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Was bringt Ban Ki-moons Klimagipfel?

Immer mehr Länder versehen CO2 Emissionen mit einem Preis

Nachdem die Aufmerksamkeit für den Klimawandel in den letzten Jahren zurückgegangen ist, kommt das Thema nächste Woche auf die Weltbühne: Am Dienstag kommen über 120 Staats- und Regierungschefs in New York zu einem Klimagipfel zusammen.

UNO Generalsekretäre gehen selten an Demonstrationen. Aber genau das hat Ban Ki-moon vor: Am Sonntag will er sich an der Demonstration für Klimaschutz in New York beteiligen. Damit wirbt er für seinen Klimagipfel am Dienstag. Dann werden rund 120 Staats- und Regierungschefs, unzählige Minister sowie Bürgermeister und Unternehmensführer erklären, was sie für den Schutz des Klimas zu tun gedenken. Der Gipfel soll neuen Schwung in den Kampf gegen den Klimawandel bringen. Denn das ist nötig: Gemäss dem Wissenschaftlergremium IPCC wird sich das Klima bis zum Jahr 2100 um 3,7 bis 4,8 Grad erwärmen. Dabei gilt eine Erwärmung um zwei Grad als Obergrenze, wenn katastrophale Schäden durch die Klimaerwärmung vermieden werden sollen. Doch um diese Grenze einzuhalten, müssen die Emissionen von Treibhausgasen, insbesondere CO2, auf Nahe Null sinken. Im Moment steigen die Emissionen aber noch. Daher hofft die UN Klimabeauftragte und ehemalige irische Präsidentin Mary Robinson, dass der Klimagipfel einen Kurswechsel einläutet: „Es geht darum, Entscheidungen zu treffen, die uns zurück auf einen Pfad bringen, der unter der Zwei-Grad-Grenze bleibt.“ [1]

Fünf 'CO2 Blasen' vor der Bank of England.: Die Demonstranten wollen darauf aufmerksam machen, dass nicht alle bekannten Öl-, Gas- und Kohlevorkommen gefördert werden können, wenn die Klimaerwärmung auf zwei Grad begrenzt werden soll (Foto: 350.org)

Fünf ‘CO2 Blasen’ vor der Bank of England.: Die Demonstranten wollen darauf aufmerksam machen, dass nicht alle bekannten Öl-, Gas- und Kohlevorkommen gefördert werden können, wenn die Klimaerwärmung auf zwei Grad begrenzt werden soll (Foto: 350.org)

Das wichtigste Instrument, um dieses Ziel zu erreichen, ist ein CO2 Preis. „Eine signifikante Zahl von Ländern und Unternehmen werden erklären, dass wir einen Preis für CO2 Emissionen brauchen.“ sagt Robinson. [1] Auf Ebene der Länder bestehen dazu zwei Möglichkeiten: Entweder sie erheben eine CO2 Steuer wie sie in Chile oder Südafrika geplant ist. Oder sie führen eine Emissionshandelssystem ein wie die EU oder Kalifornien. Gemäss Weltbank haben mittlerweile 39 Länder und 23 Bundesstaaten eine Steuer oder ein Handelssystem eingeführt oder stehen kurz davor. [2] Mit Spannung wird insbesondere die Ankündigung von China erwartet. Chinas Nationale Entwicklungs- und Reformkommission hat letzte Woche einen Plan vorgestellt, im Jahr 2016 ein landesweites Emissionshandelssystem einzuführen. [3] Derzeit laufen in mehreren chinesischen Provinzen und Städten Pilotprogramme, die zu einem nationalen Handelssystem verknüpft werden sollen. Das Handelssystem wird drei bis vier Milliarden Tonnen CO2 abdecken, rund vier Prozent der chinesischen Emissionen. Der nun vorgestellte Plan wird zu einem CO2 Preis von rund 18 Dollar pro Tonne führen, schätzt Frank Jotzo von der Australian National University. „Es ist eine Überraschung, dass der Plan einen Start im Jahr 2016 vorsieht. Die meisten Experten haben einen Start näher beim Jahr 2020 erwartet.“ sagt Jotzo. [3] Aber auch immer mehr Unternehmen haben einen internen CO2 Preis. Viele Firmen wie etwa BMW oder Crédit Suisse rechnen intern mit einem CO2 Preis, wenn sie Investitionsprojekte evaluieren. Manche Unternehmen wie etwa Microsoft bitten ihre Abteilungen aber auch konkret für CO2 Emissionen zur Kasse. Das so eingesammelte Geld wird dann in Projekte investiert, die andernorts CO2 Emissionen senken.

Abgesehen vom CO2 Preis wird es Ankündigungen zur Finanzierung des Klimaschutzes in Entwicklungsländern und zur Reduktion von anderen Treibhausgasen als CO2 geben. So wird erwartet, dass die EU und die USA den Einsatz von FKWs (Fluorkohlenwasserstoffe) als Kältemittel weiter einschränken. Diese Stoffe ersetzen die ozonschädlichen FCKWs (Fluorchlorkohlenwasserstoffe) in Klimaanlagen oder Kühlschränken. Doch FKWs sind 11‘700 mal klimaschädlicher als CO2 und deren Produktion steigt rasant. Ohne Massnahmen gegen FKWs könnten diese im Jahr 2050 ein Fünftel der weltweiten Treibhausgasemissionen ausmachen.

Zu reden gibt aber nicht nur wer, was ankündigt, sondern auch wer dem Gipfel fern bleibt. Nicht zum Gipfel kommt etwa die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel. Und auch der chinesische Präsident Xi Jinping und der neue indische Ministerpräsident Narendra Modi schicken ihre Umweltminister. Indien kritisiert, der Klimagipfel sei eine Initiative der Industriestaaten, um die Unterscheidung zwischen Industrie- und Entwicklungsländern bei den UN-Klimaverhandlungen zu verwischen. [4] Aus indischer Sicht sind nur die Industriestaaten dazu verpflichtet ihre Emissionen zu senken, während Entwicklungsländer freiwillig Klimaschutzmassnahmen umsetzen können. Aus Sicht von Chistiana Figueres, der Chefin der UN-Klimaverhandlungen, ist das Fernbleiben von Xi und Modi nicht weiter schlimm: „Wir sollten nicht überbewerten, welche Person für die chinesische und indische Regierung spricht.“ [5] Anders sieht das Energiespezialist Frank Maisano von der Anwaltskanzlei Bracewell & Giuliani: „Es ist immer ein grosses Ding, wenn China und Indien entscheiden, nicht zu kommen. Diese beiden Länder müssen mit am Tisch sitzen, wenn Verhandlungen jemals für das Klima bedeutungsvoll sein sollen.“ [6] Noch deutlicher als China und Indien signalisiert derweil Saudi Arabien was es vom Klimaschutz im Allgemeinen und vom Klimagipfel im Besonderen hält: Das Königreich schickt seinen Ölminister. mic

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[1] AFP, 17.09.2014: World will ‘change course’ on climate at UN summit

[2] RTCC, 12.09.2014: UN climate summit set for major carbon pricing announcement

[3] Bridges, 18.09.20124: China Unveils Plans for National Carbon Market by 2016

[4] The Economic Times, 16.09.2014: India won’t give new deal in UN Climate Summit

[5] Clmate Spectator, 15.09.2014: Harper joins Abbott in bailing on climate summit

[6] E&E News, 17.09.2014: Obama may enjoy a ‘leadership moment’ at next week’s climate summit meeting in N.Y.

Und der Ölpreis fällt und fällt

Bleibt der Preis tief haben mehrere Opec Länder und Russland ein Haushaltsdefizit

Seit über einem Jahr war Öl nicht mehr so billig. Trotz Kriegen und Krisen in wichtigen Förderländern sorgen eine gedämpfte Nachfrage bei einem reichlichen Angebot für tiefe Preise. Für viele Opec Länder ist das ein Problem.

