern riesige Mengen an Kohlenstoff und beherbergen eine einzigartige Vielfalt von Tier- und Pflanzenarten. (Foto: (Jan van der Crabben / Wikipedia)

Sumpfblüte. Nicht. Während Wälder positiv konnotiert sind, haben Sümpfe einen schlechten Ruf. Zu Unrecht: Sie speichern riesige Mengen an Kohlenstoff und beherbergen eine einzigartige Vielfalt von Tier- und Pflanzenarten. (Foto: (Jan van der Crabben / Wikipedia)

Im März diesen Jahres ist dies auch einigen UN- und Umweltorganisationen sowie einigen Ländern wie Deutschland aufgefallen. Diese haben daraufhin die Global Peatland Initiative (GPI) gegründet. Die GPI hat weder ein Sekretariat noch einen Chef, sondern ist ein „loses Kollektiv“ wie Jaime Webbe vom Unep sagt. „Ich habe so etwas noch nie gesehen. Wir haben keine formelle Struktur, nicht einmal für die Verteilung von Fördermittel, aber es funtioniert.“ Bis Mitte nächsten Jahres wollen die GPI Mitglieder eine Bestandesaufnahme der Torfböden auf der Welt machen. Anschliessend geht es um deren Schutz. Erleichtert wird dies dadurch, dass nur sehr wenige Länder für den grössten Teil der Emissionen aus Torfböden verantwortlich sind (siehe Grafik). Genauer: Indonesien und die EU machen 70 Prozent dieser Emissionen aus. Die nächst kleineren Emittenten sind Russland, China und die Mongolei. Erleichtert wird die Reduktion der Torfemissionen auch, weil diese mit einem einfachen Mittel gestoppt werden können. Man muss die Torfböden nur wieder unter Wasser setzen. Damit werden die Emissionen quasi sofort beendet. Die Flutung von Torfböden habe zudem zwei weitere Vorteile sagt Solheim: Zum einen könne sich die einzigartige Artenvielfalt dieser Sumpflandschaften wieder erholen und zum anderen würden Torffeuer verhindert. Die grossen Torffeuer im vergangenen Jahr in Indonesien haben zum Tod von über 100’000 Menschen geführt und Schäden von über 16 Milliarden Dollar verursacht. Dies ist mehr als das Doppelte der Kosten für den Tsunami in der indonesischen Stadt Aceh. Der Schutz von Torfböden ermögliche es daher, „drei Vögel mit einem Stein zu erlegen“, sagt Solheim.

EU nur Zweiter. Das Problem der Emissionen aus Torfböden ist auf wenige Länder beschränkt und daher relativ leicht zu lösen. Das gilt sowohl wetweit (linke Skala) als auch in der EU (rechte Skala). (Grafik: Wetlands International)

EU und Deutschland nur Zweiter. Das Problem der Emissionen aus Torfböden ist auf wenige Länder beschränkt und daher relativ leicht zu lösen. Das gilt sowohl wetweit (linke Skala) als auch in der EU (rechte Skala). (Grafik: Wetlands International [1])

Europa hat ebenfalls grosses Potential die Emssionen aus Torfböden zu reduzieren. Finnland, Deutschland, Polen und Schweden machen rund die Hälfte der EU-Emissionen aus (siehe Grafik). In Deutschland entströmen trockengelegten Torfböden jedes Jahr Treibhausgase im Gegenwert von 43 Millionen Tonnen CO2. Würde man diese Emissionen stoppen, hätte dies den gleichen Effekt wie die Stillegung von mehr als einem Viertel aller Fahrzeuge in Deutschland. Der soeben veröffentlichte deutsche Klimaplan legt seine Priorität aber auf Wälder. Dies sei „ein geeignetes und kostengünstiges Mittel zur Reduzierung des Treibhausgasausstosses“. Für den Schutz der Moorböden scheint dies aber nicht zu gelten. Hier will der Klimaplan nur „perspektivisch“ eine weitere Zerstörung verhindern: „Als Schutz von Moorböden sollte der Torfabbau schrittweise reduziert und perspektivisch eingestellt werden.“ Und auch bei der Nutzung von Torfböden als Landwirtschaftsland besteht kein Grund zur Eile: „Bis zum Jahr 2030 müssen erste Fortschritte erzielt sein, um der starken Emission der organischen Böden auf trocken gelegten Moorstandorten entgegenzuwirken.“ Dieser Mangel an Dringlichkeit lässt eigentlich nur einen Schluss zu: Der deutsche Sumpf braucht eine Lobby! mic

