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Weltrettung in Trippelschritten

UN-Umweltversammlung setzt Kreislaufwirtschaft auf globale Agenda

Die zweijährlich stattfindende UN-Umweltversammlung ist das höchste Entscheidungsgremium der globalen Umweltpolitik. Die Dringlichkeit der globalen Umweltprobleme fand aber nur teilweise Eingang in die Beschlüsse.

„Wir wollen die Menschen durch Hoffnung und nicht durch Angst zum Handeln inspirieren“, schrieb Joyce Msuya, die interimistische Chefin des UN-Umweltprogramms (Unep), in ihrer Einladung zur diesjährigen UN-Umweltversammlung (Unea) in Kenias Hauptstadt Nairobi. [1] Das gelang nur bedingt. Die verschiedenen Berichte, die im Rahmen der Unea veröffentlicht wurden, haben alle einen ähnlichen Tenor: Die Lage ist verzweifelt und es drohen apokalyptische Zustände, aber noch besteht die Chance den Planeten zum Besseren zu wenden. Ein Beispiel ist der Bericht zum Ressourcenverbrauch: In den letzten 50 Jahren hat sich der Verbrauch an Ressourcen auf 92 Milliarden Tonnen pro Jahr mehr als verdreifacht und das Wachstum beschleunigt sich derzeit sogar noch. Msuya sagt dazu: „Wir pflügen uns durch die endlichen Ressourcen dieses Planeten als gäbe es kein Morgen. Und offen gesagt: Für viele Menschen wird es kein Morgen geben, wenn wir nicht stoppen.“ [2] Erforderlich sei daher eine Kreislaufwirtschaft, die nahezu keine Abfälle produziert. Dies sei „möglich“, sagt der Bericht, und würde zudem „das Wirtschaftswachstum unterstützen“.

Unilateralisten. Wenn es um Geoengineering geht, ist Saudi Arabien gegen einen multilateralen Ansatz. (Foto: IISD)

Unilateralisten. Wenn es um Geoengineering geht, ist Saudi Arabien gegen einen multilateralen Ansatz. (Foto: IISD)

Aber der Verbrauch an Sand, Metallen und Agrargütern ist natürlich nur eines von vielen Problemen: Selbst wenn das Pariser Klimaabkommen eingehalten wird, werden Gebiete mit Permafrost um 45 Prozent schrumpfen. Dadurch wird Methan freigesetzt, ein Treibhausgas. Der Klimawandel verstärkt sich daher selbst und dies könne dazu führen, dass sich die Erwärmung nicht bei zwei Grad stoppen lässt. [3] Nicht besser ist es beim Artenschutz: Hier erlebt die Welt gerade ein „grosses Aussterbe-Ereignis“ und auch wenn eine Art nicht ausstirbt, nimmt die Zahl der Tiere ab. In den letzten 50 Jahren ist die Zahl der Wirbeltiere auf der Erde um 60 Prozent gesunken. [4] Schlecht steht es auch um die Ozeane: Die werden von Fisch entleert und mit Plastikmüll befüllt. Und zum Süsswasser sagt der Geo6-Bericht: Weil zuviele Antibiotika ins Wasser gelangen, „finden sich Antibiotika-resistente Bakterien weltweit im Trinkwasser“. „Todesfälle wegen dieser Bakterien steigen schnell an und es wird erwartet, dass dies eine der wichtigen Todesursachen im Jahr 2050 wird.“ [5] Msuya schreibt daher, es seien „fundamentale Transformationen erforderlich, um das menschliche Leben zu erhalten.“ [1] Und das in nahezu jedem Bereich: „Transformationen in unserem Nahrungssystem, Energiesystem, Abfallsystem, Wirtschaftssystem und nicht zuletzt in unserem Wertesystem.“

Vor diesem Hintegrund wirken die Unea-Ergebnisse eher bescheiden: Die Länder der Welt verhandelten dort über 17 verschiedene Entschliessungsanträge. 15 wurden schliesslich verabschiedet. Knapp die Hälfte davon betreffen verschiedene Elemente der Kreislaufwirtschaft vom Abfallmanagement über die Verschwendung von Lebensmitteln bis zur Vermüllung der Meere und Einwegplastik. Um den letzten Antrag wurde besonders hart gerungen und die EU, Indien und andere Länder zeigten sich enttäuscht, dass nur eine stark abgeschwächte Resolution verabschiedet werden konnte. Positiv wurde hingegen hervorgehoben, dass im Rahmen von Chemieabfällen ein besonderes Augenmerk auf die Schwermetalle Blei und Kadmium gelegt wird. Weitere Entscheidungen betreffen nachhaltige Mobilität und Infrastruktur sowie den Abbau von Bodenschätzen. Konsens konnte schliesslich auch beim Artenschutz und dem Schutz der Böden erzielt werden.

Bei zwei Anträgen gelang keine Einigung. Der erste kam von der EU und betraf den Zusammenhang zwischen der Produktion von Agrargütern wie Palmöl oder Soja und dem Verlust an Wäldern. Einige Entwicklungsländer hatten hier den Eindruck, der Antrag ziele speziell auf sie ab und würdige ihre Rolle bei der Nahrungsmittelversorgung der Welt nicht genügend. Welche Länder dies waren geht aus dem inoffiziellen Unea-Protokoll allerdings nicht hervor. [6] Mangels Aussicht auf Konsens zog die EU den Antrag schliesslich zurück – zum Bedauern anderer Entwicklungsländer wie Kolumbien oder Bolivien.

Den zweiten erfolglosen Antrag hatte die Schweiz gestellt. Sie wollte die Chancen und Risiken von Geoengineering-Methoden vom Unep untersuchen lassen. Darunter fällt etwa das Versprühen von Schwefel in der Atmosphäre, um die Sonneneinstrahlung und damit die Klimaerwärmung zu reduzieren. Die Unep-Untersuchung hätte ein erster Schritt sein sollen, um den Einsatz solcher Methoden auf globaler Ebene zu regeln und sicherzustellen, dass kein Land unilateral Geoengineering betreibt. Doch insbesondere die USA und Saudi Arabien wollten hier einen multilateralen Ansatz verhindern, während eine breite Koalition von Ländern den Schweizer Antrag unterstützte darunter die EU. [7] Dass der Schweizer Antrag scheiterte, entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Schliesslich sind massenhafte Emissionen, die Versauerung der Meere oder die Abholzung riesiger Flächen nichts anderes als Geoengineering. mic

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[1] Unep, 06.03.2019: We are past pledging and politicking: the way forward in 2019 (PDF)

[2] Unep, 12.03.2019: UN calls for urgent rethink as resource use skyrockets

[3] Unep, 13.03.2019: 3-5°C temperature rise is now ‘locked-in’ for the Arctic

[4] Unep, 13.03.2019: GEO6 – Summary for Policy Makers (PDF)

[5] Unep, 13.03.2019: Geo6 – Chapter 9 Freshwater (PDF)

[5] IISD, 15.03.2019: Earth Negotiations Bulletin – UNEA-4 Highlights Thursday, 14 March 2019

[6] IISD, 14.03.2019: Earth Negotiations Bulletin – UNEA-4 Highlights Wednesday, 13 March 2019

Palladium glänzt mehr als Gold

Seit Jahren hinkt Produktion Nachfrage hinterher

Der Palladiumbedarf hängt von den Abgasvorschriften für Autos ab. Gleichzeitig wird Palladium nur als Beiprodukt gefördert und die Produktion kann nicht nennenswert ausgeweitet werden. Diese Kombination aus inelastischer Nachfrage und inelastischem Angebot treibt den Preis.

Das teuerste Edelmetall ist nicht Gold und schon gar nicht Platin sondern Palladium. Das silbrig-weisse Metall kostete zuletzt über 1500 US-Dollar pro Feinunze (31,1 Gramm) respektive 48.800 Dollar pro Kilo. Die Feinunze Gold kostete zuletzt 200 Dollar weniger und Platin nur etwas mehr als die Hälfte. [1] Grund dafür ist der massiv gestiegen Palladiumpreis. Dieser hat sich in den letzten neun Monaten knapp verdoppelt. Der Markt ist allerdings auch sehr klein: Letztes Jahr lag die Nachfrage bei gut 300 Tonnen oder bei weniger als einem Zehntel der Goldproduktion.

