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In Glasgow wird um jedes Wort gerungen

Nacht zum Freitag bringt leichte Verbesserungen beim Klimaschutz sowie bei Verlusten und Schäden

Bei der UN-Klimakonferenz versuchen die knapp 200 Länder extrem disparate Anliegen unter einen Hut zu bringen. Ob die geringfügigen Änderungen im Textentwurf vom Freitagmorgen dazu ausreichen, ist allerdings unklar.

Am Freitagmorgen um 7 Uhr 13 wurde ein neuer Textentwurf für das Verhandlungsergebnis der UN-Klimakonferenz in Glasgow veröffentlicht. [1] Offenbar haben die Delegationsleiter der Länder und die britische Konferenzpräsidentschaft die ganze Nacht durchgearbeitet. Dafür sind die Veränderungen im Vergleich zur vorigen Version des Texts relativ bescheiden. So stehen die Begriffe „Kohle“ und „fossile Energien“ immer noch im Text. Erkennbar ist aber, dass in der Nacht hart darum gerungen wurde. Russland, Saudi Arabien, Australien und Indien wollten die erstmalige Erwähnung dieser Bergriffe in einem offiziellen Text der UN-Klimakonvention unbedingt verhindern. Das ist ihnen nicht gelungen. Die vier Länder konnten allerdings eine marginale Abschwächung durchsetzen: Jetzt sollen nur noch die Kohleverstromung ohne CO2-Abscheidung und ineffiziente Subventionen für fossile Energien auslaufen. Ob das als effiziente Nutzung der Zeit hochqualifizierter Diplomaten gelten kann, möge der Leser entscheiden.

Wichtiger ist, dass die Länder im vorliegenden Vertragstext noch immer dazu angehalten werden, nächstes Jahr anspruchsvollere Klimaziele einzureichen. Da sich die dazu benutzten Begriffe auch hier geändert hatten, diskutierten dann unter anderen Journalisten auf Twitter, ob die Formulierung nun stärker oder schwächer ist. Konkret geht es um die beiden Verben „to urge“ und „to request“, die beide mit „bitten“ oder auffordern“ übersetzt werden können. Ed King von der European Climate Foundation konnte die Frage dann klären. Er postete auf Twitter einen Auszug aus der Stilfibel der UN. Und siehe da: „To request“ ist eine stärkere Formulierung. Die Aufforderung an die Länder ihre Klimaziele nächstes Jahr nachzuschärfen, wurde über Nacht also noch etwas deutlicher.

Die wesentlichste Änderung gab es beim Thema „Verluste und Schäden“. Hier hatten die Entwicklungsländer am Donnerstagabend einen Fonds gefordert, der für unabwendbare Folgen der Erwärmung aufkommt. Dem konnten sich die Industriestaaten nicht ganz verschließen. Das Santiago-Netzwerk, in dem Maßnahmen im Fall von klimabedingten Verlusten und Schäden koordiniert werden, soll nun laut Text durch „eine Fazilität für technische Hilfe unterstützt“ werden, die „finanzielle Unterstützung der technischen Hilfe bei der Umsetzung der einschlägigen Ansätze“ leistet. Was das bedeutet, erklärt Jan Kowalzig von der Hilfsorganisation Oxfam: Im Fall von Schäden etwa in Folge eines Bergsturzes soll zwar die „Planung von Wiederaufbaumaßnahmen nicht aber der Wiederaufbau selbst“ finanziell unterstützt werden – durch „freiwillige Beiträge“ der Industriestaaten. Kowalzigs Fazit: „Damit fällt der Entwurf um Längen hinter die Forderungen der Entwicklungsländer zurück.“ Die Tatsache, dass der Fonds überhaupt im Text steht, ist aus Sicht der Industriestaaten allerdings bereits ein großes Zugeständnis.

Ob dieses ausreicht, um die Konferenz über die Ziellinie zu bringen, ließ sich am Freitagnachmittag noch nicht abschätzen. Der vorherige Textentwurf der britischen Konferenzpräsidentschaft war als „unausgewogen“ kritisiert worden, weil dieser zwar hinsichtlich der Klimaziele und damit der Emissionen der Länder relativ deutliche Formulierungen enthielt aber bei den Klimahilfen – nicht zuletzt für Verluste und Schäden – relativ vage Formulierungen. Dies sind allerdings nicht die einzigen Vertragselemente, die in Glasgow noch verhandelt wurden. Ausstehend waren auch noch die letzten Kapitel der Bedienungsanleitung für das Paris Abkommen insbesondere die Regeln für den Handel mit Emissionsreduktionen. Damit Glasgow ein Erfolg wird, müssen alle diese Elemente zu einem kohärenten Gesamtpaket zusammengeschnürt werden. Dazu könnten ein, zwei oder vielleicht sogar drei weitere Iterationen des Texts erforderlich sein. Im Hinblick auf die Version von Freitagmorgen, lässt sich allerdings mit Kowalzig sagen: „Als echte Kehrtwende im Kampf gegen die Klimakrise lässt sich der jetzige Entwurf nicht bezeichnen.“ mic

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[1] UNFCCC, 12.11.2021: Draft Text on 1/CMA.3 – Version 12/11/2021 07:13 (PDF)

USA und China überraschen mit bilateralem Deal

Zehn Länder wollen aus der Förderung von Öl und Gas aussteigen

Die USA und China haben mit einem bilateralen Deal den Weg für das Pariser Abkommen geebnet. Ob der Deal in Glasgow ähnlich bedeutsam wird, bleibt aber abzuwarten. Gut ist, dass China sich bewusst scheint, dass es im Alleingang das 1,5-Grad-Ziel verunmöglichen kann.

Damit hatte niemand gerechnet. Am Mittwochabend präsentierten die USA und China eine gemeinsame Deklaration bei der UN-Klimakonferenz in Glasgow. [1] Darin versprachen sie, ihre Methanemissionen zu senken und stärker gegen illegale Abholzung von Wäldern vorzugehen. Außerdem beklagten sie, dass die Klimapläne der Länder nicht ausreichen, um die Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Und dann kam der zentrale Satz: Die beiden Länder versprachen „in diesem kritischen Jahrzehnt ehrgeizige Maßnahmen zu ergreifen gegebenenfalls auch durch die Aktualisierung der Klimapläne für 2030“.

