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China will CO2-Emissionen auf null reduzieren

Xi Jinping macht überraschende Ankündigung an UN-Generalversammlung

Bislang war die EU unter den großen Emittenten allein mit ihrem Ziel, CO2-Neutralität zu erreichen. Das hat sich gestern geändert. Nun ist dies auch das erklärte Ziel Chinas.

Manchmal geht’s ganz schnell. Gestern kündigte Chinas Präsidenten Xi Jinping bei der UN-Generalversammlung an, China wolle seine Klimaziele verschärfen: „Unser Ziel ist es, den Höhepunkt der CO2-Emissionen vor 2030 zu erreichen und CO2-Neutralität vor 2060.“ [1] Das ist das erste Mal, dass China zusagt, die CO2-Emissionen auf null zu reduzieren. Damit kommt Xi einer Aufforderung von Bundeskanzlerin Angela Merkel und EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen nach. Diese hatten letzte Woche genau diesen Schritt in einem Telefonat mit Xi gefordert. Dabei informierten sie Xi auch darüber, dass die EU ihr eigenes Klimaziel deutlich anheben will – von minus 40 Prozent auf minus 55 Prozent im Vergleich zu 1990. Lutz Weischer von der Umweltorganisation Germanwatch führt Xis Ankündigung denn auch auf europäischen Druck und Europas neues Klimaziel für 2030 zurück. „Das ist ein Durchbruch in der internationalen Klimadiplomatie. Hier zeigt sich, dass die EU stark genug ist, andere große Staaten zu mehr Klimaschutz zu bewegen – wenn sie selbst ernsthafte Klimapolitik betreibt. Die Strategie der EU, die eigenen klimapolitischen Hausaufgaben zu machen und zugleich klare Erwartungen an China zu formulieren hat sich heute bewährt.“

Designhorror. Wegen der Coronakrise sprachen die Führer der Welt nicht in New York, sondern zu Hause vor selbstgewählter Tapete. (Screengrab: CGTN)

Das Paris Abkommen sieht vor, dass alle Länder dieses Jahr neue und vor allem ehrgeizigere Klimapläne einreichen. Bislang haben das nur wenige kleine Länder getan. Doch mit der geplanten Anhebung des EU-Ziels und der Ankündigung Chinas ändert sich das nun und zeigt, wie isoliert US Präsident Donald Trump beim Klima ist. Dieser hat angekündigt, im November aus dem Paris Abkommen auszusteigen. Dieser Gegensatz ist auch Li Shuo von der Umweltorganisation Greenpeace China aufgefallen: “Xi Jinpings Klimaschutzzusage auf der UN-Generalversammlung, Minuten nach Trumps Rede, ist ein mutiger und gut kalkulierter Schritt. Xi verlieh damit nicht nur der globalen Klimapolitik die dringend benötigte Dynamik, sondern stellte der Welt auch eine faszinierende geopolitische Frage: Beim globalen Gemeinwohl ist China unabhängig von den USA vorangegangen. Wird Washington folgen?“ Die geopolitische Komponente von Xis Ankündigung betont auch Weischer. Im Hinblick auf die EU-China Beziehung sagte er: „Die Beziehungen zu China sind derzeit sehr schwierig, da Menschenrechte und internationale Vereinbarungen von China eklatant missachtet werden. Doch gerade wenn es – aus guten Gründen – heftige diplomatische Spannungen gibt, ist es wichtig, Anker der Kooperation in Bereichen zu legen, an denen beide Seiten existenzielles Interesse haben.“

Am Ziel vorbei. Mit noch steigenden Emissionen und CO2-Neutralität “vor 2060” verfehlt China die Ziele des Paris Abkommens. (Grafik: showyourbudgets.org)

Sowohl in der EU als auch in China sind allerdings die Details noch unklar, wie die neuen Ziele erreicht werden sollen. In der EU muss geklärt werden, um wieviel jedes Mitgliedsland seine Emissionen senken muss. Außerdem ist auch noch nicht bekannt, wie groß die Emissionssenkungen in den verschiedenen Sektoren sind. Die Emissionen von Kraftwerken und der Zement- und Stahlindustrie werden durch das EU-Emissionshandelssystem reguliert, nicht aber die Emissionen aus dem Verkehr und dem Gebäudesektor. In China wird derzeit ein neuer Fünf-Jahres-Plan für die Jahre 2021 bis 2025 ausgearbeitet. Solange dieser nicht vorliegt, mangelt es auch dort an der nötigen Detailplanung. Li Shuo mahnt daher: „Xis Ankündigung muss mit Details untermauert werden. Um wie viel früher kommt der Höhepunkt von Chinas Emissionen? Wie passen CO2-Neutralität und der fortdauernde Bau von Kohlekraftwerken zusammen? Das sind harte Fragen, die bessere Antworten von Peking erfordern.“ Kurzfristig ist allerdings etwas anderes entscheidend, meint Weischert. Im Hinblick auf die internationale Klimapolitik sagte er: „Jetzt entsteht Dynamik nach oben.“ mic

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[1] Xi Jinping, 22.09.2020: Statement by H.E. Xi Jinping President of the People’s Republic of China At the General Debate of the 75th Session of The United Nations General Assembly

“Deutschland müsste Ende 2026 klimaneutral sein”

Auf klimareporter.de gibt es ein Interview mit mir, in dem es natürlich um showyourbudgets.org geht.

Wann muss Ihr Land klimaneutral sein?

Neue Website zeigt Pfade zur Klimaneutralität basierend auf CO2-Budgets

Der Verfasser hat zusammen mit einem Team eine Website entwickelt, die zeigt, wann ein Land klimaneutral sein muss. Die Berechnungen nutzen die neusten Daten des Weltklimarats IPCC und folgen einem Ansatz, der auch von einem Beratergremium der Bundesregierung genutzt wird.

Der Weltklimarat IPCC zeigt, wie groß das CO2-Budget der Menschheit noch ist, wenn die Erwärmung auf 1,5 oder 1,8 Grad begrenzt werden soll. [1 s. S. 108] Der IPCC sagt allerdings nicht, wie groß die CO2-Budgets einzelner Länder sind. Das ermöglicht es Politikern in Ländern wie Deutschland, Klimaziele zu formulieren, die jedes Budget sprengen würden, wenn alle Länder das Gleiche täten. Dabei lassen sich die globalen IPCC-Budgets durchaus auf einzelne Länder herunterbrechen – gemäß dem Anteil den ein Land an der Weltbevölkerung hat.