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[1] Wetlands International, kein Datum: Briefing paper: accelerating action to Save Peat for Less Heat (PDF)

Opec goes COP

Die Opec wagt sich zum ersten Mal in die Höhle des Löwen und veranstaltet eine Pressekonferenz an einer Klimakonferenz. Dort stellt der Umweltkoordinator Mohamed Taeb kurz die Organisation vor. Wir lernen: Bei der Opec handelt es sich um einen Zusammenschluss von 14 Entwicklungsländern. Auf die Frage, ob die Organisation, vielleicht nicht doch etwas mit dem Ölmarkt zu tun haben könnte, stellt Taeb klar: „Wir regulieren weder den Preis noch die Produktionsmenge“ von Öl. Anschliessend übernimmt ein Ölmarktanalyst das Wort, Jan Ban. Er erläutert den ‘World Oil Outloook’. Dies ist der wichtigste Bericht des Ölkartells. Dessen Referenzszenario kommt zum Schluss, dass die Ölnachfrage bis zum Jahr 2040 immer weiter steigt. Ausgangsbasis dieses Szenarios ist eine Welt ohnen nenneswerten Klimaschutz. Umsichtig wie die Organisation ist, hat sie aber auch die Möglichkeit modelliert, dass die Länder ihre Klimapläne im Rahmen des Paris-Abkommens tatsächlich umsetzen. Wie zu erwarten handelt es sich dabei um das Szenario „B“. Hier kommt Opec zum Schluss, dass die Ölnachfrage um das Jahr 2030 ihren Höhepunkt erreicht und anschliessend zurückgeht. Doch sollte nicht dies das Referenzszenario sein? Sollte Opec nicht davon ausgehen, dass die Länder ihre Klimapläne auch umsetzen? „Nein“ sagt Jan Ban. „Dafür ist es zu früh. Schauen Sie nur, was in den USA derzeit passiert.“ Dank Trump hat das Referenzszenario also noch eine Chance. Doch mit welcher Erwärmung muss die Menschheit rechnen, falls die Opec mit ihrem Szneario recht behält? Bei dieser Frage muss Jan Ban passen: Leider, leider habe Opec nicht die Instrumente, um die Klimawirkung des meist einzigen Exportprodukts ihrer Mitgliedsländer zu berechnen. Das müssten andere tun. Aufgabe der Opec sei einzig die Modellierung des Ölmarkts. Oder anders: So lange die Ölnachfrage steigt, ist eh Alles egal. mic

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USA veröffentlichen 2050 Klimaschutzplan

Treibhausgasemissionen sollen um 80 Prozent sinken, ein Kohleausstieg ist aber nicht vorgeshen

Ein Mantra der Wirtschaftsvertreter an der Klimakonferenz in Marrakesch ist die Forderung nach Investitionssicherheit durch langfristig berechenbare Rahmenbedingungen. Ein Mittel, um der Wirtschaft zu signalisieren, wohin die Entwicklung geht, sind 2050 Klimapläne. Nun haben auch die USA einen solchen vorgelegt.