Dieser Satz ist zentral, weil China bislang keine Bereitschaft gezeigt hat, den vor kurzem vorgestellten Klimaplan nachzubessern. Doch genau das ist entscheidend. China ist mit Abstand der größte Emittent der Welt und ohne eine Nachbesserung des chinesischen Klimaziels für das Jahr 2030 ist es nahezu unmöglich, dass das 1,5-Grad-Ziel „in Reichweite“ bleibt. Aus Sicht von Li Shuo von Greenpeace China signalisieren die beiden Länder mit der Deklaration zudem, dass sie das Klimathema vom Rest ihrer Beziehung abkoppeln wollen: „Den Klimawandel von den giftigen bilateralen Themen zu trennen, ist gut für die Welt.“ [2]

Die Deklaration der USA und Chinas wirft allerdings eine weitere Frage auf: Wo ist die EU? Diese hat beim Paris Abkommen eine zentrale Rolle gespielt, indem sie eine „Koalition großer Ambition“ mit den ärmsten Ländern und den kleinen Inselstaaten geschlossen hatte. Und in den Jahren der Präsidentschaft von Donald Trump gehörte die EU zu den zentralen Akteuren beim Klima. Doch kaum ist Trump weg, verhandelt China wieder bilateral mit den USA. Das ist auch die Schuld der EU. Im Vorfeld von Glasgow hatte die Präsidentin der UN-Klimakonferenz in Kopenhagen im Jahr 2009 gemahnt: „Nur wenige, wenn überhaupt, EU-Regierungen betreiben ernsthafte Diplomatie, um die ‚Koalition großer Ambition‘ wiederherzustellen.“ [3]

MIA. Vielleicht braucht Franz Timmermans auch einen “special envoy? à la John Kerry, der sich ausschliesslich um die internationale Klimadiplomatie kümmert. (Foto: IISD)

Weniger überraschend wurde am Donnerstag eine weitere Sektorinitiative vorgestellt, die die Förderung nicht nur von Kohle sondern auch von Öl und Gas beenden will. Angeführt von Dänemark und Costa Rica haben sich acht weitere Länder respektive Bundesstaaten zu diesem Schritt verpflichtet: Frankreich, Irland, Schweden, Wales, Grönland und Québec. Damit setzen diese Länder eine Erkenntnis der Internationalen Energieagentur (IEA) um: Wenn die Erwärmung auf 1,5 Grad begrenzt werden soll, sind keine Investitionen in die Erschließung neuer Öl- Und Gasfelder mehr erforderlich. [4]

Für Romain Ioualalen von der Umweltorganisation Oil Change International ist die neue Allianz trotz der wenigen Mitglieder von Bedeutung: „Die Gründung der Allianz stellt einen Wendepunkt dar. Viel zu lange haben die Klimaverhandlungen die Tatsache ignoriert, dass die Begrenzung der Erwärmung auf 1,5 Grad einen Plan erfordert, um fossile Brennstoffe im Boden zu halten.“ Kritik erhielten wie immer die Staaten, die die neue Initiative nicht unterstützen: Insbesondere Großbritannien als Gastgeber der Klimakonferenz und Deutschland wurden mehrfach genannt.

Kurz vor Ende der Klimakonferenz ist daher unabsehbar, wie diese ausgehen wird. Die EU will mehr Klimaschutz, ohne sich international dafür einzusetzen. Die US-Regierung will auch mehr Klimaschutz, aber es ist nicht sicher, dass sie das innenpolitisch durchsetzen kann. Länder wie Saudi Arabien, Russland und Australien wollen ihre fossilen Geschäftsmodelle retten. Brasilien will sich einen Verzicht auf die Zerstörung des Regenwalds teuer bezahlen lassen. Und viele Entwicklungsländer brauchen nicht zuletzt wegen Corona schlicht mehr Unterstützung. Wie aus diesen vielen, unterschiedlichen Anliegen schließlich ein kohärentes Gesamtpaket werden soll, weiß womöglich noch nicht mal die britische Konferenzpräsidentschaft. mic

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[1] US-Regierung, 10.11.2021: U.S.-China Joint Glasgow Declaration on Enhancing Climate Action in the 2020s

[2] Li Shuo, 10.11.2021: Tweet

[3] Project Syndicate, 18.10.2021: The EU Must Step Up in Glasgow

[4] IEA, 18.05.2021: Pathway to critical and formidable goal of net-zero emissions by 2050 is narrow but brings huge benefits

 

In Glasgow beginnt die heisse Phase

Die neuen Textentwürfe kommen sofort ins Kreuzfeuer der Kritik

Die britische Konferenzpräsidentschaft liegt zumindest zeitlich gut im Rennen. Schon am Mittwochmorgen lagen Textentwürfe für die wichtigsten Elemente des „Glasgower Pakets“ vor. Jetzt muss sie nur noch dafür sorgen, dass diese nicht vor der Ziellinie aufgerieben werden.

Am Mittwochmorgen hat die britische Präsidentschaft der UN- Klimakonferenz neue Textentwürfe veröffentlicht. Damit beginnt die heisse Phase. Nun werden die Länder und Interessengruppen versuchen, diejenigen Punkte zu stärken, die ihnen gefallen, und diejenigen Punkte abzuschwächen, die ihnen missfallen. Zunächst geht es dabei um die aktuell siebenseitige „Cover Decision“ für das Paris Abkommen, eine Art Schirmentscheidung, die die politische Richtung vorgibt. [1]

Beim eigentlichen Klimaschutz, der Reduktion von Treibhausgasemissionen, wird festgehalten, dass die Emissionen bis 2030 um 45 Prozent im Vergleich zum Jahr 2010 sinken müssen, wenn die Begrenzung der Erwärmung auf 1,5 Grad möglich bleiben soll. Da die vorliegenden Klimaziele der meisten Länder hier nicht ausreichen, werden die Länder aufgefordert, nächstes Jahr verbesserte Klimaziele einzureichen „wenn nötig“. Eine Verpflichtung ist dies allerdings nicht. Zudem werden „fossile Energien“ zum ersten Mal in einem Konferenzbeschluss erwähnt: Die Länder werden dazu aufgerufen, „die Kohleverstromung und die Subventionen für fossile Energien auslaufen zu lassen“. Bislang konnten Länder wie Saudi Arabien stets verhindern, dass fossile Energien namentlich genannt werden, weswegen sie auch im Paris Abkommen nicht vorkommen.