2026. Wenn Deutschland sich ans Paris Abkommen hält und “Anstrengungen unternimmt” um die Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, muss es in sechs Jahren klimaneutral sein. (Grafik: showyourbudgets)

Dieser Ansatz wurde zuerst von dem Klimawissenschaftler Stefan Rahmstorf vorgeschlagen und mittlerweile auch vom Sachverständigenrat für Umweltfragen der Bundesregierung übernommen. [2] [3] Seit heute Morgen gibt es zudem eine Website, showyourbudgets.org, die diesen Ansatz für alle Länder der Welt nutzt. Sie zeigt für jedes Land Emissionspfade für vier verschiedene IPCC-Budgets (Begrenzung der Erwärmung auf 1,5 oder 1,8 Grad mit einer Wahrscheinlichkeit von 66 oder 50 Prozent). Die Pfade zeigen wann ein Land klimaneutral sein muss, wenn es am 1. Januar 2020 begonnen hat seine Emissionen linear auf null zu reduzieren. Damit können Öffentlichkeit und Medien einfach prüfen, ob die Klimaziele ihres Landes ausreichend sind.

Die Resultate zeigen, dass dies in den meisten Ländern nicht der Fall ist. Wenn die Erwärmung mit Zwei-Drittel-Wahrscheinlichkeit auf 1,5 Grad begrenzt werden soll, muss die Welt als Ganzes schon im Jahr 2035 klimaneutral sein. Länder deren Pro-Kopf-Emissionen über dem globalen Durchschnitt liegen haben ihr CO2-Budget aber schon schneller aufgebraucht. Für Deutschland ist das im Jahr 2026 der Fall und für die USA sogar schon am Ende von diesem Jahr. Manche Länder haben aber auch mehr Zeit. Weil die Pro-Kopf-Emissionen in Indien sehr niedrig sind, reicht das indische CO2-Budget theoretisch noch bis zum Jahr 2072. Manche Länder haben das anspruchsvollste Budget dafür schon aufgebraucht. Das trifft insbesondere auf Öl- und Gasexporteure wie Saudi Arabien, Australien und Kanada zu.

Die Website wurde ohne finanzielle Unterstützung durch Dritte entwickelt. Daher gilt mein besonderer Dank den Programmierern der Thai-dänischen Softwarefirma blue-visuals.com, den Webdesignern von karo3.de aus Berlin und natürlich Stefan Rahmstorf, unserem wissenschaftlichen Berater.

Weitere Informationen finden Sie auf der FAQ Seite unsere Website, in unserer Pressemitteilung (englisch). Die neusten Nachrichten zu diesem Projekt finden Sie auf Twitter. mic

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[1] IPCC, 2018: Mitigation Pathways Compatible with 1.5°C in the Context of Sustainable Development (PDF)

[2] Stefan Rahmstorf, 06.08.2019: How much CO2 your country can still emit, in three simple steps

[3] SRU, 27.05.2020: Umweltgutachten 2020: Für eine entschlossene Umweltpolitik in Deutschland und Europa

Die Methan-Zeitbombe

US-Öl- und Gasindustrie unterschätzt Kosten für Schließung von Bohrlöchern um Faktor zehn

Wenn Bohrlöcher der Öl- und Gasindustrie nicht versiegelt werden, kann aus ihnen noch jahrelang Methan austreten. Die Branche hat jedoch keinerlei Anreiz, erschöpfte Bohrlöcher zu Verschließen. Zudem unterschätzt sie die Kosten dafür und diese könnten an der Allgemeinheit hängen bleiben.

Nach einer Pause von mehreren Jahren steigen die globalen Methanemissionen wieder deutlich. Mittlerweile liegt die Konzentration des Treibhausgases in der Atmosphäre beim zweieinhalbfachen des Werts vor Beginn der industriellen Revolution. [1] Methan ist damit der zweitwichtigste Treiber der Klimaerwärmung nach CO2. Vor diesem Hintergrund hat US-Präsident Donald Trump letzte Woche Vorschriften für die Öl- und Gasindustrie gelockert. Diese muss nun nicht mehr regelmäßig nach Lecks suchen, aus denen Methan austritt. Dadurch spart die Branche 19 Millionen Dollar pro Jahr. [2] Große Energiekonzerne wie Shell, BP und Exxon Mobile lehnen die Lockerung der Vorschrift ab. Gretchen Watkins, die Shell-Chefin in den USA, sagte dazu: „Die negativen Folgen von Lecks und Emissionen wurden jahrelang allgemein anerkannt. Daher ist es frustrierend und enttäuschend zu sehen, dass die Regierung in eine andere Richtung geht.“ [2] Kleinere Firmen unterstützten hingegen die gelockerten Regeln.

Für die Ewigkeit? Dieses Bohrloch wird derzeit nicht genutzt. Ob es wieder aktiviert oder permanent versiegelt wird ist unbekannt. (Foto: Joshua Doubek / Wikipedia)

Die Methanemissionen der US-Öl- und Gasindustrie dürften aber noch aus einem anderen Grund steigen. Diese hat einen Anreiz erschöpfte Bohrlöcher nicht zu verschließen, sondern diese vorgeblich nur temporär stillzulegen. So kann sie die Kosten für deren Versiegelung für Jahre oder sogar Jahrzehnte in die Zukunft verlagern. Dieser Anreiz besteht, weil die Industrie keine ausreichenden Rückstellungen für die Kosten der endgültigen Stilllegung machen muss. Robert Schuwerk, der US-Chef des Umwelt-Thinktanks Carbon Tracker, kritisiert daher die US-Bundesstaaten: „Indem sie die Firmen nicht dazu gezwungen haben, die Stilllegungskosten vorzufinanzieren, ermuntern sie die Firmen diese Kosten so lange wie möglich aufzuschieben.“ [3]

Zudem unterschätzt die Branche die tatsächlichen Kosten für eine sachgemäße Verfüllung der Bohrlöcher mit Zement wie ein aktueller Bericht von Carbon Tracker zeigt. Allgemein wird mit Kosten von 20.000 bis 40.000 Dollar pro Bohrloch gerechnet. Diese Schätzung beruht aber auf Erfahrungen mit vertikalen Bohrlöchern mit einer Tiefe von weniger als 1500 Metern. Neue Bohrlöcher bei denen mittels Fracking Öl und Gas aus dem Untergrund gepresst wird, sind meist jedoch doppelt so tief. Erfahrungswerte aus Australien zeigen, dass die Kosten für die Versiegelung von Bohrlöchern exponentiell mit deren Tiefe anwachsen. Gemäß Carbon Tracker sollte man daher mit Kosten von 300.000 Dollar pro Bohrloch mit einer Tiefe von 3000 Metern rechnen. [3]