Am Montag hat der Preis für ein Barrel Öl (159 Liter) der Nordsee-Ölsorte Brent zum ersten Mal seit 14 Monaten die 100 Dollar Marke unterschritten. Grund dafür sind schlechte Konjunkturnachrichten von den beiden grössten Ölkonsumenten der Welt, China und den USA. In den USA wurden im August weniger neue Stellen geschaffen als erwartet und in China sind die Importe weiter gefallen. Beides deutet auf eine Verlangsamung der Konjunktur und damit der Ölnachfrage hin. Zudem ist das Angebot an Öl reichlich. So ist es Libyen gelungen seine Ölförderung in den letzten drei Monaten um 80 Prozent auf 720‘000 Barrel pro Tag zu steigern. Ausserdem hält der Schieferölboom in den USA an.

'On a slippery slope': So diversifiziert sind Venezuelas Exporte in 28 farblich unterschiedenen Kategorien (Grafik: MIT)

‘On a slippery slope’: So diversifiziert sind Venezuelas Exporte in 28 farblich unterschiedenen Kategorien (Grafik: MIT)

Trotz der vielen Krisen in Öl produzierenden Ländern ist der Preis seit Mitte Juni um 15 Prozent gefallen (siehe Grafik). Weder Ebola in Nigeria, noch der Vormarsch des Islamischen Staates im Irak, noch die Sanktionen gegen russische Ölkonzerne in Folge der Ukrainekrise vermochten den Ölpreis zu stabilisieren. Die Frage ist wie es nun weiter geht. Auffällig ist: Der Ölpreis ist in den Sommermonaten gefallen obwohl dann die Ölnachfrage relativ hoch ist, wie Eric Lee von der Citi Bank sagt: „Der Rückgang beim Preis für Brent Öl begann mitten im Sommer. Daher sollte man keinen Anstieg der Preise erwarten. Am Jahresende gibt es keine grössere Nachfrage.“ [1] Genau umgekehrt argumentiert derweil die Opec: „Es ist kein permanenter Preisrückgang. Wir nähern uns dem Winter und erwarten steigende Preise.“ [2] Die Marktbeobachter schauen insbesondere darauf, wie Saudi Arabien auf den Preisrückgang reagiert. „Wenn der Ölpreis unter 100 Dollar gefallen ist, dann bedeutet das wahrscheinlich, dass Saudi Arabien mit diesem Preisniveau zufrieden ist.“ sagt Peter Helles von der Bank of America Merrill Lynch. [3] Gemäss dem saudischen Ölminister könnte der Preis sogar noch weiter fallen, bevor das Königreich die Produktion drosselt: “100 Dollar, 110 Dollar, 95 Dollar ist ein guter Preis“ sagte Ali al-Naimi in Juni. [2]

Entwicklung des Ölpreises (Brent) pro Barrel in Dollar über die letzten zwölf Monate (Grafik: FT)

Entwicklung des Ölpreises (Brent) pro Barrel in Dollar über die letzten zwölf Monate (Grafik: FT)

Und tatsächlich: Auch wenn der Ölpreis auf 95 Dollar fällt, hat Saudi Arabien immer noch einen ausgeglichenen Staatshaushalt (siehe Tabelle). Viele andere Opec Länder und Russland haben hingegen ihre Staatsausgaben derart aufgebläht, dass sie einen Ölpreis von über 100 Dollar benötigen, um ein Budgetdefizit zu vermeiden. Nach dem ‚Arabischen Frühling‘ haben viele Opec Länder ihre Staatsausgaben massiv erhöht, um Unruhen wie in Ägypten zu verhindern. Die wirtschaftlichen und politischen Auswirkungen eines niedrigen Ölpreises sind insbesondere in drei Ländern interessant:

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Russland: Russland hat Reserven von 644 Milliarden Dollar. Ein Haushaltsdefizit wäre also durchaus verkraftbar. Schlecht sieht es hingegen um den grössten russischen Ölkonzern Rosneft aus. Dieser hat nach der Übernahme des Konkurrenten TNK-BP 40 Milliarden Dollar Schulden. Davon sind 21,2 Milliarden noch dieses Jahr fällig. Doch Rosneft unterliegt den Sanktionen der EU und USA und kann diese Schulden daher nicht mehr an den westlichen Kapitalmärkten refinanzieren. Aus diesem Grund hat der Konzern die Regierung in Moskau um Hilfe gebeten. Und der Kreml hat Rosneft erhört. Gemäss dem russischen Ministerpräsidenten Dimitri Medwedew erhält der Ölkonzern eine Finanzspritze von 40,6 Milliarden Dollar. Nachdem Moskau schon Pensionskassengelder für die Finanzierung der Krim Annexion beschlagnahmt hat [4], kommt so nun die zweite Milliardenrechnung für die aktuelle Aussenpolitik.

  • Venezuela: Das Land der ‚bolivarischen Revolution‘ ist auch ohne einen tiefen Ölpreis quasi pleite. Anfang Oktober muss Venezuela 5,2 Milliarden Dollar an Schulden zurückbezahlen. Dabei hat das Land nicht nur die höchste Inflationsrate der Welt sondern auch riesige Schulden gegenüber inländischen Gläugigern. Das Land schuldet Importeuren und Fluggesellschaften über 13 Milliarden Dollar. Aus diesem Grund bedienen einige Fluglinien das Land nicht mehr und Güter von Klopapier bis Medikamenten können nicht in ausreichender Menge importiert werden. Der venezoelanische Ökonom Ricardo Hausmann sagt daher: „Venezuela bedient seine Auslandsschulden noch aber gegenüber seinen Bürgern ist es längst bankrott.“ [5]
  • Iran: Kein Land braucht einen derart hohen Ölpreis wie Iran um sein Budget auszugleichen: 136 Dollar. Wegen des iranischen Atomprogramms unterliegt das Land harten Sanktionen der EU und der USA. In den letzten beiden Jahren Jahr ist die iranische Wirtschaft denn auch geschrumpft. Mittlerweile hat sie sich aber wieder stabilisiert wie die iranische Regierung mitteilt. Der Preisverfall bei Irans wichtigstem Exportprodukt dürfte da nicht willkommen sein. Dies erhöht den Druck bei den Atomverhandlungen zu einem Ergebnis kommen: Bis Ende November wollen sich der Iran und der Westen über Irans Atomprogramm und eine Rücknahme der Sanktionen einigen.

Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten Irans sind zudem ein wichtiger Grund, warum die sunnitischen Golfstaaten von Qatar bis Saudi Arabien derzeit keinen Grund haben, den Ölpreis durch Produktionskürzungen zu erhöhen. Im Irak und in Syrien werden Stellvertreterkriege zwischen dem Iran und Saudi Arabien ausgefochten in denen es um die Vorherrschaft in der Golfregion geht. Wenn da der Ölpreis so tief ist, dass er Iran schadet, kann das Saudi Arabien nur recht sein. So kommt zum heissen Krieg auch noch ein bisschen Opec-interner Wirtschaftskrieg. Die Autofahrer freut’s. mic

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[1] The Wall Street Journal, 08.09.2014: Crude Prices Close at Lowest Level in More Than a Year

[2] Reuters, 08.09.2014: OPEC unfazed by oil’s drop below 100$

[3] The National, 08.09.2014: Oil price drops below $100 as GCC producers are close to curbing supply

[4] Bloomberg, 26.06.2014: Russian pensions Paid For Putin’s Crimea Grab

[5] Project Syndicate, 05.09.2014: Should Venezuela Default?

Leitartikel: Nehmt Putin die Kreditkarte weg

Dem Swift Netzwerk und Kreditkartenfirmen sollten Geschäfte mit russischen Banken untersagt werden

Es herrscht Krieg in Europa und der Angreifer ist dabei zu gewinnen. Militärisch lässt sich Russland nicht schlagen und die bisherigen Sanktionen haben zu wenig gebracht. Doch der Westen hat zwei Trümpfe, die der russischen Wirtschaft innert Tagen enormen Schaden zufügen können.