Risiko. Konferenzpräsident Alok Sharma geht ein Risiko ein, indem er die Verantwortung für die Cover Decision übernimmt. (Foto: IISD)

Bei der Klimafinanzierung wird „bedauert“, dass die Industriestaaten ihr Versprechen gebrochen haben ab 2020 jährlich 100 Milliarden Dollar zu mobilisieren. Anschließend wird „willkommen geheißen“, dass sie dieses Ziel im Jahr 2023 erreichen wollen. Bei der Finanzierung von Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel wird „mit großer Sorge“ festgestellt, dass diese leider nicht ausreicht. Anschließend werden die Geberländer aufgefordert, mehr in Anpassung zu investieren. Die Forderung der Entwicklungsländer, dass für Anpassung gleich viel Geld wie für Emissionsreduktionen gegeben werden sollte, wird allerdings nicht erwähnt. Beim Thema „Verluste und Schäden“ wird anerkannt, dass es tatsächlich unausweichliche Schäden durch die Erwärmung gibt. Dann werden die Geberländer „ermutigt, zusätzliche Unterstützung zur Verfügung zu stellen“. Ein Verhandlungsmandat zu diesem Thema enthält der Text aber nicht.

Wie in dieser Phase der Verhandlungen zu erwarten, stieß der neue Text auf massive Kritik der Umweltorganisationen. Mohamed Adow von Powershift Africa kritisierte den Text als „einseitig“. „Auf der einen Seite steht viel über den Prozess zur Beschleunigung der Emissionsreduzierung. Andererseits gibt es zu den Hauptforderungen der gefährdeten Länder aber nur sehr wenig. Bei der Hilfe für diese Länder bei der Anpassung an die Klimaauswirkungen und bei der Bewältigung der Verluste und Schäden ist das Dokument sehr schwammig und vage.“ Auch Jennifer Morgan von Greenpeace war unzufrieden mit dem Entwurf: “Dieser Entwurf ist kein Plan zur Lösung der Klimakrise, sondern eine Vereinbarung, bei der wir alle die Daumen drücken und auf das Beste hoffen. Es ist eine höfliche Aufforderung, dass die Länder vielleicht, möglicherweise, nächstes Jahr mehr tun. Wenn das das Beste ist, was ihnen einfällt, dann ist es kein Wunder, dass die Kinder wütend sind. Die Minister haben jetzt drei Tage Zeit, um das Ruder herumzureißen, anstatt das Klimaproblem wieder auf die lange Bank zu schieben.”

Distancing. wegen der Pandemie haben die Länder nur je zwei Plätze am Verhandlungstisch. (Foto: IISD)

Jochen Flasbarth, Staatssekretär im Bundesumweltministerium, lobte, dass die Reduktion um 45 Prozent im Text steht und mahnte die Welt stünde vor „einer Dekade der Aufholjagd“. Gleichzeitig bemängelte er, dass nicht klarer gesagt wird, dass insbesondere die G20-Staaten ihre Emissionen stärker senken müssen. „Wir sollten nicht so tun, als seien es die kleinen Inselstaaten, die die Aufholjagd beim Klimaschutz im nächsten Jahrzehnt tun können“. Zudem griff er einem Argument der Entwicklungsländer vor: „Das Märchen, dass wir nur dann mehr Klimaschutz machen können, wenn wir mehr Geld geben, lasse ich nicht gelten.“ Ob diese Linie durchzuhalten ist, wird sich weisen. Denn nun geht es auch darum, wie sich die Länder taktisch verhalten. Alden Meyer von der Umweltorganisation E3G skizziert die Lage so: „Die EU und die USA müssen sich bei der Finanzierung bewegen, um die meisten Entwicklungsländer auf ihre Seite zu ziehen. Dann müssen sie China und die anderen Hardliner isolieren, um mehr Ehrgeiz für 1,5 Grad zu erzielen“ sagt Meyer. „Das ist der Schlachtplan.“

Neuen Text gab es schließlich auch für die Bedienungsanleitung des Paris Abkommens: Bei der Frage in welchem Rhythmus die Länder neue Klimapläne vorlegen sollen, wurde die Anzahl Optionen von neun (in Zahlen: 9) auf zwei reduziert. Dies ist nicht zuletzt ein Erfolg der Schweizer Bundesrätin (Umweltministerin) Simonetta Sommaruga, die zusammen mit ihrer Kollegin aus Ruanda Lösungen sondiert hatte. Auch bei den Regeln für den Handel mit Emissionsreduktionen gab es einen neuen Text. Dieser enthält aber nach wie vor alle Optionen, die bereits in früheren Entwürfen enthalten waren, auch wenn der Text etwas gestrafft wurde. In Bezug auf die Bedienungsanleitung warnte Flasbarth, diese nicht zugunsten der Cover Decision abzuschwächen. Beide Elemente des „Glasgower Pakets“ müssten ambitioniert sein. Davon alle Länder zu überzeugen, ist die Aufgabe der nächsten Tage. mic

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[1] UNFCCC, 10.11.2021: Draft Text on 1/CMA.3 (PDF)

Das Zeugnis ist da

Noch hat kein Land eine 1,5-Grad-kompatible Klimapolitik

Gute Klimapolitik gilt mittlerweile als Wettbewerbs- und Standortvorteil. Ein Ranking der Länder nach der Qualität ihrer Klimapolitik zeigt daher nicht nur, wer etwas fürs Klima tut, sondern auch, wer in Zukunft wirtschaftlich die Nase vorn haben wird.

Pünktlich zur UN-Klimakonferenz in Glasgow haben die Umweltorganisationen Germanwatch und NewClimate Institute die Klimapolitik der 61 größten Emittenten bewertet. [1] Wie immer blieben die ersten drei Plätze frei. Kein Land hat eine Klimapolitik, die ausreicht, um die Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Unter den zehn ersten Ländern finden sich dann gleich sieben europäische: Die Spitzenreiter sind Dänemark, Schweden und Norwegen. Zudem finden sich Großbritannien, Litauen, Malta und Deutschland unter den Top 10. Die drei anderen Länder verteilen sich auf ebenso viele Kontinente: Marokko, Chile und Indien haben es in die Spitzengruppe geschafft. Alle drei haben relativ niedrige Emissionen, viele Erneuerbare und eine relativ ehrgeizige Klimapolitik.