Hinzu kommt, dass bei neuen Bohrlöcher an deren tiefstem Punkt anschließend seitlich noch viele Hundert Meter weit waagrecht in den Fels gebohrt wird. Auch dieser Teil muss mit Zement gefüllt werden. Diese Kosten sind in der Schätzung von Carbon Tracker allerdings noch nicht enthalten. Schuwerk sagt daher: „Die Pandemie und die Energiewende bergen die Gefahr, dass es nun zu einer Welle von Stilllegungen kommt, die die Industrie nicht bezahlen kann.“ [3] In diesem Fall bleiben Kosten dann an den US-Bundesstaaten hängen. Der US-Umweltaktivist Bill McKibben schrieb dazu auf Twitter: „Das ist die extremste Form von ‚Profite privatisieren und Kosten sozialisieren‘.“ [4] Und diese Kosten könnten beachtlich sein: Carbon Tracker geht davon aus, dass es in den USA 3,3 bis 4 Millionen Bohrlöcher gibt, die aktiv, ruhend oder aufgegeben sind. [3]

Das Sozialisieren von Kosten gehört allerdings auch in Europa zum Geschäftsmodell der Branche. Die Umweltorganisation Greenpeace hat letzte Woche zwei Krater im Boden der Nordsee entdeckt, aus denen Methan sprudelt. Die Krater sind die Folge eines unkontrollierten Gasausbruch während einer Bohrung von Mobil North Sea (heute Exxon Mobil) vor 30 Jahren. Die Greenpeace-Meeresbiologin Sandra Schöttner sagte dazu: „Die Bohrplattform ist längst verschwunden, doch hier sprudelt seit Jahrzehnten massiv klimaschädigendes Methan aus dem Meeresboden. Niemand will die Verantwortung übernehmen, das ist ein Skandal.“ [5] mic

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[1] CarbonBrief, 14.07.2020: Scientists concerned by ‘record high’ global methane emissions

[2] npr, 13.08.2020: Trump’s Methane Rollback That Big Oil Doesn’t Want

[3] Carbon Tracker, 18.06.2020: It’s Closing Time: The Huge Bill to Abandon Oilfields Comes Early

[4] Bill McKibben, 18.07.2020: Twitter message

[5] Greenpeace, 18.08.2020: Öl- und Gasindustrie befeuert Klimaerhitzung mit Methan-Lecks in der Nordsee

Das Klima und die Mordrate

Warmes Wetter macht Menschen aggressiv

Es ist zu vermuten, dass die Klimaerwärmung für mehr Unfrieden auf der Welt sorgen wird. Gesichert ist das aber nicht. Das fehlende Bindeglied könnte hier der Botenstoff Serotonin sein. Bei warmem Wetter produziert der Körper weniger davon und Menschen werden aggressiver.

Hitze ist tödlich. Das Robert Koch Institut schätzt, dass im Jahr 2018 allein in Berlin knapp 500 Menschen wegen der damaligen Hitzewelle gestorben sind. [1] Das sind 12 Menschen auf 100.000 Berliner. Insbesondere für sehr alte Menschen kann Hitze lebensgefährlich sein. Ursachen für einen hitzebedingten Tod seien Herzkreislaufstörungen, Nierenversagen, Atemwegserkrankungen und Schlaganfälle. [2] Es gibt allerdings noch eine weitere Todesursache, die bei Hitze gehäuft vorkommt: Mord. Eine Studie aus Südafrika zeigt, dass mit jedem Grad die Mordrate um 1,5 Prozent steigt. [3] Noch schlechter können Finnen mit hohen Temperaturen umgehen. Dort steigt die Mordrate sogar um 1,7 Prozent mit jedem zusätzlichen Grad Celsius. [4]

Serotoninmangel. Nicht alle werden gleich zum Mörder. Manche hupen einfach öfter. (Bild: geralt / needpix)

Hitze macht Menschen aggressiv. Bei Demonstrationen „kommt es öfter zu Gewalt, wenn es wärmer ist“, zeigt etwa eine Studie, die 7000 Demonstrationen in den USA ausgewertet hat. [5] Auch die Zahl der Selbstmorde liegt bei warmem Wetter höher als bei kaltem, wie ein Zwölf-Länder-Vergleich zeigt, der auch asiatische Länder umfasst. [6] Auch für die Mitglieder von Drogenkartellen in Mexiko steigt die Gefahr ihrer Tätigkeit mit der Temperatur. Der „Appetit auf Gewalt“ nehme zu, resümiert eine weitere Studie. [7] Aber auch der einfache Verkehrsteilnehmer sieht sich zusätzlicher Aggressivität ausgesetzt: Es gebe einen „linearen Zusammenhang zwischen Hupen und steigender Temperatur“. [8] Besonders hupfreudig seien Fahrer mit offenem Fenster, zeigt eine Studie aus der US-Großstadt Phoenix in der Sonora-Wüste. Selbst Journalisten sind nicht immun gegenüber Hitze. Bei den olympischen Spielen in Peking im Jahr 2008 wurde die Sprache von US-Journalisten analysiert. Mit steigender Hitze und Luftverschmutzung benutzten diese mehr „negative Wörter“ so eine weitere Studie. [9] „Die Resultate liefern einen Hinweis, dass die Entscheidungen von Journalisten von einer größeren Vielfalt an Faktoren beeinflusst sein könnten, als ursprünglich gedacht.“

Während der Zusammenhang zwischen Temperatur und Aggressivität gut dokumentiert ist, besteht noch Forschungsbedarf hinsichtlich der Ursache für diesen Zusammenhang. Vielen Menschen verdirbt warmes Wetter aber offensichtlich die Laune. „Ein Tag mit Temperaturen über 32 Grad hat einen größeren Effekt auf das Wohlbefinden als geschieden oder verwitwet (im Vergleich zu verheiratet) zu sein“, zeigt ein Artikel aus dem Journal für Glücklichkeitsstudien (Journal of Happiness Studies). [10 s. S. 466] Umgekehrt müsste es uns im Winter am besten gehen: „Niedrige Temperaturen erhöhen die Zufriedenheit und reduzieren Müdigkeit und Stress.“ [10 s. S. 457] Ein Grund dafür könnte der Botenstoff Serotonin sein, wie die Studie über die Aggressivität der Finnen zeigt. Dieser Botenstoff reguliert unter anderem den Blutdruck, die Wahrnehmung, den Schlaf und die Temperaturregulierung des Körpers. Außerdem sorgt Serotonin für gute Laune: Der Stoff fördert ein Gefühl der Gelassenheit, inneren Ruhe und Zufriedenheit. Wie viel Serotonin der Körper produziert, hängt allerdings vom Wetter ab. Im Juli ist die Serotoninproduktion am niedrigsten und im Februar am höchsten.