Es sieht gut aus für Vladimir Putin. Nach dem Einmarsch russischer Truppen in der Ukraine hat Kiew nur noch schlechte Optionen. Ein Sieg der ukrainischen Armee gegen reguläre, russische Truppen gilt als ausgeschlossen. Kiew müsste sich folglich entweder in Verhandlungen auf die russischen Forderungen einlassen oder versuchen Russland in einem jahrelangen Guerillakrieg zu zermürben. Im ersten Fall, wäre Ukraines Präsident Petro Poroshenko gezwungen für sein Land den Status eines Vasallenstaates zu akzeptieren, der nicht frei über seine Mitgliedschaft in der EU oder der Nato entscheiden darf. Im zweiten Fall, drohen afghanische Verhältnisse in Europa: Tausende Tote und Millionen Flüchtlinge.

Der frühere iranische Präsident Mahmoud Ahmadinejad (rechts) könnte Vladimir Putin (links) sagen, dass mit Swift nicht zu spassen ist (Foto: Kreml)

Der frühere iranische Präsident Mahmoud Ahmadinejad (rechts) könnte Vladimir Putin (links) sagen, dass mit Swift nicht zu spassen ist (Foto: Kreml)

Beides kann der Westen nicht wollen. Doch die bisherigen Sanktionen hatten nicht den gewünschten Effekt. Die russische Wirtschaft stagniert und der Rubelkurs ist auf ein Rekordtief gefallen, aber die Russen jubeln immer noch ihrem Präsidenten zu. Eine weiterer Trippelschritt bei den Sanktionen wird daran Nichts ändern. Dies gilt etwa für ein Verbot, russische Staatsanleihen zu kaufen oder Hochtechnologie für die Erdgasförderung zu exportieren.[1] Letzteres wirkt eh nur langfristig und die Abkoppelung des russischen Staats vom Kapitalmarkt ist angesichts der geringen Staatsverschuldung und des geringen Budgetdefizits auch eine eher symbolische Waffe.

Anders verhält es sich mit zwei anderen Massnahmen: Zum einen kann man den grossen Kreditkartenfirmen, Visa und Mastercard verbieten weiter mit russischen Banken Geschäfte zu machen. Die beiden Firmen haben in Russland einen Marktanteil von über 90 Prozent. [2] Daher könnte man den russischen Konsumenten innert Sekunden die Nutzung von Kreditkarten verwehren. Dies trifft jede Volkswirtschaft hart. Zum anderen kann der Westen aber auch den elektronischen Zahlungsverkehr in und mit Russland lahmlegen. Russland nutzt für fast alle Überweisungen Swift. Dieses Kürzel steht für Society for Worldwide Interbank Financial Telecommunication. Diese belgische Genossenschaft ermöglicht Überweisungen von einer Bank zu einer anderen. Mehr als 10‘000 Banken in 215 Ländern nutzen Swift. Dem normalen Konsumenten ist Swift durch die BIC/Swift Bankleitzahl bekannt. Was passiert, wenn ein Land von diesem Netzwerk ausgeschlossen wird, hat sich im Iran gezeigt. Als das Land von Swift abgekoppelt wurde, brach die Wirtschaft ein und nun verhandeln die Ayatollahs über ihr Atomprogramm. Ähnliche Auswirkungen dürfte ein Swift Ausschluss auch für Russland haben: „Es gibt keinen Zweifel, dass eine Einschränkung der russischen Swift Nutzung kurzfristig extrem einschneidende Folgen für Russlands finanzielle und kommerzielle Aktivitäten hätte.“ sagt Richard Reid von der Dundee Universität in Schottland. [3]

Doch bislang konnte sich der britische Ministerpräsident David Cameron mit seiner Forderung Russland von Swift auszuschliessen nicht durchsetzen. Den Hauptgrund erklärt Reid: „Dies könnte langfristig die Folge haben, dass grosse Teile von Russlands internationalem Zahlungsverkehr in weniger gut überwachte Kanäle abfliessen und in Zukunft nicht mehr mit Sanktionen belegt werden können.“ [3] Dabei ist sich Russland seiner Verwundbarkeit durch die Abhängigkeit von Swift längst bewusst. Im russischen Parlament liegt ein Gesetzentwurf bereit, der den Aufbau eines nationalen Systems durch die Zentralbank vorsieht. Das Gesetz muss aber warten, bis die „technischen Voraussetzungen“ dafür, geschaffen sind. [4] Und das kann viele Monate dauern. Ähnlich bei den Kreditkarten. Hier holt Russland nun China Union Pay, eine chinesische Kreditkartenfirma ins Land, um die Abhängigkeit von den beiden US Platzhirschen zu reduzieren. [5] Mittelfristig soll aber auch hier ein eigenes System aufgebaut werden. Kurz, im Moment hat der Westen mit seiner Kontrolle von Swift und den Kreditkartenfirmen noch zwei äusserst potente Waffen zur Verfügung, deren Wert aber immer weiter abnimmt. Daher sollte er diese nun nutzen.

Nach dem russischen Einmarsch in der Ostukraine sind der Westen und Russland auf der vorletzten Sanktionsstufe angekommen. Die letzte Stufe wäre dann ein westlicher Importstopp von russischem Öl und Gas nach der Einnahme von Kiew durch russische Truppen. Gegenüber EU Kommissionschef José Manuel Barroso hat Putin gesagt: „Wenn ich will, kann ich in zwei Wochen Kiew einnehmen.“ [6] Doch das darf er nicht wollen. Daher muss der Westen nun seine vorletzten Trümpfe ziehen. mic

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[1] Reuters, 01.09.2014: Ban on buying Russian bonds eyed as EU envoys meet

[2] Reuters, 23.05.2014: Visa, Mastercard Vow to Stay as Russia Softens Tone on Rules

[3] Bloomberg, 30.08.2014: U.K. Wants EU to Block Russia from SWIFT Bangking Network

[4] Reuters. 27.08.2014: Russia weighs local alternative to SWIFT payment system

[5] Russia Today, 15.08.2014: Russia launches China Union Pay credit card

[6] Spiegel Online, 01.09.2014: Angebliche Putin Drohung: “Wenn ich will, nehme ich Kiew in zwei Wochen ein”

Im Irak ist Wasser eine Massenvernichtungswaffe

Während Saddam Hussein Austrocknung als Waffe nutzte, drohen nun Flutwellen durch die Zerstörung von Staudämmen

Seit Jahrtausenden ist Wassermanagement im Zweistromland von strategischer Bedeutung. Doch zum ersten Mal könnte nun Wasser als Waffe eingesetzt werden – durch die Sprengung von Staumauern.

Es ist kein Zufall, dass die ersten amerikanischen Luftschläge im Kampf gegen den Islamischen Staat IS, der Rückeroberung des Mossul Staudamms dienten. Denn im Irak ist Wasser eine Massenvernichtungswaffe – sowohl durch die Trockenlegung von Gebieten als auch durch deren absichtliche Flutung. Der Mossul Staudamm liegt 40 Kilometer oberhalb von Mossul am Tigris und der Stausee enthält elf Kubikkilometer Wasser. Würde der Damm brechen, würde die Millionenstadt Mossul drei Stunden später unter einer 20 Meter hohen Flutwelle begraben. Drei Tage später wäre die Welle in Bagdad, wo sie immer noch vier Meter hoch wäre. Um den Damm zu zerstören, müsste man ihn noch nicht einmal sprengen. Denn der Mossuldamm ruht auf Kalkstein und das Wasser des Stausees löst die Fundamente des Damms langsam auf. Ohne permanenten Unterhalt bricht der Damm folglich früher oder später. Ingenieure der US Armee bezeichneten den Damm daher schon im Jahr 2007 als den „gefährlichsten Damm der Welt“. [1]

Das Zweistromland und seine Massenvernichtungswaffen (Karte: Yale360)

Das Zweistromland und seine Massenvernichtungswaffen (Karte: Yale360)

