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Das grosse Spiel um Zyperns Gas

Eine Lösung des Zypernkonflikts könnte auch Folgen für den europäischen Gasmarkt haben

Drei Länder im östlichen Mittelmeer verfügen über unerschlossenen Gasfelder: Zypern, Israel und Ägypten. Bei der Erschliessung dieser Felder wird Zypern in jeder der möglichen Varianten eine Rolle spielen. Welche Variante zum Zug kommt, entscheiden aber andere.

Zypern und Israel haben ein gemeinsames Problem. Beide haben Gasfelder in ihren Gewässern entdeckt (siehe Tabelle unten). Doch es lohnt sich nur dann, diese Gasfelder auszubeuten, wenn ein Teil des Gases exportiert wird. Der Heimatmarkt der beiden Länder ist schlicht zu klein, um die erforderlichen Milliardeninvestitionen für die Erschliessung der Felder zu rechtfertigen. Israel hat mittlerweile mit Jordanien einen Abnehmer gefunden. Doch das reicht noch nicht. Zypern und Israel planen daher ihre Gasfelder zusammenhzuhängen und gemeinsam eine Exportroute für ihr Gas nach Europa zu finden. Dabei haben sie drei Möglichkeiten:

1.       Über Ägypten: Es gibt bereits eine Gaspipeline zwischen Ägypten und Israel, die derzeit nicht genutzt wird. Ausserdem gibt es in Ägypten zwei Anlagen zur Verflüssigung von Erdgas (siehe Karte unten), die still stehen, weil Ägypten kein Gas für den Export hat. Das wird sich aber ändern, wenn das Land sein ebenfalls neu entdecktes Gasfeld Zhor erschliesst. Dieses ist von allen neuen Vorkommen im östlichen Mittelmeer das grösste und wird in jedem Fall erschlossen. Der Haken: Russland hat sich im Dezember letzten Jahres in das Zhorfeld eingekauft. Moskau kontrolliert 30 Prozent der Anteile und hat eine Option auf fünf weitere Prozent. Damit ist Russland auch im östlichen Mittelmeer einer der grossen Player im Gasmarkt. Micha’el Tanchum von der Hebräischen Universität in Jerusalem warnt daher: Russland habe ein Interesse, dass Israel und Zypern ihr Gas über Ägypten exportieren, „um grösseren Einfluss über nicht-russische Gasvorkommen und Gashandelsrouten in die EU zu bekommen.“ [1]

Gute Nachbarn? Die zypriotischen, israelischen und ägyptischen Gasfelder liegen nah beieinander. Folglich wäre es sinnvoll, diese mit nur einer Pipeline zu erschliessen. Die Frage ist nur: Wo würde diese Pipeline anlanden? (Karte: Middle East Economic Survey via Bruegel)

Gute Nachbarn? Die zypriotischen, israelischen und ägyptischen Gasfelder liegen nah beieinander. Folglich wäre es sinnvoll, diese mit nur einer Pipeline zu erschliessen. Die Frage ist nur: Wo würde diese Pipeline anlanden? (Karte: Middle East Economic Survey via Bruegel)

2.       Über die Türkei: Die einfachste und billigste Lösung wäre, eine Gaspipeline von Israel über Zypern in die Türkei zu bauen. Die zypriotische Regierung will dem aber nur zustimmen, wenn zuerst der Zypernkonflikt gelöst wird. Das lässt für den Zypernkonflikt hoffen, denn die Türkei will der Gasumschlagsplatz der Region werden und hat folglich ein Interesse an der Pipeline. Anders Russland meint Tanchum: Moskau wäre „der grösste Nutzniesser, wenn die Gespräche in Genf scheitern“. [1] Aber auch in Israel gibt es kritische Stimmen zur Türkei-Option: „Isreal sollte wegen der politischen Risiken eine Pipeline in die islamistische Türkei ausschliessen.“, sagt Ariel Ben Solomon von der Bar-Ilan Universität bei Tel Aviv. Er fürchtet der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan könnte den Gasfluss „stoppen und Israel als Geisel nehmen“. [2]

Who lost Cyprus? Diese Frage kann aus türkischer Sicht eindeutig beantwortet werden: Mehmed V. Während der Herrschaft des zweitletzten osmanischen Sultans haben die Engländer Zypern annektiert. (Bild: Unbekannt)

Who lost Cyprus? Diese Frage kann aus türkischer Sicht eindeutig beantwortet werden: Mehmed V. Während der Herrschaft des zweitletzten osmanischen Sultans haben die Engländer Zypern annektiert. (Bild: Unbekannt)

3.       Über Griechenland und Italien: Grundsätzlich bestünde auch die Möglichkeit eine Pipeline von Israel über Zypern nach Griechenland zu bauen und dann weiter nach Italien. Zypern ist aber 1300 Kilometer von Griechenland entfernt und das Meer dazwischen ist bis zu 3000 Meter tief. Diese Pipeline wäre folglich immens teuer. Dafür gibt es bereits eine Machbarkeitsstudie der EU, die den israelischen Energieminister Yuval Steinitz optimistisch stimmt: „Als wir vor einem Jahr über (die Pipeline) geredet haben, dachten viele das sei unrealistisch, aber jetzt sagt die EU, es könnte klappen. Das ist ein grosser Durchbruch.“ [3] Aus geostrategischer Sicht hätte die Israel – Italien Pipeline sowohl für Israel als auch für die EU Vorteile: Eine Abhängigkeit von Drittstaaten wie der Türkei oder Ägypten (und damit indirekt Russland) könnte vermieden werden.

Die grössten, neu entdeckten Gasfelder im Mittelmeer

LandGasfeldEndecktGasmenge
ÄgyptenZhor2015850 Mrd. m3
IsraelTamar2009283 Mrd. m3
Leviathan2010623 Mrd. m3
ZypernAphrodite2011198 Mrd. m3

Abgesehen von geostrategischen Überlegungen wird die Entscheidung für die eine oder andere Variante aber noch von einem weiteren Faktor abhängen: dem Gaspreis. Der Ölpreis hat sich mittlerweile wieder etwas erholt. Früher hätte das auch steigenden Gaspreise bedeutet, da der Gaspreis an den Ölpreis gekoppelt war. Doch mittlerweile gibt es einen Spotmarkt für Gas mit tagesaktuellen Preisen. Dies ist dem starken Wachstum von Flüssiggas (LNG von englisch ‚Liquified Natural Gas‘) zu verdanken. Flüssiggastanker können ihre Ladung überall dort aufnehmen und löschen, wo die entsprechenden Terminals vorhanden sind. Damit sind ganz neue Länder als Exporteure auf dem internationalen Gasmarkt aktiv: Australien und die USA. Die US-Energiebehörde EIA schätzt, dass sich die Kapazität der globalen Verflüssigungsanlagen von 2015 bis 2019 um ein Drittel erhöhen wird. 93 Prozent der Zusatzkapazität entfallen dabei auf Australien und die USA. Das wird nicht nur die Hackordnung auf dem LNG-Markt durcheianderwirbeln sondern sorgt auch für eine Gasschmwemme. Die EIA kommt zum Schluss: „Der kurzfristige Ausblick für den LNG-Handel deutet auf ein Überangebot hin, da der Markt Zeit braucht, um die grossen Mengen an LNG zu absorbieren, die neu auf den Markt kommen.“ [4] Oder in anderen Worten: Gas bleibt billig. Trotz der geostrategischen Bedenken kommen damit Ägypten und die Türkei wieder ins Spiel. Aus zypriotischer Sicht ändert das wenig: Das Land bleibt Teil des Spielfelds. mic

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[1] The Jerusalem Post, 11.01.2017: Israel – Turkey pipeline hangs on Cyprus peace talks

[2] Besa, 07.10.2016: Israel Should Avoid Turkey, Include Cyprus in Gas Export Projects

[3] Bloomberg, 27.10.2016: Israel Sees Higher Chance of Gas Export to Europe Via Greece

[4] EIA, 11.05.2016: International Energy Outlook – Chapter 3: Natural gas

Trotz Klimawandel sind Steuern auf Benzin weltweit gesunken

Viele Länder subventionieren weiterhin die Produktion von Treibhausgasen

Steigt der Preis, sinkt die nachgefragte Menge. Diesen Mechanismus könnten Regierungen nutzen, um die Benzinnachfrage zu dämpfen. Viele tun dies, aber ausgerechnet die grössten Industriestaaten haben seit 2003 ihre Steuern auf Benzin gesenkt.