Vor dem Hintergrund der Klimakrise lässt dies wenig Gutes für die Kriminalstatistik erwarten, warnen die Autoren der finnischen Studie: „Ein Anstieg der durchschnittlichen Temperatur um zwei Grad, würde die Rate an Gewaltverbrechen in nicht-tropischen Gebieten um mehr als drei Prozent erhöhen, wenn alle anderen Faktoren gleich bleiben würden.“ Letzteres ist allerdings unwahrscheinlich. mic

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[1] RKI, 06.06.1919: Schätzung der Zahl hitzebedingter Sterbefälle und Betrachtung der Exzess-Mortalität; Berlin und Hessen, Sommer 2018 (PDF)

[2] Ärzteblatt, 2019: Übersterblichkeit bei Hitzewellen in Deutschland: Zahl der hitzebedingten Todesfälle zwischen einigen Hundert und vielen Tausenden

[3] Environmental Health, 2019: Short-term association between ambient temperature and homicide in South Africa: a case-crossover study

[4] Scientific Reports, 28.07.2017: The Association of Ambient Temperature and Violent Crime (PDF)

[5] AMS, 30.06.2015: Weather Effects on Social Movements: Evidence from Washington, D.C., and New York City, 1960–95

[6] EHP, 26.11.2019: Suicide and Ambient Temperature: A Multi-Country Multi-City Study

[7] Science Direct, Dezember 2019: Non-economic factors in violence: Evidence from organized crime, suicides and climate in Mexico

[8] Environment and Behavior, 01.03.1986: Ambient Temperature and Horn Honking: A Field Study of the Heat/Aggression Relationship

[9] Mass Communication and Society, 13.06.2012: “Under the Weather”: The Weather Effects on U.S. Newspaper Coverage of the 2008 Beijing Olympics

[10] Journal of Happiness Studies, 27.04.2012: Some Like It Mild and Not Too Wet: The Influence of Weather on Subjective Well-Being

Australien wird zur Supermacht der Erneuerbaren

Riesige Projekte für Export von Strom und Wasserstoff in Planung

Australiens Regierung will den Kohlesektor weiter ausbauen. Australiens Unternehmer hingegen planen spektakuläre Projekte zur Produktion von Ökostrom, denn das Land hat dafür ideale Voraussetzungen.

Australien ist nicht für ehrgeizige Klimapolitik bekannt. Im Gegenteil: Das Land ist der zweitgrößte Kohleexporteur der Welt [7] und plant eine weitere Megamine, die Adani Kohlemine. Australien ist aber auch das Land, wo pro Kopf derzeit am meisten Solaranlagen und Windräder ans Netz gehen: 250 Watt pro Australier. [1] In Deutschland wird pro Einwohner noch nicht mal halb so viel neue Grünstrom-Kapazität gebaut. Das australische Stromnetz erlebe „die größte und schnellste Energiewende der Welt“ schreibt die Australische Elektrizitätsmarkt Organisation (Aemo) in ihrem neuen 20-Jahres-Plan. [2 s. S. 9] Dieser beschreibt fünf Szenarien für die Weiterentwicklung des Strommarkts. Mit der herkömmlichen Energiepolitik werden bis 2040 drei Viertel des Stroms aus Sonne, Wind und Wasserkraft erzeugt. Kostenoptimal ist das allerdings nicht: Für den australischen Stromverbraucher wäre ein Netz mit nahezu 100 Prozent Ökostrom billiger. [2 s. S. 38] „Es ist unvermeidbar“, sagte Aemo-Chefin Audrey Zibelman gegenüber der australischen Nachrichtensite Renew Economy. [3] „Es ist einfach, wer wir sind und was wir sind.“

Sidney. Die Sonne sieht in Australien nicht nur gut aus, sondern liefert auch massenhaft billige Energie. (Foto: wallpaperflare.com)

Australien hat optimale Voraussetzungen für die Produktion von erneuerbarem Strom: Viel Sonne, Wind und Platz. Hinzu kommt, dass in den kommenden 20 Jahren die meisten Kohlekraftwerke ihre geplante Nutzungsdauer erreichen. Premierminister Scott Morrison will daher nun vermehrt Gaskraftwerke bauen. Doch auch diese könnten nicht mehr lange profitabel sein, wie der Aemo-Plan zeigt: „Gaskraftwerke haben einen Kostenvorteil bei den aktuellen Gas- und Batteriekosten.“ [2 s. S. 55] Doch das ändert sich: „Neue Batterien sind kostengünstiger als neue Gaskraftwerke in den Jahren ab 2030.“

Noch exportiert Australien vor allem Kohle und Gas. Aber auch das kann sich ändern: Derzeit sind zwei Megaprojekte in Planung – für den Export von Ökostrom und von grünem Wasserstoff. Die Firma Sun Cable will im Norden Australiens ein Solarkraftwerk mit 10 Gigawatt Kapazität bauen. Das entspricht gut acht Prozent der deutschen Kapazität zur Erzeugung von Grünstrom. [8] Der Strom von Sun Cable soll dann mit einem 3800 Kilometer langen Kabel nach Singapur exportieren werden. Der Stadtstaat mit wenig Fläche könnte so ein Fünftel seines Strombedarfs decken. [4] Bislang ist Singapur auf den Import von Gas zur Stromerzeugung angewiesen.

Ein noch größeres Projekt plant der Asian Renewable Energy Hub (AREH). Die Firma will ein 15 Gigawatt Solar- und Windkraftwerk errichten und mit dem Strom grünen Wasserstoff erzeugen. Das Projekt implementiert damit Erkenntnisse einer deutsch-australischen Forschungskooperation an der etwa das Potsdam Institut beteiligt ist. Deren Forscher kommen zum Schluss: „Australien ist dafür prädestiniert, eine wasserstoffexportierende Supermacht zu werden.“ [5] In welcher Form das Gas schließlich exportiert wird, ist allerdings noch unklar. Eine Möglichkeit wäre Australiens Vorkommen an Eisenerz aus der Pilbara Region zu nutzen und mit dem Wasserstoff vor Ort grünen Stahl herzustellen, sagt AREH-Chef Alex Hewitt: „Wäre es nicht großartig, Stahl statt Eisenerz und Strom zu exportieren? Wir sitzen am Rand von Pilbara und dort gibt es viele Gelegenheiten energieintensive Industrien anzuziehen – zum billigsten Strom in Asien.“ [6] mic