Der Saal war brechend voll. Viele Teilnehmer der Klimakonferenz in Marrakesch wollten noch einmal US-Aussenminister John Kerry hören, um sich zu vergewissern, dass eine besser Welt möglich ist. Doch neben erhebender Rethorik hatte Kerry auch eine Warnung: „Zeit ist nicht auf unserer Seite. „Parallel zu Kerrys Rede haben die USA dann ihren Klimaplan bis zum Jahr 2050 publiziert. Dieser strebt eine Reduktion der Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2050 um 80 Prozent gegenüber 2005 an. Zum Vergleich: Deutschland, das einzige andere Land mit einem derartigen Plan, strebt eine Emissionsreduktion von 80 bis 95 Prozent gegenüber 1990 an. Der deutsche Umwelt-Staatssekretär Jochen Flassbarth sagte zum US-Pla: „Ich begrüße, dass heute auch die USA eine erste Klimaschutzstrategie präsentiert haben. Diese zeigt, dass es im US-Interesse liegt, eine aktive Klimaschutzpolitik zu betreiben und damit ihre Wirtschaft zu modernisieren.“

Ein Fan. Dass John Kerry Churchill zitiert hat, ist kein Zufall. Churchill war von Marrakesch begeistert - "der netteste Ort auf der Welt, um einen Nachmittag zu verbringen". Nach einem Treffen mit US-Präsident Franklin Roosevelt im Jahr 1943 in Casablanca, überredete Churchill daher den Präsidenten für zwei Tage nach Marrakesch zu fahren. Der Zweite Weltkrieg konnte derweil warten. (Foto: Cecil Beaton / Wikipedia)

Ein Fan. Dass John Kerry Churchill zitiert hat, ist kein Zufall. Churchill war von Marrakesch begeistert – „der netteste Ort auf der Welt, um einen Nachmittag zu verbringen“. Nach einem Treffen mit US-Präsident Franklin Roosevelt im Jahr 1943 in Casablanca, überredete Churchill daher den Präsidenten für zwei Tage nach Marrakesch zu fahren. Der Zweite Weltkrieg konnte derweil warten. (Foto: Cecil Beaton / Wikipedia)

Der US-Plan stützt sich auf drei Säulen: Stromerzeugung, Energieefizienz und CO2-Senken wie Wälder. Im Referenzszenario wird bei der Stromerzeugung ein Mix von 55 Prozent erneuerbaren Energien, 17 Prozent Atomstrom und 20 Prozent Kohlestrom mit ‘CCS’ angestrebt. ‘CCS’ bezeichnet die CO2-Abscheidung und anschliessende Verpressung im Boden. Ein Ausstieg aus der Kohleverstromung ist also nicht vorgesehen. „Im Vergleich zu Deutschland ist dies nicht allzu ambitioniert“, sagt Reimund Schwarze vom Umweltforschungszentrum Leipzig. Die zweite Säule ist die Energieeffizienz. Hier streben die USA eine Verringerung des Primärenergieverbrauchs um 20 Prozent bis zum Jahr 2050 an. Zum Vergleich: Die EU strebt im Zeitraum 1990 bis 2020, eine Verbesserung der Energieeffizienz von 20 Prozent an. Die entscheidende Säule für die Erreichung der 80-Prozent-Reduktion ist die Verbesserung der CO2-Senken. Die USA wollen knapp die Hälfte der angestrebten Reduktion erzielen, indem Wälder und Böden mehr CO2 absorbieren. Für dieses Ziel gibt es im deutschen Klimaplan kein Gegenstück. Da Deutschland sehr viel dichter besiedelt ist als die USA, ist das Potential von Senken aber auch sehr viel kleiner.

