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“Die Lage ist dramatisch, und das wollen wir zeigen”

Nick Reimer hat für klimafakten.de ein Interview mit mir über showyourbudgets.org gemacht.

 

Ölmultis in Europa und den USA leben in verschiedenen Welten

Europas Ölmultis wollen schrumpfen und Amerikas wachsen

Um einen Großkonzern zu führen, muss man eine Vorstellung von der Zukunft haben. Oft ist diese bei Konkurrenten in einer Branche ähnlich. Im Ölmarkt klafft diese mittlerweile aber stark auseinander.

Die globalen CO2-Emissionen könnten letztes Jahr ihren Hochpunkt überschritten haben und nun auf hohem Niveau verharren. Das zeigt der diesjährige „Weltenergieausblick“ (WEO 2020) der Internationalen Energieagentur IEA. [1] Nach der Ankündigung Chinas spätestens im Jahr 2060 CO2-neutral zu wirtschaften, ist dieses Szenario sogar noch wahrscheinlicher geworden. Das Gleiche gilt für den Ölverbrauch. Dieser könnte ab nun sinken, weil immer mehr Elektroautos gekauft werden und wohl auch die Zahl der Geschäftsreisen nie wieder das Niveau des Jahres 2019 erreichen wird. Zudem wird auch die Arbeit aus dem Homeoffice mit jedem Tag ohne Impfstoff gegen das Coronavirus normaler. Hinzu kommen die Anstrengungen der Industrie. Mittlerweile haben sich über 1000 Großkonzerne im Rahmen der SBT-Initiative „wissenschaftsbasierte Klimaziele“ gesetzt. Damit sei eine „neue Normalität“ in vielen Branchen erreicht, schreibt die SBT-Initiative. [2]

For sale? Wer weniger Öl produziert, braucht auch weniger Raffinerien. (Foto: BP)

Europas Ölmultis ist dies nicht entgangen. Diese setzen sich zunehmend das Ziel, ihre Emissionen bis zum Jahr 2050 auf null zu reduzieren – inklusive der Emissionen aus der Verbrennung ihrer Produkte. Den detailliertesten Plan hat derzeit der britische Ölkonzern British Petroleum (BP). Dieser hat auch ein Kurzfristziel: Bis zum Jahr 2030 sollen die Emissionen um zwei Fünftel sinken. „BP hat die Spielregeln radikal verändert“ sagt Andrew Grant vom britischen Thinktank Carbon Tracker. [3] Aber auch Repsol (Spanien), Eni (Italien), Total (Frankreich) und Shell (Großbritannien und Niederlande) haben mittlerweile Klimapläne, die noch vor zwei Jahren nahezu unvorstellbar waren. Die große Ausnahme in Europa ist der norwegische Ölkonzern Equinor. Dieser hat nicht nur ein schwaches Klimaziel sondern geht auch von einem ungewöhnlich hohen Ölpreis für die Periode 2020 bis 2030 aus (siehe Tabelle). Während die meisten europäischen Konkurrenten mit 60 Dollar pro Fass (159 Liter) rechnen, erwartet Equinor im Schnitt 82 Dollar, ein Drittel mehr. (Zum Vergleich: Im Moment kostet ein Fass der Nordseesorte Brent 43 Dollar.)

Spitzenreiter? Selbst bei Eni sind 40 bis 50 Prozent des Portfolios nicht mit einer Begrenzung der Klimaerwärmung auf “deutlich unter zwei Grad” zu vereinbaren. (Tabelle: Carbon Tracker)

Die Ölkonzerne in den USA leben hingegen in einer ganz anderen Welt als ihre europäische Konkurrenz. Chevron, Conoco Phillips und Exxon Mobile erwarten eine weiter steigende Ölnachfrage. Dies geht aus einer aktuellen Carbon-Tracker-Studie hervor. [4] Die US-Ölkonzerne publizieren zudem nicht, von welchem Ölpreis sie in Zukunft ausgehen. Daher investieren sie in Projekte, die nicht mit der Begrenzung der Klimaerwärmung auf 1.6 Grad zu vereinbaren sind. Bei Exxon liegt dieser Anteil bei 80 bis 90 Prozent des ganzen Portfolios an Förderanlagen. Dass mit diesem Geschäftsmodell etwas nicht stimmt, müsste gerade Exxon aber eigentlich klar sein. Die Firma war noch im Jahr 2011 der wertvollste Konzern der Welt. Vor zwei Monaten flog Exxon dann aber nach über hundert Jahren aus dem Aktienindex Dow Jones.

Wie gefährlich das Festhalten an Wachstumszielen ist, zeigt auch ein Blick auf eine verwandte Branche – der Abbau von Kohle für Kohlemeiler. Dort hat längst ein Schwarzer-Peter-Spiel begonnen, wo kein Konzern der letzte sein will, der noch Kohleminen besitzt. Noch rechtzeitig hat der britisch-australische Rohstoffkonzern Rio Tinto den Absprung geschafft. Dieser verkaufte seine letzten Kohleminen vor zwei Jahren für über vier Milliarden US-Dollar. [5] Jetzt sieht die Lage bereits anders aus. Der ebenfalls britisch-australische Minenbetreiber BHP würde gerne seine Mount Arthur Mine in Australien abstoßen. Doch es findet sich kein Käufer, der bereit ist, einen angemessenen Preis dafür zu bezahlen. „Wer kauft noch eine riesige Kohlemine zu dieser Zeit?“, fragt Tim Buckley australischen Thinktank IEEFA. [6] „Wird ein anderer Minenkonzern kommen? Ich bezweifle es.“ mic