Gekämpft wird aber nicht nur um den Mossuldamm. In Syrien kontrolliert der IS den Taqba Damm am Euphrat, der die Millionenstadt Aleppo und das umliegende Landwirtschaftsland mit Wasser und Strom versorgt. Kurz hinter der syrisch-irakischen Grenze kommt dann der Haditha Damm, der zweitgrösste Iraks. Dieser Damm war das erste Ziel der US Truppen bei ihrem Einmarsch im Jahr 2003. Und auch jetzt ist der Damm wieder umkämpft: IS Truppen rücken von Norden, Nordosten und Nordwesten gegen den Damm vor. Die Ingenieure das Hadithadamms wurden daher von der irakischen Regierung angewiesen, eine Öffnung vorzubereiten. Dabei ist sich Irak bewusst, dass dies beide Seiten treffen würde: „Das wäre gegen uns und gegen unsere Feinde.“ zitiert die New York Times einen irakischen Offizier. [2] Ein weiterer Damm euphratabwärts, wurde derweil bereits als Waffe genutzt: der Falludschadamm. Nachdem der IS diesen Damm Anfang April erobert hatte, schlossen die Extremisten dessen Schleusen. Damit drehten sie einerseits den stromabwärts gelegenen schiitischen Städten Kerbala und Najaf das Wasser ab. Gleichzeitig floss der Staudamm über und flutete 500 Quadratkilomterer Land. Und genau das war das Ziel, meint Ariel Ahram, ein Sicherheitsspezialist der Virginia Tech University in den USA: Durch die Überflutung sollte die irakische Regierung an der Rückeroberung des Damms gehindert werden. [1] Mittlerweile sei der Damm aber wieder unter Regierungskontrolle sagt Bagdad.

Dorf von Marsch-Arabern. Für viele Bibelforscher ist das irakische Sumpfland Vorbild für den Garten Eden. (Foto: Wikipedia)

Dorf von Marsch-Arabern. Für viele Bibelforscher ist das irakische Sumpfland Vorbild für den Garten Eden. (Foto: Wikipedia)

Der Einsatz von Wasser als Waffe hat im Irak Tradition: Im Anschluss an den ersten Golfkrieg zur Befreiung Kuweits (1991) rächte sich Saddam Hussein an den Schiiten in den irakischen Sümpfen. Die sogenannten Marsch-Araber hatten gegen Hussein revoltiert. Um ihre Lebensgrundlage zu zerstören liess er daher den Euphrat und den Tigris umleiten und verwandelte die Sümpfe in Wüste – gemäss UNO eines der schwersten Umweltverbrechen der Geschichte. Doch nach dem zweiten Golfkrieg und der Besetzung Iraks durch US Truppen, sprengten die Marsch-Araber Breschen in die Dämme und fluteten ihr Sumpfland. Nun erholt sich das unter Bibelforschern als ‚Garten Eden‘ bekannte Sumpfland wieder. Dabei zeigt sich die Natur als erstaunlich widerstandsfähig: Zur Überraschung von Umweltschützern sind alle 278 Vogelarten, die jemals in diesem Gebiet beobachtet wurden, wieder zurückgekehrt. [3] Mittlerweile ist rund ein Drittel des ehemals drittgrössten Feuchtgebietes der Welt wieder geflutet. Und auch viele Marsch-Araber sind wieder in ihre Heimat zurückgekehrt. Doch ob sich das Sumpfland langfristig erhalten lässt, hängt von zwei anderen Faktoren ab: Dem Wassermanagement wie dem Bau von Staudämmen stromaufwärts sowie dem Klimawandel (siehe Artikel unten). Damit droht sich der Mensch selbst aus dem Paradies zu vertreiben, nicht nur im Irak. mic

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[1] Yale Environment 360, 25.08.2014: Mideast Water Wars: In Iraq, a Battle for Control of Water

[2] New York Times, 25.06.2014: Sunni Militants Advance Towards Large Iraqi Dam

 [3] Neue Zürcher Zeitung, 02.08.2013: Garden of Eden reloaded

Der Nahe Osten erlebt die schwerste Dürre seit Jahrzehnten

Der ‚Fruchtbare Halbmond‘, die Wiege der ersten Hochkulturen, droht auszutrocknen

Terror und Krieg sind nicht genug: Irak und Syrien leiden dieses Jahr unter der zweiten Dürre innert fünf Jahren.

Seit dreieinhalb Jahren tobt der Bürgerkrieg in Syrien. Seither wurde eine Viertel Millionen Menschen getötet und neuneinhalb Millionen Menschen, knapp die Hälfte aller Syrer wurde zu Flüchtlingen im eigenen Land oder in den Nachbarstaaten. Einer dieser Nachbarn steht nun seinerseits vor dem Kollaps: Der Islamische Staat IS hat weite Teile des Iraks unter seine Kontrolle gebracht und droht mit der Ausrottung aller Minderheiten. Doch selbst ohne diese Kriege stünde der Nahe Osten vor einem katastrophalen Jahr: Seit mindestens 1970 hat es nie so wenig geregnet wie 2014, wie der Standardisierte Niederschlagsindex (SPI) zeigt. [1] Betroffen sind davon Syrien, der Irak, Libanon, Jordanien und die palästinensischen Gebiete. (Israel hat dank der Entsalzung von Meerwasser und modernen Bewässerungsanlagen keinen Wassermangel.) Dabei liegt die letzte Dürre im Nahen Osten nur vier Jahre zurück. In den Jahren 2006 bis 2010 herrschte ebenfalls Dürre, was über steigende Lebensmittelpreise und Landflucht zum ‚Arabischen Frühling‘ beigetragen hat. „Ich glaube nicht, dass man in den letzten 100 Jahren eine Fünf-Jahres-Periode finden kann, die so trocken war.“ sagt Mohammad Raafi Hossain, von der UN Landwirtschaftsorganisation FAO. [1]

Ein Kämpfer der Freien Syrischen Armee in Aleppo: Wenn der Krieg zu Ende ist, sind nicht nur die Städte zerstört sondern auch vom 'Fruchtbaren Halbmond' ist womöglich kaum noch etwas übrig (Foto: VOA)

Ein Kämpfer der Freien Syrischen Armee in Aleppo: Wenn der Krieg zu Ende ist, sind nicht nur die Städte zerstört sondern auch vom ‘Fruchtbaren Halbmond’ ist womöglich kaum noch etwas übrig (Foto: VOA)

Die Dürre trifft eine Region die als ‚Fruchtbarer Halbmond‘ bekannt ist (siehe Karte). Dieser Niederschlagsgürtel ermöglichte vor 10‘000 Jahren die neolithische Revolution, den Übergang vom Steinzeit-Nomaden zum sesshaften Bauern, der Ackerbau und Viehzucht betreibt. In der Folge entwickelten sich im Zweistromland zwischen dem Euphrat und dem Tigris die ersten Hochkulturen. Vor rund 6000 Jahren bauten dort die Sumerer die Stadt Ur, erfanden das Rad und entwickelten die Keilschrift. Später kamen dann die Babylonier, Assyrer, Perser, Alexander der Grosse, die Römer und schliesslich das osmanische Reich. Alle profitierten von den fruchtbaren Böden und den grossen Flüssen, die aus dem Taurus (Türkei) und dem Zagros Gebirge (Iran) sowie den Golan Höhen (Israel) gespeist werden. Diese Gebirge dienen als natürliche Wasserspeicher des ‚Fruchtbaren Halbmonds‘. Die Schneemassen, die dort in den Wintermonaten fallen, tauen in der trockenen Zeit von April bis September langsam ab und füllen die Flüsse und damit die Bewässerungskanäle der Bauern.