Mit dem US-Plan liegen nun von zwei Ländern langfristige Klimapläne vor, die zeigen sollen, wie die erforderliche Reduktion der Treibhausgase bis zur Mitte des Jahrhunderts möglich ist. Die Ausarbeitung derartiger Pläne ist eine der Aufgaben, die das Paris-Abkommen den Ländern aufgibt. Weder der deutsche Plan noch dessen US-Pendant sind verbindlich: „Der Plan hat keinerlei Verbindlichkeit, solange er nicht in konkrete Massnahmen umgesetzt wird“, sagte Niklas Höhne vom New Climate Institute. Auf den Klimaschutz in den USA muss sich das Ganze also nicht auswirken. Höhne konnte dem Plan dennoch Positives abgewinnen. „Für die internationale Bühne ist er ein gutes Signal, selbst wenn er von der neuen Regierung nicht umgesetzt wird“, sagt er. Andere Länder könnten sich  daran orientieren, denn es gibt keine Regeln, wie so ein Dokument aussehen muss. „Insofern hat der Plan wohl richtungsweisende Bedeutung – man muss sich nur genau angucken, was drin steht.“

Dass die Regierung von Donald Trump sich nicht an den US-Klimaplan gebunden fühlen wird, weiss Kerry auch. Deshalb appelliert er – ohne Namen zu nennen – an die Führer der Welt: „Niemand hat das Recht ohne gründliche Prüfung Entscheidungen zu treffen, von denen Milliarden Menschen betroffen sind.“ Sollte sich die zukünftige US-Regierung dennoch vom Kampf gegen den Klimawandel abwenden, müssten sich alle anderen Menschen umso mehr anstrengen, sagt Kerry und zitiert Winston Churchill: „Es reicht nicht immer, unser Bestes zu geben. Manchmal müssen wir tun, was erforderlich ist.“ Was das bedeutet, ist für Kerry klar: „Wir müssen diesen Kampf fortsetzen.“ mic

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Wenn 100 Milliarden Dollar nur zwei Prozent sind

Die 100-Milliarden-Dollar-Frage ist mittlerweile „das kleinere Thema“ bei den Klimaverhandlungen

Bei den Klimaverhandlungen in Marrakesch fordern die Entwicklungsländer mehr öffentliche Gelder der Industriestaaten für die Anpassung an die Folgen des Klimawandels. Die nötige Reduktion der Emissionen kann letztlich nur der Markt finanzieren.

Geld. Das war in den vergangenen Jahren stets das heikelste Thema bei Klimakonferenzen. Im Jahr 2009 hatten die Industriestaaten in Kopenhagen versprochen, die Entwicklungsländer ab dem Jahr 2020 mit jährlich 100 Milliarden Dollar zu unterstützen. Damit sollte ihnen sowohl bei der Reduktion ihrer Emissionen als auch bei der Anpassung an den Klimawandel geholfen werden. Bis kurz vor ‘Marrakesch’ war unklar, ob die Industriestaaten ihr Versprechen halten würden. Dann veröffentlichte die OECD, der Industrieländer-Club, einen Fahrplan. Dieser zeigt, dass die Klimahilfen aus öffentlichen Mitteln bis zum Jahr 2020 auf 67 Milliarden Dollar anwachsen werden. Damit werden dann private Mittel gehebelt, sodass die Klimahilfen im Jahr 2020 zwischen 93 und 133 Milliarden Dollar betragen werden. Zumindest gemäss der OECD-Methode zur Messung der Klimahilfen ist das 100-Milliarden-Dollar-Ziel also in Griffweite. Der deutsche Staatssekretär Jochen Flasbarth ist sich denn auch „absolut sicher“, dass das Ziel erreicht wird.

Weird but true. An der Klimakonferenz in Marrakesch hört man jeden Tag "Money is not the issue" wenn es um Beträge von 1'000'000'000'000 geht. (Foto: Pixabay)

Weird but true. An der Klimakonferenz in Marrakesch hört man jeden Tag „Money is not the issue“ wenn es um Beträge von 1’000’000’000’000 geht. (Foto: Pixabay)