Dass Deutschland in die Spitzengruppe aufgestiegen ist, hat das Land wohl nicht zuletzt dem Bundesverfassungsgericht zu verdanken. Nach dem Urteil des Gerichts, dass die Klimapolitik der Bundesregierung die Freiheitsrechte junger Menschen unverhältnismäßig stark einschränkt, wurde das deutsche Klimaziel erhöht. Jetzt soll Deutschland schon ab dem Jahr 2045 und nicht erst 2050 klimaneutral wirtschaften. Noch sei das aber primär ein Ziel, sagte Jan Burck von Germanwatch am Dienstag bei der Präsentation des Rankings. Burck: „Auf die Frage, wie Deutschland seine Klimaziele tatsächlich erreichen will, hat die Politik noch keine ausreichenden Antworten gegeben.“ Und auch Niklas Höhne vom NewClimate Institute warnt Deutschland davor, sich auf den Lorbeeren auszuruhen: „Unser Index zeigt auch, dass das Wettrennen zu Null Treibhausgasemissionen begonnen hat. Ob Deutschland da zur Spitzengruppe vorstoßen kann, muss sich noch zeigen.“

Aber auch am anderen Ende der Ranking-Tabelle finden sich EU-Staaten. Slowenien, Tschechien, Polen und Ungarn habe alle „sehr niedrige“ Indexwerte. In diese Gruppe fallen allerdings auch einige Emissionsschwergewichte: die USA, Russland, Australien und Saudi Arabien. Diese Länder haben alle sehr hohe Pro-Kopf-Emissionen und unternehmen zu wenig, um diese zu senken. Zumindest in den USA könnte sich dies allerdings ändern, wenn US-Präsident Joe Biden Erfolg hat: „Es wird sich in den kommenden Jahren zeigen müssen, ob Bidens Politik auch tatsächlich bei Erneuerbaren, Energieeffizienz und letztlich Emissionen Früchte trägt“, sagt Höhne. Der weltweit größte Emittent, China, liegt derweil volle 18 Plätze vor den USA, aber auch hier ist das Bild gemischt: Die Energieeffizienz ist niedrig und daher sind die Pro-Kopf-Emissionen relativ hoch. Punkte macht das Land dafür beim Ausbau der Erneuerbaren.

Betrachtet man die Subindizes, die den Gesamtindex ausmachen, zeigt sich schließlich bei der Schweiz eine massive Veränderung. Das Land ist im Gesamtindex zwar nur um einen Platz auf den 15. zurückgefallen, doch im Unterindex „Klimapolitik“ ist die Eidgenossenschaft regelrecht abgestürzt: von Platz 23 auf Platz 51. Der Grund dafür ist die Ablehnung des CO2-Gesetzes durch das Schweizer Stimmvolk. „Der Beitrag der Schweiz zur Erhaltung eines stabilen Klimas ist derzeit praktisch gleich null“, sagte Patrick Hofstetter von der Umweltorganisation WWF Schweiz. „Ein massiver Ausbau der Solarstromproduktion, ein strenges inländisches Klimaziel bis 2030, ein rascher Ersatz der Öl- und Gasheizungen durch klimafreundliche Alternativen – diese Schritte in der Klimapolitik sind dringend nötig.“ Zudem müsse sich die Schweiz mehr bei der Unterstützung der Entwicklungsländer engagieren: „Als reiches Land muss und kann sie mehr tun.“ mic

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[1] Germanwatch, 09.11.2021: Climate Change Performance Index (PDF)

Vielzahl neuer Klimaziele und –initiativen könnte Wirkung zeigen

Die erste Woche der UN-Klimakonferenz in Glasgow übertrifft die Erwartungen

Nachdem die UN-Klimakonferenz wegen Corona um ein Jahr verschoben werden musste, waren die Erwartungen umso höher. Das zeigt sich in der Zahl der Teilnehmer, aber auch in der Zahl der neuen Initiativen. Was wirklich zählt, ist allerdings die Umsetzung.

Klimakonferenzen waren schon immer groß, aber Glasgow übertrifft Alles: Knapp 40.000 Menschen haben sich für die Konferenz in Schottland registriert, 10.000 mehr als für Paris. [1] In den ersten Tagen waren Großbritannien und die UNO denn auch mit der Logistik überfordert. Vor dem Eingang bildeten sich lange Schlangen. Nach Abreise der Staatschefs am Mittwoch verbesserte sich die Lage jedoch Tag für Tag. Das Warten hat sich allerdings gelohnt. Die Internationale Energieagentur (IEA) hat eine Blitzanalyse der neuen Klimaziele und –initiativen gemacht: Wenn alle diese Ankündigungen eins zu eins umgesetzt werden, dann erwärmt sich das Klima um 1,8 Grad. Vor Glasgow lag dieser Wert noch bei 2,2 Grad. Die IEA-Analyse ist allerdings mit Vorsicht zu genießen: In der Hektik der ersten Tage war es nahezu unmöglich die Wirkung der oft vagen Ankündigungen genau zu analysieren.

https://twitter.com/fbirol/status/1456186835097501698?s=20

Quickie. Ist die Blitzanalzse der IEA “to good to be true”? Genauere Anlasysen werden das hoffentlich bald zeigen. [2]

Bei den offiziellen Klimazielen der Länder kamen in Glasgow viele neue Netto-Null-Ziele hinzu. So gehören nun Indien, Nigeria, Brasilien und Vietnam zum Kreis der Staaten mit einem solchen Ziel. Zudem haben diverse Ländergruppen neue Initiativen lanciert: So wollen die Mitglieder des „Methan Versprechens“ ihre Emissionen dieses Treibhausgases bis 2030 um 30 Prozent reduzieren. Ebenfalls bis 2030 soll zudem die Entwaldung gestoppt werden. Viele Länder haben sich zum Ausstieg aus der Kohle bekannt, darunter Polen, Vietnam, Indonesien und die Ukraine. Dass die Kohleverstromung keine Zukunft mehr hat, war allerdings vor der Konferenz schon klar.

Neuerdings gilt das aber auch für Öl und Gas. 20 Länder und die Europäische Investitionsbank haben versprochen keine Öl- und Gasprojekte im Ausland mehr zu fördern darunter die USA, Kanada, Großbritannien und die Schweiz – nicht aber Deutschland. Pünktlich zur Konferenz kam dann auch die Nachricht, dass dieser Trend in der Realwirtschaft angekommen ist: Der US-Energiekonzern Exxon schrieb zum ersten Mal im Jahresbericht, dass für manche Investitionen in Öl und Gas „das Risiko einer Wertminderung“ besteht. Damit gesteht der Konzern zum ersten Mal ein, dass ein Teil der Öl- und Gasreserven unverkäuflich sein könnten. [3]

Auch bei der Klimafinanzierung gibt es Fortschritte: Die Industriestaaten robben sich langsam an die Erfüllung ihres 100-Milliarden-Versprechens heran. Dank Zusagen von Japan, Italien und Spanien könnten schon nächstes Jahr 100 Milliarden Dollar für die Entwicklungsländer bereit stehen. Das ist zwei Jahre später als versprochen, aber schneller als zu Konferenzbeginn gedacht. Zudem haben Finanzmarktakteure, die 130 Billionen Dollar verwalten, zugesagt, ihre Anlageportfolios bis zum Jahr 2050 auf netto-null zu bringen. Das bedeutet, dass sie die Emissionen aller Firmen erfassen, in die sie investieren, und diese Emissionen schrittweise auf netto-null reduzieren. Mark Carney, der frühere Chef der britischen Nationalbank und Mitinitiator dieser Initiative, schrieb dazu: „Das Geld ist jetzt da, wenn die Welt die Klimakrise wirklich aufhalten will.“ [4] Wie bei all‘ diesen Initiativen zählt letztlich aber nicht die Ankündigung sondern die Umsetzung. Aus diesem Grund hat UN-Chef António Guterres angekündigt, ein Expertengremium zu berufen, das die Umsetzung der vielen Netto-Null-Ziele von Unternehmen überprüfen soll.