Alle Jahre wieder: Seit 2009 geloben die G20 Staaten ihre Subventionen für fossile Energieträger wie Kohle, Öl und Gas abzuschaffen. Ob sie das auch wirklich tun lässt sich aber kaum überprüfen. „Die Berichterstattung von Regierungen ist oft unvollständig und unzuverlässig.“, sagt Michael Ross. „Viele Steuern und Subventionen sind indirekt oder verstecken sich in den Budgets von staatlich kontrollierten Unternehmen.“ In einer aktuellen Studie im Wissenschaftsjournal Nature Energy [1] haben Ross und zwei Kollegen daher eine neue Methode entwickelt, wie sich zumindest Steuern auf und Subventionen für den Benzinverbrauch messen lassen. Eines der Resultate vorweg: Der G20 Vorsatz hat bislang keinen „erkenntlichen Effekt“ erzielt. „Wir finden keinen Hinweis, dass (der G20 Beschluss) von eine Erhöhung der Netto-Benzinsteuer gefolgt wurde.“

Überschätzt. Leider handeln Steuerbehörden nicht so rational, wie die Beatles gedacht haben. Insbesondere folgende (abgewandelte) Songzeile trifft nur auf manche Länder zu: „If you drive a car, I’ll tax the gas“. (Quelle: Beatles / youtube)

Um die vielen verschiedenen Steuer- und Subventionssysteme der Länder vergleichbar zu machen, nimmt Ross einen globalen Referenzpreis: den Preis für Benzin im Hafen von New York. Dann vergleicht er die lokalen Preise an der Tankstelle mit dem Referenzpreis. Liegen die lokalen Preise höher wird Benzin besteuert. Liegen die lokalen Preise tiefer wird Benzin subventioniert. Diese Methode hat Ross auf 157 Länder und die Jahre von 2003 bis 2015 angewandt. Dabei zeigt sich, dass in 22 Ländern der Preis für Benzin im Durchschnitt der Jahre unter dem New Yorker Preis lag. Diese Länder haben alle selber Öl oder Gas. „Menschen in diesen Ländern betrachten billiges Benzin als Anrecht. Sie befürchten, sonst nicht von den Bodenschätzen zu profitieren.“ Hinzu kommt eine politische Komponente: „Wir beobachten Benzinsubventionen vor allem in repressiven Systemen. Dort führt die Aufhebung der Subventionen oft zu Protesten.“ Dafür gab es seit dem Jahr 2006 weltweit 19 Beispielländer: Von Bolivien bis Uganda haben Benzinpreiserhöhungen zu oft gewalttätigen Demonstrationen geführt.

Interessant ist aber auch der Blick auf die Entwicklung der Netto-Benzinsteuern. In zwei Dritteln der Länder etwa der Schweiz sind diese seit 2003 gestiegen und in einem Drittel gesunken. Zu letzteren gehören auch einige grosse Industriestaaten wie die USA, Japan oder Deutschland sowie Ölexporteuere wie Russland oder Saudi Arabien. Die durchschnittliche Steuer auf den Benzinverbrauch ist daher weltweit gesunken: von knapp 28 US-Cents im Jahr 2003 auf gut 24 US-Cents im Jahr 2015 (inflationsbereinigt). Die Erklärung dafür ist simpel: „Der Benzinverbrauch ist in Ländern mit niedrigen Steuern oder gar Subventionen schneller gestiegen als in Ländern mit hohen Steuern.“ Einigen G20 Ländern scheint der Zusammenhang zwischen Preis und Menge aber bekannt zu sein: Indonesien hat seine Benzinsubventionen von 13 US-Cents pro Liter abgeschafft und Brasilien hat die Benzinsteuern um 12 US-Cents erhöht. Spitzenreiter ist aber einmal mehr China: Dort wurden die Steuern innert zwölf Jahren um 43 US-Cents pro Liter erhöht.

Abgaswolke. Den Ausschlag gibt nicht die Zahl der Länder sondern deren Grösse. Obwohl mehr Länder ihre Steuern auf Benzin erhöht haben (blaue Punkte) als gesenkt (rote Punkte) ist die durchschnittliche Steuer auf Benzin weltweit gesunken. (Grafik: Michael Ross et al.)

Abgaswolke. Den Ausschlag gibt nicht die Zahl der Länder sondern deren Grösse. Obwohl mehr Länder ihre Steuern auf Benzin erhöht haben (blaue Punkte) als gesenkt (rote Punkte) ist die durchschnittliche Steuer auf Benzin weltweit gesunken. (Grafik: Michael Ross et al.)

Was bei dieser Betrachtung unberücksichtigt bleibt ist die absolute Höhe der Benzinsteuern. Trotz Steuersenkung gehört hier Deutschland noch immer zur Spitzengruppe mit Netto-Steuern von über einem Dollar pro Liter. Am höchsten sind die Steuern im Norwegen. Wenn die Bürger Vertrauen in ihren Staat haben, dann scheinen sie selbst in einem Ölexportland hohe Preise an der Zapfsäule zu akzeptieren. Das Schlusslicht unter den Industriestaaten sind dafür einmal mehr die USA: Dort wird ein Liter Benzin mit 6 US-Cents besteuert.

Mit sinkenden Benzinsteuern wie in Deutschland oder extrem niedrigen Steuersätzen wie in den USA vergeben die Länder eine Chance: Denn die Verteuerung von fossilen Energieträgern „gilt weithin als eine der Kosten-effizientesten Massnahmen, um die Ziele des Pariser Klimaabkommens zur Senkung der Treibhausgasemissionen zu erreichen.“ Mit Ross‘ Methode lässt sich nun auch eruieren, ob die Länder dieses Mittel auch wirklich nutzen und nicht nur geloben es zu tun. mic

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[1] Michael Ross et al., 09.01.2017: Global progress and backsliding on gasoline taxes and subsidies

Thailand durch Überschwemmung zweigeteilt

Schwerste Regenfälle in 30 Jahren fordern 25 Tote

Letztes Jahr Dürre, nun Überschwemmungen. Auch ohne das Wetterphänomen El Niño wird Thailand von Extremwetterereignissen geplagt.

Eigentlich herrscht in Thailand im Januar Trockenzeit. Doch seit einer Woche leidet Südthailand unter sindflutartigen Regenfällen und nun Überschwemmungen. Der Chef der Militärchunta und Premierminister Prayut Chan-o-Cha sagte: „Die schweren Überschwemmungen sind Folge der schlimmsten Regenfälle in 30 Jahren.“ [1] Bislang haben die Unwetter 25 Tote gefordert. Insgesamt sind über eine Million Menschen betroffen. Dazu gehören auch ausländische Touristen. Die deutsche Botschaft in Bangkok warnt, die „Feriengebiete Koh Samui, Krabi und Phuket“ seien betroffen und die Notlage könne „sich auf weitere Landesteile ausweiten. Es kommt zu Behinderungen im Flug-, Schienen- und Straßenverkehr innerhalb Thailands.“ [2]

Beten hilft nicht. Noch sind die Überschwemmungen in Thailand nicht so schlimm wie im Jahr 2011 als 900 Menschen ums Leben kamen. (Foto: US Armee / Flickr)

Beten hilft nicht. Noch sind die Überschwemmungen in Thailand nicht so schlimm wie im Jahr 2011 als 900 Menschen ums Leben kamen. (Foto: US Armee / Flickr)

Überland ist der Süden Thailands im Moment nicht zu erreichen. Rund 200 Kilometer südlich von Bangkok, in Prachuap Khiri Khan, wurde die einzige Strassenverbindung zwischen Süd- und Zentralthailand überschwemmt und eine Brücke weggerissen. Züge verkehren derzeit ebenfalls nicht. Besonders schwer getroffen ist die südthailändische Stadt Nakhon Si Thammarat. Dort steht zusätzlich der Flughafen unter Wasser. In den thailändischen Provinzen ist mittlerweile die Armee im Einsatz. „Eine grosse Anstrengung ist erforderlich, um Menschen in höher gelegen Gebiete zu bringen und sicher zu stellen, dass sie Nahrungsmittel und medizinische Güter erhalten.“, sagte General Sansern Kaewkamnerd, Thailands Regierungssprecher. [3]

Der wirtschaftliche Schaden dürfte sich allerdings in Grenzen halten, sagte Chen Namchaisiri, der Chef von Thailands Industrieverband. „Überschwemmungen richten vor allem an Strassen, Brücken und Transportverbindungen Schäden an, aber nicht an Maschinen oder dem Produktionsprozess. Letztere sind meist durch Versicherungen abgedeckt. Daher wird der Schaden für den privaten Sektor eher begrenzt sein.“ [4] Namchaisiri schätzt, dass sich der Schaden auf 15 Milliarden Baht, knapp 400 Millionen Euro, belaufen wird. Das ist weniger als ein Tausendstel des thailändischen Bruttoinlandsprodukts. Betroffen sind allerdings auch Kautschukfarmer, warnte der Präsident von Thailands Kautschukverband Uthai Sonlucksub: „Das Problem ist, in den letzten zwölf Monaten hatten wir sowohl eine Dürre und jetzt Überschwemmungen. Es war desaströs für Bauern.“ Sonlucksub erwartet dahe steigende Preise: „Ich hatte Bestellungen aus China, aber ich bin nicht sicher, dass wir liefern können.“ [5] Falls doch werde dies zu „höheren Preisen sein als erwartet.“ Der Preis für Rohkautschuck ist in den letzten sechs Jahren um drei Viertel gefallen. Derzeit kostet ein Kilo 1,50 Euro.