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[1] iea, Oktober 2020: World Energy Outlook 2020

[2] SBTi, 08.10.2020: The new normal: 1,000 companies are now setting science-based climate targets

[3] InsideClimateNews, 04.08.2020: BP Pledges to Cut Oil and Gas Production 40 Percent by 2030, but Some Questions Remain

[4] Carbon Tracker, 09.10.2020: Fault Lines: How diverging oil and gas company strategies link to stranded asset risk

[5] Mining, 27.03.2018: Rio Tinto fully out of coal sector with $2.25bn Kestrel mine sale

[6] Mining, 20.07.2020: Stuck with coal pits the world needs, but few want

Indus-Kultur fiel Klimaveränderung zum Opfer

Die dritte, große Kultur der Bronzezeit entstand mit dem Monsun und ging mit dem Monsun

Wenn eine Kultur nicht wegen einer Invasion oder einer Naturkatastrophe untergeht, sondern einfach im Nebel der Geschichte verschwindet, ist es schwierig die Gründe dafür zu benennen. Bei der Indus-Kultur verdichten sich jedoch die Hinweise, dass das damalige Klima schuld ist.

Tropfsteine sind Stein gewordene Zeit. Sie wachsen rund einen Zentimeter in hundert Jahren. Jedes Jahr lagert sich also eine 0,1 Millimeter dicke Kalkschicht an. Die genaue Zusammensetzung dieser Schichten lässt Rückschlüsse auf das Wetter zur Zeit ihrer Entstehung zu. Letztlich ist ein Tropfstein also ein Archiv mit Jahrtausend alten Wetterdaten. Doch diese für die Klimawissenschaften zu nutzen ist schwierig, weil es sich „um kurze Zeitreihen mit Unsicherheiten und Störungen handelt“ sagt Nishant Malik, von der US-Universität Rochester. [1] Um dieses Problem zu lösen benutzt er eine Kombination von drei mathematische Techniken, um die Daten zu glätten. Diese Methode hat er dann auf Proben aus einer Tropfsteinhöhle in Nordindien angewandt und das Ergebnis in der Zeitschrift „Chaos: An Interdisciplinary Journal of Nonlinear Science“ veröffentlicht („Chaos: eine interdisziplinäre Zeitschrift für nicht-lineare Wissenschaft). [2]

Mohenjo-Daro. Im Indus-Tal mangelt es an Steinen, daher hat die Indus-Kultur mit Ziegelsteinen gebaut. (Foto: Usman Ghani / Wikipedia)

Malik ist es so gelungen das Klima Nordindiens in den letzten 5700 Jahren zu rekonstruieren. In diese Zeit fällt der Aufstieg und Niedergang der Indus-Kultur. Neben Mesopotamien und Ägypten ist dies die dritte Hochkultur der Bronzezeit. Die Indus-Kultur entstand um das Jahr 3300 v. Chr. und verschwand um das Jahr 1300 v. Chr. In dieser Zeit erstreckte sie sich über fast die ganze Fläche des heutigen Pakistans sowie über Teile Nordindiens und Afghanistans – knapp die vierfache Fläche Deutschlands. In diesem Gebiet wurden mittlerweile über 140 Städte und Siedlungen gefunden. Die beiden größten, Harappa und Mohenjo-Daro liegen am Indus, Pakistans wichtigstem Fluss. Die Indus-Kultur zeichnet sich durch ihre hochentwickelte Stadtplanung aus. Die Straßen folgten einem Gittermuster und waren asphaltiert. Die Häuser hatten Toiletten, die an ein Kanalisationssystem angeschlossen waren. Im Gegensatz zu Mesopotamien und Ägypten gab es aber keine Monumentalbauten.

Schwund. Von dem riesigen Siedlungsgebiet mit vielen Städten und Siedlungen, blieben nur ein paar Käffer am Fuß des Himalayas übrig. (Karte: Nishant Malik [1])

Warum die Indus-Kultur verschwand war bislang umstritten. Es gab drei Theorien: Eine Invasion von „Indo-Ariern“, Erdbeben und klimatische Veränderungen. Malik konnte nun zeigen, dass das Schicksal der Indus-Kultur zeitlich mit Veränderungen des Monsuns in Nordindien zusammen fällt. Um 3300 v. Chr. nahm die Menge an Niederschlägen deutlich zu, als die Indus-Kultur entstand. Und um 1500 v. Chr. wurde der Monsun dann wieder deutlich schwächer, also zur Zeit, als „die meisten Städte der Indus-Kultur aufgegeben wurden“. Der Grund für den Niedergang dürfte ein Rückgang der Produktivität in der Landwirtschaft gewesen sein. Eine Gesellschaft muss sich Stadtbewohner leisten können. Harrapa und Mohenjo-Daro hatten 30 bis 40 Tausend Einwohner. Um diese zu ernähren, müssen die Bauern im Umland hochproduktiv sein. Sind sie dies nicht, bleibt den Städtern nichts anderes übrig, als ebenfalls aufs Land zu ziehen und dort ihre eigenen Lebensmittel anzubauen. Die arbeitsteilige Hochkultur verschwindet.