Der Fruchtbare Halbmond ist die Wiege der westlichen Hochkulturen (Karte: Wikipedia)

Der Fruchtbare Halbmond ist die Wiege der westlichen Hochkulturen (Karte: Wikipedia)

Doch die Landschaft, die 6000 Jahre lang eine Hochkultur nach der anderen ermöglicht hat, ist in Gefahr. Seit Mitte des letzten Jahrhunderts wird es im Nahen und Mittleren Osten immer wärmer. [2] Die Monate März, April, Mai 2014 waren im Irak denn auch die heissesten seit 1880. [3] Und dieser Trend dürfte sich fortsetzen, wie eine Studie der Weltbank zeigt. [4] Diese erwartet für die Region eine Erwärmung um bis zu drei Grad in den nächsten vierzig Jahren. Was dies bedeutet zeigt ein Niederschlagsmodell für den ‚Fruchtbaren Halbmond‘ [5]: In der Südtürkei, Syrien, Israel und dem Libanon geht die Niederschlagsmenge um fünf bis zwanzig Zentimeter pro Jahr zurück. Dadurch reduziert sich die Wassermenge im Euphrat um ein Drittel und im Jordan gar um 80 Prozent. Die Studie kommt daher zum Schluss: „ Der Fruchtbare Halbmond wird seine gegenwärtige Form verlieren und könnte sogar ganz verschwinden.“

Der Klimawandel ist aber nicht die einzige Gefahr für den ‚Fruchtbaren Halbmond‘: Hinzu kommen Bevölkerungswachstum und das schlechte Management der natürlichen Ressourcen. In Jordanien, dem Irak und Syrien wächst die Bevölkerung um zwei bis drei Prozent pro Jahr. Damit wird sich die Bevölkerung in diesen Ländern bis 2050 mehr als verdoppeln. Dabei leben viele dieser Länder schon heute von ihrer ökologischen Substanz: So fällt in Syriens Hauptstadt Damaskus der Grundwasserspiegel um sechs Meter pro Jahr und im Osten des Landes rückt wegen massiver Überweidung die Wüste vor. [6] Kurz, wenn dereinst die Kriege im Nahen Osten beendet sind, ist vom ‚Fruchtbaren Halbmond‘ womöglich kaum noch etwas übrig. mic

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[1] Reuters, 07.03.2014: Middle East drought a threat to global food prices

[2] New York Times, 21.01.2014: WikiLeaks, Drought and Syria

[3] Slate, 27.06.2014: Hot Zone – Is climate change destabilizing Iraq?

[4] The Guardian, 08.01.2013: Temperatures to rise by six degrees in Middle East countries

[5] Akio Kitoh et al., 2008: First super-high-resolution model projection that the ancient “Fertile Crescent” will disappear in this century (PDF)

[6] Francesca de Chatel, 27.01.2014: The Role of Drought and Climate Change in the Syrian Uprising – Untangling the Triggers of the Revolution (PDF)

Trotz Kriegen sinkt der Ölpreis seit Juni

Sanktionen und sinkende Öleinnahmen bedrohen Russlands Staatshaushalt

Während die Ölnachfrage geringer ist als erwartet, steigt das Angebot. Das Resultat: Der Ölpreis fällt trotz der vielen schlechten Nachrichten aus wichtigen Förderländern.

Bürgerkriege in Libyen, Syrien und Irak. Ebola in Nigeria und ein Wirtschaftskrieg zwischen Russland und dem Westen. Bei einer solchen Nachrichtenlage würde man erwarten, dass der Ölpreis steigt. Doch das Gegenteil ist der Fall. Während ein Barrel (159 Liter) der Nordsee-Ölsorte Brent im Juni noch 115 Dollar kostete, nähert sich der Preis mittlerweile der 100 Dollar Marke. Das ist der tiefste Stand seit mehr als einem Jahr. „Die geopolitische Risikoprämie ist auf nahe Null gefallen.“ sagt ein Analyst der schwedischen Nordea Bank. [1] Die sonst hypernervösen Ölhändler sehen offensichtlich keinen Grund zur Beunruhigung (siehe Grafik).

Entwicklung des Ölpreises (Brent) in den letzten sechs Monaten in Dollar pro Barrel (Grafik: ARD)

Entwicklung des Ölpreises (Brent) in den letzten sechs Monaten in Dollar pro Barrel (Grafik: ARD)

Gründe für diese Gelassenheit finden sich sowohl auf der Angebots- als auch auf der Nachfrageseite. Zum einen wächst die Wirtschaft in Europa und China langsamer als erwartet. Das drückt die Nachfrage nach Öl. Zum anderen schwimmt die Welt derzeit in ‚schwarzem Gold‘: Trotz der Kämpfe in Libyen ist es gelungen zwei Ölverladeanlagen wieder in Betrieb zu nehmen. Dadurch erhöht sich das Angebot auf dem Weltmarkt, denn Libyen hat fast ein Jahr lang gar kein Öl mehr exportiert. [1] Und auch im Irak läuft die Ölförderung weiter: Die im Süden des Landes gelegenen Ölfelder sind vom Vormarsch der Kämpfer des Islamischen Staats IS (vormals ISIS) bislang unberrührt geblieben. [2] Hinzu kommt, dass Ende August die Pipelinekapazität aus dem kurdischen Teil des Iraks in die Türkei auf 200 000 Barrel pro Tag verdoppelt wird. [2] Nachdem die Kurden die nordirakische Ölstadt Kirkuk unter ihre Kontrolle gebracht haben, haben sie so auch eine Möglichkeit das neu hinzugewonnene Öl zu exportieren.

Die Ölförderung ist kapitalintensiv. Da trifft es sich schlecht, dass Russland grösster Ölkonzern Rosneft von westlichen Kapitalmärkten ausgeschlossen wurde. Denn dort sind die Zinsen niedriger als in Russland. (Foto: Rosneft)

Die Ölförderung ist kapitalintensiv. Da trifft es sich schlecht, dass Russland grösster Ölkonzern Rosneft von westlichen Kapitalmärkten ausgeschlossen wurde. Denn dort sind die Zinsen niedriger als in Russland. (Foto: Rosneft)

Eine deutliche Steigerung der Ölproduktion ist ausserdem in den USA gelungen. Fracking‘ hat dort nicht nur die Gas- sondern auch die Ölförderung revolutioniert. Dazu wird mit Chemikalien versetztes Wasser unter Hochdruck in die oft horizontalen Bohrlöcher gepresst, um das Gestein aufzubrechen und darin enthaltenes Öl herauszulösen. Dank dieser Technik konnten die USA ihre Ölproduktion in den letzten fünf Jahren um drei Millionen Barrel pro Tag auf nun 8,5 Millionen Barrel steigern. Und noch ist der Boom nicht zu Ende: Nächste Jahr sollen 9,3 Millionen Barrel pro Tag gefördert werden. Damit schliessen die USA zu Saudi-Arabien auf: Das Wüstenkönigreich fördert derzeit 11,5 Millionen Barrel pro Tag. Da die USA immer mehr eigenes Öl haben, importieren sie weniger: Im Vergleich zu letztem Jahr sind die Ölimporte um ein Vîertel gesunken, was den Weltmarktpreis für Öl unter Druck setzt. [2]

Besonders heikel ist diese Entwicklung für den grössten Ölproduzenten der Welt, Russland. Die Hälfte der Staatseinnahmen stammt aus Exportsteuern auf Öl und Gas. Aus diesem Grund ist der russische Staatshaushalt an den Preis der russischen Ölsorte Urals gekoppelt. Deren Preis ist diese Woche auf 97 Dollar pro Barrel gefallen – ein Kurssturz um mehr als 15 Dollar in einem Monat. Für einen ausgeglichenen Haushalt benötigt der russische Finanzminister aber einen Preis von 114 Dollar. [1] Nicht berücksichtigt sind dabei zusätzliche Ausgaben für die Annexion der Krim und die Krise in der Ostunkraine. Der niedrige Ölpreis hat zudem nicht nur kurz- sondern auch langfristige Auswirkungen auf Russlands Staatsfinanzen: „Alle grossen Investitionsprojekte (zur Erschliessung neuer Ölvorkommen) beruhen auf der Annahme von steigenden nicht fallenden Ölpreisen“ sagt Andrei Polischyuk, ein Öl- und Gasanalyst der Raiffeisenbank. [4] Hinzu kommt, dass die EU und US Sanktionen auch auf die Ölindustrie abzielen. So wurde Russlands grösster Ölkonzern Rosneft von den westlichen Kapitalmärkten ausgeschlossen. Rosneft hat 44 Milliarden Dollar Schulden und muss diese nun in Russland refinanzieren. Da trifft es sich schlecht, dass die Zinsen für russische Staatsanleihen wegen der hohen Inflation und zur Verhinderung von Kapitalflucht mittlerweile bei über neun Prozent liegen. (Zum Vergleich: Deutsche Bundesanleihen werden mit einem Prozent verzinst.) Das beeinträchtigt Rosnefts Pläne zum Ausbau der Ölproduktion. Ausserdem wurde der Export von westlicher Ölfördertechnik nach Russland durch die Sanktionen eingeschränkt, was die Erschliessung neuer Vorkommen weiter verteuert. Der niedrige Ölpreis verstärkt daher die Wirkung der westlichen Sanktionen. Einziger Trost ist hier der stark gefallene Rubelkurs: Da Öl in Dollar gehandelt wird, bekommt Moskau nun mehr Rubel für seine Petrodollars. mic