Parallel zu all diesen Ankündigungen der Staats- und Wirtschaftsführer verhandelten Klimadiplomaten über die fehlenden Kapitel der Bedienungsanleitung des Paris Abkommens. Durchbrüche wurden hier – wie erwartet – nicht erzielt. Franz Perrez, der Leiter der Schweizer Delegation, zeigte sich allerdings positiv „überrascht“ ob des Tempos der Verhandlungen und der „konstruktiven Einstellung“ der Verhandler. Dies dürfe allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass die zentralen, politischen Fragen noch nicht gelöst sind. Ob das gelingt zeigt dann Woche Zwei. mic

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[1] CarbonBrief, 03.11.2021: Which countries have sent the most delegates to COP26?

[2] Fatih Birol, 04.11.2021: Tweet

[3] Reuters, 03.11.2021: Exxon warns some assets may be at risk for impairment due to climate change

[4] Mark Carney, 03.11.2021: Tweet

Staaten wollen Märkten beim Klimaschutz auf die Sprünge helfen

Fünf Sektorinitiativen sollen schnell für Technologiedurchbrüche sorgen

Freie Märkte allein werden nicht schnell genug klimafreundliche Technologien hervorbringen, um die Ziele des Pariser Klimaabkommens zu erreichen. Eine Ländergruppe will daher in fünf Sektoren die Märkte durch Koordination und staatliche Maßnahmen in die Richtung lenken.

Die Kosten für Batterien sind in den letzten zehn Jahren um 90 Prozent gefallen. Möglich gemacht hat das die Lernkurve: Mit jeder Verdoppelung der Zahl der jemals hergestellten Batterien fallen die Kosten um einen bestimmten Prozentsatz, weil die Produktion durch Erfahrung immer effizienter wird. Dieser Effekt wurde lange unterschätzt, weswegen die Kosten für Klimaschutz überschätzt wurden. Viele Technologien sind aber noch ganz am Anfang ihrer Lernkurve: Dies gilt etwa für grünen Stahl, der mit Hilfe von Wasserstoff statt mit Kokskohle hergestellt wird. Wenn es gelingen würde, die Produktion von grünem Stahl schnell zu erhöhen, dann ließen sich die Kosten ebenso schnell senken. Das ist die Logik hinter fünf Sektorinitiativen, die am Dienstag an der UN-Klimakonferenz in Glasgow lanciert wurden. Boris Johnson sagte dazu: „Indem wir saubere Technologien zur günstigsten Wahl machen, zur Standardlösung in den derzeit umweltschädlichsten Sektoren, können wir die Emissionen auf der ganzen Welt senken.“ [1]

Körpereinsatz. Boris Johnson macht die Handzeichen für 1 Komma 5. ( Karwai Tang / COP26)

Zunächst wurde für die Sektoren Stromerzeugung, Straßenverkehr, Wasserstoff, Stahl und Landwirtschaft jeweils eine „Breakthrough“ (englisch für Durchbruch) Initiative lanciert. Mitglieder dieser Initiativen sind mehr als 40 Staaten rund um die Welt, darunter die EU, die USA, China, Indien. Insgesamt decken diese Länder rund drei Viertel der globalen Wirtschaftsleistung ab. Mitglieder sind aber auch Firmen aus den jeweiligen Branchen. Das können sowohl Hersteller als auch Käufer sein. Im Stahlbereich haben etwa 25 internationale Großkonzerne einen „Käufer Club“ gebildet. Dieser garantiert den Stahlherstellern, dass diese ihren grünen Stahl auch tatsächlich verkaufen können, selbst wenn dieser anfangs teurer ist als herkömmlicher Stahl. Ergänzt wird dies durch eine Regierungsmaßnahme: Die EU und die USA haben beim G20-Gipfel bekannt gegeben, dass sie ihre Zölle auf grünen Stahl abschaffen.

Für Nigel Topping vom britischen Team der Konferenzpräsidentschaft ist dieses Modell gar die eigentliche Aufgabe künftiger Klimakonferenzen: „Genau darum geht es bei der Zukunft der UN-Klimakonferenzen: eine Ambitionsschleife in Gang zu bringen zwischen politischer Führung und der Dynamik des Privatsektors.“ Ähnlich sieht das Nick Mabey vom britischen Umweltthinktank E3G der im Hinblick auf die Initiativen sagte, diese brächten „den Klimawandel aus den Verhandlungsräumen in die reale Wirtschaft“. [2] Wie wichtig das ist, zeigt eine Studie, die parallel zu den Initiativen veröffentlicht wurde. „Staatliche Maßnahmen zur Gestaltung von Märkten für saubere Technologien sind der Schlüssel, um den raschen Wandel voranzutreiben, der notwendig ist, um die Ziele des Pariser Abkommens zu erreichen.“ Oder anders: Der Markt allein wird’s nicht richten und „die Verwirklichung von ‘Netto-Null’ erfordert ein ausgefeilteres wirtschaftliches Verständnis von Innovation und Übergang“. mic

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[1] gov.uk, 02.11.2021: World leaders join UK’s Glasgow Breakthroughs to speed up affordable clean tech worldwide

[2] BBC, 02.11.2021: Leaders agree global plan to boost green technology

[3] UCL, 02.11.2021: Government action to shape markets can meet the goals of the Paris Agreement and boost economies

Indischer Lackmustest

Ist Klimaneutralität bis 2070 ambitioniert?

Deutschland will in 25 Jahren klimaneutral sein und Indien in 50. Ist Indiens Ziel deswegen a priori unzureichend? Die Antworten auf diese Frage fallen sehr unterschiedlich aus.