Hipster. Die als “Priesterkönig” gedeutete Figur aus Mohenjo-Daro zeichnet sich durch ihren gepflegten Bart aus. (Foto: Mamoon Mengal / Wikipedia)

Hinzu kommt, dass das wichtigste Exportprodukt der Indus-Kultur wohl Textilien aus Baumwolle waren. Diese wurden bunt gefärbt und erfreuten sich unter bronzezeitlichen Modefans großer Beliebtheit. Insbesondere mit den Sumerern im südlichen Mesopotamien, im heutigen Irak, wurde reger Handel getrieben. Sumerische Quellen enthalten auch den einzigen Hinweis, darauf wie die Indus-Kultur zu ihrer Zeit geheißen haben könnte: Meluha. Für den Fernhandel unterhielt die Indus-Kultur ein weitläufiges Netz von Handelsniederlassungen von Shurtugai im Norden Afghanistans bis Ras al-Dschinz im heutigen Oman. Waren wurden sowohl über Land als auch über das Meer transportiert. Bei Lothal im indischen Bundesstaat Gujarat wurde sogar ein künstliches Hafenbecken entdeckt, das wohl älteste der Welt. Trotz all dieser Errungenschaften hatte die Indus-Kultur möglicherweise keine Schrift und wenn doch, dann kann man diese nicht entziffern. Daher sind Aufstieg und Niedergang von „Meluha“ bislang nur in Tropfsteinen dokumentiert. mic

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[1] RIT, 02.09.2020: New mathematical method shows how climate change led to the fall of an ancient civilization

[2] Chaos, 03.08.2020: Uncovering transitions in paleoclimate time series and the climate driven demise of an ancient civilization

Das kuriose Schicksal des Doha Amendments

Klimaabkommen wird nur einen Tag gelten und trotzdem übererfüllt

Mit einem Tag Verspätung und nach einer durchverhandelten Nacht wurde im Jahr 2012 das Doha Amendment verabschiedet. Doch anschließend ließen sich die Länder Zeit – so viel Zeit, dass sie fast versäumten es zu ratifizieren, bevor es ausläuft.

Am 31. Dezember wird ein internationales Klimaabkommen in Kraft treten und dann für genau einen Tag gelten. Die Rede ist vom Doha Amendment, das bei der UN-Klimakonferenz im Jahr 2012 in der Hauptstadt von Katar verabschiedet wurde. Dieses ergänzt das Kyoto Protokoll, indem es eine zweite „Verpflichtungsperiode“ etabliert, die von 2013 bis 2020 gilt. Mit dem Amendment verpflichten sich 37 Staaten ihre Emissionen in diesen acht Jahren um 18 Prozent gegenüber dem Jahr 1990 zu senken. Diese Länder, darunter alle EU-Staaten und die Schweiz, haben dieses Ziel allerdings übererfüllt und ihre Emissionen um mehr als ein Viertel gesenkt. [1] Dass das Amendment noch in Kraft tritt ist Nigeria zu verdanken. Das Land hat das Abkommen am 2. Oktober als 144. Staat ratifiziert und dieses tritt somit 90 Tage später in Kraft. Patricia Espinosa, die Chefin des UN-Klimasekretariats freute sich, dass dies in den letzten Stunden noch gelang. Das In-Kraft-Treten sei „ein starkes Signal für ein vereintes, multilaterales Engagement“ gegen die Klimakrise. [1]

Grosszügig. Für die Klimakonferenz hat Katar extra ein gigantisches Konferenzzentrum gebaut. (Foto: CIG Architecture)

Das Kyoto Protokoll und das Doha Amendment haben eine fundamental verschiedene Architektur als das Pariser Klimaabkommen. Beim Kyoto-Ansatz sind nur Industriestaaten zur Reduktion ihrer Emissionen verpflichtet. Außerdem wird „Top Down“ festgelegt, wie hoch die Emissionen dieser Länder noch sein dürfen. Beim Paris-Ansatz hingegen, sind alle Länder dazu verpflichtet ihre Emissionen zu begrenzen und langfristig auf netto-null zu reduzieren. Wieviel ein Land in den nächsten fünf Jahren machen will, entscheidet es allerdings selbst. Paris folgt damit einem „Bottom Up“ oder Klingelbeutelmodell, wo jeder gibt, was er will und am Schluss wird geschaut, ob das reicht.

Der Top-Down-Ansatz mag auf den ersten Blick zielführender wirken. Die Erfahrung hat aber gezeigt, dass er nicht funktioniert. Die USA haben das Kyoto Protokoll nie ratifiziert und Kanada ist ausgetreten. Außerdem sind Japan, Neuseeland und Russland nicht durch das Doha Amendment gebunden. Damit deckt dieses nur noch 13 Prozent der globalen Emissionen ab. Das ist weniger als die US-Emissionen und noch nicht mal die Hälfte von Chinas Emissionen. Für viele Entwicklungsländer hat das Doha Amendment allerdings große symbolische Bedeutung, weil es die Zweiteilung der Welt in Industrie- und Entwicklungsländer festschreibt und letztere von zwingenden Maßnahmen zum Klimaschutz ausnimmt. Daher war es überraschend, dass viele Entwicklungsländer das Amendment nicht oder erst spät ratifiziert haben. Selbst Katar hat sich nicht die Mühe gemacht dem Abkommen, das den Namen seiner Hauptstadt trägt, formell beizutreten.