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[1] The Conversation, 25.09.2019: Australia is the runaway global leader in building new renewable energy

[2] Aemo, 30.07.2020: 2020 Integrated System Plan For the National Electricity Market (PDF)

[3] Renew Economy, 30.07.2020: World’s fastest energy transition: AEMO maps path to 94 per cent renewables

[4] Bangkok Post, 25.05.2020: Australia plans to export solar power to Singapore via undersea cable

[5] The Conversation, 21.11.2019: Enough ambition (and hydrogen) could get Australia to 200% renewable energy

[6] Renew Economy, 31.072020: Australia’s two renewable export mega-projects say there is room for both, and more

[7] IEA, Juli 2020: Coal Information: Overview

[8] Clew, 30.07.2020: Germany’s energy consumption and power mix in charts

Japan will 100 Kohlemeiler schließen

Gleichzeitig sind 16 neue Kraftwerksblöcke im Bau

Dass Japan 100 Kohlemeiler schließen will, kommt überraschend und klingt eindrucksvoll. Tatsächlich passt das Land aber nur seine Kohlekapazität an den bestehenden Energieplan an. Dieser sieht zudem deutlich mehr Atomstrom und ein wenig mehr Grünstrom vor.

Die japanische Regierung hat angekündigt 100 der 140 Kohleblöcke im Land bis zum Jahr 2030 stillzulegen. Japans Umweltminister Shinjiro Koizumi sagte dazu: Dies sei „ein großer Schritt, der der internationalen Gemeinschaft Japans Entschlossenheit zeigt, eine emissionsfreie Gesellschaft zu werden.“ [1] Durch die Stilllegungen schrumpft die Kapazität von Japans Kohlemeilern von 47 auf 18 Gigawatt. [2] Gleichzeitig sind aber 16 neue Kraftwerke mit eine Kapazität von zehn Gigawatt im Bau. In den nächsten zehn Jahren schrumpft die Kapazität also nur um zwei Fünftel. Damit passt Japan seinen Kraftwerkspark an den nationalen Energieplan für das Jahr 2030 an. Dieser sieht vor, dass der Anteil von Kohlestrom von knapp einem Drittel auf 26 Prozent fällt. Japans Wirtschaftsminister bestätigte denn auch, dass die Ankündigung keine Abkehr von der bestehenden Politik bedeutet: „Japan hat im Jahr 2018 beschlossen, ineffiziente Kohlekraftwerke zu schließen, aber wir hatten noch keinen konkreten Rahmenplan. Daher machen wir jetzt einen.“ [3]

Widersprüche. Das einzige Land, in dem das Staatsoberhaupt persönlich mi der Sonne verwandt ist, kommt beim Ausbau der Erneuerbaren nicht voran. (Foto. Ee Shawn / Flickr)

Die Reaktion von Umweltorganisationen war gemischt. Kimiko Hirata, die Chefin des Kiko Umweltnetzwerks sagte: „Obwohl das ein signifikanter Schritt ist, ist er völlig unzureichend.“ [3] Auch Hanna Hakko von Greenpeace Japan sagte: „Wir begrüßen die Absicht der Regierung. Aber viele Anlagen werden weiterlaufen und neue werden gebaut. Diese Pläne müssen so schnell wie möglich gestoppt werden.“ [4] Außerdem äußerte Hakko noch eine weiter Kritik: „Wir sind tief besorgt, dass Kohlestrom durch Atomenergie ersetzt wird. Wir fordern die Regierung auf, erneuerbaren Energien und Maßnahmen zur Verbesserung der Energieeffizienz Priorität einzuräumen.“ Gemäß Japans Energieplan soll der Anteil von Atomstrom von heute 6 auf 20 Prozent steigen, indem Kraftwerke wieder ans Netz gehen, die nach der Reaktorkatastrophe im Jahr 2011 in Fukushima vom Netz gegangen sind. Der Ausbau der Erneuerbaren bleibt hingegen überschaubar: Ihr Anteil soll in den nächsten zehn Jahren von 17 auf 22 bis 24 Prozent steigen. Wenn diese Pläne umgesetzt werden, sinkt schließlich der Anteil von Gas bei der Stromerzeugung von 45 auf 28 Prozent.

Auch eine weitere Praxis Japans wird höchstens reformiert und nicht eingestellt: die Finanzierung von neuen Kohlemeilern im Ausland. Kajiyama sagte zwar, die Regierung sei „in den abschließenden Diskussionen“ über eine Verschärfung der Regeln zur Exportförderung von Kohletechnik. [5] Gleichzeitig sagte er aber auch: „Manche Entwicklungsländer haben keine andere Wahl, als Kohle für ihren Energiebedarf zu nutzen.“ [1] Während die Regierung ihre Kohlepolitik höchstens in Trippelschritten an die Erfordernisse der Klimakrise anpasst, sind viele japanische Unternehmen schon deutlich weiter. So stammt knapp ein Fünftel der knapp Tausend Firmen mit wissenschaftsbasierten Klimazielen aus Japan. [6] In dieser Initiative verpflichten sich Unternehmen, ihre Emissionen so schnell zu senken, dass die Klimaerwärmung auf „deutlich unter zwei Grad“ begrenzt werden kann, wie es das Paris Abkommen fordert. Knapp 40 japanische Firmen haben zudem angekündigt, nur noch Grünstrom zu kaufen. [7] Die Initiative RE100 twitterte in diesem Zusammenhang: „Japan ist einer der Märkte wo der Bezug von Grünstrom am schwierigsten ist, aber RE100 Firmen pushen die Nachfrage immer höher.“ [8] Ob das Folgen hat zeigt sich nächstes Jahr. Dann wird der nationale Energieplan überarbeitet. [9] mic

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[1] Bangkok Post, 03.07.2020: Japan plots shift from coal to renewable energy

[2] Simon Evans, 02.07.2020: Twitter Thread (In diesem Thread ist eine Tabelle mit den 114 ältesten und ineffizientesten Kraftwerke verlinkt. Diese haben eine Kapazität von 29 Gigawatt.)