Dass dieser Erfolg zum Teil der Messmethode geschuldet ist, zeigen andere Studien. Ein Problem ist die Bewertung von Darlehen. Soll der ganze Kredit als ‘Klimahilfe’ gerechnet werden oder nur dessen geldwerter Vorteil (auch ‘grant equivalent’) etwa der Wert einer Zinsermässigung? Schwierig ist oft auch die Abgrenzung zwischen Entwicklungshilfe und Klimageld. Die Hilfsorganisation Oxfam kommt in ihrem ‘Schattenbericht 2016’ zu einem anderen Ergebnis: Oxfam schätzt, dass im Jahr 2014 nicht 41 Milliarden Dollar an Klimageld geflossen sind, sondern nur 11 bis 21 Milliarden. „Die OECD Zahlen sind nicht falsch, aber die Geberländer haben eine Anrechnungsmethode gewählt, welche die Zahlen in einem günstigen Licht erscheinen lässt und nicht die tatsächlich geleistete Klimaunterstützung abbildet“, sagt der Oxfam-Finanzexperte Jan Kowalzig. Auf ein weiteres Problem weist ausserdem der Bericht des Think Tanks ‘Climate Policy Initiative’ (CPI) hin. Dieser zeigt, dass von allen Investitionen in erneuerbare Energien in Entwicklungsländern nur knapp vier Prozent in Afrika getätigt werden.

Am meisten zu reden gibt aber die fehlende ‘Balance’ zwischen Geldern für die Senkung von Treibhausgasemissionen und Geldern für die Anpassung an den Klimawandel. Gemäss OECD werden letztere bis zum Jahr 2020 auf rund 20 Milliarden von den 100 Milliarden anwachsen. Als im Paris-Abkommen die ‘Balance’ vereinbart wurde, hatten die Entwicklungsländer aber eher 50 zu 50 im Sinn als 80 zu 20. Aus diesem Grund fordern sie nun statt der Verdoppelung auf 20 Milliarden eine Vervierfachung auf 40 Milliarden Dollar für Massnahmen zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels wie häufigere Wetterextreme. Unterstützung erhalten sie dabei von Hilfsorganisationen: „Die Kosten des Klimawandels steigen. Doch viele der Entwicklungsländer beginnen die Anpassungsplanung erst jetzt. Vieles werden sie selbst umsetzen, aber eine deutliche höhere Finanzierung von Seiten der Industrieländer ist auch eine Frage der Gerechtigkeit“, sagt Sven Harmeling von Care. Hier auf private Investoren wie bei erneuerbaren Energien zu hoffen, ist zudem nicht möglich meint Harmeling: „Gerade für die Anpassung ist die öffentliche Finanzierung essenziell.“ Wie wichtig Anpassungsfinanzierung ist, betont auch Tosi Mpanu-Mpanu, der Sprecher der ärmsten Länder: „Klimafinanzierung ist eine Frage des Überlebens.“

Gestritten wird auch noch über einen Fond, der Entwicklungsländern bei der Klimaanpassung hilft, der ‘Adaptation Fund’. Dieser wurde im Rahmen des Kyoto-Protokolls geschaffen, das im Jahr 2020 ausläuft. Die Entwicklungsländer wollen daher den Adaptation Fund ins Paris-Abkommen hinüberretten. Dagegen wehren sich Länder wie die USA, die beim Kyoto-Protokoll nicht dabei sind. Aber auch die EU und die Schweiz sehen hier keinen Zeitdruck. Während die Entwicklungsländer in Marrakesch eine politische Entscheidung verlangen, dass der Fonds in Zukunft auch dem Paris-Abkommen dient, wollen die Europäer erst die technischen Details geklärt wissen. Hinzu kommt ein verhandlungstaktisches Element: „Die Fortführung des Adaptation Fund ist ein Zugeständnis an die Entwicklungsländer. Letztlich wird es so kommen, aber wir wollen das erst im Jahr 2018 entscheiden als Teil eines ganzen Pakets“, erklärt ein europäischer Diplomat. Oder anders: Die Industriestaaten wollen eine Gegenleistung.