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[1] Reuters, 18.08.2014: Russian oil prices fall below 100$/barrel, straining budget

[2] Die Welt, 19.08.2014: Der mysteriöse Ölpreis-Verfall

[3] Reuters, 19.08.2014: Med Crude-Urals stronger in tenders as margins recover

[4] The Moscow Times, 19.08.2014: Struggling With Sanctions, Russia Faces Oil Price Crash

Die Schweiz importiert immer mehr Umwelt

Europas Konsumenten belasten die globale Umwelt stärker als bislang bekannt, denn Europa ist Umwelt-Importweltmeister

Eine neue Ökobuchhaltung zeigt die Importe und Exporte von Wasser, Land, Rohstoffen und CO2 Emissionen in bislang ungekannter Präzision. Dabei zeigt sich: Die weltweite Umweltbelastung durch den Schweizer Konsum muss um 80 Prozent sinken, wenn die Tragfähigkei des Ökosystems Erde nicht überschritten werden soll.

Die Schweiz ist ein wasserreiches Land mit Flüssen, Seen und Regentagen in allen Jahreszeiten. Nicht alle Länder haben soviel Glück. Trotzdem importiert die Schweiz grosse Mengen Wasser. Für Sie, lieber Leser, werden heute 900 Liter Wasser importiert und morgen auch und übermorgen wieder. [1] Denn der grösste Teil des Wasserverbrauchs entfällt nicht auf duschen, waschen und putzen sondern steckt in den Produkten, die wir konsumieren: In einem Kilo Fleisch stecken über 15 000 Liter Wasser und in einem T-Shirt 2 500 Liter. Aber die Schweiz importiert nicht nur Wasser, sondern auch Land in Form von Lebensmitteln, Rohstoffe und CO2 Emissionen. Jeden Tag verbraucht ein Schweizer 1 025 Liter Wasser, 79 Quadratmeter Land, 85 Kilo Rohstoffe und produziert 43 Kilo CO2, Und davon wird ein Gutteil importiert (siehe Tabelle).

Resoucenverbrauch pro Kopf und Tag

Konsumenten belasten die Umwelt nicht nur in ihrem eigenen Land sondern auch in den Herkunftsländern von importierten Gütern. Dank einer neuen Ökobuchhaltung ist nun die weltweite Umweltbelastung durch die Konsumenten der grössten Länder bekannt.

Damit ist die Schweiz in Europa kein Sonderfall. Im Auftrag der EU haben Wissenschaftler eine detaillierte Ökobuchhaltung für die wichtigsten Länder der Welt erstellt, die Exporte und Importe von Umwelt abbildet. Und diese Studie zeigt, dass Europa der weltweit grösste Umweltimporteur ist: Vom weltweiten Resourcenverbrauch, der durch europäische Konsumenten verursacht wird, sind 45 Prozent des Wassers, 60 Prozent des Landes, 31 Prozent der Rohstoffe und 20 Prozent der CO2 Emissionen importiert. [1] In jeder einzelnen Kategorie ist Europa ‚Importweltmeister‘. Europa importiert also nicht nur russisches Gas, sondern auch afrikanisches Land, chinesisches Wasser und indische CO2 Emissionen. Das erstaunt, denn in Afrika rückt die Sahara vor, in China wird das Wasser knapp und die indischen CO2 Emissionen pro Kopf sind nur ein Zehntel der europäischen.

Arbeiterinnen ernten Tee in Sri Lanka. In einer Tasse Tee stecken 32 Liter Wasser. (Foto: Wikipedia)

Arbeiterinnen ernten Tee in Sri Lanka. In einer Tasse Tee stecken 32 Liter Wasser. (Foto: Wikipedia)

Die Abhängigkeit von Umweltimporten nimmt ausserdem immer weiter zu, wie eine Schweizer Studie zeigt, die die weltweiten Auswirkungen des Schweizer Konsums untersucht [2]: Im Jahr 1996 fielen 56 Prozent der Umweltbelastung durch den Schweizer Konsum im Ausland an. Im Jahr 2011 waren es 73 Prozent. In der Schweiz ist die Umweltbelastung in diesem Zeitraum zwar deutlich gesunken. Doch im Ausland hat der Schweizer Konsum eine immer grösser Umweltbelastung verursacht. Diese beiden Entwicklungen gleichen sich nahezu aus, sodass die gesamte Umweltbelastung durch Schweizer Konsumenten über die 15 Jahre von 1996 bis 2011 in etwa gleich geblieben ist. Dies gilt aber nicht für den Land- und Wasserverbrauch sowie die CO2 Emissionen: Hier ist die weltweite Umweltbelastung durch Schweizer Konsumenten sogar gestiegen. Dabei wird der Schweizer Konsum durchaus ‚grüner‘: Die Umweltbelastung pro Konsumfranken ist in den 15 Jahren um rund 30 Prozent gesunken. Aber das Wirtschaftswachstum hat diesen Effekt wieder aufgefressen.

Damit ist der ökologische Fussabdruck der Schweiz gleich geblieben: Wenn alle Menschen konsumieren würden wie die Schweizer bräuchte die Menschheit fünf Erden [3], wenn sie die Umwelt nicht nachhaltig schädigen will. Die Umweltbelastung durch den Schweizer Konsum muss folglich um rund 80 Prozent reduziert werden. Wie das gehen soll zeigen die diversen Studien allerdings nicht. Klar ist nur, dass die bisherigen Massnahmen nicht zu einer Reduktion der weltweiten Umweltbelastung durch Schweizer Konsumenten geführt haben. Der heilige Gral, steigender Wohlstand bei sinkender Umweltbelastung, konnte also noch nicht gefunden werden. mic

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[1] Arnold Tukker et al., 2014: The Global Resource Footprint of Nations. Carbon, water, land and materials embodied in trade and final consumption calculated with Exiobase 2.1

[2] Schweizerisches Bundesamt für Umwelt, 2014: Entwicklung der weltweiten Umweltauswirkungen der Schweiz

[3] Global Footprint Network

McKinsey trifft Mahatma Gandhi

Die Umweltbelastung durch europäische Konsumenten muss um 80 Prozent sinken. Unklar ist aber, wie dies erreicht werden kann

Konsumverzicht oder technischer Fortschritt gepaart mit Unternehmertum? Die Lösungsvorschläge für das Problem der Übernutzung natürlicher Reousourcen sind auf den ersten Blick gegensätzlich.

Mahatma Gandhi lehnte Materialismus ab und inspirierte Indiens erste Umweltökonomen. (Foto: Wikipedia)

Mahatma Gandhi lehnte Materialismus ab und inspirierte Indiens erste Umweltökonomen. (Foto: Wikipedia)

Der Resourcenverbrauch europäischer Konsumenten muss um 80 Prozent sinken, wenn die Umwelt nicht zerstört werden soll. Was dies bedeutet zeigt eine Studie [1], die den Verbrauch an nachwachsenden Rohstoffen (Nahrungsmittel, Holz, Baumwolle etc.) und Bodenschätzen (Öl, Metalle, Baustoffe etc.) in Finnland untersucht. Derzeit konsumieren die Finnen im Schnitt 40 Tonnen Material pro Jahr und die Studie zeigt, wie sich dieser Wert auf acht Tonnen senken liesse. Ausschlaggebend sind hierzu Verbesserungen in den Bereichen Verkehr, Wohnen und Ernährung. Denn diese machen 85 Prozent des gesamten Materialverbrauchs aus (siehe Tabelle). Im Bereich Verkehr schlagen die Autoren eine Beinahe-Halbierung der zurückgelegten Kilometer auf noch 10 000 Kilometer pro Person und Jahr vor. Ausserdem muss die private Autonutzung quasi eingestellt werden, um das Einsparziel zu erreichen. Im Bereich Wohnen wollen die Autoren den Wohnraum pro Person auf 20 Quadratmtere halbieren. Zudem müssen die Häuser so gut isoliert sein, dass sie selbst im finnischen Winter nicht geheizt werden müssen. Und im Bereich Ernährung empfehlen die Autoren eine weitgehend fleischlose Kost sowie die Reduktion von Lebensmittelabfällen. Wie die Finnen für einem Verzicht auf regelmässige Reisen, auf die Hälfte ihres Wohnraums und auf das meiste Fleisch gewonnen werden können, erklärt die Studie allerdings nicht.