Saubermacher. Dank Palladium sind Autoabgase nicht ganz so dreckig. (Foto: Money Metals / Flickr)

Saubermacher. Dank Palladium sind Autoabgase nicht ganz so dreckig. (Foto: Money Metals / Flickr)

Der Hauptabnehmer von Palladium ist die Autoindustrie mit einem Anteil von 86 Prozent, wie der Spezialchemiekonzern Johnson Mattey in einem aktuellen Marktbericht für Metalle der Platingruppe berichtet. [2 s. S. 13] In Autos mit Benzinmotor werden drei bis sieben Gramm Palladium in den Abgaskatalysatoren verbaut. Das Edelmetall hilft dort Gifte wie Kohlenmonoxid in weniger gefährliche Stoffe wie Kohlendioxid umzuwandeln. Palladium ist denn auch einer der Hauptnutzniesser des Volkswagen-Dieselskandals. In den letzten drei Jahren ist in der EU der Marktanteil von Dieselautos von 51 Prozent auf 36 Prozent gefallen, wie das Marktforschungsinstitut Jato berichtet. [3] Dies ist auch ein Grund für den niedrigen Platinpreis: Platin wird in Katalysatoren für Dieselmotoren benutzt.

Hinzu kommen strengere Abgasvorschriften. In China beginnt dieses Jahr die Umstellung auf die China 6 Norm. Das „wird zu einer markanten Veränderung der Palladiummenge im Vergleich zu China 5 führen“, schreibt Johnson Mattey. [2 s. S. 19] Und in Europa werden die Abgastests anspruchsvoller. „Autohersteller sehen sich daher einer potenten Kombination gegenüber aus schärferen Gesetzen, rigoroseren Tests und schwerwiegenderen Folgen, falls sie die Standards nicht einhalten.“ [2 s. S. 19] Während die Palladiummenge pro Auto steigt, hängt die Gesamtnachfrage aber auch vom Autoabsatz ab. In China ist dieser 2018 zum ersten Mal seit 20 Jahren gesunken und dürfte auch dieses Jahr relativ schwach bleiben. Trotzdem erwartet Johnson Mattey „zweistellige Wachstumsraten beim Palladiumkonsum über die Jahre 2019 und 2020“. [2 s. S. 19] Stabil bleibt hingegen der Einsatz des Metalls in der Chemie- und Schmuckindustrie.

Die steigende Nachfrage trifft auf eine stabile Produktion. Palladium ist ein Beiprodukt in manchen Platin- und Nickelminen in Südafrika und Russland. Deren Palladiumproduktion liegt aber schon seit Jahren unter dem globalen Bedarf. Ausgeglichen wurde dies bislang durch den Abverkauf von Palladiumreserven. Bevor Katalysatoren in Autos zur Pflicht wurden, gab es kaum eine Verwendung für das Metall und insbesondere in Russland gab es daher nennenswerte Palladiumlager. Letztes Jahr verkauften ausserdem Finanzinvestoren rund 17 Tonnen Palladium, um von den steigenden Preisen zu profitieren. Jetzt halten diese nur noch knapp 23 Tonnen des Metalls. Das reicht nicht, denn: „Das ‚strukturelle‘ Defizit im Palladiummarkt wird sich dieses Jahr 31 Tonnen annähern.“ [2 s. S. 20] Ausgleichen könnte diese Lücke die russische Zentralbank, die eine „unbekannte Menge“ des Metalls besitzt. [2 s. S. 17]

Kurzfristig wird der Palladiummarkt dadurch geprägt, dass „eine inelastische Nachfrage auf ein inelastisches Angebot trifft“, schreibt die Bank of America. [4] Diese erwartet daher einen weiteren Preisanstieg auf 2000 Dollar pro Feinunze. Mittelfristig sieht die Situation aber anders aus. Zum einen kommen Elektroautos ohne Palladium aus und zum anderen lassen sich auch Katalysatoren für Benzinmotoren mit auch Platin bestücken. Die Commerzbank schreibt daher: „Wir rechnen in Kürze mit einem länger anhaltenden Preisrückgang. Denn bei Preisen um 1500 Dollar pro Feinunze sind die Autokatalysatoren auf Palladiumbasis schlichtweg zu teuer.“ [5] mic

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[1] Apmex, Stand 12.03.2019: Palladium Price

[2] Johnson Mattey, Februar 2019: PGM Market Report (PDF)

[3] Jato, 30.01.2019: Diesel car registrations in Europe post their lowest market share since 2001

[4] Kitco, 07.03.2019: Palladium To Hit $2,000 In 2019 – Bank of America

[5] Commerzbank, 01.03.2019: TagesInfo Rohstoffe (PDF)

„Das Landbudget der Welt ist knapp“

Die Erträge pro Hektar Agrarland müssen deutlich steigen, sagt der Weltbank-Ökonom Tobias Baedeker

Die globale Bodennutzung muss dem Nahrungsmittelbedarf sowie dem Arten- und Klimaschutz gerecht werden. Ein Bericht des World Ressources Institute (WRI) [1] und der Weltbank zeigt, was das für die Landwirtschaft bedeutet.

Tobias Baedeker, 34, stammt aus Freiburg. Nach einem Wirtschaftsstudium an der Universität St. Gallen in der Schweiz und an der London School of Economics in Grossbritannien erhielt er im Jahr 2011 ein sechmonatiges Stipendium des Carlo Schmid Programms, um bei der Weltbank zu arbeiten. Seither ist er dort in der Abteilung Landwirtschaft für Klimawandel zuständig.

 

Die Weltbevölkerung wird in den nächsten 31 Jahren von gut sieben auf knapp zehn Milliarden Menschen wachsen. Dadurch steigt der Nahrungsmittelbedarf. Was bedeutet das für die Welt?

Man kann das auf drei Dimensionen herunterbrechen: die Nahrungsmittellücke, die Landlücke und die Emissionslücke. Es müssen 56 Prozent mehr Kalorien produziert werden – die Nahrungsmittellücke. Dazu werden sechs Millionen Quadratkilometer zusätzlich gebraucht. Die Landlücke entspricht also knapp der doppelten Fläche Indiens. Ausserdem verursacht Landwirtschaft CO2-Emissionen. Ohne Gegenmassnahmen lägen diese bei 15 Milliarden Tonnen CO2 pro Jahr statt bei vier Milliarden Tonnen, wie für das Zwei-Grad-Klimaziel zulässig. Somit beträgt die Emissionslücke elf Milliarden Tonnen.

Hat die Welt genug Land?

Die Hälfte der nutzbaren Landfläche wird bereits landwirtschaftlich genutzt. Um die Landlücke zu schliessen, müsste man rund 15 Prozent der Wälder der Welt abholzen. Für den Arten-und Klimaschutz wäre das verheerend. Die landwirtschaftlich genutzte Fläche darf nicht weiter wachsen. Damit ist klar: Die Erträge pro Hektar müssen steigen.

Aber der WRI-Bericht geht doch schon von steigenden Erträgen aus.

Das WRI erwartet, dass die Hektarerträge weiter so zunehmen wie im Schnitt der Jahre 1961 bis 2010. Das ist eine mutige Annahme, denn in den letzten Jahren hat sich das Wachstum verlangsamt. Wir hatten in den 60er und 70er Jahren die „Grüne Revolution“: Damals konnte man durch mehr Bewässerung, besseres Saatgut und Stickstoffdünger enorme Ertragssteigerungen erreichen. Aber seither hat es keine vergleichbaren Ertragssprünge mehr gegeben. Wenn man Pflanzenwissenschaftler fragt, ist völlig unklar, wie es weitergehen kann.

Ist die Lage also aussichtslos?

Der WRI-Bericht kann da wegweisend sein, weil er auch unkoventionelle Lösungen mit einbezieht – von der Reduktion der Nahrungsmittelabfälle über weniger Fleischkonsum bis hin zu Geburtenkontrolle. Dabei sind 23 Ansätze herausgekommen, mit denen die Lücken in der Summe geschlossen werden können. Ein Startpunkt sind die sehr unterschiedlichen Hektarerträge auf der Welt. Es gibt immer noch viele Länder, wo Bauern auf ihren Feldern mehr produzieren könnten, ohne das Ökosystem an seine Grenzen zu bringen. Darum muss man weiter in die Entwicklungshilfe im Agrarsektor investieren. Aber auch die Landwirtschaft in den Industriestaaten muss weiter intensiviert werden. Das muss nicht zum Nachteil der Umwelt sein: Wir haben in der EU die Erträge um 30 Prozent gesteigert und den Stickstoffverbrauch um 40 Prozent reduziert. So geht nachhaltige Intensivierung.