Das In-Kraft-Treten des Amendments, wenn auch nur für einen Tag, hat allerdings auch ein paar praktische Konsequenzen. Der globale Handel mit Verschmutzungsrechten zwischen Ländern beruht darauf. Diese „AAU-Zertifikate“ können nun buchhalterisch korrekt abgebucht werden. In Zukunft wird allerdings kein Land mehr diese Zertifikate nutzen – mit einer Ausnahme. Australien will seine überschüssigen AAUs einlösen, um damit seine Selbst-Verpflichtung im Rahmen des Paris Abkommens zu erfüllen. Dadurch müsste das Land seine Emissionen weniger stark senken, als zunächst geplant. Ob das legal wäre, ist allerdings umstritten. Eine Gruppe von australischen Rechtsprofessoren schreibt in einem Brief an die Regierung, dafür gebe es „keine Rechtsgrundlage“. [2] mic

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[1] UNFCCC, 02.10.2020: Ratification of Multilateral Climate Agreement Gives Boost to Delivering Agreed Climate Pledges and to Tackling Climate Change

[2] Climate Home, 04.03.2020: Australia’s carbon accounting plan for Paris goals criticised as ‘legally baseless’

China will CO2-Emissionen auf null reduzieren

Xi Jinping macht überraschende Ankündigung an UN-Generalversammlung

Bislang war die EU unter den großen Emittenten allein mit ihrem Ziel, CO2-Neutralität zu erreichen. Das hat sich gestern geändert. Nun ist dies auch das erklärte Ziel Chinas.

Manchmal geht’s ganz schnell. Gestern kündigte Chinas Präsidenten Xi Jinping bei der UN-Generalversammlung an, China wolle seine Klimaziele verschärfen: „Unser Ziel ist es, den Höhepunkt der CO2-Emissionen vor 2030 zu erreichen und CO2-Neutralität vor 2060.“ [1] Das ist das erste Mal, dass China zusagt, die CO2-Emissionen auf null zu reduzieren. Damit kommt Xi einer Aufforderung von Bundeskanzlerin Angela Merkel und EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen nach. Diese hatten letzte Woche genau diesen Schritt in einem Telefonat mit Xi gefordert. Dabei informierten sie Xi auch darüber, dass die EU ihr eigenes Klimaziel deutlich anheben will – von minus 40 Prozent auf minus 55 Prozent im Vergleich zu 1990. Lutz Weischer von der Umweltorganisation Germanwatch führt Xis Ankündigung denn auch auf europäischen Druck und Europas neues Klimaziel für 2030 zurück. „Das ist ein Durchbruch in der internationalen Klimadiplomatie. Hier zeigt sich, dass die EU stark genug ist, andere große Staaten zu mehr Klimaschutz zu bewegen – wenn sie selbst ernsthafte Klimapolitik betreibt. Die Strategie der EU, die eigenen klimapolitischen Hausaufgaben zu machen und zugleich klare Erwartungen an China zu formulieren hat sich heute bewährt.“

Designhorror. Wegen der Coronakrise sprachen die Führer der Welt nicht in New York, sondern zu Hause vor selbstgewählter Tapete. (Screengrab: CGTN)

Das Paris Abkommen sieht vor, dass alle Länder dieses Jahr neue und vor allem ehrgeizigere Klimapläne einreichen. Bislang haben das nur wenige kleine Länder getan. Doch mit der geplanten Anhebung des EU-Ziels und der Ankündigung Chinas ändert sich das nun und zeigt, wie isoliert US Präsident Donald Trump beim Klima ist. Dieser hat angekündigt, im November aus dem Paris Abkommen auszusteigen. Dieser Gegensatz ist auch Li Shuo von der Umweltorganisation Greenpeace China aufgefallen: “Xi Jinpings Klimaschutzzusage auf der UN-Generalversammlung, Minuten nach Trumps Rede, ist ein mutiger und gut kalkulierter Schritt. Xi verlieh damit nicht nur der globalen Klimapolitik die dringend benötigte Dynamik, sondern stellte der Welt auch eine faszinierende geopolitische Frage: Beim globalen Gemeinwohl ist China unabhängig von den USA vorangegangen. Wird Washington folgen?“ Die geopolitische Komponente von Xis Ankündigung betont auch Weischer. Im Hinblick auf die EU-China Beziehung sagte er: „Die Beziehungen zu China sind derzeit sehr schwierig, da Menschenrechte und internationale Vereinbarungen von China eklatant missachtet werden. Doch gerade wenn es – aus guten Gründen – heftige diplomatische Spannungen gibt, ist es wichtig, Anker der Kooperation in Bereichen zu legen, an denen beide Seiten existenzielles Interesse haben.“

Am Ziel vorbei. Mit noch steigenden Emissionen und CO2-Neutralität “vor 2060” verfehlt China die Ziele des Paris Abkommens. (Grafik: showyourbudgets.org)

Sowohl in der EU als auch in China sind allerdings die Details noch unklar, wie die neuen Ziele erreicht werden sollen. In der EU muss geklärt werden, um wieviel jedes Mitgliedsland seine Emissionen senken muss. Außerdem ist auch noch nicht bekannt, wie groß die Emissionssenkungen in den verschiedenen Sektoren sind. Die Emissionen von Kraftwerken und der Zement- und Stahlindustrie werden durch das EU-Emissionshandelssystem reguliert, nicht aber die Emissionen aus dem Verkehr und dem Gebäudesektor. In China wird derzeit ein neuer Fünf-Jahres-Plan für die Jahre 2021 bis 2025 ausgearbeitet. Solange dieser nicht vorliegt, mangelt es auch dort an der nötigen Detailplanung. Li Shuo mahnt daher: „Xis Ankündigung muss mit Details untermauert werden. Um wie viel früher kommt der Höhepunkt von Chinas Emissionen? Wie passen CO2-Neutralität und der fortdauernde Bau von Kohlekraftwerken zusammen? Das sind harte Fragen, die bessere Antworten von Peking erfordern.“ Kurzfristig ist allerdings etwas anderes entscheidend, meint Weischert. Im Hinblick auf die internationale Klimapolitik sagte er: „Jetzt entsteht Dynamik nach oben.“ mic

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[1] Xi Jinping, 22.09.2020: Statement by H.E. Xi Jinping President of the People’s Republic of China At the General Debate of the 75th Session of The United Nations General Assembly

“Deutschland müsste Ende 2026 klimaneutral sein”

Auf klimareporter.de gibt es ein Interview mit mir, in dem es natürlich um showyourbudgets.org geht.