Finnen verbrauchen rund 40 Tonnen Resourcen pro Jahr. Umweltverträglich wären aber nur acht Tonnen.

Finnen verbrauchen rund 40 Tonnen Resourcen pro Jahr. Umweltverträglich wären aber nur acht Tonnen.

Einen weniger verzichtsorientierten Ansatz zur Verbesserung der Umwelteffizienz moderner Volkswirtschaften empfiehlt derweil McKinsey [2]. Die Unternehmensberater haben ebenfalls erkannt, dass der Umweltverbrauch moderner Volkswirtschaften die Tragfähigkeit des Ökosystems Erde bei weitem übersteigt. Aus Sicht McKinseys ist dies aber nicht ein Problem, sondern eine „noch nie dagewesene Chance“. „Wird der Mangel an Energie, Rohstoffen, Nahrungsmitteln und Wasser das globale Wirtschaftswachstum bremsen?“ fragen die Autoren eines McKinsey Buches und antworten: „Im Gegenteil.“ Denn die zunehmende Knappheit dieser Umweltgüter erhöht deren Preis. Dadurch wird ein Innovationsschub ausgelöst, die Grundlage für die „dritte industrielle Revolution“. Adam Smith, der Vater der Volkswirtschaftslehre, hat in seinem Buch ‚Wohlstand der Nationen‘ aus dem Jahr 1776 drei volkswirtschaftliche Inputfaktoren beschrieben: Arbeit, Kapital und Land. In den ersten beiden industriellen Revolutionen wurde die Produktivität von Arbeit und Kapital um ein Vielfaches gesteigert, doch die Produktivität natürlicher Resourcen wuchs nur marginal. Aus diesem Grund fordert McKinsey nun eine ‚Resourcenrevolution‘. Als Beispiele nennen die Berater die Kosten von Solarzellen und Batterien. Innert fünf Jahren sind die Kosten für Solarzellen von acht Dollar pro Watt auf 2,50 Dollar gefallen. „Diese Art von Wandel hat alle überrascht.“ Und bei Batterien fallen die Kosten bei einer Verdoppelung der Produktion nicht länger nur um vier sondern um acht Prozent. „Damit kommt man auf eine ganz andere Bahn.“ Folglich steht die Welt denn auch nicht vor einer Umweltkrise, sondern „die Weltwirtschaft wird durch ein Bündel an unternehmerischeren Möglichkeiten revitalisiert, die Billionen Dollar an Gewinnen generieren“.

Die 24-jährige Verkehrsingenieurin Sonja Heikkilä hat einen Verkehrsplan für Helsinki entworfen, der privaten Autobesitz überflüssig machen soll. (Foto: Sonja Heikkilä)

Die 24-jährige Verkehrsingenieurin Sonja Heikkilä hat einen Verkehrsplan für Helsinki entworfen, der privaten Autobesitz überflüssig machen soll. (Foto: Sonja Heikkilä)

Konsumverzicht oder Kapitalismus à la McKinsey. Auf den ersten Blick wirken die beiden oben beschriebenen Lösungsansätze für das Problem der Übernutzung natürlicher Resourcen gegensätzlich. Doch die Lösung liegt womöglich in einer Kombination der beiden Vorschläge wie ein Beispiel aus Finnland zeigt. Dieses kombiniert Verzicht mit technischem Fortschritt und Unternehmertum. Finnlands Hauptstadt Helsinki will innert zehn Jahren den privaten Autobesitz überflüssig machen. Denn Autobesitz und –verkehr sind extrem ineffizient. Autos stehen 96 Prozent der Zeit in der Garage und selbst wenn sie fahren geht 86 Prozent der Energie verloren, bevor sich ein Rad dreht. In Helsinki soll daher eine Kombination aus Mietfahrrädern, Minibussen mit flexibler Route und fahrerlosen Elektroautos sowie normalen Bussen, Strassenbahnen und Fähren die Mobilitätsbedürfnisse der Finnen befriedigen. Die verschiedenen Verkehrsmittel werden dazu mit Hilfe einer Smart Phone App vernetzt: Der Nutzer gibt Standort und Zielort in sein Telefon ein und ein Mobilitätsdienstleister schlägt ihm dann die schnellste oder billigste Kombination der verschiedenen Verkehrsmittel vor. Bezahlt wird die ganze Reise dann auch gleich per Telefon. Der Plan beruht auf der Uni-Abschlussarbeit von Sonja Heikkilä, einer 24 jährigen Verkehrsingenieurin. [3] Sie schlägt darin einen virtuellen Marktplatz für Mobilitätsdienstleister vor, die untereinander konkurrieren. Damit hofft Helsinki die Nutzung von Privatautos nicht nur hinsichtlich Preis sondern auch Bequemlichkeit schlagen zu können, denn die Kombination der Verkehrsmittel ermöglicht Punkt zu Punkt Fahrten wie ein Auto. Wenn dies gelingt fällt der Verzicht auf ein eigenes Auto leicht und ein marktbasierter Ansatz ermöglicht tatsächlich eine Verbesserung der Resourcenproduktivität um ein Vielfaches. McKinsey trifft Mahatma Gandhi. mic

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[1] Michael Lettenmeier et al., 2014: Eight Tons of Material footprint – Suggestion for a Resource Cap for Household Consumption in Finland

[2] Stefan Heck et al. (McKinsey), 2014: Resource Revolution: How to Capture the Biggest Business Opportunity in a Century

[3] Business Insider, 04.08.2014: A 24-Year-Old Transport Engineer Is About To Free Her City From Car Ownership