Ist Gentechnik die Lösung?

Als Weltbank sind wir bei dieser Frage agnostisch. Für uns zählt, wie die Länder ihre Probleme lösen wollen und wir unterstützen sie dabei. Gentechnik ist ein Werkzeug unter vielen. Ich habe zudem den Eindruck, dass das Potential der Gentechnik oft überschätzt wird. Wir sind mit herkömmlichen Züchtungsmethoden sehr weit gekommen – oft bis an die physikalischen Grenzen: Maiskolben sind heute so gross, dass der Stengel sie gerade noch tragen kann, ohne umzuknicken. Grundsätzlich gilt aber ein chinesisches Sprichwort: Es ist egal, ob die Katze weiss oder schwarz ist, solange sie Mäuse fängt. Für uns sind diese Mäuse: Hunger, Armut, Klimawandel etc.

Ist Biolandwirtschaft noch zu rechtfertigen? Schliesslich hat diese einen grösseren Flächenbedarf.

Es gibt immer mehr Anhaltspunkte, dass Biolandwirtschaft hohe Erträge erzielen kann, nicht zuletzt weil (kursiv) sie ökologischer ist. Stichwort: „Mit der Natur statt gegen die Natur“. In den USA wird auf grossen Flächen weder Kunstdünger noch Pflanzenschutzmittel eingesetzt. Aber: Die Produktionskosten sind meist wesentlich höher als bei konventioneller Landwirtschaft und man braucht viel mehr Know-How. Die herkömmliche Landwirtschaft ist einfacher. Daher muss man auch in Europa in die Ausbildung der Bauern investieren und die Entwicklung der Landwirtschaft als modernem Wirtschaftssektor vorantreiben.

Das schliesst aber den typischen Kleinbauern aus. Dem fehlt in Afrika das Kapital für Bewässerung und in Europa das Know-How für „Präzisionslandwirtschaft“. Müssen die Höfe also grösser werden?

Dieses Thema ist in den letzten zwölf Monaten mehr und mehr diskutiert worden, seit Analysen wie der WRI-Bericht zeigen: Das Landbudget der Welt ist knapp. Damit ist die „Transformationsagenda“ aufgekommen. Das heisst: Der ganze Landwirtschaftssektor bedarf einer Generalüberholung. Da muss man auch fragen, wie sich Drohnen und Kleinbauern zusammenbringen lassen. Es hat sich eine Tendenz herausgebildet, in der sich wenige Grossbauern rasant entwickeln, während Kleinbauern zurückfallen. Daher muss man über Alternativen nachdenken, also über Themen wie soziale Abfederung, Entwicklung der ländlichen Räume und alternative Einkommensquellen. Historisch betrachtet geht es eh in diese Richtung: Immer weniger Menschen arbeiten in der Landwirtschaft, während die Hofgrösse wächst.

Das werden viele nicht gerne hören.

Das Gegenteil ist auch keine zufriedenstellende Lösung. In einigen afrikanischen Ländern sind wegen des Bevölkergungswachstums die Höfe dramatisch geschrumpft. Das Ergebnis sind Betriebe, die Familien zur Armut verurteilen und zu Migration in die Städte und bis nach Europa zwingen. Daher ist es wichtig, in ländlichen Räumen Jobs zu schaffen. Generell sollten wir uns in der Landwirtschaftscommunity eher darauf konzentrieren, worauf wir uns einigen können, als auf das, was uns trennt. Landwirtschaft ist extrem divers und vom lokalen Kontext abhängig. Daher sind Ansätze falsch, die für alle die gleichen Lösungen vorsehen.

Was ist mit Biosprit?

Das geht gar nicht. Das ist vollkommen Ressourcen-ineffizient. Bioenergie aus Abfällen ist natürlich etwas anderes, aber aus Nahrungsmitteln geht nicht.

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[1] WRI, Dezember 2018: Creating a Sustainable Food Future (PDF)

Was sind RWEs Kohlekraftwerke noch wert?

RWE verlangt 1,2 Milliarden Euro Entschädigung pro Gigawatt

Nach dem Kohlekompromiss geht das Feilschen los: Aus RWE Sicht wird der Konzern quasi enteignet und hat Anspruch auf Entschädigung. Ob die Kohlemeiler tatsächlich noch etwas wert sind, ist aber nicht sicher.

Die Kohlekommission hat in ihrem Bericht empfohlen, mit den Betreibern von Kohlekraftwerken „einvernehmliche Vereinbarungen“ auszuhandeln, die auch „Entschädigungsleistungen“ enthalten. Der Energiekonzern RWE hat im Februar hierzu eine erste Zahl genannt: RWE erwartet Kosten von mindestens 1,2 Milliarden Euro pro Gigawatt an Kraftwerkskapazität. [1] Dies beinhalte im Fall der Braunkohlemeiler auch die Tagebaue. RWE bezieht sich dabei auf die Zahlungen für die Kraftwerke, die im Jahr 2015 in die Marktstabilisierungsreserve überführt wurden. Damals erhielten die Betreiber 1,6 Milliarden Euro für 2,73 Gigawatt an Kapazität, also 586 Millionen pro Gigawatt. Die EU-Kommission genehmigte damals den Deal und konnte keinen Hinweis auf illegale Staatbsbeihilfe finden.

Goldgrube. RWE hofft, dass dem Konzern auch noch die Stilllegung vergoldet wird. (Foto: Craebby Crabbson / Flickr)

Goldgrube. RWE hofft, dass dem Konzern auch noch die Stilllegung vergoldet wird. (Foto: Craebby Crabbson / Flickr)

Ob eine Entschädigung rechtlich überhaupt erforderlich ist, gilt als umstritten. Für abgeschriebene Kraftwerke sei eine Entschädigung nicht erforderlich, sagt ein Gutachten des Thinktanks Agora Energiewende aus dem vorletzten Jahr. [2] Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags kommt ebenfalls zum „Ergebnis, dass eine gesetzlich angeordnete Stilllegung von Kohlekraftwerken grundsätzlich auch ohne Entschädigungsleistung möglich ist“. [3] Ausnahmen könne es nur bei „unzumutbaren wirtschaftlichen Belastungen“ geben, für die der Bericht der Kohlekommission aber „keine Hinweise“ enthalte. Ein von RWE in Auftrag gegebenes Gutachten kommt dafür zum gegenteiligen Ergebnis: Ein politisch verfügter Ausstieg ohne Entschädigung sei „insgesamt verfassungswidrig“. [1]

Doch zurück zur Bewertung der Kohlekraftwerke. Hier gibt es mehrere Optionen: Zum einen könnte man die Betreiber mit dem Buchwert der Anlagen entschädigen. Dann müssten sie keine Abschreibungen wegen des Kohleausstiegs vornehmen. Da Kraftwerke in der Regel über 40 Jahre abgeschrieben werden, dürfte der Buchwert aber bei den meisten Meilern nahe Null liegen. Der genauen Buchwert wollte RWE auf Anfrage aber nicht mitteilen. Dies sei „Geschäftsgeheimnis“. Ein anderer Ansatz ist die Marktkapitalisierung der Betreiber, in denen der „Wert“ der Kraftwerke ja enthalten sein müsste. RWE war am Dienstag an der Börse 13,3 Milliarden Euro wert. Darin enthalten sind elf Gigawatt Braunkohle- und gut drei Gigawatt Steinkohlekraftwerke. [4] Daher wäre es für den deutschen Staat billiger, RWE zu übernehmen, als pro Gigawattstunde 1,2 Milliarden Euro zu bezahlen. Nach Stilllegung aller Kohlemeiler könnte der Staat die Rest-RWE zudem wieder an die Börse bringen.

Eine dritte Möglichkeit zur Bewertung ist der Gegenwartswert aller zukünftigen Gewinne eines Kraftwerks. Diese Gewinne hängen von vier Faktoren ab: Dem Strompreis auf der Einnahmenseite sowie den Betriebskosten, dem Preis für Kohle und dem Preis für CO2-Zertifikate im EU-Emissionshandelssystem auf der Kostenseite. Das Beratungsunternehmen Energy Brainpool hat im Auftrag von Greenpeace Energy ausgerechnet, was die einzelnen RWE- Braunkohlemeiler im rheinischen Revier wert sind. [5] Diese haben eine Kapazität von 9,5 Gigawatt und deren Abschaltung müsste aus RWE Sicht mit 11,4 Milliarden Euro entschädigt werden. Wenn man die erwarteten Gewinne aus deren Betrieb betrachtet, kommt man allerdings auf einen Wert von 1,3 Milliarden im Jahr 2020, der anschliessend schnell fällt. Insbesondere wegen steigender Kosten für CO2-Zertifikate liegt der Gegenwartswert dieses Kraftwerksparks im Jahr 2022 nur noch bei 673 Millionen Euro. Viele Kraftwerke werden in den nächsten Jahren schlicht unrentabel. Am längsten lassen sich die beiden Kraftwerksblöcke Neurath F und G rentabel betreiben: Diese werden erst ab dem Jahr 2029 defizitär.