Indiens Premierminister Narendra Modi hat am Montag angekündigt, dass sein Land bis zum Jahr 2070 klimaneutral wirtschaften will – volle 25 Jahre später als Deutschland. [1] Am Tag zuvor hatte er noch im G20-Communiqué zugesagt, Klimaneutralität “bis zur oder um die Mitte des Jahrhunderts” zu erreichen. [2 s. Abs. 23] Die indische Klimaaktivistin Disha Ravi schrieb den auch auf Twitter: “Ich wusste, dass Indien bei der UN-Klimakonferenz schlecht da stehen würde, aber ich hätte nicht gedacht, dass es so schlecht wie ‚Netto-Null bis 2070‘ sein würde. Modi übertrifft wie immer die Erwartungen.” [3] Andere Beobachter werteten die Ankündigung Modis deutlich positiver. Siddarth Singh von der Internationalen Energieagentur (IEA) schrieb: „Das ist groß, sehr groß. Dies wird sich auf alles auswirken – Energieversorgung, Verkehr, Industrie, Luftqualität, Arbeitsplätze.“ [4]

Give’n take. Narendra Modi hat nicht nur Indiens Klimaziele angehoben, sondern will dafür auch etwas haben. (Foto: Doug Peters / COP26)

Ein Grund für die unterschiedliche Bewertung von Indiens neuem Ziel, dürfte darin liegen, dass Modi noch vier weitere Klimaziele bekannt gegeben hat. [1] Bis 2030 sollen die CO2-Emissionen pro Rupie Wirtschaftsleistung um 45 Prozent sinken statt um 33 Prozent. Dass soll durch einen massiven Ausbau der Erneuerbaren erreicht werden. Indien will in den nächsten zehn Jahren die Wind- und Solarkraftkapazität auf 500 Gigawatt steigern. Bislang hat der gesamte Kraftwerkspark des Landes eine Kapazität von 380 Gigawatt. So soll der Strommix im Jahr 2030 zur Hälfte aus Grünstrom bestehen. Durch die Verschärfung der Ziele will Indien bis dann insgesamt eine Milliarde Tonnen CO2 weniger ausstoßen, als bislang geplant. Aus Sicht von Madhura Joshi, vom Umweltthinktank E3G, sind denn auch diese Kurzfristziele entscheidend: Damit habe Modi „Indien fest auf einen sauberen Energiepfad gesetzt, der bis 2070, möglicherweise sogar früher, zu einer Netto-Null-Energieversorgung führen kann. Jetzt ist die Bühne frei für eine Wende bei den sauberen Investitionen.“ [5]

Doch zurück zu Indiens Langfristziel. “Das Datum ist spät, aber wichtiger ist, dass Indien sich überhaupt auf Null verpflichtet hat, was viele für unwahrscheinlich hielten”, sagte Niklas Höhne vom New Climate Institute gegenüber dem Magazin New Scientist. [6] Und auch Thomas Hale von der Universität Oxford ist überrascht: “Vor einem Jahr hätte niemand erwartet, dass Indien auf der diesjährigen Konferenz ein Netto-Null-Ziel ankündigen würde. Aber das ist die Natur von Wendepunkten. Sobald die kritische Masse erreicht ist, ist es sehr schwer, nicht mitzumachen”. [6] Damit bezieht sich Hale auf das Gewicht der Staaten, die mittlerweile ein Netto-Null-Ziel haben. Mit der Ankündigung Indiens werden nun aber 88 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung in Ländern erbracht, die ein solches Ziel haben. Dazu gehören die EU, die USA, China, Japan, Südkorea und einige andere. Noch deutlicher ist das bei der Kohle: 93 Prozent der Kohleverstromung entfallen auf Länder mit einem solchen Ziel und der globale Kohleausstieg ist nur noch eine Frage der Zeit. [7]

Kipppunkt. Mittlerweile hat fast die ganze Welt ein Netto-Null-Ziel. Da will niemand der letzte sein, der sich eins setzt. (Grafik: CarbonBrief)

Modi ist allerdings nicht nur mit neuen Klimazielen nach Glasgow gekommen sondern auch mit einer Forderung: Er will, dass die Industriestaaten ihre Klimahilfen von heute knapp 100 Milliarden Dollar pro Jahr „so früh wie möglich“ auf eine Billion Dollar pro Jahr verzehnfachen. [1] Und dann erinnerte Modi an das Versprechen der Industriestaaten, die Entwicklungsländer ab dem Jahr 2020 mit jährlich 100 Milliarden Dollar bei der Anpassung an die Erwärmung und bei der Emissionsreduktion zu helfen. „Heute müssen wir nicht nur die Fortschritte bei der Eindämmung des Klimawandels verfolgen, sondern auch die Klimafinanzierung.“ [1] Damit signalisierte Modi den Industriestaaten in den Verhandlungen, dass Indien nun in seinen Augen in Vorlage gegangen ist, und der Ball nun bei den Industriestaaten liegt. Aus Sicht des Staatssekretärs im Bundesumweltministerium Jochen Flasbarth ist Indien aber noch gegenüber einem anderen Land in Vorlage gegangen: „Die Rolle von China ist enttäuschend. Es ist überholt worden von anderen Schwellenländern.“ Dabei will China zehn Jahre vor Indien klimaneutral sein. mic

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[1] Government of India, 02.11.2021: National Statement by Prime Minister Shri Narendra Modi at COP26 Summit in Glasgow

[2] G20, 31.10.2021: G20 Rome Leaders Declaration (PDF)

[3] Disha Ravi, 01.11.2021: Tweet

[4] Siddarth Singh, 01.11.2021: Tweet

[5] E3G, 01.11.2021: E3G’s COP26 live tracker

[6] New Scientist, 02.11.2021: Why India’s 2070 net zero pledge is better news than it sounds

[7]

Kommentar: Die Führer der Welt haben Angst

Zur Eröffnung der UN-Klimakonferenz in Glasgow sprachen wie immer die Führer der Welt. Doch etwas hat sich geändert: Es entstand nicht mehr der Eindruck, hier würden Sonntagsreden gehalten, nach denen man zum täglichen Kleinklein zurückkehrt. Den meisten scheint mittlerweile klar zu sein, dass nun wirklich etwas passieren muss. Es scheint, als ob die Staats- und Regierungschefs anfingen die Mahnung der Klimaaktivistin Greta Thunberg zu beherzigen – die Klimakrise tatsächlich als Krise behandeln. Gleichzeitig spürt man aber auch Angst. Angst zu versagen und den viel beschworenen Kindern und Enkeln einen, zur Unkenntlichkeit veränderten, Planeten zu hinterlassen.