Kommentar: Jetzt ist die Geisel tot

Freihandel ist das einfachste Mittel, um Wachstum zu generieren und die Armut in der Welt zu bekämpfen. Und das naheliegendste Instrument zur Erleichterung von Handel ist Bürokratieabbau durch die Standardisierung von Zollformalitäten. Mit dem vorerst gescheiterten TFA Abkommen, das genau darauf abzielt, hätte die weltweite Wohlfahrt um über ein Prozent oder 1000 Milliarden Dollar gesteigert werden können, wie ein Think Tank ausgerechnet hat. Doch daraus wird Nichts: Weil Indiens Regierungspartei BJP ihre Wählerbasis auf dem Land ausbauen will, hat Delhi das Abkommen als Geisel genommen – trotz Zustimmung durch die Vorgängerregierung. Dies ist zum einen ein eklatanter Vertrauensbruch und Ausdruck einer Verrohung der Sitten auf dem internationalen Parkett (siehe dazu auch die Annexion der Krim durch Russland und Chinas unspezifizierte dafür umso weitreichendere Gebietsansprüche im südchinesischen Meer). Zum anderen zerstört Indien aber auch die Hoffnung auf einen baldigen Abschluss der WTO Doha Runde. Nach Indiens gescheitertem Erpessungsversuch – kein TFA Abkommen ohne Freibrief für Indiens Agrarsubventionen – werden sich die USA und die EU genau überlegen, wieviel Zeit und Energie sie in die als ‚Entwicklungsrunde‘ bekannten Verhandlungen investieren wollen. Denn die Zeit der Topverhandler ist begrenzt, und die USA und die EU verhandeln derzeit ‚super-regionale‘ Handelsverträge, mit denen der Handel quer über Atlantik und Pazifik erleichtert werden soll. Diese Abkommen könnten dereinst als Grundlage für eine weitere, multilaterale Liberalisierung des Handels dienen, insbesondere wenn die beiden Freihandelszonen verknüpft werden. Zumindest anfangs schliessen sie aber den grössten Teil der Welt aus und führen zu einer Verzerrung des Handels zugunsten ihrer Mitglieder. Daher wäre es besser gleich ein multilaterales Abkommen wie die Doha Runde abzuschliessen, von der alle WTO Mitglieder profitieren würden. Denn man darf sich Nichts vormachen: Wenn die transatlantische oder transpazifische Partnerschaft etabliert sind, und ein handelspolitischer ‚Kleinstaat‘ sich einem dieser Abkommen anschliessen will, dann gilt schlicht das Recht des Stärkeren. Wer neu dazu stösst muss das bestehende Regelwerk übernehmen. In den WTO Verhandlungen der Doha Runde hingegen können sich die kleinen Länder zusammentun und auch einer Supermacht Zugeständnisse abtrotzen. Das weiss auch Indien und lehnt daher die ‚super-regionalen‘ Abkommen ab. Doch Verhandlungen im Rahmen der WTO funktionieren nur, wenn sich alle Teilnehmer einem offenen und multilateralen Handelssystem verpflichtet fühlen und ein Mindestmass an Verlässlichkeit zeigen. Denn die WTO funktioniert nach dem Konsensprinzip: Jedes Land hat ein Veto. Dieses Vetorecht eignet sich hervorragend für spektakuläre Show-downs und bringt vielleicht auch die eine oder andere Wählerstimme. Wenn dabei aber die ganze Institution beschädigt wird, dann ist das unverantwortlich. Der Wahlkampf ist vorbei, Herr Modi. mic

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Indien torpediert multilaterale Handelsordnung

Abkommen zur Standardisierung von Zollformalitäten ist an Indiens Veto gescheitert

Weniger Bürokratie. Das ist das Ziel des WTO Abkommens zur Standardisierung von Zollformalitäten. Doch dieses Abkommen ist vorerst gescheitert, weil Indien darauf bestand gleichzeitig einen Freibrief für seine Agrarsubventionen zu bekommen.

Indien hat sein Wort gebrochen. Bis zum Schluss weigerte sich Indien einem Vertrag zuzustimmen, den es bereits unterschrieben hat: Letzten Dezember haben die Mitglieder der Welthandelsorganisation WTO ein Abkommen geschlossen, um Zollformalitäten weltweit zu standardisieren, das Abkommen über technische Handelserleichterungen TFA. Doch nun ist das Abkommen an einer Formalie gescheitert. Indien hat sich geweigert das TFA in das Regelwerk der WTO zu integrieren. Grund sind die indischen Agrarsubventionen. Delhi bestand darauf, gleichzeitig mit dem TFA eine permanente Regelung für die – wohl illegalen – Beihilfen an indische Bauern zu beschliessen. Dabei hatte man sich in Bali darauf verständigt, bis 2017 ein Lösung für dieses Problem zu finden.

Agrarsubventionen statt Bürokratieabbau: Indien verhindert WTO Abkommen, dem es bereits zugestimmt hat (Foto: Wikipedia)

Agrarsubventionen statt Bürokratieabbau: Indien verhindert WTO Abkommen, dem es bereits zugestimmt hat (Foto: Wikipedia)

„Mein Gefühl ist, dass dies nicht einfach ein weiterer Aufschub ist, der ignoriert oder mit einem neuen Zeitplan aufgefangen werden kann.“ sagt WTO Chef Roberto Azevêdo. „Dies wird Konsequenzen haben. Und mir scheint, dass diese Konsequenzen schwerwiegend sein werden.“ Denn das Problem ist nicht, dass die WTO eine selbstgesetzte Frist verpasst. Dies hat die Organisation bereits 27 Mal getan. Das Problem ist, dass Indien den Grundsatz von Treu und Glauben gebrochen hat, wie diverse Delegierte betonten. [1] Die Bereitschaft auf Indien zuzugehen dürfte sich daher auch nach der einmonatigen Sommerpause in Grenzen halten. So betont die EU: „Wir sind nicht bereit über grundlegende Elemente oder den Zeitplan zu verhandeln.“ [2] Daher wachsen grundsätzliche Zweifel, dass im Rahmen der WTO neue Handelserleichterungen ausgehandelt werden können: „Die heutige Entwicklung zeigt, dass es nur wenig Hoffnung gibt wirklich globale Verhandlungen über Handelsfragen zu führen“, sagt Jake Colvin vom Foreign Trade Council der USA. „Die grosse Mehrheit der Länder, die versteht, wie wichtig es ist, die Handelsregeln zu modernisieren und Versprechen zu halten, muss nun die Scherben zusammenkehren und herausfinden, wie es weitergehen soll.“ [3]

Eine Möglichkeit ist, das Abkommen ohne Indien als ‚plurilaterale‘ Übereinkunft umzusetzen. Gemäss einem australischen Delegierten denkt eine Kerngruppe von Ländern wie die USA und die EU seit Mittwoch Nachmittag über eine solche Lösung nach. „Was wie ein Gemurmel angefangen hat, ist nun eine sehr viel aktivere Diskussion. Und es gibt viele Delegierte, die zum Schluss gekommen sind, dass das der einzige Weg vorwärts ist.“ [3] Viele Länder wie China oder Brasilien haben bereits begonnen, die TFA Regeln in ihre nationale Gesetzgebung zu integrieren. Und die WTO hat bereits einen Fonds aufgesetzt, der den ärmsten Ländern helfen soll, ihre Zollbehörden an die neuen Abläufe anzupassen. Trotzdem befürchtet Azevêdo, dass letzlich die Ärmsten die Zeche zahlen werden: „Wenn das System nicht richtig funktioniert, dann sind die kleinsten Länder die grössten Verlierer. Es wäre ein tragisches Resultat für diese Volkswirtschaften.“ [3] Zu den Verlierern könnte allerdings auch Indien gehören, denn ohne TFA kann Indien wegen seiner Agrarsubventionen verklagt und von der WTO bestraft werden. Darauf wies US-Aussenminister John Kerry bei seinem derzeit stattfindenden Indienbesuch hin: „Wenn Indien nicht unterschreibt, sind (die Subventionen) nicht mehr WTO konform.“

Aber auch ohne Bestrafung durch die WTO, zählt Indien nicht zu den Gewinnern. Das Subventionssystem, das Delhi so vehement verteidigt, ist ineffizient: Indien kauft Lebensmittel zu überhöhten Preisen bei den Bauern auf und lagert sie dann ein. Doch 40 Prozent der Lebensmittel verrotten – 20 Millionen Tonnen Getreide pro Jahr, genug um ein Drittel der Armen des Landes zu ernähren. Ausserdem hat Indien gigantische Getreidereserven angehäuft: 60 Millionen Tonne Reis und Weizen – doppelt soviel wie geplant. Daher befürchten andere Länder, dass Indien diese Reserven irgendwann zu Dumpingpreisen auf den Weltmarkt wirft. Hinzu kommt der Imageschaden: Indiens neuer Ministerpräsident Narendra Modi galt bislang als pragmatisch und wirtschaftsfreundlich. Doch, „Delhis Standpunkt ist nicht nur eine Hürde für den Welthandel, sondern signalisiert auch, dass Indien im Moment nicht hinter dem offenen Handelssystem steht.“ wie Alyssa Ayres vom US Council on Foreign Relations schreibt. [4] Dass Indien bis zuletzt betont hat „voll“ hinter dem Inhalt des TFA Abkommens zu stehen, hilft da dann auch nicht mehr. mic

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[1] Bridges, 31.07.2014: WTO Trade Facilitation Deal in Limobo as Deadline Passes Without Resolution

[2] EU, 24.07.2014: EU statement on the implementation of the Bali ministerial decisions

[3] Reuters, 31.07.2014: India’s demands block 1 trln WTO deal on customs rules

[4] The Christian Science Monitor, 31.07.2014: John Kerry’s passage to India. Why is he going now?