[3] Hellenic Shipping News, 06.07.2020: Japan to accelerate closure of old coal power plants

[4] Greenpeace Japan, 02.07.2020: Greenpeace Japan welcomes the Japanese government’s intention to close inefficient coal-fired power plants by 2030

[5] SBS News, 05.07.2020: Japan considers mothballing up to 100 coal-fired power stations

[6] ScienceBasedTargets, Stand 06.07.2020: Companies

[7] RE100, Stand 06.07.2020: Companies

[8] RE100, 03.07.2020: Tweet

[9] The Mainichi, 04.107.2020: Editorial: Japan’s halt of 100 coal-fired generators no victory for decarbonization

Energiewende auf polnisch

Polen will die Erneuerbaren massiv ausbauen

Polen gilt als das Kohleland schlechthin. Doch dies ändert sich gerade und das Land ist daher ein heißer Markt für die Entwickler von Wind- und Solarprojekten. Beschleunigt wird diese Entwicklung nun noch durch die Coronakrise.

Auch in Polen wird der Strommix grüner. Letztes Jahr ist der Anteil von Kohlestrom auf 74 Prozent gefallen. Die Stromerzeugung aus Steinkohle ist um fünf und die aus Braunkohle sogar um 15 Prozent zurückgegangen. [1] Die Gründe dafür sind ein deutlicher Anstieg der Stromproduktion aus Sonne, Wind und Gas sowie mehr Stromimporten. [2] Nun könnte die Coronakrise diesen Trend noch beschleunigen wie Michal Kurtyka in einem Meinungsbeitrag für Euractiv schreibt: „Die Coronavirus-Pandemie zwang die Entscheidungsträger, ihre Sichtweise auf die Wirtschaft zu ändern und sich an die neue Normalität anzupassen.“ [3] Und diese bestehe in einer „Transformation hin zu niedrigen und Null-Emissionen“. Nachdem Polen noch im Dezember das EU-Ziel von Klimaneutralität bis 2050 für sich nicht gelten lassen wollte, ist das eine beachtliche Wende.

Bełchatów. Wann Europas grösste CO2-Schleuder, das polnische Braunkohlekraftwerk Bełchatów abgeschaltet wird, ist noch nicht bekannt. (Foto: Kamil Porembiński / Flickr)

Die Coronakrise ist dabei sowohl ein Push- als auch ein Pull-Faktor. Wie in anderen Ländern auch ist die Krise ein Schock für die polnische Wirtschaft und den Staatshaushalt. Das „stößt“ (englisch „push“) die Kohle aus dem Energiemix, denn deren Abbau und Verbrennung ist auch in Polen unrentabel. Ein ungenannter Regierungsvertreter sagte gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters: „Die Coronakrise wird riesige Summen kosten. Aus Sicht der Staatsfinanzen können wir den Abbau von Kohle nicht länger finanzieren.“ [4] Aus diesem Grund plant die polnische Regierung nach Reuters-Angaben die Schließung von drei Kohleminen. Dies solle aber erst nach der zweiten Runde der polnischen Präsidentenwahl in zwei Wochen bekannt gegeben werden. Aber auch die Kohleverstromung lohnt sich nicht mehr. Letztes Jahr entschied ein Gericht, dass sich der Energiekonzern Enea nicht am Bau des Kohlemeilers Ostrołęka C beteiligen darf. Geklagt hatte die Umweltorganisation ClientEarth nachdem sie eine Enea-Aktie erworben hatte. Peter Barnett, der ClientEarth Anwalt sagte: „Dieses Projekt war nie praktikabel, weder aus der Finanz- noch aus der Klimaperspektive.“ [5]

Sonnig. Letztes Jahr ist die Solarkapazität in Polen massiv gestiegen. Das meiste davon entfällt auf Kleinanlagen. (Grafik: Forum Energii [2])

Als Pull-Faktor wirkt die Coronakrise wegen der Notwendigkeit die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. Kurtyka schreibt: „Polen braucht unbedingt grüne Investitionen, da sie dazu beitragen werden, die Wirtschaft anzukurbeln.“ Investitionen in erneuerbare Energien eignen sich besonders gut als Stimulus: Sie haben eine hohe Hebelwirkung, weil private Investoren den größten Teil der erforderlichen Mittel aufbringen. Sie schaffen landesweit Jobs etwa bei der Installation von Solaranlagen. Und es besteht die Aussicht auf Förderung durch die EU im Rahmen des geplanten 750 Milliarden Euro Wiederaufbaufonds. Die Aussichten für Erneuerbare sind daher glänzend: Polens Institut für Erneuerbare IEO, eine Beratungsfirma, erwartet etwa dass sich die Kapazität von Solaranlagen bis 2025 auf acht Gigawatt verfünffacht im Vergleich zu 2019. [6] Und auch in Windkraft wird investiert: „Polen ist geschäftiger als jeder Markt, den ich gesehen habe, seit ich in der Erneuerbarenbranche arbeite“, sagte Gary Bills von der Beratungsfirma K2 Management gegenüber dem Nachrichtenagentur Bloomberg. „Es gibt ein riesiges Interesse an onshore und offshore Wind.“ Bloomberg betitelte den dazugehörigen Artikel denn auch mit: „Das Herzland der Kohle in Europa ist der heißeste Markt für grünen Strom“. [7] Dieser macht derzeit nur ein Fünftel der installierten Erzeugungskapazität von 47 Gigawatt aus. [2] So bleibt noch viel Raum für Wachstum. mic

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[1] Politico, 02.03.2020: Black clouds over Polish coal

[2] Forum Energii, Stand 30.06.2020: Energy sector data 2019

[3] Michal Kurtyka, 29.06.2020: Der grüne Investitionsplan wird zum Impuls für das Wirtschaftswachstum

[4] Reuters, 03.06.2020: COVID-19 pushes Poland to accelerate exit from ailing coal – sources

[5] environment analyst, 01.06.2020: ‘Unviable’ coal plant project in Poland a stranded asset

[6] PV Tech, 22.06.2020: Poland sets sights on multi-gigawatt growth as industry weathers COVID storm

[7] Bloomberg, 24.06.2020: Europe’s coal heartland is the hottest market for green power (siehe auch hier)

Der Okmok brachte Rom zur Strecke

Ein Vulkanausbruch in Alaska trug zum Untergang der römischen Republik bei

Dass das Wetter in den Jahren 43 und 42 vor Christus schlecht war, ist bekannt. Vermutet wurde auch dass ein Vulkanausbruch die Ursache dafür gewesen sein könnte. Nun weiß man auch, welcher Vulkan damals für Hungersnöte in Italien und Ägypten sorgte und so zum Untergang zweier Supermächte beitrug.