Letztes Jahr erlebten die Länder entlang des Mekong Flusses – Thailand, Laos, Kambodscha und Vietnam – die schwerste Dürre in 90 Jahren. Das Wetterphänomen El Niño sorgte damals für Extremwetter rund um die Welt. Doch der El Niño ist seit Mitte 2016 zu Ende und eigentlich müsste nun wieder ‚normale‘ Witterung herrschen. Doch Chan-o-Cha warnte, dass wegen des Klimawandels Dürren und Überschwemmungen immer häufiger würden: „Thailand muss sich vorbereiten, um dieses Probleme zu meistern.“ [1] Dies gilt umso mehr, da mittlerweile klar ist, dass der Klimawandel bei den schweren Überschwemmungen in Zentralthailand und Bangkok im Jahr 2011, die entscheidende Rolle gespielt hat. Eine Studie in einem Journal der Amerikanischen Gesellschaft für Meteorologie kommt zum Schluss: „Die Ursachenanalyse zeigte, dass Treibhausgase der grösste, externe Klimafaktor waren, die zum Anstieg der Regenfälle geführt haben.“ [6] Für das aktuelle Extremwetter liegen noch keine derartigen Forschungsergebnisse vor. Klar ist aber auch: Eine wärmere Atmosphäre enthält mehr Wasserdampf, weshalb stärkere Regenfälle zu erwarten sind. mic

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[1] RTE, 09.01.2017: 21 dead after worst rain ‚in 30 years‘ in southern Thailand

[2] Auswärtiges Amt, Stand 10.01.2017: Thailand: Reise- und Sicherheitshinweise

[3] The Weather Channel, 09.01.2017: ‚Worst Rainfall in 30 Years‘: Thailand Flooding Hits 700,000 People, Leaves 21 Dead

[4] Bangkok Post, 09.01.2017: Economic impact of Southern floods B15bn maximum

[5] Reuters, 09.01.2017: Thai floods kill 21 and hit rubber production

[6] Journal of Climate, Januar 2016: The 2011 Great Flood in Thailand: Climate Diagnostics and Implications from Climate Change

Artenschutz bricht aus seinem Kokon aus

Landwirtschaft und Tourismus werden beim Artenschutz in die Pflicht genommen

Der Schutz von Tier- und Pflanzenarten kann nur gelingen, wenn alle mithelfen. Diese Erkenntnis gilt nun als Richtschnur beim Management des Planeten Erde im Rahmen der UN-Biodiversitätskonvention.

„Biodiversität zu schützen, ist nicht nur eine Aufgabe von Umweltministerien“, sagte Giuletta Duyck von der Umweltorganisation WWF Schweiz im Anschluss an die Konferenz der UN-Biodiversitätskonvention (CBD) in Cancun (Mexiko). Dort hatten sich 167 Länder getroffen, um den Artenschutz weltweit zu beschleunigen. Ziel war die Integration des Artenschutzes in alle Politikbereiche: „Das erste Mal hat die CBD-Konferenz über die Verantwortung von anderen Sektoren gesprochen. In Cancun wurden wichtige Impulse gegeben, wie die Biodiversität in der Forstwirtschaft, Landwirtschaft, Fischerei und Tourismus geschützt und nachhaltig genutzt werden sollte“ so Duyck. Wichtig sei dabei die Setzung der richtigen Anreize, sagte Hubert Weiger von der Umweltorganisation Bund: „Bei der kommenden EU-Agrarreform muss es auch um den Abbau umweltschädlicher Subventionen gehen.“ Sonst sei das Ziel, den Artenverlust bis 2020 zu stoppen, nicht erreichbar.

Der Lohn der Mühsal. Noch werden Bestäuber nicht durch ein globales Abkommen geschützt. Dabei erbringen sie 'Bestäubungsleistungen' im Wert von 500 Milliarden Dollar pro Jahr. Zwölf EU-Länder zollen dem nun mit einer 'Koalition der Willigen' Respekt. (Foto: John Sullivan / Wikimedia)

Der Lohn der Mühsal. Noch werden Bestäuber nicht durch ein globales Abkommen geschützt. Dabei erbringen sie ‚Bestäubungsleistungen‘ im Wert von 500 Milliarden Dollar pro Jahr. Zwölf EU-Länder zollen dem nun mit einer ‚Koalition der Willigen‘ Respekt. (Foto: John Sullivan / Wikimedia)

Ein weiteres Instrument zum Schutz von Tier- und Pflanzenarten sind Schutzgebiete. Hier hätten ebenfalls Fortschritte erzielt werden können, sagte CBD-Chef Braulio Ferreira de Souza Dias: „Wir haben beachtliche Verpflichtungen von Regierungen erhalten, insbesondere auch von Mexiko.“ [1] Der Gastgeber hatte während der Konferenz angekündigt 23 Prozent seiner Gewässer innerhalb der 200-Meilen-Zone unter Schutz zu stellen. [1] Auf der anderen Seite des Pazifiks verpflichtete sich Indonesien dazu, die Trockenlegung von Sumpflandschaften zu stoppen und trocken gelegte Torfböden wieder zu fluten. Dadurch werden nicht nur artenreiche Moore geschützt sondern auch Treibhausgasemissionen in grossem Stil verhindert. „Das Trockenlegen von einem Hektar Sumpfland entspricht der Verbrennung von über 22’000 Litern Benzin“, sagte Nirarta Samadhi von der Umweltorganisation WRI. Lob kam auch vom WWF: „Regierungen wachen auf und merken, dass Klima- und Artenschutz zwei Seiten derselben Medaille sind“, sagte Adrian Dellecker. [2] Eine nennenswerte Zusage kam schliesslich aus Brasilien: Dort sollen 220’000 Quadratkilometer Wald und Weiden wieder in einen naturnahen Zustand versetzt werden. Dies entspricht knapp der Fläche Grossbritanniens.

Besonders umstritten war in Cancun die Freisetzung von gentechnisch modifizierten Organismen im Rahmen sogenannter ‚Gene Drives’. Ein Beispiel sind hier Anopheles Mücken, die Malaria verbreiten. Forscher hoffen mit gentechnisch modifizierten Mücken, die Malaria-verbreitenden Anopheles Mücken durch harmlose Mücken verdrängen zu können. Hier haben die CBD-Mitgliedsländer beschlossen, dass das Vorsorgeprinzip „auch bei ‚Gene Drives’ gelten kann“. [3] Das ist ein Kompromiss. Einige Länder wollten hier festhalten, dass für ‚Gene Drives’ das Vorsorgeprinzip in jedem Fall gilt. Andere Länder versuchten dies zu verhindern. Eine besonders strikte Position nimmt hier Weiger ein: „Es braucht ein Verbot für die Freisetzung von Organismen, die mit neuen Gentech-Verfahren erzeugt wurden.“ Dazu zählten auch „Gene Drives“, die zur gentechnischen Veränderung natürlicher Populationen und zur Ausrottung bestimmter Arten wie beispielsweise Insekten diskutiert würden. „Sind sie erst in die Natur entlassen, könnten Organismen mit Gene Drives ökologische Katastrophen auslösen“, warnte Weiger.

Das Vorsorgeprinzip kam auch beim Kampf gegen den Klimawandel zur Anwendung. Hier hat die CBD beschlossen, das Moratorium für den Einsatz von ‚Geo-Engineering’ Methoden zu verlängern. Dazu zählt etwa die Düngung der Meere mit Eisenspäne, um das Algenwachstum anzuregen. Beim Wachstum absorbieren Algen CO2 durch Photosynthese und nehmen dann das C Atom mit in die Tiefsee, wenn sie sterben. Keinen globalen Durchbruch gab es derweil beim Schutz der Bestäuber wie Bienen. Hier haben auf die Initiative von Holland zwölf europäische Länder eine ‚Koalition der Willigen’ gegründet, die dem Bienensterben begegnen will. Fortschritte gab es auch bei der Vermüllung der Meere, allerdings nur auf freiwilliger Basis. Die Länder wollen sich anstrengen, den Eintrag von Müll in die Ozeane zu reduzieren. Was diese Beschlüsse bringen werden die Länder wieder in zwei Jahren evaluieren – bei der nächsten CBD-Konferenz in Ägypten. mic

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[1] CBD, 17.12.2016: UN Biodiversity Conference results in significant commitments for action on biodiversity (PDF)

[2] WWF, 17.12.2016: CBD COP13 closes in Cancun

[3] CBD, 17.12.2016: UNEP/CBD/COP/13/L34 – Synthetic Biology (PDF)

Das Klima kommt in den Geschäftsbericht

Firmen sollen offenlegen, welche Risiken ihnen aus Klimawandel und -schutz erwachsen

Um den Klimawandel zu stoppen sind drastische Massnahmen erforderlich. Damit dadurch kein Börsenbeben ausgelöst wird, sollen Konzerne ihre Klimarisiken offenlegen.