Eine vierte Option zur Ermittlung des Werts der Kraftwerke ist schliesslich ein Blick auf den Markt. Hier ist insbesondere der Verkauf von Vattenfalls Kohlegeschäft in Deutschland von Interesse: Im Jahr 2016 „verkaufte“ Vattenfall vier Braunkohlekraftwerke mit 7,6 Gigawatt Kapazität und fünf Tagebaue an den tschechischen Konzern EPH. Um das Geschäft zu ermöglichen, zahlte Vattenfall 1,7 Milliarden Euro an EPH für die Renaturierung der Tagebaue. [6] Bei diesem Geschäft lag der „Wert“ der Kohlemeiler folglich im negativen Bereich. mic

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[1] Handelsblatt, 28.02.2019: Der Kampf um Milliardenentschädigungen beim Kohleausstieg beginnt

[2] Agora Energiewende, Oktober 2017: Ein Kohleausstieg nach dem Vorbild des Atomausstiegs?

[3] Bundestag, 19.02.2019: Stilllegung von Kohlekraftwerken ohne Entschädigung (PDF)

[4] Umweltbundesamt, Stand 05.03.2019: Datenbank “Kraftwerke in Deutschland”

[5] Greenpeace Energy, 27.02.2019: Wieviel sind die Braunkohlekraftwerke des RWE-Konzerns wirklich wert? (PDF)

[6] Handelsblatt, 21.07.2016: Deutsche Braunkohle kostet Schweden Milliarden

Die Europäische Zentralbank unterminiert die EU-Klimapolitik

Die CO2-Intensität des EZB-Portfolios liesse sich um 44 Prozent reduzieren

In einem verzerrten Markt, ist ein „marktneutraler“ Ansatz nicht wirklich neutral. Das ist das Dilemma der Europäischen Zentralbank (EZB) beim Kauf von Anleihen, denn im Markt sind CO2-intensive Firmen übergewichtet.

Die Europäische Zentralbank (EZB) könnte ihre Bilanz zugunsten der Klimapolitik hebeln. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie der Brüsseler Denkfabrik Bruegel. [1] Dabei gibt es zwei Ansatzpunkte: Zum einen besass die Bank im September 2018 Anleihen im Wert von 2613 Milliarden Euro, die sie im Rahmen des „Asset Purchase Programms“ (APP) gekauft hat. Knapp 70 Prozent davon sind Staatsanleihen und der Rest Anleihen von Banken und Firmen. Zum anderen hatte die EZB Anleihen für 1596 Milliarden Euro in ihren Tresoren, die Banken als Sicherheit für Kredite hinterlegt hatten. Hier entfielen mehr als 80 Prozent auf Bank- und Firmenanleihen. Damit ist die EZB in Kontrolle eines erheblichen Teils der Marktkapitalisierung der verschiedenen Anleihentypen: 32 Prozent aller Staatsanleihen, 45 Prozent aller Bankanleihen und 15 Prozent aller Unternehmensanleihen. [1 s. S. 14] Diese Marktmacht solle die EZB bei Bank- und Firmenanleihen nutzen, fordert Bruegel.

Verzerrt. Es ist nicht die Schuld der EZB, dass es keinen CO2-Preis gibt, der die externen Kosten der Emissionen korrekt widerspiegelt. Ihr Problem ist es trotzdem. (Foto: EZB)

Verzerrt. Es ist nicht die Schuld der EZB, dass es keinen CO2-Preis gibt, der die externen Kosten der Emissionen korrekt widerspiegelt. Ihr Problem ist es trotzdem. (Foto: EZB)

Bei den Anleihen, die die EZB im Rahmen des APP hält, ist schnell erklärt, wie das gehen könnte. Die EZB ist „marktneutral“ und kauft einfach einen bestimmten Prozentsatz aller Anleihen auf dem Markt. Damit sei das EZB-Portfolio aber nicht „klimaneutral“ moniert Bruegel, denn „CO2-intensive Firmen, wie Ölkonzerne, Autohersteller oder Fluglinien sind typischerweise kapitalintensiv“. [1 s. S. 5] Auf dem Markt seien daher Anleihen von CO2-intensiven Firmen „übergewichtet“. „Ein marktneutraler Ansatz führt somit dazu, dass das EZB-Portfolio relativ CO2-intensiv ist“. Das moniert auch Markus Trilling vom Klimanetzwerk CAN: Mit dem APP „stockt die EZB die Bilanzen von CO2-intensiven Branchen auf“. Bruegel fordert daher, dass die EZB die CO2-Intensität der Schuldnerfirmen beim Kauf von Anleihen berücksichtigt. Dies würde dazu führen, dass die EZB weniger Anleihen von Ölkonzernen und mehr von Pharmaherstellern kauft. Dadurch steigen die Kapitalkosten für erstere und sinken für zweitere.

Bei den Anleihen, die Banken bei der EZB als Sicherheit hinterlegen, ist der Mechanismus etwas komplizierter: Wenn eine Geschäftsbank der EZB eine Anleihe im Wert von 100 Euro andient, bekommt sie dafür einen Kredit. Wie hoch dieser ist, hängt von der Restlaufzeit der Anleihe und der Bonität des Schuldners ab. Je nachdem bekommt die Bank daher zwischen 99,50 und 66 Euro.  [1 s. S. 12] Hier lässt sich nun ebenfalls ein Klimafaktor einbauen, indem die CO2-Intensität des Schuldners mitberücksichtigt wird. Dies hätte zur Folge, dass eine Geschäftsbank für die Anleihe eines Ölmultis weniger Kredit bekommt als für die Anleihe einer Pharmafirma. Aus Sicht der Bank werden dadurch die Anleihen von Ölkonzernen unattraktiver und diese müssen daher höhere Zinsen bezahlen.

Doch wie gross wäre dieser Effekt? Hierzu hat die EZB im Jahr 2011 einen „Praxisversuch“ unternommen: Damals begann die EZB, bestimmte Firmenanleihen im Rahmen des APP zu kaufen. Das kam für den Markt unerwartet. In der Folge sank die Rendite dieser Anleihen um 0.07 Prozentpunkte oder um sieben „Basispunkte“. Würde die EZB nun die Anleihen von besonders CO2-intensiven Firmen in ihrem Portfolio um die Hälfte und Anleihen von mittel CO2-intensiven um ein Viertel reduzieren, hätte das den gegenteiligen Effekt wie beim „Praxisversuch“: Die Kapitalkosten für besonders CO2-intensive Firmen würden um 3.5 Basispunkte und für mittel-intensive Firmen um 1.75 Basispunkte steigen. [1 s. S. 17] Dadurch erhielten Firmen mit geringer CO2-Intensität einen Vorteil bei der Finanzierung. Ausserdem würde die CO2-Intensität des EZB-Portfolios um 44 Prozent sinken, weil in diesem klimafreundliche Schuldner nun stärker vertreten sind.

Hinzu kommt ein indirekter Effekt so Bruegel: „Anstrengungen der Zentralbank ihre Geldpolitik grüner zu machen, hätten einen starken Signaleffekt für andere Marktteilnehmer.“ [1 s. S. 16] Dirk Schoenmaker, der Autor der Bruegel-Studie, glaubt sogar, dass der indirekte Effekt „stärker“ als der direkte Effekt sein könnte. Diese Effekte liessen sich zudem zum Nulltarif haben, sagt Schoenmaker. Durch die Umstellung des EZB-Portfolios entstünden „keine zusätzlichen Kosten“.