Wann muss Ihr Land klimaneutral sein?

Neue Website zeigt Pfade zur Klimaneutralität basierend auf CO2-Budgets

Der Verfasser hat zusammen mit einem Team eine Website entwickelt, die zeigt, wann ein Land klimaneutral sein muss. Die Berechnungen nutzen die neusten Daten des Weltklimarats IPCC und folgen einem Ansatz, der auch von einem Beratergremium der Bundesregierung genutzt wird.

Der Weltklimarat IPCC zeigt, wie groß das CO2-Budget der Menschheit noch ist, wenn die Erwärmung auf 1,5 oder 1,8 Grad begrenzt werden soll. [1 s. S. 108] Der IPCC sagt allerdings nicht, wie groß die CO2-Budgets einzelner Länder sind. Das ermöglicht es Politikern in Ländern wie Deutschland, Klimaziele zu formulieren, die jedes Budget sprengen würden, wenn alle Länder das Gleiche täten. Dabei lassen sich die globalen IPCC-Budgets durchaus auf einzelne Länder herunterbrechen – gemäß dem Anteil den ein Land an der Weltbevölkerung hat.

2026. Wenn Deutschland sich ans Paris Abkommen hält und “Anstrengungen unternimmt” um die Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, muss es in sechs Jahren klimaneutral sein. (Grafik: showyourbudgets)

Dieser Ansatz wurde zuerst von dem Klimawissenschaftler Stefan Rahmstorf vorgeschlagen und mittlerweile auch vom Sachverständigenrat für Umweltfragen der Bundesregierung übernommen. [2] [3] Seit heute Morgen gibt es zudem eine Website, showyourbudgets.org, die diesen Ansatz für alle Länder der Welt nutzt. Sie zeigt für jedes Land Emissionspfade für vier verschiedene IPCC-Budgets (Begrenzung der Erwärmung auf 1,5 oder 1,8 Grad mit einer Wahrscheinlichkeit von 66 oder 50 Prozent). Die Pfade zeigen wann ein Land klimaneutral sein muss, wenn es am 1. Januar 2020 begonnen hat seine Emissionen linear auf null zu reduzieren. Damit können Öffentlichkeit und Medien einfach prüfen, ob die Klimaziele ihres Landes ausreichend sind.

Die Resultate zeigen, dass dies in den meisten Ländern nicht der Fall ist. Wenn die Erwärmung mit Zwei-Drittel-Wahrscheinlichkeit auf 1,5 Grad begrenzt werden soll, muss die Welt als Ganzes schon im Jahr 2035 klimaneutral sein. Länder deren Pro-Kopf-Emissionen über dem globalen Durchschnitt liegen haben ihr CO2-Budget aber schon schneller aufgebraucht. Für Deutschland ist das im Jahr 2026 der Fall und für die USA sogar schon am Ende von diesem Jahr. Manche Länder haben aber auch mehr Zeit. Weil die Pro-Kopf-Emissionen in Indien sehr niedrig sind, reicht das indische CO2-Budget theoretisch noch bis zum Jahr 2072. Manche Länder haben das anspruchsvollste Budget dafür schon aufgebraucht. Das trifft insbesondere auf Öl- und Gasexporteure wie Saudi Arabien, Australien und Kanada zu.

Die Website wurde ohne finanzielle Unterstützung durch Dritte entwickelt. Daher gilt mein besonderer Dank den Programmierern der Thai-dänischen Softwarefirma blue-visuals.com, den Webdesignern von karo3.de aus Berlin und natürlich Stefan Rahmstorf, unserem wissenschaftlichen Berater.

Weitere Informationen finden Sie auf der FAQ Seite unsere Website, in unserer Pressemitteilung (englisch). Die neusten Nachrichten zu diesem Projekt finden Sie auf Twitter. mic

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[1] IPCC, 2018: Mitigation Pathways Compatible with 1.5°C in the Context of Sustainable Development (PDF)

[2] Stefan Rahmstorf, 06.08.2019: How much CO2 your country can still emit, in three simple steps

[3] SRU, 27.05.2020: Umweltgutachten 2020: Für eine entschlossene Umweltpolitik in Deutschland und Europa

Die Methan-Zeitbombe

US-Öl- und Gasindustrie unterschätzt Kosten für Schließung von Bohrlöchern um Faktor zehn

Wenn Bohrlöcher der Öl- und Gasindustrie nicht versiegelt werden, kann aus ihnen noch jahrelang Methan austreten. Die Branche hat jedoch keinerlei Anreiz, erschöpfte Bohrlöcher zu Verschließen. Zudem unterschätzt sie die Kosten dafür und diese könnten an der Allgemeinheit hängen bleiben.