Am Mittwoch wurde eine neue Front im Kampf gegen den Klimawandel eröffnet: die Finanzmärkte. Die G20 Staaten fürchten, dass Klimawandel und Klimaschutz eine Finanzkrise auslösen könnten. Daher wurde eine Arbeitsgruppe beauftragt, Richtlinien für die Offenlegung von Klimarisiken auszuarbeiten, denn: „Ohne die richtigen Informationen könnten Investoren Anlagen falsch bewerten, was zu einer Fehlallokation von Kapital führt“, wie der Abschlussbericht warnt. [1] Dafür sei sich nicht zuletzt die Finanzkrise 2008 ein „wichtiger Weckruf“ gewesen.

Beim Klima unterscheiden die neuen Richtlinien zwei Risiken: die Risiken durch den Klimawandel etwa extreme Wetterereignisse und die Risiken durch den Klimaschutz. Denn die Umsetzung des Pariser Klimaabkommens mache „wesentliche“ und manchmal gar „disruptive“ (auf deutsch etwa ‚revolutionäre’) Änderungen erforderlich. [1] Das hat Auswirkungen auf die Bewertung von Firmen wie Energiekonzernen: Wenn die Klimaerwärmung auf zwei Grad begrenzt werden soll, müssen zwei Drittel der bekannten Vorkommen an Kohle, Öl und Gas im Boden bleiben. Sobald die Märkte das merken, drohen daher „Schocks“ durch den Wertverfall dieser Firmen. [1]

Auf dem Schirm. Damit die Finanzmärkte ihrer Aufgabe, der Kapitalallokation, nachkommen können, brauchen sie Informationen. Nun soll auch die Klimakrise eingepreist werden, damit es nicht zu einer Börsenkrise kommt. Denn wenn die Menschheit etwas verhindern muss, dann das. (Foto: Justtrader / Wikimedia)

Auf dem Schirm. Damit die Finanzmärkte ihrer Aufgabe, der Kapitalallokation, nachkommen können, brauchen sie Informationen. Nun soll auch die Klimakrise eingepreist werden, damit es nicht zu einer Börsenkrise kommt. Denn wenn die Menschheit etwas verhindern muss, dann das. (Foto: Justtrader / Wikimedia)

Ziel der Richtlinien sind aber nicht nur Unternehmen wie Exxon oder RWE sondern alle Konzerne. Autohersteller müssen sich überlegen, ob ihre Investitionen in Verbrennungsmotoren noch etwas wert sind. Nestlé und Co. werden angehalten, ihre Lieferketten auf die Auswirkungen von Dürren oder schweren Stürmen zu überprüfen. Und Banken, Versicherer und institutionelle Anleger sollen offen legen, wieviel CO2 in ihren Anlageportfolios steckt und was diese noch wert sind, wenn Regierungen einen angemessenen CO2-Preis verordnen. Ziel ist letztlich eine Umlenkung der globalen Finanzströme: „Um die nötigen Investitionen in Klimaschutz zu mobilisieren, muss die Datenlage zu Klimarisiken und Klimastrategien verbessert werden“, sagt etwa die Schweizer Grossbank UBS. [2]

Unternehmen sollen daher in ihren Geschäftsberichten aufzeigen, welche Risiken und Chancen ihnen aus Klimawandel und Klimaschutz erwachsen. Ausgangspunkt ist dabei das Zwei-Grad-Ziel. Was das bedeutet sagt Nigel Topping vom Unternehmensverband ‚We Mean Business’: Letztlich müssten die Firmen erklären, wie sie sich den „Weg zu einer Null-Emissions-Wirtschaft“ vorstellen. [2] Damit sei der Klimaschutz nicht länger Aufgabe des Umweltbeauftragten der Konzerne, sagt Koushik Chatterjee vom indischen Stahlhersteller Tata: „Ich freue mich besonders, dass die Klimadiskussionen nun in die Geschäftsleitungen und Finanzabteilungen gehoben wurden.“ [2] Damit dies geschieht, haben die neuen Richtlinien denn auch berühmte Autoren: Die Schirmherrschaft hat Mark Carney, der Chef der britischen Nationalbank, und die Arbeitsgruppe wurde von Michael Bloomberg, dem ehemaligen Bürgermeister von New York und Gründer des Finanznachrichtendienstes Bloomberg, geleitet.

Vorerst sind die Richtlinien freiwillig, was etwa der Chef des britischen Versicherers Aviva, Mark Wilson, kritisiert: „Wir sollten diesen Offenlegungsregeln echten Biss verleihen, indem wir diese verpflichtend machen.“ [2] Mittelfristig werden aber insbesondere Investoren kaum um die neuen Richtlinien herumkommen. Um ihrer ‚treuhänderischen Pflicht’ zu genügen, müssen sie alle relevanten Risiken berücksichtigen. Tun sie dies nicht, werden sie für Verluste haftbar. Das weiss auch der deutsche Autokonzern Daimler: „Die Regeln des Kapitalmarkts haben eine sehr starke Wirkung auf börsenkotierte Unternehmen.“ [2] Wilson ist daher zuversichtlich, dass auch die noch unverbindlichen Richtlinien ihre Wirkung entfalten: Der Bericht könne, „ein Katalysator zur Erreichung des Paris-Abkommens“ sein. [2] mic

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[1] Financial Stability Board, 14.12.2016: Recommendations of the Task Force on Climate-related Financial Disclosures (PDF)

[2] Financial Stability Board, 14.12.2016: TCFD Recommendations – Statements of Support

Russland und Saudi-Arabien treiben den Ölpreis hoch

Opec und Nicht-Opec-Länder vereinbaren geringere Ölproduktion

Kehrtwende am Ölmarkt. Russland und Saudi-Arabien versuchen nicht länger Marktanteile zu erobern, sondern wollen mit Förderkürzungen eine Preissteigerung erzwingen.

„Dies ist ein wahrlich historisches Ereignis“ sagte am Wochenende der russische Energieminister Alexander Novak. „Es ist das erste Mal, dass so viele ölproduzierende Länder aus verschiedenen Teilen der Welt sich in einem Raum versammelt haben und so viel erreicht haben wie wir.“ [1] Die Leistung dieser Länder besteht in den Augen Novaks in einer Förderkürzung. Ende November hatten die Opec-Länder unter Führung Saudi-Arabiens beschlossen ihre Produktion nächstes Jahr um 1,2 Millionen Fass (je 159 Liter) pro Tag zu drosseln. Daraufhin stieg der Ölpreis deutlich von 45 auf 52 Dollar pro Fass der Nordsee-Ölsorte Brent. Am Sonntag haben nun elf Nicht-Opec-Länder angekündigt die Förderung ebenfalls zu senken – um knapp 560’000 Fass pro Tag. Davon entfallen allein auf Russland 300’000 Fass. Anschliessend erklärte Saudi-Arabiens Ölminister Khalid al-Falih, sein Land werde die Förderung sogar „substantiell“ stärker kürzen als noch im November versprochen. [2] Die Wirkung blieb nicht aus: Am Montag stieg der Ölpreis auf zeitweise knapp 58 Dollar pro Fass.