Wenn sie diese bekommen wird auch über die Geldquelle für den Anpassungsfond zu reden sein. Dieser sollte sich eigentlich aus einer Gebühr finanzieren, die auf CO2-Zertifikate aus dem ‘CDM’ erhoben wird. Der ‘Clean Development Mechanism’ (CDM) ist ein UN-Programm, das es Industriestaaten ermöglicht in Klimaschutzprojekte in Entwicklungsländern zu investieren. Doch die Nachfrage nach diesen Zertifikaten ist kaum noch messbar und eine Tonne CO2 wird derzeit für 40 Cents gehandelt. Die Gebühr bringt folglich Nichts mehr ein. Daher wurde der Fond in den letzten Jahren aus Haushaltsmitteln gespeist – vorneweg von deutschen. Dieses Jahr braucht der Fond 80 Millionen Dollar, um weiter arbeiten zu können – mit einer erneuten deutschen Finanzzusage ist zu rechnen. Wenn der Marktmechanismus des Paris-Abkommens ausverhandelt ist, besteht die Möglichkeit, dass er zur Finanzierung des Anpassungsfonds genutzt wird. Doch dies ist noch Zukunftsmusik, da die Länder bei der Ausgestaltung des neuen Mechanismus noch in der konzeptionellen Phase sind. Der Klimaexperte Saleemul Huq von der ‘Independent University Bangladesh’ empfiehlt daher Entwicklungsländern, nicht länger zu warten und Anpassung selbst zu finanzieren: „Der Klimawandel ist ein Problem der Gegenwart und nicht länger ein Problem der Zukunft. Entwicklungsländer sollten schauen, was sie mit ihren eigenen Mitteln tun können.“

Entscheidend beim Kampf gegen den Klimawandel und der Anpassung an deren Folgen werden letztlich aber nicht die 100 Milliarden Dollar der Industrieländer sein – egal, durch welche Kanäle sie fliessen. „Die 100 Milliarden sind das kleinere Thema“, sagt Flasbarth. „Dabei handelt es ich um ‘Vertrauensgeld’. Es zeigt, dass die Industriestaaten die Entwicklungsländer nicht hängen lassen.“ Wichtiger seien vielmehr die Billionen, die in den nächsten Jahren in Infrastruktur fliessen. Eine Kommission des ehemaligen mexikanischen Präsidenten Felipe Calderón und dem britischen Ökonomen Nicholas Stern bezifferte den Finanzbedarf für die nächsten 15 Jahre: 90 Billionen Dollar oder sechs Billionen pro Jahr. Die 100-Milliarden-Dollar-Frage beantwortet davon noch nicht mal zwei Prozent. mic

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Deutschland bekommt viel Lob für Klimaplan

Innenpolitische Rangeleien werden an Klimakonferenz nicht wahrgenommen

Deutschland hat einen Klimaplan bis 2050. Das ist die Nachricht, die bei der Klimakonferenz in Marrakesch angekommen ist. Dass es bei der Erarbeitung des Plans zu heftigen Auseiandersetzungen in der Regierung gekommen ist, spielt international kein Rolle. In anderen Ländern wär’s wohl nicht anders.

Die Umweltorganisationen haben die Verabschiedung des deutschen Klimaplans gewohnt spöttisch kommentiert: “Lasst uns die Deutschen umarmen! Wir wissen, es war schmerzvoll.“ Und dann annerkennend: “Deutschland ist jetzt das erste Land, das einen detaillierten, langfristigen Plan für die Entwicklung der Treibhausgasemissionen vorstellt.“ Gelobt wird insbesondere, dass der Plan “Zwischenziele für das Jahr 2030, aufgeschlüsselt nach individuellen Sektoren wie Elektrizität, Industrie, Transport, Gebäude und Landwirtschaft“ enthält. Denn dies gebe “Bürgern, Firmen und Investoren die Klarheit, die sie brauchen.“ Doch es gibt auch Kritik: Die Umarmung müsse “kurz“ sein, weil “Lobbyisten der fossilen Energien erfolgreich waren und viele gute Elemente des Plans herausgestrichen haben.“ Und dann legen die NGOs den Finger auf den wunden Punkt: “Die Ziele des Plans können nur erreicht werden, wenn Deutschalnd aus der Kohle aussteigt, aber die Regierung hatte nicht den Mut, das auch zu sagen.“