In den beiden Jahren nach der Ermordung von Julius Cäsar im Jahr 44 vor Christus spielte im Mittelmeerraum das Wetter verrückt. Das war allerdings nicht die Rache von Cäsar-freundlichen Göttern, sondern Folge eines Vulkanausbruchs. Im Januar oder Februar des Jahres 43 vor Christus brach 9000 Kilometer von Rom entfernt ein Vulkan aus: der Okmok in Alaska. Die gigantische Eruption hinterließ einen Krater mit zehn Kilometer Durchmesser und Asche wurde bis zu 30 Kilometer hoch in die Atmosphäre geschleudert. Dort verdunkelte sie die Sonne mit geschichtlich weitreichenden Folgen.

Eine aktuelle Studie von Wissenschaftlern verschiedenster Disziplinen zeigt auf wie der Okmok und das Schicksal der römischen Republik sowie Kleopatras Königreich in Ägypten zusammenhängen. [1] Am Anfang stand eine Entdeckung in einem Eisbohrkern. Dieser enthielt im Eis aus dem Jahr 43 vor Christus auffällig viel Vulkanasche. Der Experte für Paläovulkanismus Michael Sigl von der Universität Bern sagt diese ließe sich eindeutig dem Okmokausbruch zuordnen: „Kein anderer bekannter Vulkanausbruch zu dieser Zeit hat Asche mit einem geochemischen Fingerabdruck wie die Asche im Eisbohrkern außer Okmok.“ Anschließend berechneten Vulkanologen wieviel Asche die Eruption in die Atmosphäre schleuderte. Diese Daten wurden dann in ein Computermodell des Klimas gefüttert, das dann die Wettervorhersage für den Mittelmeerraum in den Jahren 43 und 42 vor Christus lieferte: Die beiden Jahre waren drei bis sieben Grad kälter als normal. Dies bestätigen auch Analysen von Baumringen, die zeigen, dass die beiden Jahre zu den kältesten der letzten zweieinhalb Jahrtausende zählen. Außerdem fiel in Italien doppelt so viel Regen wie im Durchschnitt der damaligen Zeit. Gleichzeitig verschob sich der Sommermonsun in Äthiopien am Oberlauf des Nils nach Süden, weswegen die Überflutung des Nils in Ägypten ausblieb.

Sauwetter. In den Jahren 43 und 42 vor Christus war es deutlich kälter (oben) und nässer (unten) als normal zu dieser Zeit. (Grafik: Pnas)

Die Folgen dieser extremen Wetterbedingungen wurden von verschiedenen römischen Geschichtsschreibern gut dokumentiert. Plutarch schreibt etwa in seinem Buch „Das Leben des Antonius“, dass dessen Armee im April 43 vor Christus unter Hunger litt und Wurzeln, Baumrinde und Tiere aß, „die vom Mensch noch niemals gegessen wurden“. Julius Obsequens schreibt, im Orakel von Delphi habe man im gleichen Jahr eine Stimme gehört, die schrie: „Wahnsinn der Wölfe im Winter und im Sommer wird das Getreide nicht geerntet.“ Auch das Folgejahr war hart wie der Historiker Appian schreibt. Damals war Rom „vom Hunger verwüstet“. Auch Ägypten litt unter Hunger. Seneca schreibt, dass in den beiden Jahren 43 und 42 vor Christus, der Nil nicht über die Ufer trat. Das hatte auch geostrategische Konsequenzen im Bürgerkrieg zwischen Markus Antonius und Octavian (dem späteren Kaiser Augustus) auf der einen Seite und den Mördern Cäsars auf der anderen. Zur Zeit der Schlacht bei Philippi im Oktober 42 vor Christus konnte Kleopatra, die Truppen von Markus Antonius nicht mit Getreidelieferungen unterstützen, weil Ägypten von „Hungersnöten erschöpft war“ wie Appian schreibt. [1] Antonius und Octavian gewannen die Schlacht allerdings trotzdem.

Untergang. In den Bürgerkriegen am Ende der römischen Republik wurde Rom immer wieder von den Armeen der verschiedenen Rivalen besetzt. (Bild: Thomas Cole / Wikipedia)

Letztlich trug Okmok so zum Untergang von zwei Supermächten bei: Die römische Republik wich dem römischen Kaiserreich und das Königreich der Ptolemäer endete mit Kleopatra. Die Studie schreibt dazu: „Naturkatastrophen sind bekannt dafür einen ‚Ausnahmezustand‘ zu schaffen, der Raum für schnellen sozialen und politischen Wandel schafft.“ [1] Allein verantwortlich ist Okmok allerdings nicht, wie der Historiker Joe Manning von der US-Universität Yale sagt: „Die Klimaeffekte waren ein harter Schlag für eine Gesellschaft unter Stress in einem Schüsselmoment der Geschichte.“ [2] Manning warnt vor Umweltdeterminismus: „Es ist komplexer als Untergang oder Widerstandskraft“. [3] Manche Menschen reagierten geschickt und andere weniger. Dennoch lieferten der Okmokausbruch und seine Folgen ein gutes Beispiel für die heutige Gesellschaft und ihren Umgang mit den klimatischen Veränderungen. mic

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[1] Pnas, 22.06.2020: Extreme climate after massive eruption of Alaska’s Okmok volcano in 43 BCE and effects on the late Roman Republic and Ptolemaic Kingdom

[2] ScienceDaily, 22.06.2020: Eruption of Alaska’s Okmok volcano linked to period of extreme cold in ancient Rome

[3] Science, 22.06.2020: Alaskan megaeruption may have helped end the Roman Republic

EU untergräbt Klimaziel für Luftverkehr

Kompensation von bis zu 1,7 Milliarden Tonnen CO2 könnte vereitelt werden

Werden die Emissionen auf dem Durchschnitt der Jahre 2019 und 2020 oder auf dem Niveau des Jahres 2019 gedeckelt? Über diese Frage streiten sich derzeit Umweltorganisationen und Fluggesellschaften. Die EU hat sich auf die Seite der Airlines geschlagen.

Die Coronakrise trifft die Fluggesellschaften besonders hart und viele werden von ihren Heimatländern finanziell gestützt, damit sie nicht kurzfristig pleitegehen. Die Krise könnte aber auch langfristige Folgen haben für die CO2-Emissionen der Branche. Diese sollen eigentlich auf dem Niveau der Jahre 2019 und 2020 gedeckelt werden. Darüber hinausgehende Emissionen müssen die Fluggesellschaften ab nächstem Jahr kompensieren, indem sie in Klimaschutzprojekte investieren und so andernorts Emissionen vermeiden. Dieses Programm nennt sich „Corsia“ und fällt in die Verantwortung der Internationalen Organisation für Zivilluftfahrt Icao. Dank Corsia könnten Milliarden in den Klimaschutz fließen und bis 2035 rund 2,5 Millionen Tonnen CO2 vermieden werden.