Erhört. Gott hatte ein Einsehen und der Ölpreis steigt wieder. Jetzt müssen die Opec Mitglieder nur noch ihre "Neigung zu betrügen" im Zaum halten. (Foto: Ali Mansuri / Wikipedia)

Erhört. Gott hatte ein Einsehen und der Ölpreis steigt wieder. Jetzt müssen die Opec Mitglieder nur noch ihre „Neigung zu betrügen“ im Zaum halten. (Foto: Ali Mansuri / Wikipedia)

Damit hat der Ölpreis ein neues Jahreshöchst erreicht. Noch Anfang 2016 lag der Preis bei 34 Dollar. Dies war die Folge eines spektakulären Preisverfalls. Bis Mitte 2014 kostete das ‚schwarze Gold’ stabil über 100 Dollar. Doch dann beschloss Saudi-Arabien den Markt zu fluten, um die US-Produzenten von Schieferöl aus dem Markt zu drücken. Das durch Fracking gewonnene US-Öl galt als teuer. Die vielen kleinen Fracking Firmen erwiesen sich aber als widerstandsfähiger als erwartet. Sie vermochten ihre Förderkosten erheblich zu senken. Die Zahl der Bohrtürme sank deutlich, doch die US-Förderung gab seit ihrem Rekord Mitte 2015 nur um neun Prozent nach. Damit war zuviel Öl auf dem Markt, denn auch Russland, der Iran und der Irak steigerten ihre Produktion, während das langsame Wachstum der Weltwirtschaft die Nachfrage dämpfte. Die Folgen für viele Ölexportländer waren dramatisch: In Saudi-Arabien schnellte das Haushaltsdefizit letztes Jahr auf 16 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und Venezuela steht vor der Pleite. Dies erklärt die Kehrtwende in den letzten Wochen. Statt Marktanteile gegenüber US-Firmen zu verteidigen, setzen die grossen Förderländer nun wieder auf einen höheren Preis.

Ob der Preis sich nun auf über 50 Dollar stabilisieren wird, hängt von zwei Faktoren ab: Zum einen müssen die beteiligten Länder die angekündigten Förderkürzungen auch tatsächlich umsetzen und hier hat selbst der ehemalige Ölminister Saudi-Arabiens, Ali al-Naimi, seine Zweifel: „Der unerfreuliche Teil ist, wir (die Opec-Länder) haben die Neigung zu betrügen.“ [3] Ausserdem sind einige grosse Produzenten von Förderkürzungen ausgenommen etwa Libyen und Nigeria. Zum anderen werden die US-Fracker ihre Produktion ausweiten. Die Frage ist nur um wieviel. In den USA gibt es mehr als 4000 bereits angebohrte Ölvorkommen, die aber nichts produzieren – die sogenannten DUCs (von englisch ‚drilled but uncompleted’). [4] Die US-Investmentbank Goldman Sachs prognostizierte daher bereits im September, dass die US-Ölproduktion Ende nächsten Jahres um bis zu 700’000 Fass pro Tag höher liegen wird als dieses Jahr. [5] Damit wäre knapp die Hälfte der angekündigten Förderkürzungen wieder wettgemacht. Auf eine Ausweitung des Fracking wird auch der designierte US-Präsident Donald Trump hinarbeiten. Er hat bereits mehrfach angekündigt, Auflagen für die umstrittene Fördertechnologie zu senken.

Auf der Nachfrageseite ist noch unklar, wie sich die chinesischen Ölimporte entwickeln werden. Die Regierung in Peking hat den bislang niedrigen Ölpreis genutzt, um eine strategische Reserven anzulegen. Doch nun sind die Tanks voll. Ausserdem will die Regierung der Luftverschmutzung Herr werden und rationiert daher den Ölimport durch Chinas Kleinraffinerien, den sogenannten Teepötten. Dieses Jahr sind die chinesischen Ölimporte noch um 14 Prozent gestiegen. Von der Nachrichtenagentur Bloomberg befragte Analysten gehen allerdings davon aus, dass das Wachstum nächstes Jahr auf knapp fünf Prozent fallen wird. [6] „China war dieses Jahr definitiv ein Lichtblick für die Ölnachfrage aber nächstes Jahr wird es nicht mehr so substantiell sein“, sagt Michal Meidan, eine Analystin von Energy Aspects. [6] Ab übernächstem Jahr gilt dann die neue Quote für Elektroautos. Ab 2018 müssen Autohersteller dafür sorgen, dass acht Prozent der, von ihnen in China verkauften, Fahrzeuge emissionsfrei fahren. Stromproduzenten freut das, die Opec (und einige deutsche Hersteller) weniger.

Für eine Dämpfung der Ölnachfrage sorgt auch der Ölpreis selbst: Wenn Benzin mehr kostet, fahren die Leute weniger Auto. Hinzu kommt der steigende Dollar: Wenn Öl teurer wird, steigen die Inflation und damit die Zinsen. In den USA ist die Rendite von zehnjährigen Staatsanleihen am Montag zeitweise auf über 2,5 Prozent gestiegen. Noch im Juli lag dieser Wert einen vollen Prozentpunkt tiefer. Mit der Rendite auf US-Papiere steigt aber auch die Nachfrage nach US-Dollar und folglich der Dollarkurs. Dadurch verteuert sich Öl für alle Länder, deren Währung nicht an den Dollar gekoppelt ist. Das verstärkt die dämpfende Wirkung auf die Ölnachfrage. Kurz, sowohl angebots- als auch nachfrageseitig gibt es gute Gründe, warum der Ölpreis in den nächsten Monaten nicht weiter steigen wird. Letztlich gilt aber beim Ölpreis wie immer das Diktum von al-Naimi: der Preis sei „die Entscheidung Allahs“. [7] mic

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[1] Wall Street Journal, 12.12.2016: Oil Climbs as More Producers Join Output Cuts

[2] Bloomberg, 12.12.2016: Oil Surges as Saudis Eye Deeper Cuts While Non-OPEC Joins Deal

[3] Platts, 11.12.2016: Saudi Arabia signals aggressive cuts to show commitment to OPEC output deal

[4] Forbes, 28.10.2016: Why U.S. Oil Production Trumps Any Russian-OPEC Deal

[5] Forbes, 27.09.2016: Oil Production In U.S. To Soar Again, Says Goldman Sachs

[6] Bloomberg, 07.12.2016: The World’s Top Oil Market Is Starting to Lose Its Sheen

[7] The Independent, 05.05.2015: Saudi Arabia’s oil minister Ali al-Naimi: ‚Only Allah can set the price of oil‘

 

Welt hat bald zwei Drittel aller Tiere verloren

Am Sonntag beginnt Konferenz der UN-Artenschutzkonvention

Auf der Erde vermehrt sich eine Art prächtig: der Mensch. Bei allen anderen Arten geht der Bestand zurück. Auf Dauer kann das nicht gut gehen.

Die Erde ist zu klein. Derzeit wären 1,6 Erden erforderlich, um den Bedarf der Menschheit an Nahrung, sauberem Wasser, sauberer Luft und einem stabilen Klima zu decken. Kurzfristig ist diese Überbeanspruchung des Naturkapitals durch die Menschen möglich. Doch irgendwann ist der Kapitalstock aufgebraucht. Bei der Zahl der Tiere nähert sich die Erde bereits einer bedrohlichen Wegmarke: Die Umweltorganisation WWF erwartet, dass im Jahr 2020 zwei Drittel weniger Tiere leben als 50 Jahre zuvor. [1] Dieser Schätzwert beruht auf der Zählung der Populationen von über 3500 Arten an Säugetieren, Vögeln, Fischen, Amphibien und Reptilien.  Hauptgrund für den Rückgang ist meist der Verlust an Lebensraum. Bei Fischen dominiert allerdings die Überfischung.

Wüstenbildung 1. Dieser Wissenschaftler kartiert die neuesten Unterwasserwüsten. Geht die Korallenbleiche nächstes Jahr weiter, werden wieder neue Karten gebraucht. (Foto: NPS / Flickr)

Wüstenbildung 1. Dieser Wissenschaftler kartiert die neuesten Unterwasserwüsten. Geht die Korallenbleiche nächstes Jahr weiter, werden wieder neue Karten gebraucht. (Foto: NPS / Flickr)

Wie dieser Raubbau gestoppt werden kann, diskutieren die Mitgliedsländer der ‚UN-Artenschutzkonvention’ (CBD) ab Sonntag in Cancun (Mexiko). Dort werden sie den Fortschritt bei der Erreichung der Aichi Ziele diskutieren: Diese fordern, dass 17 Prozent der Landmasse und 10 Prozent der Ozeane unter Schutz gestellt werden – bis zum Jahr 2020. Diese Ziele sind mittlerweile in Griffweite. Insbesondere beim Schutz der Meere wurden grosse Fortschritte erzielt. 15 Prozent der Landfläche (ohne Antarktis), zehn Prozent der Territorialgewässer und vier Prozent der Hochsee stehen mittlerweile unter Schutz. [2] Probleme bereitet aber noch die Qualität des Managements dieser Schutzgebiete sagt Erik Solheim der Chef der UN-Umweltprogramms Unep „Die riesigen Fortschritte im letzten Jahrzehnt hinsichtlich der Zahl und Grösse der Schutzgebiete müssen nun durch Verbesserungen der Qualität ergänzt werden.“ [3]