Nach einer Pause von mehreren Jahren steigen die globalen Methanemissionen wieder deutlich. Mittlerweile liegt die Konzentration des Treibhausgases in der Atmosphäre beim zweieinhalbfachen des Werts vor Beginn der industriellen Revolution. [1] Methan ist damit der zweitwichtigste Treiber der Klimaerwärmung nach CO2. Vor diesem Hintergrund hat US-Präsident Donald Trump letzte Woche Vorschriften für die Öl- und Gasindustrie gelockert. Diese muss nun nicht mehr regelmäßig nach Lecks suchen, aus denen Methan austritt. Dadurch spart die Branche 19 Millionen Dollar pro Jahr. [2] Große Energiekonzerne wie Shell, BP und Exxon Mobile lehnen die Lockerung der Vorschrift ab. Gretchen Watkins, die Shell-Chefin in den USA, sagte dazu: „Die negativen Folgen von Lecks und Emissionen wurden jahrelang allgemein anerkannt. Daher ist es frustrierend und enttäuschend zu sehen, dass die Regierung in eine andere Richtung geht.“ [2] Kleinere Firmen unterstützten hingegen die gelockerten Regeln.

Für die Ewigkeit? Dieses Bohrloch wird derzeit nicht genutzt. Ob es wieder aktiviert oder permanent versiegelt wird ist unbekannt. (Foto: Joshua Doubek / Wikipedia)

Die Methanemissionen der US-Öl- und Gasindustrie dürften aber noch aus einem anderen Grund steigen. Diese hat einen Anreiz erschöpfte Bohrlöcher nicht zu verschließen, sondern diese vorgeblich nur temporär stillzulegen. So kann sie die Kosten für deren Versiegelung für Jahre oder sogar Jahrzehnte in die Zukunft verlagern. Dieser Anreiz besteht, weil die Industrie keine ausreichenden Rückstellungen für die Kosten der endgültigen Stilllegung machen muss. Robert Schuwerk, der US-Chef des Umwelt-Thinktanks Carbon Tracker, kritisiert daher die US-Bundesstaaten: „Indem sie die Firmen nicht dazu gezwungen haben, die Stilllegungskosten vorzufinanzieren, ermuntern sie die Firmen diese Kosten so lange wie möglich aufzuschieben.“ [3]

Zudem unterschätzt die Branche die tatsächlichen Kosten für eine sachgemäße Verfüllung der Bohrlöcher mit Zement wie ein aktueller Bericht von Carbon Tracker zeigt. Allgemein wird mit Kosten von 20.000 bis 40.000 Dollar pro Bohrloch gerechnet. Diese Schätzung beruht aber auf Erfahrungen mit vertikalen Bohrlöchern mit einer Tiefe von weniger als 1500 Metern. Neue Bohrlöcher bei denen mittels Fracking Öl und Gas aus dem Untergrund gepresst wird, sind meist jedoch doppelt so tief. Erfahrungswerte aus Australien zeigen, dass die Kosten für die Versiegelung von Bohrlöchern exponentiell mit deren Tiefe anwachsen. Gemäß Carbon Tracker sollte man daher mit Kosten von 300.000 Dollar pro Bohrloch mit einer Tiefe von 3000 Metern rechnen. [3]

Hinzu kommt, dass bei neuen Bohrlöcher an deren tiefstem Punkt anschließend seitlich noch viele Hundert Meter weit waagrecht in den Fels gebohrt wird. Auch dieser Teil muss mit Zement gefüllt werden. Diese Kosten sind in der Schätzung von Carbon Tracker allerdings noch nicht enthalten. Schuwerk sagt daher: „Die Pandemie und die Energiewende bergen die Gefahr, dass es nun zu einer Welle von Stilllegungen kommt, die die Industrie nicht bezahlen kann.“ [3] In diesem Fall bleiben Kosten dann an den US-Bundesstaaten hängen. Der US-Umweltaktivist Bill McKibben schrieb dazu auf Twitter: „Das ist die extremste Form von ‚Profite privatisieren und Kosten sozialisieren‘.“ [4] Und diese Kosten könnten beachtlich sein: Carbon Tracker geht davon aus, dass es in den USA 3,3 bis 4 Millionen Bohrlöcher gibt, die aktiv, ruhend oder aufgegeben sind. [3]

Das Sozialisieren von Kosten gehört allerdings auch in Europa zum Geschäftsmodell der Branche. Die Umweltorganisation Greenpeace hat letzte Woche zwei Krater im Boden der Nordsee entdeckt, aus denen Methan sprudelt. Die Krater sind die Folge eines unkontrollierten Gasausbruch während einer Bohrung von Mobil North Sea (heute Exxon Mobil) vor 30 Jahren. Die Greenpeace-Meeresbiologin Sandra Schöttner sagte dazu: „Die Bohrplattform ist längst verschwunden, doch hier sprudelt seit Jahrzehnten massiv klimaschädigendes Methan aus dem Meeresboden. Niemand will die Verantwortung übernehmen, das ist ein Skandal.“ [5] mic

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[1] CarbonBrief, 14.07.2020: Scientists concerned by ‘record high’ global methane emissions

[2] npr, 13.08.2020: Trump’s Methane Rollback That Big Oil Doesn’t Want

[3] Carbon Tracker, 18.06.2020: It’s Closing Time: The Huge Bill to Abandon Oilfields Comes Early

[4] Bill McKibben, 18.07.2020: Twitter message

[5] Greenpeace, 18.08.2020: Öl- und Gasindustrie befeuert Klimaerhitzung mit Methan-Lecks in der Nordsee

Das Klima und die Mordrate

Warmes Wetter macht Menschen aggressiv

Es ist zu vermuten, dass die Klimaerwärmung für mehr Unfrieden auf der Welt sorgen wird. Gesichert ist das aber nicht. Das fehlende Bindeglied könnte hier der Botenstoff Serotonin sein. Bei warmem Wetter produziert der Körper weniger davon und Menschen werden aggressiver.