Hellseher. Ob der Klimaplan auch ohne ausdrückliche Nennung des Kohleausstiegs von Firmen richtig interpretiert wird, muss sich noch weisen. Im Zweifelsfall ziehen diese eine klare Ansage vor. (Holzschnitt: Olaus Magnus)

Hellseher. Ob der Klimaplan auch ohne ausdrückliche Nennung des Kohleausstiegs von Firmen richtig interpretiert wird, muss sich noch weisen. Im Zweifelsfall ziehen diese eine klare Ansage vor. (Holzschnitt: Olaus Magnus)

Gestützt wird diese Sicht von den Klimawissenschaften. Eine neue Studie von Climate Analytics kommt zum Schluss: “Mit einer Strategie der geringsten Kosten unterscheidet sich der (kostenoptimale) Ausstiegszeitpunkt zwischen den Weltregionen: die EU und die anderen Industrieländer müssen aus der Kohle bis 2030 aussteigen, China bis 2040 und der Rest der Welt bis 2050.“ Bill Hare, der Chef von Climate Analytics, will den deutschen Klimaschutzplan dennoch nicht kritisieren: “Die Ziele des Plans führen zum Kohleausstieg. Das Signal ist klar. Unternehmen verstehen, wohin die Entwicklung geht.“ Ausserdem sei der Klimaplan nicht in Stein gemeisselt: “Der Zeitplan und die Zahlen werden im Jahr 2018 wieder überprüft.“ Und auch Liz Gallagher von der Umweltorganisation E3G nimmt den Klimaplan in Schutz: „Deutschland hat einen gewagten Klimaschutzplan bis zur Mitte des Jahrhunderts vorgelegt, auch wenn er an manchen Stellen verbesserungswürdig sein mag. Es ist wichtig, dass die Länder solche Papiere jetzt auf den Tisch legen, um sich zum Paris-Abkommen zu bekennen.“

Kritik kommt derweil von deutschen Klimaexperten wie Jan Kowalzig von der Hilfsorganisation Oxfam: “Mit diesem Plan dürfte es schwierig werden, Deutschland bis 2050 weitgehend treibhausgasneutral zu machen, wie es der Klimaschutzplan eigentlich vorsieht. Das größte Versäumnis ist es, dass der Plan den Kohleausstieg nicht mehr enthält. Das Einknicken von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel vor der Kohlelobby macht den Übergang zu erneuerbaren Energien und eine sozialverträgliche Abkehr von der Kohle unnötig schwieriger.“ Wie wichtig eine klare Ansage der Regierung ist betont ‘We Mean Business’ eine Koalition von Wirtschaftsführern: “Nationale Klimapläne mit einem Horizont bis 2050 sind essentiel. Sie geben Firmen einen klare Rahmen, um Investitionen zu planen.“

Bundesumweltminsterin Barbara Hendricks versprach derweil, dass es statt Strukturbrüchen einen „sanften Übergang“ in eine CO2-neutrale Gesellschaft geben werde. Dafür soll eine Kommission für Strukturwandel und Regionalentwicklung eingesetzt werden. Besonderes Augenmerk liege dabei auf der „schrittweisen Verringerung der Kohleverstromung“. Überstürzen will Hendricks aber Nichts. „Die Kommission wird es erst 2018 geben“, erklärte sie. Vor der Bundestagswahl würden zwar die ersten Vorschläge für den Umbau in den betroffenen Kohleregionen gemacht, starten werde die Kohle-Kommission aber erst in gut einem Jahr. Die Ergebnisse – ausgehandelt mit Gewerkschaften, Wirtschaftsvertretern und Zivilgesellschaft – soll es dann Ende 2018 geben. mic

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