Wie wichtig der Artenschutz für das Wohlergehen der Menschheit ist, zeigen Bienen und andere Bestäuber. Diese sind für fünf bis acht Prozent der globalen Nahrungsmittelproduktion verantwortlich und ‚erwirtschaften’ einen Mehrwert von 235 bis 577 Milliarden Dollar pro Jahr wie ein neuer Bericht des Weltbiodiversitätsrat IPBES zeigt. [4] Der Bestand an Bestäubern geht aber weltweit zurück. In Europa sind der Bestand an Bienen um 37 Prozent und der Bestand an Schmetterlingen um 31 Prozent gesunken. „Die wachsende Gefährdung von Bestäubern, die eine wichtige Rolle bei der Nahrungssicherheit spielen, ist ein weiteres Beispiel dafür, wie stark unser Schicksal mit dem der Natur verwoben ist“ sagt Solheim. [4]

Ähnlich sieht es beim Fischfang aus. Korallenriffe sind die ‚Kinderstube’ vieler Fischarten. Letztes Jahr und dieses Jahr wurden die Riffe aber durch die bislang längste gemessene Korallenbleiche dezimiert und für nächstes Jahr sind weitere Verluste prognostiziert. Bei der Korallenbleiche sterben die Korallen ab, sodass nur noch ihre weissen Gehäuse übrig bleiben. Welche Folgen diese langandauernde Schädigung der Riffe hat, ist noch unklar sagt Nick Graham von der Lancaster Universität: „Das 2015 – 2016 Ereignis hat viele Korallen-Wissenschaftler schockiert. Wenn sich das nächstes Jahr fortsetzt, sind wir in unerforschtem Gebiet.“ [5] Dabei steht auch hier viel Geld auf dem Spiel: Der Nutzen von Korallenriffen für den Tourismus, den Fischfang und den Küstenschutz wird auf 30 Milliarden Dollar geschätzt.

Wüstenbildung 2. Die Korallenbleiche-Vorhersage bis März nächsten Jahres ist rot bis dunkelrot. (Grafik: NOAA)

Wüstenbildung 2. Die Korallenbleiche-Vorhersage bis März nächsten Jahres ist rot bis dunkelrot. (Grafik: NOAA)

Die Aichi Ziele seien ungenügend, selbst wenn sie komplett umgesetzt würden, sagt der Biologe Edward Wilson von der Harvard Universität. Die Ziele seien „bei weitem nicht genug“. [6] Er fordert, dass die halbe Welt unter Schutz gestellt wird. „Menschen verstehen Ziele“, schreibt Wilson in seinem neuen Buch ’Half-Earth’. „Sie brauchen einen Sieg und nicht nur die Nachricht, dass Fortschritt gemacht wird. Es ist in unserer Natur, grosse Ziele anzustreben, die vielleicht schwer zu erreichen sind dafür aber entscheidend und von universellem Nutzen.“ Der Schutz der eigenen Art durch den Schutz aller anderen, könnte ein solches Ziel sein. mic

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[1] WWF, 2016: Living Planet Report 2016

[2] IUCN, 02.09.2016: The World Now Protects 15% of Its Land, but Crucial Biodiversity Zones Left Out

[3] IUCN, 04.09.2016: Four out of six great apes one step away from extinction – IUCN Red List

[4] IPBES, 2016: Pollinators, pollination and food production (PDF)

[5] Climate Home, 30.11.2016: Worst-recorded coral bleaching event to continue into 2017

[6] Guardian, 15.06.2016: Could we set aside half the Earth for nature?

Das Klima kann nicht länger warten

Kampf gegen Klimawandel entscheidet sich in den nächsten fünf Jahren

Im vergangenen Jahr wurden Erfolge beim Klimaschutz erzielt. Doch bislang stagnieren die Emissionen nur. Dabei müssen sie sofort und schnell sinken. Nur weiss das kaum jemand.

Noch fünf Jahre. Dann hat die Menschheit ihr Treibhausgas-Budget aufgebraucht, wenn sie die Klimaerwärmung mit einer zwei Drittel Chance unter 1,5 Grad halten will. Um den Klimawandel bei zwei Grad zu stoppen, kann die Welt noch 20 Jahre lang soviel emittieren wie dieses Jahr (siehe Grafik). [1] Die Menschheit hat einen historischen Fehler gemacht: Die auf Kohle, Öl und Gas beruhende Energieversorgung ist „strukturell nicht-nachhaltig“ wie der Historiker Rolf Sieferle bemerkte, denn damit wurde ein Monster geweckt: „Das Klima ist ein streitsüchtiges Biest, das beim kleinsten Anlass überreagiert“, warnte der Klimaforscher Wallace Broeker schon im Jahr 1995. [2] Damals war die CO2-Konzentration in der Atmosphäre noch zehn Prozent niedriger als heute. [3]

Die Zeit läuft ab. Wenn die Welt ihre aktuellen Treibhausgas-Emissionen beibehält, reisst die Klimaerwärmung eine Temperaturschwelle nach der anderen. (Grafik: Carbon Brief, Daten: IPCC)

Klima-Countdown. Wenn die Welt ihre aktuellen Treibhausgas-Emissionen beibehält, reisst die Klimaerwärmung eine Temperaturschwelle nach der anderen. (Grafik: Carbon Brief, Daten: IPCC)

CO2 hält sich Jahrhunderte. Soll der Klimawandel gestoppt werden, müssen die Emissionen daher sofort fallen. Die Unternehmensberatung PWC hat ausgerechnet, dass die ‚CO2-Intensität’ der Weltwirtschaft jedes Jahr um 6,5 Prozent sinken muss, damit die Zwei-Grad-Schwelle nicht gerissen wird. [4] Derzeit produziert die EU 180 Gramm CO2 pro Dollar Bruttoinlandsprodukt, die USA 301 Gramm und China 475 Gramm (siehe Tabelle). Diese Werte müssen sinken, doch davon ist die Welt noch weit entfernt: Letztes Jahr ist die CO2-Intensität global um 2,8 Prozent gesunken, was wegen des Wachstums von 3,1 Prozent für eine Stabilisierung der Emissionen gesorgt hat. Für PWC ist das ein „positives Resultat“. Denn die 2,8 Prozent sind ein Rekordwert. Im Schnitt der letzten 15 Jahre verbesserte sich die CO2-Intensität nur um 1,3 Prozent pro Jahr. Den grössten Fortschritt hat letztes Jahr China gemacht. Dort sank die CO2-Intensität um 6,4 Prozent während die USA auf eine Verbesserung von 4,7 Prozent kommen. Abgeschlagen rangiert die EU: Dort wurde eine Verbesserung um 0,7 Prozent erzielt.

Verbesserung der CO2-Intensität ausgewählter Länder

LandVerŠänderung der CO2-IntensitŠätWirtschafts-wachstumEmissions-wachstumCO2-IntensitŠät in Gramm CO2 pro BIP-Dollar
EU-0.70%1.90%1.20%180
Deutschland-1.10%1.70%0.50%195
China-6.40%6.90%0.40%475
USA-4.70%2.40%-2.40%301
Welt-2.80%3.10%0.20%295
Gramm pro Dollar. Für einen Dollar Wirtschaftsleistung werden in der EU 180 Gramm CO2 emittiert. Global gesehen ist das ein guter Wert! (Daten: PWC)

Mit einer baldigen Beschleunigung beim Klimaschutz ist nicht zu rechnen, ausser die Länder verschärfen ihre Klimapläne deutlich: Mit den jetzigen Plänen verbessert sich die CO2-Intensität nur um 2,8 Prozent pro Jahr – statt um die erforderlich 6,5 Prozent. Trotzdem war die internationale Klimapolitik in den vergangenen zwölf Monaten erfolgreich. Das Paris-Abkommen verpflichtet zum ersten Mal alle Länder der Welt zur Begrenzung ihrer Emissionen und nicht nur die Industriestaaten. Ausserdem ist es bereits in Kraft und bleibt es auch, selbst wenn der künftige US-Präsident Donald Trump aus der UN-Klimakonvention austritt. Weiter haben die Länder vereinbart, die Emissionen aus der Luftfahrt auf dem Niveau von 2020 zu deckeln. Die Schifffahrt ist noch nicht ganz so weit, aber auch dort werden Klimaschutzmassnahmen auf globaler Ebene kommen. Den grössten Klimanutzen bringt schliesslich eine Einigung im Rahmen des Montreal-Protokolls zum Schutz der Ozonschicht: Dort wurde vereinbart, eine Klasse von Super-Treibhausgasen, die FKWs, weitgehend abzuschaffen.