Szenarien. Basierend auf Iata Szenarien hat das Ökoinstitut die Entwicklung der Emissionen aus der Luftfahrt berechnet. (Grafik: Ökoinstitut)

Szenarien. Basierend auf Iata Szenarien hat das Ökoinstitut die Entwicklung der Emissionen aus der Luftfahrt berechnet und zeigt, was das für die “Baseline” (Berechnungsgrundlage) von Corsia bedeutet. (Grafik: Ökoinstitut)

Doch nun fordert der Verband der großen Fluggesellschaften Iata, dass nicht der Durchschnitt der Jahre 2019 und 2020 sondern nur die Emissionen des Jahres 2019 als Grundlage für Corsia genommen werden. Dies sei ein „pragmatischer und einfacher Weg die außerordentlichen Auswirkungen der Krise auf Corsia zu vermeiden“. [1] Dieser Meinung hat sich nun die EU angeschlossen. Deren Transportminister haben mit der Ausnahme von Schweden [2] beschlossen, dass 2019 die Grundlage für Corsia sein solle. Der kroatische Transportminister Oleg Butković sagte: „Die Anpassung der Berechnungsgrundlage ist entscheidend, um die Anspruchshöhe von Corsia auf einem ähnlichen Niveau zu halten.“ [3] Ähnliche Positionen vertreten China, die USA und die lateinamerikanischen Länder. [4] Daher ist es wahrscheinlich, dass die der Icao-Rat diese oder nächste Woche beschließt, die Corsia-Grundlage anzupassen.

Hochwassermarke. Die Emissionen aus dem Luftverkehr werden einige Jahre brauchn, um wieder das Niveau von 2019 zu erreichen. (Foto: Peter Schmelzle / Wikipedia)

Ob die „Anspruchshöhe“ von Corsia wegen der Coronakrise deutlich steigt, ist allerdings nicht sicher, wie eine Analyse des Ökoinstituts zeigt. [5] Entscheidend ist, wie schnell sich die Luftfahrt von Corona erholt. Mit dem Durchschnitt der Jahre 2019 und 2020 als Grundlage stellt sich die Situation so dar: Eine schnelle Erholung der Luftfahrt führt zu etwas höheren Investitionen in Klimaschutz und eine langsame Erholung zu etwas geringeren, im Vergleich zu einem Szenario ohne Coronakrise (siehe Grafik). „Der Effekte einer niedrigeren Berechnungsgrundlage und eines niedrigeren Trends der Luftfahrtemissionen gleichen sich teilweise aus“, schreibt das Ökoinstitut. Anders wäre das, wenn man nur die Emissionen des Jahres 2019 als Berechnungsgrundlage nimmt. In diesem Fall müssten die Fluggesellschaften erst im Jahr 2024 oder 2027 überhaupt in Klimaschutzprojekte investieren und bis zum Jahr 2035 lägen die gesamten Klimainvestitionen um 25 bis 75 Prozent unter dem Niveau des Szenarios ohne Coronakrise. Das Ökoinstitut schreibt daher: „Der Vorschlag würde Anreize für die Branche eliminieren, einen grünen Aufschwung zu schaffen.“

Kompensationen: Die Baseline entscheidet darüber, wie viele Emissionen die Fluggesellschaften künftig kompensieren müssen. Beim Szenario 2 (rot) beträgt der Unterschied üppige 1,7 Milliarden Tonnen bis 2035. (Grafik: mic mit Elementen von Ökoinstitut [5])

Eine Änderung der Berechnungsgrundlage hätte aber noch weitere Konsequenzen, wie ein Brief der Umweltorganisation Carbon Market Watch zeigt. [6] Denn auch im Markt für Klimaschutzprojekte gibt es zwei Seiten: die Käufer wie Fluggesellschaften und die Verkäufer, also die Projektentwickler, und auch letztere konnten nicht mir der Coronakrise rechnen. „Corsia ist ein wichtiger Mechanismus der CO2-Märkte weltweit. Änderungen an derart fundamentalen Elementen wie der Berechnungsgrundlage sollten daher mit äußerster Vorsicht unternommen werden.“ Entscheidend sei „Konsistenz“. „Ohne Konsistenz haben Investoren nicht das nötige Vertrauen, um kurz- und langfristige Investitionen zu tätigen.“

Vertrauen könnte aber auch noch anderweitig verloren gehen. Ein Gutachten der Umweltorganisation Environmental Defense Fund (EDF) kommt zum Schluss, dass der Icao-Rat mit seinen 36 Mitgliedsländern, die Berechnungsgrundlage gar nicht ändern kann. [7] Dieses Recht hat nur die Icao-Generalversammlung aller 193 Mitgliedsländer. Dass es hier ein Problem geben könnte, scheint auch die Icao zu wissen, denn sie schreibt: „Der Rat wird auch die rechtlichen Aspekte und Auswirkungen auf die Reputation der verschiedenen Optionen berücksichtigen.“ [8] Das Problem: Die nächste Icao-Generalversammlung findet erst im Jahr 2022 statt. [7] Dann soll auch der Corsia-Mechanismus zum ersten Mal überprüft werden. EDF teilt daher die Meinung des Ökoinstituts, das schreibt: „Wir empfehlen, die aktuelle 2019-2020-Berechnungsgrundlage von Corsia beizubehalten und das Anspruchsniveau im Rahmen der regulären Überprüfung des Mechanismus im Jahr 2022 wieder zu diskutieren.“ [5] Diese Position hätte sich auch die EU zu eigen machen können, hat sie aber nicht. mic

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[1] Iata, 19.05.2020: Stabilizing net CO2 at 2019 “pre-crisis” levels, rather than 2010 levels (PDF)

[2] Dagens Nyheter, 0.40.62020: The EU is reducing climate demands on aviation after the corona crisis

[3] Council of the EU, 09.06.2020: Aviation emissions: EU adopts its position on adjusted CORSIA baseline to take account of the consequences of COVID-19 pandemic

[4] Reuters, 09.06.2020: U.S. backs changes to aviation emissions scheme: sources

[5] Ökoinstitut, 25.20.2020: Should CORSIA be changed due to the COVID-19 crisis? (PDF)

[6] Carbon Market Watch et al., 25.05.2020: Open letter by carbon market stakeholders on the CORSIA impacts of COVID-19 (PDF)

[7] EDF, 09.06.2020: No, the ICAO Council can’t legally change CORSIA’s rules

[8] Icao, Stand 17.06.2020: CORSIA and COVID-19: Impact of COVID-19 on CORSIA design