Hitze ist tödlich. Das Robert Koch Institut schätzt, dass im Jahr 2018 allein in Berlin knapp 500 Menschen wegen der damaligen Hitzewelle gestorben sind. [1] Das sind 12 Menschen auf 100.000 Berliner. Insbesondere für sehr alte Menschen kann Hitze lebensgefährlich sein. Ursachen für einen hitzebedingten Tod seien Herzkreislaufstörungen, Nierenversagen, Atemwegserkrankungen und Schlaganfälle. [2] Es gibt allerdings noch eine weitere Todesursache, die bei Hitze gehäuft vorkommt: Mord. Eine Studie aus Südafrika zeigt, dass mit jedem Grad die Mordrate um 1,5 Prozent steigt. [3] Noch schlechter können Finnen mit hohen Temperaturen umgehen. Dort steigt die Mordrate sogar um 1,7 Prozent mit jedem zusätzlichen Grad Celsius. [4]

Serotoninmangel. Nicht alle werden gleich zum Mörder. Manche hupen einfach öfter. (Bild: geralt / needpix)

Hitze macht Menschen aggressiv. Bei Demonstrationen „kommt es öfter zu Gewalt, wenn es wärmer ist“, zeigt etwa eine Studie, die 7000 Demonstrationen in den USA ausgewertet hat. [5] Auch die Zahl der Selbstmorde liegt bei warmem Wetter höher als bei kaltem, wie ein Zwölf-Länder-Vergleich zeigt, der auch asiatische Länder umfasst. [6] Auch für die Mitglieder von Drogenkartellen in Mexiko steigt die Gefahr ihrer Tätigkeit mit der Temperatur. Der „Appetit auf Gewalt“ nehme zu, resümiert eine weitere Studie. [7] Aber auch der einfache Verkehrsteilnehmer sieht sich zusätzlicher Aggressivität ausgesetzt: Es gebe einen „linearen Zusammenhang zwischen Hupen und steigender Temperatur“. [8] Besonders hupfreudig seien Fahrer mit offenem Fenster, zeigt eine Studie aus der US-Großstadt Phoenix in der Sonora-Wüste. Selbst Journalisten sind nicht immun gegenüber Hitze. Bei den olympischen Spielen in Peking im Jahr 2008 wurde die Sprache von US-Journalisten analysiert. Mit steigender Hitze und Luftverschmutzung benutzten diese mehr „negative Wörter“ so eine weitere Studie. [9] „Die Resultate liefern einen Hinweis, dass die Entscheidungen von Journalisten von einer größeren Vielfalt an Faktoren beeinflusst sein könnten, als ursprünglich gedacht.“

Während der Zusammenhang zwischen Temperatur und Aggressivität gut dokumentiert ist, besteht noch Forschungsbedarf hinsichtlich der Ursache für diesen Zusammenhang. Vielen Menschen verdirbt warmes Wetter aber offensichtlich die Laune. „Ein Tag mit Temperaturen über 32 Grad hat einen größeren Effekt auf das Wohlbefinden als geschieden oder verwitwet (im Vergleich zu verheiratet) zu sein“, zeigt ein Artikel aus dem Journal für Glücklichkeitsstudien (Journal of Happiness Studies). [10 s. S. 466] Umgekehrt müsste es uns im Winter am besten gehen: „Niedrige Temperaturen erhöhen die Zufriedenheit und reduzieren Müdigkeit und Stress.“ [10 s. S. 457] Ein Grund dafür könnte der Botenstoff Serotonin sein, wie die Studie über die Aggressivität der Finnen zeigt. Dieser Botenstoff reguliert unter anderem den Blutdruck, die Wahrnehmung, den Schlaf und die Temperaturregulierung des Körpers. Außerdem sorgt Serotonin für gute Laune: Der Stoff fördert ein Gefühl der Gelassenheit, inneren Ruhe und Zufriedenheit. Wie viel Serotonin der Körper produziert, hängt allerdings vom Wetter ab. Im Juli ist die Serotoninproduktion am niedrigsten und im Februar am höchsten.

Vor dem Hintergrund der Klimakrise lässt dies wenig Gutes für die Kriminalstatistik erwarten, warnen die Autoren der finnischen Studie: „Ein Anstieg der durchschnittlichen Temperatur um zwei Grad, würde die Rate an Gewaltverbrechen in nicht-tropischen Gebieten um mehr als drei Prozent erhöhen, wenn alle anderen Faktoren gleich bleiben würden.“ Letzteres ist allerdings unwahrscheinlich. mic

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[1] RKI, 06.06.1919: Schätzung der Zahl hitzebedingter Sterbefälle und Betrachtung der Exzess-Mortalität; Berlin und Hessen, Sommer 2018 (PDF)

[2] Ärzteblatt, 2019: Übersterblichkeit bei Hitzewellen in Deutschland: Zahl der hitzebedingten Todesfälle zwischen einigen Hundert und vielen Tausenden

[3] Environmental Health, 2019: Short-term association between ambient temperature and homicide in South Africa: a case-crossover study

[4] Scientific Reports, 28.07.2017: The Association of Ambient Temperature and Violent Crime (PDF)

[5] AMS, 30.06.2015: Weather Effects on Social Movements: Evidence from Washington, D.C., and New York City, 1960–95

[6] EHP, 26.11.2019: Suicide and Ambient Temperature: A Multi-Country Multi-City Study

[7] Science Direct, Dezember 2019: Non-economic factors in violence: Evidence from organized crime, suicides and climate in Mexico

[8] Environment and Behavior, 01.03.1986: Ambient Temperature and Horn Honking: A Field Study of the Heat/Aggression Relationship

[9] Mass Communication and Society, 13.06.2012: “Under the Weather”: The Weather Effects on U.S. Newspaper Coverage of the 2008 Beijing Olympics

[10] Journal of Happiness Studies, 27.04.2012: Some Like It Mild and Not Too Wet: The Influence of Weather on Subjective Well-Being

Australien wird zur Supermacht der Erneuerbaren

Riesige Projekte für Export von Strom und Wasserstoff in Planung

Australiens Regierung will den Kohlesektor weiter ausbauen. Australiens Unternehmer hingegen planen spektakuläre Projekte zur Produktion von Ökostrom, denn das Land hat dafür ideale Voraussetzungen.