Für gute Nachrichten sorgt auch die Wirtschaft: Die Kosten für klimafreundliche Technologien wie Windräder, Solarpaneele, Batterien oder Energiesparlampen sinken seit Jahren rapide und werden weiter fallen. In vielen Ländern ist Strom aus Sonne und Wind billiger als aus Kohlemeilern. Immer mehr Firmen verpflichten sich zudem zu einer Reduktion ihrer Emissionen: Bis dato wollen sich 200 Konzerne wie Daimler, Swisscom oder Walmart „wissenschaftsbasierte Klimaziele“ setzen, was eine Reduktion ihrer Emissionen um mindestens 80 Prozent bis zum Jahr 2050 bedeutet. [5] Auch viele Städte und Provinzen verpflichten sich auf dieses Ziel. Deren ‚Unter Zwei Grad’ Koalition hat 165 Mitglieder auf allen Kontinenten, die über eine Milliarde Menschen und mehr als ein Drittel des Welt-BIPs repräsentieren. Mitglied sind etwa Kalifornien und New York, mehrere deutsche Bundesländer, die beiden Basler Halbkantone und Metropolen wie Sao Paulo (Brasilien) oder Mexiko-Stadt. [6]

Weckruf. Die Menschheit hat nur noch fünf Jahre, um die Klimaerwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. (Foto: Pixabay)

Weckruf. Die Menschheit hat nur noch fünf Jahre, um die Klimaerwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. (Foto: Pixabay)

Der Klimaschutz hat also Fortschritte gemacht. Das Problem aber bleibt: Die CO2-Intensität der Weltwirtschaft muss mehr als doppelt so schnell sinken wie letztes Jahr und das ohne Unterbruch über Jahrzehnte. Den wenigsten Menschen ist aber bewusst, wie dringlich die Klimakrise mittlerweile ist, sagt Wendel Trio, der Direktor von CAN Europa, einem Netzwerk von Hilfs- und Umweltorganisationen: Nur einem „sehr kleinen Teil der Bevölkerung“ sei dies bekannt. Trio empfiehlt daher den Regierungen, „radikale Vorschläge zu lancieren, die konkret genug sind, damit sich die Menschen vorstellen können“, was diese bedeuten. Das Ziel, „die Nutzung fossiler Energien in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts auslaufen zu lassen“, sei „zu abstrakt“. „Aber die Diskussionen in Norwegen, Deutschland und Belgien, den Verkauf von Autos mit Verbrennungsmotoren ab dem Jahr 2025 oder 2030 zu verbieten, sind sehr nützlich, weil sie die Menschen wach rütteln.“ Letztlich ist es also ein Rennen, wer zuerst aufwacht: Die Menschen oder das „streitsüchtige Biest“. mic

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 [1] Carbon Brief, 19.05.2016: Analysis: Only five years left before 1.5C carbon budget is blown

[2] Weltinnenpolitik, 07.08.2009: Wenn 100 ppm die Welt bedeuten

[3] Vergleiche den Wert im Dezember 1995 auf: Scripps Institution of Oceanography, Stand 01.12.2016: Monthly Mauna Loa CO2 concentrations

[4] PWC, November 2016: The Low Carbon Economy Index 2016

[5] We Mean Business Coalition, Stand 01.12.2016: Adopt a science-based emissions target

[6] Under 2° Coalition, Stand 01.12.2016: Under2 Coalition

Paris-Abkommen zwingt Länder, für Null Emissionen zu planen

Einige Entwicklungsländer kommen Deutschland mit Kohleausstiegsplan zuvor

Um die Klimaerwärmung bei 1,5 oder zwei Grad zu stoppen, müssen die Emissionen im Stromsektor schnell auf Null sinken. Dies hat nun eine Gruppe von Entwicklungsländern angekündigt. Doch die Umsetzung ist nicht überall einfach.

47 Entwicklungsländer wollen in den nächsten drei Jahrzehnten ihre Energieversorgung auf 100 Prozent erneuerbare Energien umstellen. [1] Mit dieser Ankündigung sicherten sie sich die Schlagzeilen am letzten Tag der Klimakonferenz in Marrakesch (siehe Artikel unten). Die 47 Länder sind besonders verletzlich gegenüber den Folgen des Klimawandels und haben sich daher im ‚Climate Vulnerable Forum’ (CVF) zusammengeschlossen. „Unsere Länder liegen an der Klima-Front und wir werden die Auswirkungen des Klimawandels überproportional zu spüren bekommen“, schreibt das CVF. [2]

Klare Botschaft. Nicht nur in Europa sondern auch auf den Philippinen macht die Zivilgesellschaft gegen Kohlestrom mobil. (Foto: Break Free / Flickr)

Klare Botschaft. Nicht nur in Europa sondern auch auf den Philippinen macht die Zivilgesellschaft gegen Kohlestrom mobil. (Foto: Break Free / Flickr)

Nun wollen sie auch etwas gegen den Klimawandel unternehmen und stahlen damit Deutschland, den USA, Mexiko und Kanada die Show. Diese vier Staaten hatten in Marrakesch einen Klimaplan für das Jahr 2050 vorgelegt und dafür viel Lob bekommen. Einen Kohleausstieg sucht man darin allerdings vergebens. Auf die Frage, ob die VCF-Staaten Deutschland überholt hätten, antwortete Bundesumweltministerin Barbara Hendricks: „Es ist doch so, dass die meisten dieser Länder gar keine Kohlekraftwerke haben! Sie steigen nicht aus der Kohle aus, sie steigen nur nicht ein.“ [3]

Doch dies trifft nicht auf alle der 47 Länder zu. Sechs davon haben derzeit Kohlemeiler mit einer Kapazität von 25 Gigawatt (GW) am Netz (siehe Tabelle). Das entspricht 25 grossen Kohlekraftwerken. Im Bau befinden sich weitere 23 GW und in Planung sind sogar 80 GW. Würden alle diese Kraftwerke tatsächlich gebaut, hätten schliesslich 14 der 47 Länder Kohlekraftwerke, also rund ein Viertel. Die Ankündigung der VCF-Staaten ist daher durchaus bedeutsam: Wenn die Länder ihrer Ankündigung Taten folgen lassen, müssen sie in den nächsten beiden Jahren Pläne vorlegen, wann die bestehenden Kohlemeiler abgeschaltet werden und wie sie ohne die geplanten Meiler auskommen.

Kohlekraft in CVF Ländern (in GW Kapazität)

LandGeplant in GWIm Bau in GWAm Netz in GWTotal in GW    
Vietnam31161359
Philippinen104620
Bangladesch130013
Mongolei121113
Marokko0134
Kambodscha4004
Sri Lanka3014
Kolumbien1012
Ghana2002
Tansania1001
Dominikanische Republik0101
Kenia1001
Malawi1001
Senegal1001
Total802325128
Quelle: endcoal.org (Stand Juli 2016) [4]

 

Eine besondere Herausforderung wird dies für Vietnam und die Philippinen während Bangladesch und die Mongolei nur auf ihre geplanten Meiler verzichten müssen. Vietnam ist unter den VCF-Staaten der Spitzenreiter bei der Kohleverstromung mit einer Kapazität von 13 GW – rund einem Viertel der deutschen. In Bau und Planung sind aber noch viel mehr: insgesamt 47 GW. Der Chef der Weltbank Jim Yong Kim warnte denn auch in deutlichen Worten, was dies für die Welt bedeutet: „Wenn Vietnam mit (dem Neubau von) mehr als 40 GW Kohle weitermacht, wenn die ganze Region ihre Pläne umsetzt … Das wäre ein Desaster für uns und unseren Planeten.“ [5]

Noch scheint Vietnam aber hin- und hergerissen bei seiner Energiepolitik: Im Januar 2016 hatte der damalige vietnamesische Ministerpräsident Nguyen Tan Dung eigentlich angekündigt, er würde „jedes neue Kohlestromprojekt stoppen“. [6] Doch im Mai musste Dung zurücktreten und sein Nachfolger bestätigte den weiteren Ausbau der Kohle – nur um im Rahmen des CVF erneut den Ausstieg anzukündigen. Ein Grund dafür könnten die Kohleimporte und -exporte sein. Vietnam war stets ein Kohleexporteur. Doch dieses Jahr muss das Land zum ersten Mal Kohle importieren. [7] Für eine weitere Volte in der Kohlepolitik könnte nun die Atompolitik sorgen. Diese Woche hat das vietnamesische Parlament beschlossen, auf den Bau der ersten beiden Atomkraftwerke zu verzichten. „Atomstrom ist nun weniger wettbewerbsfähig als Strom aus anderen Quellen“, sagte Duong Quang Tanh, der Chef des nationalen Stromkonzers. [8] Insbesondere Kohle sei günstiger als zur Zeit der Planung für die Atommeiler.