Trotzdem will die EZB an ihrem marktneutralen Ansatz festhalten. Aus ihrer Sicht sind CO2-intensive Firmen am Markt übergewichtet, weil ein CO2-Preis fehlt, der die externen Kosten von Emissionen korrekt widerspiegelt. Somit sei es Aufgabe der Politik einen solchen Preis einzuführen und nicht Aufgabe der EZB, die Marktverzerrung wegen des fehlenden CO2-Preises nachträglich auszugleichen. Bruegel konzediert, dass ein CO2-Preis die „erstbeste Lösung“ wäre, „in unserer zweitbesten Welt“ stelle sich die Sache aber anders dar: „Nichts zu tun, ist eine Entscheidung, die die EU-Klimapolitik unterminiert.“ [1 s. S. 5] mic

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[1] Bruegel, 19.02.2019: Greening monetary policy (PDF)

Chinas Leistungsbilanz dreht ins Minus

Überschuss im Warenhandel steht Reiselust der Chinesen gegenüber

Lange hat China Kapital exportiert, also mehr gespart als ausgegeben. Ab diesem Jahr wird China aber Kapital importieren müssen. Das dürfte den Druck erhöhen, Chinas Wirtschaft stärker zu öffnen.

Das Ungleichgewicht beim Handel zwischen China und den USA dominiert derzeit die Schlagzeilen. Trotz des Handelskriegs ist Chinas Handelsüberschuss mit den USA letztes Jahr sogar noch gestiegen – um 17 Prozent auf 323 Milliarden Dollar, wie Zahlen von Chinas Zollbehörde zeigen. [1] Kaum bekannt ist hingegen die Entwicklung von Chinas Leistungsbilanz mit der ganzen Welt. Diese umfasst den Handel mit Gütern und Dienstleistungen, Überweisungen von Immigranten in ihre Heimatländer sowie Zins- und Dividendeneinnahmen. Hier hat China im Jahr 2007 einen Überschuss in Höhe von zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts erzielt (siehe Grafik). Doch seither sinkt dieser Wert kontinuierlich und lag letztes Jahr noch bei 0,4 Prozent. (Zum Vergleich: Der deutsche Überschuss betrug letztes Jahr 7,4 Prozent.)

Über'm Berg. Chinas Leistungsbilanz verschlechtert sich seit dem Jahr 2007 fast kontinuierlich. (Grafik: Morgan Stanley [2])

Über’m Berg. Chinas Leistungsbilanz verschlechtert sich seit dem Jahr 2007 fast kontinuierlich. (Grafik: Morgan Stanley [2])

Für dieses Jahr erwarten Analysten, dass China zum ersten Mal seit 1993 wieder ein Defizit in der Leistungsbilanz ausweisen muss, das dann von Jahr zu Jahr grösser wird. James Lord von der US-Investmentbank Morgan Stanley geht von einem Defizit in Höhe von 50 Milliarden Dollar im Jahr 2019 aus, das dann in zwölf Jahren auf 430 Milliarden steigt. „Von jetzt an reichen Chinas einheimischen Ressourcen nicht mehr aus, um das gewünschte Wachstum zu finanzieren“, schreibt Lord. [2] Schuld daran ist vor allem die Reiselust der Chinesen. Diese haben letztes Jahr 131 Millionen Reisen ins Ausland unternommen und dabei 250 Milliarden Dollar ausgegeben, wie die Unternehmensberatung McKinsey schreibt. [3 s. S. 5] Aber auch der Konsum im Inland steigt und somit der Import von Gütern. Das hat nicht zuletzt demografische Gründe: „Die alternde Bevölkerung wird mehr konsumieren und weniger sparen“, schreibt Lord. [2] Schliesslich verzeichnet China auch ein Defizit bei den Vermögenseinkommen: Mehr Geld fliesst in Form von Zinsen und Dividenden aus China raus als rein.

Repräsentativ. Diese chinesischen Touristinnen haben Spass daran, die Leistungsbilanz ihres Landes zu ruinieren. Dabei entsprechen sie genau dem typischen Touristen aus China: Weiblich, nach 1980 geboren und in Thailand. [5] (Foto: Chinese Tourists / Flickr)

Repräsentativ. Diese chinesischen Touristinnen haben Spass daran, die Leistungsbilanz ihres Landes zu ruinieren. Dabei entsprechen sie genau dem typischen Touristen aus China: Weiblich, nach 1980 geboren und in Thailand. [5] (Foto: Chinese Tourists / Flickr)

Wer mehr Geld ausgibt als er einnimmt hat zwei Möglichkeiten: Entweder er verkauft Vermögenswerte oder er leiht sich Geld. Vermögenswerte hat China derzeit noch genug. Die Währungsreserven belaufen sich auf mehr als 3000 Milliarden Dollar. China wird sich aber auch mehr Geld leihen. „Kapitalzuflüsse insbesondere in den Markt für Anleihen werden entscheidend für Chinas Zahlungsbilanz sein“, sagt Becky Liu von der US-Bank Standard Chartered gegenüber der Zeitung South China Morning Post in Hong Kong. [4] Zuflüsse gibt es aber nur, wenn Anleger ihr Geld auch in China anlegen wollen. Das hat Folgen sagt Chen Dong von der Schweizer Privatbank Pictet: „Man muss China attraktiv für ausländische Investoren machen und das ist warum man Barrieren abbauen muss, um eine ausländische Beteiligung zu ermöglichen.“ [4] Kurz: China muss sich weiter öffnen, wenn es auf fremdes Geld angewiesen ist.

Für den Rest der Welt hat ein chinesisches Defizit in der Leistungsbilanz unterschiedliche Konsequenzen. Zum einen tritt China plötzlich als Nachfrager von Kapital in Konkurrenz zu anderen Ländern, die ebenfalls eine Defizit in der Leistungsbilanz haben etwa die USA oder einige Schwellenländer. Dies macht Kapital tendenziell wertvoller und sollte letztlich zu steigenden Zinsen führen. Zum anderen profitieren natürlich auch manche Länder von den steigenden chinesischen Importen und chinesischen Touristen. „Wenn Chinas Kapitalbedarf steigt, muss er parallel im Rest der Welt sinken“, schreibt Lord. [2] „Das muss nicht schlecht enden für andere Defizitländer, aber der Prozess könnte für manche holpriger sein. Es kommt darauf an, welche Länder von den höheren Importen Chinas profitieren.“ mic

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[1] Reuters, 14.01.2019: China’s 2018 trade surplus with U.S. highest on record going back to 2006

[2] James Lord via zerohedge, 24.02.2019: Morgan Stanley: China’s Current Account Deficit Will Be The Most Important Turning Point In 2019

[3] McKinsey, September 2018: Chinese tourists: Dispelling the myths – An in-depth look at China’s outbound tourist market (PDF)

[4] South China Morning Post, 10.01.2019: Trade war drives down China’s current account forcing new reliance on foreign investment

[5] Cottm, 17.09.2018: China’s outbound tourism market shows no signs of slowing

Wird Glencore grün?

Der grösste Bergbaukonzern der Welt beugt sich dem Druck von Investoren

Immer mehr institutionelle Investoren verlangen, dass sich Konzerne am Pariser Klimaabkommen ausrichten. Diesem Druck hat nun Glencore nachgegeben.

Der Bergbaukonzern Glencore aus Baar in der Schweiz hat am Mittwoch angekündigt seine Strategie am Pariser Klimaabkommen auszurichten. Dazu soll insbesondere die Kohleproduktion rund zehn Prozent über dem aktuellen Niveau von 129,4 Millionen Tonnen [1 s. S. 29] pro Jahr gedeckelt werden. Glencore teilte mit: „Wir müssen in Beteiligungen investieren, die widerstandsfähig gegenüber den regulatorischen, physikalischen und operationellen Risiken des Klimawandels sind.“ [2] Der Konzern sagte ausdrücklich, dies sei auf Druck von Investoren der „Climate Action 100+ Initiative“ geschehen. Diese hat 300 Mitglieder, die insgesamt 32 Billionen Dollar (32‘000 Milliarden) verwalten. Die Initiative zeigte sich denn auch zufrieden mit ihrem Erfolg. Glencores „Selbstverpflichtung ist einzigartig für den Bergbausektor“ sagte etwa George Cheveley von Investec Asset Management. [3]

Geldmaschinen. Nach dem Zukauf mehrer Minen in Australien im Jahr 2018 Hat Glencore beschlossen, nicht weiter in diesem Segment zu expandieren. (Foto: Glencore)

Geldmaschinen. Nach dem Zukauf mehrer Minen in Australien im Jahr 2018 Hat Glencore beschlossen, nicht weiter in diesem Segment zu expandieren. (Foto: Glencore)