Australien ist nicht für ehrgeizige Klimapolitik bekannt. Im Gegenteil: Das Land ist der zweitgrößte Kohleexporteur der Welt [7] und plant eine weitere Megamine, die Adani Kohlemine. Australien ist aber auch das Land, wo pro Kopf derzeit am meisten Solaranlagen und Windräder ans Netz gehen: 250 Watt pro Australier. [1] In Deutschland wird pro Einwohner noch nicht mal halb so viel neue Grünstrom-Kapazität gebaut. Das australische Stromnetz erlebe „die größte und schnellste Energiewende der Welt“ schreibt die Australische Elektrizitätsmarkt Organisation (Aemo) in ihrem neuen 20-Jahres-Plan. [2 s. S. 9] Dieser beschreibt fünf Szenarien für die Weiterentwicklung des Strommarkts. Mit der herkömmlichen Energiepolitik werden bis 2040 drei Viertel des Stroms aus Sonne, Wind und Wasserkraft erzeugt. Kostenoptimal ist das allerdings nicht: Für den australischen Stromverbraucher wäre ein Netz mit nahezu 100 Prozent Ökostrom billiger. [2 s. S. 38] „Es ist unvermeidbar“, sagte Aemo-Chefin Audrey Zibelman gegenüber der australischen Nachrichtensite Renew Economy. [3] „Es ist einfach, wer wir sind und was wir sind.“

Sidney. Die Sonne sieht in Australien nicht nur gut aus, sondern liefert auch massenhaft billige Energie. (Foto: wallpaperflare.com)

Australien hat optimale Voraussetzungen für die Produktion von erneuerbarem Strom: Viel Sonne, Wind und Platz. Hinzu kommt, dass in den kommenden 20 Jahren die meisten Kohlekraftwerke ihre geplante Nutzungsdauer erreichen. Premierminister Scott Morrison will daher nun vermehrt Gaskraftwerke bauen. Doch auch diese könnten nicht mehr lange profitabel sein, wie der Aemo-Plan zeigt: „Gaskraftwerke haben einen Kostenvorteil bei den aktuellen Gas- und Batteriekosten.“ [2 s. S. 55] Doch das ändert sich: „Neue Batterien sind kostengünstiger als neue Gaskraftwerke in den Jahren ab 2030.“

Noch exportiert Australien vor allem Kohle und Gas. Aber auch das kann sich ändern: Derzeit sind zwei Megaprojekte in Planung – für den Export von Ökostrom und von grünem Wasserstoff. Die Firma Sun Cable will im Norden Australiens ein Solarkraftwerk mit 10 Gigawatt Kapazität bauen. Das entspricht gut acht Prozent der deutschen Kapazität zur Erzeugung von Grünstrom. [8] Der Strom von Sun Cable soll dann mit einem 3800 Kilometer langen Kabel nach Singapur exportieren werden. Der Stadtstaat mit wenig Fläche könnte so ein Fünftel seines Strombedarfs decken. [4] Bislang ist Singapur auf den Import von Gas zur Stromerzeugung angewiesen.

Ein noch größeres Projekt plant der Asian Renewable Energy Hub (AREH). Die Firma will ein 15 Gigawatt Solar- und Windkraftwerk errichten und mit dem Strom grünen Wasserstoff erzeugen. Das Projekt implementiert damit Erkenntnisse einer deutsch-australischen Forschungskooperation an der etwa das Potsdam Institut beteiligt ist. Deren Forscher kommen zum Schluss: „Australien ist dafür prädestiniert, eine wasserstoffexportierende Supermacht zu werden.“ [5] In welcher Form das Gas schließlich exportiert wird, ist allerdings noch unklar. Eine Möglichkeit wäre Australiens Vorkommen an Eisenerz aus der Pilbara Region zu nutzen und mit dem Wasserstoff vor Ort grünen Stahl herzustellen, sagt AREH-Chef Alex Hewitt: „Wäre es nicht großartig, Stahl statt Eisenerz und Strom zu exportieren? Wir sitzen am Rand von Pilbara und dort gibt es viele Gelegenheiten energieintensive Industrien anzuziehen – zum billigsten Strom in Asien.“ [6] mic

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[1] The Conversation, 25.09.2019: Australia is the runaway global leader in building new renewable energy

[2] Aemo, 30.07.2020: 2020 Integrated System Plan For the National Electricity Market (PDF)

[3] Renew Economy, 30.07.2020: World’s fastest energy transition: AEMO maps path to 94 per cent renewables

[4] Bangkok Post, 25.05.2020: Australia plans to export solar power to Singapore via undersea cable

[5] The Conversation, 21.11.2019: Enough ambition (and hydrogen) could get Australia to 200% renewable energy

[6] Renew Economy, 31.072020: Australia’s two renewable export mega-projects say there is room for both, and more

[7] IEA, Juli 2020: Coal Information: Overview

[8] Clew, 30.07.2020: Germany’s energy consumption and power mix in charts