Ebenso unklar ist die Situation in den Philippinen. „Warum sollte ich mehr Kohlekraft bewilligen?“, fragte Umweltministerin Gina Lopez im Juli dieses Jahres. „Warum sollten wir uns auf eine Energie festlegen, die keine Zukunft hat?“ [9] Der Energieminister sieht dies allerdings anders: „Die Zeichen der Zeit sagen uns, dass Kohle bleiben wird“, sagte Alfonso Cusi letzte Woche und erklärt das Problem: „Wir sehen uns einem `Energie-Trilemma` gegenüber: Wir haben die schwierige Aufgabe, ein Balance zu finden zwischen Versorgungssicherheit, ökologischer Nachhaltigkeit und ökonomischer Wettbewerbsfähigkeit.“ [10] Trotz der CVF Ankündigung scheint also auch in den Philippinen das letzte Wort über die zukünftige Energiepolitik noch nicht gesprochen.

Damit die 47 CVF-Länder ihren Plan einer Stromversorgung aus Erneuerbaren umsetzen, kann Deutschland helfen. In Marrakesch hat Hendricks zusammen mit Marokko eine neue Initiative aus der Taufe gehoben: die NDC-Partnerschaft. [11] NDCs sind die nationalen Klimapläne der Länder, und Deutschland will hier Entwicklungsländern helfen, möglichst klimafreundliche Pläne zu entwickeln. Hilfreich wäre dabei sicher, wenn Deutschland dabei bereits auf eigene Erfahrung mit dem Kohleausstieg zurückgreifen könnte. Doch die deutsche Regierung wähnt sich offenbar vor einem Kohle-Dilemma. Einerseits ist klar, dass der Ausstieg kommt. Andererseits sind nächstes Jahr Bundestagswahlen. So hat jeder seinen eigenen Zielkonflikt beim Klimaschutz. mic

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[1] CVF, 18.11.2016: Climate Vulnerable Forum Commits to Stronger Climate Action at COP22

[2] CVF, Stand 24.11.2016: CVF Participating Countries

[3] klimaretter.info, 21.11.2016: „Kohleausstieg steht im Klimaschutzplan“

[4] endcoal.org, Juli 2016: Proposed coal plants by country (MW) – July 2016 (PDF)

[5] Guardian, 05.05.2016: Plans for coal-fired power in Asia are ‚disaster for planet‘ warns World Bank

[6] Energy Transition, 23.06.2016: Vietnam needs a 21st Century electricity plan

[7] VNexpress, 21.09.2016: Vietnam, hungry for electricity, turns into net coal importer

[8] WSJ, 10.11.2016: Vietnam Scraps Plans for Its First Nuclear-Power Plants

[9] Bloomberg, 11.07.2016: It Just Got Harder to Build Coal Plants in The Philippines

[10] Inquirer, 17.11.2016: Coal here to stay, says DOE chief

[11] klimaretter.info, 15.12.2016: „Wir brauchen Hunderte Ouarzazates“

Marrakesch Konferenz endet mit Paukenschlag

Vom Klimawandel besonders betroffene Staaten erhöhen Druck auf alle anderen Länder

Die Klimakonferenz in Marrakesch endete mit einem deutlichen Signal: 47 besonders durch die Klimaerwärmung bedrohte Länder kündigten an, ihre Energieversorgung auf 100 Prozent Erneuerbare umstellen zu wollen.

Die internationale Klimapolitik ist in einer neuen Epoche angekommen. Die alte Zweiteilung der Welt in Industrie- und Entwicklungsländer ist weitgehend Geschichte. Bei der am Freitag in Marrakesch zu Ende gegangene Klimakonferenz beharrten nur noch wenige Entwicklungsländer auf dieser Unterscheidung. Das ist die Folge des Paris-Abkommens, dass alle Länder der Welt zur Begrenzung ihrer Emissionen verpflichtet. Einen Durchbruch erlebte auch das 1,5-Grad-Ziel. Den meisten Teilnehmern der Klimakonferenz ist mittlerweile klar, dass eine Klimaerwärmung um zwei Grade ein unkalkulierbares Risiko darstellt.

Weltgemeinschaft. Noch ist das Sternenbanner auch dabei. Ob das bei der nächsten Klimakonferenz in Bonn noch so sein wird, ist ungewiss. Der 'Rest der Welt' hat aber bereits klar gemacht, dass er zur Not das Klima auch ohne die USA retten wird. (Foto: IISD)

Weltgemeinschaft. Noch ist das Sternenbanner auch dabei. Ob das bei der nächsten Klimakonferenz in Bonn noch so sein wird, ist ungewiss. Der ‚Rest der Welt‘ hat aber bereits klar gemacht, dass er zur Not das Klima auch ohne die USA retten wird. (Foto: IISD)

Besondere Beachtung erhielten die 2050 Klimapläne einiger Industriestaaten: Als erstes Land legte Deutschland einen derartigen Plan vor. Dann folgten die USA, Mexiko und Kanada. Ziel dieser Pläne ist es, Investitionssicherheit zu schaffen. Sie zeigen, dass die Treibhausgasemissionen langfristig auf Null sinken werden. Doch am letzten Tag der Konferenz demonstrierte eine Allianz (CVF) aus 47 besonders Klima-gefährdeten Staaten, wie ehrgeiziger Klimaschutz geht. Diese Länder wollen ihre nationalen Klimapläne überarbeiten und auf 100 Prozent erneuerbare Energien ausrichten. Viele dieser Länder sind klein und haben keine Kohlekraftwerke. Doch für einige Mitglieder der Allianz bedeutet die Ankündigung eine fundamentale Änderung ihrer Energiepolitik. Dies gilt etwa für Äthiopien, Bangladesch, Kenia, Marokko, Tansania und Vietnam. Dort schliesst die Ankündigung den Neubau von Kohlekraftwerken de facto aus. EU-Klimakommissar Miguel Arias Canete kommentierte die Ankündigung: „Die heutigen Selbstverpflichtungen des CVF sind beeindruckend und inspirierend. Diese Länder haben erneut ihre moralische Führungsrolle in diesem Prozess demonstriert.“

Auch beim Thema Geld erfolgten die Diskussionen in Marrakesch aus einer neuen Perspektive. Noch in Paris ging es hier primär um die ‘100-Milliarden-Dollar-Frage’ – das Versprechen der Industriestaaten ab dem Jahr 2020 jährlich 100 Milliarden Dollar zu „mobilisieren“, um den Entwicklungsländern beim Klimaschutz und der Anpassung an den Klimawandel zu helfen. Nun haben die Industriestaaten einen ‘Fahrplan’ vorgelegt, der zeigt, wie sie dieses Ziel erreichen wollen. Damit haben sie die Diskussion dieser Frage weitgehend beendet und die wirklich entscheidende Frage rückt in den Vordergrund: Wie lassen sich jährlich 6000 Milliarden Dollar für klimafreundliche Infrastruktur mobilisieren? Hier geht es nicht mehr darum, ob Staaten dieses Geld aufbringen. Das ist unmöglich. Einzig die Finanz- und Kapitalmärkte verfügen über derartige Summen. In Marrakesch drehten sich die Finanzdiskussionen folglich um die Frage: Wie lassen sich die globalen Finanzströme so umlenken, dass die Märkte ihren Beitrag zum Kampf gegen den Klimawandel leisten?

Eine neue Sicht auf die Klimapolitik machte schliesslich auch der Wahlsieg von Donald Trump in den USA erforderlich. In den letzten Jahren hatte sich die Welt daran gewöhnt, dass die USA zusammen mit China den Kampf gegen den Klimawandel voranbringen. Doch nun drohen die USA auszufallen und es ist unklar, wer an ihre Stelle tritt. Spontan denken hier viele an die EU. Doch der chinesische Vize-Aussenminister Liu Zhenmin erinnert an deren Schwäche: „Die EU muss sich erst mal untereinander einig werden.“ Und auch der deutsche Umwelt-Staatssekretär Jochen Flassbarth erwartet nicht, dass die EU die USA in einer G2 Konstellation mit China ersetzt: „Es wird mehrere Pole geben.“ Unbeeindruckt von Trumps Wahlsieg bekräftigten die Länder in der (unverbindlichen) ‘Marrakesch Proklamation’, dass sie am eingeschlagenen Weg festhalten werden: Unser „Momentum ist unumkehrbar.“

Neu war in Marrakesch schliesslich die Aufmersamkeit, die nicht-staatliche Akteure wie Bundesstaaten, Städte und Firmen genossen. Diese veranstalteten ein wahres Feuerwerk an Ankündigungen, wie sie den Klimaschutz voranbringen wollen – doch erst die nächsten Jahre werden zeigen, ob diese auch wirklich umgesetzt werden. Für eine Premiere in der Geschichte der UN-Klimakonvention sorgte schliesslich die Wahl der nächsten Konferenzpräsidentschaft: Fidschi. Der kleine Inselstaat wird die nächste Konferenz zwar präsidieren aber nicht ausrichten. Zum Zug kommt hier Bonn, der Sitz des UN-Klimasekretariats. mic

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