Zusätzlich zur Obergrenze für die Kohleproduktion hat sich Glencore zu weiteren Massnahmen verpflichtet. So will der Konzern “Rohstoffen den Vorrang einräumen, die für die Energie- und Mobilitätswende essentiell sind“. [2] Dazu gehört etwa die nicht unumstrittene Förderung von Kobalt in der Demokratischen Republik Kongo (vormals Zaire). Kobalt wird für die Batterien von Elektroautos benötigt. Der Konzern will auch seine eigenen CO2-Emissionen und die Emissionen seiner Produkte senken. Prognosen für letztere werden ab nächstem Jahr im Geschäftsbericht ausgewiesen. Zudem wird geprüft, wie die Erreichung der Klimaziele in die Entlohnung des Managements einfliessen kann. Überprüft wird auch, ob „sich die Mitgliedschaft in verschiedenen Industrieverbänden mit der neuen Konzernstrategie vereinbaren lässt“. [2] Sollte dies nicht der Fall sein, will Glencore noch dieses Jahr Konsequenzen ziehen. Damit kommt Glencore allen Forderungen von Climate Action 100+ nach. [4]

Auf den ersten Blick vollzieht Glencore damit einen deutlichen Strategiewechsel. Kohle ist für den Konzern der wichtigste Rohstoff. Letztes Jahr stammte mehr als ein Drittel des Glencoregewinns aus dem Kohlegeschäft. [5] Noch letztes Jahr investierte der Konzern in Kohle. Im März kaufte er dem Konkurrente Rio Tinto dessen gesamtes Kohlegeschäft ab. [6] Damit ist Glencore zum grössten Player im Markt für hochwertige, per Schiff transportierte Kohle aufgestiegen. [7] Auf den zweiten Blick rückt daher eine zynischere Interpretation von Glencores Strategieschwenk in den Blick: Wenn der Konzern seine Produktion deckelt, steigt der Preis für hochwertige Kohle und der Konzern ist der Hauptnutzniesser. Trotzdem sei der Strategieschwenk auch mit Verzicht verbunden, sagte Glencore-Chef Ivan Glasenberg in einem Gespräch mit Finanzanalysten: „Wir haben Möglichkeiten für neue Minen mit signifikanter Grösse, die wir wahrnehmen könnten aber in Zukunft nicht machen werden.“ [8] mic

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[1] Glencore, 20.02.2019: Preliminary Results 2018 (PDF)

[2] Glencore, 20.02.2019: Furthering our commitment to the transition to a low-carbon economy

[3] Church of England, 20.02.2019: Church Commissioners for England and leading institutional funds welcome Glencore’s climate change commitments

[4] Climate Action 100+, Stand 21.02.2019: FAQ – What are investors asking focus companies to do?

[5] Im Jahr 2018 lag der Gewinn (Ebit) von Glencore aus dem operativen Geschäft (ohne Wertberichtigungen) bei 7,262 Milliarden Dollar. [1 s. S. 8] Der Gewinn aus dem Kohlegeschäft allein lag bei 3.190 Milliarden Dollar. [1 s. S. 28] Damit lag der Anteil des Kohlegeschäfts bei 44 Prozent. Rechnet man den Gewinn mit Kokskohle für die Stahlerzeugung raus, bleibt immer noch ein Anteil von 36 Prozent.

[6] Reuters, 20.03.208: Glencore snaps up Rio Tinto’s Hail Creek coal mine, project for $1.7 billion

[7] Forbes, 20.10.2018: Glencore Emerging A Big Winner From Coal Consolidation

[8] Mining mx, 20.02.2019: Glencore defends 150Mt coal cap saying it clarifies future shape of diversified group

Sind die USA in zehn Jahren klimaneutral?

Ambitioniertes Klimaprogramm soll Millionen Jobs schaffen

Mit einer „Mobilisierung wie im Zweiten Weltkrieg“ sollen die USA innert zehn Jahren weitgehend klimaneutral werden. Ausserdem werden Millionen neue, gut bezahlte Jobs geschaffen. Das ist das Ziel des „Green New Deals“, der derzeit in den USA die Schlagzeilen dominiert.

Der CO2-Ausstoss der Welt muss in den nächsten zwölf Jahren halbiert werden, damit die Chance bestehen bleibt, die Klimaerwärmung bei 1,5 Grad zu stoppen. Das ist das Ergebnis des Berichts des Weltklimarats IPCC zum 1,5-Grad-Ziel des Paris Abkommens. Gleichzeitig stagnieren in den USA die Löhne seit 1970 und die Einkommensungleichheit hat wieder das Niveau des Jahres 1920 erreicht. Diese beiden Probleme wollen zwei Politiker der Demokratischen Partei nun gleichzeitig lösen. Dabei orientieren sie sich am „New Deal“ Reformprogramm des früheren US-Präsidenten Franklin Roosevelt. Dieser kombinierte Wirtschafts- und Sozialreformen sowie Investitionen in die Infrastruktur, um der US-Wirtschaft nach der Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts wieder auf die Beine zu helfen. Nun wollen die Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez und Senator Ed Markey die Klimakrise und die soziale Ungleichheit gleichzeitig angehen – mit einem „Green New Deal“.

Newbie. Kongressneuling Alexandria Ocasio-Cortez und Senator Ed Markey (rechts) stellen den Green New Deal vor. (Foto: House Demaocrats / Wikimedia)

Newbie. Kongressneuling Alexandria Ocasio-Cortez und Senator Ed Markey (rechts) stellen den Green New Deal vor. (Foto: House Demaocrats / Wikimedia)

Dieser sieht vor, dass innert zehn Jahren nach Verabschiedung die Treibhausgasemissionen der USA auf Netto Null gesenkt und Millionen an neuen Arbeitsplätzen geschaffen werden. Ocasio-Cortez und Markey fordern nicht weniger als eine „neue nationale, soziale, industrielle und wirtschaftliche Mobilisierung in einem Ausmass, wie sie seit dem Zweiten Weltkrieg und der Ära des New Deals nicht mehr gesehen wurde“. [1] Julian Noisecat von der Klimaorganisation 350.org begrüsst die Kombination von Klima und Jobs: „Die Klimapolitik wurde lange aus einer Perspektive von Knappheit und Verzicht betrachtet. Was den Green New Deal so wirkmächtig macht, ist dass er eine neue Perspektive bietet: Wir können Millionen von Jobs schaffen und phänomenale Dinge für normale Menschen tun durch Klimapolitik.“ [2] Damit können sich auch viele Amerikaner anfreunden: Eine Umfrage im Dezember ergab, dass 81 Prozent einen „Green New Deal“ befürworten und nur 18 Prozent dagegen sind. [3] Damals war allerdings den wenigsten bekannt, dass es sich dabei um eine Initiative der Demokraten handelt. Sobald dies Wählern der Republikanischen Partei von US-Präsident Donald Trump bewusst wird, könnte die Zustimmungsrate daher sinken. [3] Sie muss es aber nicht: Eine andere Umfrage hat ergeben, dass 69 Prozent der Amerikaner zumindest „etwas besorgt“ sind wegen des Klimawandels. [4]

Vorerst ist allerdings nahezu ausgeschlossen, dass der Green New Deal Gesetz wird. Die Demokraten haben zwar im Repräsentantenhaus die Mehrheit, nicht aber im Senat. Ausserdem könnte Trump gegen das Gesetz sein Veto einlegen. Noch ist zudem unklar, was der Plan kostet und wie er finanziert werden soll. Ocasio-Cortez erklärt dazu nur, die US-Notenbank Federal Reserve könne „Kredite“ vergeben und „eine Kombination verschiedener Steuern (inklusive CO2- und Vermögenssteuern)“ könne eingesetzt werden. [5] Umstritten ist auch, ob die Ziele etwa im Stromsektor realistisch sind. Vorletztes Jahr stammten 17 Prozent des US-Stroms aus erneuerbaren Quellen und 20 Prozent aus Atomkraftwerken. [6] 100 Prozent CO2-freier Strom innert zehn Jahren ist daher ambitioniert. Ausserdem besteht bei den Unterstützern des Green New Deals kein Konsens bezüglich Atomkraft. Ocasio-Cortez will diese abschaffen, Markey hingegen nicht. Auch das Ziel „alle Gebäude“ in zehn Jahren zu renovieren, um „maximale Energieeffizienz“ zu erreichen, ist eine Herausforderung. Hinzu kommen einige soziale Versprechen, die sich nicht leicht halten lassen. So sollen etwa alle Amerikaner einen Rechtsanspruch auf einen Job bekommen, der gut genug bezahlt ist, um damit eine Familie zu unterhalten. [1]