Beide Gefühle, die Einsicht in die Schwere der Krise und die Angst zu versagen, sind berechtigt. Um die Erwärmung noch bei 1,5 Grad stoppen zu können, müssen die globalen Emissionen – die globalen Emissionen – um rund die Hälfte in nur zehn Jahren sinken. Gelingt dies nicht, könnten Kipppunkte erreicht werden, nach denen das Erdsystem in einen fundamental anderen Zustand wechselt. Gleichzeitig ist auch klar, dass in Glasgow allein nicht die erforderlichen Maßnahmen beschlossen werden, um die Emissionen tatsächlich so stark zu reduzieren. Glasgow kann aber der Kipppunkt sein, ab dem Politiker und Wirtschaftsführer konsequent auf eine schnelle Reduktion der Emissionen setzen und dieser Trend sich dann selbst verstärkt. Wenn dazu auch die Angst zu versagen beiträgt, dann nur zu. mic

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Staaten haben Hausaufgaben für Glasgow nicht gemacht

Manche haben keine neuen Klimapläne, andere sind zu knickerig

Nächsten Montag beginnt die 26. UN-Klimakonferenz im schottischen Glasgow. Zu verhandeln gibt es nur die Regeln für den Handel mit Emissionsreduktionen. Entscheidend für Erfolg oder Misserfolg der Konferenz ist aber etwas anderes: die Stringenz der freiwilligen nationalen Klimaziele.

„Wir haben bereits 1,2 Grad erreicht, Tendenz steigend“, sagte UN-Chef António Guterres anlässlich der Vorstellung des ersten Teils des neuen Berichts des Weltklimarats IPCC. [1] Die Welt ist also nicht mehr weit davon entfernt, die Marke von durchschnittlich 1,5 Grad Celsius globaler Erwärmung zu überschreiten. Ein Ansporn war das nicht allen Ländern. Eigentlich hätten alle Staaten ein neues und ehrgeizigeres Klimaziel einreichen müssen. Doch das haben nur 165 von 192 Staaten getan. [2] Es fehlen noch Emissions-Schwergewichte wie China, Indien und Saudi-Arabien. Hinzu kommt, dass Australien, Brasilien, Mexiko und Russland neue Ziele eingereicht haben, die keine Verbesserung oder gar eine Verschlechterung zu den alten Zielen darstellen. Das Resultat: Damit das 1,5-Grad-Ziel erreichbar bleibt, müssten die Emissionen bis 2030 um 45 Prozent im Vergleich zum Jahr 2010 sinken. Mit den vorliegenden Plänen werden die Emissionen aber um 16 Prozent steigen. [2]

Aber auch die Industriestaaten haben ihre Hausaufgaben nicht gemacht. Sie haben im Jahr 2009 versprochen ab dem Jahr 2020 ärmere Länder mit 100 Milliarden Dollar beim Klimaschutz und bei der Anpassung an den Klimawandel zu unterstützen. Doch dieses Ziel wurde wohl verfehlt und gemäß einem neuen Finanzplan wird es wohl erst 2023 erreicht. [3] Das fehlende Geld in den Jahren 2021 und 2022 soll aber in den Jahren 2024 und 2025 aufgeholt werden. Was mit dem Manko im Jahr 2020 passiert, ist hingegen noch unklar. Für Jan Kowalzig von der Entwicklungsorganisation Oxfam ist die Finanzlücke eine Gefahr für den Erfolg der Konferenz: „Dass das Versprechen der reichen Länder nicht gehalten wurde, dürfte eine schwere Hypothek für die kommende UN-Klimakonferenz werden.“

UFO. Hier entscheidet sich, ob es möglich ist, das 1,5-Grad-Ziel “am Leben zu erhalten”. (Foto: SEC)

Dadurch mangelt es den Industriestaaten als Gruppe an Glaubwürdigkeit. Hinzu kommt, dass US-Präsident Joe Biden wahrscheinlich sein zweites Infrastrukturpaket nicht vor Konferenzbeginn in Glasgow durchs US-Parlament bekommt. Das heisst, dass die USA zwar ein relativ anspruchsvolles Klimaziel haben aber nicht die Mittel, um dieses auch umzusetzen. Und auch Grossbritannien hat ein Problem: Das Land hat zwar seine Klimahilfen erhöht, aber gleichzeitig die Ausgaben für die Entwicklungshilfe reduziert. So war das im Jahr 2015 in Paris nicht vereinbart worden. Aus Sicht von Reimund Schwarze vom Helmholtz Institut haben deshalb die USA und Großbritannien ein „Glaubwürdigkeitsproblem“. Alok Sharma, der britische Konferenzpräsident, sagte angesichts dieser Ausgangslage: „Es ist wie wenn man das Ende der Prüfung erreicht, nur noch die schwierigsten Fragen übrig sind, die Zeit davonläuft und man sich fragt: ‚Wie beantworten wir diese Frage?‘“ [4]

Die wichtigste Frage ist für Sharma, wie man das 1,5-Grad-Ziel „am Leben erhält“. Darüber wird allerdings nicht direkt verhandelt, sondern die Länder setzen sich freiwillig immer anspruchsvollere Klimaziele. Wenn diese nicht ausreichen, braucht es einen Mechanismus der dafür sorgt, dass die Länder nachlegen. „Was wir den Ländern sagen werden, ist: Wenn euer Klimaplan nicht gut genug ist, dann müsst ihr (mit einem besseren Plan) wieder zum Verhandlungstisch kommen“, sagt Sharma. [4] Zudem sollen die Länder klarer auf das 1,5-Grad-Ziel verpflichtet werden. Im Paris haben die Länder nur versprochen die Erwärmung bei „deutlich unter zwei Grad“ zu stoppen und „Anstrengungen zu unternehmen“, dass dies schon bei 1,5 Grad gelingt. Wie die Nachbesserung der Klimapläne und die Verpflichtung auf das anspruchsvollere Temperaturziel vereinbart werden können, ist aber noch unklar.