Vielen Unterstützern des Green New Deals geht es denn auch nicht, um dessen sofortige Umsetzung sondern um die Kandidatenauswahl der Demokraten für die US-Präsidentschaftswahlen im Jahr 2020. Mittlerweile haben 13 Demokraten angekündigt, sich in den Vorwahlen der Partei zu bewerben. „Da mehrere 2020-Kandidaten sagen, dass sie den Green New Deal unterstützen, definiert unsere Bewegung was das heisst“, sagt Waleed Shahid von der Organisation Justice Democrats. „Wir stellen sicher, dass sich diese Kandidaten für eine Mobilisierung unserer Wirtschaft wie im Zweiten Weltkrieg einsetzen.“ [7] Der Green New Deal diene als „Lackmustest“, sagt Stephen O’Hanlon, der Sprecher der Jugendbewegung Sunrise Movement. „Alle 2020-Kandidaten müssen wissen: Wenn sie von jungen Leuten ernst genommen werden wollen, müssen sie den Green New Deal unterstützen.“ [7] Damit haben Ocasio-Cortez und Markey in kurzer Zeit schon viel erreicht. Der Bürochef von Ocasio-Cortez, Saikat Chakrabarti, sagte: „Wir dachten es würde ein Jahr dauern“, um eine Bewegung rund um den Green New Deal aufzubauen. „Aber es dauerte nur Wochen.“ [8] mic

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[1] Alexandria Ocasio-Cortez, 06.02.2019: Resolution – Recognizing the duty of the Federal Government to create a Green New Deal (PDF)

[2] The Guardian, 03.02.2019: Climate change 2020: can the Democrats make it an election issue?

[3] Yale, 14.12.2018: The Green New Deal has Strong Bipartisan Support

[4] Yale, Deyember 2018: Climate change in the American mind (PDF)

[5] Alexandria Ocasio-Cortez, Januar 2018: Draft Text for Prposed Addendum to House Rules for the 116th Congress of the United States (Google Docs)

[6] CNBC, 05.02.2019: Alexandria Ocasio-Cortez’s Green New Deal would reshape the economy in 10 years. That could shock the energy sector

[7] Vox, 07.02.2019: Alexandria Ocasio-Cortez is making the Green New Deal a 2020 litmus test

[8] Vox, 07.02.2019: The Green New Deal, explained

Wann kommt das erste Klimabeben an der Börse?

Pleite von PG&E zeigt Gefahr von Klimawandel für das globale Finanzsystem

Ein durch den Klimawandel potenzierter Waldbrand hat zum Konkurs des grössten US-Energieversorgers geführt. Dabei war die Firma noch vor drei Monaten 25 Milliarden US-Dollar wert. Derartige Verluste in so kurzer Zeit sind eine Gefahr für das Finanzsystem.

Der US-Energieversorger Pacific Gas and Electric Company (PG&E) teilt sich mit der US-Investmentbank Lehman eine zweifelhafte Auszeichnung: Sie gehören zu einer Gruppe von nur vier Firmen, denen die Ratingagenturen noch zwölf Monate vor ihrem Bankrott eine gute Bonität bescheinigt hatten. [1] Bei Lehman führten Ramschhypotheken zum Blitzabsturz und bei PG&E der Klimawandel. Dieser sorgt in Kalifornien für heissere und trockenere Sommer. Das Klima in dem US-Bundesstaat hat sich bereits um mehr als 1,7 Grad erwärmt. [2] In der Folge werden die Waldbrände grösser und gefährlicher. In den letzten drei Jahren ereigneten sich sechs der zehn Brände, die die grösste Zerstörung angerichtet haben. [3] Der frühere Gouverneur Kaliforniens, Jerry Brown, bezeichnete die Megafeuer daher als den „neuen Normalzustand“. [4]

Paradise Lost. Das Camp Fire zerstörte nicht nur Paradise sondern auch PG&E. (Bild: Nasa)

Paradise Lost. Das Camp Fire zerstörte nicht nur Paradise sondern auch PG&E. (Bild: Nasa)

Dieser hat nun PG&E das Genick gebrochen, denn in Kalifornien haften Energiekonzerne für alle Feuer, die durch ihre Kraftwerke oder Strom- und Gasleitungen verursacht werden. Dies gilt auch dann, wenn sie alle Vorschriften eingehalten haben und kein Fall von Fahrlässigkeit vorliegt. Nach den vielen, grossen Feuern in den letzten beiden Jahren sieht sich PG&E daher Schadensersatzansprüchen von bis zu 30 Milliarden US-Dollar gegenüber. Die Firma könnte insbesondere für das tödlichste Feuer in der Geschichte Kaliforniens, das „Camp Fire“, verantwortlich sein, bei dem 86 Menschen ums Leben gekommen sind. Das Feuer zerstörte das 26‘000-Einwohner-Städtchen Paradise fast komplett. Mit einem Schaden von 16,5 Milliarden US-Dollar war es weltweit die teuerste Naturkatastrophe im Jahr 2018 wie der Rückversicherer Munich Re ausgerechnet hat. (Auf dem zweiten und dritten Platz liegen die Hurrikane Michael und Florence, deren Wucht ebenfalls durch den Klimawandel verstärkt wurde.) [5]

Für die Kapitalmärkte beginnt damit eine neue Zeit: In nur wenigen Monaten können Milliardenwerte durch den Klimawandel vernichtet werden: Vor dem Camp Fire im November 2018 war PG&E noch 25 Milliarden Dollar wert. [6] „Das Potential von Klimarisiken kann sich in einer nicht-linearen Art verändern und unerwartet hohe Schäden verursachen“, warnt die Internationale Vereinigung der Versicherungsaufsichtsbehörden (IAIS) in einem Bericht. [7 s. S. 14] Darauf seien die Risikomanagementsysteme von Firmen wie PG&E aber nicht vorbereitet, warnt Michael Wara von der US-Universität Stanford: „Diese Systeme entwickeln sich nicht graduell. Was passiert ist: sie brechen und genau das beobachten wir gerade in Kalifornien“, sagte Wara gegenüber dem US-Magazin Vice. [8] Das wiederum sei eine Gefahr für das gesamte Finanzsystem warnt die IAIS: „Unversicherte Verluste könnten kaskadenartige Folgen für das Finanzsystem haben auch für Banken.“ [7]

Ein Beispiel dafür sind zwei Solarkraftwerke, von denen PG&E Strom bezieht: das 550-Megawatt Kraftwerk Topaz von Berkshire Hathaway und das 250-Megawatt-Kraftwerk Genesis von NextEra Energy. Beide haben relativ alte Abnahmeverträge, in denen ihnen von PG&E ein Strompreis garantiert wird, der deutlich über dem Preis für neue Solarkraftwerke liegt. Derzeit ist unklar, ob das Konkursgericht diese Verträge aufheben kann. Trotzdem wurde die Kreditwürdigkeit der beiden Kraftwerke bereits auf Ramschniveau heruntergestuft. [9] So werden selbst Solarparks Opfer des Klimawandels. mic

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[1] BofA via zerohedge, 16.01.2019: Lehman, WorldCom And Now PG&E: The “Failing Angels” Are Back

[2] National Geographic, 15.11.2018: See how a warmer world primed California for large fires

[3] Yale Climate Connections, 13.11.2018: The many ways climate change worsens California wildfires

[4] CNBC, 01.08.2018: Gov. Jerry Brown warns ‘new normal’ of wildfires could bring fiscal stress for California

[5] USA Today, 08.01.2019: USA had world’s 3 costliest natural disasters in 2018, and Camp Fire was the worst

[6] NYT, 29.01.2019: The Very High Costs of Climate Risk

[7] IAIS, Juli 2018: Issues Paper on Climate Change Risks to the Insurance Sector (PDF)

[8] Vice, 28.01.2019: The Next Financial Crisis Could Be Caused by Climate Change

[9] gtm, 28.01.2019: The Looming Bankruptcy Battle Over PG&E’s Renewable Energy Contracts

 

Der Klimawandel und die Ausserirdischen

Die Menschheit muss schnell erwachsen werden, wenn sie den Planeten noch retten will

Zivilisationen kommen irgendwann an den Punkt, wo sie Verantwortung für ihren Planeten übernehmen müssen oder diesen zerstören. Daran könnten die meisten scheitern, was erklären würde, warum es so wenige Ausserirdische gibt.

„Wo sind sie alle?“ fragte der Physiker Enrico Fermi bei einem Mittagessen mit Kollegen im Jahr 1950. Gemeint waren Ausserirdische. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass es auch auf anderen Planeten intelligentes Leben gibt, ist erstaunlich hoch. Gleichzeitig hat die Menschheit aber noch keinen einzigen Hinweis gefunden, dass sie nicht allein ist. Das Fermi-Paradox war geboren. Der Grund für die hohe Wahrscheinlichkeit ist die sehr – sehr – grosse Zahl an Planeten im Universum. Allein in unserer Galaxie gibt es 100 bis 400 Milliarden Sterne. Damit ist die Milchstrasse gerade mal Durchschnitt. Für jeden dieser Sterne gibt es zudem eine weitere Galaxie im All. Damit kommt man auf 10 hoch 22 Sterne (in Zahlen: 10‘000‘000‘000‘000‘000‘000‘000 Sterne). Oder anders: Auf jedes Sandkorn auf der Erde kommen mehr als 1000 Sterne im Universum. [1] Für Leben braucht es aber mehr: einen sonnenähnlichen Stern und einen erdähnlichen Planeten mit flüssigem Wasser. Doch auch deren Zahl bleibt unvorstellbar: Es gibt rund zehn lebensfreundliche Planeten pro Sandkorn. [2]

Auf all diesen Planeten besteht seit Milliarden von Jahren die Möglichkeit, dass sich Leben entwickelt. Wenn dies auf einem Prozent der Planeten geschieht und sich dieses Leben in jedem Tausendsten Fall soweit entwickelt wie auf der Erde, müsste es an intelligenten Ausserirdischen nur so wimmeln. Allein in unserer Milchstrasse gäbe es 10‘000 Planeten mit Bewohnern, die mindestens so intelligent sind wie wir. [5] Doch bekanntlich hat die Menschheit bislang noch keine Spur dieser galaktischen Mitbewohner entdeckt. Für diesen Gegensatz gibt es zwei Erklärungen: Entweder wir haben die vielen Ausserirdischen bislang übersehen oder es gibt eben doch viel weniger von ihnen. Für ersteres gibt es mehrere mögliche Erklärungen: Vielleicht verstecken sich intelligente Ausserirdische, um etwa marodierenden Raumpiraten zu entgehen. Vielleicht sind wir aber auch einfach noch zu dumm, um unsere superintelligenten Mitbewohner wahrzunehmen. In den Weiten des Internets beliebt, ist zudem die These: Wir sind längst in Kontakt mit Ausserirdischen, aber die US-Regierung hält dies geheim.

Alien dude.  Wenn relativ viele Ausserirdische gibt, haben wir tendenziell ein geringeres Problem, als wenn es keine (mehr) gibt. (Grafik: liftarn / openclipart)

Alien dude. Wenn relativ viele Ausserirdische gibt, haben wir tendenziell ein geringeres Problem, als wenn es keine (mehr) gibt. (Grafik: liftarn / openclipart)

Kritischer wäre hingegen, wenn es viel weniger intelligente Wesen im All gäbe. Dies setzt einen „grossen Filter“ voraus, der die Entwicklung oder das Überleben solcher Wesen verhindert. Dieser könnte ganz am Anfang der Evolution liegen: Vielleicht ist es eben doch extrem unwahrscheinlich, dass überhaupt Leben entsteht. Er könnte aber auch später kommen etwa beim Sprung vom Affen zum Mensch. Beides könnte uns egal sein, denn dann läge der „grosse Filter“ ja bereits hinter uns. Schlechter wäre der umgekehrte Fall, wenn der Filter noch vor uns liegt. Dann würden zwar immer wieder intelligente Wesen entstehen, aber diese würden nicht lange genug überleben, um weit ins All vorzustossen. Möglich wäre etwa, dass Wesen wie wir die Neigung haben, sich per Atomkrieg wieder auszurotten. Vielleicht gibt es aber auch in der Entwicklung technologiebasierter Zivilisation wie der unsrigen eine Sollbruchstelle, die nur wenige überwinden können.

Das ist die These, die der Astrophysiker Adam Frank in seinem neuen Buch „The Light of the Stars“ (Das Licht der Sterne) ausführt. [6] Für Frank ist die Sollbruchstelle der Klimawandel. Wir seien „kosmische Teenager, eine sehr junge Spezies, die gerade erwachsen wird“ und der Klimawandel markiere die Schwelle zum Erwachsenenalter: „Wenn man eine technologische Zivilisation ist wie wir, dann ist es unvermeidlich, dass man einen Wandel des Klimas anstösst“, sagte Frank gegenüber dem US-Magazin National Geographic. [7] „Jede junge Zivilisation löst ihre Version des Anthropozäns aus und daher sind wir kosmische Teenager.“ Mit Anthropozän oder „Menschenalter“ bezeichnet man die neueste geologische Epoche, da nun der Mensch für die wesentlichen Veränderungen der Geologie verantwortlich ist. Doch genau dieser Übergang zum Anthropozän könnte der „grosse Filter“ sein, der dafür sorgt, dass es im Universum eben doch nicht an intelligentem Leben wimmelt. „Wir haben genug Macht über den Planeten, um diesen zu verändern, aber es ist nicht sicher, dass wir die nötige Weisheit haben, um diesen schwierigen Übergang zu meistern. Wir müssen dringend unsere Zivilisation anpassen, damit sie wirklich nachhaltig wird.“ [7]

Dass der Klimawandel tatsächlich der grosse Filter sein könnte, an dem auch unsere Zivilisation letztlich scheitert, zeigt eine neue Studie mit dem Titel „Pfade des Erdsystems im Anthropozän“. [8] Darin zeigen Johan Rockström, Kodirektor in spe des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), und andere, dass es einen Kipppunkt geben könnte, ab dem sich die Klimaerwärmung selbst verstärkt. Wird dieser Punkt erreicht, steigt die Temperatur um mehr als fünf Grad und die Erde erlebt eine „Heisszeit“. Wo der Schwellenwert liegt, sei unsicher, „aber er könnte nur Jahrzehnte in der Zukunft liegen bei einer Klimaerwämung von rund zwei Grad“. [8] Die Konsequenzen wären katastrophal: „Eine Heisszeit birgt letztlich ein grosses Risiko für die Bewohnbarkeit des Planeten für Menschen.“ [8] Sollte der Klimawandel wirklich der „grosse Filter“ sein, der das Fermi-Paradox erklärt, stünde die Prognose für die Menschheit schlecht: Das würde bedeuten, dass die meisten Zivilisationen am Übergang in „ihr“ Anthropzän scheitern und es deswegen so wenige Ausserirdische gibt. Aber vielleicht wird die Menschheit ja schnell genug erwachsen, denn: „Eine kollektive Anstrengung der Menschheit ist erforderlich, um das Erdsystem in einem bewohnbaren Zustand zu stabilisieren.“ [8] Wir kosmischen Teenager stehen also vor einer Wahl: Entweder wir übernehmen Verantwortung oder wir gehen unter – „Verantwortung für das gesamte Erdsystem – die Biosphäre, das Klima und die Gesellschaften“. [8] Es war noch nie leicht ein Teenager zu sein. mic

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[1] Gemäss [2] gibt es 7.5 mal 10 hoch 18 Sandkörner auf der Welt.

[2] NPR, 17.09.2012: Which Is Greater, The Number Of Sand Grains On Earth Or Stars In The Sky?

[3] Gemäss [4] sind 5 bis 20 Prozent der Sterne “sonnenähnlich”. Von diesen haben wiederum 22 Prozent einen “erdähnlichen” Planeten. Das heisst, 1 Prozent aller Sterne hat einen erdähnlichen Planeten. Bei 10 hoch 22 Sternen haben folglich mindestens 10 hoch 20 einen erdähnlichen Planeten.

[4] WaitButWhy, 21.05.2014: The Fermi Paradox

[5] 1 Prozent der 100 Milliarden Sterne in der Milchstrasse haben einen erdähnlichen Planeten. Folglich gibt es davon eine Milliarde. Auf einem Prozent entwickelt sich Leben, also auf 10 Millionen. Auf jedem Tausendsten davon wird dieses Leben so intelligent wie wir, also auf 10’000 Planeten.

[6] Adam Frank, Juni 2018: The Light of the Stars – Alien Worlds and the Fate of the Earth

[7] National Geographic, 27.07.2018: Are We Alone? Maybe. The Better Question Is, Can We Survive?

[8] Will Steffen et al. in PNAS, 06.08.2018: Trajectories of the Earth System in the Anthropocene