Lücken gibt es aber nicht nur bei den Klimazielen der Länder und bei den Klimahilfen sondern auch in der Bedienungsanleitung für das Paris Abkommen. Dort fehlt noch das Kapitel zum Handel mit Emissionszertifikaten, wie in Artikel 6 des Pariser Abkommens vorgesehen. Einige Länder wie die Schweiz wollen einen Teil ihrer Emissionen kompensieren, indem sie Projekte zur Emissionsreduktion in anderen Ländern unterstützen. Dazu müssen die Länder in formellen Verhandlungen vereinbaren, wie solche Projekte in den zwei beteiligten Ländern jeweils angerechnet werden. Doch diese Verhandlungen sind bereits zwei Mal an Brasilien gescheitert. Der Leiter der brasilianischen Verhandlungsdelegation Leonardo de Athayde deutete aber Kompromissbereitschaft an: „In allen Gesprächen mit anderen Delegationen, haben wir klar signalisiert, dass wir flexibler sind“, sagte de Athayde der brasilianischen Zeitung Valor Economico. [5]

Neben den formellen Verhandlungen über den CO2-Handel und den informellen über Emissionen und Geld, werden viele Akteure die grosse Glasgower Bühne nutzen, um weitere Klimainitiativen zu lancieren. Bundesstaaten und Städte, internationale Organisationen sowie die Wirtschaft werden Ankündigungen insbesondere zu den Themen „coal, cars und trees“ machen. „Kohle, Autos und Bäume“ sind drei der Prioritäten des britischen Premiers Boris Johnson für die Konferenz. Ohne entschiedenes Handeln auf Ebene der Nationalstaaten können diese Akteure das 1,5-Grad-Ziel aber nicht „am Leben erhalten“. Ob Johnson nach zwei Wochen den erhoffte Erfolg vermelden kann, ist daher noch mehr als ungewiss. mic

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[1] UN, 09.08.2021: Guterres: The IPCC Report is a code red for humanity

[2] UNFCCC, 25.10.2021: Revised synthesis report by the secretariat (PDF)

[3] UKCOP26, 25.10.2021: Climate Finance Delivery Plan: Meeting the US$ 100 Billion Goal (PDF)

[4] Guardian, 23.10.2021: Cop26 climate deal will be harder than Paris accord, admits Sharma

[5] Bloomberg, 23.10.2021: Negotiators Edge Closer to Global Carbon Market Deal at COP26

[6] Businessgreen, 11.08.2021: ‘Coal, cars, cash, trees’: Boris Johnson sets out priorities for COP26

Der lange Weg nach Glasgow

Der Umweg über Kyoto und Kopenhagen hat viel Zeit gekostet

Nach 25 Konferenzen ist das Klimaproblem noch immer nicht gelöst. Doch mit dem Klimaabkommen von Paris hat die Welt zumindest einen strukturierten Ansatz für das Problem. Wie gut dieser funktioniert, wird sich in Glasgow zeigen.

„Gemäß dem wissenschaftlichen Kenntnisstand, werden die bestehenden Verpflichtungen das Klimaproblem nicht lösen.“ Das sagte die Präsidentin der ersten UN-Klimakonferenz im Jahr 1995. [1] Ihr Name: Angela Merkel, die damalige deutsche Umweltministerin. 25 Klimakonferenzen später ist dieser Satz noch immer gültig und wird es wohl auch nach der diesjährigen Konferenz in Glasgow noch sein. Trotzdem waren die teuren und oft sehr großen Konferenzen nicht gänzlich für die Katz.

Glücklos. Auch Ban Ki-moon konnte die Konferenz in Kopenhagen nicht retten. (Foto: IISD)

Um dem von Merkel beschriebenen Missstand abzuhelfen, beschlossen die Länder damals eine Ergänzung zur UN-Klimakonvention auszuhandeln. Schon zwei Jahre später einigten sie sich auf das Kyoto Protokoll. Dieses folgte einem Top-Down-Ansatz: Es legte fest, um wieviel Prozent die Industriestaaten ihre Emissionen senken sollten. Verpflichtungen für die Entwicklungsländer enthielt das Protokoll nicht. Das hatte zur Folge, dass der damals noch größte Emittent, die USA, das Protokoll nie ratifizierte.

Zehn Jahre später war dann allen klar, dass auch die Entwicklungsländer im Kampf gegen die Klimakrise einen Beitrag leisten müssen und die Länder beschlossen, einen neuen Vertrag auszuhandeln. Dieser sollte im Jahr 2009 in Kopenhagen verabschiedet werden. Doch die Konferenz scheiterte spektakulär. Es wurde offensichtlich, dass die Länder nicht bereit waren, sich im Rahmen eines Top-Down-Ansatzes auf rechtlich verbindliche Emissionssenkungen festnageln zu lassen. In Kopenhagen wurden allerdings auch die Weichen für die Zukunft gestellt. Die Länder beschlossen, die Erwärmung bei maximal zwei Grad zu stoppen und dazu einen neuen Vertrag auszuhandeln. Außerdem versprachen die Industriestaaten die Entwicklungsländer ab dem Jahr 2020 mit jährlich 100 Milliarden Dollar zu unterstützen.

Der angestrebte Vertrag wurde dann im Jahr 2015 in Paris verabschiedet. Das Abkommen folgt einem Bottom-Up-Ansatz respektive dem Klingelbeutelprinzip: Jedes Land senkt seine Emissionen so stark wie es will und dann schaut man, ob damit die Erwärmung „deutlich unter zwei Grad“ gestoppt werden kann. Zudem versprachen die Länder „Anstrengungen zu unternehmen“, damit das schon bei 1,5 Grad gelingt. Damit war das 1,5-Grad-Ziel geboren. Dabei war allen klar, dass Merkels Diktum noch immer galt. Die Selbstverpflichtungen reichten nicht aus. Daher enthält das Paris Abkommen einen Hebemechanismus: Alle fünf Jahre müssen die Länder ehrgeizigere Emissionsziele vorlegen.

Dieser Mechanismus kommt nun zum ersten Mal in Glasgow zum Zug, nachdem die Konferenz wegen der Pandemie um ein Jahr verschoben werden musste. In Glasgow wird sich also zeigen, ob das Paris Abkommen so funktioniert wie geplant. Werden die Länder ihre Emissionsziele so stark verbessern, dass die Erreichung des 1,5-Grad-Ziels zumindest noch möglich ist? Weil die Länder in der Vergangenheit zu wenig zum Schutz des Klimas getan haben, ist die Herausforderung nun enorm: Wenn das 1,5-Grad-Ziel eine Option bleiben soll, müssen die globalen Emissionen in den nächsten neun Jahren um 45 Prozent im Vergleich zum Jahr 2010 sinken.

Dass dies gelingt, bezweifelt selbst John Kerry, der US-Sondergesandte fürs Klima: „Wir wissen, dass es eine Lücke geben wird.“ [2] Und dann erklärt Kerry, warum man Klimakonferenzen erfinden müsste, wenn es sie nicht schon gäbe: „Die Frage ist, ob wir eine kritische Masse erreichen. Wir sind kurz davor. Wenn weitere Länder hinzukommen, haben wir etwas, auf dem wir aufbauen können.“ mic

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[1] UNFCCC, 28.03.1995: Berlin Meeting to Focus on New Climate Change Negotiations

[2] Guardian, 12.10.2021: Cop26: world poised for big leap forward on climate crisis, says John Kerry